Robert E. Park - Gabriela Christmann - E-Book

Robert E. Park E-Book

Gabriela Christmann

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Beschreibung

Robert Ezra Park (1864–1944) gilt als der Begründer der empirischen Stadtsoziologie und der humanökologischen Forschungsrichtung an der Universität Chicago (»Chicagoer Schule für Soziologie«). Er prägte den Begriff des ›kollektiven Verhaltens‹, widmete sich der Erforschung von Rassenbeziehungen und Kulturkonflikten und Setzte sich mit der Bedeutung von kommunikativen Vorgängen auseinander. Park formulierte die »melting pot«-Theorie multiethnischer Integration von Einwanderern in die Kultur eines Landes. Große Aufmerksamkeit schenkte Park dem Einfluss von Massenmedien, insbesondere der Nachrichtenkommunikation. Seine theoretischen Annahmen lösten lang anhaltende Fachdiskussionen und eine große Zahl empirischer Arbeiten aus. Bemerkenswert ist auch der von Park bevorzugte methodische Ansatz: Er vertrat die Auffassung, dass sich Soziologen mit den Lebensumständen und Lebensweisen der Beforschten aus nächster Nähe vertraut machen sollten und gilt daher auch als der Begründer der soziologischen Ethnographie. Gabriela Christmann führt in das Leben, das Werk und in die Wirkung von Robert E. Park ein und skizziert die ihn prägenden Einflüsse. Sie stellt Parks Hauptwerke vor und zeigt, dass sein Interesse den kulturellen Wissens- und Lebensformen in der modernen Gesellschaft galt.

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Seitenzahl: 206

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Klassiker der Wissenssoziologie

Herausgegeben von Bernt Schnettler

Die Bände dieser Reihe wollen in das Werk von Wissenschaftlern einführen, die für die Wissenssoziologie – in einem breit verstandenen Sinne – von besonderer Relevanz sind. Dabei handelt es sich vornehmlich um Autoren, zu denen bislang keine oder kaum einführende Literatur vorliegt oder in denen die wissenssoziologische Bedeutung ihres Werkes keine angemessene Würdigung erfahren hat. Sie stellen keinesfalls einen Ersatz für die Lektüre der Originaltexte dar. Sie dienen aber dazu, die Rezeption und das Verständnis des Œuvres dieser Autoren zu erleichtern, indem sie dieses durch die notwendigen biografie- und werkgeschichtlichen Rahmungen kontextualisieren. Die Bücher der Reihe richten sich vornehmlich an eine Leserschaft, die sich zum ersten Mal mit dem Studium dieser Werke befassen will.

»Thomas Luckmann« von Bernt Schnettler

»Marcel Mauss« von Stephan Moebius

»Alfred Schütz« von Martin Endreß

»Anselm Strauss« von Jörg Strübing

»Robert E. Park« von Gabriela Christmann

»Erving Goffman« von Jürgen Raab

»Michel Foucault« von Reiner Keller

»Karl Mannheim« von Amalia Barboza

»Harold Garfinkel« von Dirk vom Lehn

»Émile Durkheim« von Daniel Šuber

»Claude Lévi-Strauss« von Michael Kauppert

»Arnold Gehlen« von Heike Delitz

»Maurice Halbwachs« von Dietmar J. Wetzel

»Peter L. Berger« von Michaela Pfadenhauer

Weitere Informationen zur Reihe unter www.uvk.de/kw

Meinem Lehrer Thomas Luckmann

Inhalt

Einleitung

I Robert Ezra Park: Über das Leben eines »intellektuellen Vagabunden«

II Prägende Einflüsse

III Die ›grüne Bibel‹: Das Einführungswerk in die Soziologie von Park & Burgess

IV Masse, Publikum und kollektives Verhalten

V Kommunikation und Kultur

VI Humanökologie und Lebensformen in der Stadt

VII Kulturkonflikte: Immigranten, Rassen und der ›marginal man‹

VIII Methodischer Ansatz

IX Wirkung

Literatur

Zeittafel

Personenindex

Sachindex

Einleitung

Robert Ezra Park (1864– 1944) war einer der prominentesten amerikanischen Soziologen seiner Zeit. Von 1923 bis 1934 war er eine herausragende Figur des Department of Sociology and Anthropology der Universität Chicago, das damals weit über die Vereinigten Staaten hinaus eine führende Rolle im Fach spielte und dessen Lehrkörper man später als die ›Chicago School‹ der Soziologie bezeichnen sollte (vgl. Plummer 1997a). Park leistete einen beträchtlichen Beitrag dazu, dass die Chicago School so einflussreich werden konnte.

