Resilient durchs Studium - Rolf Wartenberg - E-Book

Resilient durchs Studium E-Book

Rolf Wartenberg

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Beschreibung

Selbstfürsorge und mentale Gesundheit für Studierende Die Zeit des Studiums bietet Möglichkeiten der Selbstentfaltung, genauso wie sie Rückschläge, Krisen und Belastungen mit sich bringen kann. Um die Möglichkeiten jener Lebensphase voll auszuschöpfen, braucht es Effizienz in guten Zeiten und Resilienz dann, wenn der Druck durch Prüfungen und Leistungsanforderungen steigt oder Rückschläge verkraftet werden müssen. Dieses Buch unterstützt Studierende dabei, sich gegen herausfordernde Situationen zu immunisieren und resilient durchs Studium zu kommen. Den Bezug zur Lebenspraxis stellt der Autor durch zahlreiche Beispiele und Anregungen her, die Studierenden die Selbstverwirklichung, Selbstentfaltung, Selbstaktualisierung unter widrigen Bedingungen erleichtern. Fragen Sie sich selbst: - Versuchen Sie nur auf Nummer sicher zu gehen, wo Sie effektiver sein könnten? - Resignieren Sie zu schnell vollständig, wo Sie sich immunisieren könnten? - Vernachlässigen oder übertreiben Sie womöglich die ausgewogene Entwicklung von beidem? Dann zeigt Ihnen dieses Buch, wie Sie das Beste aus Ihren guten Zeiten herausholen und das Sicherste aus den schlechten – wie Sie effektiv und resilient sein können.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 222

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Rolf WartenbergResilient durchs Studium

Über dieses Buch

Selbstfürsorge und mentale Gesundheit für Studierende 

Die Zeit des Studiums bietet Chancen zur Selbstentfaltung, kann aber genauso Krisen und Belastungen mit sich bringen. Um die Möglichkeiten jener Lebensphase voll auszuschöpfen, braucht es Effizienz in guten Zeiten und Resilienz dann, wenn der Druck durch Prüfungen und Leistungsanforderungen steigt oder Rückschläge verkraftet werden müssen. Dieses Buch unterstützt Studierende dabei, sich gegen herausfordernde Situationen zu immunisieren und resilient durchs Studium zu kommen. Den Bezug zur Lebenspraxis stellt der Autor durch zahlreiche Beispiele und Anregungen her, die Studierenden Selbstverwirklichung und Wachstum auch unter widrigen Bedingungen erleichtern. 

Welche Ihrer Charakterstärken hilft Ihnen dabei, das Studium erfolgreich zu gestalten? Woran merken Sie, ob Sie sich selbst über- oder unterfordern? Wie können Sie Ihre Gedanken und Gefühle steuern, um Ihre Leistungen zu verbessern und Ihre Persönlichkeit weiterzuentwickeln? 

Dieses Buch zeigt Ihnen, wie Sie effektiv und resilient durch gute und schlechte Zeiten kommen – nicht nur im Studium.

Rolf Wartenberg hat als Psychologe und Psychotherapeut an verschiedenen Hochschulen in der psychologischen Beratung Studierender gearbeitet und ist Referent und Trainer für Arbeitsorganisation, Motivation und geistige Gesundheit.

Copyright: © Junfermann Verlag, Paderborn 2021

Coverfoto: © dotshock (https://www.shutterstock.com)

Covergestaltung / Reihenentwurf: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn

Satz, Layout & Digitalisierung: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn

Alle Rechte vorbehalten.

Erscheinungsjahr dieser E-Book-Ausgabe: 2021

ISBN der Printausgabe: 978-3-7495-0284-4

ISBN dieses E-Books: 978-3-7495-0285-1 (EPUB), 978-3-7495-0287-5 (PDF), 978-3-7495-0286-8 (EPUB für Kindle).

Einleitung

Noch während ich mit der Lektorin des Verlages darüber diskutierte, welche Schwerpunkte dieses Buch erfahren solle und welche „Botschaft“ ich den Leser*innen mitgeben wolle, schlug sie mir den Titel „Resilient durchs Studium“ vor (falls Ihnen der Ausdruck „resilient“ fremd ist, hier eine vorläufige Kurzformel: Resilienz ist Gedeihen trotz widriger Umstände).

Mir gefiel sofort die in dem Titelvorschlag versteckte Zweideutigkeit. Je nach Lesart kündigen diese drei Worte entweder Impulse an, wie Sie Ihre vorhandene Resilienz bei Bedarf bewusster aktivieren können, um mit ihrer Hilfe mögliche Widrigkeiten im Studium robuster zu meistern. Oder sie vermitteln Ihnen Vorstellungen davon, wie Sie Ihr Studium gestalten können, um Ihre Resilienz fürs „Leben danach“ zu trainieren. Ich beschloss schon im Vorfeld: Um beide Blickwinkel soll es gehen!

