Romantische Bibliothek - Folge 10 - Ina Ritter - E-Book

Romantische Bibliothek - Folge 10 E-Book

Ina Ritter

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Beschreibung

Gerda Komtess von Guttauen hat alles, was ein Mensch sich wünschen kann. Sie lebt auf einem herrlichen Schloss und besitzt mehr Geld, als sie im Leben ausgeben kann. Außerdem hat sie einen wunderbaren Verlobten und ihre beste Freundin, Birgitt Baroness von Auenstein, auf die sie sich immer verlassen kann. Kein Wunder, dass sie stets strahlend durchs Leben geht. Doch das soll sich sehr bald ändern ... Birgitt traut ihren Augen kaum, als sie Gerdas Verlobten, Harald von Feldhausen, bei einem innigen Kuss mit einer fremden Frau erwischt. Sofort berichtet sie der Freundin davon, die Verlobung zerbricht, und mit ihr Gerdas Träume. In den folgenden Wochen erkennen die Angestellten des Gutes Guttauen ihre Herrin kaum wieder. Kalt ist sie geworden. Kalt und herzlos. Doch niemand ahnt, wie es in der einsamen Komtess wirklich aussieht ...

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Seitenzahl: 175

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Inhalt

Cover

Impressum

Du hast kein Herz, Komtess

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: shutterstock/Grischa Georgiew

E-Book-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-1647-6

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Du hast kein Herz, Komtess

Ein Liebesroman, der Sie erschüttert

Von Ina Ritter

Gerda Komtess von Guttauen hat alles, was ein Mensch sich wünschen kann. Sie lebt auf einem herrlichen Schloss und besitzt mehr Geld, als sie im Leben ausgeben kann. Außerdem hat sie einen wunderbaren Verlobten und ihre beste Freundin, Birgitt Baroness von Auenstein, auf die sie sich immer verlassen kann. Kein Wunder, dass sie stets strahlend durchs Leben geht. Doch das soll sich sehr bald ändern …

Birgitt traut ihren Augen kaum, als sie Gerdas Verlobten, Harald von Feldhausen, bei einem innigen Kuss mit einer fremden Frau erwischt. Sofort berichtet sie der Freundin davon, die Verlobung zerbricht, und mit ihr Gerdas Träume.

In den folgenden Wochen erkennen die Angestellten des Gutes Guttauen ihre Herrin kaum wieder. Kalt ist sie geworden. Kalt und herzlos. Doch niemand ahnt, wie es in der einsamen Komtess wirklich aussieht …

„Weißt du eigentlich, wie sehr du zu beneiden bist?“, fragte Birgitt von Auenstein ihre Freundin Gerda. In ihrer Stimme klang kein Neid mit, nur ein wenig Traurigkeit. „Ich verstehe, dass Harald von Feldhausen dich liebt. Ihr beide passt zueinander. Ach, ich wünschte nur …“

Birgitt brach ab, aber Gerda wusste auch so, was sie hatte sagen wollen. Ihre Freundin war hübsch, aber neben ihr selbst verblasste sie. Und Harald war ein Mann, für den das Beste gerade gut genug war.

„Ihr beide werdet bestimmt sehr glücklich“, fuhr Birgitt mit zuckenden Lippen fort. „Und wenn irgendein Mensch solch ein Glück verdient hat, dann bist du es. Du bist nicht nur schön, du hast auch das beste Herz der Welt …“

Gerda errötete, und auf seltsame Art und Weise wirkte sie dadurch noch schöner und anziehender. In jungmädchenhafter Verwirrung schlug sie die Augen nieder.

