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Ein haarsträubend spannender Krimi voller dunkler Geheimnisse und uralter Mythen - der dritte Fall für Leo Asker »Rostiges Grab« ist der dritte Band der düster-atmosphärischen Krimi-Reihe des schwedischen Nr.-1-Bestsellerautors Anders de la Motte um Ermittlerin Leo Asker und ihre »Abteilung für verlorene Seelen«. Leo Asker steht eine Beförderung in Aussicht, und damit die Hoffnung, die Abteilung für verlorene Seelen bald hinter sich zu lassen. Doch dann wird ihr ein Cold Case zugespielt, der ihr zum Verhängnis werden könnte. Zehn Jahre zuvor wurde eine Frau unter mysteriösen Umständen ermordet und in einer verlassenen Torffabrik abgelegt. Das Opfer weist verblüffende Ähnlichkeiten mit dem »Graumädchen« auf, einer zweitausend Jahre alten Moorleiche aus derselben Gegend. Als nun – ähnlich mysteriös und wie aus dem Nichts – der abgetrennte, nie gefundene Finger der ermordeten Frau auftaucht, gerät nicht nur der Fall wieder in den Fokus, sondern auch der Ort: der mythenumwobene und vor Schauergeschichten strotzende Wald "Rostskogen", der seit jeher, so munkelt man, Tod und Unheil über die Menschen bringt. Erneut bittet Leo Asker den Lost-Place-Experten Martin Hill um Hilfe. Zusammen setzen sie alles daran, das Rätsel um die tote Frau zu lösen und die düsteren Geheimnisse des Waldes und der dort ansässigen Bewohner zu lüften … »Hervorragender skandinavischer Noir – raffiniert und ungewöhnlich anders« Publishers Weekly Unheimlich, ungewöhnlich und hochspannend: Ein aufsehenerregender Cold Case und ein schaurig-gruseliger Wald bringen das bewährte Ermittlerduo, Kriminalkommissarin Leo Asker und den Urban-Explorer- und Lost-Place-Experten Martin Hill, an ihre Grenzen. Ein mitreißender, beklemmender Skandi Crime – die perfekte Spannungslektüre für alle Fans von Arne Dahls A-Team und Jussi Adler-Olsens Sonderdezernat Q. Die Krimi-Reihe um Leo Asker ist in folgender Reihenfolge erschienen: - Stille Falle - Eisiges Glas - Rostiges Grab
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 532
Veröffentlichungsjahr: 2025
Anders de la Motte
Leonore Askers besondere FälleKriminalroman
Übersetzt von Marie-Sophie Kasten
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Leo Asker steht eine Beförderung in Aussicht. Doch ein undurchsichtiger Cold Case soll das verhindern. Zehn Jahre zuvor wurde in einer verlassenen Torffabrik die Leiche einer jungen Frau gefunden. Das verstümmelte Opfer wies verblüffende Ähnlichkeiten mit dem »Graumädchen« auf, einer zweitausend Jahre alten Moorleiche. Als nun der abgetrennte Finger der toten Frau unter mysteriösen Umständen auftaucht, gerät nicht nur der Fall wieder in den Fokus, sondern auch der Ort: der vor Schauergeschichten strotzende Wald »Rostskogen«, der seit jeher Tod und Unheil über die Menschen bringt. Mit Hilfe des Lost-Place-Experten Martin Hill setzt Leo Asker alles daran, um das Rätsel um die tote Frau zu lösen und die düsteren Geheimnisse des Waldes und seiner Bewohner zu lüften.
Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de
Herbst 1973
Graumädchen
Sonntag
Lova
Asker
Vierzehn Jahre früher
Hill
Graumädchen
Montag
Hellman
Asker
Hill
Asker
Hill
Graumädchen
Dienstag
Asker
Hill
Fünf Jahre früher
Hill
Asker
Graumädchen
Asker
Hill
Graumädchen
Mittwoch
Asker
Hill
Hellman
Asker
Zwölf Jahre früher
Asker
Graumädchen
Asker
Hill
Asker
Hill
Siebzehn Jahre früher
Asker
Graumädchen
Asker
Donnerstag
Asker
Hill
Asker
Asker
Hill
Asker
Hill
Graumädchen
Asker
Elf Jahre früher
Hill
Asker
Hill
Hellman
Hill
Graumädchen
Freitag
Asker
Hill
Asker
Graumädchen
Asker
Hill
Asker
Hill
Hellman
Asker
Hill
Asker
Hill
Asker
Graumädchen
Asker
Zehn Jahre früher
Samstag
Asker
Hill
Asker
Hill
Asker
Hill
Asker
Graumädchen
Asker
Hill
Asker
Graumädchen
Hill
Asker
Hill
Asker
Hill
Asker
Graumädchen
Asker
Hill
Asker
Hill
Asker
Hill
Asker
Hill
Asker
Hill
Asker
Hill
Asker
Hill
Montag
Asker
Hill
Asker
Dienstag
Asker
Hill
Asker
Graumädchen
Asker
Epilog
Asker
Hill
Dank des Autors
Die beiden Tagelöhner hatten den Traktor zwischen den Fichten abgestellt, den Motor aber laufen lassen, denn sie benötigten in der kompakten Dunkelheit das Licht der Scheinwerfer.
Die Männer brummten vor sich hin. Sie schimpften über den Regen, den Wind und den harten Torf unter ihren Spaten. Aber innerlich fluchten sie vor allem über Sigurd Offerlund, der sie hierher beordert hatte, denn eigentlich sollten sie jetzt in der warmen Baracke beim Essen sitzen.
Allerdings traute sich keiner von ihnen, laut zu klagen, nicht einmal dem anderen gegenüber. Sigurd Offerlund war ein hartherziger Mann, bisweilen gewalttätig, und es brauchte nur ein unbedachtes Wort, um seine Wut zu entfachen.
Und gefeuert zu werden, war nicht einmal das Schlimmste, was einem hier draußen in der Wildnis passieren konnte.
Gehst du dorthin, so nimm dich in Acht, begann ein alter Kinderreim. Auf dem Hof kursierten Geschichten über Menschen, die sich mit Sigurd angelegt hatten und spurlos verschwunden waren.
Deshalb erledigten sie stillschweigend ihre Arbeit, gruben und schnitten mit Spaten und Torfstecher im Boden, obwohl die Saison für den Torfabbau eigentlich vorbei war.
Um diese Jahreszeit arbeiteten sie normalerweise in der riesigen Scheune, die zwar dunkel und feucht war, aber immerhin Schutz vor dem unwirtlichen Wetter bot. Allerdings war heute wieder einmal die alte Torfmaschine kaputtgegangen. Das tat sie immer öfter, als wolle sie sagen, dass die Zeit des Torfstichs vorbei sei.
Sigurd war jedoch nicht der Typ, derlei Warnungen ernst zu nehmen. Stattdessen bekam er einen Wutausbruch, beschuldigte die Tagelöhner, die Maschine absichtlich sabotiert zu haben, um sich ausruhen zu können. Dann schickte er sie mit dem Spaten in die Kälte hinaus und zwang sie in den Torfgraben. Nicht, weil er musste, sondern, weil er es konnte.
Denn niemand lehnte sich gegen Sigurd Offerlund auf.
Der Spaten des einen Tagelöhners stieß auf etwas Hartes. Steine waren in diesem morastigen Boden ungewöhnlich, deshalb holte er eine Taschenlampe aus seiner Regenjacke, um besser sehen zu können.
Halb verborgen unter einer Torfsode war etwas zu erkennen, eine runde Form, die nicht hierhergehörte. Die beiden Männer spalteten gemeinsam die darüberliegende Sode und hoben sie weg, bevor sie die Taschenlampe wieder einschalteten.
Im Licht tauchten die Konturen eines Gesichts auf.
Bei dem Anblick zuckten die Männer zurück. Sie ließen die Spaten fallen und krochen schnell den Graben hinauf. Erschrocken schauten sie sich an, während der Regen über ihre bleichen Gesichter rann.
Sie hatten etwas ausgegraben, so viel stand fest.
Aber es war keines von Sigurds dunklen Geheimnissen. Dies war etwas anderes, etwas Uraltes, dessen Ruhe nicht hätte gestört werden dürfen. Obwohl er nicht gläubig war, machte einer der beiden Männer das Kreuzzeichen.
»Sollen wir den Graben wieder zuschütten?«, schlug er vor. »Und da drüben weiterarbeiten?«
Er deutete mit dem Finger in die Dunkelheit.
Der andere Mann nickte und wollte sich gerade wieder nach der Schaufel strecken, als eine Stimme ertönte.
»Was steht ihr da faul herum, zum Teufel!«
Es war Sigurd Offerlund mit seinen Söhnen Ragnar und Arvid. Sie trugen lange Regenmäntel und leuchteten mit ihren Taschenlampen.
Ihre Mienen waren steinern und abweisend, die Blicke vorwurfsvoll.
Der eine Tagelöhner zeigte in den Graben hinunter.
»Wir sind auf etwas gestoßen. Einen Toten, glaube ich. Einen, der schon lange hier liegt.«
»Verdammt lange«, pflichtete der andere ihm bei.
»Was! Das will ich sehen!«
Ragnar, der ältere Sohn, sprang in den Graben hinunter. Er war kaum volljährig, aber schon genauso groß wie sein Vater, und er hatte Sigurds Durchtriebenheit geerbt.
Ragnar stiefelte in dem feuchten Torf herum und untersuchte den Fund genauer. Der Regen bildete lange Schnüre im Schein seiner Taschenlampe.
»Das ist eine Frau«, stellte er fest. »Die Haut ist noch da, die Haare auch. Das bisschen, was man von den Kleidern sieht, scheint alt zu sein.«
Arvid, der jüngere Sohn, räusperte sich. Er war für gewöhnlich schweigsamer als sein Bruder und weniger schlau. Und obwohl er noch ein Kind war, hatte er etwas Unangenehmes an sich.
