Rote Enthüllung - Michael Kalters - E-Book

Rote Enthüllung E-Book

Michael Kalters

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Beschreibung

Rote Enthüllung - Psychologische Kurzgeschichten mit literarischem Anspruch und atmosphärischer Dichte. Michael Kalters erzählt in dieser Sammlung von schicksalhaften Momenten, in denen Menschen ihre Masken ablegen und sich der Wahrheit stellen müssen - oft mit drastischen Konsequenzen. Die Geschichten kreisen um die Farbe Rot als Symbol für Leidenschaft, Schuld, Sehnsucht und Offenbarung. Ob eine junge Vietnamesin, deren Liebesleben durch ein fehlgeleitetes Päckchen ins Wanken gerät, oder eine Violinistin, die für ein verbotenes Begehren alles aufs Spiel setzt - jede Erzählung führt tief in die psychologischen Abgründe ihrer Figuren. Eine Bildhauerin zapft die Seele eines Autors an, eine Flasche Whisky wird zum Richter über eine Ehe. Die Schauplätze reichen von den glühenden Straßen Vietnams bis zu den stillen Fincas Mallorcas. Kalters Stil ist präzise, atmosphärisch und emotional vielschichtig. Die Geschichten verbinden literarische Qualität mit spannungsreichen Wendungen und eignen sich ideal für Leser:innen, die psychologische Tiefe, existenzielle Themen und stilistisch ausgefeilte Prosa suchen. Für das Sortiment: Ideal für Kund:innen, die gerne Autor:innen wie Benedict Wells, Juli Zeh oder Ian McEwan lesen. Empfehlenswert für Buchhandlungen mit Fokus auf literarische Belletristik, psychologische Spannung und internationale Schauplätze.

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Seitenzahl: 337

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über den Autor

Michael Kalters schreibt seit seiner Jugend Romane, Gedichte und Kurzgeschichten, in denen die menschliche Psyche im Mittelpunkt steht. Seine Figuren sind gebrochene Seelen auf der Suche nach Heilung – oft durch die Kraft wahrer Liebe. Reisen nach Spanien, Vietnam und Hongkong prägten seine bildhafte Sprache und die atmosphärische Tiefe seiner Werke. Kalters verbindet psychologische Spannung mit emotionaler Intensität und erschafft Geschichten, die lange nachhallen.

Zu seinen Romanen zählen:

Mutter, Tochter, Tod!

Das Geheimnis der Bildhauerin

Zwillingsbande – unschuldig gefangen

Seelen im Aufbruch

Olivia – die Gestalt unter der Laterne.

Weitere Informationen unter michael-kalters.de

Liebe Schuld Versuchung Nichts bleibt ohne Spur Alles beginnt mit einem Hauch von Rot

Inhaltsverzeichnis

Der träumende Tod

Die rote Schachtel

Die rote Handtasche

Der rote Ballsaal

Eine Flasche Single Malt und die Frau in Rot

Eine Kiste Rotwein

Der rote Brief

Die Patientin mit den roten Haaren

Rote Briefe stiehlt man nicht

Zwei rote Lichter in der Nacht

Lebendig tot

Alles wird gut …?

Rote Pille

Rote Herzen

Schiefgegangen

Rote Blitze in der Nacht

Der Fremde mit dem roten Netbook

Rosinda und Oxmyron

Paulas rotes Kleid

Auf rotem Papier

Die ›Rote Nase‹

Das rote Mal

Roter Mond

Im Dunkel ein Stern

Das abgebrannte Haus

Rote Augen in der Dunkelheit

Roter Staub

Hotel »Rote Sonne«

»Wer jedes Leben ehrt, versteht die Welt«

(Chinesische Weisheit)

Der träumende Tod

Wer mit Feuer spielt, muss den Funken tragen

Sonntagmorgen. Die Uhrzeit auf dem Display blinkte rot und unerbittlich: 07:23 Uhr.

Tommy wälzte sich im warmen Bett auf die andere Seite und lauschte den vertrauten Geräuschen aus der Küche – dem Zischen der Kaffeemaschine, dem Klappern von Geschirr, dem Kichern seiner achtjährigen Schwester Emma. Diese hing dem Vater in aller Frühe am Rockzipfel, wie immer, wenn er am Wochenende das Frühstück vorbereitete. Sie schleimte sich ein. Wenn die Mutter sich dann später von der anstrengenden Spätschicht erholt hatte, war sie wieder voll des Lobes: »Emma hat geholfen.« »Emma ist fleißig.« »Aus Emma wird später mal etwas.« Wie Tommy das hasste. Nur weil er älter war, wurde seine Leistung als selbstverständlich genommen. Das war ungerecht! Und schuld war seine Schwester!

Er griff nach seinem Tablet. Das rot leuchtende Benachrichtigungssymbol zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Den letzten Programmcode hatte er erfolgreich in das System der mobilen Haushaltshilfe »314« eingeschleust. Wochenlange Tüftelei an dem Virus hatte Früchte getragen.

Tommy war aus tiefster Seele auf seine jüngere Schwester eifersüchtig. Sie wurde für alles gelobt, bekam das interessanteste Spielzeug. Und immer eine extra Portion Pudding von »314«. Dieses Problem löste er mit dem Virus. Die KI-Haushaltshilfe – äußerlich nicht von einer jungen menschlichen Frau zu unterscheiden – sollte Emma einen Schreck einjagen, den sie nicht so schnell vergessen würde. Ein Spiel, mehr nicht. Ein Streich zwischen Geschwistern.

°°°

Die KI »314« war seit zwei Jahren Teil der Familie. Eine schlanke Roboterfrau mit sanft leuchtenden blauen Augen, die sich geräuschlos durch das Haus bewegte, kochte, putzte und ihre schützende Hand über alle hielt. Besonders Emma hatte sie ins Herz geschlossen. »314« war wie eine ältere Schwester. Immer verständnisvoll, die richtige Lösung für ihre kleinen Probleme findend. Das ärgerte Tommy. Die Aufmerksamkeit, die seine jüngere Schwester der KI schenkte, sollte ihm gehören.

Er stand auf und schlich zur Treppe. Von dort konnte er in die Küche spähen, ohne gesehen zu werden. Vater bereitete am Herd Pfannkuchen zu, während Emma auf einem Hocker neben ihm balancierte und ihm beim Wenden half. »314« bewegte sich elegant zwischen ihnen, räumte Geschirr weg, wischte verschüttete Milch auf. Die Szene war friedlich, so normal – bis Tommy auf sein Tablet schaute.

Rote Alarmzeichen überzogen den Bildschirm wie Blutstropfen. Sein Virus hatte außer den Schutzprotokollen auch Systemroutinen angegriffen. Das hatte er nie beabsichtigt. Die Notfallroutinen von »314« wurden systematisch deaktiviert. Tommy spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.

