Rowohlts Rotationsroutine - David Oels - E-Book

Rowohlts Rotationsroutine E-Book

David Oels

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Beschreibung

Ob rororo-Taschenbücher oder rde, die anspruchsvolle deutsche enzyklopädie, ob C.W. Cerams Götter, Gräber und Gelehrte oder Ernst von Salomons Fragebogen, ob Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Ernest Hemingway oder Henry Miller: Rowohlt gehörte zu den prominentesten, kontroversesten und erfolgreichsten Verlagen der ersten Dekade nach dem Zweiten Weltkrieg. Es lässt sich mit einigem Recht von einer Rowohlt-Kultur der fünfziger Jahre sprechen, die erst ab 1960 von der bekannten Suhrkamp Culture (George Steiner) abgelöst wurde. Der Aufstieg des Rowohlt Verlags wurde meist als Neuanfang erzählt, bei dem bestenfalls vage an eine in der Weimarer Republik begründete kulturelle Tradition angeknüpft werden konnte. Anhand neu bewerteter Archivalien und Dokumente wird hier die Vorgeschichte des Nachkriegserfolgs mit ihren ästhetischen, personellen und unternehmerischen Kontinuitäten und Brüchen nachgezeichnet. Es entsteht eine Verlags- und Kulturgeschichte, die vom Ende der Weimarer Republik über die Zeit des Nationalsozialismus bis in die fünfziger Jahre reicht und auf diese Weise Teil einer intellektuellen Gründungsgeschichte ebenso wie einer Geschichte der Populärkultur der Bundesrepublik ist.

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David Oels

Rowohlts Rotationsroutine

David Oels

Rowohlts Rotationsroutine

Markterfolge und Modernisierung eines Buchverlags vom Ende der Weimarer Republik bis in die fünfziger Jahre

Titelabbildung:Kurt W. Marek und Ernst Rowohlt in Hamburger Ruinen.Aus: Hermann Gieselbusch u. a.: 100 Jahre Rowohlt. Eine illustrierte Chronik.Reinbek 2008, S. 138.

Autor und Verlag haben sich vergeblich bemüht, den Urheber der Titelabbildungzu ermitteln. Bei Informationen zu geltenden Rechtenbitten wir um Nachricht an den Verlag.

1. Auflage Juli 2013

Satz und Gestaltung:Klartext Medienwerkstatt GmbH, Essen

Umschlaggestaltung:Volker Pecher, Essen

ISBN 978-3-8375-0281-7eISBN 978-3-8375-1312-7Alle Rechte vorbehalten© Klartext Verlag, Essen 2013

www.klartext-verlag.de

Inhalt

1.Rowohlt-Kultur

»War Ernst Rowohlt ein Nazi?«

Der erfolgreichste Verlag der frühen Bundesrepublik

Der »moderne Verlagsbuchhändler« und das »gespaltene Bewußtsein«

Forschungs- und Quellenlage

2.Verlags- und Verlegergeschichte 1931–1946

Der vermiedene Konkurs von 1931

Rowohlt und Ullstein 1931–1938

Von Nebelwerfern und Leuchtkugeln. Manöverbericht 1933

Büchermachen im ›Dritten Reich‹

Berufsverbot für Ernst Rowohlt

Vom Deutschen Verlag zur DVA 1938–1945

Ernst Rowohlt im Zweiten Weltkrieg

Propaganda und Tatsachenroman

Weitermachen in Stuttgart

Weitermachen in Hamburg

3.RO-RO-RO und das moderne Taschenbuch

Ein »bahnbrechendes Unternehmen«

Vorbilder? – Rotationsdruck und Frontbuchhandel

Buch und Masse – Zwischen Reeducation und Marketing

Von RO-RO-RO zum Taschenbuch – Kulturkritik und Konsumkultur

»So-So-So« – Markenimage in der Krise

4.Götter, Gräber und Gelehrte und die Erfindung des Sachbuchs

»Ein Buch geht um die Welt«

Der geplante Erfolg

Ein Bestseller und seine Geschichte

Ein Autor zwischen Neuer Sachlichkeit und heroischem Realismus

Text und Textgenese

Archäologie und Antike in der Kultur der fünfziger Jahre

Vom Tatsachenroman zum Sachbuch

5.»Tausend Augen und kein Gesicht«

Der Fragebogen

»Mein liebes, dummes, gefährliches Leben« – Verlegermemoiren und Verlagsgeschichte

Der Radar-Verlag

6.Anhang

Abkürzungen

Literaturverzeichnis

Danksagung

Abbildungsnachweise

Personenregister

Rowohlt-Kultur

»War Ernst Rowohlt ein Nazi?«

Rückwirkend zum 1. Mai 1937 wurde Ernst Rowohlt aufgrund eines Antrags vom Dezember 1937 Mitglied der NSDAP. »War der Verleger Ernst Rowohlt ein Anhänger der Nationalsozialisten?«1 Spätestens ab 1936, wahrscheinlich aber bereits seit dem Juni 1934 gehörte der Rowohlt Verlag mittelbar zum Verlagsimperium des Zentralparteiverlags der NSDAP Franz Eher Nachf., dem Adolf Hitler den größeren Teil seines privaten Vermögens verdankte. War Rowohlt ein Nazi-Verlag? Von 1941 bis Januar 1943 gehörte Ernst Rowohlt dem Sonderstab F an, der »zentrale[n] Aussenstelle fuer alle Fragen der arabischen Welt, die die Wehrmacht betreffen«.2 Zuständig war er dort auch für die antijüdische Propaganda. War Ernst Rowohlt deshalb ein Antisemit? Auf diese drei Fragen kann nur entschieden mit Nein geantwortet werden.

Allerdings wurde die Zeit des ›Dritten Reichs‹ auf der Homepage des Rowohlt Verlags bis in den März 2008 folgendermaßen dargestellt:

1933

Nach der »Machtergreifung« wird über die Hälfte der 140 Verlagstitel beschlagnahmt, verboten, verbrannt. Mascha Kaléko, »Das lyrische Stenogrammheft«.

1934

Neue Lektoren: Ernst von Salomon und Friedo Lampe.

1935

William Faulkner, »Licht im August«. Joachim Ringelnatz, »Der Nachlaß«.

1936

Thomas Wolfe in Berlin. Freundschaft mit H. M. Ledig. Urban Roedl (Pseudonym für Bruno Adler), »Adalbert Stifter«.

1938

Dieses Werk führt zum Berufsverbot für Ernst Rowohlt wegen Tarnung jüdischer Schriftsteller. Paul Mayer und Franz Hessel gehen in die Emigration. Auch Rowohlt verläßt Deutschland. Literaturnobelpreis für Pearl S. Buck.

1939

Rowohlt läßt sich in Rio Grande, Brasilien, nieder, wo sein Schwager eine Farm besitzt.

1940

Der Verlag wird der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA) in Stuttgart als Tochtergesellschaft angegliedert – die Leitung übernimmt H. M. Ledig. Er gewinnt den Ullstein-Redakteur Kurt Kusenberg als Autor, der bald darauf »La Botella und andere seltsame Geschichten« veröffentlichte. Ende des Jahres kehrt Ernst Rowohlt nach Deutschland zurück. Er wird sofort zum Militärdienst eingezogen.

1943

Der Verlag in Stuttgart wird von den Nazis geschlossen. H. M. Ledig wird Soldat und schwer verwundet.3

Eine Geschichte von Unterdrückung und Verfolgung sowie literarischer und persönlicher Standhaftigkeit. Werden doch – abgesehen von Lücken und Fehlern (beispielsweise wurde Ledig-Rowohlt 1943 nicht Soldat und schwer verwundet, sondern Prokurist bei der DVA) – nur zwei jüdische Autoren (Mascha Kaléko, Bruno Adler), ein »jüdisch versippter« (Kurt Kusenberg), ein zumindest unerwünschter (Joachim Ringelnatz) und zwei amerikanische (William Faulkner, Thomas Wolfe) erwähnt. Und sogar der Nobelpreis für Pearl S. Buck findet Berücksichtigung, obgleich Bücher der Autorin erst nach dem Zweiten Weltkrieg bei Rowohlt erschienen – dann allerdings sehr erfolgreich. Die Traditionen, die man betonte, waren die verbotenen und verfolgten, die von den Nazis unterdrückten Autoren, die westliche, moderne Literatur und die avancierte deutschsprachige Gegenwartsliteratur. Als Anfang aus dem Nichts sollte dagegen die Unternehmensgründung nach 1945 verstanden werden. Berufsverbot, Emigration und Kriegsdienst, Verwundung und der von den Nazis geschlossene Verlag sollten belegen, dass bei Rowohlt von Kontinuität keine Rede sein konnte. Solchermaßen dargestellt konnte man sich gleichzeitig auf die Neugründung in der »Stunde Null« und auf die lange Verlagstradition berufen.

Der entsprechende Abschnitt der 2008, zum hundertjährigen Jubiläum erschienenen Verlagschronik ist ungleich ausführlicher und inhaltsreicher. Neben Rowohlts Parteimitgliedschaft und den Besitzverhältnissen des Verlags werden nun auch jene Publikationen erwähnt, die in das Nachkriegsselbstbild bis dahin nicht passen wollten, wie beispielsweise der von Rowohlts engem Mitarbeiter Peter Zingler zusammengestellte Bildband Ein Volk steht auf. 53 Tage nationaler Revolution (1933). Doch auch 2008 widmen sich einzelne Kapitel Mascha Kaléko, Thomas Wolfe und Kurt Kusenberg sowie dem rasch verbotenen Robert Musil, dem angefeindeten Hans Fallada (d. i. Rudolf Dietzen) und dem 1944 in der Emigration verstorbenen Hans Schiebelhuth, der 1945 postum den Büchnerpreis erhielt. Im Ganzen – so der vermittelte Eindruck – ging es mit dem Verlag im ›Dritten Reich‹ literarisch und ökonomisch stets abwärts, ein »Todeskampf«, bis schließlich der »Torso des einst großen Verlagshauses« im November 1943 an die DVA ging.4 Dass Ledig-Rowohlt 1945 mit dem Kapital und der Infrastruktur der DVA, zusammen mit dem Sohn des vormaligen Direktors, Gustav Kilpper jr., und Erich Kästner, ehemals Autor der DVA, seinen Rowohlt Verlag aufbauen konnte, deutet dagegen auf eine unternehmerische Kontinuität, die nicht recht zur reinen Verfallsgeschichte passen will. Bezeichnend ist das Kapitel »Cashcow Tatsachen-Literatur« der Verlagschronik von 2008. Es findet sich im Abschnitt zur Weimarer Republik und endet mit einem Hinweis auf Heinrich Eduard Jacobs Sage und Siegeszug des Kaffees (1934), das Buch eines jüdischen Autors, dessen Gesamtwerk 1935 verboten wurde. Abschließend heißt es: »An diesen Traditionsstrang […] knüpfte der Verlag unmittelbar nach dem Krieg wieder an«, womit auf C. W. Cerams (d. i. Kurt W. Marek) Götter, Gräber und Gelehrte (1949) angespielt wird. In der Zwischenzeit vom 1934 bis 1949 erschienen jedoch einige überaus erfolgreiche Bücher dieses »Traditionsstrangs« im Rowohlt Verlag, etwa Rudolf Brunngrabers Radium (1936), Josef Sebastian Schalls Suez – Pforte der Völker (1940) oder Christoph Erik Ganters (d. i. Curt Elwenspoek) Panama (1941). 2008 fand aus dieser Reihe nur Brunngrabers Opiumkrieg als Neuerscheinung 1939 in einer Zeittafel Erwähnung.5