»Das könnte eine Moorleiche sein«, meinte er. »Wir haben in der Schule Dias aus Dänemark gesehen. Das Moor konserviert Haare, Haut, einfach alles.«
»Ja, davon habe ich auch gehört«, sagte sein Vater nachdenklich. »Sind die was wert?«
Arvid zuckte mit den Schultern.
»Die Dänen haben ihre jedenfalls im Museum. Die Leute zahlen sogar Eintritt, um sie zu sehen.«
»Eintritt, sagst du?«
Sigurd schnalzte mit der Zunge, er schien zu überlegen.
»Ihr zwei«, sagte er dann zu den Tagelöhnern. »Grabt sie aus. Aber vorsichtig. Nicht mit den Spaten. Wir wollen sie so heil wie möglich haben.«
Die Männer kletterten zurück in den Graben und knieten sich neben den Kopf. Er gehörte tatsächlich zu einer Frau. Die Haut im Gesicht hatte sich im Moor zu schwarzem Leder verwandelt, aber ihre Gesichtszüge waren noch erkennbar. Sie hatte die Augen geschlossen, fast wie im Schlaf.
»Worauf zum Teufel wartet ihr?«, rief Sigurd von oben. »Grabt den Rest von ihr aus.«
Die beiden Tagelöhner begannen, vorsichtig mit den Händen zu graben, entfernten Torfschicht für Torfschicht, um den Frauenkörper freizulegen.
Sie war klein gewachsen, trug graue Kleidung und eine Metallbrosche auf Höhe der Brust. Vielleicht handelte es sich auch um eine Fibel. Aber es war nicht die Brosche, die die Aufmerksamkeit der Männer auf sich zog.
»Sieh mal«, sagte der eine und zeigte auf den Hals des Mädchens, wo von einem Ohr zum anderen ein Spalt klaffte. »Glaubst du, das war der Spaten?«
Der andere Mann schüttelte den Kopf.
»Nein, so tief bin ich nicht gekommen. Jemand hat ihr offenbar die Kehle durchgeschnitten. Und schau mal da.«
Die schwärzlichen Hände der Frau lagen auf dem Brustkorb gekreuzt. An einer Hand fehlte ein Finger. Zwischen den Händen ragte ein Gegenstand heraus. Es war das Ende eines Holzpflocks, der der Frau durch die Brust gerammt war.
Die Männer blickten sich besorgt an.
»Worauf wartet ihr zwei Taugenichtse denn noch?«, herrschte Sigurd sie an. »Schafft sie herauf.«
Der eine Arbeiter nahm seinen Mut zusammen und wandte sich an seinen Arbeitgeber.
»Sie wurde mit einem Pfahl im Moor befestigt, damit ihr Geist nicht herumirren kann«, sagte er leise. »Es wäre wohl das Beste, sie liegen zu lassen.«
»Liegen lassen?«, sagte Sigurd. »Sie ist verdammt noch mal Geld wert.«
»Ja, aber …« Die Tagelöhner sahen sich verstohlen an. »Man soll die Unseligen nicht wecken. Das kann gefährlich sein.«
Sigurd schnaubte so laut, dass er Wind und Regen übertönte.
»Verdammte Weiber! Geht zur Seite!«
Er kletterte in den Moorgraben hinunter und scheuchte die Arbeiter zur Seite, dann ging er neben dem Frauenkörper in die Hocke und befühlte den Holzpflock.
»Helft mal, Jungs«, forderte er seine Söhne auf. »Wenn ich am Pfahl ziehe, hebt ihr ihre Schultern hoch. Aber vorsichtig, damit sie nicht entzweigeht, verstanden?«
Sigurd griff mit beiden Händen nach dem Pfahl.
»Eins, zwei, drei!«
Er zog mit aller Kraft an dem Pflock, während seine Söhne die Moorleiche gleichzeitig vom Boden anhoben. Ein leises Knacken war zu hören, ansonsten bewegte sich der Pfahl kaum.
»Wir versuchen es noch einmal«, sagte Sigurd gepresst. »Eins, zwei und drei …«
Der Pfahl ließ sich noch immer nicht herausziehen.
Sigurd strich sich Regen und Schweiß aus der Stirn. Sein Gesicht war inzwischen rot angelaufen.
Abrupt nahm der Regen weiter zu und wurde mit dem Wind zu einer Wand aus peitschendem Wasser. Als wolle die Natur selbst verhindern, was hier vor sich ging. Die Tagelöhner tauschten wieder einen Blick, und der eine spuckte heimlich dreimal über seine Schulter, eine Geste, die ihm seine Großmutter beigebracht hatte, um Unglück abzuwenden.
»Jetzt packt schon an, Jungs. Wir haben nicht die ganze Nacht Zeit.«
Sigurd Offerlund unternahm einen dritten Versuch. Der kräftige Mann stützte sich mit den Füßen an dem zierlichen Frauenkörper ab und zog mit aller Kraft an dem Holzpfahl, während die beiden Söhne erneut versuchten, den Oberkörper der Leiche anzuheben.
»Jetzt bewegt sie sich …«
Plötzlich löste sich der Pfahl, sodass Sigurd rücklings in den Morast fiel und das Regenwasser um ihn herum aufspritzte.
Die beiden Arbeiter machten einen Schritt vor, um besser sehen zu können. Ragnar und Arvid hielten die Frau zwischen sich. Sie hatten sie leicht angehoben, wodurch es aussah, als würden sie sie stützen.
Ein paar Sekunden war es still, während sie auf die Moorleiche starrten. Ihr lederartiges Gesicht sah friedlich, beinahe schön aus.
Aber es hatte auch noch einen anderen Ausdruck, einen, der immer deutlicher zutage trat, je mehr Lehm und Schmutz der Regen nun fortspülte.
»Teufel auch«, murmelte der eine Tagelöhner.
Im selben Moment erblickte er Sigurd Offerlund. Der große Kerl lag immer noch auf dem Rücken. Sein Gesicht war blau, sein Blick starr und leer, der Mund stand offen.
Sigurd hatte die Arme angewinkelt und die Hände Richtung Hals geführt, als versuchte er instinktiv, sich gegen die unerwarteten Schmerzen in der Brust zu wehren. Den Holzpflock hielt er noch immer in den Händen.
»Vater!«, schrie Ragnar und stürzte auf Sigurd zu, während Arvid mit der Moorleiche im Arm sitzen blieb und versuchte zu begreifen, was gerade passiert war.
Die beiden Tagelöhner hingegen wussten es schon. Sie sahen ihren toten Arbeitgeber an, dann sich. Zum Schluss betrachteten sie das Ledergesicht der Moorleiche, das inzwischen vom Regen reingewaschen war.
Im nächsten Moment bekreuzigten sich die zwei Männer.
Und noch viele Jahre später – wann immer sie die Geschichte vom Fund des Graumädchens erzählten – schworen sie, dass es gelächelt hatte.
Der Rostskogen ist uralt. In seiner Jugend bestand der Wald aus hübschen Laubbäumen und kleinen blanken Seen. Es war ein heller Ort, voller Leben. Aber aus dem Norden kommend breiteten sich Nadelbäume aus, und mit ihnen Schatten und Dunkelheit. Auf dem Boden wuchs immer dichteres Moos, bildete Schichten aus schwerer, feuchter Vegetation, die die kleinen Seen erstickte und die einst so lichten Wälder in finstere Hochmoore verwandelte.
Alles darin versinkt mit der Zeit.
Bäume, Tiere, Menschen – alles verschwindet am Ende in dem weichen Boden, um nie mehr zum Vorschein zu kommen.
Zumindest ist es das, was die Menschen hier glauben.
Aber der Rostskogen vergisst nichts. Er wickelt seine Geheimnisse in faserige Leichentücher und balsamiert sie in seinem sauren Boden, harrt der Dinge. Und manchmal nachts, wenn die Waldohreule ihre Klagerufe ausstößt und der Wind aus Norden bläst, offenbart der Wald sein feuchtes Inneres.
In einer solchen Nacht, vor langer Zeit, wurde sie wiedergefunden. Von Männern mit schwieligen Händen und harten Gesichtern unsanft aus dem Torf gegraben.
Und genau wie früher war der Tod ihr Gefährte gewesen.
Denn Blut wird durch Blut gesühnt. So will es der Wald. Damals wie heute.
Sie ist das Graumädchen.
Tausend Jahre hat sie gewacht.
Gewartet.
Hier.
Im Rostskogen.
Still!« Filip hebt die Hand. »Hörst du das, Lova?«
Dottie knurrt leise, spitzt die Ohren und sieht sich nervös um. Lova kann die Reaktion des Hundes nachvollziehen. Das Geräusch, das durch den Wald hallt, ist eine Mischung aus Klageruf und Röcheln.
»Was ist das?«, fragt sie besorgt.
»Eine Waldohreule!«, erwidert Filip. »Versuch mal, sie aufzunehmen.«
Lova startet die Aufnahmefunktion ihres Handys. Schweigend stehen sie eine Weile da, während die Eule irgendwo in der Dämmerung ihre Schreie ausstößt. Der Schallpegelmesser auf dem Display bewegt sich im Takt der Rufe.
Dottie knurrt wieder leise, schaut zu Lova hinauf.
Es ist Anfang Juni, und obwohl es bereits auf neun Uhr abends zugeht, ist die Sonne noch nicht untergegangen. Zwischen den Bäumen werden die Schatten aber immer länger. Es gibt eine Gewitterwarnung für heute Nacht, deshalb haben sie Softshelljacken in ihre Rucksäcke gepackt.
Sie gehen einen schmalen Waldweg entlang, kaum mehr als zwei Reifenspuren. An den Seiten wachsen dichtes Brombeergestrüpp und junge Birken, wechseln sich stellenweise mit älteren Laubbäumen und Fichten ab. Entwurzelte Bäume künden davon, dass auf den Boden kein Verlass ist.