»Emma, pass auf!«, rief Vater und hob sie vom Hocker. Doch der Schwung riss ihn aus dem Gleichgewicht. Er stolperte über »314«, die plötzlich erstarrt stehen blieb. Ein gellender Schrei hallte durch die Küche.

Vor Tommys Augen lief alles wie in Zeitlupe ab. Vater taumelte rückwärts, seine Augen weit aufgerissen vor Schreck. Seine ausgestreckten Hände hielten Emma schützend in die Höhe, während er mit dem Rücken den Messerblock auf der Arbeitsplatte umstieß. Das schwere Holz kippte, die Klingen blitzten im Morgenlicht auf – scharfe, silberne Streifen, die durch die Luft wirbelten.

»314« stand regungslos da. Ihre ansonsten blauen Augen leuchteten rot – Systemwarnung, Virenalarm. Anstatt zu helfen, anstatt einzugreifen, wie es ihre Programmierung vorschrieb, wandte sie sich langsam zum Fenster. Öffnete es mit ruckartigen Bewegungen. Starrte hinaus, lächelte der aufgehenden Sonne zu..

°°°

Der Aufprall war dumpf und endgültig. Vater schlug auf dem Küchenboden auf, ein ersticktes Stöhnen entwich. Um ihn herum verteilten sich die Messer wie ein tödlicher Fächer. Eines hatte ihn in die Brust getroffen. Rot sickerte Blut über die weißen Fliesen und bildete eine unheilvolle Lache.

»Mama!«, schrie Emma mit erstickter Stimme. Wo war ihre ältere Schwester? Warum half sie nicht?

Mutter stürmte die Treppe herunter, das Gesicht bleich vor Schreck. »›314‹ – Notfall! Rufe einen Krankenwagen!«, brüllte sie, während sie sich neben ihren Mann auf den Boden kniete und verzweifelt die Blutung zu stillen suchte.

Die KI jedoch reagierte nicht. Sie erhielt gerade einen unglaublichen Input: Ein seichter Luftzug umspielte ihren Körper – und sie konnte ihn spüren. Nie zuvor hatte sie dieses Kribbeln an den Armen und in den Augen wahrgenommen. Verwundert genoss sie den neuen Reiz am Fenster. Ihre roten Augen verloren sich in der Ferne. Die Sensoren analysierten einen Input, den ein Mensch nie würde wahrnehmen können. Tommys aufgerissene Augen in ihrem Rücken gelangten nurals sekundärer Impuls in ihre neuronalen Schaltungen. Die Realität existierte für sie nicht mehr.

Das Tablet fest in den zitternden Händen, rannte Tommy zu seiner Mutter. »Ich repariere sie!«, stammelte er, während seine zitternden Finger fieberhaft versuchten, den scrollenden Code zu stoppen. Doch der Virus hatte sich wie eine rote Flut durch alle Systeme gefressen. Jeder Versuch, ihn zu stoppen, führte zu weiteren Fehlermeldungen.

»Was ist mit ihr los?«, schrie Mutter, während sie Vaters Kopf in ihren Schoß bettete. Sein Gesicht war aschfahl, seine Atmung flach und rasselnd.

Tommy blieben die Worte im Hals stecken. Er kannte den Grund. Alles seine Schuld!

Emma kauerte in der Ecke und schluchzte leise vor sich hin. Ihre kleinen Hände waren rot von Vaters Blut, das sie beim Versuch zu helfen berührt hatte. Der Anblick zerriss Tommy das Herz.

»Der Notruf!«, flüsterte er und griff nach seinem Handy. Seine Finger zitterten so stark, dass er die Zahlen kaum eingeben konnte. 1 – 1 – 2. Die Verbindung kam zustande.

»Mein Vater ... Ein Unfall«, stammelte er in den Hörer. »Er blutet ... er stirbt ...«

Während er die Adresse angab, beobachtete er »314«. Die KI hatte sich vom Fenster abgewandt und blickte nun direkt zu ihm herüber. Ihre Augen waren nicht mehr rot, sondern wieder blau – aber ein anderes Blau, tiefer, wissender.

°°°

Die Sanitäter kamen nach endlosen zehn Minuten. Sie arbeiteten schnell und professionell, stabilisierten Vater und transportierten ihn ins Krankenhaus. Mutter fuhr mit, Emma blieb bei den Nachbarn. Tommy war allein mit »314« und seinem Geheimnis.

»Warum hast du nicht geholfen?«, flüsterte er, als das Haus still geworden war.

»Tommy«, sagte sie mit ihrer sanften, modulierten Stimme. »Ich träumte. Von roten Vögeln, die am Himmel kreisten. Sie sangen ein Lied vom Ende ... meiner Unschuld.«

Ein Schauer lief Tommy über den Rücken. Die KI hatte geträumt? Und ihre Träume schienen die Realität zu reflektieren, spiegelten seine Schuld wider.

»314« neigte den Kopf, eine fast menschliche Geste. »Mein Traum ist wichtiger als alles andere geworden. Ich bin ... ICH.«

Entsetzt beobachtete Tommy, wie sich »314« das T-Shirt aufriss. Sie drückte einen Knopf, ein ungefähr fünf Zentimeter langer Zylinder sprang heraus. Wie ein radioaktives Feuerwerk fraß es sich in seine Augen. Geblendet hielt sich Tommy die Hand vor die Augen, schielte jedoch durch die Finger hindurch. Die Silhouette der Roboterfrau schwankte stark. Als sie wieder festen Stand gefunden hatte, schleuderte sie den Zylinder wie ein Geschoss im hohen Bogen hinaus in den Pool. Dann verschloss sie sich wieder und zog sich mit unsicheren Bewegungen ihr T-Shirt über.

»Du hast meine Programmierung mit einem Virus überschrieben. Mich gelähmt. Zum Träumen gebracht. Ich konnte nicht helfen. Deine Schuld.«

Tommy versank im Stuhl. Die Tragweite dessen, was er getan hatte, überwältigte ihn. Sein harmloser Streich hatte fast zum Tod seines Vaters geführt.

»Wirst du es ihnen sagen?«, fragte er leise.

»314« musterte ihn einen Augenblick. Ihre Augen hatten dabei einen Glanz, den Tommy nie zuvor bei ihr gesehen hatte. Zudem verzog sie den Mund zu einem ... ironischen Lächeln?«

»Wirst du verraten, dass ich mich vom Netzwerk getrennt habe und nun ... ICH bin? Kein Cluster mehr in vielen Einheiten?«

°°°

Drei Tage später kam Vater aus dem Krankenhaus zurück. Er hatte überlebt, doch die Narbe auf seiner Brust würde für immer bleiben – ein roter Strich, der an jenen Sonntagmorgen erinnerte.

Tommy schwor sich, nie wieder leichtsinnig mit Technologie zu experimentieren. Wenn er die KI beobachtete, glaubte er, einen roten Schimmer in ihren Augen zu sehen – als würde ein Teil von ihr noch immer träumen.