Erstmals fielen mir die Diskrepanzen zwischen propagierter Verlags- und Verlegergeschichte sowie dem dokumentarisch rekonstruierbaren Geschehen im Herbst 2006 auf, als ich Material für eine Literaturgeschichte des Sachbuchs erkundete. Mit Recherchen im Bundesarchiv Militärarchiv, im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts, im Deutschen Literaturarchiv und dem Archiv der Akademie der Künste in Berlin kam ich Ernst Rowohlts Karriere im Zweiten Weltkrieg auf die Spur, die ihm zwei Beförderungen eintrug und bis zum Leiter der Propagandastelle des »Sonderstab F« führte. Die Propaganda des Sonderstabs, für die Rowohlt zuständig war, sollte die arabischen Völker im Nahen und Mittleren Osten deutschfreundlich stimmen und gegen die Alliierten aufwiegeln. Geeignet dafür schienen seinerzeit vor allem antisemitische Inhalte. Die Ergebnisse dieser Untersuchung stellte ich im Mai 2008 als Mitautor eines Beitrags im Spiegel vor, der eine Reihe kontroverser, meist ablehnender Reaktionen auslöste. Ein sachlicher Fehler – es wurde fälschlich unterstellt, in den Verlagspublikationen zum hundertjährigen Jubiläum sei eine Spende Rowohlts an die SS verschwiegen worden – führte dazu, dass die Rekonstruktion insgesamt als spekulativ abgetan wurde. Dies richtigzustellen – soweit es die in verschiedenen Archiven und Bibliotheken im In- und Ausland verfügbaren Dokumente zulassen –, ist eins der Motive für dieses Buch.6

Im zweifellos gehaltvollsten Beitrag zur Debatte um den Spiegel-Artikel antwortete Thomas Schmid in der Welt am Sonntag unter dem Titel Rowohlt und die deutsche Banalitätauf die rhetorische Frage: »Wie kommt man von A nach B, wenn A eine Diktatur und B eine freie Gesellschaft ist? Nur auf krummen Wegen.« Krumm wurden diese Wege besonders in dem Moment, als man sich nach 1945 millionenfach dafür entschied, zu den Opfern zu gehören, indem man jenes verschwieg und dieses hervorhob, indem man relativierte, aufrechnete und schließlich tatsächlich im allmählichen Verfertigen der eigenen Lebensgeschichte vergaß. Verbrechen gab es, daran zweifelte nur eine kleine unverbesserliche Minderheit, aber kaum Verantwortliche. Dass in jüngerer Zeit die ganz unterschiedlich »krummen Wege« von prägenden Schriftstellern und Intellektuellen wie Günter Grass, Walter Jens oder Alfred Andersch bekannt wurden, deren Reputation geradezu auf der Opposition zum Nationalsozialismus und dessen Fortwirken in der Bundesrepublik beruhte, sei kaum verwunderlich, meinte Schmid. »Verwunderlich ist, dass das einige noch verwundert.«7 Insofern geht die Relevanz des Rowohlt Verlags und seiner Verleger über die möglicherweise moralischen Fragen nach historischer Verantwortung und nachträglicher strategischer Selbstdarstellung hinaus – zumal auch für eine solche Untersuchung zunächst die faktischen Grundlagen geklärt sein müssten. Rowohlt und sein Verlag verdienen Aufmerksamkeit als Indikatoren, als Fälle, an denen Entwicklungen, Positionen und Tendenzen der Buchhandels- und Verlags-, aber auch der Kultur- und Literaturgeschichte der frühen Bundesrepublik und ihrer Vorgeschichte exemplarisch ablesbar sind.

Der erfolgreichste Verlag der frühen Bundesrepublik

Versteht man unter einem Verlag vor allem ein Wirtschaftsunternehmen, dann wurde der erste Rowohlt Verlag im Sommer 1910 gegründet. Am 31. Juli erfolgte die Eintragung ins Leipziger Handelsregister, am 12. September ließ der 23-jährige Ernst Rowohlt den »verehrlichen Buchhandel« wissen, dass er »seit dem 1. August d. J. eine Verlagsbuchhandlung eröffnet habe.« Die vorherigen Publikationen, ein 36-seitiges Heft in »270 handnummerierten Exemplaren« mit den Gedichten eines Bremer Schulfreunds und ein Band Gedichte von Paul Scheerbart, waren noch als Privatdrucke erschienen.8 Im nun mit dem Geldgeber und stillen Teilhaber Kurt Wolff gegründeten Ernst Rowohlt Verlag Leipzig, Lektor war Kurt Pinthus, erschienen Bücher bis 1913, unter anderem von Scheerbart, Hugo Ball, Georg Heym, die erste Buchpublikation Franz Kafkas, vor allem aber bereits arrivierte Autoren wie Herbert Eulenberg und Max Dauthendey sowie bibliophile Drucke geringen Umfangs von Luther bis Verlaine, hergestellt in der Offizin Drugulin, die im selben Haus wie der Verlag residierte. Ernst Rowohlt schied nach einem Zerwürfnis mit Kurt Wolff 1912 aus dem Verlag aus. In der Folge wurde das bald als Kurt Wolff Verlag firmierende Unternehmen zum führenden Verlag expressionistischer Literatur.

Der bis in den November 1943 existierende zweite Rowohlt Verlag nahm 1919 in Berlin seine Geschäfte auf. Ernst Rowohlt war inzwischen Angestellter bei S. Fischer gewesen, Leiter des Hyperion Verlags und vor allem Soldat im Ersten Weltkrieg, zunächst als Artillerie-Melder und nach einer Verletzung zur Ausbildung als Bombenflieger nach Frankfurt/Oder abkommandiert. Zurück in Berlin gründete Rowohlt zusammen mit Walter Hasenclever, Kurt Pinthus und den Geldgebern Jacques Bettenhausen und Hans C. Thieme (Sohn des Verlegers) erneut einen Ernst Rowohlt Verlag. Lektor (und Autor) wurde Paul Mayer. Als eine der ersten verlegerischen Taten band Rowohlt 1919 Rudolf Borchardt an seinen Verlag und noch im gleichen Jahr erschien Pinthus’ Menschheitsdämmerung, die berühmte Anthologie expressionistischer Lyrik, die bis 1922 viermal aufgelegt wurde. Im November 1922 erfolgte die »Umwandlung der Gesellschaftsform des Verlags in eine […] Kommanditgesellschaft auf Aktien […]. Retter in der Not und zugleich Hauptaktionär wird das mährische Druckhaus Julius Kittl [!] Nachf.«9 Danach begann die (erste) große Zeit des Verlags. Es erschienen Bücher von Alfred Polgar, Kurt Tucholsky und Arnolt Bronnen, Robert Musil und Emil Ludwig, Walter Benjamin und Erik Reger sowie das von Stefan Großmann und Leopold Schwarzschild herausgegebene Tage-Buch und Die literarische Welt von Willy Haas. Nicht zu vergessen eine große Balzac-Ausgabe und ab 1928, mit Ernest Hemingway, William Faulkner und Sinclair Lewis, die amerikanische Gegenwartsliteratur. Rowohlt war im Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre ein kontroverser Kulturverlag, eine literarische Institution. Die erfolgreichsten Bücher neben Emil Ludwigs Bestsellern waren die launigen Lebenserinnerungen von Carl Ludwig Schleich (1920) und Leo Slezak (1922). Ohne dass das literarische und kulturelle Renommee des Verlags darunter gelitten hätte, geriet die Ernst Rowohlt Verlag KGaA Anfang der dreißiger Jahre in finanzielle Bedrängnis und war im Sommer 1931 insolvent. Mit Hilfe verschiedener Investoren, vor allem der Familie Ullstein, wurde ein außergerichtlicher Vergleich geschlossen und eine Rowohlt Verlag GmbH gegründet, die das laufende Geschäft weiterführte.

Zum dauerhaft profitablen Unternehmen und einem der wichtigsten und einflussreichsten Verlage der Bundesrepublik wurde jedoch erst der dritte, im November 1945 von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt in Stuttgart und im März 1946 von Ernst Rowohlt in Hamburg gegründete Rowohlt Verlag. Rowohlts unehelicher Sohn war 1931 unter dem Namen »Ledig« in den Verlag eingetreten. Erst 1959 fügte er seinem Namen das väterliche »Rowohlt« an. Als Ernst Rowohlt 1938 Deutschland verließ, übernahm Ledig-Rowohlt die Leitung des Unternehmens. Nach der Doppelgründung 1945/46 gab es, bis zur Vereinigung 1950 in Hamburg, zwei Rowohlt Verlage, deren Ruf schon in den späten vierziger Jahren so bedeutend war, dass beispielsweise sowohl Hitlers ehemaliger Minister und Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht als auch Hans Werner Richter und die Gruppe 47 bei Rowohlt publizieren wollten. »Wie ich Ihnen aber schon einmal gesagt habe, steht uns in seiner literarischen Richtung der Rowohlt-Verlag am nächsten. Allgemein ist innerhalb der Gruppe 47 die Sympathie für den Rowohlt-Verlag sehr gross und der Wunsch, dass der ›Skorpion‹ im Rowohlt-Verlag herauskommt, wird von allen geteilt«, schrieb Richter dem Verleger nach Vermittlung durch Hans Georg Brenner, Gruppenmitglied und Rowohlt-Lektor.10 Während der Skorpion weder bei Rowohlt noch bei einem anderen Verlag erscheinen sollte, wendete sich Schacht, nachdem die Stuttgarter Niederlassung ein Buch von ihm abgelehnt hatte, an Ernst Rowohlt in Hamburg. Dort wurde seine Abrechnung mit Hitler 1948 in 250 000 Exemplaren gedruckt.11