„Du übertreibst“, wehrte sie Birgitts Lob bescheiden ab. „An mir ist nichts Besonderes. Ich … ich liebe ihn nur so sehr.“ Harald … Es genügte schon, an ihn zu denken, um alles andere in den Hintergrund treten zu lassen. „Jetzt wollen wir aber wirklich nach unten gehen, sonst wird Harald noch böse.“

„Dir wird niemals jemand böse sein können“, erwiderte Birgitt, und sie meinte es in vollem Ernst. „Du hast etwas an dir, was alle Herzen gewinnt. Es ist nicht nur deine Schönheit, es ist etwas anderes. Man spürt wohl, dass du ein gutes Herz hast …“

„Kleine Schmeichlerin.“ Gerda lachte. „Nur weil ich dich nach dem Tode der Eltern bei uns aufgenommen habe, glaubst du, ich sei ein kleines Wundertier. Dabei bin ich nur egoistisch. Ich mag dich so gern, und es ist schön, einen Menschen um sich zu haben, mit dem man über alles sprechen kann. Als Mutter noch lebte …“

Ein Zug des Schmerzes legte sich um ihren schön geschwungenen Mund.

Birgitt wusste, was in ihr vor sich ging, denn auch sie hatte Gerdas Mutter gekannt.

„Nun hast du ja Harald, er wird dir die Eltern ersetzen“, erinnerte sie. „Lass uns nach unten gehen, bevor er die Geduld verliert. Verlobung feiert man nur einmal.“

Die beiden jungen Damen, jede in ihrer Art eine unverwechselbare Persönlichkeit, verließen den entzückenden Ankleideraum. Auch Birgitt trug ein kostbares Kleid, ein Geschenk ihrer Freundin.

Mamsell Dörthe stand in der Halle und schien auf sie zu warten. Zur Feier des Tages trug sie ein schwarzes Seidenkleid, und nur ihre schneeweiße Schürze verriet, dass sie noch in der Küche zu tun hatte.

„Wie schön“, sagte sie andächtig, als Gerda die Treppe herunterkam. „Wenn das die Herrschaften noch erlebt hätten …“

Mit dem Schürzenzipfel fuhr sie sich verstohlen über die Augen. Sie wollte ja nicht weinen, denn schließlich war heute ein Freudentag für alle im Schloss.

„Wo ist Herr von Feldhausen?“, fragte Gerda. „Sein Wagen steht doch draußen.“

„Er ist im kleinen Salon. Ein Herr wollte ihn noch sprechen, gnädiges Fräulein. Es schien sehr dringend zu sein, sicherlich kommt er gleich wieder.“

„Ich werde ihn holen.“ Gerda drückte im Vorbeigehen einen liebevollen Kuss auf Dörthes rechte Wange.

Sie ging über einen endlosen langen Flur, von dem viele Türen in die Gastzimmer führten. Das Schloss hatte geradezu riesige Ausmaße, wirkte aber dennoch gemütlich und anheimelnd.

Vor der Tür des kleinen Salons blieb sie mit klopfendem Herzen einen Moment stehen. Sie hörte Stimmen und merkte erst jetzt, dass die Tür nicht ganz geschlossen war. Sie wollte nicht lauschen, hob schon die Hand, um die Klinke zu packen, und zögerte dann noch.

Die beiden Herren im Salon sprachen von ihr. Unverkennbar war Haralds Stimme, ein volles, dunkles Organ, das sich in jedes Ohr einschmeichelte. Im Augenblick allerdings klang seine Stimme gereizt und ärgerlich.

„Sowie ich erst verheiratet bin, bekommen Sie Ihr Geld, Schulze. Ich habe Ihnen doch schon hundert Mal gesagt, dass ich im Augenblick abgebrannt bin.“

„Gut und schön, aber ich weiß nicht, ob ich mich auf Ihr Wort verlassen kann. Wann wollen Sie denn überhaupt heiraten?“

„So bald wie möglich. Und dann verfüge ich über einige Millionen, wie Ihnen bekannt sein dürfte. Stellen Sie sich nicht so knauserig an, mein Lieber. Ich mag so etwas nicht.“

„Immerhin schulden Sie mir jetzt fünfzigtausend Mark. Das ist kein Pappenstiel, Graf.“

„Wenn ich erst verheiratet bin, bekommen Sie es mit Zinsen zurück.“

Gerda hörte die fremde Stimme lachen. Sie hatte unwillkürlich beide Hände gegen ihr wild klopfendes Herz gedrückt. Totenbleich war ihr schönes Gesicht, die Augen wirkten größer als sonst.

