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Als Kind wurde Kerrigan auf den Stufen des Hauses der Drachen ausgesetzt. Ihr Vater ist ein Fae-Prinz, und ihre Mutter war menschlich. Ihr Leben lang hat Kerrigan mit der Verachtung umgehen müssen, die in einer Welt herrscht, in der die Fae regieren und Menschen und Halb-Fae wenig Rechte haben. Doch eines Tages bekommt sie die Chance, einen Platz in der Hohen Gesellschaft zu erhalten. Denn gegen alle Regeln und Gepflogenheiten soll sie am Drachenturnier teilnehmen. Es werden fünf Drachen bereit sein, sich zu binden. So viele wie seit einhundert Jahren nicht mehr. Die Konkurrenz ist erbarmungslos. Und besonders hart kämpft der Prinz des grausamen Hauses der Schatten, um die jahrhundertelange Verbannung seines Hauses zu rächen ...
Absolut mitreißend und süchtig machend - Auftakt der epischen Fantasy-Reihe der New York Times-Bestsellerautorin
Band 1 der ROYAL HOUSES-Reihe
Besondere Ausstattung: Bucheinband mit Original-Covermotiv bedruckt, Schutzumschlag mit deutschem Covermotiv. Illustrationen für Landkarte und Stadtkarte. Lesebändchen.
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Seitenzahl: 612
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cover
Inhalt
Über das Buch
Titel
Widmung
Häuser
1. Kapitel Der Kampf
2. Kapitel Die Wastes
3. Kapitel Das Turnier
4. Kapitel Die Strafe
5. Kapitel Der dunkle Prinz
6. Kapitel Die Prüfung
7. Kapitel Die Genesung
8. Kapitel Das Fest
9. Kapitel Der Flug
10. Kapitel Die Zeremonie
11. Kapitel Das Angebot
12. Kapitel Die Verhaftung
13. Kapitel Der Schatten
14. Kapitel Die Erkenntnis
15. Kapitel Die Abmachung
16. Kapitel Der Auftrag
17. Kapitel Die erste Aufgabe
18. Kapitel Die Loge
19. Kapitel Der Unfall
20. Kapitel Das Begräbnis
21. Kapitel Die Morgendämmerung
22. Kapitel Die Enttäuschung
23. Kapitel Die Suche
24. Kapitel Die Auftragskillerin
25. Kapitel Das Messer
26. Kapitel Das Training
27. Kapitel Die heißen Quellen
28. Kapitel Der Tipp
29. Kapitel Die Waffenübergabe
30. Kapitel Die zweite Aufgabe
31. Kapitel Der Sturz
32. Kapitel Das Schwarze Haus
33. Kapitel Der König der Unterwelt
34. Kapitel Die Auflösung
35. Kapitel Das Waffentraining
36. Kapitel Das Künstlerviertel
37. Kapitel Der Süden
38. Kapitel Die Drohung
39. Kapitel Die Party
40. Kapitel Das Trio
41. Kapitel Die Vergangenheit
42. Kapitel Die Geiseln
43. Kapitel Der Gast
44. Kapitel Der große Kampf
45. Kapitel Die Rettung
46. Kapitel Die dritte Aufgabe
47. Kapitel Der Wald
48. Kapitel Der Rabenflug
49. Kapitel Der Albtraum
50. Kapitel Die Bindung
51. Kapitel Die Rückkehr
52. Kapitel Der Rauch
53. Kapitel Das Urteil
54. Kapitel Geistwirker
55. Kapitel Die Rote Maske
Bonus-Kapitel Fordham
Danksagungen
Über die Autorin
Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Inhaltsbeginn
Impressum
Als Kind wurde Kerrigan auf den Stufen des Hauses der Drachen ausgesetzt. Ihr Vater ist ein Fae-Prinz, und ihre Mutter war menschlich. Ihr Leben lang hat Kerrigan mit der Verachtung umgehen müssen, die in einer Welt herrscht, in der die Fae regieren und Menschen und Halb-Fae wenig Rechte haben. Doch eines Tages bekommt sie die Chance, einen Platz in der Hohen Gesellschaft zu erhalten. Denn gegen alle Regeln und Gepflogenheiten soll sie am Drachenturnier teilnehmen. Es werden fünf Drachen bereit sein, sich zu binden. So viele wie seit einhundert Jahren nicht mehr. Die Konkurrenz ist erbarmungslos. Und besonders hart kämpft der Prinz des grausamen Hauses der Schatten, um die jahrhundertelange Verbannung seines Hauses zu rächen …
Absolut mitreißend und süchtig machend – Auftakt der epischen Fantasy-Reihe der New York Times-Bestsellerautorin
Band 1 der ROYAL HOUSES-Reihe
K. A. LINDE
ROYAL HOUSES
HAUS DER DRACHEN
Roman
Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Barbara Röhl
Für alle, die je den Wunsch hatten, auf einem Drachen zu reiten
Die zwölf Häuser Alandrias teilen sich nach ihrer Haltung zum Gebrauch von Magie in vier Gruppen auf: Woodloch im bewaldeten Westen, Viland in den Hügeln des Ostens, Tosin in den Gebirgen des Nordens und Moran im felsigen Süden. Obwohl die zwölf Häuser autonom sind, herrscht die Hohe Gesellschaft über alle.
