Reset - Günter Plagemann - E-Book

Reset E-Book

Günter Plagemann

5,0

Beschreibung

Nach seiner zwanzigjährigen Karriere als Führungskraft steht Joe plötzlich vor dem Aus. Von einem Tag auf den anderen wird ihm mit der fristlosen Kündigung der Boden unter den Füßen weggerissen. Angst macht sich breit. Doch statt zu fallen, beginnt Joe zu laufen. Er nimmt am Marathon teil, geht über seine Grenzen hinaus und verlässt sich immer mehr auf seine innere Stimme. Die von Geld und Macht regierte Finanzbranche ist eine Scheinwelt, in der er den eingeschlagenen Weg nicht weiter gehen will. Joe verschafft sich einen anderen Blickwinkel auf sein Leben, strukturiert es neu, heilt seinen Tinnitus und erweckt Energien, die jedem von uns zur Verfügung stehen. Joes Weg steht exemplarisch für Menschen, die sich in scheinbar ausweglosen Situationen befinden. Gerade in unserer Gesellschaft ist drohende oder bestehende Arbeitslosigkeit ein großes Thema. Sie sorgt dafür, dass Menschen aus dem Ruder geraten, Beziehungen zerbrechen, Lebenskrisen entstehen. Joes Geschichte zeigt, wie man eine Krise als Chance nutzen kann, sein Leben zu ändern und neu durchzustarten. Reset.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 159

Veröffentlichungsjahr: 2014

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
5,0 (1 Bewertung)
1
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



GÜNTER PLAGEMANN (Jahrgang 1958) blickt als Führungskraft auf die Erfahrung von vier Jahrzehnten im südhessischen Finanzmarkt zurück. Neben seinen beruflichen Aufgaben beschäftigt er sich schon sehr lange mit den geistigen Gesetzen und deren Anwendung. Die Erkenntnisse daraus und seine Ausbildung zum Dipl. systemischen Coach spiegeln sich in seiner Arbeit mit Menschen stark wider.

Der ambitionierte Hobbysportler ist seit seiner Jugend dem Ausdauersport verfallen und hat an zahlreichen Marathonläufen teilgenommen. Er ist seit über 30 Jahren verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Söhnen.

Web www.guenterplagemann.de

Mail [email protected]

Diese Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden oder toten Personen, Firmen oder Organisationen sowie den dargestellten Beispielen von Abläufen und Daten in Unternehmen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Inhalt

Prolog

Danke

Einleitung

Teil 1 Von Erfolg, Psychopathen und 60 000 Kilometern

Kapitel 1: Wie alles begann

Kapitel 2: Mit den Nikes eineinhalb Mal um die Erde

Kapitel 3: Aufstieg zur Führungskraft

Kapitel 4: Psychopathen am Werk

Kapitel 5: Transzendenz durch Joggen 2-mm-Profil-Laufschuhe und Intuition

Kapitel 6: Die Sache mit dem Dopamin – süchtig nach Erschöpfung

Kapitel 7: Von Erfolg und manchem mehr

Kapitel 8: Mein erster Marathon

Kapitel 9: Der chinesische Arzt

Kapitel 10: Grand Hand, Schneider, Schwarz angesagt

Kapitel 11: Stunde null

Teil 2 Von Frustration und Angst zu einem wunderbaren Neuanfang

Kapitel 1: Schachmatt

Kapitel 2: Das Energiefeld

Kapitel 3: Reframing

Kapitel 4: Das Projekt

Kapitel 5: Der neue Weg beginnt

Kapitel 6: Sonntag, 9 Uhr 38

Kapitel 7: 100 Tage

Kapitel 8: Mit 270 PS über die A3 – Ein starker Typ

Kapitel 9: Ein Baum fällt geräuschlos um

Kapitel 10: Im Flow zu sein

Literaturverzeichnis

Prolog

Joe sucht als 23-jähriger Bankkaufmann sein Glück in der Finanzbranche. Er erkennt sehr schnell, dass er mit Fleiß und einer gehörigen Portion Achtung vor den Menschen überdurchschnittlich erfolgreich werden kann. Auf seinem Weg durch die von Egoisten regierte Finanzwelt wird er mit deren Machenschaften und Strategien konfrontiert, die stets das eine Ziel verfolgen: Macht und Geld. Als Führungskraft eines großen Finanzunternehmens sieht er, wie Menschlichkeit propagiert wird, jedoch Gier und Gewinnstreben gelebt werden.