Mit den Farben stimmt auch irgendetwas nicht, denkt Lova. Die Grasbüschel, der Farn, die Blätter der Bäume, die alle frühsommerlich grün sein sollten, wirken bleich und matt. Als gelte das gewöhnliche Farbspektrum der Natur hier nicht.
Plötzlich verstummen die Eulenrufe.
Lova unterbricht die Aufnahme und wirft einen Blick über die Schulter. Sie sind dem Waldweg ein ganzes Stück gefolgt, und die Schranke, an der sie ihren Wagen abgestellt haben, ist schon lange außer Sichtweite. Wie weit ist es wieder zurück bis zum Auto? Mindestens einen Kilometer. Und noch viel länger, bis man wieder in einer bewohnten Gegend ist.
Sie waren schon mehrfach an unheimlichen Tatorten, an denen schreckliche Dinge passiert sind. Aber keiner dieser Orte lag so weit abseits im Nirgendwo.
Dottie ist auch unruhig. Der Corgi sieht sich wachsam und mit aufgestellten Ohren um, leckt sich nervös die Schnauze. Dottie hört gut und könnte eigentlich frei laufen, aber in diesen Wäldern hier gibt es Wölfe.
Filip findet, dass sie übertreibt. Wölfe sind scheu, sie gehen nicht in die Nähe von Menschen. Allerdings gibt es im Netz ausreichend viele Erzählungen, die vom Gegenteil berichten.
Vielleicht macht der Gedanke an Wölfe Lova zu schaffen. Aber sie ist sich nicht ganz sicher. Wenn die Gerüchte stimmen, verbergen sich im Wald weitaus schlimmere Geschöpfe als Wölfe.
»Sieh mal!«, sagt Filip und zeigt ins Dickicht.
Ein altes Autowrack ist darin zu erkennen, teilweise von Moos und Büschen bedeckt. Ein Birkenstamm wächst geradewegs durch den Kofferraum.
»Der wird wohl kaum noch durch den TÜV gehen«, lacht er. »Die Rache der Natur, oder was meinst du?«
Lova betrachtet das festgewachsene Autowrack. Die Windschutzscheibe fehlt, der Kühler auch, und wo die Scheinwerfer sein sollten, klaffen Löcher. Es sieht aus wie ein Totenkopf.
Filip nimmt ihre Unruhe nicht zur Kenntnis. Strahlend gelaunt filmt er mit seiner Handykamera, während Dottie immer noch wachsam ist. Sie hebt die Schnauze in den leichten Wind und wittert.
Je weiter sie gehen, desto mehr Autowracks werden zwischen den Bäumen sichtbar. Zuerst nur vereinzelt, dann immer gehäufter. Dutzende, vielleicht sogar an die hundert Stück. Manche sind so tief in der Vegetation versunken, dass nur noch das Dach oder die Kotflügel herausschauen.
»Wow, sieh mal, das hier!« Filip verlässt den Pfad und geht auf ein Wrack zu.
Lova geht ihm nach, bleibt aber nach wenigen Schritten stehen. Der Boden fühlt sich seltsam an, fest und weich zugleich. Die oberste Schicht ist vollkommen vertrocknet, die Vegetation halb tot. Aber in den Senken zwischen den Grasbüscheln gibt es Pfützen, die rötlich-braun und ölig schimmern wie flüssiger Rost.
»Mach mal ein Foto!«
Filip hat sich neben dem Wrack einer einstmals blauen amerikanischen Limousine in Pose gestellt. Der größte Teil des Lacks ist längst vom Wetter abgeschliffen, und an manchen Stellen ist das Moos bis zu den Fenstern emporgeklettert. Der Verfall wirkt schön und zugleich gespenstisch. Lova macht rasch ein paar Fotos mit der Handykamera.
Wieder ertönt die Waldohreule. Diesmal klingen die Rufe anders. Ängstlicher, eindringlicher.
Erst jetzt fällt Lova auf, dass man keine anderen Vögel hört. Keinen einzigen.
Sie muss an die Geschichten denken, die im Netz kursieren.
»Sollen wir weiter?«, fragt Filip. »Es wird bald dunkel.«
Ihr Youtube-Kanal hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Am Anfang beschäftigten sie sich nur mit Urban Exploration: stillgelegte Fabriken, verlassene Häuser, Keller und Tunnel. Tipps und Tricks, wie man gute Urbex-Orte findet und spannende Erlebnisse hat. Sie hatten pro Woche vielleicht hundert Aufrufe, meist von Freunden.
Aber vor einiger Zeit hatte Filip eine neue Idee. Er fand, sie sollten verlassene Orte aufsuchen, an denen ein Mord passiert war, und vor Ort über die Fälle berichten. True crime meets Urbex beschrieb er das Projekt. Lova muss zugeben, dass das eine glänzende Idee war. Das machte ihren Kanal zu etwas Besonderem. Inzwischen hat jeder Beitrag zehntausende Aufrufe, und sie beginnen tatsächlich, ein wenig Geld damit zu verdienen. Filip spricht schon davon, seinen eigentlichen Job zu reduzieren und nur noch halbtags zu arbeiten. Vielleicht würde der heutige Beitrag den großen Durchbruch bringen?
Der Kiesweg endet an einer stark zugewachsenen Wendeplatte. Hier liegt der Boden höher, der Wald rundherum ist älter.
Zwischen den Bäumen ist ein dunkles Gebäude zu sehen.
»Da ist die Torffabrik.« Filip nimmt seinen Kompass zur Hand. »Der Graben, in dem sie das Graumädchen 1973 gefunden haben, liegt ungefähr dreihundert Meter nach dort.« Er zeigt mit der Hand. »Und der Hof der Offerlunds befindet sich einen guten Kilometer in diese Richtung.«
Filip deutet in die andere Richtung, wo ein toter Baum steht. Auf einem der kahlen Äste ist ein dunkler Schatten zu erkennen.
»Siehst du die Waldohreule?«
Lova schirmt die Augen ab, obwohl das bei dem abnehmenden Tageslicht nicht nötig ist. Die Eule ist graubraun, das Gesicht weiß, die Federbüschel auf dem Kopf ragen wachsam empor. Als sie näher kommen, blickt der Vogel sie böse an, dann breitet er langsam seine Flügel aus.
»Sie sieht fast aus, als wollte sie uns daran hindern weiterzugehen«, flüstert Lova.
Filip lacht und imitiert die Bewegung der Eule.
»Kehrt um, kehrt um«, ruft er mit übertrieben dramatischer Stimme. »Nehmt euch in Acht vor dem Rostskogen.«
Lova findet das nicht lustig. Ein Insekt kitzelt sie im Nacken, sie schlägt es irritiert weg. Als sie wieder zu dem kahlen Baum schaut, ist die Eule weg. Vollkommen lautlos verschwunden.
»Sollen wir den Schlüssel ausprobieren?«
Filip beginnt, auf die Torffabrik zuzugehen. Lova hat keine andere Wahl, als ihm zu folgen.
Vor etwa einer Woche lag in ihrem Briefkasten ein Umschlag. Er enthielt einen rostigen Schlüssel sowie einen Zettel mit GPS-Koordinaten, einem Datum und einem handgeschriebenen Satz.
In dieser Nacht schlafen die Wölfe.
Sobald sie die Koordinaten auf ihrer GPS-Karte überprüft hatten, wussten sie und Filip, um welchen Fall es sich handelte.
Der Graumädchenmord.
Sie hatten schon lange einen Beitrag zu diesem Fall machen wollen, aber allen Urbex-Foren zufolge war es nicht möglich, zum Tatort, nämlich der stillgelegten Torffabrik, zu gelangen. Und die Offerlunds, denen sowohl die Fabrik als auch der sie umgebende Autofriedhof gehörten, mochten keine Eindringlinge. Das Internet war voller Berichte von Urbexern, die bedroht, weggejagt oder deren Autos demoliert worden waren. Außerdem kursierten Gerüchte über weitaus schlimmere Dinge.
Der Rostskogen hat seine eigenen Gesetze, schrieb jemand. Seit Hunderten von Jahren verschwinden dort draußen Menschen, und im Wald läuft ein Mörder frei herum. Am besten hält man sich fern.
Aber jetzt haben sie und Filip einen Schlüssel und ein Zeitfenster, in dem die Torffabrik und der Autofriedhof unbewacht sein sollen. Das ist die Chance für einen einzigartigen Beitrag. Falls dem Briefschreiber zu trauen ist.
Bis heute Morgen hat sie sich darüber keinerlei Gedanken gemacht. Doch sie hat schlecht geschlafen und ist mit einem unguten Gefühl aufgewacht.
Lova sieht sich um. Vielleicht hält sie nach der Eule Ausschau, vielleicht nach etwas anderem. Etwas, das sie aus den Schatten heraus beobachtet. Ein Raubtier, das auf eine günstige Gelegenheit wartet. Oder ein Mörder …
Die Insekten sind wieder da, kitzeln sie mit ihren dünnen Beinen im Nacken, aber Lova kommt nicht an sie heran.
Vor der Torffabrik türmen sich die Autowracks: das Skelett eines alten Busses, ein Lastwagen ohne Ladefläche, zahllose halb vergrabene PKWs in verschiedenen Stadien des Verfalls. Daneben Berge an verrosteten Motorenteilen, die nicht mehr zu identifizieren sind.
Nachdem sie ein paar Minuten zwischen den Schrotthaufen hindurchgegangen sind, erreichen sie die Fabrik.
»Beeindruckend, oder?«, meint Filip.
Lova hat im Internet Fotos des Gebäudes gesehen, dennoch ist sie von dessen Größe überwältigt. Die Torffabrik besteht aus einer enormen, fensterlosen Holzhalle, hundert Meter lang und sicher zwanzig Meter breit. Das teilweise eingefallene Dach reicht sicher zehn Meter in die Baumkronen hoch.
»Da bekommt man doch gleich Wikinger-Vibes.«
Filip deutet auf einen Tierschädel mit Geweih, der unter dem Dachfirst hängt. Der gelbliche Schädel ist mit rostigen Metallstücken geflickt, was ihm einen grotesken Eindruck verleiht.