„Das glaube ich Ihnen gern, Graf. Aber wenn die Komtess es sich noch einmal überlegt …“

„Unsinn, sie liebt mich. Sie hat es mit der Heirat genauso eilig wie ich. Ehrlich gesagt, ich finde es unverschämt, dass Sie mich ausgerechnet am Tage meiner Verlobung belästigen.“

„Das ist vielleicht nicht das richtige Wort. Bitten Sie doch Ihre Braut um einen kleinen Vorschuss, Graf. Schließlich weiß sie ja, dass Sie kein vermögender Mann sind. Oder haben Sie ihr eingeredet, Sie heiraten nur aus Liebe?“

„Hüten Sie Ihre Zunge. Selbstverständlich liebe ich meine Braut auch. Es ist schwer, sie nicht zu lieben, das sollten Sie eigentlich wissen. Ich denke nicht daran, mich vor Gerda zu demütigen. Wenn Sie mir nichts leihen wollen, finde ich bestimmt jemanden, der nicht so engstirnig ist.“

Er liebt mich, dachte Gerda, ihm kommt es nicht auf mein Geld an, er liebt mich. Ich habe es selbst gehört.

Das sagte sie sich, aber ihr Ohr hatte den Klang seiner Stimme aufbewahrt, als er es sagte: Er liebte sie auch …

Ob er sie ebenfalls heiraten würde, wenn sie arm wäre? War sie die eine, die einzige Frau, die für ihn infrage kam? Oder dachte er in erster Linie an ihr Geld?

Gerda schämte sich ihrer Zweifel sofort, denn zu ihrer ehrlichen, gradlinigen Natur passten solche Überlegungen überhaupt nicht. Sie vertraute den Menschen und hatte es noch niemals zu bereuen gehabt. Gerda konnte sich nicht erinnern, jemals enttäuscht worden zu sein.

Ihr Herz suchte und fand tausend Entschuldigungen für den Mann, den sie liebte. Sie klopfte kurz an die Tür, öffnete sie und trat ein.

Der Besucher war ihr fremd, ein kurzbeiniger, untersetzter Mann, der aussah, als sei sein Kopf ohne Hals direkt auf seinem Rumpf aufgesetzt worden.

Verwirrt sprang er auf, während Harald von Feldhausen seine überlegene Ruhe auch jetzt nicht verlor.

Gerda beobachtete ihn schärfer als sonst, eine Spur Misstrauen lag, ihr selbst unbewusst, in ihrem Blick. Aber sie fand nichts, was diesem Misstrauen Nahrung gegeben hätte.

Harald erhob sich, trat auf sie zu und legte behutsam seine Hände auf ihre Schultern.

„Wie schön du wieder bist“, sagte er innig, und seine Augen strahlten. „Ich kann es manchmal gar nicht fassen, dass du mich erhört hast, Liebes. Ach, verzeih, ich vergaß ganz, dir diesen Herrn vorzustellen.“

Gerda schaute den Besucher an. Der Fremde schien sich in seiner Haut gar nicht wohlzufühlen und wich ihrem offenen Blick verlegen aus.

Er verneigte sich eckig und ungeschickt.

„Schulze, mein Name“, murmelte er. „Ich möchte nicht länger stören …“ Er griff fahrig nach seinem Hut und lief auf seinen kurzen Beinen hinaus.

„Ein seltsamer Geselle.“ Graf Feldhausen lächelte. „Jetzt endlich darf ich dich küssen. Gerda, ich bin so glücklich, dass es dich gibt.“

Er machte Miene, sie in den Arm zu nehmen und zu küssen, aber diesmal sträubte sich das Mädchen, das sich heute Abend mit ihm verloben würde.

„Wer war das?“, fragte sie heiser. Sie hörte selbst, dass ihre Stimme gepresst klang, und sie schämte sich dafür. Sie durfte ihm nicht misstrauen, das hätte nicht zu ihrer Liebe gepasst.