Im Jahre 2010 erkrankt Joe an einem Hörsturz. Die Symptome des Tinnitus beinträchtigen mehr als zwei Jahre sein Leben sehr stark. Als ihm, dem zweifachen Familienvater, sein Arbeitgeber drei Jahre später im Alter von 55 Jahren aus heiterem Himmel kündigt, meldet sich sein bis dahin in Schach gehaltener Tinnitus unbarmherzig zurück.

Joe steht vor dem Aus seiner zwanzigjährigen Karriere als Führungskraft.

Präzise wie ein Schweizer Uhrwerk hebelt sein Unternehmen ihn aus dem Finanzmarkt, in dem er 32 Jahre erfolgreich tätig war. Als ihm nach kurzer Zeit der Angst und Frustration deutlich wird, in welcher Scheinwelt er bisher lebte, geht er strukturiert seinen neuen Weg. Dabei schafft er sich eine neue Basis, indem er einen Reset seiner Gefühle und seines bisherigen beruflichen Lebens durchführt. Er entwickelt Strategien, die ihm ungeahnte Chancen eröffnen, heilt seinen Tinnitus vollständig und plant einen Neustart. Mit vollem Engagement greift Joe auf Energien zurück, die jedem von uns zur Verfügung stehen.

Was folgt, wird zur schönsten Zeit seines Lebens.

Danke

Mein besonderer Dank gilt meiner lieben Frau Tina. Sobald ein Kapitel oder Teile davon entstanden sind, hat sie mir ihre ganze Aufmerksamkeit geschenkt. Ihr Feedback hat mich inspiriert.

Während des Schreibens haben mich meine beiden Söhne Patrick und Marvin sowie Freunde durch ihren Zuspruch und ihr Interesse an meiner Geschichte in meiner Arbeit bestärkt.

Für die Unterstützung an der Veröffentlichung von RESET danke ich Christine Hochberger, Alexander Strathern, Kay Fretwurst und den Mitarbeitern meines Verlages.

Den Wissenschaftlern, die ihr Leben in den Dienst der Menschheit stellen, um mit ihren Forschungen und Erkenntnissen daraus die Evolution ein kleines Stück weiterzubringen, gilt mein grenzenloser Respekt und Dank.

Während meiner Verletzungspause durfte ich die Hilfe einiger Sportmediziner, Hausärzte und Therapeuten in Anspruch nehmen, deren Engagement das Übliche weit überstieg. Durch ihre Fachkompetenz haben sie mir meine Lebensqualität zurückgegeben.

»Sobald einer sagt: ›Ich will und ich kann‹, setzt er mehr Kräfte in sich und um sich herum in Bewegung und löst größere Wirkung aus, als er ahnt.«

Elizabeth Towne

Einleitung

Es war eine jener Konferenzen, wie wir Führungskräfte sie regelmäßig mit unserem chief-director Clark Hunter erlebten. An erster Stelle stehen dabei die Geschäftsentwicklungen, dargestellt in Zahlen, Quoten, prozentualen Zielerreichungsgraden nach saisonalen und kumulierten Werten und natürlich den Rankings der einzelnen Vertriebseinheiten. Eine Prozedur, wie sie in den meisten Vertrieben unterschiedlichster Unternehmen in deren Tagungskultur vorzufinden ist und deren hoher zeitlicher Aufwand von den verantwortlichen Führungskräften gerne in Kauf genommen wird. Im zweiten Teil werden die geschäftspolitischen Zielsetzungen dargestellt sowie die damit einhergehenden geplanten Maßnahmen. Zu einer modernen Tagungskultur gehören dann Gruppenarbeiten, die den Teilnehmern vermitteln sollen, dass ihre Meinung wichtig ist und sie damit am gesamten Firmengeschehen partizipieren. Je nach Kreativität der jeweiligen Führungskraft tragen kleinere Trainingseinheiten in Form von Rollenspielen zur Auflockerung bei. Einen nicht mehr wegzudenkenen Platz im Methodenkoffer der Führungskraft nimmt das Präsentieren der best practice ein. Erfolgreiche oder auch weniger erfolgreiche Praxisbeispiele, vorgestellt durch die Tagungsteilnehmer, entlasten den Moderator und sollen aufzeigen, was sich die Führungskraft wünscht. Dieser Tipp unter Kollegen ist leider schon lange nicht mehr das, was er vielleicht anfangs einmal war und erfüllt heute mehr denn je den Part des Lückenfüllers oder bietet eine Plattform für Profilierungsneurotiker. Zu guter Letzt, das nicht ohne Grund, der wichtigste Punkt in der Tagungsordnung, die To-dos. Dieser Part gehört dann wieder zu den Bestandteilen, die weder zur Diskussion stehen noch Kommentare oder Änderungsvorschläge zulassen. Schließlich möchten alle nach einem Zehn-Stunden-Tagungsmarathon in den wohlverdienten Feierabend gehen und somit wird die To-do-Liste relativ schnell abgehandelt, was nichts mit dem unausweichlichen Einfordern der erwünschten Aufträge zu tun hat. An diesem Punkt lassen sich immer wieder Vertrauen und Misstrauen des zuständigen Vorgesetzten zu seinen Mitarbeitern sehr deutlich erkennen. To-do- Listen, die bis ins kleinste Detail die Vorgehensweisen vorgeben und zudem 20 bis 25 Punkte umfassen, sprechen eine sehr eindeutige Sprache. Handlungsspielräume werden bei der Ausführung meist auf ein unbedeutendes Maß reduziert.