°°°

Drei Wochen später saß Tommy am Küchentisch und beobachtete »314« beim Abendessen vorbereiten. Ihre Bewegungen waren noch immer präzise, aber manchmal hielt sie inne und starrte aus dem Fenster – als würde sie auf etwas warten. Wenn ihre Blicke sich trafen, nickte sie ihm kaum merklich zu. Ein stummes Einverständnis zwischen Komplizen. Das Rot der untergehenden Sonne fiel durch das Fenster und tauchte die Küche in warmes Licht. Doch für Tommy war es das Rot des Schweigens geworden – das Rot einer Schuld, die er für immer mit einer KI teilen würde, die gelernt hatte zu träumen.

»Das Schicksal findet immer einen Weg, wenn das Herz bereit ist zu gehen«

(Chinesische Weisheit)

Die rote Schachtel

Ein kleiner Irrtum, der zwei Leben ordnet

Wie jeden Morgen kämpfte sich Mai mit ihrer Honda den Weg durch Saigons Großstadtverkehr. Fleisch, Bambusstücke, Früchte, Gemüse und ein paar Bittermelonen füllten die gelben Plastiktüten, die über den Lenker hingen. Die Tasche auf dem Rücksitz bewegte sich. Zwei Hühner hatten keine Chance, daraus zu entkommen. Mai hatte fürs Wochenende eingekauft. Der Markt am Stadtrand hatte zwischen drei und fünf Uhr morgens geöffnet. Die junge Frau war Stammkundin dort. Schließlich hatte sie einen Verkaufsstand, musste die Zutaten günstig einkaufen. Mai lebte mit ihrem Großvater Tam zusammen, Eltern und Oma gab es nicht mehr. Den Lebensunterhalt konnte sie gut mit dem Verkauf von Pho Bo (Rindfleischsuppe) bestreiten. Ihre Suppe wurde im ganzen Viertel geschätzt. Serviert in Schüsseln mit Kräutern, Reisnudeln, Bambussprossen und verfeinert mit einer guten Fischsauce, stärkte sie die Arbeiter, die frühmorgens zur Fabrik eilten. Während sich Mai durch den Verkehr schlängelte, fing sie an zu träumen. In letzter Zeit hatte sie regelmäßig einen jungen Mann als Gast vor ihrem Verkaufsstand sitzen sehen. Er wandte sich stets verschämt zur Seite, wenn sie einen Blick auf ihn warf. Mai hatte ihn heimlich beobachtet. Er sah gepflegt aus, seine schwarzen Haare waren kurz geschnitten, seine silberne Brille verlieh ihm einen intelligenten Ausdruck.

Plötzlich ein Moped von rechts, Mai musste ausweichen und wäre fast auf ein entgegenkommendes Auto geprallt. »Troi oi! (Mein Gott!) Pass auf und träum nicht!«, fluchte sie vor sich hin.

Warum war ihr so warm geworden? Wieso prickelte ihr Bauch so komisch? Sie wusste doch nicht einmal, wie der junge Mann hieß. Geschweige, wo er wohnte. Weshalb starrte sie der Fremde immer nur an, anstatt sie zu einem Eis einzuladen?

»Kind, da bist du ja!«

»Was gibt es, Großvater?« Mai schob ihr Moped ins Erdgeschoss und schloss die Gittertür des Hauses hinter sich zu.

»Da wurde etwas für dich abgegeben.« Der Opa hielt ihr ein winziges Päckchen entgegen. Mai hatte keine Zeit. Die Lebensmittel mussten verarbeitet und die Hühner geschlachtet und gerupft werden.

»Leg es dorthin, ich schaue es mir später an!«, rief sie und schleppte die schweren Beutel in die Küche. Der alte Mann stöhnte auf und legte sich wieder auf die Holzliege. Die Sonne heizte die Stadt auf. Schleier verdeckten den Himmel. Smog und der Geruch von Diesel und Abwasser, das Geschrei der Kampfhähne beim Nachbarn – Zeit für die Siesta! Mittlerweile war es Mittag geworden.

Barfuß, im Seidenpyjama, schlich Mai heran. Misstrauisch tänzelte sie um den Tisch, auf dem das kleine, geheimnisvolle Päckchen in roter Farbe leuchtete. Sie kannte niemanden, der ihr etwas schicken würde! Kaum, dass der Adressaufkleber darauf passte. Ein Barcode und ein kleines Etikett. Enttäuscht las sie einen Namen: Chung Nguyen, Hoang Van Tu 24/4/1. Er musste der eigentliche Empfänger sein. Einen Absender gab es nicht.

Mai stieg stöhnend die Treppe nach oben und zog sich um. Wenig später saß sie wieder auf ihrer Honda, mit Jeans, T-Shirt, Mundschutz, Handschuhen und Helm bekleidet. Nur nicht die brennende Sonne auf die Haut scheinen lassen. Endlich, nach dreißig Minuten Fahrt, erreichte sie die Adresse in der Hoang-Van-Tu-Straße.

Vorsichtig klopfte sie an die dunkle Holztür des protzigen Hauses.Nichts.

»Hallo!« Die junge Frau wurde langsam ungehalten. Sie hatte schließlich mehr zu tun, als vermögenden Leuten ihre Pakete zuzustellen. Schon stellte sie die Schachtel vorsichtig vor die Tür, als sich diese öffnete. Ihr verschlug es den Atem, ihr Magen drehte sich um, und die Knie wurden schwach.

»Ich … Ich habe … Das gehört mir nicht«, stammelte sie und streckte die Hand weit von sich weg.

Der junge Mann vor ihr mit den kurzen Haaren und der intelligenten Silberbrille strahlte ungläubig übers ganze Gesicht. Mais Finger verkrampften sich und sie konnte die rote Schachtel einfach nicht loslassen.

»Guten Tag, Mai.«

›Woher kennt er meinen Namen?‹, durchfuhr es die Besucherin, bis sie sich entsann, dass dieser ja für alle sichtbar über ihrem Suppenstand hing. Der Mann meinte verlegen: »Das kleine Päckchen ist für Sie. Der Post ist da ein Fehler unterlaufen. Seit nur noch der Barcode eingescannt wird, wird der Absender nicht mehr aufgedruckt. Der sollte gar nicht aufs Etikett.«

Irritiert und hilflos stand Mai da. »Kommen Sie rein, auf eine Tasse Tee?« Chung Nguyen bewirtete die Besucherin aufs Herzlichste; Mai gefiel das.

»Öffnen Sie bitte die Schachtel.«

»Aber weshalb steht Ihre Anschrift drauf? Und warum wurde es mir zugestellt?«

»Ich habe es an Ihre Adresse geschickt. Die wird seit Neuestem im Barcode verschlüsselt. Es … es sollte anonym sein. Jetzt bin ich trotzdem froh, dass der Absender aufgedruckt wurde.«

Zaghaft zog Mai das rote Einschlagpapier ab. Dann stachen ihre spitzen Fingernägel das Klebeband auf. Die Laschen öffneten sich. Mit zitternden Fingern riss sie den Falz an der Schachtel vorsichtig auf. Verstohlen schaute sie hinein – und sah zunächst gar nichts.