Das schloss eigentlich auch schon die Entscheidung mit ein, mich vor allem an Studierende zu wenden. Ich werde im Text die Form der direkten Ansprache verwenden, wie ich das auch bei Präsentationen vor Studierenden getan habe. Ich hoffe zwar auch, das Interesse von Kolleg*innen zu wecken, die sich mit Bezügen zwischen psychologischer Beratung und Resilienz befassen, aber ich lade sie sozusagen nur ein, sich unter das Publikum zu mischen – ich werde sie nicht direkt adressieren.

Was ich diesem Publikum bieten will, ist dreierlei:

Ein simples, flexibles Modell von der dynamischen Balance zwischen Arbeitseffektivität und Resilienz. Was sind typische Elemente Ihres Charakters, mit denen Sie Ihr Studium energisch zum Erfolg führen können, und wie sehen solche Elemente aus, die Sie bei schwerwiegenden Widrigkeiten und Rückschlägen davor schützen, resigniert und mit verletzten Gefühlen auf der Strecke zu bleiben?

Ein ebenso einfaches Schema, mit dessen Hilfe Sie sich immer wieder vergewissern können, dass die unter 1. angesprochene Balance wirklich in Bewegung bleibt und nicht in Unter- oder Übertreibung der unterschiedlichen Seiten erstarrt.

Hilfen, um sich bewusst der Tatsache zu stellen, dass Ihr Studium Ihnen nicht nur abverlangt, was die Prüfungsordnung aufzählt, sondern Ihnen auch eine Weiterentwicklung Ihrer Persönlichkeit bietet. Das sind vor allem Tipps zur gelassenen Selbststeuerung, zum Regulieren Ihrer Gedanken und Gefühle.

Mitten in die Konzeptüberlegungen und das Schreiben erster Entwürfe, während ich den Kontakt und das Gespräch mit Kolleg*innen suchte, um erste Reaktionen zu meinen Einfällen zu sammeln, platzte die Corona-Pandemie. Das entmutigte mich zunächst enorm, zumal ich inzwischen im Ruhestand war und nicht aus erster Hand mitverfolgen konnte, wie sich durch die Epidemie die Arbeit in den Beratungseinrichtungen veränderte. Aber ich machte weiter und räumte Hinweisen und Gesprächsresultaten aus den Kontakten mit meinen weiter aktiven Ex-Kolleg*innen entsprechend noch größere Beachtung ein. Der Verlag kam mir entgegen, indem die Deadline für meine Texterstellung verlängert wurde. Ich konnte also gleich einmal damit anfangen, selbst Resilienz zu üben.

Doch was genau meine ich, wenn ich von Resilienz spreche? Schauen wir uns dies in diesem Buch doch einmal genauer an und gehen parallel der Frage nach, was Sie im Rahmen Ihres Studiums und natürlich auch darüber hinaus tun können, um Ihre Resilienz zu stärken.

Viel Erfolg dabei wünscht Ihnen

Rolf Wartenberg

1. Zwischen Selbsterhaltung und Selbstentfaltung: Was bedeutet Resilienz für Sie und Ihr Studium?

Alles, was lebt, wächst, und zwar innerhalb bestimmter Grenzen unabhängig davon, ob die Bedingungen günstig sind oder nicht. Ein Samenkorn kann auf gutem Boden mit viel Licht landen oder in einer kargen Felsspalte im Schatten … Solange die Umgebung nicht absolut lebensfeindlich ist, wird es keimen. Vergleichbar sieht es auch für Sie aus. Sie haben sich für ein Studium entschieden und ob Sie die Hochschule nun eher als fruchtbaren Acker erleben oder als Felsspalte im Schatten – Sie bringen bereits ein Repertoire von Handlungs- und Erlebnisweisen mit, das sowohl Ihrer Selbstentfaltung „auf dem fruchtbaren Acker“ als auch Ihrer Selbsterhaltung „in der kahlen Felsspalte“ dient.

Das ist enorm wichtig, denn im Studium entwickeln und vergrößern Sie nicht nur Ihre Kenntnisse in bestimmten fachlichen Disziplinen, sondern Sie entwickeln auch Ihre Persönlichkeit. Dazu gehört die Effektivität, mit der Sie aus Ihren Chancen etwas machen, und die Resilienz, mit der Sie Widrigkeiten wie schwere Rückschläge und bedrohliche Risiken meistern.

Natürlich wünsche ich Ihnen, dass Ihnen allzu große Lasten und Risiken erspart bleiben. Aber wenn Sie einmal die Bekanntschaft von Menschen gemacht haben, die sich zwar anerkennenswert für ihr Vorankommen eingesetzt haben, denen aber ansonsten weitestgehend jede noch so kleine Widrigkeit erspart geblieben ist, dann werden Sie die meisten dieser Menschen, wenn nicht alle, als etwas naiv in Erinnerung haben. Probleme – oder wie man heute meist sportlich sagt: „Herausforderungen“ – sind Teil Ihres Lebensweges, und wenn sie erst einmal gemeistert sind, profitieren Sie durch entsprechende Erfahrungen davon.