Bis dahin unterschied sich der Ablauf des Meetings nicht im Geringsten von allen anderen monatlich stattfindenden Treffen mit Hunter. Doch heute sollte das Ende anders sein als üblich. Kurz vor der obligatorischen Feedbackrunde teilte er uns die Termine für die bevorstehenden Personalgespräche mit. Nur unschwer erkannte ich die gespielte Lässigkeit unseres Chiefs. Mir war sofort aufgefallen, dass die geplanten Gespräche diesmal einen anderen Verlauf nehmen sollten. Das Prozedere der in neuneinhalb Wochen stattfindenden Vieraugengespräche war in einigen Punkten verändert worden. Die durchdachte Reihenfolge, wer von uns wann mit Hunter zu sprechen hatte, ließ in mir keine Zweifel, dass es sich dabei um weitaus mehr handeln sollte als um ein Personalbeurteilungsgespräch. Mein Verdacht über bevorstehende strukturelle Veränderungen bestätigte sich damit. Es war die mit wenig Mühe versteckte, aber noch nicht ausgesprochene Ankündigung von dem, was neuneinhalb Wochen später für einige von uns zur bitteren Realität werden sollte. Eine geplante Reduzierung der Vertriebseinheiten, Schließungen von Direktionen und damit der Beginn einer Kündigungswelle im Führungskräftebereich.

Teil 1

Von Erfolg, Psychopathen und 60 000 Kilometern

Kapitel 1

Wie alles begann

Als 23-jähriger Bankkaufmann war ich zunehmend unglücklich darüber, nach erfolgreichem Abschluss zum Bankfachwirt in die Devisenabteilung der Zentrale befördert worden zu sein. War ich vor meinem Abschluss noch in einer Hauptfiliale an meinem Heimatort mit der Erfüllung meiner Kundenwünsche beschäftigt, so bestand meine neue Aufgabe in der Verwaltung der bankeigenen Wertpapiere. Wirtschaftlich gesehen ein schlechter Tausch, da ich zur Zentrale täglich ca. 90 Minuten Fahrzeit einkalkulieren musste und meine Beförderung gerade mal mit monatlich 65 DM netto zu Buche schlug. Trotz allem war es ein relativ sicherer Job, Bezahlung nach BAT und jedes Jahr eine kleine Gehaltsanpassung. Wenn es nach meinen Eltern gegangen wäre, würde ich irgendwann in ferner Zukunft meine wiederum sichere Zusatzrente aus dem öffentlichen Dienst erhalten. Bei so viel Sicherheit fehlte mir der Kick in meinem Beruf.

Also suchte ich neue Herausforderungen. Meine Frau Madison und ich waren nur wenige Monate, nachdem wir uns kennenlernten, in eine kleine Zweizimmerwohnung gezogen.

Madisons Großvater Artur war der Inhaber eines jener kleinen Supermärkte, die sich heute viele wieder wünschen. Als Soldat im Zweiten Weltkrieg musste man ihm nach einem Bombenangriff ein Bein amputieren. Gemeinsam mit seiner Frau Else betrieben sie das kleine, gemütliche Geschäft, das für lange Zeit aus diesem Ort nicht wegzudenken war. Neben seinen vielzähligen Aufgaben als Lebensmittelkaufmann arbeitete Artur für eine große Lebensversicherungsgesellschaft. Als er von meinen beruflichen Absichten erfuhr und mir von seinen Erfolgen bei seiner Versicherungsgesellschaft berichtete, war für mich der Weg zu einem Vorstellungsgespräch vorgegeben.