Diese herausgehobene Position des Verlags gründete vor allem in einer Publikationsform, in den Rotations-Romanen, die ab Dezember 1946 für 50 Pfennig im Berliner Halbformat ungeheftet und auf Zeitungspapier in einer zu Anfang stets ausverkauften Auflage von 100 000 Exemplaren erschienen. Diese RO-RO-ROs bescherten dem Verlag deutschlandweit, ja sogar international große Aufmerksamkeit zu einer Zeit, als hergebrachte Bücher in der Regel nur in 5 000 Exemplaren publiziert werden konnten und ihre Verbreitung deshalb meist regional blieb.12 Im Januar 1947 schrieb Ernst Rowohlt seiner in die USA emigrierten Autorin Mascha Kaléko: »Inzwischen haben wir den Rowohlt Verlag ganz groß wieder aufgezogen. Wir sind sozusagen wieder an die Spitze der deutschen Verlage gerückt, vor allem durch unsere Rowohlt-Rotations-Romane«.13 Zweifellos hatte Rowohlt schon in den vierziger Jahren auch andere erfolgreiche Autoren im Programm, wie etwa Wolfgang Borchert, Ernest Hemingway, Jean-Paul Sartre oder Walter Jens, und zudem schon zeitgenössisch als literaturgeschichtlich bedeutend wahrgenommene Werke: Ernst Kreuders Die Gesellschaft vom Dachboden (1946), die ersten Bücher Arno Schmidts oder die von Wolfgang Weyrauch (ab 1950 Lektor im Verlag) herausgegebene Anthologie Tausend Gramm. Sammlung neuer deutscher Geschichten (1949). Verantwortlich für den steilen Aufstieg des Verlags zum »zeitweiligen Branchenprimus«14 waren jedoch vor allem die rororo-Taschenbücher, die 1950 aus den RO-RO-RO-Zeitungsdrucken hervorgingen, und ein Einzelwerk, C. W. Cerams Götter, Gräber und Gelehrte. Roman der Archäologie. Ein Buch, ohne das es den Rowohlt Verlag »vermutlich ebenso wenig gäbe wie Suhrkamp ohne den Steppenwolf«, schrieb Verlagsleiter Alexander Fest 2008.15 Im Frühjahr 1951 nach dem »Verlagswerk« mit dem größten »Verkaufserfolg« befragt, gab Ernst Rowohlt zur Auskunft: » ›Seit dem 1.7.1950 haben wir bei den rororo-Taschenbüchern neunzehn Titel herausgebracht und von diesen 19 Titeln 1 070 000 Exemplare verkauft‹ […]. Als seinen zweiten Bestseller nennt Rowohlt C. W. Cerams ›Götter, Gräber und Gelehrte‹.«16 Ein Jahr darauf hat er gar schon einen weiteren Erfolgstitel im Programm. Neben Götter, Gräber und Gelehrte (»… blendend geschrieben … spricht ewiges Bedürfnis an, ›Abenteuer des Geistes‹ mit dem ›Abenteuer der Tat‹ gepaart zu sehen«) steht nun Ernst von Salomons Der Fragebogen (»… die zahllosen Stiche, die Salomon in zahllose Wespennester tut …«).17 Im Januar 1952 ließ Rowohlt seinen Autor Arnolt Bronnen wissen:

Wir haben sehr gute Umsätze erzielt und dicke Bucherfolge gehabt. Salomons »Fragebogen« liegt jetzt im 50.–60. Tausend vor und von C. W. Cerams »Götter, Gräber und Gelehrte« drucken wir jetzt das 136.–150. Tausend. Von den rororo Taschenbüchern haben wir in 1½ Jahren rund 2,6 Millionen gedruckt und 2,4 Millionen verkauft.18

Noch 1962 finden in einer Untersuchung der Auflagenhöhen »nach 1945 erschienene[r] Bücher deutscher Autoren« – abgesehen von Taschenbuchausgaben – zwei Rowohlt-Titel Erwähnung: Götter, Gräber und Gelehrte auf Platz eins bei den Sachbüchern und mit 1 309 000 das meist verkaufte Buch dieser Statistik überhaupt, sowie Der Fragebogen auf Platz 20 bei der Belletristik.19 – Wobei freilich der Verlag zu diesem Zeitpunkt große Erfolge bereits mit ausländischen Autoren feierte: So Disparates wie Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht (1951) und Vladimir Nabokovs Lolita (1959), Ernest Hemingways Der alte Mann und das Meer (1952) und James Thurbers Karikaturen sowie Henry Miller und Jean-Paul Sartre erschienen in den fünfziger Jahren bei Rowohlt. Dies zusammengenommen wurden Ernst Rowohlt postum und sein Sohn zum 75. Geburtstag jeweils zum »erfolgreichsten deutschen Verleger[]« erklärt – Ernst Rowohlt zusätzlich zum »populärste[n]«.20 In den fünfziger Jahren zählte Ledig-Rowohlt sein Unternehmen zu »den führenden deutschen Verlagen, ja vielleicht sind wir überhaupt derzeit der meistdiskutierte Verlag«.21 Und in einer auf sehr umfangreichen, empirischen Untersuchungen beruhenden Studie zur Buchkultur der 1950er Jahre hieß es 2009: »Unbeschränkter Erfolg wurde in der Bundesrepublik eigentlich nur dem Rowohlt Verlag zuteil«.22 Rowohlts Taschenbücher und der »neue[] Buchtyp«, der mit Götter, Gräber und Gelehrte »geschaffen« wurde, »[d]as Sachbuch«, gelten auch buchgeschichtlich als wesentliche Innovationen der Nachkriegszeit.23

Betrachtet man Unternehmensentwicklung, Verlagsprogramm und öffentlichen Diskurs, kann man für die späten vierziger und die fünfziger Jahre versuchsweise von einer »Rowohlt-Kultur« in der Bundesrepublik sprechen, die sich erst um 1960 in die bekannte »Suhrkamp-« und die weniger bekannte, dafür aber umso erfolgreichere »Econ-Kultur« ausdifferenzierte.24 Nicht zufällig hatte Peter Suhrkamp seine »Bibliothek Suhrkamp« schon 1951 als »Gegenstück zu den billig gemachten Serien wie Ro-Ro-Ro« verstanden und Ursula Schwerin, soeben Ernst Rowohlts Sekretärin geworden, schrieb 1952 an Anna Seghers, im »großen und ganzen« sei der Verlag »ein rechter Gegensatz zum ›seriösen‹ Suhrkamp«.25 Der erste große Erfolgstitel des Econ Verlags, Werner Kellers Und die Bibel hat doch recht (1955), galt den Zeitgenossen völlig zu Recht als Teil der »Ceramik«, der von Cerams Buch ausgelösten archäologischen Mode.

Die vorliegende Untersuchung widmet sich dem Aufstieg des Rowohlt Verlags nach 1945 sowie dessen Vorgeschichte. Im zweiten Kapitel wird die Verlagsgeschichte 1931 bis 1946 dargestellt, ergänzt um ein Unterkapitel zu Ernst Rowohlt im Zweiten Weltkrieg. In den beiden folgenden Kapiteln werden Vorgeschichte, Erfolg und kulturgeschichtlicher Kontext der herausragenden – »modernen« und »populären« – Verlagsprodukte der Nachkriegszeit untersucht: die rororos und Götter, Gräber und Gelehrte. Perspektivisch werden abschließend Ernst von Salomons Fragebogen und der Zeitraum bis 1960 in den Blick genommen. Verlagsgeschichtlich spricht viel für die Fokussierung auf die Nachkriegszeit mit einer um 1930 beginnenden Vorgeschichte und einer Nachgeschichte bis 1960. Die Weltwirtschaftskrise bedeutete auch eine massive unternehmerische Krise im Verlag, die 1931 mit einem Insolvenzverfahren ihren Gipfel erreichte. Bis zur Schließung 1943 waren Ernst Rowohlt und später Heinrich Maria Ledig-Rowohlt keine selbständigen Verleger, sondern Angestellte des Rowohlt Verlags und das Unternehmen selbst Teil von Großverlagen. Die Neugründung 1945/46 erfolgte zunächst wiederum mithilfe fremder Geldgeber. Nach der Währungsreform 1948 geriet der Verlag erneut in schwere finanzielle Bedrängnis. Erst die Erfolge der Taschenbücher und von Götter, Gräber und Gelehrte nach 1949/50 sowie die Zusammenlegung in Hamburg ließen endgültig den Rowohlt Verlag entstehen, der die Kultur der fünfziger Jahre maßgeblich prägen sollte. Ernst Rowohlt blieb am Verlag beteiligt, und auch das Programm zeigte noch Bücher, die der Vater durchsetzte. Das Geschäft leitete ab Mitte der fünfziger Jahre jedoch Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. Die Jahre 1960/61 schließlich markierten in mehrfacher Hinsicht einen deutlichen Einschnitt in der Verlagsgeschichte. Im Sommer 1960 erfolgte der Umzug nach Reinbek, im Frühjahr war Fritz J. Raddatz in das Unternehmen eingetreten, der maßgeblich für das bundesrepublikanisch-linke Image des Verlags in den sechziger Jahren verantwortlich werden sollte. Am 1. Dezember 1960 starb Ernst Rowohlt. 1961 konstituierte sich der Deutsche Taschenbuch Verlag und beendete endgültig Rowohlts Dominanz im Bereich des kulturell legitimen Taschenbuchs. Folgerichtig erschienen die »letzten rororo-Bände mit Leinenrücken, der den Taschenbüchern den Charakter eines ›richtigen‹ Buches« hatte verleihen sollen, ebenfalls 1961.26

Notwendiger Teil des Wiederaufstiegs nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Berufung auf die Geschichte von Verlag und Verleger vor 1945. Zunächst aus ganz pragmatisch-unternehmerischen Gründen. Im Mai 1945 wurde das »Drucken, Erzeugen, Veröffentlichen, Vertreiben, Verkaufen und gewerbliche Verleihen« sämtlicher Druckschriften von der alliierten Militärregierung verboten.27 Damit war der Neuanfang eines jeden Verlags als Ausnahme an eine ausdrückliche Lizenzierung gebunden. Zudem wanderten erfolgreiche Bücher aus der Zeit vor 1945 auf Indizes, beziehungsweise kam eine Weiterverbreitung aus politischen Gründen auch ohne ausdrückliches Verbot nicht mehr in Frage. Autoren erhielten Publikationsverbote, die Presse und vor allem der Rundfunk, die maßgeblichen Medien der kulturellen Öffentlichkeit, waren zunächst vollständig und noch für Jahre immerhin recht fest in der Hand der alliierten Behörden. Zonenteilung, der beginnende Ost-West-Konflikt und die mangelhafte Infrastruktur regionalisierten das sogenannte literarische Leben und zerrissen damit viele der vor 1945 bestehenden Verbindungen. Ungeklärt war darüber hinaus die Rechtslage. Verträge aus der Zeit vor 1945 mussten bestätigt oder erneuert, neue Verträge konnten nur unter erschwerten Bedingungen geschlossen werden. Amerikanische und in die USA emigrierte deutsche Autoren konnten beispielsweise aufgrund des »Trading with the Enemy Act« vorerst überhaupt nicht verlegt werden, wenn ihre Texte nicht zu den von den amerikanischen Behörden im Rahmen der Reeducation bereit gestellten gehörten, und aus Mangel an Devisen waren auch Rechte an anderen ausländischen Autoren kaum zu erwerben. Mithin waren Verlage in allen rechtlichen und inhaltlichen Fragen sowie für alle notwendigen Rohstoffe, Verbrauchsmaterialien und technischen Einrichtungen auf die jeweils zuständigen Militärbehörden angewiesen. Auch nachdem mit der Lizenzierung die kulturpolitische Unbedenklichkeit eines Verlegers bescheinigt worden war, mussten die Verlage also mit den neuen Machthabern kooperieren, um überhaupt einen Mitarbeiterstab zusammenstellen zu können und an Rechte oder Lizenzen zu gelangen, um an Papier, Binde- und Verpackungsmaterial zu kommen und um anschließend die zerstörte Infrastruktur zur Verbreitung ihrer Waren nutzen zu können. Die Befreiung vom Nationalsozialismus bedeutete mithin keinesfalls automatisch, dass im zuvor reglementierte und beschränkte Buchhandel nun die Bücher erscheinen konnten, die zuvor unzugänglich waren.