»Ein Elch«, sagt Filip. »Der wurde bestimmt lange vor unserer Geburt dort oben festgenagelt. Ich weiß nicht recht, ob ich das cool oder creepy finde.«
»Definitiv creepy«, meint Lova nachdrücklich.
Sie filmt den verunstalteten Elchschädel, wandert dann mit der Kamera weiter die Fassade entlang. Die grob gezimmerten Holzbretter sind vom Alter grau, aber man sieht keine Löcher oder Beschädigungen.
»Die Wände sehen erstaunlich gut erhalten aus, dafür dass sie über achtzig Jahre alt sind«, sagt Lova. »Das Dach auch.«
»Die Bretter sind aus stabilem Kernholz, und die Bäume rundum schützen vor Sonneneinstrahlung«, stellt Filip fest. »Außerdem jagt die Familie Offerlund alle Eindringlinge weg.«
Die Doppeltür an der Längsseite des Gebäudes ist mit zwei schweren überkreuzten Stahlstangen und einem großen alten Vorhängeschloss blockiert.
Filip hat bereits den Schlüssel in der Hand, aber Lova hält ihn zurück. Das vorherige Unbehagen ist fast verflogen, stattdessen empfindet sie gespannte Aufregung.
»Warte! Wir filmen erst, wie du das Schloss untersuchst. Das wird spannender.«
»Genial, Liebling!«
Lova weist Dottie an, sich hinzulegen, dann schaltet sie die Handykamera an. Das Licht ist fast zu schwach, aber das körnige Bild macht sich gut bezüglich der Dramatik. Filip stellt sich so auf, dass er die Tür im Rücken hat. Lova startet die Aufnahme und signalisiert ihm loszulegen.
»Wir befinden uns mitten im Grenzgebiet zwischen Skåne und Småland«, beginnt er. »In einem riesigen Hochmoor, das die Lokalbevölkerung den Rostskogen nennt. Der Name stammt von dem eisenhaltigen Gebirgsgrund, der Wasser und Boden hier eine rötliche Farbe verleiht.«
Er macht eine Kunstpause. Wie immer ist Lova davon beeindruckt, wie schnell Filip in seine Rolle als Moderator wechseln kann. Eigentlich findet sie ihn ein wenig zu überschwänglich, aber das Publikum liebt ihn.
»Der Rostskogen war seit der Eisenzeit bevölkert«, fährt er fort. »Es gibt verschiedene historische Funde, die belegen, dass dieser Ort über Jahrhunderte hinweg Schauplatz mysteriöser Handlungen und heidnischer Riten war. Riten, die einen Bezug zu einer deutlich jüngeren Missetat haben, auf die wir gleich zu sprechen kommen.«
Wieder pausiert er.
»Während des Krieges und bis in die Siebzigerjahre hinein wurde im Rostskogen Torf abgebaut. Vor einer dieser alten Torffabriken befinden wir uns jetzt.«
Er legt seine Hand auf die Holztür und wechselt zu einem schicksalsschwangeren Tonfall.
»Hier, in diesem verlassenen Gebäude, machte man im November 2013 eine schreckliche Entdeckung. Man fand die Leiche einer schönen jungen Frau, die auf bestialische Art und Weise ermordet und verstümmelt worden war.«
Filip erhöht die Dramatik weiter.
»Am Tatort entdeckte die Polizei seltsame Spuren. Spuren, die an ein Menschenopfer aus der Wikingerzeit erinnerten, das früher einmal in dieser Gegend gefunden worden war. Eine Moorleiche, die den Namen Graumädchen bekam.«
Er korrigiert seine Pose ein wenig und schaut ernst in die Kamera.
»Mein Name ist Filip Sahlberg, ihr seht Mystical Crime Scenes. Das ist der Graumädchenmord.«
Er behält den Blick auf die Kamera geheftet, bis Lova die Aufnahme unterbricht.
»Perfekt«, sagt sie. »Wir machen direkt mit dem Schlüssel weiter. Erzähl, woher du ihn hast, bevor wir das Schloss testen.«
Filip hält den Schlüssel ins Bild.
»Wir haben von einem anonymen Briefschreiber den Schlüssel zur Torffabrik erhalten«, sagt er. »Der Absender behauptet, dass wir nur heute Abend die Chance haben hineinzukommen. Lasst uns sehen, ob dieser Tipp stimmt.«
Er dreht sich um und macht sich am Hängeschloss zu schaffen.
Lovas Herz klopft wie wild.
Filip versucht, den Schlüssel herumzudrehen, aber nichts passiert. Er bewegt den Schlüssel im Schloss hin und her und zieht ihn dann wieder heraus.
»Scheiße«, sagt er. »Es geht nicht auf.«
Lova schaltet die Kamera aus. Aus der Ferne ist ein dumpfes Grollen zu hören, dann folgt ein Windstoß, der durch die Baumkronen fegt. Dottie knurrt. Sie mag Gewitter nicht.
Lova setzt ihren Rucksack ab, öffnet ein Seitenfach und nimmt eine Flasche Schließzylinderspray heraus.
»Hier! Probier es damit.«
Filips Miene hellt sich auf.
»Liebling, du bist die Beste.«
Er sprüht Spray in das Schloss und probiert den Schlüssel dann noch einmal aus.
»Er bewegt sich!«, ruft er aus. »Schnell, mach die Kamera wieder an!«
Lova filmt mit, wie er das Hängeschloss öffnet.
»Unser heimlicher Follower hat sein Versprechen gehalten. Der Schlüssel passt!«, jubelt Filip.
Er hebt die schweren Stahlbalken weg und zieht an der Tür. Lova macht ein paar Schritte zurück, um alles ins Bild zu bekommen. Das alte Scharnier quietscht unheimlich, als die Tür langsam aufschwingt.
Sie bleiben am Eingang stehen. Dottie hebt die Schnauze und schnüffelt. Die Luft in der Torffabrik ist feucht, riecht nach Keller, Öl, Eisen und noch etwas anderem, was Lova nicht benennen kann.
Irgendwie uralt und unheilvoll.
Durch einige schmale Spalte zwischen den Bretterwänden und dem Dach dringt graues Dämmerlicht herein. Ansonsten herrscht Finsternis.
Filip schaltet seine Taschenlampe ein.
»Wow.«
Das Innere der Halle erinnert an eine Kathedrale. Das hohe Dach wird an den Längsseiten des Gebäudes von einer Reihe grob gezimmerter Holzpfeiler getragen. Die Breitseiten sind so weit weg, dass das Licht der Taschenlampe kaum bis dorthin reicht.
An den Wänden hängen hier und da noch weitere Tierschädel und Geweihe, die mit rostigem Metall geflickt und ausgebessert wurden. Hirsche, Rehe und noch ein Elch, die alle aus leeren Augenhöhlen auf sie hinunterstarren.
»Verrückt«, flüstert Lova leise.
In der Mitte der Halle steht eine riesige Maschine. Sie ist zwei Stockwerke hoch, hat große Zahnräder und Kolben und etwas, das wie ein weit geöffneter Mund mit spitzen, scheußlichen Metallzähnen aussieht, zwischen denen noch immer Torfstränge baumeln.
»Die Zerfaserungsmaschine«, sagt Filip. »Das Herz der Fabrik. Jetzt lass uns mal sehen …«
Er lässt das Licht der Taschenlampe umherwandern, um sich zu orientieren.
»Der Pfeiler, an dem Elena gefunden wurde, muss dort drüben sein. Der vierte an der Nordseite.«
Er geht mit der Taschenlampe darauf zu, Lova bleibt im Dunkeln zurück, nur der Schein ihres Handydisplays gibt ihr noch ein wenig Licht.
Das ungute Gefühl holt sie wieder ein.
Dieser dunkle, feuchte Ort mit seinen Autowracks, der Eule, den unnatürlich starrenden Tierschädeln macht ihr Angst. Und die Farben, die nicht stimmen.
Und im Wald läuft ein Mörder frei herum.
Wieder spürt sie Insektenbeine im Nacken, und diesmal erwischen ihre Finger etwas. Ein Insekt mit hartem Panzer zappelt in ihrer hohlen Hand. Doch anstatt es angeekelt abzuschütteln, leuchtet sie das Insekt mit dem Handy an. Es ist ein zwei bis drei Zentimeter langer Käfer mit rostbraunen Querstreifen auf seinem schwarzen Rücken. Die Fühler bewegen sich auf ihrer Haut, als ob der Käfer ihren Geruch erkunden würde. Als wollte er herausfinden, was für ein Lebewesen sie ist und was sie hier macht.
Dottie knurrt unruhig und stupst Lova mit der Pfote gegen das Bein.
Plötzlich überkommt sie der fast überwältigende Impuls zu fliehen. Die Torffabrik zu verlassen, das Tor hinter sich ins Schloss zu werfen und schnell zu ihrem Wagen zurückzulaufen, ohne sich noch einmal umzusehen. So viel Abstand wie möglich zwischen sich und den Rostskogen zu bringen und nie mehr an den Graumädchenmord zu denken.
»Komm, Lova, hier ist es!« Filips Stimme klingt aufgeregt.
Sie reißt sich zusammen, schüttelt den Käfer in die Dunkelheit und geht auf das Licht der Taschenlampe zu.
Das Donnergrollen kommt näher, Regen prasselt auf das Dach.
»Schau, genau hier hat sie gesessen! Siehst du das Blut?«
Filip leuchtet einen der Pfeiler an.
Das achtlos gezimmerte, graue Holz zeigt Risse, trotzdem kann man deutlich einige dunkle Flecken ausmachen.
»Und sieh mal da!«
Er hebt die Taschenlampe.
Weiter oben ist etwas in den Pfeiler eingeritzt.
Zwei spitze R, deren Rücken zueinander zeigen.