Wenige Tage später lernte ich den Direktionsbeauftragten der Lebensversicherungsgesellschaft kennen, ein väterlicher Typ Anfang 50, der mir durch seine offene und direkte Art sympathisch war. Als ich nach diesem Gespräch nach Hause fuhr, kaufte ich in einem Supermarkt eine Flasche Sekt, um Madison mit meiner neuen Tätigkeit als Bezirksvertreter der Lebensversicherungsgesellschaft zu überraschen. Von Artur und Madison abgesehen, kann ich mich an niemanden erinnern, der meinen Schritt verstehen konnte. Der Tausch meines doch so sicheren Bänkerjobs gegen das vermeintlich unsichere Vertickern von Policen traf für die meisten meiner damaligen Freunde und meiner Familie auf völliges Unverständnis.

Nach einem zweiwöchigen Seminar durfte ich mit Artur Kunden besuchen. Die großen Ferien begannen und der Sommer meinte es mit über 30 Grad richtig gut mit uns. Artur sortierte die Kundenkarten nach Straßen. Somit sparten wir Fahrzeit und Benzin.

Es war Montag, zehn Uhr morgens, und nach dem Klingeln an der Tür unseres ersten Kunden saßen wir auch schon zur Beratung am Tisch. Er freute sich über unseren Besuch und bedankte sich am Ende für die gute Beratung. Es folgten an diesem Tag fünf weitere Beratungen, alle ohne vorherige Terminabsprache, sowie drei Terminvereinbarungen.

Der Dienstag war ähnlich verlaufen, mit Sortieren, Anfahrt, Klingeln, Beraten. Ausnahmslos alle Kunden freuten sich über unseren unangemeldeten Besuch. Am Abend des zweiten Tages hatte ich zu Artur gesagt, dass ich das System verstanden hätte und es wirtschaftlicher sei, wenn wir uns verzweifachten, um somit doppelt so viele Kunden beraten zu können. Gesagt – getan, der Mittwoch gehörte dann ganz mir, besser noch, er gehörte meinen ersten eigenen Kunden.

Hätte man mir früher einmal gesagt, wie sehr sich Menschen freuen, wenn man ernsthaftes Interesse an ihnen hat, auch wenn es sich um geschäftliche Interessen handelt, hätte ich das nicht für möglich gehalten. In den für den Juli verbleibenden neun Tagen arbeitete ich täglich nach dem bewährten Schema. Sortieren, Anfahren, Klingeln und ein ernstes Interesse an meinem Gegenüber und seiner Situation haben.

Nachdem ich den ersten Monat in meiner neuen Tätigkeit reflektierte, konnte ich mit meiner neuen Situation recht zufrieden sein. Bei meinem ersten Feedbacktermin in der Direktion war ich mir trotzdem nicht sicher, wie meine Leistung beurteilt werden würde. Nachdem mich der Direktionsbeauftragte in seiner väterlichen Art begrüßte, offenbarte ich meine Beratungsergebnisse.

Ich sah in sein überraschtes Gesicht, als er sich die Geschäfte der vergangenen vierzehn Tage angesehen hatte, und war völlig verunsichert. »Das ist sicherlich viel zu wenig und erfüllt nicht Ihre Erwartungen.«

»Wenn jeder meiner Bezirksvertreter diese Umsätze schreiben würde, wäre ich sehr zufrieden.« Noch immer in die Umsätze vertieft, lächelte er sichtlich erfreut.

In diesem Moment war mir ein Stein vom Herzen gefallen.

Im ersten Monat als Bezirksvertreter standen mir wegen des Einarbeitungsseminars nur elf Arbeitstage zur Verfügung. Trotzdem verbuchte ich mehr als das Doppelte an Einnahmen wie in meinem vermeintlich sicheren Job in der Bank.