WOODLOCH
Magie als Machtinstrument
(Krieger, Waffen, Rüstungen)
Galanthea
Herasi
Venatrix
VILAND
Magie als Mittel zum Guten
(Heilmagie, Medizin, Kunst)
Bryonica
Concha
Ibarra
TOSIN
Praktische Magie
(Alltagsaufgaben, Bergbau, Reisen)
Erewa
Sayair
Zavala
MORAN
Grundsätzlich gegen Einsatz von Magie
(magische Artefakte)
Aude
Elsiande
Genoa
Innerhalb des Hauses Bryonica gibt es vier königliche Häuser:
Haus Stoirm
Haus Medallion
Haus Drame
Haus Cruse
Kerrigan verlor.
Aus einer Schnittwunde an ihrer Braue tropfte ihr Blut ins Auge. Sie tänzelte auf dem festgestampften Lehmboden leichtfüßig und kampflustig vor und zurück. Ihr Gesicht schützte sie mit den Händen. Viel hatte es ihr nicht genützt.
Ihre zierliche Gestalt stand in komplettem Gegensatz zu dem Kraftprotz vor ihr. Er war über zwei Meter groß und gebaut wie der Schenkel eines Drachen – massig und muskelbepackt. Obwohl er vor allem rohe Kraft statt Raffinesse ausstrahlte.
»Willst du den ganzen Tag da herumhüpfen, oder kämpfen wir?«, fragte Bruiser.
»Überlegt hatte ich mir das schon«, gab sie schnippisch zurück.
Er lachte barsch auf. »Na schön. Mach es mir ruhig einfach, Red.«
Bruiser machte einen Schritt nach vorn und setzte seine begrenzte Elementarmagie ein, um sich einen Vorteil zu verschaffen, als er auf sie zustürmte. Der Boden unter ihren Füßen erbebte, und sie verlagerte ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen, um aufrecht zu bleiben. Doch dann stand er vor ihr, und seine Augen gierten nach dem Sieg, bevor er überhaupt ihr Gesicht anvisiert hatte.
Sie blockte seinen Angriff mit dem Unterarm und hielt einem Druck stand, der ihre Knochen knirschen ließ. Seinem zweiten Hieb wich sie geschickt aus und setzte einen leichten Windhauch ein, um seine Faust aus dem Weg zu schieben. Sie hasste es, in der Defensive zu sein, aber sie hatte Bruiser noch nie im Kampf beobachtet. Normalerweise verwendete sie immer die ersten paar Minuten darauf, die Stärken und Schwächen ihres Gegners oder ihrer Gegnerin zu erkunden und die Situation einzuschätzen, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Doch leider brachte das in diesem Fall mit sich, einen riesigen Felsbrocken in den Bauch zu bekommen.
Sämtliche Luft wich aus Kerrigans Lungen, als sie rückwärts in die Seile geschleudert wurde. Sie sackte nach vorn, auf die Knie, hustete krampfhaft und spuckte Blut auf den Boden – ein Opfer an alle Götter, die ihr vielleicht zusahen.
Sie hob den Blick. Bruiser grinste höhnisch und reckte die Faust siegreich in die Höhe, der Menge entgegen, als hätte er die Runde schon gewonnen. Aufgeblasener, arroganter Bastard.
Entschlossen hievte sie sich wieder auf die Füße und trat den Felsbrocken, den er geworfen hatte, über den Rand des Rings. Ihr leuchtend rotes, unbändiges Haar hatte sich bei diesem Wurf aus ihrem Zopf gelöst, und wilde Locken fielen in ihr schmales Gesicht.