„Ein Herr Schulze, ein … Geldverleiher. Früher hätte man so etwas Wucherer genannt. Mach nicht solch entsetzte Augen, Kleines, mit solchen Leuten hast du nie etwas zu tun gehabt.“

„Aber du … wie kommst du nur …“

Harald von Feldhausen lachte verlegen. „Ich befand mich in einer vorübergehenden Zwangslage. Und dann fragt man nicht lange, wer einem das Geld leiht. Allerdings … dieser Schulze ist ein ganz übler Patron. Vergiss ihn, Liebes.“

„Wenn du Geld brauchst … du weißt, dass ich reich bin. Ich gebe es dir gern, Harald. Wie viel möchtest du haben?“ Gerdas Stimme klang ängstlich. Sie glaubte, der Mann müsse ihr Herz klopfen hören, so laut dröhnte es in ihrer Brust.

Wieder lachte der Mann, und sein Lachen klang froh und unbeschwert, als kenne er keine drückenden Sorgen.

„Dummchen“, sagte er weich und leise. „Glaubst du wirklich, ich würde einen Pfennig von dir annehmen, solange wir nicht verheiratet sind? Mach dir um mich keine Sorgen, ich komme schon durch. Die Hauptsache ist, dass du mich liebst.“

Gerdas Augen wurden feucht vor Glück. Sie war so stolz auf ihn, denn er hatte genau das geantwortet, was er auch sagen musste. Wahrscheinlich hätte sie ihn ein wenig verachtet, wäre er auf ihr Angebot eingegangen.

Sie schmiegte ihr Köpfchen an seine breite Brust.

„Es tut mir so leid, dass du dich mit solchen Leuten abgeben musst“, murmelte sie.

Harald strich leicht über ihr Haar.

„Heute ist unser Verlobungstag, und für mich ist es der glücklichste Tag meines Lebens“, sagte er und küsste ihr Ohrläppchen. „Wenn du mich nur liebst, weiter brauche ich nichts.“

Gerda schmiegte sich an ihn. Was für eine Rolle spielte es, dass Graf Feldhausen Geld von einem Wucherer leihen musste? Er liebte sie ja, das allein zählte. Kein anderer Gedanke hatte Platz in ihrem Kopf.

„Ich gebe dir Geld. Bitte, lehne es jetzt nicht ab, ich weiß ja, dass du es brauchst. Ich gebe dir hunderttausend Mark. Bitte, nimm es, ich will nicht, dass du dich vor Leuten wie diesem Schulze demütigen musst.“

„Das kann ich nicht annehmen“, protestierte Feldhausen heiser. Eine dunkle Röte war ihm ins Gesicht gestiegen. „Gerda, ich bin deines Vertrauens nicht wert. Du bist viel zu gut für mich.“

Das Mädchen lachte ihn aus. „Du bist zu gut für mich, Harald“, widersprach Gerda. „Was für einen Unsinn reden wir nur! Wir wollen die gute Dörthe nicht warten lassen“, sagte sie lächelnd. „Sie kann ganz böse werden, wenn ihr guter Kaffee kalt wird.“

Bevor Harald hinausging, zog er ihre Rechte an seine Wange.

„Herr Schulze ist noch nicht abgefahren“, brachte er verlegen hervor.

„Dann gehen wir erst in mein Arbeitszimmer.“ Gerda strahlte. Sie hatte den kleinen Hinweis sofort verstanden.

Was für eine Rolle spielten hunderttausend Mark schon für sie? Geld spielte in ihrem Leben überhaupt keine Rolle. Sie hatte genug davon. Was ihr fehlte, war die Liebe.

Seit zwei Jahren entbehrte sie die Liebe wie nichts anderes. Ihre Eltern hatten sie verwöhnt und in Liebe eingehüllt wie in einen schützenden Mantel, doch eine tückische Grippeepidemie hatte sie innerhalb einer Woche dahingerafft. Zuerst den Vater, aber schon eine Woche später war ihm die Mutter ins Jenseits gefolgt. Für sie hatte das Leben ohne den geliebten Gatten wohl keinen Sinn mehr gehabt.