Auf verschiedenen Gebieten der Soziologie trat Park durch viel beachtete Artikel hervor. Seine theoretischen Konzepte lösten lang anhaltende Fachdiskussionen und eine große Zahl empirischer Arbeiten aus. Er leitete und begleitete zahlreiche Forschungsprojekte auch außerhalb der Universität, und er bekleidete diverse Ämter.

Zusammen mit Burgess brachte Park die monumentale Introduction to the Science of Sociology (1928[1921]) heraus. Die Einführung wurde als das erste bedeutende Grundlagenwerk der Soziologie in den USA gefeiert. Die Autoren formulierten die Ziele für das sich konstituierende Fach, klärten zentrale soziologische Grundbegriffe und stellten Schlüsseltexte bedeutender Autoren zusammen. Das Werk ging als ›die grüne Bibel‹ in die amerikanische Soziologiegeschichte ein.

Park gilt als der Begründer der empirischen Stadtsoziologie und der humanökologischen Forschungsrichtung. Er prägte den Begriff des ›kollektiven Verhaltens‹. Wie kaum ein anderer (weißer Mann) widmete er sich der Erforschung von Rassenproblemen und Kulturkonflikten. Vor dem Hintergrund einer langjährigen Journalistentätigkeit setzte sich Park zudem mit der Bedeutung von kommunikativen Vorgängen, insbesondere mit dem Einfluss von Massenmedien, auseinander. Seine Reflections on Communication and Culture (1950e[1938]) wurden indes nur wenig beachtet, obwohl sie für die moderne Wissenssoziologie wie auch für die Kultursoziologie von Interesse sein könnten.

Bemerkenswert ist der von Park bevorzugte methodische Ansatz. Park vertrat die Auffassung, dass sich Soziologen mit den Lebensumständen und Lebensweisen der Beforschten aus nächster Nähe vertraut machen sollten. Unermüdlich forderte er seine Schüler zu Beobachtungsgängen ›im Feld‹ auf. Dies waren die Anfänge der soziologischen Ethnografie und der qualitativen Sozialforschung.1

Park war auch ein außergewöhnlich engagierter Lehrer. Er verstand es, Studierende für die Soziologie zu begeistern. Mehr noch: Aus seiner Schule gingen bedeutende Vertreter der amerikanischen Soziologie hervor, darunter Herbert Blumer, Everett C. Hughes und Louis Wirth (vgl. auch Kap. IX).

Vor diesem Hintergrund darf Park mit Fug und Recht als ein soziologischer »Klassiker« gelten. Dies ist vor allem für die amerikanische Soziologie der Fall (vgl. v. a. Bogardus 1960, Odum 1969, Coser 1971). Inzwischen wird Park zwar auch im deutschsprachigen Raum als Klassiker der Soziologie behandelt (vgl. dazu Lindner 2002).2 Lange Zeit fand sein Werk aber hier zu Lande nur eine sehr geringe Beachtung. Erst seit den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts ist eine stärkere Rezeption beobachtbar. Lindner, der eine Wiederentdeckung Parks konstatiert, beschreibt die Rezeptionssituation speziell für den deutschsprachigen Raum so: »Für Deutschland scheint es sogar angemessen, von seiner eigentlichen, über den sozialökologischen Komplex hinausgehenden Entdeckung zu sprechen. Dass Park plötzlich so aktuell ist, hat sicherlich viel mit der (lange übersehenen) Modernität von Park zu tun« (Lindner 2000: 555; Hervorh. G. C.).

1Die ersten Anfänge waren – nach unseren heutigen Kriterien – unter methodischen Gesichtspunkten zunächst noch unausgereift. Später wurde das methodische Vorgehen zunehmend verfeinert (vgl. Kap. VIII).

2Immerhin legte Park – der vier Jahre lang in Deutschland studiert und bei Wilhelm Windelband promoviert hatte – seine Dissertation Masse und Publikum (1904) in deutscher Sprache vor. Von den übrigen Schriften existieren (bis auf zwei Ausnahmen) keine deutschen Übersetzungen. Einzig der Band Pöttkers (2001: 280–296 und 300–310) enthält zwei übersetzte Beiträge. Es handelt sich um die Aufsätze Natural History of the Newspaper (1955i) und News and the Power of the Press (1955k).