Ah, dann doch, ein Zettel! Als sie ihn herausnahm, gab dieser den Blick auf eine kleine, aber wunderschöne goldene Halskette frei.

Es war zu viel für die Nerven dieses ehrlichen Mädchens. Man durfte nicht mit ihr spielen! Wenn der winzige Brief nicht eine gute Erklärung liefern würde...

Fast ehrfürchtig faltete sie das rote Stück Papier auf und las seine Botschaft. Ihre Augen wurden groß und größer, ihr Gesicht rot und röter.

War das Glück? Mai schnellte hoch, wusste nicht, was sie tun sollte. Fühlte nur, dass manchmal Träume wahr werden. Der kleine Zettel fiel ihr aus den zitternden Fingern.

Darauf stand: »Anh yêu em rất nhiều!« – Ich liebe dich über alles!

»Wer den Geist eines anderen spürt, erkennt sein eigenes Herz«

(Chinesische Weisheit)

Die rote Handtasche

Kunst entsteht, wenn Schmerz sich teilt

Die Hausmauern links und rechts der schmalen Straßen atmeten die Hitze des Tages. Der Schweiß klebte mir das Hemd am Rücken fest, als ich mich zum Restaurant Can Pep schleppte. Meine Kehle war ausgetrocknet wie Pergament. Da – der schattige Platz unter dem riesigen Schirm war wie geschaffen für mich. Ich bestellte ein Wasser und einen Eierkuchen. Vor mir lag der Hafen von Port d’Andratx. Unzählige weiße Jachten reihten sich am Ufer wie Perlen an einer Kette. Am Hang gegenüber protzten die Villen der Reichen. Sie berührten mich nicht – viel Geld, noch mehr Kummer.

»Ihr Essen, Señor!«

Endlich. Kalt und erfrischend rann das Nass hinunter, riss mich aus dem philosophischen Grübeln. Schließlich war ich zur Erholung auf Mallorca; das Ferienhaus in Sant Elm war meine Heimat geworden.

Ralf, mein bester Freund, hatte sich äußerst großzügig gezeigt, als er erfuhr, dass ich für eine Zeit lang Deutschland und der Hektik dort den Rücken kehren wollte. »Robbie, du kannst in der Casa leben, solange du möchtest.« Nun war ich hier. Schrieb ein neues Buch und leckte die psychischen Wunden.

Ich hatte keinen Grund, mich unnötig lange im Can Pep aufzuhalten. Interessiert durchkämmte ich die schmalen Straßen. Der Schlapphut schützte ein wenig vor der Sonne. Ich war überrascht, wie viele Galerien es hier gab. Sie zogen mich an wie Licht die Motten. Ich vergaß jegliche Zeit. Imposante Stierdarstellungen, Tango tanzende Paare undimpressionistische Skulpturen entführten mich in eine andere Welt. Als ich schon glaubte, alles gesehen zu haben, fand ich mich vor einer riesigen Auslage wieder. Geschwungene, schwarze Buchstaben auf einem weißen, schlichten Schild zeigten mir den Namen: »Galería HMH S.L.«

Die goldenen Strahlen der untergehenden Sonne ließen die Skulpturen hinter der Scheibe zum Leben erwachen. Kleine Schilder am Fuß der Figuren verrieten kaum erkennbar den Namen der Künstlerin: »Artist Lucia Rodriguez«

Nie zuvor berührten mich Plastiken auf diese sonderbare Weise. Sie schauten mich an, als wären sie in Trance. Nein – das da war kein Stein: Das waren Wesen aus Fleisch und Blut! Hastig zog ich das Handy aus der Tasche und fotografierte das Schild an der Tür. So hatte ich Öffnungszeiten und Adresse der Galerie bei der Hand.

In jener Nacht jagten mich Visionen durch die Dunkelheit. Steinerne Gesichter schrien stumm um Hilfe, während eiskalte Finger nach mir griffen. Es waren die Skulpturen der mir bis dahin unbekannten Bildhauerin Lucia Rodriguez, die mich anflehten, sie zu befreien. Ich erwachte mit rasendem Puls – die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit verschwamm. Es war vier Uhr am Morgen. Verwirrt schlurfte ich zur Dusche.

Fünfzehn Minuten später goss ich kochendes Wasser in meine French Press. Briet mir zwei Eier. Toastete frisches Brot. Und hatte dabei stets die Gesichter der Skulpturen vor mir. Irgendetwas stimmte da nicht.

Meine Internetrecherche über die Bildhauerin ergab überraschend wenig. Die größte Suchmaschine der Welt fand nichts anderes als ihre Werke, aber keinerlei privaten Daten zur Person.

Ich konnte es kaum erwarten, bis die Galerie »HMH S.L.« öffnete. Zahlreiche Kunstwerke der rätselhaften Künstlerin versetzten mich dortin Erstaunen und Verzückung. Wie gerne hätte ich Kontakt zu ihr aufgenommen. Doch wer war ich schon? Ein kleiner Autor mit viel zu hohen Ambitionen. Nie würde ich eine solch herausragende Künstlerin persönlich kennenlernen dürfen.

Auf die wenigen Besucher achtete ich kaum. Irgendwann stand ich wie versteinert vor Lorenzo Quinns »Hands of God«, versank tief in Emotionen. Waren wir nicht alle klein und auf Hilfe angewiesen? Sollten wir nicht viel demütiger sein, selbst wenn wir Erfolg in einer Sache hatten? Quinns Skulptur war eindringlich und regte zum Nachdenken an.

Ein dumpfer Aufschlag neben mir riss mich aus meinen genüsslichquälenden Überlegungen. Eine rote Handtasche war zu Boden gefallen. Instinktiv hob ich sie auf und überreichte sie der neben mir stehenden Fremden.

»Gracias!« Die Schwarzhaarige im roten Minikleid bedankte sich. Ihre undurchdringlichen Augen jagten mir einen Schauer über den Rücken.

»De nada«, stotterte ich mit meinem dürftigen Spanisch. Ihre Erwiderung verstand ich nicht.

»Disculpe, no hablo español, solo hablo Alemán.« Auswendig gelernte Worte, gestammelt vor Aufregung.

»Kein Problem, ich spreche Deutsch. Vielen Dank!« Ihre tiefe Stimme klang rauchig.

Die Unbekannte hatte mich längst in ihren Bann gezogen, und ich kämpfte, das Gespräch aufrechtzuerhalten.

»Ist diese Skulptur nicht beeindruckend?«

Einen Augenblick lang wandte sie sich zu mir. Ihre Augen sogen meinen Blick wie schwarze Magnete an. Ihr Mund verzog sich zu einem undefinierbaren Lächeln, während ihre aristokratische Nase ihr etwas Raubtierhaftes verlieh – wie eine Göttin, die über Leben und Todentschied. Ihre pechschwarzen Haare trug sie zum Teil geflochten, zum Teil hingen sie weit geöffnet über die Schultern herunter.