„Genügen dir hunderttausend auch?“, fragte Gerda mit reizendem Eifer, als sie ihr Scheckbuch aus dem Schreibtisch holte. „Du kannst auch gern mehr haben, du brauchst es nur zu sagen.“

„Du beschämst mich. Wenn du mir hundertzwanzigtausend geben würdest …“ Der Mann verkrampfte die Hände ineinander. „Ich habe noch ein paar kleine Schulden. Man hat mir immer Kredit gegeben, und ich … ich war es nicht gewohnt, zu rechnen …“

Gerda war weit davon entfernt, ihm diese Schulden übelzunehmen. Sie war es ja auch nicht gewohnt zu rechnen. Wie konnte sie da erwarten, dass Harald jeden Pfennig herumdrehte, bevor er ihn ausgab?

Sie schrieb den Scheck aus. Er lautete auf einhundertfünfzigtausend Mark.

„Sprechen wir nie wieder davon“, sagte sie, als sie ihm das Formular zusammengefaltet übergab. „Aber nun geh nach unten, ich möchte es nicht mit unserer guten Dörthe verderben.“

„Gerda …“ Graf Feldhausen musste schlucken, bevor er ihren Namen über die Lippen brachte. „Du bist eine wundervolle Frau. Lass uns bald heiraten. Ich … ich brauche dich. Vielleicht schaffst du es, einen besseren Menschen aus mir zu machen.“

„Ich liebe dich so, wie du bist. Aber nun komm endlich, ich habe auch Hunger.“

„Ich auch“, sagte er, aber der Kaffee wurde tatsächlich kalt, bevor die beiden Arm in Arm auf die Terrasse traten.

Trotzdem war es ein schöner Tag. Und es wurde auch ein schöner Abend, als die Gäste kamen und das junge Paar beglückwünschten.

***

Dieses Frühjahr brachte eine Fülle warmer Tage. Gerda und Birgitt konnten fast immer auf der Terrasse frühstücken, und häufig nahmen sie sogar dort ihre Mittagsmahlzeit ein.

Ständiger Gast im Hause war natürlich Graf Feldhausen. Er hatte sich in einem Gasthaus der nahen Kleinstadt einquartiert, kam aber morgens zum zweiten Frühstück und blieb bis lange in den Abend hinein in dem feudalen Schloss.

Und genauso sonnig und warm wie die Tage draußen war auch die Stimmung im Hause. Gerda lachte eigentlich immer. Von ihr ging eine Fröhlichkeit aus, die jeden ansteckte.

Sogar Birgitt, die jetzt immer in die Stadt fuhr und dort in einer Privatschule Stenografie und Schreibmaschine lernte, wurde von ihrer Stimmung angesteckt. Die Arbeit fiel ihr schwer, aber solange Gerda so glücklich schien, konnte sie gar nicht anders, als gern zu arbeiten. Sie tat es ja nur, um Gerda nach der Hochzeit nicht länger auf der Tasche liegen zu müssen.

Es war die glücklichste Zeit, die Schloss Guttauen jemals kennengelernt hatte. Gerda freute sich auf den näherrückenden Tag ihrer Hochzeit. Ein halbes Jahr wollten sie warten, darauf hatte sie bestanden. So sehr sie ihn auch liebte, vergaß sie deshalb doch nicht, was sich schickte.

„Manchmal glaube ich, du bist aus Stein“, klagte Graf Feldhausen sie an. Lange dauerte sein Unmut allerdings niemals.

Er trug jetzt immer die modernsten Anzüge und rauchte eine exklusive Zigarettenmarke, die es in Deutschland gar nicht zu kaufen gab. Er ließ sie sich extra aus Ägypten schicken. Er hatte ja Geld.

Der Diener Josef machte sich seine eigenen Gedanken über das Leben des jungen Paares. Natürlich freute ihn das Glück seiner reizenden Herrin, aber dennoch fragte er sich bang, ob es dauern würde.