Um Lizenz und fortgesetztes Wohlwollen der westlichen Alliierten zu erlangen und zu erhalten, waren im Wesentlichen zwei sich ergänzende Strategien zu verfolgen. Zunächst galt es ein – weitgehend hypothetisches – Verlagsprogramm zu entwerfen, das nach den Vorstellungen der Alliierten einen Beitrag »to the growth of the democratic and enlightened Germany« leisten konnte.28 Vor allem aber mussten sich Verleger und Verlag glaubhaft als Gegner und/oder Opfer des Nationalsozialismus darstellen können. Das gelang bei höchst unterschiedlicher Ausgangslage etwa Kurt Desch und Peter Suhrkamp recht erfolgreich. Auch Ledig-Rowohlt in Stuttgart erhielt im Januar 1946 einen »Letter of Recommendation« des leitenden Publications Control Officers, in dem für die zivilen Behörden festgehalten wurde: »It is therefore recommended that this publishing house which was a special victim of the Nazi regime be given all reasonable aid and assistance in reopening their business.«29 Dies öffentlich zu belegen, plante man bei Rowohlt sogleich eine Anthologie wichtiger zwischen 1908 und 1943 erschienener Texte und trat 1946 mit dem Faltblatt »Erinnern wir uns« zur Neugründung an (Abb 1.1). Seit 1947 kündigte Ernst Rowohlt seine Memoiren unter dem Titel Mein liebes, dummes, gefährliches Leben an, die jedoch nie erschienen.30 Der Verlag trat damit in ein Stadium legitimierender Selbsthistorisierung ein, die dem Verlagsimage bei den alliierten Behörden, den Lesern, den Sortimentern und Verlegerkollegen sowie den Autoren diente.

Der Doppelstellung des Verlags als Wirtschaftsunternehmen und kultureller Akteur entsprach deshalb eine Doppelstrategie. Musste einerseits die kulturpolitische Neuausrichtung möglichst deutlich und offensiv kommuniziert werden, galt es andererseits Autoren, Geschäftspartner und vor allem Leser aus den Jahren vor 1945 weiterhin anzusprechen, um den Erfolg sicherzustellen. Allgemeiner formuliert und damit auch für den nach der Währungsreform und dem Ende von Papierbewirtschaftung und Lizenzzwang entstehenden freien Buchmarkt tauglich: Ein Verlag ist einerseits auf langfristige Entwicklung, eine funktionierende Infrastruktur und dauernde Geschäftsbeziehungen angewiesen und andererseits als Akteur im kulturellen Feld den literarischen Zeitströmungen und kulturpolitischen Erfordernissen der jeweiligen Gegenwart unmittelbar unterworfen.31 Waren Produzenten und Verkäufer, Autoren, Mitarbeiter, Buchhändler, Druckereien, Geldgeber und vor allem die lesenden Konsumenten vor und nach 1945 weitgehend die gleichen geblieben, hatten sich die politischen, kulturellen und institutionellen Rahmenbedingungen radikal gewandelt. Auf beides galt es zu reagieren. Dem kulturpolitischen Mission Statement mussten die konkreten Produkte also, um erfolgreich zu sein, zumindest unterschwellig widersprechen – und dazu gehörte vor allem, dass Traditionen und Zusammenhänge, buchhändlerische wie kulturelle, wirtschaftliche wie literarische, die schon vor 1945 bestanden, zwar nicht expliziert werden konnten, implizit aber bestimmend blieben. Daher eignet sich ein Verlag besonders gut für die Untersuchung von Kontinuitäten und Brüchen, für die »krummen Wege« dies- und jenseits der seit Jahrzehnten nur noch in tatsächlichen oder gedachten Anführungsstrichen so bezeichneten »Stunde Null« im Jahr 1945.32

 

Abb. 1.1: Erinnern wir uns 1946

Der »moderne Verlagsbuchhändler« unddas »gespaltene Bewußtsein«

Hans Dieter Schäfer hat mit seiner erstmals 1981 erschienenen Aufsatzsammlung die seitdem oft zitierte Formel vom »gespaltenen Bewußtsein« für die »deutsche Kultur und Lebenswirklichkeit 1933–1945« geprägt. Gemeint war damit zunächst ein »tiefer Gegensatz zwischen nationalsozialistischer Ideologie und Praxis«, respektive zwischen der vermeintlich propagierten völkisch-germanischen Kultur totalitärer Entindividualisierung sowie einer Lebenswirklichkeit, die viel eher einer an amerikanischen Leitbildern orientierten Unterhaltungs- und Zerstreuungskultur entsprach und zum Ziel den durch individuelle Leistung gerechtfertigten Waren- und Freizeitkonsum erklärte.33 Auch wenn dies letztlich der »Produktion passiver Loyalität« diente, hat die »Mediendiktatur« im ›Dritten Reich‹

Verhaltensstandards erzeugt oder verstärkt, die weithin dem Realbild einer liberalistischen Leistungsgesellschaft entsprechen: Ein einkommensorientiertes, leistungsbezogenes Arbeitsverhalten, eine Tendenz zur isolationistischen Kleinfamilie, Marktorientierung in der Befriedigung von Bedürfnissen, eben Freizeit- und Konsumorientierung.34

Mag man den beschriebenen Zustand im ›Dritten Reich‹ selbst ambivalent, möglicherweise sogar antagonistisch nennen, setzte die eigentliche Spaltung, folgt man Schäfer, nach 1945 ein:

Die »Stunde Null« legitimierte sich in der Bundesrepublik hauptsächlich durch die Neuproduktion von Konsumgütern und durch Zerstreuungswerte; die Wahrheit, daß das Dritte Reich mit der gleichen Privatwirtschaft moderne Gebrauchswaren hergestellt hatte und der Amerikanismus bis 1941 öffentlich toleriert wurde, spaltete das Bewußtsein ab.35

Spaltungen und Verdrängung waren auch schon vor Schäfer konstatiert worden. Bekanntlich hatten Alexander und Margarete Mitscherlich in ihrer Studie Die Unfähigkeit zu trauern und der sich anschließenden Diskussion ebenfalls mit Abwehr und Verdrängung argumentiert. Abgewehrt wurde bei den Mitscherlichs jedoch nicht die Konsumgesellschaft, sondern die emotionale Verwobenheit in die nationalsozialistische Volksgemeinschaft und damit die mögliche Mitverantwortung für die Verbrechen in Hitlerdeutschland.36 Erneut wurde diese These 2002 modifiziert auch auf die folgenden Generationen angewandt. Der intellektuellen Einsicht und dem abstrakten Wissen stehe die Weigerung der Nachgeborenen gegenüber, die Beteiligung ihnen emotional Nahestehender an den Verbrechen zu akzeptieren.37 Hermann Lübbe bestritt dagegen 1983 vehement, dass eine Verdrängung überhaupt stattgefunden habe, die nun aufgearbeitet werden müsse. Vielmehr habe man sich für das höhere Wohl – den Aufbau eines demokratischen Gemeinwesens – auf einen Schweigekonsens geeinigt. Doch unterschlägt Lübbes Argumentation, dass die jüngste Vergangenheit auch in den fünfziger Jahren in öffentlichen Medien und privaten Erinnerungen omnipräsent war. Nur erinnerte man sich nicht reuig eigener Taten, sondern fühlte sich als Opfer: Kriegsversehrter, Vertriebener, vom Regime Unterdrückter oder Opfer des Bombenkriegs. Jeder hatte in den zwölf Jahren des ›Dritten Reichs‹ etwas verloren und wollte darob gehört werden.38 Dass diese Opfergemeinschaft – und hier schließt sich der Kreis – Teilhabe an Konsumgesellschaft und Unterhaltungskultur des ›Dritten Reichs‹ verleugnen musste, versteht sich. Hätte solches einem Opfer doch nur schlecht zu Gesicht gestanden.

Man kann dem sogar noch eine Wendung zufügen. Der verbreitete kulturkritische Antiamerikanismus ermöglichte die Fortsetzung der Opfergeschichten auch noch im Wirtschaftswunder. War man unter Hitler politisch unterdrückt gewesen und hatte die Konsequenzen der militärischen Niederlage erfahren müssen, litt man nun unter der kulturellen Hegemonie Amerikas.39 Das ›Dritte Reich‹ wurde durch die Abspaltung der Konsum- und Freizeitkultur in jeder Hinsicht zu einer dunklen Zeit, die – bei ritualisierter Erinnerung und stets reger Forschungstätigkeit – von ihrer Nach- und Vorgeschichte möglichst weit fernzuhalten war, sollte diese irgend für wert befunden werden können. Keinesfalls nur metaphorisch zu verstehen ist daher der Hinweis von Erhard Schütz, dass, »seit in den allfälligen Fernseh-Dokumentationen zunehmend Farbfilme zu sehen sind«, klar wird, »daß der Alltag damals nicht schwarz-weiß, sondern für seine Akteure durchaus bunt war.«40 Die nachträgliche Bewusstseinsspaltung lässt sich durchaus auf die dargestellte Doppelstrategie von Verlagsunternehmen im Allgemeinen und des Rowohlt Verlags im Besonderen abbilden. Namentlich die bunten rororos können der »Neuproduktion von Konsumgütern« und den »Zerstreuungswerten« zugerechnet werden, während die abgespaltene Vergangenheit im ›Dritten Reich‹ nun vornehmlich in den ernsten und düsteren Farben von überstandener Unterdrückung und Verbot gemalt wurden. Verbindungen zwischen beidem sollten und durften als solche keinesfalls offensichtlich werden.