Nun habe ich bei meiner Arbeit als Berater immer wieder Studierende kennengelernt, die sich Problemen zwar durchaus stellten, aber nie anders als durch verstärkten Kräfteeinsatz: mehr Anstrengung, mehr Tempo, mehr Selbstoptimierung, mehr Selbstverleugnung und mehr Gefallen-Wollen. Im besten Falle achteten sie wenigstens darauf, dass ihr Alltag angemessene Regenerationspausen enthielt, aber einen echten Plan B für das Überleben in Zeiten, in denen all der zusätzliche Kräfteeinsatz an seine Grenzen stieß, gab es nicht. Und solche Grenzen können sehr entmutigend ausfallen: schwere Erkrankungen, der Verlust nahestehender Menschen, das Scheitern von Plänen zur Selbstfinanzierung usw.

Unter solchen Bedingungen war plötzlich nicht mehr allein wichtig, ob sich irgendwo noch ein kleiner, aber ausbaufähiger Hoffnungsschimmer und Ansatzpunkt zeigte, um sich neu aufzuraffen; mindestens genauso wichtig war vielmehr, sich mit Angst, Wut, Verzweiflung und Schmerz auseinandersetzen zu können, manchmal über sehr lange Zeit. Dazu sind schwerpunktmäßig andere Qualitäten nötig als die, die üblicherweise unter der Überschrift „Effektivität“ aufgezählt werden. Dazu ist „Resilienz“ nötig, also das seelische Rüstzeug, sich gegen vermeintlich überwältigende Widrigkeiten immunisieren zu können.

Bevor ich dazu komme, wie das möglich ist, lassen Sie uns ein wenig genauer anschauen, was für Sie im Studium Ihre Effektivität einschränken und Resilienz nötig machen kann.

1.1 Studienstress: typische Stolpersteine

Studieren an einer deutschen Hochschule heißt vorrangig, Wissen und Können in den Fächern zu erwerben, die Sie gewählt haben. Dann werden Sie entsprechende Prüfungen ablegen wollen und mit einem Zertifikat abschließen, das Ihnen attestiert, was Sie alles gelernt haben. Dieser Aspekt der Sache ist einer Ausbildung ähnlich, auch die Tatsache, dass Sie unterschiedlich „hohe“ Qualifikationen aufeinander aufbauen können.

Hinzu kommt, dass Sie als Akademiker*in damit vertraut sein sollen, wie das Wissen in Ihren Fächern überhaupt entsteht und wächst – Sie sollen wissen, wie man „forscht“ und welchen Kriterien die dokumentierten Ergebnisse genügen müssen, damit auch andere damit sinnvoll weiterarbeiten können.

Nicht zuletzt gibt es auch noch Hochschulen mit dem Anspruch, Ihnen Allgemeinkenntnisse zu vermitteln, die über den Tellerrand Ihrer wissenschaftlichen Spezialdisziplin hinausgehen – also Einblicke in andere, ja sogar alle akademischen Fächer.

Aber während Ihres Studiums wächst nicht nur Ihr Wissensbestand, sondern Ihre Persönlichkeit insgesamt. Sie sammeln und verarbeiten vielleicht sogar überwiegend Erfahrungen, für die kein Lehrplan existiert, wie beispielsweise (Sperling 1974):

Ablösung von der Herkunftsfamilie und Aufbau eines eigenen Beziehungsnetzes

Verantwortung für eigene Zeit und eigenes Geld

Erste Erfahrungen mit Alleinleben, WG, Partnerschaft

Und das sind nur Beispiele für absehbare Hürden, die Sie meistern müssen. Hinzu kommen wahrscheinliche, aber dennoch nicht vorhersagbare Widrigkeiten wie Enttäuschungen, Misserfolge und sogar Lebenskrisen / Zusammenbrüche in den unterschiedlichsten Bereichen.

Werden diese und andere Stressoren nicht angemessen verarbeitet, dann sind die häufigsten Reaktionen (ausgedrückt im Vokabular der Fachleute):

Depressivität (Energieverlust und vermindertes Interesse an Aktivitäten, Unruhe oder Verlangsamung, Schlafstörungen und Müdigkeit, verminderte Konzentrations- und Entscheidungsfähigkeit, unter Studierenden besonders oft: vermindertes Selbstwertgefühl)

Anpassungsstörungen („Betäubung“, geminderte Fähigkeit, Reize zu verarbeiten, eingeschränkte Aufmerksamkeit und Desorientiertheit, verstärkte Vulnerabilität, unter Studierenden besonders oft: Aufschieben)

Angst (verschiedene Formen von Passivität und Vermeidungsverhalten bis hin zum Auftreten von Panik, sozialen Ängsten, chronisch verallgemeinertes Sich-Sorgen, unter Studierenden besonders oft: Prüfungsangst)