In den folgenden Wochen lernte ich meine Vertriebspartner kennen. Mein Auftrag bestand unter anderem auch in der Betreuung von Bankpartnern, was die Sache zunächst nicht einfacher machte. Ich fühlte mich an meine alte Arbeitsstelle zurückversetzt, mit dem kleinen aber dennoch sehr wichtigen Unterschied, jetzt Partner und nicht Befehlsempfänger zu sein. Sehr bald fanden meine Vertriebspartner und ich einen gemeinsamen Nenner, wenn es darum ging, ein ernstes Interesse an unseren Kunden zu haben. Die folgenden Wochen und Monate meines neuen Lebens vergingen sehr schnell. Jeden Morgen erwachte ich ungeduldig und war gespannt, wen ich kennenlernen und beraten durfte. Meine Kundenklientel war breit gefächert, vom Azubi bis zum Unternehmer, alle waren in mindestens einem Punkt gleich; sie wollten, dass man ein ernstes Interesse an Ihnen zeigte. Bei vielen Landwirten, die ich beraten durfte, war vor dem Geschäftlichen immer erst ein gutes warmes Essen angesagt.

Mein Direktionsbeauftragter war über meine Beratungserfolge sehr erfreut, was mich wiederum erstaunte. Das Schema war doch einfach, wie von Artur gezeigt, Sortieren, Anfahren, Klingeln und ernstes Interesse haben. Alles ohne Technik, mit Ausnahme des Taschenrechners und dem Tarifbuch natürlich. Verträge wurden per Hand geschrieben, so wie gute Kaufleute per Handschlag Geschäfte abwickeln. Callcenter gab es nicht, warum auch. Nach sechs Monaten durfte ich an der ersten großen Tagung der Filialdirektion als Gewinner eines Außendienstwettbewerbs teilnehmen.

Zwölf Monate später wurden bundesweit die besten Außendienstmitarbeiter und Vertriebspartner bei einer dreitägigen Veranstaltung geehrt. Wieder durfte ich an diesem aufwendigen Event teilnehmen. Alles lief für mich, als wäre es nie anders gewesen.

Während der Heimfahrt von dieser glamourösen Dreitagesveranstaltung teilte mir der Direktionsbeauftragte mit, dass er für mich ein größeres Vertretungsgebiet vorsieht und ich sehr bald diese neue Aufgabe übernehmen sollte.

»Meine Kunden schätzten es sehr,

wenn ich mein ehrliches

Interesse an Ihnen zeigte.«

Jetzt, wo alles so schön im Fluss war und ich mich nach eineinhalb Jahren erfolgreicher Tätigkeit, bei allem was ich für meine Kunden tat, so richtig wohlfühlte, sollte ich in ein neues, größeres Gebiet wechseln. Dieser Gedanke war für mich zunächst nicht vorstellbar. Mein Direktionsbeauftragter erläuterte die Entwicklungsmöglichkeiten, die sich mir mit Übernahme des neuen Gebietes bieten würden. »Es gibt im Leben Chancen, die man sich nicht entgehen lassen sollte«, waren seine Worte. War es vielleicht seine väterliche, offene Art, wie er sich mir gegenüber stets gab oder einfach doch der Reiz des Neuen, was mich letztlich dazu bewogen hatte, sein Angebot anzunehmen? Meine Entscheidung war aus Sicht des strebsamen Vertriebsmannes, der immer noch seine Kunden in der gleichen Art behandelte, vollkommen richtig. Die Jahre, die folgten, konnten für mich nicht besser laufen. Meine Kunden hatten sich nicht geändert. Abgesehen davon, dass sich nun meine Klientel überwiegend aus Stadtbewohnern zusammensetzte, war immer noch eines gleich geblieben. »Meine Kunden schätzten es sehr, wenn ich mein ehrliches Interesse an ihnen zeigte.« Darauf gründete mein Erfolg, der somit überhaupt nicht ausbleiben konnte. Die nächsten Jahre vergingen für mich sehr schnell. Madison und ich heirateten, wenige Jahre später kamen unsere beiden Söhne Joseph und Matthew zur Welt. Meine Familie, Beruf, das eigene Haus mit Garten und meine vielen Hobbys, allem voran das regelmäßige Joggen, ließen keine Langeweile aufkommen. Waren da noch regelmäßige Aufenthalte in verschiedenen Staaten des nordamerikanischen Kontinents, die wir sowohl vor der Geburt unserer Söhne als auch mit Joseph und Matthew erlebten.