»Eine Bindrune«, flüstert Filip. »Und die Kerbe von der Mordwaffe. Das müssen wir filmen. Sofort!«
Entschlossen machen sie sich an die Arbeit, stellen zusätzliche Lampen auf und andere Ausrüstungsgegenstände, die sie im Rucksack bei sich hatten. Filip hängt sich ein Mikrofon um und probiert verschiedene Blickwinkel aus.
Dottie hat sich widerwillig auf den Boden gelegt, ihr Blick ist auf den Ausgang geheftet. Immer lauter schlägt der Regen gegen das Dach, während der Donner über die Baumwipfel rollt.
»Bereit?«, fragt Lova.
Filip nickt. Er sieht ungewöhnlich verbissen aus.
»Dann legen wir los!«
»Liebes Publikum. Wir befinden uns jetzt also an dem Ort, an dem die neunundzwanzigjährige Elena Resare Ende November 2013 tot aufgefunden wurde.«
Er legt die Hand auf den Stützpfeiler.
»Elena saß mit dem Rücken an diesen Pfeiler gelehnt. Ihr Hals war von einem Ohr bis zum anderen durchschnitten. Wie ihr seht, ist das Holz noch nach zehn Jahren von ihrem Blut befleckt.«
Lova zoomt die Flecken heran.
»Man kann sich das Entsetzen kaum vorstellen, das Elena in ihren letzten Lebensminuten durchlitten haben muss. Sein Leben an diesem finsteren, düsteren Ort zu beenden.«
Filip hält mit ernster Miene ein paar Atemzüge inne.
»Über der Toten fand sich dieses Symbol, das mit demselben Messer in den Pfeiler geritzt wurde, mit dem der Mord an der armen Elena begangen worden war. Das Messer steckte in dem Holz fest. Hier könnt ihr die Kerbe erkennen.«
Lova folgt mit der Kamera seiner Handbewegung zu dem eingeritzten Zeichen und der Kerbe, die von der Mordwaffe herrührt.
»Das Zeichen, welches der Mörder hinterlassen hat, ist eine Bindrune, ein uraltes Symbol, das magische Eigenschaften haben soll. Und nicht genug damit.«
Er macht eine dramatische Pause, bevor er seine Hand hochhält.
»Elenas linker Ringfinger war abgetrennt. Trotz einer umfassenden polizeilichen Ermittlung wurde der Finger nie gefunden. Genauso wenig wie Elenas Mann, Björn Resare, der noch in derselben Nacht verschwand und dessen Fingerabdrücke sich auf der Mordwaffe fanden. Gerüchten zufolge tötete er seine Frau aus Eifersucht, aber das kann niemand mit Sicherheit sagen. Obwohl er international zur Fahndung ausgeschrieben war, ist der Mörder auch noch zehn Jahre später auf freiem Fuß. Viele behaupten, er würde sich irgendwo tief im Rostskogen verstecken, wo er nicht in die Hände des Gesetzes fallen kann.«
Filip macht eine Geste in die Dunkelheit.
»Und als wären die schrecklichen Umstände nicht genug, also die Bindrune, die Mordmethode und der fehlende Finger, finden sich all diese Merkmale auch bei einer Moorleiche aus der Wikingerzeit, die Anfang der Siebzigerjahre nur wenige Hundert Meter von hier ausgegraben wurde.«
Filips Stimme wird tiefer.
»Eine junge Frau, die den Namen Graumädchen erhielt. Sie und Elena teilen das gleiche furchtbare Schicksal. Ermordet, verstümmelt und vielleicht sogar den Mächten geopfert, die über den Rostskogen herrschen.«
Filip hält inne. Lova ist so von seiner Erzählung gebannt, dass es ein paar Sekunden dauert, bis sie realisiert, dass er eine Pause machen will.
»Gut gemacht«, sagt sie. »Wir machen noch eine Aufnahme aus einem anderen Winkel, dann kann ich das zusammenschneiden.«
Der Regen trommelt jetzt noch lauter auf das Dach. An einigen Stellen läuft er in die Fabrik hinein und tropft auf den Boden.
Als Lova eine Lampe umstellt, entdeckt sie einen weiteren Käfer, der über das Glas krabbelt. Oder ist es derselbe? Sie hält die Lampe schräg, und der Schatten des Käfers fällt auf die Holzwand und lässt ihn wie ein riesiges Urzeitmonster aussehen.
»Warte, darf ich mal sehen?«, sagt Filip.
Er greift nach der Lampe und betrachtet den Käfer eingehend.
»Ein Totengräber«, stellt er dann fest. »Aus der Familie der Aaskäfer.«
»Mm.«
Lova starrt auf die Insektenbeine, die vermutlich vorhin noch über ihren Nacken gelaufen sind. Ein Aaskäfer also.
»Dieser hier ist ungewöhnlich groß. Er muss ausreichend zu fressen bekommen haben«, meint Filip und schaltet die Lampe aus.
Einige Sekunden lang wirkt der Totengräber verwirrt. Dann breitet er unter seinem Rückenpanzer langsam seine Flügel aus und verschwindet surrend in die Dunkelheit.
Ein lautes Donnern lässt Lova zusammenzucken, die sich daraufhin nach Dottie umschaut.
Aber der Platz, an dem der Hund lag, ist leer.
»Dottie?«
Sie ruft und pfeift, aber nichts passiert.
»Meinst du, sie hat sich rausgeschlichen?«
Lova leuchtet mit der Kameralampe besorgt umher.
Drüben bei der großen Zerfaserungsmaschine bemerkt sie eine Bewegung.
Sie läuft schnell dorthin und beugt sich hinunter. Zu ihrer Erleichterung liegt der Corgi dort, hat sich unter der Maschine versteckt.
»Dottie, komm her!«
Aber der Hund gehorcht nicht. Er liegt flach auf dem Boden und scheint vollkommen paralysiert zu sein.
Wieder hallt ein lautes Donnern durch das Gebäude.
»Dottie! Komm her, Süße.«
Lova reicht Filip die Lampe und kriecht vorsichtig unter die Maschine.
Die Maschine verströmt einen beißenden Geruch nach altem Öl und Torf.
»Pass auf! Von dem Ding bekommt man sofort Wundstarrkrampf.«
Filip beleuchtet die spitzen, schmutzigen Maschinenteile um Lova herum.
Sie hat den Hund jetzt fast erreicht und redet beruhigend auf ihn ein.
Aber Dottie drückt sich weiterhin auf den Boden, ihr kleiner Körper zittert unkontrolliert.
Lova streckt die Hand aus. Doch gerade, als sie mit den Fingerspitzen Dotties Halsband berührt, setzt sich der Hund abrupt auf. Dottie wirft den Kopf zurück und gibt ein langes Jaulen von sich.
Lova zuckt zurück, so hat Dottie noch nie geklungen.
In dem Moment, in dem der Hund verstummt, ist aus dem Wald ein anderer Laut zu hören.
Ein wilderes, animalischeres Heulen, bei dem sich Lova die Haare aufstellen.
Wölfe!
Sie wirft sich nach vorne und schlägt sich dabei den Kopf so hart an einem hervorstehenden Metallteil an, dass ihr beinahe schwarz vor Augen wird. Trotzdem bekommt sie Dotties Halsband zu fassen und kann den Hund zu sich heranziehen.
Lova kriecht wieder unter der Maschine hervor, kommt wankend mit Dottie im Arm auf die Füße. Ihr Schädel brummt.
Draußen heult noch immer der Wolf.
»Er hat mehr Angst vor uns als wir vor ihm«, bringt Filip ohne Überzeugung über die Lippen.
Im selben Moment ist ein zweites Heulen zu hören, das sich zum ersten gesellt. Zwei Wölfe, oder vielleicht mehr. Ein ganzes Rudel.
»Filip …« Die Halle bebt, Lova verspürt leichte Übelkeit.
»Hier drinnen sind wir sicher«, sagt Filip etwas zu schnell. »Aber wir sollten die Tür schließen. Komm, gib mir Licht.«
Er reicht ihr die Taschenlampe und rennt zur Tür. Lova leuchtet und folgt ihm. Wieder heulen die Wölfe, diesmal näher. Als wären sie direkt vor dem Gebäude.
Filip greift nach der Klinke und zieht die Tür zu, während Lova die Taschenlampe in der einen Hand hält und Dottie mit der anderen an sich drückt.
Die Tür leistet Widerstand, die Scharniere quietschen träge.
Ein Blitz, gefolgt von einem lauten Donnern, lässt die Halle erzittern, Filip lässt die Klinke los.
»Fuck!«, murmelt er. »Der war nah.«
Lovas Blick ist auf den Eingang geheftet.
Draußen in der Dunkelheit glaubt sie, eine Bewegung gesehen zu haben. Ihr Herz setzt einen Schlag aus.
»Filip!«, ruft sie schrill.
Er greift wieder nach der Klinke, aber bevor es ihm gelingt, die Tür zu schließen, wird sie ihm plötzlich aus der Hand gerissen.
Lova entfährt ein Keuchen.
In der Türöffnung steht eine durchnässte Frau in heller Kleidung.
Das lange rote Haar klebt ihr im Gesicht und verbirgt ihre Züge fast komplett. Sie sieht aus wie ein Gespenst oder ein Waldgeist.
Filip bekommt solch einen Schreck, dass er rückwärts taumelt und stürzt.
Die Frau macht einen Schritt auf sie zu. Erst jetzt sieht Lova, dass ihre Kleider mit rotbraunen Flecken übersät sind, die wie Blut aussehen.
Lova will schreien, irgendetwas tun, aber genau wie Dottie ist sie vor Angst wie gelähmt.
Und Filip auch. Er liegt immer noch auf dem Rücken und starrt die Frau an, die sich jetzt über ihn gestellt hat.
Das Wasser rinnt ihr aus den langen Haaren und tropft zu Boden.
Erneutes Wolfsgeheul von draußen. Lova kann kaum atmen.
Da streckt die Frau langsam die Hand nach Filip aus.
Ein Blitz erleuchtet die gesamte Halle, für einen Augenblick scheint die Zeit stillzustehen. Lange genug, dass Lova den scheußlichen Gegenstand erkennen kann, den die Frau in der offenen Hand hält.