Im vorliegenden Band sind alle ins Deutsche übertragenen Zitate Übersetzungen der Verfasserin.

In unseren Tagen werden besonders das ›Marginal-Man‹-Konzept und der stadtsoziologische Forschungsansatz (wieder) entdeckt.3 Was Parks Bedeutung im Bereich der Kommunikationsforschung angeht, so ist man sich dieser eher in der Kommunikationswissenschaft als in der Soziologie bewusst. Seit dem Erscheinen des von Pöttker (2001) herausgebrachten Buches mit dem Untertitel Klassiker der Sozialwissenschaft über Journalismus und Medien wird Park auch in der deutschen Kommunikationswissenschaft als »Klassiker« behandelt.

Dennoch sind systematische Einführungen in das Gesamtwerk Parks im deutschsprachigen Raum rar (vgl. Nelissen 1973, Baker 1981, Lindner 2002). Sie liegen ausschließlich in Form von Aufsätzen vor und fallen daher zwangsläufig kurz aus. Der vorliegende Band ist die erste deutschsprachige Einführung in das Gesamtwerk, die als Monographie erscheint und auf wissenssoziologische Aspekte aufmerksam macht.

Bevor zentrale Inhalte des Werkes vorgestellt werden (Kap. III bis IX), werden wir uns im ersten Kapitel mit Parks Biografie und im zweiten mit den vielfältigen Einflüssen beschäftigen, die das Werk prägten.

3Die vorzüglichen Arbeiten von Makropoulos (1988, 1996, 1997, 2004), Lindner (1990, 1994, 1998) und Neckel (1997) sollen besonders hervorgehoben werden.

I     Robert Ezra Park: Über das Leben eines »intellektuellen Vagabunden«

Robert Ezra Park wird am 14. Februar 1864 in Harveyville im Bundesstaat Pennsylvania geboren.1 Bald nach der Rückkehr des Vaters, Hiram Asa Park, aus dem Bürgerkrieg, zieht die Familie nach Red Wing in Minnesota. Dort versucht der Vater sein Glück als Kaufmann im Getreidegroßhandel. Die Geschäfte laufen gut, und so bringt es Hiram Park nach und nach zu Wohlstand und Ansehen. Die Mutter, Theodosia Warner Park, ist Lehrerin. Sie liebt die Literatur und die schönen Künste. Parks Großväter – Dr. Ezra Park und Dr. Simon Warner – sind beide Ärzte.

Die Kindheit verbringt Park in der am Mississippi gelegenen Kleinstadt Red Wing. In dem damals noch sehr dünn besiedelten Gebiet ließen sich vorwiegend Neuengländer und skandinavische Einwanderer nieder. Zu den aus Skandinavien stammenden Siedlern hat Park enge Kontakte. Sein Kindermädchen und seine besten Spielkameraden sind norwegische Immigranten.

Als Park 1882 im Alter von 18 Jahren die High School absolviert hat, wo er seine Liebe für das Schreiben entdeckte, verlässt er das Elternhaus. Er hat beschlossen, Ingenieur zu werden, also schreibt er sich an der damals noch sehr kleinen und unbedeutenden State University of Minnesota für das Ingenieurstudium ein. Dies geschieht gegen den Willen des Vaters, der ihn gerne im Lebensmittelhandel gesehen hätte.

Park muss jedoch feststellen, dass ihm das Studium der Ingenieurwissenschaft nicht zusagt. Nach einem Jahr bricht er das Studium ab. Er wechselt 1883 nach Ann Arbor an die University of Michigan, die zu jener Zeit neben Harvard zu den renommiertesten Universitäten der Vereinigten Staaten zählt. Dort studiert er die Fächer Philosophie, Philologie und Geschichte – unter anderem bei John Dewey,2 der einen großen Einfluss auf ihn gewinnen sollte. Im Jahre 1887 erwirbt Park den Grad des Bachelor of Philosophy.