Die folgende Liste (Tabelle 1.1) dagegen besteht aus Faktoren, die Studierende selbst aufzählten, als sie bei einer Befragung angeben sollten, was sie im Studium als Stress erleben. Die Prozentangaben kennzeichnen, welche Punkte von wie vielen Befragten genannt wurden. Das Ganze ergibt eine „Stress-Hitparade“ von Studierenden (Ortenburger 2013):

Zeitnot

75 %

Leistungsdruck

64 %

Zukunftsangst

37 %

Überforderung

36 %

Unsicherheit

30 %

Orientierungslosigkeit

18 %

Einsamkeit

15 %

Konkurrenzdruck

14 %

Hilflosigkeit

14 %

andere

6 %

Tabelle 1.1: Studienstress

Das alles sind also mögliche Ursachen, im Studium einengenden Stress zu erleben. Hier gleich noch eine Ergänzung zum besonderen Studienstress seit Ausbruch der Corona-Krise:

Arbeitsstörungen und Motivationsverlust im Homeoffice

Finanzielle Not

Frustration, Ausgezehrtsein, Gedanken an Studienabbruch

Sorge um Ansteckung

Soziale Isolation

Überforderung durch Workload und nötige neue Lernstrategien

Verlust des Kerns studentischer Identität: Diskurs und Campus

Verschlimmerung psychischer Probleme (z. B. Depressionen, Ängste)

Verunsicherte Studienplanung und berufliche Perspektiven

Tabelle 1.2: Corona-Stress (Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Wilfried Schumann, PBS Oldenburg)

Nun sind das alles Aufzählungen aus der Beobachterperspektive. Ich habe sie hier vor allem wiedergegeben, um Ihnen deutlich zu machen, dass Sie sich nicht sorgen müssen, Sie seien ein Sonderfall, wenn Ihnen Punkte wie die aufgeführten Kummer bereiten. Lassen Sie uns jetzt aber auch genauer auf Ihre ganz persönliche Situation schauen.

1.2 Eine erste Bilanz

Sie werden nicht ohne Grund zu diesem Buch gegriffen haben. Irgendeine Herausforderung (oder mehrere) in Zusammenhang mit Ihrem Studium treibt Sie vermutlich gerade um. Statistiken, was die meisten Studierenden als Stress erleben, spiegeln möglicherweise nur bedingt, wie es Ihnen persönlich geht. Aber das können Sie sich leicht vergegenwärtigen. Sortieren Sie die obigen Aufzählungen einfach Ihrer persönlichen Situation entsprechend um. Was setzen Sie auf die ersten Plätze dieser Problemrangliste?

Oder noch einfacher: Überlegen und notieren Sie mithilfe der folgenden Fragen,

was

Sie derzeit gefühlt stresst,

und schätzen Sie auf einer Skala zwischen 0 und 10 ein,

wie sehr.

Hier die Fragen:

Was erleben Sie zurzeit als Ihre schwerwiegendsten Belastungen? (Kümmern Sie sich jetzt noch nicht darum, ob diese direkt mit Ihrem Studium zu tun haben.)

Gibt es Risiken, von denen Sie sich bedroht fühlen, Dinge, die „schieflaufen“ oder dies in nächster Zeit tun könnten?

Empfinden Sie bestimmte Bedingungen Ihrer Situation als Krise, etwas, das Ihnen „Energie raubt“, Sie „stark in Atem hält“ oder Ihre Möglichkeiten einschränkt?

Für wie empfindlich oder verletzlich halten Sie sich – im Allgemeinen und aktuell?

Gehen Sie zurzeit durch Emotionen oder körperliche Empfindungen, die Sie als Alarmsignale deuten?

Zuletzt noch:

Wenn Sie auf einer Skala von null bis zehn bewerten, inwieweit Sie das Gefühl haben, unter „günstigen“ Umständen zu leben – also unter Bedingungen, die es Ihnen leicht machen, Ihre Persönlichkeit zu entfalten und Ihr Leben zu genießen (null = gar nicht / zehn = ideal) – wo stehen Sie dann?

Machen Sie aus den Antworten keine komplizierten Detailanalysen. Ein paar spontane Einfälle zu notieren ist genug. Schauen Sie dann einfach auf Ihre Notizen und markieren Sie Begriffe, die Sie besonders wichtig finden, farbig.

Werfen Sie diese Notizen nicht weg! Schreiben Sie Datum und Uhrzeit unter das, was Sie festgehalten haben, und sammeln Sie diese Miniprotokolle. Auf diese Weise entsteht eine wichtige Hilfe, um nachzuverfolgen, ob es Stressoren gibt, die Sie chronisch begleiten, auch wenn Sie ihnen ohne Ihr Protokoll längst kaum noch Aufmerksamkeit geschenkt hätten.