Wenigstens hielt ihr goldenes Stirnband noch. Sie hatte nicht vor, ihre kurzen, kaum zugespitzten Ohren zu enthüllen.
»Bist du noch dabei?«, stichelte Bruiser, während er in ihre Richtung schlenderte. Er setzte seinen magischen Schutzschild nicht einmal ein und bewegte keinen Krümel Erde. Der Mann war daran gewöhnt, seine Fäuste zu gebrauchen und damit durchzukommen. »Armes kleines Ding. Ich werde dich schlafen schicken müssen.«
»Wir werden sehen, ob dir das gelingt, Bruiser.«
Kerrigans Blickfeld verschwamm an den Rändern. Die Ausdünstungen der Wastes – dieser beklagenswerten unterirdisch angelegten Verbrechenshochburg, in der sie gerade kämpfte – waren jedenfalls nicht hilfreich. Der Drachenring befand sich auf der untersten Ebene und stank nach abgestandenem Ale, Blut und Erbrochenem. Sie war zwar lieber hier unten als auf fast allen anderen Ebenen darüber, aber Götter, dieser Geruch.
Umso schlimmer, dass ihr die Tränen in die Augen traten. Sie sah aus wie eine Anfängerin.
Ein leises Lächeln durchbrach ihre ängstliche Fassade.
Manchmal wirkte es sich zu ihrem Vorteil aus, wie eine Anfängerin zu wirken.
Kerrigan ließ die linke Hand vorschnellen und verwirbelte den Sand vom Boden zu einem dichten Zyklon. Sie schwang die Windhose in hohem Bogen und schleuderte sie dann in Richtung Bruiser.
Seine Augen weiteten sich schockiert, als er davonsprang, um dem Mahlstrom auszuweichen. Zu langsam. Der Sand riss ihn um und warf ihn halb durch den Ring. Er rollte sich über eine Schulter ab und kam in der Hocke auf. Aus seinen Knopfaugen taxierte er sie nun strategischer als zuvor, als er beiläufig versucht hatte, ihr das Gesicht einzuschlagen.
Kerrigan verlor absichtlich.
Nach fast einem Dutzend Kämpfen hatte sie gelernt, dass niemand ein allzu schnelles Ende eines Kampfs sehen wollte. Und niemand wollte ihn ohne Blutvergießen ausgehen sehen.
Das Einzige, was in diesen Hallen wichtiger war als Dozan Rook – Blut.
Blut war der wahre König der Wastes.
Bruiser rappelte sich wieder auf. Er schüttelte sich den Sand aus dem dunklen Haar und stürmte dann auf sie zu. Seine Füße knallten schwer auf den festgestampften Lehmboden. Verglichen mit seiner vierschrötigen Gestalt hätten Elefanten leichtfüßig gewirkt. Dennoch wartete Kerrigan, sie ließ die Hände an den Seiten herabhängen und machte sich bereit zuzuschlagen, wenn er näher kam.
Kerrigan hob die Hand, ließ sie dann in einer einzigen fließenden Bewegung scharf nach unten sausen und schlitzte Bruiser die Vorderseite seines Hemds auf. Dunkelrotes Blut quoll hervor und hob sich von dem stumpfen Beige des Stoffes ab. Bruiser kam ruckartig zum Stehen und starrte verwirrt auf die Schnittwunde hinunter.
Über ihnen erschallte Jubel.
Die laute, betrunkene Menge skandierte ihren Namen. »Red! Red! Red!«
»Ich werde dafür sorgen, dass du rot bist, wenn das zu Ende ist«, höhnte Bruiser. Er ließ seine Muskeln spielen.
Kerrigan hob erneut die Hände und bedeutete ihm, näher zu kommen.
Ein Stein traf ihren Hinterkopf. Keuchend sackte sie nach vorn und landete unsanft auf den Händen. Die Magie in ihren Adern geriet ins Wanken, als sie den Schmerz wegblinzelte. Sie konnte nicht richtig geradeaus sehen.
Das war nicht gut. Verdammte Drachenschuppen, tat das weh.
Kerrigan schlang ihre Magie um Bruisers Fußknöchel, ruckte hart und schnell und fällte ihn wie einen Baum.
Er stieß einen Zornesschrei aus. Gut. Endlich hatte der Kampf richtig begonnen.