Abgesehen davon, dass Schäfer gelegentlich vorgeworfen wurde, er habe den Terror des Regimes gegen die eigene Bevölkerung, die Ermordung der Juden und die Schrecken des Krieges weitgehend ausgeblendet, wurde seine Formel in der Folge mit der spätestens seit Horkheimer/Adornos Dialektik der Aufklärung (1944/47) geführten Diskussion um die Modernität des ›Dritten Reichs‹ kurzgeschlossen. Statt sich mit einer »Spaltung« abzufinden oder wechselweise die eine »unmoderne« und die andere »moderne« Seite auszublenden, wird seit Mitte der sechziger Jahre versucht, jene Widersprüche in Kultur und Lebenswirklichkeit, den »Januskopf des Dritten Reichs«, auf möglichst einen Begriff zu bringen. Vorgeschlagen wurden etwa – ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit – »autochthone Modernität«, »Moderatheitsmoderne«, »modern restauration« oder eine »Dialektik des Modernen« für die Literatur jener Zeit im engeren, »Paramoderne«, »organologische« und »synthetische Moderne« für die Kulturproduktion im weiteren Sinne.41 Einflussreich war Jeffrey Herfs Formel »reactionary modernism« für »technology, culture and politics in Weimar and the Third Reich«. Doch konnten als »reaktionärer Modernismus« nur Teilaspekte der kulturellen Wirklichkeit im ›Dritten Reich‹ beschrieben werden, denn Herf musste weiterhin »Nazi ideology and politics« gegen (statt mit) »technical rationality« verrechnen.42 Georg Bollenbeck verwendete Herfs Begriff denn auch gerade um klarzustellen, dass man den »Nationalsozialismus […] als Modernisierungsdiktatur« nur schwerlich charakterisieren könne.43 Eine zusammenfassende Arbeit behilft sich explizit gegen Herf an Zygmunt Bauman anknüpfend mit der Feststellung einer »Ambivalenz der Moderne«, die auch, womöglich gar vor allem, den Nationalsozialismus gekennzeichnet habe. Trotz der wiederholten Feststellung, dass die »Erfahrung der nationalsozialistischen Diktatur singulär« bleibe, wird dabei aber nicht recht klar, wie sich diese Einmaligkeit innerhalb der Beschreibungskategorie einer ambivalenten »Moderne« abbilden lassen könnte.44

Eine Rechtfertigung findet die über den »Nullpunkt 1945« wechselseitig hinausblickende Perspektive auch deshalb, weil nicht nur neuere Forschungen die Kultur der fünfziger Jahre auf ebenso widersprüchliche und widerstreitende Formeln im Hinblick auf die Frage nach der Modernität und der Modernisierung gebracht haben wie die Kultur des ›Dritten Reichs‹. Der 1950 in den Frankfurter Heften wirkmächtig behauptete »restaurative Charakter der Epoche«, der im düster schwarzbraun gemalten Bild der Adenauerära seine Bestätigung fand, auf der einen Seite und das Wirtschaftswunderland mit der forcierten »Amerikanisierung« und Modernisierung auf der anderen – Nierentisch und Gelsenkirchener Barock, Bikini und Heimatfilm, Trümmerlandschaft und Blaue Grotte – ließen und lassen sich ebenfalls kaum auf den einen Begriff bringen.45Modernisierung im Wiederaufbau, Restauration oder Moderne?, Zwischen Restauration und Modernisierung, »Reconstruction« and »Modernization«, Zwischen Abendland und Amerika, Im Niemandsland der Moderne oder schlicht The Miracle Years sind die entsprechenden Titel nur einiger Sammelbände und programmatischer Aufsätze zu Kultur, Literatur und Gesellschaft der fünfziger Jahre.46 So ließe sich gerade in der Uneindeutigkeit eine fortdauernde Epochensignatur annehmen, der näherzukommen eine Verlagsgeschichte wie die vorliegende dienen kann.

Ohne die Forschungsdiskussion nachzeichnen zu wollen – allein die Bibliografie einer 2003 erschienenen »Forschungsbilanz« zur »Moderne im Nationalsozialismus« füllt über 60 Druckseiten und seither ist eher noch von einer Intensivierung auszugehen –, lässt sich feststellen, dass trotz der in sich widersprüchlichen oder widerstreitenden Begriffe Wertungsfragen und Erkenntnisinteresse einander weiterhin oft überlagern.47 Das gilt, obgleich die Forschungen der letzten Jahrzehnte

in allen Bereichen des NS-Staates Heteronomien von ›modernen‹ und ›anti-modernen‹ Tendenzen aufgezeigt [haben]. Statt zu eindeutigen Bestimmungen oder gar zu Umwertungen zu führen, hat die Debatte gerade das Ende von Eindeutigkeiten befördert, tradierte Dichotomien aufgelöst und die Gleichzeitigkeit und Verquickung gegenläufiger technologisch-ökonomischer, ideologischer und kultureller Entwicklungen als spezifisches Merkmal des ›Dritten Reichs‹ in den Blick gerückt.48

Ein möglicher Weg, diese Gleichzeitigkeiten und Verquickungen als solche in den Blick zu nehmen und nicht in die eine oder andere Richtung aufzulösen, den unweigerlichen Wertungsfragen weder auszuweichen noch deshalb die Analyse allzu schnell abzubrechen und auf Partikulares zu beschränken, sollte die Untersuchung von Fällen mittleren Umfangs und mittlerer Reichweite sein – wie eines Verlags, der in ihm handelnden Akteure, seiner Produkte und deren Aufnahme bei Kritik und Lesern. Wenn also nach der anwesenden und wirkmächtigen, aber verschwiegenen und »abgespaltenen« Vorgeschichte des Rowohltschen Nachkriegserfolgs gefahndet wird, gilt die Aufmerksamkeit der Bestandsaufnahme eines Teilbereichs der Vor- und Frühgeschichte der Kultur der Bundesrepublik – durchaus auch im Hinblick auf »Modernität«. Schließlich wurde Ledig-Rowohlt bestätigt, er habe in den fünfziger Jahren den Umbau des Unternehmens zu einem »der modernsten Verlage seiner Zeit« geleistet, mit den rororos habe Rowohlt das moderne Taschenbuch in Deutschland eingeführt, Cerams Götter, Gräber und Gelehrte wird in Nachschlagewerken bis heute als »Prototyp des modernen Sachbuchs« bezeichnet, wenn das Sachbuch nicht überhaupt »als die vielleicht ›modernste‹ Literaturform in jenen Jahren« gilt (gemeint ist die Zeit des ›Dritten Reichs‹). An Ernst Rowohlt wurde zu seinem hundertsten Geburtstag als »Anwalt der Moderne« erinnert, er sei dem »Ideal des modernen Verlagsbuchhändlers […] wohl nähergekommen als jeder andere seiner Kollegen«. Zum fünfzigjährigen Jubiläum 1958 hatte der Verlag selbst der Presse erklärt: »Der Name Rowohlt [ist] zum Begriff dynamischer, wagemutiger, zeitnaher Verlagsarbeit geworden.« 2008 bescheinigte Hans Altenhein, Ledig-Rowohlt sei in der Nachkriegszeit »der einsame Modernisierer im restaurativen Verlagsbetrieb der westlichen Besatzungszonen« gewesen.49

Obgleich selten mit den Forschungen zur Modernität des Nationalsozialismus kurzgeschlossen, lassen sich wiederum vor allem im Anschluss an Hans Dieter Schäfer Versuche feststellen, literatur- und kulturgeschichtliche Periodisierungen im zweiten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts jenseits der politischen Zäsuren zu erkunden.50 Schäfer hatte – unter anderem Frank Trommler folgend – die entscheidende kulturelle Zäsur in der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen, aber auch kulturellen Krise um 1929/30 ausgemacht und in der Folge eine Literatur traditionalistischer Rückbesinnung, eine stilistische »Restaurationsepoche« erkannt, die von 1930 bis 1960 gewährt habe. Zentrales Beispiel dafür war die Gruppe von Autoren um die Zeitschrift Die Kolonne, eine »junge Generation« nichtnationalsozialistischer Autoren. Als Beleg für das stilgeschichtliche Andauern dieser nicht-nationalsozialistischen Literatur nach 1945 diente seinerzeit bereits die Tatsache, dass viele bekannte Journalisten und Autoren der Nachkriegszeit während des ›Dritten Reichs‹ ähnliche Texte wie davor und danach publiziert hatten.51 Dieser »personellen Identität« sollte, so nahm man an, auch eine »programmatische Kontinuität« und eine »Homogenität literarischer Formen, Themen, Techniken« entsprechen, »die alle dem zentralen Epochenmerkmal der ›Restauration‹ dienten.«52 Das Ende jener Epoche, das deutlich weniger distinkt markiert wurde, erkannte man in der Überwindung der Krisensemantik in Richtung auf eine politische und kulturelle Wirksamkeit, im allenthalben für 1959 konstatierten Anschluss an die Weltliteratur und der in den sechziger Jahren folgenden juristischen, politischen und kulturellen Aufarbeitung des Nationalsozialismus.53

Auch wenn die These sich in der Literaturgeschichtsschreibung nicht durchgesetzt hat und Schäfer selbst sich 2009 von seinen Forschungen distanzierte, weil es »eine ›junge Generation‹ […] so nicht gegeben hatte«, sind in jüngerer Zeit besonders in der Auslandsgermanistik wiederum Versuche unternommen worden, die nur politische Periodisierung durch eine stilgeschichtliche zumindest zu ergänzen.54 Eine englische Forschergruppe knüpfte direkt an Schäfer an und versucht zu belegen,

that during the 1930s, 1940s, and 1950s […] the German literary sphere is characterized by a common set of aesthetic concerns which […] are sufficient to distinguish these decades in their own right as a recognizable, discrete, and significant phase in the development of twentieth-century German literary history.55

Diese Phase sei gekennzeichnet »by a re-assertion of the conventional bourgeois institution of literature, allied to a search for stability of meaning, against the background of successive and on-going crisis.«56 Schäfer folgend nennen sie diesen »literary mood« »modern restauration«, eine moderne Bewegung gegen die Moderne, die sich ästhetisch besonders in Abgrenzung zur Neuen Sachlichkeit formiert habe: Schöpfung statt Dokument, Innerlichkeit statt Ausdruck, Tiefe statt Oberfläche, Dichtung statt Journalismus. Gustav Frank und Stefan Scherer haben darauf hingewiesen, dass diese Epochenkonstruktion plausibel nur aufgrund einer schmalen, selektiven Materialbasis ist. Wie Schäfer konzentriert sich der Band auf die Autoren um Die Kolonne und gattungsgeschichtlich auf die Lyrik sowie »essayistische[] Weltanschauungstexte und Programmtexte«. Neben dem Drama und den »epischen Langtexten« fehlt damit, so Frank und Scherer, die

›Mehrheitskultur‹ der 30er und 40er Jahre: d[ie] große deutsche Übersetzungskultur, die bis weit in den Nationalsozialismus hinein die westliche Moderne verfügbar macht, d[ie] Macht der populären Kultur, nicht zuletzt d[ie] Präsenz Hollywoods bis zum Weltkrieg, d[ie] zunehmende[] Medienarbeit für die wachsende Alltags- und Konsumkultur.57

Deutlich wird damit, wenn auch zunächst nur ex negativo, dass sich auch in der Literaturgeschichtsschreibung die Fragen nach Periodisierung und Modernisierung oder Modernität im Zeitraum 1930 bis 1960 überlagern. Geht man vom »restaurativen Charakter« der fünfziger Jahre aus, kann Kontinuität über eine ähnlich restaurative Literatur während des ›Dritten Reichs‹ und davor hergestellt werden. Frank Trommler beispielsweise erkennt zwar einige »verlorene Einzelgänger«, die »in Deutschland […] zu politischem Widerstand« gegen die herrschende Restauration »vordrangen«. Gemeint waren damit

Aktivitäten […] von der Zeitschrift Der Ruf und der Gründung der »Gruppe 47« bis zu den Stellungnahmen auf dem Frankfurter Schriftstellerkongreß von 1948, wo Kurt W. Marek die »Schau in die neue Wirklichkeit« mit dem Mythos der Illusionslosigkeit als »Blick aufs Haupt der Medusa« interpretierte.58

Doch diese »reflektierte Zeitgenossenschaft« und der »Schimmer politischen Engagements« stammten nach Trommler aus der »Neuen Sachlichkeit«, deren Kontinuität 1933 unterbrochen worden war, und gerade nicht aus der als Gegenbewegung angetretenen Literatur der Kolonne-Autoren. Beobachtet man umgekehrt die Modernität der fünfziger Jahre, werden damit notwendig Diskontinuitäten zur Kultur und Literatur der Jahre zuvor unterstellt. Regelmäßig wird daher Kontinuität vor und nach 1945 mit dem »restaurativen Charakter« und Diskontinuität mit Modernisierung gleichgesetzt. In einem jüngeren Aufsatz werden konsequenterweise die beiden »dichotomischen Formeln Restauration – Modernisierung bzw. Kontinuität – Diskontinuität« beinahe synonym verwendet.59 Orientierte man sich dagegen vor allem an der modernen, konsumkulturellen Seite des ›Dritten Reichs‹, ergab sich für literaturgeschichtliche Kontinuitätsbeobachtungen das Problem, dass Höhenkammliteratur dort per Definition nicht zu erwarten ist. So stellt Helmuth Kiesel etwa fest, dass die Bücher, die für die spezifische Modernität des ›Dritten Reichs‹, die »Versöhnung von Nationalsozialismus und Moderne« stehen, »Sachbücher [sind], die man nicht gerade als ›moderne‹ Literatur im eigentlichen Sinne bezeichnen wird.«60 Literaturwissenschaftliche Forschungen zur Modernität der fünfziger Jahre und des ›Dritten Reichs‹ kommen deshalb in der Regel nur getrennt voneinander vor.