Zum Vergleich: Wenn ein Mediziner sich ein zuverlässiges Bild von Ihrem Blutdruck verschaffen will, dann begnügt er sich nicht mit einer einmaligen Messung, nicht einmal mit drei. Er wird Sie veranlassen, über eine ganze Weile regelmäßig zu messen und darüber Buch zu führen. Vielleicht wird er Sie auch mit einer dieser lästigen Manschetten ausstatten, die sich in regelmäßigen Intervallen (sogar nachts!) von selbst aufpusten, messen und das jeweilige Ergebnis speichern. In der Summe lässt sich daraus ein Ergebnis ablesen, das unabhängig von momentanen Schwankungen ist.

Natürlich kann das Ansammeln eines solchen Logbuches, wie ich es Ihnen empfehle, genauso lästig wie die Blutdruck-Manschette sein. Aber ich habe es selbst ausprobiert – und war überrascht von den Ergebnissen. Ich hatte geglaubt, ich würde mich gut genug kennen, um die Resultate „unterm Strich“ vorauszusehen. Das war aber nicht so. Mir wurden auf diese Art so einige blinde Flecken bewusst. Es kann schon enorm verführerisch sein, sich die Tatsachen, den eigenen Vorlieben folgend, ein wenig oder sehr zurechtzubiegen.

Und damit sind wir gleich bei einer weiteren Empfehlung, die ich Ihnen geben möchte und die mir sehr am Herzen liegt: Scheuen Sie sich nicht, für Ihre Selbsterkundung bzw. für daraus folgende Änderungswünsche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

1.3 Sie sind nicht allein: Beratungsmöglichkeiten in der Krise

Bei Anlässen, bei denen ich die psychologischen Beratungseinrichtungen für Studierende öffentlich vorgestellt habe, erlebte ich immer wieder bestimmte Reaktionen und Fragen. Vor allem zwei:

Mir wurde entgegengehalten, es sei doch sehr in Mode und eigentlich völlig übertrieben, dass sich heutzutage „jeder einen eigenen Therapeuten“ suche, anstatt Probleme aus eigener Kraft zu lösen, wie das schließlich jahrhundertelang vorher auch gereicht habe.

Ich wurde gefragt, was ich als sinnvolle Kriterien ansähe, um zu entscheiden, wann jemand wirklich psychologische Unterstützung braucht. Belastungen und Krisen müsse schließlich jeder meistern, die könnten allein doch kein angemessener Grund sein.

Zu dem erstgenannten Punkt ist Folgendes zu sagen: Es trifft zu, dass viele Formen von Coaching und Beratung aus den Lehren therapeutischer Schulrichtungen hervorgegangen sind. Aber diese Wurzeln bedeuten nicht, dass Coaching und Beratung den Anspruch erheben, nötige Heilbehandlungen zu ersetzen. Wenn sie früh genug genutzt werden, um Problementwicklungen abzufangen, können sie lediglich manche Psychotherapie unnötig machen.

Dann kann man zwar immer noch einwenden, dass die vielfältigen Formen von Coaching und Beratung ihren Nutzern Dienste leisten, die in der Vergangenheit doch von Angehörigen, Großeltern und Eltern, Nachbarn oder mindestens halbprofessionellen Helfern wie Geistlichen und Lehrern geboten wurden. Diese „Lebensanleiter“ haben aber ihre Monopolstellung verloren, wie sich überhaupt bis heute immer mehr Lebensbereiche wie Arbeiten, Lernen und Erziehen zunehmend aus der Familie herauslösen. Das mag man finden, wie man will, aber die psychologischen Beratungsstellen sind eine Folge davon.

Daraus ergibt sich teilweise schon die Antwort auf die zweite Frage. Das Vorgehen in Beratungsgesprächen basiert nicht auf einer Diagnose, wie sie etwa ein Psychiater zur Grundlage seiner Behandlung macht. Sondern den Ausgangspunkt bilden „Daseinsbewältigungsfragen“: jede Art von Belastung und Krise, die den Wunsch wecken kann, damit zwar weiter eigenverantwortlich, aber nicht allein umzugehen. Sie gehen also in Beratung, wenn Sie nach kompetenten, aber verschwiegenen Gesprächspartner*innen suchen, die Sie begleiten und Ihnen helfen, Ihre Situation zu reflektieren bzw. robust und flexibel zu meistern.

Das kann darauf hinauslaufen, dass Ihnen nahegelegt wird, eine*n Psychotherapeuten*Psychotherapeutin aufzusuchen, der*die eine genaue Diagnose Ihrer Verfassung erstellt und prüft, ob Sie sich einer Behandlung unterziehen sollten und welcher. Aber kein*e seriöse*r Coach oder Berater*in wird diese Rolle selbst übernehmen, auch dann nicht, wenn die nötigen Grundlagenkenntnisse aufgrund von Studium und Ausbildung vorhanden sind.