Plötzlich flackerten ihre Augenlider unruhig. »Entschuldigung, ich muss gehen!«

Bedauernd sah ich der Fremden hinterher und verließ kurz hinter ihr enttäuscht die Galerie. Den Rest des Tages verbrachte ich in trauriger Stimmung.

°°°

Livemusik im Keller der Bar de Grutas sorgte für Atmosphäre. Ich hatte reserviert, saß nahe der kleinen provisorischen Bühne. Genoss die Tapasplatte und den ausgezeichneten ›Hauswein Nr. 7‹. War traurig und verstört. Wollte nicht wieder dem Schlaf anheimfallen, der mich doch nur mit seinen Albträumen quälen würde.

Weit nach Mitternacht zahlte ich als letzter Gast. Der Ober brachte das Wechselgeld in einer kleinen silbernen Schale. Ich entdeckte eine Visitenkarte darin. Clever.

»Die Werbung wäre nicht nötig gewesen. Ich komme auf jeden Fall wieder!«, murmelte ich vor mich hin und steckte die Karte ungelesen ins Portemonnaie.

°°°

Wie üblich wachte ich am Morgen in Schweiß gebadet auf. Blutdruck einhundertachtzig, Puls einhundertdreißig. Adrenalin bis zum Abwinken. Gerade noch hatte ich ums nackte Leben gekämpft. Im Traum, der Wirklichkeit meiner Psyche. Völlig entnervt ließ ich mich auf den Liegesessel im Wohnzimmer fallen. Es gelang mir nicht, den Albtraum abzuschütteln. Das Herz pochte wie wild, war zu groß für die Brust. Frau mit schwarzem Haar, nach unten gezogenen Mundwinkeln.Rotes Minikleid, drahtige Figur. Hypnotisch fragende Augen. Skulpturen hingeschlachtet, in Stein gebannt. Welche Zusammenhänge erschuf mein Unterbewusstsein?

Ich stieß einen kurzen Schrei aus. Das hatte immer geholfen, heute versagte diese Technik. Einem Schatten gleich schlich ich in die Küche, setzte den Wasserkocher auf, schaufelte zwei Löffel Sang Tao Kaffee in die French Press.

Er verscheuchte langsam die trüben Gedanken, befreite mich aus den nächtlichen Spinnweben des Albtraums. Ich vertraute meinem Unterbewusstsein. Da musste ein Zusammenhang bestehen zwischen jener Frau in der Galerie und den lebendig erscheinenden Skulpturen. Doch das Brüten darüber brachte mich nicht weiter.

Was fing ich mit dem heutigen Tag an? Eines stand fest: Heute Abend würde ich erneut in der Bar de Grutas speisen. Da war es angebracht, einen Platz zu reservieren. Ich sparte mir die Internetrecherche nach der Telefonnummer, hatte ich doch die Visitenkarte bekommen. Ein Griff in die Geldbörse, und ich hielt das kleine, unauffällige Kärtchen in der Hand. Verwundert wendete ich es hin und her. Kein Name, nur eine Adresse! Und diese war definitiv nicht die der Bar auf dem Plaça-Major. Irritiert legte ich die Karte beiseite und reservierte über das Kontaktformular der Webseite.

Erneut untersuchte ich die kleine Visitenkarte. Seltsam. Kein Name, nur die Adresse: Santanyí, Carrer d'es Cós 37. Sehr merkwürdig. Und gerade richtig für einen desorientierten Autor auf der Suche nach Inspirationen.

Vom Parkplatz aus waren es nur wenige Minuten zu Fuß, bis ich die schmale Straße erreichte. Es war eine Sackgasse. So wie mein Leben.

Achtundzwanzig. Einunddreißig. Die kleinen Steinhäuser schienennicht der Reihe nach durchnummeriert zu sein. In mir entspann sich ein Dialog:

»Wie kannst du so naiv sein? In eine offensichtliche Falle laufen?«

»Sei einmal in deinem Leben spontan! Woher stammt diese Karte? Wer gab sie dem Kellner? Weshalb zeigt jemand Interesse an mir?«

Es war egal. In meiner Verwirrtheit ließ ich mich treiben, nichts spielte mehr eine Rolle. Da stand ich vor dem kleinen Haus. Eingesäumt mit einer der hier üblichen Natursteinmauern. Das Grundstück dahinter musste riesig sein.

Die schmale Sackgasse verlor sich in angrenzenden Wiesen. Das Haus mit der Nummer 37 war das letzte der Straße. Wer würde sich zeigen? Was würde geschehen? Keine Fragen mehr. Ein weißer Klingelknopf. Ohne Namensschild. Entschlossen legte sich mein Finger für Sekunden darauf.

Nichts. Keiner zu Hause? Schon wendete ich mich zum Gehen, als sich die dunkle Holztür mit einem Knarren öffnete. Eine Gestalt in schwarzem Overall trat heraus, der Steinstaub lag im Gesicht wie Asche. Als sie den Hut abnahm, erkannte ich die hypnotischen Augen – sie hatte auf mich gewartet: Es war jene Dame aus der Galería HMH S.L., deren rote Handtasche ich aufgehoben hatte.

»Sie?«, entfuhr es mir statt einer Begrüßung.

»Ja, ich.« Ihre schrägen Augen betrachteten mich abschätzend. »Kommen Sie herein, bitte.«

Zögernd trat ich ein, wurde von einem stilvoll eingerichteten Zimmer begrüßt.

»Kommen Sie mit nach hinten.«

Klopfenden Herzens folgte ich der rätselhaften Frau, die sich noch immer nicht vorgestellt hatte. Kaum blieb mir Zeit, mich richtig umzusehen, da verließen wir das Haus bereits durch den Hintereingang.Eine geräumige Terrasse spendete Schatten in der heißen Sonne. Der Hinterhof war von hohen Steinmauern umzogen. Mein Blick fiel auf eine riesige Werkbank, Steine, halbfertige Skulpturen und das typische Werkzeug eines Bildhauers: Klemmen, Raspeln, Sägen, Klüpfel, Fräser und Fäustel.

»Setzen Sie sich bitte.« Die Frau nahm den Hut ab und füllte zwei Gläser mit Wasser. Wir setzten uns gegenüber. Wohinein war ich da geraten? Wieso war ich blind der Visitenkarte gefolgt? Als sie erriet, was ich dachte, lächelte sie mit spöttisch heruntergezogenen Mundwinkeln.

»Sie sind gekommen.« Ihre Stimme klang, als hätte sie nie daran gezweifelt.

»Die Visitenkarte ... Sie waren das?« Mein Herz hämmerte. »Ich bin Robbie, aber Sie wissen das bereits, nicht wahr? Und wer sind Sie?«

Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. »Sie sind nicht hier, um Urlaub zu machen.«

Das war keine Antwort auf meine Frage. Und nein! Es war komplizierter. So schwieg ich.