Sie hörte ein Zischen, blickte gerade noch rechtzeitig auf, um dem Felsbrocken auszuweichen, der ihr den Hinterkopf zertrümmert hätte, und wälzte sich darunter hinweg. Noch ein Keuchen entrang sich ihrer Lunge. Das war zu knapp gewesen.
Als sie aufzustehen versuchte, krachte ihr noch ein Stein in den Rücken.
»Götter«, stöhnte sie, als sie wieder auf den harten Boden fiel.
Erneut wälzte sie sich herum und kam schnell auf die Füße. Ihr Rücken schmerzte.
Bruiser lächelte erneut, als hätte er schon gewonnen. Er reckte die Fäuste zum Himmel und stachelte die lärmende Menge an. Kerrigan griff wieder nach dem Luftelement und schlug heftig zu. Der erste Schnitt ging durch seinen Bizeps, der zweite schlitzte ihm den Oberschenkel auf. Der dritte sollte eigentlich seine Wange treffen, doch irgendwie wich er dem Wind aus.
Ihre Augen weiteten sich. Er hatte mit einem Luft-Fae trainiert? Erst recht nicht gut.
»Netter Trick«, sagte sie.
Bruiser schlängelte sich von ihr weg und warf ihr dann Staub direkt ins Gesicht. Instinktiv kniff sie die Augen zu und schrie empört auf. In den Wastes galten keine Regeln. Und schon gar nicht im Drachenring. Aber das war trotzdem unfair. Ein schmutziges, sehr schmutziges Spiel.
Schnell blinzelte sie ein paarmal hintereinander, und Tränen schossen ihr in die Augen, als der Sand darin rieb. Sie war so sehr auf ihre Augen konzentriert, dass sie den Stein nicht heranfliegen hörte, den Bruiser auf ihre Nase schleuderte. Etwas darin knackte, und sie schrie auf. Blut schoss ihr aus der Nase.
Sie warf ihrem Gegner einen Blick zu, der hätte töten können. Jetzt verlor sie nicht mehr absichtlich.
»Sag gute Nacht, Red«, grinste Bruiser.
Kerrigan hob eine Hand. Durch den Sand in ihren Augen sah sie kaum etwas, doch ihr Zorn trieb sie an. Sie ließ die Luft um Bruiser herum erstarren und hielt ihn fest, sodass er ohne ihre Erlaubnis nicht einmal blinzeln konnte. Wenn sie wollte, wenn sie die Kraft aufbrachte, könnte sie ihn auf der Stelle zermalmen.
Ihre Hand zitterte allein von der Anstrengung, ihn zu fixieren. Das zu tun, kostete sie eine immense Menge Kraft. Mehr als sie zu besitzen behauptet hatte, als sie diesen Kampf begann.
Sie musste ihn loslassen. Ihren Zorn zerstreuen und ihn freilassen. Wenn nicht, würde sie später dafür bezahlen.
»Fahr doch zurück in die Unterwelt, aus der du gekommen bist«, knurrte sie.
Im selben Moment, als sie ihre Magie zurücknahm, riss sie das Knie hoch und traf ihn mit einem befriedigenden, schmatzenden Geräusch genau zwischen die Beine. Er krümmte sich vor Schmerz. Sie fuhr zurück, richtete sich auf und schlug ihm ins Gesicht. Die Wucht ihres Schlags warf ihn rücklings zu Boden. Ihre Fingerknöchel waren aufgeplatzt, und sie konnte ihre zitternden Hände nicht ruhig halten.
Doch das hier durfte nur auf eine Art enden: mit ihrem Sieg.
Sie stieg über Bruisers Körper hinweg und trat ihn gegen die Schläfe. Ein perfekt platzierter Tritt, der ihn ausschaltete, aber nicht tötete.
Die Menge tobte. Jubelrufe, Geschrei und kleine Wurfgeschosse gingen von oben auf sie nieder und verstreuten sich über den Drachenring, während ein Mann hastig in den Ring humpelte und ihren Arm in die Höhe riss.
»Der Sieg geht an Red!«
Nachdem die Fanfare ertönt war, stolperte Kerrigan aus dem Kampfring ins Hinterzimmer, wo üblicherweise ein kleiner, frettchenhafter Mann wartete, um ihr das Preisgeld zu geben.
Dieser Mann war nicht da.
An seiner Stelle stand der Besitzer und Betreiber der Wastes und König der Unterwelt in der Stadt Kinkadia – Dozan Rook.