Konkrete Warnzeichen, die eine Beratung angezeigt erscheinen lassen, sind also Themen, wie sie sich auf den oben wiedergegebenen Problemlisten finden, und zwar dann, wenn Sie der Ansicht sind, dass ein oder mehrere Punkte auf Sie zutreffen und Ihr Leben stark oder immer mehr beeinträchtigen. Ihr Berater bzw. Ihre Beraterin wird diese Selbsteinschätzung sowie das Spektrum Ihrer Reaktionsmöglichkeiten gemeinsam mit Ihnen erörtern, und wie gesagt: Eine dieser Möglichkeiten ist, dass Sie Kontakt zu einem*r Psychotherapeuten*Psychotherapeutin suchen, evtl. sogar zu einem*r Psychiater*in, der*die auch medikamentöse Behandlungen psychischer Störungen durchführen darf.

Beispiel: Sie kämpfen zunehmend mit Schwierigkeiten beim Lernen für Ihr Studium, weil Sie sich in einer lustlosen, demotivierten und gedrückten Verfassung erleben. Glücklicherweise haben Sie seit Ihrer Schulzeit durchaus Übung darin, kurze Phasen dieser Art mit viel Disziplin durchzustehen, aber diesmal will die „Phase“ nicht enden, sondern es wird alles immer schlimmer.

Sie wenden sich an eine psychologische Beratungsstelle. Ihre Beraterin macht sie am Ende des zweiten Kontaktes darauf aufmerksam, dass Sie sich immer deutlicher verlangsamt am Gespräch beteiligen und es schwierig ist, überhaupt „Funkkontakt“ mit Ihnen aufrecht zu erhalten. Sie schlägt Ihnen vor, sich an einen Psychiater zu wenden, der auch psychotherapeutisch arbeitet, d. h. der – wenn es beispielsweise um Depressivität geht – sowohl weitere Gespräche mit Ihnen führen als auch eine Medikation vorschlagen kann.

Stellen Sie sich nun einmal vor, das Gespräch in der Beratungsstelle hätte ergeben, dass Sie – eben, weil Sie so stolz auf Ihre Disziplin sind – sich nicht eingestehen wollen, dass Sie Angst vor einer Prüfung haben, für die Sie das Lernen schon eine Weile vor sich herschieben. Und stellen Sie sich weiter vor, in den Beratungsgesprächen sei es um Möglichkeiten gegangen, verständnisvoller mit sich selbst und akzeptierender mit der Angst umzugehen (beispielsweise indem Sie eine Entspannungsmethode erlernen). Dann hätte das die Problementwicklung in einem Stadium abfangen können, in dem mehr auch gar nicht nötig war.

Es kommt natürlich vor, dass sich Probleme ganz ohne unser Zutun „auflösen“. Aber in der Regel ist bloßes Abwarten riskante Zeitverschwendung. Dann lohnt es sich, jemand Unbeteiligten zumindest um ein erstes Feedback zu bitten. Aber auch die Formel „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“ erspart es Ihnen meistens nicht, praktische Schritte zu unternehmen, um das Problem zu lösen. Beratung bietet Ihnen Begleitung und Unterstützung – die praktischen Schritte bleiben bei Ihnen: Weder wird Ihr Anliegen unnötig dramatisiert, noch werden Sie in eine abhängige Position manövriert.

2. Überhitzte Selbstoptimierung und „Immunüberreaktionen“

Ich habe bereits zwei eng verflochtene Herausforderungen Ihrer Persönlichkeitsentwicklung eingeführt:

Effektivität

– Ihre Fähigkeit zu wachsen und beizutragen bzw. komplexe Zielsetzungen ins Werk zu setzen, vor allem, wenn die Bedingungen dafür förderlich sind.

Resilienz

– das geschützte Fortsetzen dieses Wachstums auch unter widrigen Bedingungen bzw. Bedrohungen für Ihre psychische Verletzlichkeit.

Bevor ich in konkrete Fallschilderungen aus meiner Arbeit als Berater einsteige, will ich Sie mit diesen beiden Qualitäten und der Art ihres Zusammenwirkens noch ausführlicher vertraut machen.

2.1 Effektivität: Was macht uns erfolgreich?

Schon bevor die Frage, was uns psychisch immunisiert bzw. resilient macht, so stark Beachtung fand wie heute, gab es bereits Veröffentlichungen und Trainings, die sich darum drehten, was uns hilft, psychisch wirksam Ziele zu verfolgen und Probleme zu lösen bzw. was uns erfolgreich macht. Das folgende Schema beispielsweise fasst eine der bekanntesten Aufzählungen dieser Art zusammen – die „Sieben Wege zur Effektivität“ (Covey 2014). Hier benennt Stephen Covey, Hochschullehrer an der Jon M. Huntsman School of Business der Utah State University († 2012), Prinzipien, die seiner Meinung nach über unsere Effektivität und unsere Erfolgsaussichten entscheiden – in welchem Lebensbereich auch immer. Er nennt im Einzelnen (vgl. Abbildung 2.1):

Privater Erfolg

Eigenverantwortung und Initiative aufbringen (

pro-aktiv sein

statt re-aktiv).

Sich bewusst langfristige, eigene Ziele setzen (am Anfang das Ende im Sinn haben:

Zielorientierung

).