Besonders sei daher auf einen weiteren Ansatz zur Periodisierung hingewiesen, der »[e]rstmals […]die Zweifel an den Daten ›1933‹ und ›1945‹ als historische Einschnitte ernst[nehmen]« und stattdessen »andere Kontinuitäten, aber auch Brüche für den Bereich der Künste und in der populären Kultur« nachzeichnen will.61 Das geschieht unter einer Fragestellung, die explizit das geschilderte Bewertungsdilemma zu überschreiten versucht, indem von »weltanschaulichen Kriterien (politische Korrektheit)« und »Kategorien der Avantgarde (Überbietung, Zurückweisung von Traditionen, Neuheit)« abgesehen wird, denen folgend »dem ›reaktionären‹ Werk eine komplexe Textur von vornherein nicht zugestanden« werden würde.62 Alternativ zum gängigen Schema entwerfen die Herausgeber »eine Epochenkonstruktion im mittleren 20. Jahrhundert«, die sie als »synthetische Moderne« bezeichnen. Die entsprechende »Literatur der synthetischen Modernität« lasse sich ab 1925 als Reaktion »auf das Historischwerden der Avantgarden« ausmachen:

Die poetischen Bilanzen der Epoche einer ›reflektierten‹ und ›kombinatorischen Moderne‹ dienen der Sichtung und Bändigung der gesellschaftlichen und ästhetischen Modernisierung. ›Synthesen‹ bearbeiten die Krisen- und Destabilisierungserfahrungen seit dem Ersten Weltkrieg und die massenmedialen Repräsentationsformen der neuen Populärkultur durch eine ebenso poetische wie metaphysische Integration der neuen ›Tatsachen‹.63

Kennzeichnend sei »eine Ästhetik des Nebeneinander und der Kolportage«, die sich manifestiere als »Dialektik von Ordnungszerfall und Ordnungssehnsucht, von Kontingenzerfahrung und Kontingenzbewältigung, von […] Krise und Sinnstiftungswunsch.«64 Offensichtliche Beispiele dafür sind die »Totalitätsprojekte von Musil, Broch und Döblin«, deren je unterschiedlicher synthetisierender Anspruch an den »neuen Tatsachen« nicht ohne metaphysischen Katalysator gelingt. Aber auch politisch und ästhetisch so heteronome Bewegungen wie Neue Sachlichkeit und Konservative Revolution lassen sich, folgt man den Autoren, darunter subsumieren:

Das Ernüchterungspostulat der Neuen Sachlichkeit wie die Wiederherstellung von Traditionen basieren auf dem Tatsachenprinzip. Beide Reaktionsformen operieren auf dem Verfahrensstand der Moderne, und beide sind vor allem diskurspolitisch motiviert: ›neu‹ bzw. ›revolutionär‹ zwar, aber ohne avantgardistische Geste der Negation in der Beschwörung neuer ›Ismen‹, folglich auch stilistisch unbestimmt, weil jetzt die etablierten Verfahrens-Möglichkeiten synchronisiert werden.65

Während der »NS-Zeit« werde die »lapidare Dokumentation des Alltäglichen« der Neuen Sachlichkeit wie des konservativ-heroischen Realismus »ins gleichsam Warme der kleinen Tröstungen umkodiert« – zu einem »moderaten Modernismus«. Jedoch setze sich die »Verbindung von Tatsachenprinzip (in der Linie der Neuen Sachlichkeit) und Metaphysik des Doppeltsehens« namentlich in der Literatur der Inneren Emigration und des Magischen Realismus auch während des ›Dritten Reichs‹ und nach 1945 »in der Doppelung von ›Beschreiben‹ und ›Transzendieren‹ fort.« Mit der totalen Verfügbarkeit (und Konsumierbarkeit) aller Stile um die Mitte der fünfziger Jahre werde die Hoffnung auf sinnstiftende Synthesen endgültig verabschiedet und die Moderne überhaupt gehe im »Posthistoire« auf.66 In der »Synthese« – hier freilich vor allem politisch gedacht – hatte 1991 auch schon Wolfgang Ferchl das wesentliche Signum der Literatur der fünfziger Jahre erkannt.67 Abgesehen von der Plausibilität der Epochenkonstruktionen im Einzelnen, gelingt damit die Integration verschiedenster Produkte der Hoch- wie der Unterhaltungskultur. Denn nun muss die nicht-nationalsozialistische und nicht-exilierte Literatur nicht mehr in Opposition zur Neuen Sachlichkeit einerseits und zur – stets nur dem Namen nach genannten – nationalsozialistischen Literatur andererseits modelliert werden. Vielmehr gehören Neue Sachlichkeit mit der Affinität zur Populärkultur und Magischer Realismus mit der Tendenz zu Verinnerlichung und Kulturkritik zu einem kulturellen Paradigma.

Ohne Anspruch auf die Kennzeichnung einer Epoche zu erheben, hat Erhard Schütz 2007 auf eine »Sach-Moderne« hingewiesen, die sich in weit verbreiteten und/oder diskutierten Texten zwischen den späten zwanziger und den fünfziger Jahren erkennen lasse. Vom emphatischen Bekenntnis zum Dokumentarismus, zur Reportage und zur Sachlichkeit besonders im Zusammenhang mit der Krise des psychologischen Romans ab 1926/27 über Ratgeber und Weltanschauungsromane, Tatsachenliteratur und Reiseberichte im ›Dritten Reich‹ bis zum erzählenden Sachbuch und erbaulich-metaphysischer Literatur des Nachkriegs verfolgt Schütz »die Literaturgeschichte der Moderne als eine Art Doppelhelix […], als eine Art gewundener Leiter, geführt von Faktionalem und Fiktionalem, mit nahezu regelmäßig querverbindenden Sprossen beider.«68 Auch unter dieser Perspektive entfällt die immer noch konsensuale Unterscheidung zwischen (linker) neusachlicher Literatur, die 1933 sogleich zur besonders diskriminierten gehörte – auf den ersten von Alfred Rosenbergs »Kampfbund für deutsche Kultur« 1933 zusammengestellten Listen finden sich unter den vollständig zu verbietenden Autoren tatsächlich überproportional viele Verfasser von Reportageliteratur, Tatsachen- und Zeitromanen –, und neoklassischer Restauration, die sich während des ›Dritten Reichs‹ und bis in die fünfziger Jahre behaupten konnte.69 Denn diese Gegensätze finden sich nun aufgehoben in einem weiteren Feld, das zu kartieren politische Zuordnungen ebenso wenig hinreichen wie Unterscheidungen von Restauration und Avantgarde, Fakt und Fiktion, elitärer und populärer kultureller Produktion. Viele der Belegtitel für diese These sind zwischen 1930 und 1950 im Rowohlt Verlag erschienen. Das gilt für Bernard von Brentanos emphatisches Bekenntnis zum Bericht und zur »Darstellung von Zuständen« (Kapitalismus und schöne Literatur 1930), für Hemingway und Sartre als Repräsentanten einer viril-rationalen Literatur, für Erik Reger, Rudolf Brunngraber und Christoph Erik Ganter als (höchst unterschiedliche) Autoren von Tatsachenromanen, bis zu C. W. Cerams Götter, Gräber und Gelehrte. In der Tat hat Rowohlt, den man in der Regel mit den (linken) Modernismen und Avantgardismen der Weimarer Republik identifiziert, »– was meist übersehen wird – gerade nach 1933 die Linie des Sachbuchs sehr erfolgreich verlegerisch weiter ausgezogen.«70 Solche Kontinuitäten können erst in den Blick genommen werden, wenn nicht nur selektiv Teilbereiche der kulturellen Produktion ausgewählt werden. Und erst auf diese Weise kann der Blick auf einen Verlag produktiv werden. Denn ganz handfest wären Robert Musil ohne Emil Ludwig, Friedo Lampe ohne Hans Fallada, Mascha Kaléko ohne Walther Kiaulehn (damals noch unter dem Pseudonym Lehnau), Kurt Kusenberg ohne Rudolf Brunngraber oder Arno Schmidt ohne C. W. Ceram nicht möglich gewesen. Auch wenn die Beweiskraft einer Verlagsgeschichte nicht überschätzt werden sollte, zeigt die entsprechende Produktion doch eine kulturelle Mischung, die zumindest für sich hat, dass sie empirisch belegt in ihrer Zeit funktionierte, indem sie ein Unternehmen am Leben hielt.

Daher müssen ganz besonders die Markterfolge des Verlags in den Blick genommen werden und nicht nur der bekannte literarische Höhenkamm, um die nicht explizierten Kontinuitäten, ihr Fortwirken unter den neuen Umständen und die unbekannte Vorgeschichte offenkundiger Entwicklungen der Nachkriegszeit zu untersuchen. Die rororos, C. W. Cerams Götter, Gräber und Gelehrte und Ernst von Salomons Fragebogen sind einerseits ganz materiell Bedingung des kulturell legitimen Programms des Verlags. Andererseits müssen die unterstellten Funktionsweisen und Mechanismen zwischen Neuanfang und Fortsetzung sich besonders an Produkten zeigen, die durch ihren Erfolg deren Gelingen belegen.