Wurde ich damals nach meinen beruflichen Plänen befragt, zeigte ich meine Perspektiven in meinem Vertretungsgebiet mit meinen Vertriebspartnern auf. Unsere Zusammenarbeit konnte nicht besser laufen, jährliche, gigantische Steigerungsraten waren normal. Bis zu dem Tag, an dem mein Bankpartner sich dazu entschied, neben dem Unternehmen, welches ich vertrat, ein zweites (Konkurrenz-)Unternehmen ins Spiel zu holen. Es war eine rein politische Entscheidung, die in keiner Verbindung mit meiner bis dahin geleisteten Arbeit zu sehen war. In der vergangenen, zehnjährigen Zusammenarbeit wurde der Umsatz vervierfacht und der Kundenbestand entsprechend ausgebaut. Nun sah die Bankstrategie vor, qualitative und hochwertige Geschäfte mit dem zweiten Partner abzuwickeln. Für mich stand sofort fest, dass ich diese Bankstrategie nicht mittragen konnte. Mein Direktionsbeauftragter übertrug mir daraufhin die Verantwortung für einen neuen Wirkungskreis mit mehreren Bankpartnern als Spezialist im Firmenund gehobenen Privatkundengeschäft.

Kapitel 2

Mit den Nikes eineinhalb Mal um die Erde

Mathematisch kann der Umfang der Erde mittels der Umfangberechnung für einen Kreis annähernd nach der Formel

berechnet werden.

Können Sie sich vorstellen, die Erde eineinhalb Mal zu umlaufen? Eine Strecke von 60 000 Kilometern zu joggen?

Ich habe es getan. Wie kam es dazu? Während meiner Kindheit und als Jugendlicher war ich immer gerne körperlich aktiv. Als Sechsjähriger spielte ich im Fußballverein; Schulsport, die täglichen Fahrten zu jeder Jahreszeit mit dem Fahrrad zur sieben Kilometer entfernten Schule, Mannschaftsspieler im Tischtennisclub, Volleyball und Kegelclub sowie viele andere sportliche Aktivitäten in der Freizeit. Mit der Pubertät wurde es wie bei vielen anderen Leidensgenossen und -genossinnen ruhiger mit dem Sport. Dazu kamen später die Aufgaben der Ausbildung. Die Interessen änderten sich den Anforderungen entsprechend, nicht zuletzt wurde der Drahtesel durch das erste Auto ersetzt. Der eine oder andere Liebeskummer und die erste ernsthafte Beziehung mit allen Höhen und Tiefen ließen weniger Zeit für sportliche Aktivitäten.

Eines Tages traf ich einen alten Schulfreund. Tyler war während unserer gemeinsamen Schulzeit einer der, naja, sagen wir mal, weniger sportlichen Typen. Dies hatte er unter anderem seinem Körpergewicht zu verdanken.

Wir waren beide noch in der Ausbildung und entdeckten gerade unsere Freundschaft neu. Gemeinsame Discobesuche und viele Aktivitäten, wie man sie als Teenager unternimmt. Meine erste, längere Beziehung lag hinter mir und somit kam mein unternehmungslustiger alter Schulfreund gerade richtig.

Es passte mit uns gut zusammen.

Tyler fragte, ob ich Lust hätte, mit ihm zu joggen.

»Joggen, na klar, warum nicht«, sagte ich. Schließlich war ich doch ein sportlicher Typ. Also fuhren wir mit dem Auto in ein Waldstück.

Nach kleinen Dehnübungen ging es los, Tyler vorweg und ich frohen Mutes auf dem schmalen Waldweg hinterher. Nach den ersten geschätzten 1000 Metern kam mir zum ersten Mal der Gedanke, ich könnte nicht Schritt halten und mein alter Kumpel würde mir davonrennen. Ich, der doch immer sehr sportlich war, sollte jetzt schlappmachen. Meinen Puls konnte ich am Hals spüren, die Atmung wurde immer heftiger. Vermutlich aus Angst, meine Unsportlichkeit zugeben zu müssen. Mitten in meinen Gedanken meinte Tyler, dass wir gerne eine Pause einlegen könnten. Wahrscheinlich hörte er meine laute, schnelle Atmung. An diesem Nachmittag schafften wir es mit Pausen auf 3,5 Kilometer. Mehr wollte mir mein Freund nicht zumuten.

Dieses Erlebnis sollte eine ausschweifende Veränderung meiner sportlichen Aktivitäten nach sich ziehen.

Sortieren, Anfahren, Klingeln und ein ernstes Interesse an meinem Gegenüber und seiner Situation haben.

Kapitel 3

Aufstieg zur Führungskraft

W