Sich im kurzfristigen Handeln systematisch an diesen langfristigen Zielen ausrichten

(das Wichtigste zuerst)

.

Öffentlicher Erfolg

Sich und andere davon überzeugen, dass genug für alle da ist

(Gewinn / Gewinn-Denken)

.

Sich und andere davon überzeugen, dass jeder gehört werden kann (

erst verstehen

, dann verstanden werden).

Anstatt Kompromisse, für die jeder verzichten muss, Konsens suchen, bei dem jeder gewinnt

(Synergien schaffen)

.

„Die Säge schärfen“:

Ausgewogene Selbsterneuerung anstreben, anstatt sich zu verhalten wie der Waldarbeiter, von dem eine Geschichte erzählt, er habe mit einer stumpfen Säge weitergearbeitet, weil er es als verlorene Zeit ansah, sie immer wieder zu schärfen.

Abbildung 2.1: Sieben Wege zur Effektivität

Die drei Ebenen in der Grafik, welche Covey als Abhängigkeit, Unabhängigkeit und Interdependenz bezeichnet hat, sollen Wachstumsstufen des menschlichen Charakters kennzeichnen: aus der Abhängigkeit des Kindes in die Autonomie des Erwachsenen bis hin zu der Reife, die sich in wechselseitiger Unterstützung zeigt und der Bereitschaft, das Ganze über den Einzelnen zu stellen.

Ich halte Coveys sieben Wege und viele andere Anleitungen zum erfolgreichen Verfolgen von Zielen oder Lösen von Problemen durchaus für wertvoll, aber viele Menschen wenden solche Empfehlungen mit der begleitenden Vorstellung an: „Wenn ich diese Prinzipien beherzige, werde ich Absichten umsetzen, Ziele erreichen, Projekte verwirklichen, Menschen ein Vorbild sein usw. usf. – Sollte das alles nicht eintreten, dann habe ich entweder die Prinzipien nicht verstanden oder bin nicht konsequent genug gewesen. In diesem Falle also: bitte mehr Konsequenz. Bitte mehr Engagement. Bitte mehr desselben als sowieso unvermeidlich nötig.“

Die Idee hinter diesem „Rezept“ ist folgende: Jeder weiß, dass Effektivität von Engagement abhängt und Engagement von Enthusiasmus, starkem „positivem Bauchgefühl“ oder, wie es im Fachjargon heißt: „starkem positiven Affekt“. Bringt also mein bisheriges Engagement nicht die gewünschten Ergebnisse, dann sollte ich es wohl steigern, mich zu mehr Enthusiasmus anfeuern, meinen positiven Affekt stärken. Das ist natürlich nicht abwegig, aber es hat auch seine Grenzen.

„Mehr desselben“ – das ist eine Logik, die auch jede*n gut ausgebildete*n Coach, Berater*in oder Therapeuten*Therapeutin sofort hellhörig macht. Gewiss, auf den ersten Blick – wenn etwas nicht wirkt – war vielleicht die Dosierung nicht hoch genug? Allerdings gab es auch einmal eine Zeit, in der Mediziner*innen das viel zu bereitwillig annahmen, wenn beispielsweise irgendwelche Pharmaka oder Nahrungsergänzungen nicht die gewünschte Wirkung zeigten. Heute sind sie vorsichtiger.

Selbst wenn wir im Rahmen ganz simplen Alltagsdenkens bleiben, gelten zwei Feststellungen eigentlich als selbstverständlich:

a) Von nichts kommt nichts.

b) Man kann alles übertreiben.

Leider habe ich bei Studierenden immer wieder beobachtet, dass manche sich unter der Befolgung von sogenannten Erfolgsprinzipien nichts anderes als eine extreme Konkurrenz um begehrte, weil gut bezahlte, zukünftige Arbeitsplätze vorstellten. Gewinn / Gewinn-Denken, Empathie und Synergie waren dann beispielsweise nur noch Eintrittskarten in vorübergehende Zweckbündnisse. Damit einher ging eine völlig überzogene Angst vor Misserfolgen, depressive Reaktionen auf Rückschläge und unrealistische Anstrengungen, sich selbst zu demonstrieren, dass man kein „Loser“, kein „Opfer“ sei. Ich befürchte, dass ein Teil der Popularität von Resilienzkonzepten einem Bemühen um die Fortsetzung von Selbstoptimierungswahn mit anderen Mitteln zu verdanken ist. Denn zwar kommen beispielsweise Formulierungen wie „die Opferrolle verlassen“ (im Vokabular von Covey: pro-aktiv sein) auch in den meisten Charakterisierungen von Resilienz vor. Aber hat das dort wirklich dieselbe Bedeutung wie in den Aufzählungen von Prinzipien für Effektivität und Erfolg?