»Dozan«, stieß Kerrigan mit zusammengebissenen Zähnen hervor.
Sie konnte kaum aufrecht stehen. Ihre Nase schmerzte von diesem letzten Treffer. Sie war definitiv gebrochen. Ihr Rücken wurde wahrscheinlich schon grün und blau. Trotzdem richtete sie sich auf und reckte das Kinn. Sie würde nie zulassen, dass er ihr das ansah.
»Red«, empfing Dozan sie mit dem für ihn typischen frechen Grinsen.
»Wie kann ich dir behilflich sein?«, fragte sie betont munter.
»Du kannst dieses alberne Stirnband abnehmen. Hier unten brauchst du dich vor niemandem zu verstecken.«
Kerrigan runzelte die Stirn und zog das goldene Band herunter, sodass ihre nur leicht spitz zulaufenden Ohren zum Vorschein kamen. Die Ohren, die verrieten, was sie wirklich war – halb Fae, halb Mensch.
Reinblütige Fae hatten sehr spitz zulaufende Ohren. Und in Kinkadia war es das einzig Richtige, reinblütig zu sein.
Oben, in der Stadt Kinkadia, wurden Halb-Fae wegen ihrer Abstammung verfolgt. Die Hoch-Fae und ein großer Teil der herrschenden Klasse sahen auf sie herab. Viele glaubten, Halb-Fae dürften nicht einmal existieren, besonders, wenn sie auch nur einen Hauch von Magie besaßen. Sie hatte sich daran gewöhnt, ihre wahre Identität zu verbergen. Wenn Menschen und Halb-Fae auf den Straßen Prügel bezogen, tat man besser daran, unerkannt zu bleiben.
Das war einer der Gründe, aus denen sie sich in den Wastes so wohlfühlte. Niemanden in diesem Sündenpfuhl scherte es, ob jemand Mensch, Halb-Fae oder Fae war. Sie waren alle zu high, betrunken oder pleite. Im Gegensatz zu der Welt oben, wo sie verspottet wurde, weil sie weniger wert war, hatten die Wastes sie immer nur als eine der ihren akzeptiert. Hier kämpfte sie, hier schloss sie Freundschaften, und trotz ihrer Vergangenheit mit Dozan hielt er an dieser Stätte des Lasters schützend die Hand über sie.
»Hast du mein Preisgeld?«, fragte Kerrigan.
»Allerdings.«
Dozan fuhr mit der Hand in seinen maßgeschneiderten schwarzen Anzug. Der figurbetonte Schnitt unterstrich seinen muskulösen Körperbau. Zu seinem weißen Hemd trug er eine schwarze Weste und ein ebensolches Jackett, komplettiert durch ein Halstuch im typischen Rot der Wastes. Mit geschickter Hand zog er einen schweren roten Samtbeutel mit Goldmünzen hervor – ganz der waghalsige Taschendieb, der er gewesen war, bevor er den kriminellen Untergrund übernommen hatte.
»Hier.« Er legte ihr den Beutel in die Hand. Sein Inhalt bestand aus weit mehr als der zugesagten Summe. Dozans beinahe goldene Augen glitzerten herausfordernd, als warte er auf ihren Einwand, das sei zu viel Geld.
Sie tat nichts dergleichen, sondern steckte den Beutel weg und ignorierte die Art, wie er mit einer Hand durch sein kupferfarbenes Haar fuhr, das im Licht eher rot als braun wirkte. Ganz anders als ihres. Obwohl sie natürlich nie zugegeben hätte, darauf zu achten.
»Du solltest in Betracht ziehen, bedeutendere Kämpfe zu bestreiten«, meinte Dozan. »Und mehr als ein magisches Element einzusetzen.«
Es war zu ihrer eigenen Sicherheit, im Drachenring nur ein Element einzusetzen. Sie tat es, um sich nicht zur Zielscheibe zu machen. Halb-Fae und Menschen waren für ihre schwachen magischen Kräfte bekannt, doch das galt nicht für sie. Sie hatte Zugriff auf alle vier Elemente, aber das Letzte, was sie wollte, war, dass andere von ihren magischen Fähigkeiten erfuhren.
»Ich weiß das Angebot zu schätzen, aber die Antwort ist Nein.«
»Ich könnte dafür sorgen, dass es sich für dich lohnt«, erklärte er mit weicher Stimme. Seine goldfarbenen Augen glühten im Licht.