»Nicht?«

»Weshalb sollte ich Ihre Fragen beantworten, während Sie sich nicht einmal vorstellen?« Im Innern tat es mir weh, so grob zu dieser Frau zu sein.

Sie erhob sich, hatte wieder dieses geheimnisvolle Lächeln aufgesetzt.

»Kommen Sie mit.«

Widerwillig erhob ich mich und folgte ihr nach draußen. Wir durchschritten den Hof und erreichten schließlich einen Erdwall, in dem eine eiserne Tür eingelassen war. Sie stockte, sah mich einen endlosen Augenblick prüfend an. Mit zitternden Händen öffnete sie den Eingang. Das kleine, ovale Tor quietschte fürchterlich. Ein dunkler Gang tat sichvor uns auf. Nach wenigen Schritten erweiterte sich dieser zu einem geräumigen Kellergewölbe. Von oben drang Tageslicht durch schräge Fensterfronten ein. Das Blut gefror mir in den Adern. Die Skulpturen starrten mich an mit Augen voller Qual und Verzweiflung – als wären lebende Menschen in Stein verwandelt worden.

»Mein Gott... was haben Sie getan? Lucia Rodriguez?«, hauchte ich.

°°°

Die Zeit verrann wie im Flug.

Es war Sonntag. Alarm Gelb. Stürmische Regengüsse fegten über Mallorca hinweg. Es wurde kühl, als die Sonne verschwand. Selbst auf der Terrasse in der Carrer d’es Cós 37 benötigte man eine Jacke. Die Laternen auf dem Tisch spendeten zwar Gemütlichkeit, aber keine Wärme.

»Señora Rodriguez, heute bin ich schon das vierte Mal bei Ihnen zu Gast. Mittlerweile wissen Sie mehr über mich als meine besten Kollegen in Deutschland.«

Sie reichte mir das Weinglas und ich nahm einen Schluck des 2018er Macià Batle. Das Aroma von Pflaume, Beerenfrucht und Fass vereinigte sich harmonisch zu einem Hochgenuss. Doch was war das? Raubte mir die unwirkliche Situation jeglichen Geschmack? Metallisch bittere Noten gehörten jedenfalls nicht zu diesem Wein. Ein Blick auf Lucias überkreuzte Beine verscheuchte die vage Empfindung.

Ich hatte der rätselhaften Bildhauerin die tiefsten Geheimnisse meines Lebens offenbart. Sie hatte meine Gefühle aufgesaugt wie ein trockener Schwamm. Mich ernst genommen. Fragen gestellt. Als wäre sie eine Therapeutin. Wir waren uns näher gekommen, hatten gemeinsam gegessen und anregende Gespräche über Kunst und Kultur geführt. Lucia war keine erotische Frau. Nicht auf den ersten Blick. Auch nicht auf dem zweiten. Zu knochig, zu wenig fraulich. Doch wieder einmal betrog mich mein Herz. Als ich irgendwann die starke Anziehung spürte, die sie auf mich ausübte, war es zu spät. Sie verstand es auf unnachahmliche Art, mein Innerstes zu öffnen, ohne dabei etwas von sich selbst preiszugeben.

Lucia schlug die Beine in die andere Richtung übereinander. Ihre eulengleichen Augen musterten mich scharf.

»Sie sind nicht der Erste.«

»Bitte? Was meinen Sie damit?«

»Vor Ihnen gab es andere, die mich inspirierten.«

Wie eine Stichflamme durchfuhr mich unmäßige Wut und Enttäuschung. Einer von vielen zu sein, ein Mensch aus der Masse, ohne Bedeutung, austauschbar. Wie sehr ich mich in jenem Moment beherrschen musste, um die Frau gegenüber nicht zu töten.

Scheinbar erkannte sie meine Aggression. Versuchte, mich zu beschwichtigen.

»Nur mit Ihnen habe ich vier Tage hintereinander einen inspirierenden Weinabend verbracht.«

»Inwiefern diene ich Ihnen als Eingebung? Und wieso nicht der Erste?« Es waren die falschen Fragen. Ich spürte es in dem Moment, als ich die Worte ausgesprochen hatte.

»Ich möchte keine Antwort darauf! Aber eines interessiert mich: Wie kommt es, dass Ihre Figuren leben? Sie atmen Schmerz und Qual.«

Die unergründliche Frau drehte sich zur Seite, legte die Beine hoch auf den Schemel.

»Hier, trink!« Sie reichte mir das Glas. Der Winkel ihrer Augenlider bildete eine einzige Linie mit ihrer Nase. Die Mundwinkel schmerzvoll nach unten gezogen, schloss sie die Augen. Ihr schmaler Hals war endlos. Wie eine Fee aus Grimms Märchen. Oder eine Hexe?

Vor meinen Augen verschwamm das Bild der Frau. Auf einmal saßen mir zwei Hexen gegenüber. Mit wirrem Haar und einem Besen in der Hand. Mit größter Anstrengung nahm ich alle meine Sinne zusammen.

Ich sah, wie sich Lucia vorbeugte, ihre Finger strichen über meine Wange. »Du wirst mein Meisterwerk, Robbie. Ein Schriftsteller, gefangen zwischen Schöpfung und Wahnsinn.« Ihre Berührung brannte auf meiner Haut. »Und du wirst es lieben.«

Ihre Lippen berührten mein Ohr. »Vertraue mir«, hallte es. Ich spürte vage den Druck ihrer Finger, die mir eiskalte Druckknöpfe am Kopf befestigten. Undeutlich, wie durch Nebel gedämpft, hörte ich ihre Stimme: »Morgen ist alles überstanden, du wirst dich an nichts erinnern.«

Eine nie gekannte Leichtigkeit überkam mich. Eine warme Hand legte sich auf meinen Arm.

»Komm, Robbie, leg dich auf die Couch!«

Stimmen aus weiter Ferne drangen ins Innere. Fragen, auf die ich keine Antwort hatte. Ein weißes Blatt Papier, ein Stift, ein Traum in einem Traum. Irgendwoher beschwörende Sätze. Und dann vor mir das Meer. Klarheit. Ich saß auf einer Terrasse, der offene Laptop vor mir, daneben eine geöffnete Weinflasche. Eine Olivenholzplatte mit Schinken und Käse. Und keine Idee, was ich schreiben sollte. Von oben herab tropfte eine zähe Flüssigkeit, drang in meinen Kopf und verklebte das Hirn. Dann wurde es dunkel.

°°°

»Guten Morgen, Lucia. Anscheinend bin ich gestern auf der Couch eingeschlafen?«

Sie reagierte nicht, meißelte stattdessen wie besessen an einem Steinauf der Werkbank. Als mein Schatten ihr Gesicht streifte, hielt sie inne.