Ich glaube: Nein. Wenn pauschal alle Studierenden, die wegen „studienbedingter“ oder „persönlicher“ Probleme eine Beratung aufsuchen, erst einmal durch Trainingskurse für Selbstmanagement, Erfolgsprinzipien, Projektsteuerung und Teamarbeit geschleust werden würden, vermissten vielleicht einige danach keine andere Hilfe mehr (hoffentlich nicht aus Resignation). Andere dagegen, und ich vermute die meisten, würden sagen: Das sind alles nützliche Dinge, die ich ohnehin ständig schon zu üben versuche. Aber ich fühle mich manchmal umso ausgelieferter, je weiter ich das treibe!

Das mögliche Ausmaß Ihrer Effektivität bewegt sich also innerhalb von Grenzen. Innerhalb dieser Grenzen ist Steigerung sinnvoll machbar und kann zweckmäßig sein. Wird Ihre Effektivität nämlich zu wenig aktiviert, dann lässt Sie das in Passivität und Zögerlichkeit verharren. Steigern Sie hingegen Ihre Effektivität zu immer mehr Einsatz, kommen Sie irgendwann in den Bereich von Grenznutzen (immer mehr Einsatz erbringt immer weniger Zusatzwirkung) und damit von Selbstausbeutung.

In Abbildung 2.2 habe ich das sinnvolle Spektrum von Intensitätsstufen Ihrer Effektivität dargestellt; außerhalb davon (hinter den Begrenzungslinien rechts und links) liegen Unter- und Übertreibung (zu wenig des Nötigen / zu viel des Guten).

Abbildung 2.2: Effektivität zwischen „zu wenig“ und „zu viel“

2.2 Resilienz: Was schützt uns vor Verletzungen?

Genauso wie man Effektivität durch zu wenig und zu viel ad absurdum führen kann, gibt es auch ein zu wenig und zu viel unserer psychischen Immunisierung. Ist sie zu schwach, dann macht Sie das irritierbar und verletzlich. Ist sie übermäßig wirksam, dann werden Sie negativen Reizen nicht mehr angemessen gerecht: Sie setzen ihnen dann die Sorglosigkeit und Nachlässigkeit eines Menschen entgegen, der sich nur noch auf seine Erfahrungen verlässt, als bräuchte er keine mehr zu erwerben. Aber niemand entgeht der Notwendigkeit zu lebenslangem Lernen und niemand, auch mit noch so viel Resilienz, kann seiner Vulnerabilität irgendwann vollends entwachsen. Verletzlichkeit gehört zum Menschsein.

Abbildung 2.3: Resilienz zwischen „zu wenig“ und „zu viel“

Der Ausdruck „Problemfokus“ in Abbildung 2.3 bezieht sich darauf, Einzelheiten aus dem Ganzen unserer Wahrnehmungen „unter die Lupe“ zu nehmen und auf Unstimmigkeiten und Fehler zu überprüfen. Dieser Fokus wird natürlich verstärkt, je mehr Sie auf widrige Situationen und Bedingungen treffen. Resilienz ist nun die Kunst, die damit zusammenhängende Alarmiertheit möglichst wirksam herunterzufahren, indem Sie die aktuellen Probleme in eine Erweiterung Ihres Erfahrungsschatzes verwandeln.

So wie Effektivität mit starkem Engagement zusammenhängt, mit Enthusiasmus, „positivem Bauchgefühl“ oder „starkem positiven Affekt“, so beruht Resilienz auf einem Sich-Beruhigen und einem „schwachen negativen Bauchfühl“ oder wie es im Fachjargon heißt: auf einem schwachen negativen Affekt. Wenn es mir bisher nicht ausreichend gelungen ist, mich selbst zu beruhigen, dann kann es sinnvoll sein, das zu intensivieren, mehr loszulassen, meinen negativen Affekt noch weiter zu reduzieren. Aber wieder gilt: Nur, solange ich diese Selbstberuhigung nicht zum Selbstzweck mache und damit ad absurdum führe. (Ich komme im nächsten Kapitel noch ausführlicher darauf zurück.)

Der Begriff Resilienz ist sehr in Mode und wird entsprechend inflationär gebraucht. Dabei liegt auch nach einigen Jahrzehnten von Diskussion und Forschung keine unumstrittene Einigung darüber vor, wovon im Zusammenhang mit „Resilienz“ überhaupt die Rede ist. Unterschiedliche Auffassungen konkurrieren miteinander, von denen viele, wenn nicht die meisten, vor den Anforderungen wissenschaftlicher Forschung nicht bestehen können.

Zwar kann das auf Dauer nicht zufriedenstellen, aber trotzdem finde ich auch spannend, dass das Wort Resilienz statt eines allgemein eingebürgerten Konzeptes immer noch vor allem eine Fragestellung markiert. Jeder, der sich damit befasst, wird immer wieder auf die elementaren Ausgangsüberlegungen zurückgeführt und das Thema Resilienz würde kaum so viel Beachtung finden, wenn die Wirkung dieser Ausgangsüberlegungen nicht nach wie vor in hohem Maße inspirierend wäre.