Eine Kleinigkeit gab seinen Befürchtungen neue Nahrung. Vielleicht war er dumm, dass er sich überhaupt Gedanken machte, denn alle anderen im Schloss waren ja überzeugt, keinen besseren Herrn bekommen zu können als den Grafen Feldhausen. Aber was er erlebte, bedrückte ihn dennoch sehr.

Eines Tages im Frühjahr ließ sich der Inspektor bei Gerda melden. Es kam nicht oft vor, dass der Mann sie sprechen wollte, er arbeitete in der Regel völlig selbstständig.

Die Herrschaften, Birgitt eingeschlossen, saßen auf der Terrasse bei einem kühlen Drink. Ein bunter Sonnenschirm hielt die ärgste Hitze von ihnen ab. Gerda trug ein duftiges Kleid, das ihre grazile Schönheit voll zur Geltung brachte. Und auch Graf Feldhausen hatte sich in einen weißen Anzug geworfen, der sein gebräuntes, markantes Gesicht betonte.

Was für ein Gegensatz war der knorrige Verwalter in seiner abgetragenen Hose und den alten Reitstiefeln! Er drehte seinen zerbeulten Hut verlegen in den Händen, als er sich ungelenk verbeugte.

„Verzeihen Sie die Störung, gnädiges Fräulein“, wandte er sich an Gerda von Guttauen. „Ich weiß ja, dass Sie nicht gern gestört werden wollen, aber ich dachte … ich glaubte …“

„Frei von der Leber weg, mein Lieber. Was glaubten Sie?“ Harald von Feldhausen lachte. Der ungelenke Mann schien ihn zu amüsieren.

Franetzkis Gesicht wurde noch roter. Er merkte wohl den Spott in den Worten des künftigen Herrn. Seine plumpen Finger verkrampften sich um den weichen Filz des Hutes.

„Es ist nämlich so, der Viehhändler ist da, und er möchte gern unsere ganze Herde kaufen. Sie wissen schon, die Rotbunten, die der Herr Graf damals angeschafft hat. Sie geben die beste Milch, aber er bietet einen tollen Preis. Und nun weiß ich nicht …“

Er verstummte hilflos. Reden war nicht sein Ding. Er konnte für zwei arbeiten, wenn es darauf ankam, aber mit Worten kam er nicht so zurecht. Flehend schaute er auf seine junge Herrin.

„Ja …“ Gerda warf einen hilflosen Blick auf ihren Verlobten. Sie begriff wohl, dass es sich hier um eine wichtige Entscheidung handelte, wusste aber selbstverständlich noch weniger als ihr treuer, bewährter Inspektor, wie sie entscheiden sollte.

„Im Zweifelsfalle soll man das Schicksal zur Hilfe holen“, schlug Harald von Feldhausen lachend vor. Nie hatte er besser ausgesehen als in diesem Augenblick, als er sein Glas hob, in dem noch einige Eisstückchen schwammen. „Haben Sie eine Mark bei sich, Franetzki?“

Der Diener Josef, der schon vor einer Minute die Terrasse betreten hatte, eine Flasche mit Orangeade auf dem Tablett, verhielt sich ganz still.

„Ein Mark? Sie meinen, ob ich eine Mark bei mir hätte?“ Der Verwalter suchte mit der Linken in der Hosentasche herum. Anscheinend wusste er genauso wenig wie die beiden Damen, wie er diesen seltsamen Wunsch des Grafen deuten sollte.

„Ja, seien Sie doch nicht so schwer von Begriff! Ein Fünfzigpfennigstück tut es doch auch. Meinetwegen auch ein Zehner.“

„Da hätte ich zwei Mark. Geht das auch?“ Franetzki legte die Münze auf den Tisch. „Und wenn Sie mir dann bitte sagen würden, was ich mit dem Viehhändler anfangen soll? Sehen Sie, gnädiges Fräulein, er bietet einen guten Preis. Aber die Kühe geben auch viel Milch. Es sind unsere besten Kühe. Und deshalb weiß ich wirklich nicht …“

„Zahl heißt verkaufen, Kopf behalten“, rief Harald von Feldhausen lachend. Er warf die Münze einfach in die Luft und folgte ihr mit dem Blick, als sie über die kunstvoll verlegten Steine der Terrasse rollte. „Dort liegt Ihre Antwort, Franetzki.“

Er wies mit einer lässigen Kopfbewegung auf das Geldstück, das etwa fünf Meter von ihm zur Ruhe gekommen war.