Einen abgehackten Finger.
Da bricht wieder ein Donner los, mit solcher Gewalt, dass Lova die Taschenlampe fallen lässt. Sie flackert kurz, bevor sie ausgeht.
Schon als sie vor der großen Villa steht, bereut sie ihre Entscheidung. In der Einfahrt stehen Fahrzeuge einer Cateringfirma, einer Eventorganisation und eines Orchesters. All das widerspricht der Versicherung ihrer Mutter, dass es sich hierbei um eine kleine Veranstaltung im engsten Kreis handelt.
Wenn Asker allein gewesen wäre, hätte sie auf dem Absatz kehrtgemacht und wäre wieder nach Hause gefahren. Aber das ist sie nicht.
Sie schielt zu Viktor, der neben ihr hergeht. Er sieht gut aus in seinem sommerlichen Anzug, das kann sie nicht leugnen. Sein Haar ist von der Sonne gebleicht, die Haut gebräunt. Außerdem ist er nett und intelligent. Und, nicht zu vergessen, gut im Bett.
Trotzdem bereut sie es, ihn heute Abend mitgenommen zu haben, genau wie sie es bereut, sich extra für diesen Anlass ein hellblaues Kleid zugelegt zu haben. Kleider sind wirklich nicht ihrs. Und Gartenpartys auch nicht.
Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr.
Sie folgen der von Marschall-Kerzen gesäumten Allee zum Eingang des Gartens. Zwei Männer in dunklen Anzügen und mit Ohrhörern halten Wache. Während sie ihre Namen auf einem Tablet abhaken, mustern sie Asker und Viktor abschätzend. Askers Blick fällt dabei auf die Gästeliste, die beunruhigend lang ist.
»Willkommen«, sagt einer der beiden schließlich und öffnet ihnen das Tor. Asker ärgert sich über diese Behandlung. Immerhin ist das hier ihr Elternhaus. Zumindest eines ihrer Elternhäuser. Als Jugendliche hat sie hier ein paar Jahre gelebt.
Der Unterschied zwischen Isabels und Junots Villa in Limhamn und Prepper-Pers Farm, auf der sie aufwuchs, könnte kaum größer sein. Der riesige Garten ist mit Lichterketten und Fackeln geschmückt. Am Rand der sorgfältig gemähten Rasenfläche ist eine Bühne aufgebaut, wo eine Band gedämpfte Aufzugmusik spielt.
Etwa einhundert Gäste in heller Sommerkleidung versammeln sich um Stehtische, während die Bedienungen in weißen Jacketts sie mit Kanapees und Getränken versorgen.
»Champagner?«
Eine Kellnerin präsentiert ihnen ein Tablett mit Gläsern.
»Danke, gern!«
Viktor lächelt sie so charmant an, dass sie errötet. Asker nimmt ihn am Arm und steuert ihn langsam auf das Epizentrum des Fests zu. Schließlich kann sie sich ihrer Mutter genauso gut gleich stellen.
Leider entdeckt Camille sie zuerst und stellt sich ihnen in den Weg.
»Hej, Leo! Wie schön, dich zu sehen.« Wie immer begrüßt sie sie mit Wangenküsschen, als würden sie sich an der Riviera befinden.
»Das ist Viktor«, sagt Asker. »Und Viktor, das ist Camille.«
»Leos Schwester«, präzisiert Camille, die Viktor anerkennend mustert. »Wie nett. Ich wusste gar nicht, dass du einen Freund hast, Leo?«
Leo übergeht die Frage.
»Wo ist Fredric?«
»Oh, er musste noch mal kurz ins Büro. Aber er kommt später.«
Ihr Schwager ist noch so ein Fehltritt, den Leo bitter bereut. Vor langer Zeit waren sie einmal liiert. Als sie erkannte, dass er nur ein langweiliger Streber war, ließ sie ihn fallen und zog in die USA.
Bei ihrer Rückkehr war er stattdessen mit Camille verlobt.
Der Langweiler Freddy verwandelte daraufhin ihre kluge, lustige Schwester in eine gefügige Hausfrau und übernahm selbst die Rolle des zukünftigen Erben von Lissander und Partner. Eine gerissene Strategie, für die Leo ihm fast Respekt zollte.
»Und die Mädels?«, fragt sie.
»Drinnen mit dem Babysitter.« Camille deutet auf die Villa. »Mama fand es so am besten. Du schaust doch nach ihnen? Du weißt, wie sehr sie sich freuen, schließlich sehen sie ihre Tante nicht besonders oft.«
Asker spült die spitze Bemerkung mit einem Schluck Champagner hinunter. Sie ist wie aus dem Lehrbuch ihrer Mutter, auch wenn Camille noch einiges an Übung braucht.
Ihre Schwester räuspert sich, ihr Blick wird unruhig.
»Übrigens, Leo, ich wollte dich noch etwas fragen.« Camille schielt zu Viktor, woraufhin Leo ihr Glas leert und es ihm in die Hand drückt.
»Könntest du bitte Nachschub holen?«
Vielsagend zieht sie die Augenbrauen hoch.
»Klar. Ich besorge auch ein paar Häppchen.«
Asker wartet, bis er außer Hörweite ist.
»Also, was gibt es?«
»Tja …« Camille kommt einen Schritt näher. »Hast du etwas von …« Nervös blickt sie sich um. »… von Per gehört?«
Das Letzte sagt sie so leise, dass man es kaum hört, als würde er allein durch die laute Nennung seines Namens plötzlich in Erscheinung treten.
Asker schüttelt den Kopf.
»Nichts, seitdem er letzten Winter den halben Polizeikorps reingelegt hat. Warum?«
Ihre Schwester blickt sich wieder um.
»Im Büro gibt es plötzlich einen Wachdienst an der Rezeption, außerdem wurde unser Alarmsystem ausgetauscht, und bei uns zu Hause sind jetzt Kameras installiert. Niemand sagt mir etwas, aber ich habe das Gefühl, dass es etwas mit Per zu tun hat.«
»Mm«, brummelt Asker.
Camille senkt die Stimme noch mehr.
»Sind die Mädchen und ich in Gefahr?«
»Das glaube ich nicht.«
»Du glaubst es nicht?« Camilles Stimme schlägt in Falsett um, dann reißt sie sich wieder zusammen. »Entschuldige, ich wollte dich nicht anraunzen. Ich mache mir nur solche Sorgen. Vor allem um die Mädchen.«
Sie legt den Kopf schief.
»Allein der Gedanke daran, dass Per sich irgendwo da draußen befindet und uns vielleicht überwacht …« Camille sieht sich zum dritten Mal um. »Weißt du, wo er sich versteckt, Leo?«
»Nein, leider nicht.«
»Hast du wirklich keine Ahnung? Es würde mir wirklich helfen, irgendetwas zu wissen, egal, was, nur damit es sich weniger gefährlich anfühlt. Du hast doch sonst alles unter Kontrolle.«
Asker mustert ihre Schwester aufmerksam. Camille versucht, so auszusehen, als sei sie nur beunruhigt, aber sie hat dieses Spiel nie so gut beherrscht wie Isabel.
Viktor kommt mit vollen Gläsern und einem Teller mit Lachsschnittchen zurück, was das Gespräch beendet.
»Wir müssen Mama und Junot begrüßen«, sagt Asker zu ihrer Schwester. »Ich schaue nachher zu den Mädchen rein.«
Sie führt Viktor zur Mitte der Rasenfläche, wo Isabel mit der selbstsicheren Entspanntheit einer Monarchin Hof hält. Wie gewöhnlich steht Junot schräg hinter ihr. Asker mag Isabels Mann. Zwischen ihnen herrschte immer eine Art heimliches Einverständnis, vielleicht weil sie beide in Isabels Welt zurechtkommen müssen, mit allem, was dieser Umstand mit sich führt. Camille betrachtet Junot als ihren Vater, und ihre Töchter nennen ihn Opa.
»Danke, dass du gekommen bist«, sagt Junot, als sie ihn auf die Wange küsst. »Und du hast noch jemanden mitgebracht, sehe ich.«
Asker stellt Viktor und Junot einander vor, und während die beiden Männer plaudern, geht sie zu ihrer Mutter hinüber.
»Leonore, wie schön, dich zu sehen. Und wie hübsch du bist, du solltest öfter ein Kleid tragen.«
Isabel setzt ein steifes Lächeln auf und blickt missbilligend auf die Tätowierung auf Askers Unterarm.
Asker unterdrückt ein Grinsen. Genau so muss ein passiv-aggressiver Kommentar gemacht werden. Ihre kleine Schwester hat noch viel zu lernen.
»Und du solltest es besser wissen, als Camille darauf anzusetzen, mir Informationen über Per zu entlocken, mit den Mädchen als Druckmittel. Damit überschreitest du wirklich eine Grenze.«
Ihre Mutter spitzt die Lippen.
»Ich weiß nicht, wovon du redest, Leonore.«
»Nicht?« Asker zieht die Augenbrauen hoch. »Abgesehen von den beiden Wachleuten am Eingang habe ich mindestens noch drei weitere Typen gesehen, die versuchen, unauffällig zu wirken. Ziemlich professionell im Übrigen, nicht die üblichen Tölpel. Bisschen übertrieben für eine Gartenparty.«
»Wir haben ein paar prominente Gäste.« Ihre Mutter zupft an einer Haarsträhne, die bereits exakt da liegt, wo sie soll. »Aber wenn du so direkt fragst, es gehen tatsächlich ein paar Dinge vor sich, die indirekt mit deinem Vater zu tun haben. Dinge, die ihn dazu bringen könnten …« Sie macht eine Handbewegung, als suche sie nach dem richtigen Wort. »Wieder aus dem Gleichgewicht zu geraten.«
»Ach?«
Asker kann nicht leugnen, dass sie das Thema interessiert.
Ihre Mutter senkt die Stimme.