Sie schluckte, um seinem ärgerlichen Charme zu widerstehen.
»Glaube ich dir gern«, gab Kerrigan trocken zurück. »Trotzdem nein.«
Er trat auf sie zu; so nahe, dass ihr Atem sich mischte. Sie wich keinen Millimeter zur Seite und reckte ihr Kinn auf genau die herausfordernde Art, die er so an ihr begehrte. Dozan tat das nur, um sie aus der Fassung zu bringen, und sie weigerte sich, auf seine Spielchen einzugehen. Sie war nicht mehr das junge Mädchen, das ihm vor fünf Jahren vor die Füße gefallen war. Dieses Mädchen würde sie nie wieder sein.
»Wir könnten auch mit deinen anderen Kräften trainieren, weißt du«, flüsterte er, den Mund praktisch an ihren Lippen.
Kerrigan kniff die Augen zusammen. »Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.«
»Hattest du in letzter Zeit keinen Traum, Prinzessin?«
Sie musste sich so stark beherrschen, dass sie am ganzen Körper zitterte. Es juckte sie in ihren aufgeplatzten Knöcheln, sie ihm in sein süffisantes Grinsen zu rammen. »Ich bin keine Prinzessin.«
»Komm schon, Ker«, hauchte er und kürzte ihren Namen zärtlich ab. »Ich finde deine Kräfte faszinierend.«
»Bloß, weil du mir vor fünf Jahren das Leben gerettet hast, bin ich dir noch lange nichts schuldig«, zischte sie.
Langsam ließ Dozan den Blick über ihr Gesicht schweifen, als warte er darauf, dass sie es sich anders überlegte. Aber das würde sie niemals. In den vergangenen fünf Jahren hatte sie zweimal Visionen von zukünftigen Ereignissen gehabt. Sie hatte noch nie gehört, dass in ganz Alandria jemand eine solche Gabe besessen hätte. Und das wusste sie nur zu genau, denn um sicherzugehen, hatte sie die gesamte Bibliothek durchkämmt. Nur in Kinderbüchern war von solch einem Talent die Rede, und in jedem dieser Märchen wurde das arme Kind wegen seiner prophetischen Gabe gejagt und getötet. Sie war nicht dumm genug, um zu glauben, dass es ihr in der Realität anders ergehen würde.
Aber Dozan war in jener unseligen Nacht bei ihr gewesen und hatte sie das nie vergessen lassen.
»Na schön.« Dozan zog eine Schulter hoch und verfiel wieder in seine übermäßig arrogante Art. »Was fängst du mit deinem Gewinn an?«
»Das Gleiche wie immer.«
»Alles wieder für Drinks bei mir ausgeben?«
»Nicht die schlechteste Art, den Abend zu verbringen.«
»Aber auch nicht die beste«, gab er zurück und schlang aufreizend lächelnd eine Locke ihres leuchtend roten Haars um seine Finger. Dann verschwand er über die Treppe nach oben.
Dozan war ein Problem.
Jedenfalls wurde er definitiv zu einem.
Es passte ihm nicht, wenn seine Marionetten sich nicht so verhielten, wie er es ihnen befahl. Und sie weigerte sich, sein Besitz zu sein oder zu tun, was man ihr sagte. Ein Problem, das sich ihm selten stellte.
Vor fünf Jahren hatte er ihr das Leben gerettet und alles über ihre Magie und Visionen erfahren. Damals war sie jung und verliebt gewesen. Das war, bevor er die Wastes übernommen hatte, vor allem. Dann, vor einem Jahr, hatte sie noch eine Vision gehabt und war wieder hier gelandet. Er hatte ihr Zugang zu den Kämpfen verschafft, damit sie sich abreagieren konnte. Sie wäre ihm ja dankbar gewesen, wenn ihre Beziehung dadurch nicht noch komplizierter geworden wäre. Wenn er inzwischen nicht überzeugt davon wäre, dass sie ihm etwas schuldete.
Kerrigan seufzte schwer, steckte ihr Preisgeld ein und ging in ihre Ecke. Sie hockte sich hin, öffnete ihre Tasche und zog saubere Sachen hervor. Hastig zog sie ihre Kampfkleidung aus und streifte weite Hosen und ein Wams über, das an der Taille festgeschnürt war.