Der Inspektor starrte ihn an, als sei er plötzlich schwerhörig geworden.

„Schrecklich, wie schwer von Begriff ihr manchmal seid“, seufzte der Graf und stand lässig auf. Die Beine gespreizt stand er über dem Geldstück. „Sie verkaufen die Herde, Franetzki, so will es das Schicksal. Hatten Sie sonst noch etwas auf dem Herzen?“

Die Verabschiedung war deutlich, aber dennoch blieb der Verwalter des Gutes stehen. Er kratzte sich unbeholfen den Nacken und schaute auf seine Herrin.

„Der Herr Graf hat gemeint, wenn wir später nur solche Kühe hätten …“

„Verkaufen Sie das Viehzeug“, warf Harald ihm hin.

Gerda nickte bestätigend, und der Inspektor stampfte schwerfällig davon.

Der Diener Josef trat zur Seite, um ihm die Terrassentür freizugeben. Er war bleich geworden, und auch Franetzki sah nicht aus wie ein Mann, dem es gelungen war, eine zu schwere Entscheidung auf die Schulter eines anderen zu legen. Einen Moment trafen sich ihre Blicke, dann zuckte der Inspektor die Achseln, als wolle er sagen, dass er seine Hände in Unschuld wasche.

„Die Orangeade“, meldete Josef wohlerzogen, als er die Flasche auf den Tisch stellte.

Gerda verabschiedete ihn mit einem Kopfnicken.

„Ob es richtig ist, gerade diese Kühe zu verkaufen …“, fragte sie wohl mehr sich selbst als einen der Anwesenden.

„Mach dir darum keine Sorgen. Was richtig oder falsch ist, weiß man immer erst hinterher.“ Graf Harald stieß ein unbekümmertes Lachen aus.

Zum ersten Mal wollte er Birgitt nicht gefallen. Sie starrte auf den Verlobten ihrer Freundin, und ihr kamen Zweifel, ob er wusste, was er getan hatte. Sie selbst verstand wenig von der Landwirtschaft, konnte sich aber denken, dass der Inspektor nicht einer Lappalie wegen hergekommen war.

„Schrecklich, dass diese Leute nie wissen, was sie tun sollen“, seufzte Graf Feldhausen. „Der gute Franetzki wird schon alt. Ich werde ihn bald ersetzen müssen.“

Er spricht, als wäre er hier schon der Herr, dachte Birgitt. Aber praktisch war er es ja auch.

Nein, praktisch sah man in ihm den Mann der Herrin, aber nicht den Herrn. Er verstand ja nichts von der Bewirtschaftung eines Gutes und gab sich auch keine Mühe, etwas darüber zu lernen. Alle schwierigen Probleme überließ er anderen.

Er konnte gut tanzen, gut reiten, er konnte seine Worte gut setzen – aber was konnte er eigentlich noch außerdem?, fragte sich Birgitt von Auenstein besorgt.

„Wahrscheinlich hätte kein Mensch sagen können, was richtig ist“, sagte Gerda in ihre Gedanken hinein.

***

Wenn Gerda später an die Zeit zurückdachte, war es ihr, als hätte immer die Sonne geschienen. Dämmerung oder Nacht schien es nicht gegeben zu haben, sondern nur immer den blauen Himmel, den Sonnenschirm auf der Terrasse, die eiskalten Getränke und Haralds fröhliches Lachen.

Gerda sah nicht, dass ihre Freundin von Tag zu Tag ernster und blasser wurde. Sie musste arbeiten – nein, sie musste es nicht, sie wollte es.