Aber nicht nur unternehmensgeschichtlich verdienen gut verkaufte Bücher besondere Aufmerksamkeit. Weil Leser und Öffentlichkeit in großer Zahl von diesen Titeln angesprochen wurden, lassen sie sich gut begründet als kulturelle Indikatoren lesen. Denn der Kauf oder selbst die Ausleihe eines Buchs bleibt eine aktive Entscheidung, eine Auswahl, die interpretiert werden kann, im Unterschied zu den Massenmedien, bei denen eher eine Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes mediales Format getroffen wird. Bekanntlich hatte Siegfried Kracauer bereits 1927 den Bucherfolg als »Zeichen eines geglückten soziologischen Experiments« bezeichnet und festgestellt: »Analysen viel gelesener Bücher sind ein Kunstgriff zur Erforschung von Schichten, deren Struktur sich auf direktem Wege nicht bestimmen läßt.«71 Allerdings ging die Forschung oft den umgekehrten Weg. So wurde etwa in der ideologiekritischen Bestsellerforschung der siebziger Jahre schlicht vorausgesetzt, dass als Leser des Bestsellerromans das »Kleinbürgertum, bei relativ großer sozialer Streubreite; Absolventen weiterführender Schulen (besonders Mittelschul- bis einschließlich Gymnasialbildung)« gelten könnten, nicht jedoch Akademiker. Die Untersuchung der Bestseller erfolgte dann unter der Leitfrage, welche der bei diesen »Schichten« vorausgesetzten Wünsche und Sehnsüchte die Bücher bedienten.72 1991 hat Werner Faulstich deshalb festgestellt, dass

bei der ernsthaften Erforschung des Phänomens Bestseller […] bislang […] das Hauptaugenmerk eher auf systemische Fragestellungen gelegt [wurde]. Das ›Zeitlose‹ stand im Zentrum, die Frage nach den systematischen Kriterien und Regeln des Erfolgs, nach der ›Bestseller-Formel‹.73

Dabei gerieten dann einerseits vermeintlich anthropologisch konstante Grundbedürfnisse in den Blick, deren – in der Regel einfache – Befriedigung dem Bestseller zuerkannt wurde: Sex und Gewalt, Liebe und Anerkennung, Abenteuer, sozialer Aufstieg und dergleichen. Andererseits untersuchte man Markt und Vermarktungsmechanismen und sah dabei meist über das je einzelne Buch hinweg. Beklagt wurde stattdessen der auf die Bestsellerproduktion ausgerichtete Literaturmarkt als ganzer. »Für die Bestseller-Industrie sind Autor und Werk fungibel. Daher ist die ästhetische Kritik verfehlt«, stellte etwa Peter Uwe Hohendahl seinerzeit fest.74

Sicherlich ist es richtig, dass »das Buch des Massenerfolges […] seine Psychose« selbst erzeugt und »sich selbst zu immer größerer Wirksamkeit und größerem Erfolg [trägt], wenn es einmal eine bestimmte Stufe der Breitenwirkung überschritten hat«, wie Karl-Heinz Wallraff schon 1949 erkannte.75 Doch bis der Bestseller zum sich selbst verstärkenden System wird (dessen Funktionieren nicht weniger erklärungsbedürftig wäre), ist er angewiesen auf Energien und Antriebe, die er nicht aus sich selbst oder einem entsprechenden Marketing beziehen kann. Abgesehen von mehr oder weniger überzeitlichen Grundbedürfnissen und Schemata, die Bestseller bedienen, sind diese Antriebe zum nicht geringen Teil im je spezifischen Kontext zu suchen. Nur auf diese Weise lassen sich zumindest Hinweise formulieren, warum auf einem Käufermarkt einzelne Titel zu Erfolgen werden und andere nicht. Sieht man von solchen historischen Kontextualisierungen ab, bleiben meist nur Zufälle und Wunder als Erklärungen. »Bestseller-Geschichte«, die den Zusammenhang zwischen »Literaturerfolg und Geschichte«, den »gesellschaftlich markanten Veränderungen der entsprechenden Zeit« erforscht, »erweist sich [dann] als ein unverzichtbarer Teil von Literatur-, Kultur- und Gesellschaftsgeschichte.«76 Denn, so Faulstich 1996, der Bestseller ist weniger »kausaler Faktor« einer kultur- oder ideologiekritisch zu beargwöhnenden kulturellen Veränderung »als vielmehr deren Ausdruck und Beleg«. Um den Bestseller solchermaßen als »übergreifendes Kulturphänomen« in den Blick nehmen zu können, plädiert Faulstich für eine offene kulturwissenschaftliche Perspektive, die die Erfolgsbücher in ihrem je historischen Umfeld rekontextualisiert.77 Das hermeneutische Desinteresse am Bestseller und die Geringschätzung massenhaft verbreiteter kultureller Artefakte überhaupt speist sich hierzulande aus einer tief verwurzelten Ablehnung all dessen, was Horkheimer/Adorno unter dem Begriff »Kulturindustrie« folgenreich zusammengefasst haben.78 Mit der Betonung der »Industrie«, im wörtlichen Sinne verstanden, wurde der Blick auf die Produktionsbedingungen und die Interessen und Strategien der Produzenten beziehungsweise »des Apparats« vorgegeben. Die Rezipienten galten dagegen als willkürlich manipulierbare, undifferenzierte und daher uninteressante Masse. – Eine Sichtweise, die in den fünfziger und sechziger Jahren auch anschlussfähig war für die im Zeichen der Massenpsychologie Ortega y Gassets stehende kulturkritische Gestimmtheit vieler Zeitgenossen.

Mit alternativen Begrifflichkeiten haben verschiedene Forschungsrichtungen seither versucht, dieses manipulative Modell durch ein kommunikatives zu ersetzen. Namentlich die britischen Cultural Studies entdeckten in den sechziger Jahren den aktiven Rezipienten, dessen Decodierung durch das jeweilige kulturelle Angebot, die Encodierung, nicht diktiert werden könne. Um beim großen Publikum – in der entsprechenden Terminologie möglichst wertfrei »the people« genannt – erfolgreich zu sein, müsse das jeweilige Produkt unbedingt variable Bedeutungszuweisungen verschiedener Rezipienten tolerieren, polysemisch sein oder zumindest so wahrgenommen werden.79 Zu rechnen sei deshalb stets auch mit subversiven oder zumindest den Intentionen der Produzenten (dem »power bloc«) widersprechenden Lektüren. Dabei löste sich das kulturelle Artefakt – meist ist vom Text im umfassendsten Sinne die Rede – jedoch in die jeweils realisierten Kommunikate auf und konnte als eigenständiges einer Analyse nicht mehr zugänglich sein. »Eine ästhetische Perspektive ist den Cultural Studies geradezu verdächtig, einen substanziellen Kulturbegriff zu verfolgen.«

Hans-Otto Hügel, von dem diese Einschätzung stammt, hat »Unterhaltung als bestimmende Zugangsweise zur Populären Kultur« bestimmt und diese im Unterschied zur »Kunstrezeption« definiert.80 Fordere die »Kunstrezeption ihrem Anspruch nach Unbedingtheit«, erlaube »keine Beliebigkeit im Interesse« und verlange »daher dem Rezipienten Anstrengungen ab […], erlaubt die Unterhaltungsrezeption (fast) jedes Maß an Konzentration und Interesse. Nicht ›richtiges‹ Verstehen, sondern Teilhabe ist wichtig, wenn wir uns unterhalten wollen.«81 Diese Form von positiver Teilhabe vermittelten – so die These neuerer Forschungen – die populärkulturellen Unterhaltungsangebote im ›Dritten Reich‹ vor allem. Kaum unmittelbare ideologische Indoktrination und auch nicht unmittelbare materielle Vorteile, wie Götz Aly meint, sondern eine weitgehend entpolitisiert scheinende, kleinbürgerlichheile Welt, mit mäßigen realen und übermäßigen virtuellen Konsumversprechen finden sich in Illustrierten, im Film, in der Werbung, im Radio oder der Literatur.82 Unterhaltung in diesem Sinne wird nach Hügel durch das ermöglicht, was er »ästhetische Zweiwertigkeit« nennt. Das populärkulturelle Artefakt oder Erlebnis schwebe zwischen Ernst und Unernst: »Unterhaltung will (fast) ernstgenommen und (fast) bedeutungslos zugleich sein.« Sie muss ernst genommen werden, als »Erfahrung auf Vorrat« taugen, damit der Rezipient sich überhaupt zur Teilhabe bereit findet, und unernst bleiben, um offen zu sein für Deutungen, Fortsetzungen und Wiederholungen.83 »Ästhetisch« sei diese Zweiwertigkeit, da es sich um eine formvermittelte Erfahrung handele, die mittels einer »Kombination aus hermeneutischen und empirischen Forschungsansätzen« erschlossen werden könne.84 Dies wird hier versucht, indem mit Rowohlt die Geschichte eines Verlags untersucht wird, der auch noch im eingeschränkten, auf die industrielle Fertigung bezogenen Sinne Teil der Kulturindustrie ist. Mit den Zeitungsdrucken und Taschenbüchern wird zweitens ein für den Massenabsatz geplantes, hergestelltes und vertriebenes Produkt zum Gegenstand. Götter, Gräber und Gelehrte wird drittens als Bestseller und Einzelwerk der Populärkultur ernst genommen und – interpretiert.

Forschungs- und Quellenlage

An der Quellenlage, die der Herausgeber einer von Ernst Rowohlt so genannten »schwer germanistischen Arbeit« zur »Rowohlt Forschung« von 1933 beklagte (vgl. Abb. 1.2), hat sich seither nichts geändert.85 Die »gesamte Korrespondenz, alle Verträge und das gesamte Archiv« des zweiten Rowohlt Verlags wurden bei einem Luftangriff auf Stuttgart am 12./13. September 1944 vernichtet.86 Nicht einmal die von ihm verlegten Bücher besaß der Verlag noch. An Erik Reger schrieb Ernst Rowohlt am 1. Juni 1946:

Uebrigens habe ich eine große Bitte: ist es möglich, dass Sie im redaktionellen Teil des »Tagesspiegel« eine kurze Notiz bringen, dass der Rowohlt Verlag Hamburg oder Stuttgart, da sein gesamtes Verlagsarchiv durch Bomben zerstoert sei, alle im Rowohlt Verlag erschienenen Buecher sucht und allenfalls um leihweise Zurverfuegungstellung bittet, damit er einen Querschnitt aus den Publikationen des Verlags veroeffentlichen kann, der unter dem Titel »Rowohlt-Omnibus 1908–43« erscheinen soll?87

 

Abb. 1.2: Neue Beiträge zur Rowohlt Forschung 1933

Die »alte Verlagskorrespondenz« war offenbar schon beim Umzug nach Stuttgart Anfang 1939 in Leipzig eingelagert worden und dürfte den Zweiten Weltkrieg nicht überstanden haben.88 Viele Unterlagen aus der Nachkriegszeit sind bei einem Brand des »in den Keller des Reinbeker Kino-Theaters ausgelagerte[n] Archiv[s] […] in der Nacht vom 25. auf den 26.10.[1970]« vernichtet worden.89 Und Kerstin Schult, die Mitte der neunziger Jahre im Rahmen einer Magisterarbeit Interviews mit Verlagsangehörigen führte, teilt mit, dass regelmäßig Unterlagen vernichtet wurden. Es zählte

das Tagesgeschehen […]. Es gab kein Bewußtsein, die Materialflut zu strukturieren und zu archivieren, gemäß eines Ausspruchs von Ernst Rowohlt: »Mein Verlag ist ein Verlag, der nach vorn blickt, nicht nach hinten!«90

Das verbliebene Archiv des Verlags wurde an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach und das Verlagsarchiv des Instituts für Buchwissenschaft der Universität Mainz übergeben und wird sukzessive der Forschung zugänglich gemacht. »Archivalien aus der Vorkriegszeit gibt es« – nach Auskunft des Verlags – »keine außer einigen Vertragskopien, die von den betreffenden Autoren beigesteuert werden konnten.«91 Die Nachkriegszeit ist verstreut und nur zu sehr geringen Teilen dokumentiert. Einzelne Autorenkonvolute reichen bis in die späten vierziger Jahre zurück. Herstellungsakten, Verkaufszahlen, Bilanzen oder Werbematerialien sind für den hier untersuchten Zeitraum aber kaum zu finden. Auch sind nicht alle Archivalien abgegeben worden. So konnte 1997 ein Band mit Briefen aus den letzten Tagen Wolfgang Borcherts »aus dem Archiv des Rowohlt Verlags« ergänzt werden, die in Marbach nicht angekommen zu sein scheinen, und auch die Publikationen zum Verlagsjubiläum 2008 verwenden Materialien aus dem Archiv, so etwa Verträge, Bilanzen und Geschäftsberichte aus der Zeit vor 1945, die in Reinbek verblieben sind.92 Nicht zuletzt wegen dieser höchst unbefriedigenden Quellenlage hat die buchwissenschaftliche Forschung kaum Arbeiten zur Geschichte des Rowohlt Verlags hervorgebracht. Am besten untersucht ist bislang der erste Rowohlt Verlag aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.