Dozans Worten zum Trotz zog sie sich das Stirnband wieder über die Ohren und flocht sich das Haar neu. Sie hatte sich zu sehr daran gewöhnt, ihre leicht gerundeten, verräterischen Halb-Fae-Ohren zu verstecken. In dem halb blinden Glasspiegel warf sie einen Blick auf ihr bleiches Gesicht. Sie kniff sich in die Wangen, um ein wenig Farbe zurück in ihre Haut zu bringen, doch viel richtete sie nicht aus. Ihre Sommersprossen hoben sich scharf von ihrer hellen Haut ab. Der Schnitt an ihrer Augenbraue blutete nicht mehr, aber sie konnte nicht verbergen, dass sie in einem Kampf gewesen war.
Was soll’s. Da war nichts zu machen.
Sie verließ den Ring und lief eilig die Treppe hinauf. Die Wastes waren in einen tiefen Schacht hineingebaut. Der Drachenring befand sich auf der untersten Ebene, und auf ihrem Weg zur Oberfläche passierte sie die Zuschauerplätze des Kampfrings, die Ebene mit den von Loch berauschten Süchtigen, durchquerte die Bordelle, in denen Parfüm dicht wie Nebel hing, und erreichte die Etage, auf der die Glücksspiele stattfanden.
Suchend ließ sie die leuchtend grünen Augen durch den raucherfüllten Raum schweifen, in dem an langen Tischreihen Karten- und Würfelspiele im Gang waren. Gäste, die unbedingt reich werden wollten, verspielten zum Spaß ihre letzten Münzen. Die Spielhalle der Wastes war immer voll, doch heute Abend schaffte Kerrigan es kaum, sich durch die dichte Meute zu drängen. Mit einer Hand hielt sie ihr Preisgeld umklammert und schlängelte sich schließlich weit genug durchs Gedränge, um zu ihrem Ziel vorzudringen. Sie blieb vor einem dicht besetzten Kartentisch stehen, an dem ein beliebtes Spiel stattfand: Drachenpoker.
Die Kartengeberin trug die typische Uniform der Wastes bestehend aus einem roten Hemd, schwarzer Weste und ebensolchen Hosen. Ihr schwarzes, streng auf Kinnhöhe abgeschnittenes Haar umrahmte ihr Gesicht und betonte ihre braune Haut und die großen dunkelbraunen Augen. Ihre Hände flogen nur so über den Tisch und verteilten grün-goldene Karten.
Zweimal tippte sie mit den Fingern und wartete darauf, dass jemand seine Karten zeigte. Doch sie verzog die kirschroten Lippen auf eine Art, die den Spielenden bedeutete, dass sie schon verloren hatten.
»Ah, Pech gehabt«, erklärte sie, und ihr Lächeln schlug zu einem Stirnrunzeln um. »Mehr Glück beim nächsten Mal.« Sie nahm dem Mann, der vor ihr saß, die grün und golden gestalteten Karten ab und wies auf den nächsten.
»Krähen und Drachenschuppen.« Er hielt ihr die flache Hand entgegen.
Der nächste tat es ihm gleich, und sie zog weiter Karten, gab Karten aus und lächelte über das Pech der Spielenden.
Denn alle Verluste fielen sofort ans Haus zurück. Direkt an Dozan. Und Clover.
Clover sah hoch, während sie die Karten routiniert mischte. Als sie Kerrigan erblickte, leuchteten ihre Augen auf. »Hast du gewonnen?«
Kerrigan nickte und konnte ein triumphierendes Grinsen nicht unterdrücken.
»Na schön, ihr habt gehört, was die Lady gesagt hat. Ich gebe noch einmal, und dann gehe ich in die Pause.«
Die Menge stöhnte, während die Karten wie durch Zauberei aus Clovers Händen flogen. Was erstaunlich war, da sie nicht die geringsten magischen Kräfte besaß. Clover war vollständig menschlich. Kein Funken Magie floss in ihren Adern. Das schützte sie zwar nicht vor dem Hass der Fae, doch wenigstens brauchte sie sich keine Sorgen zu machen, sie könnte ihre Magie der falschen Person offenbaren.
Bei dieser Runde gewann der halbe Tisch, und überall kam Jubel auf. Ein paar der Gäste steckten Clover ein dickes Trinkgeld zu; darunter ein Mann, der ihr betont zuzwinkerte. Clover schob die Karten zusammen, gab dem Aufseher ein Zeichen und eilte dann zu Kerrigan.
»Red!« Clover umarmte Kerrigan und zog sie an ihren hochgewachsenen, muskulösen Körper.