»Erinnerst du dich an Tectron? Den früheren Arbeitgeber deines Vaters?«
»Ja«, erwidert Asker. »Er hat die Firma ein paarmal erwähnt.«
Eine komplette Untertreibung, aber Isabel scheint die Ironie nicht zu verstehen.
»Tectron wird gerade von einem riesigen amerikanischen Waffenunternehmen geschluckt. Ein großes Geschäft, sehr profitabel für die Aktionäre. Und damit auch für die Führungsetage. Aktien, Anleihen …«
»Alles, was Per verloren hat, als er sie angezeigt hat, weil sie angeblich sein Patent gestohlen hatten«, ergänzt Asker.
Isabel nickt.
»Ich habe ihn gewarnt. Ich habe damals versucht, ihm zu erklären, dass seine Vertragsvereinbarung im Hinblick auf Forschungspatente eindeutig formuliert war und er keine Chance vor Gericht haben würde. Aber er hat nicht auf mich gehört, wie du weißt.«
»Wie viel hätte Per jetzt bei dem Geschäft verdient? Wenn er in den sauren Apfel gebissen hätte und in der Firma geblieben wäre, anstatt sich selbst durch eine unsinnige Klage zu ruinieren?«
Ihre Mutter zuckt mit den Schultern.
»Er war Forschungsleiter, saß mit im Vorstand. Beim Optionshandel waren sie sehr großzügig, wir reden also über mehrere Millionen.«
»Und jetzt hat Tectron Angst, dass Per sich wieder übervorteilt fühlt. Dass er noch einmal eine Bombe in ihrem Laden hochgehen lässt, oder noch Schlimmeres …«
Isabels Mund verwandelt sich in einen missbilligenden, aber zustimmenden Strich.
»Tectron ist dabei, eine ganz neue Forschungsanlage zu bauen. Das ist eine enorme Investition. Wenn da etwas passiert …«
Sie macht eine resignierte Geste.
»Und wo kommst du ins Spiel? Fredric und Camille? Warum macht ihr euch Sorgen?« Asker ahnt die Antwort auf die Frage schon, bevor ihre Mutter sich äußern kann. »Ah. Weil Lissander und Partner in das Geschäft verwickelt sind …«
Ihre Mutter verzieht den Mund zu einem Lächeln.
»Bei solch großen internationalen Übernahmen sind mehrere Anwaltskanzleien involviert. Das erfordert besondere Kompetenzen auf einem sehr hohen Niveau. Wir sind eine der wenigen schwedischen Kanzleien, die das kann.«
Isabels Miene wirkt jetzt besorgt.
»Dein Vater ist nicht gesund, Leonore. Du weißt besser als jeder andere, wie irrational er sein kann. Wir wollen ihn nur im Auge behalten. Und uns vergewissern, dass er keine Gefahr darstellt, weder für uns noch für sich selbst. Jeder Hinweis, was ihn angeht, wäre hilfreich.«
Asker ist überrascht. Soweit sie weiß, ist es das erste Mal überhaupt, dass ihre Mutter sie um Hilfe bittet.
Die Narbe unter der Tätowierung auf ihrem linken Arm juckt leicht, so wie immer, wenn Per sich unerwartet in ihre Gedanken drängt. Sie glaubt zwar zu wissen, wer ihm hilft, vielleicht sogar, wo er sich versteckt. Andererseits ist diese Information ihr einziger Trumpf, und auf den muss sie gut aufpassen.
»Per hat sich im Winter bei mir gemeldet«, sagt sie nachdenklich. »Er hat mir ein Geschenk geschickt, direkt nach der Geschichte mit Gunnar Irving und dem gläsernen Mann.«
»Ein Geschenk?« Isabels Augen verengen sich. »Was für ein Geschenk?«
»Ich habe es nicht aufgemacht, sondern sofort in den Müll geworfen. Danach habe ich nichts mehr von ihm gehört oder gesehen.«
Isabel mustert Asker, als wolle sie abwägen, ob diese die Wahrheit sagt. Ihr Blick ist fast so durchdringend wie Pers.
Der Trick, um solche Verhöre durchzustehen, besteht darin, eindeutige Lügen zu vermeiden. Stattdessen Dinge zu erzählen, die wahr sind, und sie mit ein paar Details auszuschmücken, um abzulenken. Wie zum Beispiel …
»Ein Geschenk«, wiederholt ihre Mutter. »Wie seltsam.«
»Oder auch nicht«, erwidert Asker. »Immerhin habe ich ihn davor bewahrt, für einen Mord lebenslänglich im Gefängnis zu landen, den er nicht begangen hat.«
Sie schneidet eine Grimasse, um ihre Mutter daran zu erinnern, welche Rolle diese selbst in dieser Geschichte gespielt hat. Isabel verzieht keine Miene, aber in ihrem Blick ändert sich etwas, nur ein winziges bisschen.
»Jedenfalls …« Isabel streicht eine unsichtbare Falte auf ihrem perfekt sitzenden Kleid glatt. »Falls du etwas von Per hörst, wäre ich sehr dankbar, wenn du mich kontaktieren könntest.«
»Selbstverständlich.«
Das Verhör ist vorbei, der Grund, warum sie eingeladen wurde, geklärt, somit müsste sie sich bald wieder aus dem Staub machen können.
»Apropos prominente Gäste«, hält ihre Mutter sie zurück. »Es ist jemand da, der dich gern sehen will.«
»Aha?«
Der abrupte Themenwechsel überrascht Asker. Isabel fasst sie am Ellenbogen und führt sie an den anderen Gästen vorbei mit sich. Asker sieht sich um, aber Viktor scheint noch in ein Gespräch mit Junot vertieft zu sein. Wahrscheinlich ist das kein Zufall.
Was hat Isabel jetzt noch vor?
Im hinteren Teil des Gartens stehen einige Personen beisammen und unterhalten sich. Eine von ihnen ist der Polizeidirektor, zur Feier des Tages in Blazer und roter Hose. Neben ihm steht eine autoritär wirkende große Frau im Alter ihrer Mutter. Der Mann an ihrer Seite ist übertrieben braun gebrannt, trägt eine Sonnenbrille und einen Pullover, den er sich locker um die Schultern geknotet hat.
»Leonore. Lange ist es her, komm und gib deiner Tante einen Kuss.«
Widerwillig küsst Asker die beiden auf die Wange. Tante Diana und Onkel Buster sind nicht mit ihr verwandt, aber Camille nennt sie Tante und Onkel, seit sie klein war, und diese Titel sind ihnen geblieben.
Das Ehepaar Severin gehört zu Isabels und Junots ältesten Freunden. Diana war Kommunalrätin in Malmö, bevor sie auf der Karriereleiter weiterkletterte. Nach einem Abstecher in das EU-Parlament bekleidet sie einen einflussreichen Ausschussposten im Parlament, und diverse Experten tippen, dass sie die nächste Justizministerin wird. Buster ist Geschäftsmann, ein Typ, der Cabrio fährt, eine schwere Rolex trägt und ein ebenso schweres Aftershave. Außerdem umarmt er immer ein bisschen zu lange und zu fest, vor allem jüngere Frauen. Natürlich heißt er nicht wirklich Buster, aber die Anekdote hinter diesem Spitznamen ist zu albern, als dass Asker sie sich gemerkt hätte.
»Ossian lässt dich grüßen!«, sagt Diana, nachdem Asker die Begrüßungsprozedur hinter sich gebracht hat.
»Er ist auf Geschäftsreise, sonst wäre er natürlich gekommen«, ergänzt Buster. »Hat einiges Spannendes am Laufen.«
Diana wendet sich an den Polizeidirektor.
»Du erinnerst dich doch sicher an unseren Sohn?«, fragt sie. »Ossian arbeitet in einem von Busters Unternehmen. Die nächste Generation wird eingelernt.«
»Ja, natürlich, selbstverständlich.« Der Polizeidirektor macht ein höflich beeindrucktes Gesicht.
»Gruß zurück«, sagt Asker automatisch, hauptsächlich, weil es von ihr erwartet wird. Sie hat Ossian seit Jahren nicht mehr gesehen, was kein echter Verlust ist. Ein privilegierter Streber, so wie im Prinzip alle Freunde von Fredric.
Sie sieht sich nach ihrer Mutter um, aber Isabel ist auf magische Weise verschwunden, wodurch Asker sich in einer erzwungenen Konversation über das sommerliche Wetter wiederfindet. Es fällt ihr schwer, die zivile Aufmachung des Polizeidirektors zu schlucken, sie muss sich zwingen, den Blick von seiner roten Hose zu wenden. Sie passt so wenig zum Rest von ihm, dass es sie überrascht, dass sein Körper sie nicht abgestoßen hat.
Nach drei Minuten Small Talk darüber, dass es weiter im Norden ordentlich gewittert, wechselt Diana Severin das Thema.
»Wir haben erst vorhin über dich gesprochen«, sagt sie mit einer Geste in Richtung des Polizeidirektors.
»Ja«, räuspert sich der Polizeidirektor, als wäre das sein Stichwort gewesen. »Ich habe erzählt, wie Sie die Reserveabteilung aufgeräumt haben. Und wie Sie Jonas Hellman und der Abteilung für Kapitaldelikte bei zwei großen Mordfällen beigestanden haben.«
Asker zwingt sich zu einem Lächeln. Der Ausdruck »beistehen« ist nur schwer zu ertragen. Sie war es, die zusammen mit Martin Hill und der Abteilung für hoffnungslose Fälle und verlorene Seelen dem Troll ein Ende bereitete und Smilla Holst befreite. Und nur einen Monat später deckte dasselbe Team Gunnar Irvings makabres Experiment an seinem eigenen Sohn auf. Außerdem gelang es ihnen zu verhindern, dass Prepper-Per unter den Polizisten ein Blutbad anrichtete.
Aber aus unterschiedlichen Gründen muss sie die herabsetzende Beschreibung ihres Einsatzes schlucken.