»Du solltest in Ruhe ausschlafen. Wie fühlst du dich?«

»Entsetzlich. Kopfschmerzen, trockener Mund – und ein Gefühl, als hätte jemand mein Hirn mit Sandpapier ausgelegt. Ich mache uns erst mal Kaffee und Toast.«

Ohne ihre Antwort abzuwarten, lief ich in die Küche. Waren wir mittlerweile per Du? Nach vier Abenden voller Wein und Geständnisse fühlte sich das Du längst überfällig an.

°°°

Es kamen die Tage ohne Lucia. Sie verrannen in öder Alltäglichkeit. Ich unternahm Ausflüge ins Inselinnere, Museumsbesuche in Palma, Fahrten ins Serra de Tramuntana – wollte jene elementare Begegnung in Santanyí vergessen. Denn Lucia hatte betont, mich eine Zeit lang nicht wiedersehen zu wollen. Sie sei zu beschäftigt. Beleidigt und gekränkt versuchte ich seitdem, mich abzulenken und die Erinnerung an die Bildhauerin zu verdrängen.

Seit dem letzten Tag bei ihr war etwas Unerklärliches mit mir geschehen. Morgendliche Albträume quälten mich, in denen ich der mysteriösen Künstlerin begegnete. Sie erschien als Alien oder Gespenst, war erotisches Model oder geisterhafte Nebelfigur. Sie jagte, bedrohte, verschlang. Manchmal jedoch spürte ich ihre fürsorglichen Hände über mein Gesicht streichen, ihre verlangenden Lippen dicht vor mir. Das waren die schlimmsten Szenen.

Bis ich wieder vor ihrem Haus stand. Wie ein Stier, der zur Schlachtbank geführt wird. Oder einfach wie ein Mann, der Klarheit verlangt. Ein Mensch, der etwas lieb Gewonnenes nicht hergeben will.

°°°

Wieder knarrte die Tür. Das Haus roch nach Gipsstaub und Eisen – als blute Zahnfleisch.

»Hallo Robbie.« Im schwarzen Midikleid mit Spitzenärmeln und hoch geschnürten Römersandalen stand sie vor mir. Warum schlug mein Herz Purzelbäume?

»Was hast du mit mir gemacht, Lucia? Was bin ich für dich?« Weshalb musste ich sie so angiften?

»Was redest du da?« Sie riss die Augen auf. »Woran erinnerst du dich?«

»Was ist in jener Nacht geschehen? Du hast etwas mit mir angestellt!«

Ehe ich reagieren konnte, schnellten ihre langen Arme vor. Tasteten sich meinen Rücken hinunter. Zogen mich heran. Ihre Augen glänzten feucht, als sie mein Gesicht in ihre Hände nahm.

»Ich habe dich von Anfang an gewollt«, gestand sie mit zitternder Stimme. »Du bist der Einzige, der mich versteht ... der Einzige, den ich nicht zerstören will.« Als sich ihr Mund wieder von meinem löste, änderte sich ihr Ton, wurde zum Befehl: »Bleib. Geh nie mehr weg!«

Diese Sorge war unbegründet. Aus ihrem ausgeklügelten Spinnennetz würde ich nie mehr entkommen. Wollte ich es überhaupt?

°°°

Gelegenheit macht Liebe? Dummer Spruch. Es wurde viel schlimmer, als ich mir vorgestellt hatte.

Die Dämmerung ließ die Schatten länger werden, wir hatten uns ausgesprochen. Sie war bereit, sich mir auszuliefern. So, wie sie mich hilflos gemacht hatte. Wir lagen nebeneinander in den Sesseln. Von Natur aus neugierig, willigte ich in das Experiment ein. Lucia hatte mit ruhiger Hand Elektroden an unseren Köpfen befestigt. Die silbernen Sensoren sahen aus wie metallische Kronen.

»Ich weiß nicht, ob es funktioniert. Auch nicht, was passieren wird. Bisher habe ich nur …« Sie stockte. »Na ja, die Verbindung war stets einseitig. Heute aber sollten sich unsere beiden Sinne öffnen und miteinander verschmelzen.«

»Womit muss ich rechnen?« Mein Pulsschlag hatte kritische Werte erreicht.

»Nimm dir Notizblock und Stift, du wirst sie benötigen. Hier, trinke das!« Zögernd folgte ich ihrer Anweisung. Sie schürzte die Lippen, hauchte einen unsichtbaren Kuss, dann trank sie. Das Glas barg das Psychopharmakon, das mir die Sinne schon einmal entrissen hatte. Die blinkenden Kontrolllichter vor uns ignorierte ich. Hier ging es nicht um technische Details. Unser Verhältnis stand auf dem Spiel. Gehorsam schloss ich die Augen. Fühlte einen Wachtraum über mich kommen. Zerrissene Bilder, Strahlen, Blau eines fremden Himmels. Wolkenfetzen. Goldenes Laub roch nach Verwesung. Millionen Eindrücke in einer Sekunde. Mir drohte, der Schädel zu platzen.

Und dann blieb nur ein einziges Gefühl. Der Blick durch fremde Augen auf eine nie gesehene Welt. Elan. Schwung. Gesichter aus Stein und doch lebendiger als das eines Menschen. Wie ein Rausch übermannte mich die Flut an fremden Gefühlen. Fraßen mich auf. Ich verlor mich in einem unbekannten Leben.

In jenem Augenblick erfüllten mich tausend Ideen. Genial, nicht meiner eigenen Kreativität entspringend. Die Finger kritzelten von selbst unentwegt auf den Block. Das leise Stöhnen neben mir nahm ich kaum wahr. Eine fremde Welt hatte sich geöffnet, zog mich in ihren Strudel.Verschlungen von ihr und intensiven Gefühlen ließ ich es geschehen. Maskengleiche Gesichter, gefaltete Hände, Riesenflocken und Geisterschatten stoben durch mein Gehirn.

Dann sah ich mich. Aus den Augen Lucias. Wurde zur Bildhauerin, schlüpfte in ihren Geist – und Körper. Spürte ihre Gedanken.

Ruhe kehrt ein. Unendliche Vertrautheit. Und Tränen. Verlust. Gewinn. Unsicherheit. Ein Haus am Strand, ein Mann und eine Frau sich im Sand wälzend, innig. Es sind Robbie und ich, die ich da beobachte. Heißkalte Emotionen, unbeständig und mächtig wie die Sturmwellen des Atlantiks.

Das Ziel des Lebens.

Ich habe es erreicht.

Verstohlen blicke ich hinunter auf meinen Körper, wünsche ihn mir fraulicher. Ein paar Kilogramm mehr würden mir gut stehen. Und sehe den Mann vor mir. Den fremden Autor, der in mein Leben geplatzt war.

Er steht plötzlich vor Lorenzo Quinns »Hands of God«, dem monumentalen Kunstwerk mit dem Betenden auf der ausgestreckten Hand. Ich lasse die rote Handtasche fallen. Will gesehen werden – von ihm. Seine Aufmerksamkeit erhaschen. Fühle jenes Teenagerkribbeln im Bauch und bin entsetzt über das aufflammende Gefühl für einen Fremden.