Obgleich das Studium ihn in intellektueller Hinsicht inspirierte, strebt Park keine akademische Laufbahn im Fach Philosophie an. Im Gegenteil: Es drängt ihn hinaus aus dem Elfenbeinturm, hinaus ins wirkliche Leben. Er möchte einen praktischen Beruf ergreifen. So wird Park beim Minneapolis Journal als Journalist tätig.

Schon bald beginnt ihn die große Stadt New York zu reizen, die damals nicht nur Journalisten magisch anzog. Doch erst 1892 kann er seinen Traum von New York verwirklichen. Park arbeitet als Gerichts- und Polizeireporter für das New York Morning Journal. Nebenbei schreibt er für die Sonntagszeitung New York World. Dies ist eine Zeit, in der Park beobachtend und recherchierend durch die Straßen New Yorks zieht, stets auf der Suche nach einer Story. Park selbst sagte rückblickend dazu: »Im Wesentlichen widmete ich mich […] der Erkundung und Beschreibung des Lebens in der Stadt. […] Diese Tätigkeit bedeutete den Beginn meines Interesses an der Soziologie, obschon ich damals das Wort noch gar nicht kannte.« (Baker 1981: 259f.)

Die journalistische Tätigkeit ist ganz nach seinem Geschmack. Nicht nur, weil er seiner Neugier in Bezug auf Menschen und menschliche Lebensverhältnisse nachgehen kann, sondern auch, weil ihm das Beobachten, Recherchieren und Schreiben liegen. Freilich ist er auch von Idealen getragen. Er möchte mit seinen Reportagen Probleme aufzeigen. Vor allem möchte er auf die sozialen Hintergründe von Problemlagen aufmerksam machen. In gewisser Hinsicht will er auch Veränderungen herbeiführen. Allerdings setzt Park den Akzent deutlich auf das Aufzeigen und Analysieren von sozialen Problemen, nicht auf das Verändern. Er geht davon aus, dass gesellschaftliche Probleme erst dann gelöst werden können, wenn man ein genaues Wissen über sie erlangt hat. Für moralinsaure Reformer hat er gar nichts übrig.

Im Jahre 1892 lernt Park seine zukünftige Frau, Clara Cahill, kennen. Sie ist die älteste Tochter einer sehr vornehmen und prominenten Familie in Michigan. Ihr Vater ist Richter am Supreme Court. Park und Clara Cahill heiraten 1894. Park ist zu diesem Zeitpunkt dreißig Jahre alt. Aus der Ehe gehen vier Kinder hervor. Durch Clara Cahill Park, die sich mit dem russischen Nihilismus und der Revolution auseinandersetzt, wird Parks Interesse für Massenbewegungen und kollektives Verhalten geweckt.

Da die Berufsaussichten von Journalisten in New York auf Dauer nicht gut sind – nur allzu schnell werden sie durch aufstrebende jüngere Kollegen ersetzt –, entschließt sich Park, New York zu verlassen. Das fällt ihm nicht leicht, denn nach wie vor ist er fasziniert von dem bunten Treiben in dieser Stadt. Zunächst geht Park nach Detroit, später nach Chicago; nacheinander ist er für die Detroit Tribune, die Detroit News und später für das Chicago Journal tätig. In dieser Zeit macht sich bei Park zunehmend Unzufriedenheit breit. Der Journalistenberuf konnte ihm nichts Neues mehr geben. Sein Interesse für Abstraktionen und theoretische Konzepte, das während seiner praktischen Berufstätigkeit nie ganz verschwunden war, lebte nun auf.

Park nimmt Kontakt zu seinem früheren Lehrer Dewey auf, der ihn mit Franklin Ford bekannt macht. Ford, ein früherer Pressemann, ist ein Visionär. Mit der Unterstützung von Dewey beabsichtigt er, einen neuen Zeitungstyp herauszubringen. Man hat auch schon einen Namen für die geplante Zeitung gefunden. Nach dem gleichen Muster wie Börsenzeitungen über Aktienkurse berichten, sollen die Thought News über Trends der öffentlichen Meinung informieren. Dahinter steht die Auffassung, dass mit der Analyse und der kommunikativen Vermittlung von gesellschaftlichen Entwicklungstrends die Organisation der Gesellschaft optimiert werden kann. Das Unternehmen entspricht den Vorstellungen Parks. Er ist beeindruckt von dem Vorhaben. Gerne will er sich daran beteiligen, denn schon seit Längerem ist er der Meinung, dass das Nachrichtenwesen in hilfreicher Weise dazu dienen kann, gesellschaftliches Wissen zu organisieren. Doch das Projekt scheitert. Ein wesentlicher Grund für den Misserfolg ist, dass die Instrumente der Meinungsforschung noch unterentwickelt sind.