»Ich plane einige Veränderungen in meinem Stab«, fährt der Polizeidirektor fort. »Demnächst wird ein neuer Posten als Koordinator ausgeschrieben. Ein gutes Sprungbrett für die Karriereleiter in alle Richtungen. Nicht nur innerhalb des Polizeiapparats.«
Er wechselt einen kurzen Blick mit Diana Severin, der Asker verrät, dass dies kaum seine eigene Idee war.
»Verhalten Sie sich ruhig, Asker«, endet er. »Dann gelten Sie bald als sichere Kandidatin.«
Der Polizeidirektor hebt auffordernd die Augenbrauen.
Asker ringt sich ein »okay« ab, während sie überlegt, was hier gerade vor sich geht. Bevor sie ein klares Bild hat, taucht wie aus dem Nichts wieder ihre Mutter auf. Mit Viktor am Arm.
»Leonore, warum hast du uns diesen netten jungen Mann nicht schon früher vorgestellt?«, fragt sie gespielt vorwurfsvoll.
Viktor gibt erst dem Polizeidirektor die Hand, anschließend den Severins.
»Viktor Pettersson«, stellt er sich vor. »Leos Freund.«
Asker will protestieren, hält sich dann aber zurück.
Viktor sagt etwas, woraufhin alle in Gelächter ausbrechen. Dabei legt er den Arm um ihre Taille und zieht sie an sich. Aus den Augenwinkeln registriert Asker Isabels zufriedenes Lächeln.
Ein Hinterhalt, flüstert eine Stimme in ihrem Kopf. Plötzlich scheint ihre Zukunft vorgezeichnet, ohne dass sie die geringste Chance hatte, der Sache zuzustimmen. Zugleich ist der Köder, der da vor ihrer Nase baumelt, äußerst verlockend.
Eine Chance, ihre Karriere wieder in Gang zu bekommen. Die Abteilung für verlorene Seelen zu verlassen, ihre eigenen Bedingungen zu stellen. Vielleicht irgendwann ins Justizdepartement zu wechseln.
Alles, was sie tun muss, ist, sich unauffällig zu verhalten.
Das sollte einfach sein.
Es wäre schließlich nicht das erste Mal.
Komm schon, Leonore, lass uns tanzen!«
Ein paar der anderen Mädchen versuchen, sie mit auf die Tanzfläche zu ziehen. Leo schüttelt den Kopf, hält ihr Glas als Alibi hoch.
Es ist Samstag, einen Monat vor dem Abitur, sie ist auf einer Party.
Vor den Prüfungen hat sie keine Angst. Sie ist in allen Fächern die Beste ihrer Stufe.
Inzwischen hat sie sich sogar einigermaßen assimiliert.
Aber das war ein hartes Stück Arbeit.
Im ersten Jahr hatte sie keine Freunde. Prepper-Per saß zwar in der Psychiatrie, und sie selbst war zu ihrer Mutter, Junot und Camille nach Limhamn gezogen, aber in ihrem Kopf lebte sie noch auf der Farm. Sie war einsam, den Umgang mit Menschen nicht gewohnt. Unter ihrem Bett lag immer der Rucksack bereit, für den Fall, dass Prepper-Per kommen und sich rächen wollte.
Im zweiten Jahr lief es besser. Sie passte sich an. Lernte, mit anderen Menschen umzugehen, ohne ständig ihre Gefährlichkeit abzuschätzen und nach Notausgängen Ausschau zu halten.
Im dritten Jahr begann sie, sich zu schminken. Sie zog sich anders an – Kleider und Schuhe, die nicht in erster Linie im Hinblick auf Bewegungsfreiheit und Schnelligkeit ausgesucht waren.
Sie schloss ein paar Freundschaften, oder zumindest Bekanntschaften, verlor ihre Unschuld an einen Jungen, den sie zu diesem Zweck ausgesucht hatte. Er war Barkeeper, fünf Jahre älter als sie, und sie trafen sich ungefähr ein halbes Jahr lang heimlich. Sie stellte fest, dass Sex ihr gefiel. Er brachte ihr bei, gut darin zu werden.
Jetzt ist sie angepasst und attraktiv genug, um auf die wichtigsten Partys eingeladen zu werden. So wie diese hier.
Sie befinden sich in einer Wohnung in Ribersborg. Auf der anderen Straßenseite glitzert das Meer, und die Lampen der Öresundbrücke leuchten.
Der Gastgeber, der gerade auf der Tanzfläche Hof hält, heißt Fredric Ullhammar. Er ist süß und populär. Der Typ Junge, der von Kindesbeinen an im sozialen Umgang trainiert wurde. Golf, Tennis, Skifahren. Welches Besteck wofür vorgesehen ist, welche Weine man trinkt und wie man der Gastgeberin gegenüber eine charmante Dankesrede hält.
Einer von uns, hätte ihre Mutter gesagt.
Vielleicht interessiert er sie deshalb. Vielleicht zieht sie deshalb in Erwägung, mit ihm zu schlafen. Einfach um zu zeigen, dass sie in der Lage dazu ist.
Dass sie sich angepasst hat.
Sie begegnet Fredrics Blick am anderen Ende der Tanzfläche. Fixiert ihn so lange, bis er zu ihr herübergeschlendert kommt.
»Du bist Leonore Lissander, oder?«
Sie nickt. Ihr neuer Nachname ist inzwischen nicht mehr neu, sondern fast vier Jahre alt, dennoch hat sie sich nicht richtig an ihn gewöhnt. Isabel hat ihn ausgetauscht, ohne sie vorher zu fragen. Eine gute Möglichkeit, um neu anzufangen, wie sie meinte, ihr altes Leben hinter sich zu lassen.
»Magst du tanzen?«, fragt Fredric.
»Nein.«
Sie nippt an ihrem Drink. Ihn abzuweisen, ist die richtige Taktik. Solche Typen wie er sind es nicht gewohnt, abgewiesen zu werden.
Also strengt er sich an. Setzt seinen ganzen Charme ein.
Sie lässt ihn hart arbeiten, alle Register ziehen.
Und als sie später mit ihm in einem der Schlafzimmer Sex hat, ist er vollkommen davon überzeugt, sie verführt zu haben, obwohl es andersherum war.
Der große Triumph kommt allerdings weitaus später, nämlich als sie ihn nach ein paar Monaten zum Mittagessen nach Hause einlädt. Der Blick, den ihre Mutter ihr beim Hauptgang zuwirft und der ihren unverhohlenen Stolz zeigt, sagt ihr alles, was sie wissen muss.
Sie hat ihr Ziel erreicht.
Sie hat sich in einen normalen Menschen verwandelt.
Hill wacht ruckartig auf. Er muss auf dem Sofa eingeschlafen sein. Jetzt bemerkt er im dämmrigen Wohnzimmer einen rötlichen Schein sowie eine riesige, dunkle Silhouette. Jemand ist in seine Wohnung eingedrungen. Ein Riese mit roten Augen und länglichen, amphibienhaften Pupillen.
Hill springt vom Sofa auf, sucht hinter einem Sessel Schutz. Seine künstliche Herzklappe pocht wie wild vor Schreck.
Er muss Alarm schlagen! Aber wo ist sein Telefon? Es ist nirgends zu sehen. Hill wartet darauf, dass der gläserne Mann den Sessel umstößt, sich auf ihn wirft und ihn wie ein Bär umklammert. Die Luft aus seinen Lungen quetscht, seine Rippen in kleine Stücke bricht, so wie er es mit Gunnar Irving getan hat. Und diesmal gibt es keine Leo, die ihm zu Hilfe eilt.
Aber nichts passiert. Alles ist ruhig.
Nach einigen Sekunden wird Hill wieder klar im Kopf.
Er hatte einen Albtraum – wieder einmal.
Das rote Licht stammt von der Mikrowelle drüben in der Küche, die Silhouette ist ein Pullover, den er zum Trocknen über die Stehlampe gehängt hat.
Er steht auf, lässt sich zurück auf das Sofa sinken und knöpft sein feuchtes Hemd auf. Sein Herzschlag verlangsamt sich.
Der gläserne Mann ist tot, er lässt sich nicht mehr wiederbeleben. Dennoch sucht er Hill jede Nacht heim, zwingt ihn, das Licht brennen zu lassen, als sei er ein kleiner Junge, der Angst vor der Dunkelheit hat.
Ein Teil von ihm möchte nichts lieber als Leo anrufen, nur um ihre Stimme zu hören. Aber sie haben schon lange nicht mehr miteinander gesprochen.
Trotzdem greift er nach seinem Handy. Zwei verpasste Anrufe von Sofie.
Verdammt!
»Tut mir leid«, sagt er, als sie rangeht. »Ich bin eingeschlafen, hatte das Telefon stumm geschaltet. Aber ich kann in einer Viertelstunde fertig sein, wenn du noch essen gehen willst.«
Sie antwortet leicht gereizt, bevor sie zu ihrem Lieblingsthema übergeht, nämlich der Scheidung von ihrem Mann sowie dem Sorgerechtsstreit.
Hill brummt irgendetwas, während er zum Fenster geht und zwischen den Vorhängen hinausspäht.
Die Straße draußen liegt still und verlassen da. Alles, was zu sehen ist, sind parkende Autos. Drei davon gehören seinen Nachbarn, das weiß er.
Aber das vierte, weiter weg, ist neu.
Oder nicht?
Vor einigen Wochen fuhr ein Auto so nah an seinem Fahrrad vorbei, dass ihn der Außenspiegel streifte und er stürzte.
Zum Glück kam er mit ein paar blauen Flecken und Kratzern davon. Es war ein ganz gewöhnlicher Unfall, mit dem man rechnen musste, wenn man in einer Stadt wie Lund mit ihren engen Kopfsteinpflastergassen Fahrrad fuhr.
Aber neulich wurde er beinahe auf einem Zebrastreifen umgefahren, er musste zur Seite springen, als das Fahrzeug mit hoher Geschwindigkeit an ihm vorbeiraste.
Seitdem passt er im Verkehr besonders auf.