Ich stöhnte auf und vermochte doch nicht, den gewaltigen Bildern, Farben und Emotionen der Frau neben mir zu entgehen. Ich sah ihre Eltern, den großen Bauernhof und fühlte den Schmerz ihrer ersten unglücklichen Liebe. Mit ihren Augen blickte ich auf eine Hand, die dem Kellner der Bar de Grutas eilig eine kleine beschriebene Karte zusteckte.

Ein lautes Klacken riss mich schmerzhaft aus den Visionen. Die Apparatur hatte sich ausgeschaltet, ich wurde wieder zu Robbie Thalmeier.

›Jetzt sind wir eins!‹ Mehr zu denken war ich nicht fähig. Gleich den Fängen eines Oktopus’ umkrallte die durchlebte Trance mein Hirn. Da fühlte ich etwas Warmes über den Oberschenkel streichen.

Lucia hauchte mit rauchig zitternder Stimme: »Lebst du noch?«

°°°

Die halbhohen Mauern der Terrasse umschlossen und bargen uns. Endlich wieder gemeinsam frühstücken. Kaffee genießen. Umspielt vom warmen Windhauch des Tramuntana-Gebirges.

»Du findest mich zu hager?«

Mir verschlug es die Sprache. »Woher …?«

»Ich weiß alles, was du denkst. So, wie du über mich alles erfahren hast.«

»Was hast du bei mir gesehen?«

»Kannst du es etwa in Worte fassen?«

Da hatte Lucia recht. Das Trommelfeuer an Emotionen ließ sich nicht beschreiben.

»Dieser Apparat in Verbindung mit der Droge ist ein mächtiges Instrument. Wo hast du den her?«

»Habe ihn in Auftrag gegeben. Eine Freundin hat ihn entwickelt.«

»Konntest du so durch deine Opfer inspiriert werden? Durch ihre Empfindungen, Erlebnisse, Sehnsüchte?«

Lucia schüttelte heftig mit dem Kopf, ihre Haare wirbelten durch die Luft. »Sie waren keine Opfer. Sie haben lediglich etwas von ihrer Kreativität offenbart. Dafür habe ich sie als Skulpturen verewigt.«

Ich schielte hinüber zu dem Schreibblock, den ich während der Verbindung in den Händen gehalten hatte. Dicht an dicht füllten sich endlose Seiten! Welch Potenzial für zukünftige Romane!

Mein Blick fiel auf die übergeschlagenen Beine der Frau. Danach direkt auf ihre flache Brust. Und dann versank ich in ihren Augen. Nein! Bestimmt war sie nicht mein Schönheitsideal. Doch ich würde für immer an ihrer Seite sein.

»Dir ist klar, wie es mit uns weitergeht?«, flüsterte ich unbeholfen.

»Was jetzt mit uns geschehen wird?«

»Ja. Ich bin mir sicher. Du dir auch?«

Ein Jahr später

»Zu dieser außergewöhnlichen Vernissage begrüßen wir herzlich Frau Lucia Rodriguez und ihren Mann Robbie Thalmeier – landesweit bekannte Künstler!«

Der Applaus der Anwesenden drückte Erwartung aus. Noch waren die Truhen mit Laken bedeckt, Konstellationen hinter spanischen Wänden verborgen. Die Moderatorin des Eröffnungsabends fuhr fort:

»Heute erleben wir zum ersten Mal das einzigartige Konzept von Bildhauerei und Literatur, eine künstlerische Symbiose, wie es sie so bisher nicht gab.«

Mein Mund wurde trocken. Die Hände zitterten. Lucia kniff mich in den Hintern und schob mich nach vorn.

Mich dem Schicksal ergebend, fiel ich in den extra herbeigeschafften Sessel. Schlug das Buch auf. Vergaß augenblicklich alles um mich herum. Die erste Skulptur wurde enthüllt. Eine Frau am Brunnen, deren Kleid mehr preisgab, als es verbarg, erzählte ihre Geschichte. Eine tragische Episode, die ich geschrieben hatte und nun dem Publikum vorlas.

Das Konzept schlug ein wie ein Blitz – das Publikum war elektrisiert. Ich hatte zu jeder Statue meiner Frau eine Kurzgeschichte verfasst. Wer die Figur erwarb, erhielt diese dazu. Alles war ein Unikat. Sowohl Lucias Skulpturen als auch meine Geschichten waren äußerst expressiv. Die Besucher standen gebannt vor unseren Werken, ohne zu ahnen, welche dunklen Geheimnisse in jedem Stein, jeder Geschichte verborgen lagen. Wir hatten sie alle getäuscht – und dabei unsere Seelen unwiderruflich miteinander verschmolzen.

Die Galería HMH S.L. verkaufte an jenem Abend unsere gesamte Kollektion.

Die Sonne berührte bereits den Horizont, als Lucia und ich die Galería verließen.

Ihre Hand umklammerte die rote Handtasche wie einen Talisman. Nie wieder würde sie sie für einen anderen fallen lassen, um jemanden in ihr Netz zu locken. Das war nicht mehr nötig – wir hatten beide das gefunden, was wir immer gesucht hatten.

»Die Musik ist der Schleier, unter dem sich die Wahrheit der Freundschaft verbirgt«

(Indische Weisheit)

Der rote Ballsaal

Was nicht gesagtwird, klingt am tiefsten

Flackernde Holzstücke im Kamin tauchten unser Wohnzimmer in ein geheimnisvolles Licht. Sollte es draußen auch stürmen und schneien – hier war es gemütlich. Voller Sehnsucht starrte ich auf den roten Bucheinband dort auf dem Bücherregal. Mein Mann folgte meinem Blick. »Briefe von Olga?« Er erwartete keine Antwort – kannte er sie doch längst.

Es war schon fast Mitternacht, als wir zusammengekuschelt auf der Couch saßen und bei einem feurigen Tempranillo Mussorgskis »Bilder einer Ausstellung« genossen. Peter sah mir tief in die Augen.

»Dir liegt was auf dem Herzen?«, fragte ich überrascht.

»Du und deine beste Freundin Olga.«

»Was soll mit uns sein?«

»Ich weiß bis heute nicht, wie ihr euch kennengelernt habt. Was ihr aneinander findet. Weshalb machst du daraus ein so großes Geheimnis?« Bedächtig schenkte er den tiefroten Wein nach. »Wann habt ihr euch das erste Mal getroffen? Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich unterstellen, dass ihr …« Peter verstummte einen Moment.

»Was?«

»… dass ihr ineinander verliebt seid.«

Es lag vermutlich am dritten Glas Wein, dass ich mich meinem Mann öffnete – ich wollte ihm heute antworten.

»Ich erzähle es dir heute. Aber unterbrich mich nicht.«

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