Park arbeitet in seinem Beruf noch einige Jahre weiter, bis er sich im Jahre 1898 dazu entscheidet, seine akademische Ausbildung in Harvard fortzusetzen. In finanzieller Hinsicht wird das Vorhaben nun tatkräftig von Parks Vater unterstützt. Es beginnt eine neue Lebensphase, die Park rückblickend als die eines »intellektuellen Vagabunden« interpretierte: »Mein Programm bestand darin, mir das anzusehen und das zu erkennen, was man das Leben nennt.« (Baker 1981: 259) Freilich hat Park auch ein konkretes Forschungsziel: Er tritt an, um den Zusammenhang von Kommunikation (insbesondere von Nachrichtenkommunikation), öffentlicher Meinung und Gesellschaft zu untersuchen. Zu seinen Lehrern in Harvard gehören die Philosophen William James, Josiah Royce und George Santayana wie auch der Psychologe Hugo Münsterberg. Den Grad des Master of Arts in Philosophie erhält Park 1899.

Da sich Park von einem Studienaufenthalt in Deutschland neue Anregungen verspricht, reist er Ende 1899 – weiterhin von seinem Vater unterstützt – mit seiner Familie nach Berlin. An der dortigen Friedrich-Wilhelms-Universität hört Park ein Semester lang den Soziologen Georg Simmel und den Philosophen Friedrich Paulsen. Über eine Abhandlung des Windelband-Schülers Bogdan Kistiakowski wird Park auf Wilhelm Windelband aufmerksam. Schon im Herbst 1900 verlässt er Berlin, um zu Windelband nach Straßburg zu gehen, wo er außerdem den Nationalökonomen Georg Friedrich Knapp und den Geografen Georg Gerland hört. Als Windelband 1903 nach Heidelberg wechselt, folgt ihm Park nach, um seine Dissertation – Masse und Publikum. Eine methodologische und soziologische Untersuchung – bei ihm voranzubringen. Der Titel zeigt an, dass Park zu dieser Zeit anfing, sich für das akademische Fach Soziologie zu interessieren. Simmel hat offensichtlich Spuren hinterlassen. In Heidelberg hört Park zudem den Geografen Alfred Hettner.

Ende des Jahres 1903 kehrt Park in die Vereinigten Staaten zurück. Er lässt sich mit seiner Familie in Wollaston, Massachusetts, nieder, überarbeitet seine Dissertation für die Buchpublikation und ist etwa ein Jahr lang als Assistent bei Münsterberg in Harvard tätig.

Im Jahre 1903 wird Park zum Doktor der Philosophie promoviert, und die Dissertation erscheint 1904 bei einem Schweizer Verlag. Obwohl dies Anlass zur Freude hätte geben müssen, ist Park im Hinblick auf seine Karriere ausgesprochen unzufrieden. Er ist nun schon vierzig Jahre alt und kann nicht mehr als nur ein kleines Buch vorweisen. Enttäuscht ist er auch darüber, dass ihm das Studium der Philosophie nicht das gegeben hat, was er sich erhoffte. Deshalb kommen ihm Zweifel, ob das akademische Leben das Richtige für ihn ist. Wieder einmal fühlt er sich vom richtigen Leben und der praktischen Tätigkeit angezogen. Daher kann ihn auch ein Angebot für einen Lehrauftrag im Fach Soziologie nicht mehr locken. Der Soziologe Albion W. Small, Chairman am Department of Sociology der Universität Chicago (Park lernte ihn über seinen Schwiegervater kennen), unterbreitete ihm dieses Angebot. Park sollte die Möglichkeit erhalten auszuprobieren, ob ihm die Soziologie und die Tätigkeit in der Lehre liegen. Doch vorerst kommt es nicht dazu.