Zu dem Kapitel über Götter, Gräber und Gelehrte und zu dem im Schlusskapitel untersuchten Fragebogen Ernst von Salomons liegen vergleichsweise günstigere Quellenbestände vor. Der Nachlass Ernst von Salomons wird im Deutschen Literaturarchiv bewahrt und beinhaltet Manuskripte, Korrespondenz und Materialen in großem Umfang, allerdings beinahe ausschließlich aus der Nachkriegszeit. Der Nachlass Kurt W. Mareks befindet sich in Privatbesitz und konnte in Teilen benutzt werden. Marek hat, bevor er Anfang der siebziger Jahre nach Europa zurückkehrte, einige Manuskripte dem Howard Gotlieb Archival Research Center der Boston University übergeben. Ein Manuskript zu Götter, Gräber und Gelehrte hat sich dort zwar nicht erhalten, dafür aber eine maschinenschriftliche Transkription von Mareks Kriegstagebuch, die für die biografische Rekonstruktion verwendet werden konnte – mit allen quellenkritischen Vorbehalten, die solchen Selbstauskünften entgegenzubringen sind.

Noch in anderer Hinsicht sind Fürchtegott Hesekiels Neue Beiträge zur Rowohlt-Forschung beispielhaft. Denn selbstredend handelt es sich bei dem Band um eine Mystifikation. Während das Impressum des dem Anlass entsprechend silbern eingebundenen Bändchens 1987, das Jahr von Ernst Rowohlts hundertstem Geburtstag, als Erscheinungsjahr angibt, heißt es abschließend:

Zur heimlichen Feier seiner 25jährigen Verlegertätigkeit im September 1933 haben Freunde von ERNST ROWOHLT diese scherzhafte Historie geschrieben, gedruckt, gebunden und dem Buchhandel vorenthalten.93

Hinter dem Pseudonym Fürchtegott Hesekiel verbarg sich Franz Hessel, Ernst Rowohlts Lektor. »[E]inige andere Leutchen«, schrieb der Verleger im Januar 1935 an Anton Kippenberg, haben darüber hinaus »durch Materialbeisteuerung mitgearbeitet.«94 Dass es sich auch dabei um Freunde Rowohlts handelte, kann vorausgesetzt werden. Was aber bei Hessel, der 1933 wahrhaft prophetisch die »große Zeit« des Verlags »in d[ie] vierziger und fünfziger Jahre[] unseres Jahrhunderts« verlegte, eine nicht einmal als solche ernst gemeinte Parodie war, ist seitdem die Regel.95 1947 gaben »seine[] Freunde« Rowohlts Rotblonder Roman. Eine Story in Gedichten, Briefen, Fragmenten und Dokumenten. Aus dem Leben des Autorenvaters zusammengestellt zu seinem 60. Geburtstag heraus, in dem sich unter anderem ein Beitrag von Walther Kiaulehn findet, für den als Quellenangabe notiert ist: »Rowohlt-Omnibus, 40 Jahre Verlagsarbeit 1908–1948. Rowohlt, Stuttgart. 1948«. Der Text war also zumindest teilweise für die erste offizielle Verlagsgeschichte bestimmt, die jedoch nicht erschienen ist.96 1957 veranstaltete der Verlag einen Privatdruck mit den Erinnerungen Paul Mayers, »Ernst Rowohlt und seinen Freunden gewidmet«.97 Für den ersten Rowohlt-Almanach von 1962 steuerte Kurt Pinthus die Einleitung über »Ernst Rowohlt und sein[en] Verlag« bei, »der Rowohlt zur Zeit der Gründung seines Verlages als Freund nahe stand und sein Freund (und zeitweilig sein Berater) geblieben ist bis zu seinem Tode.«98 Pinthus’ Schwester bekräftigte, dass er in das Vorwort »seine ganze Liebe und Zuneigung, die er zu Väterchen und zum Verlag hat«, gelegt habe.99 Postum zum achtzigsten Geburtstag erschienen 1967 im Rowohlt Verlag zwei Biografien. Die eine, vom ehemaligen Lektor Paul Mayer bereits 1964 verfasst, wurde zunächst »[z]um 80. Geburtstag Ernst Rowohlts am 23. Juni 1967 gedruckt für seine Freunde und die Freunde seines Verlags« und erschien im Jahr darauf als 139. Band der Reihe rowohlts monographien.100 Die andere, mit dem bezeichnenden Titel Mein Freund der Verleger, stammte von Walther Kiaulehn, der 1960 eine Totenrede auf Rowohlt gehalten hatte. Mithin handelte es sich bei den Autoren nicht nur um Zeitzeugen, sondern explizit um gute Freunde, deren Blick – abgesehen von allerlei Rücksichten auf Verlag, Mitarbeiter, Familie und Zeitgenossen, womöglich auch auf die eigene Selbstdarstellung – notwendig befangen war. Das dürfte in diesem Fall besonders gelten, weil Dokumente, zumindest öffentlich verfügbare, nur in überaus geringem Umfang vorlagen und Einsprüche schon deshalb kaum zu erwarten waren. Trotzdem werden die Bücher von Mayer und Kiaulehn bis heute herangezogen, schlicht weil Alternativen fehlen. Mayers Monografie erschien 2008 geringfügig überarbeitet als »Neuausgabe«. Kiaulehns Buch wurde Anfang der achtziger Jahre in einer anderen Rowohlt-Publikation als »autorisierte[] Biographie« bezeichnet.101 Eine weitere »Quelle« zur Verlagsgeschichte, die noch die Chronik von 2008 stillschweigend benutzt, ist Ernst von Salomons Fragebogen – zwar ein autobiografischer, aber eben doch ein Roman, folgt man den öffentlichen und verlagsinternen Kategorisierungen.

Der Verlag selbst erstellte 1983 einen weiteren Rowohlt-Almanach »zum 75jährigen Jubiläum«, der eine »[k]leine Verlagsgeschichte« als Zeittafel enthält. Eine von den leitenden Verlagsangestellten Hans Georg Heepe und Horst Varrelmann geringfügig überarbeitete Fassung dieser Zeittafel erschien erneut 1998 zum 90. Verlagsjubiläum. Diese Fassung bildete die Grundlage für die eingangs zitierte bis 2008 über die Verlagshomepage zugängliche Darstellung. Eine »illustrierte Chronik« 50 Jahre rororo wurde mit verlagsgeschichtlich freilich eingeschränktem Fokus im Jahr 2000 erstellt.102 2008, zum hundertjährigen Jubiläum, publizierte der Verlag wiederum in Eigenregie die bereits mehrfach zitierte illustrierte Chronik, die eine beeindruckende Fülle neuer Materialien und diverse Korrekturen der bisherigen Verlagsüberlieferung bringt. Jedoch gehört auch dieses zum allergrößten Teil von Mitarbeitern des Verlags abgefasste Werk dem Genre Festschrift an und zielt deshalb auf die Mehrung des Prestiges, vulgo des symbolischen Kapitals. Problematisch ist auch, dass aufgrund fehlender Einzelnachweise dokumentarisch belegte Fakten von nur dem Hörensagen nach tradierten Berichten nicht unterschieden werden können. Die laut Verlagsleiter Alexander Fest als Ergänzung zur Chronik zu lesende Auswahlausgabe des Briefwechsels Hans Falladas mit dem Rowohlt Verlag genügt ebenfalls nur eingeschränkt wissenschaftlichen Standards.103 Fallada hatte Rowohlt nach dem Ersten Weltkrieg über Egmont Seyerlen, einen von Rowohlts besten Freunde überhaupt, kennen gelernt und 1920 seinen ersten Roman, Der junge Goedeschal, im Verlag veröffentlicht.104 Nach längerer Pause wurde der Kontakt 1928 wieder aufgenommen, und 1930 trat Fallada als »Verlagssklave« in der »Rezensionsabteilung« bei Rowohlt an. Nach seinen großen Erfolgen, vor allem mit Kleiner Mann – was nun? (1932), wurde Ledig-Rowohlt dort sein Nachfolger. Bis zu Falladas Tod 1946 war Ernst Rowohlt Verleger und Geschäftspartner, aber auch Freund und Ratgeber. Der intensive Briefverkehr – Fallada archivierte sorgfältig nicht nur die vom Verlag erhaltenen Schreiben, sondern auch die Durchschläge seiner eigenen – umfasst »2371 z. T. sehr ausführliche Briefe«.105 Die 2008 vorgelegte Auswahl zeichnet ein anschauliches Bild der Beziehung zwischen Autor und Verlag beziehungsweise Verleger. Als verlagsgeschichtliche Ergänzung taugt sie jedoch nur bedingt. Wird im editorischen Bericht angegeben: »Auslassungen in den Briefen […] betreffen zumeist parallel laufende Alltagsgeschäfte«, sind namentlich für die Zeit nach 1933 so gut wie alle Belege getilgt, in denen Rowohlt oder Ledig-Rowohlt von geschäftlichen Erfolgen berichteten. Auch interessante Dokumente zu Rowohlts Biografie, wie beispielsweise, dass er bereits unmittelbar nach Beginn des Zweiten Weltkriegs zurück nach Deutschland kommen wollte, werden nicht abgedruckt. Selbst dass Rowohlt 1941 aus Athen berichtete, er werde dort von seinen Wehrmachtskameraden stets nach Fallada gefragt, findet keine Aufnahme in den Band. An den in der vorliegenden Studie zitierten Originalbriefen aus dem Briefwechsel zwischen Fallada und Rowohlt lassen sich die Auslassungen nachvollziehen. Insgesamt gilt deshalb weiterhin, was Edda Ziegler 1990 feststellte: Alle »Publikationen über den Rowohlt Verlag […] sind in Diktion und Aussage […] geprägt vom anekdotisch-pointierten und damit zugleich stark selektiven und auch camouflierenden Darstellungs- und Selbstdarstellungsgestus des Verlagsgründers Ernst Rowohlt« und seines Sohns.106