Park hat inzwischen Kontakt zu Mitgliedern der Congo Reform Association aufgenommen, die gegen die Unterdrückung und Ausbeutung des Kongo durch König Leopold II. von Belgien kämpfen. Aufgrund der Erfahrungen, die Park im Journalismus vorweisen kann, setzt man ihn als Ersten Sekretär und als Leiter der Öffentlichkeitsarbeit ein. Seine Aufgabe besteht darin, die Öffentlichkeit über die Situation im Kongo zu informieren. Der öffentliche Druck auf Leopold II. sollte verstärkt werden. Eine Zeit lang lässt sich Park zum moralischen Aktivismus hinreißen. Später distanziert er sich davon, denn eigentlich liegt ihm die sachliche Analyse von gesellschaftlichen Umständen am Herzen. Daher plant er, nach Afrika zu reisen, um sich ein genaues Bild vor Ort zu verschaffen.

Im Rahmen seiner Tätigkeit für die Congo Reform Association lernt Park auch den afroamerikanischen Bürgerrechtler Booker T. Washington kennen, der ihm vorschlägt, erst einmal die Situation von Schwarzen im eigenen Land zu untersuchen. Washington ist der Begründer des – sehr erfolgreich arbeitenden – Tuskegee Normal and Industrial Institute, dem man zu dieser Zeit in den Vereinigten Staaten große Aufmerksamkeit schenkt. Das Konzept des Instituts besteht darin, die Situation von Afroamerikanern durch Bildung und die Vermittlung von technischen Fertigkeiten zu verbessern. Durch Lehrgänge werden die Teilnehmer und Teilnehmerinnen auf Tätigkeiten vorbereitet, die in der modernen Industriegesellschaft gefragt sind. Washington lädt Park nach Tuskegee, Alabama, zu einem Erkundungsbesuch ein. Noch bevor Park die Einladung wahrnimmt, bietet ihm Washington außerdem eine Stelle an. Park sollte sein persönlicher Assistent werden und sich um die Öffentlichkeitsarbeit kümmern. Park besucht Tuskegee und nimmt die Stelle 1905 versuchsweise an. Den Plan, in den Kongo zu reisen, hat er zu diesem Zeitpunkt nämlich noch nicht aufgegeben. Gerne hätte er die Arbeitsweise der christlichen Missionsschulen im Kongo untersucht. Doch in Tuskegee bieten sich ungeahnte Möglichkeiten. Bis dahin kannte er die Lebenssituation von Schwarzen nur aus Büchern, nun kann er das Leben von Afroamerikanern aus nächster Nähe entdecken. Er führt unzählige Gespräche mit den Menschen vor Ort und registriert mit großem Interesse, wie die Lokalzeitungen das Leben in der Region darstellen. Park selbst äußert sich folgendermaßen dazu: »Ich bereiste den gesamten Süden und steckte meine Nase in jede Ecke, in der es irgendetwas lehrreich oder interessant Scheinendes gab.« (Baker 1981: 266) Schließlich gibt Park seine Pläne für die Afrikareise auf.

Den Höhepunkt seiner Tuskegee-Tätigkeit stellt eine Studienreise durch Europa dar, die Park im Jahre 1910 für Washington organisiert und mit ihm zusammen durchführt. Die Erkenntnisse dieser Reise wurden in dem – von Washington in Kooperation mit Park verfassten – Buch The Man Farthest Down (1918[1912]) festgehalten.

Nachdem Park sieben Jahre in den Südstaaten tätig war, kommt es zu einer erneuten Wende in seinem Leben. Während des gesamten Zeitraums blieb seine Familie in Massachusetts wohnen. Park besuchte sie zwar regelmäßig in den Sommermonaten, doch dieser Zustand war auf Dauer unbefriedigend.

Als Park 1912 eine internationale Konferenz in Tuskegee organisiert und im Namen Washingtons William I. Thomas zum Vortrag einlädt, sollte dies einige Zeit später eine entscheidende Veränderung herbeiführen. Thomas ist zu jenem Zeitpunkt Professor für Soziologie an der University of Chicago. Park hatte mit großem Interesse einige seiner Schriften gelesen und teilte in fast allen Punkten seine Auffassung. Im Schriftverkehr mit Thomas ließ er es sich daher nicht nehmen, seine Werke zu kommentieren. So wurde Thomas neugierig auf Tuskegee. Erst in Tuskegee erfährt Thomas dann, dass Park und nicht Washington mit ihm korrespondiert hatte. Thomas ist von der Begegnung mit Park sehr angetan. Die beiden Männer verstehen sich auf Anhieb gut.

Bald nach dem Kongress entschließt sich Park dazu, die Arbeit in Tuskegee aufzugeben und zu seiner Familie in den Norden zurückzukehren. Schließlich dauert es nicht lange, bis Albion W. Small auf Initiative von Thomas ihm Ende 19133 einen Lehrauftrag zum Thema ›The Negro in America‹ an der University of Chicago anbietet. Park nimmt dieses Angebot gerne an. Zwar bricht er nicht abrupt mit Tuskegee – denn er fühlt sich sehr verbunden mit dem Institut, weshalb er auch noch kleinere Aufgaben übernimmt –, doch die Entscheidung, sich neuen Dingen zuzuwenden, ist endgültig.

Park ist nun regelmäßig am Chicagoer Department of Sociology als Lecturer tätig. Gleichzeitig entfaltet er eine rege Publikationstätigkeit. Nach und nach erarbeitet er sich eine Position am Department. Die Studierenden zeigen großes Interesse an seinen Veranstaltungen. Park hält es nunmehr für angebracht, seinen Wohnsitz nach Chicago zu verlegen. Intensive Kontakte pflegt er zu Thomas. Die beiden Männer verstehen sich ausgezeichnet und regen sich fachlich gegenseitig an. Auch in Fragen des methodischen Vorgehens harmonieren Thomas und Park. Als Thomas das Department im Jahre 1918 aufgrund eines »moralischen Fehltritts«4 verlassen muss, steht Park zu ihm.

Inzwischen sind Parks Publikationen über Rassenbeziehungen wie auch jene über die Stadt auf große Anerkennung in Fachkreisen gestoßen. Die Schriften machten ihn schnell bekannt. Albion W. Small, der immer noch Chairman des Department ist, befürchtet nun, dass Park von anderen Universitäten abgeworben werden könnte. Um ihn zu binden, bietet er ihm 1919 – im Rahmen der Stellung des Professorial Lecturer – zunächst eine höhere Vergütung an. Im Jahre 1923 erlangt Park schließlich die Position des Full Professor.

Obwohl Park zu diesem Zeitpunkt schon fast 60 Jahre alt ist, entfaltet er eine Vielzahl von Forschungsaktivitäten. In zahlreichen Projekten ist ihm sein Kollege Ernest W. Burgess ein verlässlicher Partner. Die beiden Wissenschaftler sind zwar sehr unterschiedlich, ergänzen sich aber hervorragend.

Park will auf der Basis empirischer Feldforschungen – vorzugsweise durch Beobachtungen, Dokumentenanalysen und Lebensgeschichten – fundierte Wissensbestände über gesellschaftliche Gegenstände aufbauen und allgemeine theoretische Konzepte entwickeln. Parks leidenschaftliches Interesse am großstädtischen Leben, das schon während seiner Journalistenzeit stark ausgeprägt war, entflammt aufs Neue. Da es nahe liegend ist, die Forschungsinteressen am Beispiel von Chicago zu verfolgen, wird die Stadt unversehens zum Forschungslaboratorium der Chicago School.

Gleichzeitig verfolgt Park die in Tuskegee begonnenen Forschungen über Rassenbeziehungen weiter. Zwischen 1929 und 1932 unternimmt er ausgedehnte Vortrags- und Studienreisen. Er bereist Hawaii, China, Indien, Afrika und Brasilien, wo er sich ein Bild von den dort vorherrschenden Rassenproblemen und Kulturkonflikten verschafft. An der Universität von Hawaii ist Park von 1931 bis 1932 als Research Professor tätig, darüber hinaus verbringt er einige Monate an der Universität in Peking.

Während seiner Zeit in Chicago füllt Park zahlreiche Ämter aus. Er ist Präsident der American Sociological Society, Präsident des National Community Center, Präsident der Chicago Urban League, Direktor des Race Relations Survey on the Pacific Coast, Beauftragter des Institute of Pacific Relations und Mitglied des National Social Science Research Council. Im Auftrag der Carnegie Corporation ist er ferner im Herausgeberkreis von Buchreihen zum Thema ›Immigration‹ tätig. Nicht zuletzt ist er Mitherausgeber mehrerer Fachzeitschriften.

Parks offizielle Emeritierung Ende des Jahres 1934 bedeutet nicht das Ende seiner wissenschaftlichen Tätigkeit. Er publiziert weiterhin, und er bietet Lehrveranstaltungen an: zunächst in Chicago, dann – nachdem er 1936 seinen Wohnsitz nach Nashville in Tennessee verlegt hat – an der Fisk University, die für die akademische Ausbildung von Afroamerikanern eingerichtet wurde.

Ende 1943 erleidet Park einen leichten Schlaganfall. Seither ist er nicht mehr in der Lehre tätig. Er pflegt jedoch weiterhin eine umfangreiche Korrespondenz mit ehemaligen Kollegen und Schülern. Park stirbt am 7. Februar 1944 in Nashville, genau eine Woche vor seinem 80. Geburtstag.

1Tiefe Einblicke in Parks Leben geben die Biografien von Matthews (1977) und Raushenbush (1979). Kürzere, aber ebenso interessante biografische Darstellungen findet man bei Johnson (1944), Coser (1971: 366–372), Nelissen (1973: 516-518), Cahnman (1978), H. MacGill Hughes (1980), E. C. Hughes (1984: 543–549), Makropoulos (1988: 10–14, 2004: 50–53) und Lindner (1990: 50–76, 2002: 214–216). Einen knappen biographischen Abriss geben Faris (1944), Burgess (1944b) und H. MacGill Hughes (1968).

  Darüber hinaus existieren zwei autobiographische Notizen. Den ersten Beitrag verfasste Park für einen von Luther L. Bernard geplanten Sammelband. Der Band sollte die Lebensgeschichten bedeutender amerikanischer Soziologen versammeln. Doch Bernard hatte sich zu viel vorgenommen. Der Band kam nie heraus. Baker (1974: 251–260, dt. 1981: 255–269) machte den autobiografischen Beitrag der Öffentlichkeit zugänglich. Den zweiten Beitrag fand man unter Parks Papieren, bald nachdem er verstorben war. Park hatte ihn während seiner Zeit an der Fisk University verfasst. Er wurde im ersten Band der Collected Papers veröffentlicht (Park 1950a-0: v–ix).

2Der Philosoph John Dewey (1859–1952) gilt als einer der Hauptvertreter des Pragmatismus (vgl. auch Kap. II, S. →f.).

3In der Literatur findet man widersprüchliche Angaben darüber, ab wann Park an der University of Chicago als Professorial Lecturer lehrte und ab wann er als Emeritus wirkte. Selbst die sorgfältigen Biografien von Matthews (1977) und Raushenbush (1979) liefern unterschiedliche Daten. Harveys (1987a: 223f.) Statistik, die den Personalbestand der Chicago School anhand von offiziellen Universitätsdokumenten rekonstruiert, zeigt, dass Park von 1914 bis 1922 als Professorial Lecturer, von 1923 bis 1934 als Full Professor und ab 1935 als Emeritus geführt wurde. Harvey weist allerdings auf einen Briefwechsel zwischen Park und Washington hin, der das Eintrittsdatum (1914) relativiert. Park berichtete nämlich Washington im Jahre 1914 stolz, dass er nunmehr doppelt so viele Studierende in seiner Veranstaltung habe als im Jahr zuvor (also 1913).

4Angeblich soll er in einem anderen amerikanischen Bundesstaat zusammen mit einer Dame ein Hotelzimmer unter falschem Namen gebucht haben, was man zur damaligen Zeit als skandalös ansah. Manche betrachten Thomas’ Entlassung als ein Komplott, »das sich gegen die politische und moralische Nonkonformität dieses Mannes richtete« (Joas 1988: 432).

II   Prägende Einflüsse

Die Einflüsse auf Parks Werk sind vielfältig.5 Park ließ sich von sehr unterschiedlichen theoretischen Konzepten anregen.6 Allerdings bevorzugte er Ansätze, die in der Lebenswirklichkeit nachvollziehbar sind. Seine Lehrer, die amerikanischen Pragmatisten William James und John Dewey, förderten diese Neigung. Simmels soziologisches Denken kam Park in dieser Hinsicht ebenfalls entgegen. Es steht außer Frage, dass Simmels Soziologie und der amerikanische Pragmatismus die bedeutendsten geistigen Quellen Parks waren. Da die Mitglieder der Chicago School in einem regen Austausch standen,7 erhielt Park auch von dieser Seite Anregungen,