»Geht’s dir auch gut, Clover?«
Clovers braune Haut wirkte jetzt weniger blass, aber ihre großen dunklen Augen waren blutunterlaufen und rot gerändert.
Mit einer Handbewegung tat sie die Frage ab und kramte in ihrer Tasche nach einer mit Loch versetzten Zigarette.
Als Kerrigan Clover damals, vor einem Jahr, kennenlernte, hatte sie diese Angewohnheit abstoßend gefunden. Loch war eine Droge, die süchtig machte, und Clover rauchte zu regelmäßig, um nicht besessen davon zu sein. Doch dann hatte Clover einmal ihre Zigaretten vergessen und war am ganzen Körper von Schmerz geschüttelt worden. Nachdem sie diese verheerenden Entzugserscheinungen miterlebt hatte, sah Kerrigan das Rauchen in einem ganz neuen Licht.
Als Clover den ersten Zug tat, löste sich alles an ihr. »Und, wie ist es gelaufen? Du siehst beschissen aus.«
»Na, besten Dank«, gab Kerrigan sarkastisch zurück. Sie klopfte mit der Hand auf den Beutel, den Dozan ihr gegeben hatte.
»Heilige Drachenschuppen«, rief Clover und riss Kerrigan den Beutel aus der Hand. Sie schob einen Ärmel ihres roten Hemds hoch und wog die Börse in der Hand. »Wem hast du das abgeknöpft?«
»Dozan hat mir einen Besuch abgestattet.«
Clover verdrehte die Augen und bedeutete Kerrigan, ihr zu der Bar auf der anderen Seite des Raums zu folgen. »Natürlich. Er steht dermaßen auf dich. Du solltest einfach nachgeben.«
Kerrigan verdrehte die Augen. »Nein danke. Dozan betrachtet andere gern als sein Eigentum, und ich lasse mich nicht besitzen.«
»Ich würde mich von ihm besitzen lassen«, meinte Clover. Im Vorbeigehen ließ sie ihre Kippe in einen Drink fallen. Sie sah schon viel besser aus. Ihre Haut wirkte lebendiger und ihre Augen irgendwie noch größer. Als hätte der Rauch ihr neues Leben eingehaucht.
»Das tut er schon. Du arbeitest als Kartengeberin in seiner illegalen Spielhölle.«
»Na ja, ich meinte körperlich, Kerrigan.«
»Red«, murmelte sie. Niemand hier durfte wissen, wer Kerrigan war. »Bitte.«
»Stimmt ja, Red. Tut mir leid. Aber zurück zu Dozan …«
»Nicht.«
»Du bist zu verkrampft.«
»Sagst du mir ständig.«
Clover verdrehte die Augen. »Und, was willst du mit deinem Preisgeld anfangen?«
Kerrigan zuckte die Achseln. »Dich betrunken machen?«
»Betrink dich mit mir«, sagte Clover und zog die Augenbrauen hoch.
»Du weißt, dass ich zurück in den Berg muss. Das Turnier fängt morgen an.«
Clover seufzte und zog noch eine Zigarette hervor. »Na schön.«
Kerrigan kramte ein paar Münzen aus dem Geldbeutel und warf sie vor Clover auf die Theke. »Wir sehen uns morgen. Ich besorge dir einen Platz.«
»Ein Hoch auf die Drachen«, sagte Clover und zwinkerte.
Kerrigan ließ sie mit ihrem Loch und einem verwässerten Bier an der Bar stehen. Sie ging noch eine Ebene höher und trat dann auf die Straßen von Kinkadia hinaus. Genussvoll sog sie die saubere Luft aus dem Tal ein und sah zum Himmel auf, um die glitzernden Sterne am Nachthimmel zu betrachten. Vor dem Mond zog ein Drache vorbei und verdeckte ihn kurz. Das Fliegen fehlte ihr. Götter, sie vermisste es wirklich sehr.
Über das Kopfsteinpflaster stapfte sie durch die Slums der Stadt Kinkadia. Diese altvertrauten Pfade waren als der schlimmste Teil der Stadt berüchtigt. Vor allem Menschen und Halb-Fae lebten hier auf der Nordseite des Tals, in dem die Stadt lag, im Elend. Das Tal war auf drei Seiten von einer beeindruckend großen Bergkette und einem kurvenreichen Fluss umgeben, der diagonal an der Grenze im Süden entlang verlief.
Sie hätte ohne Umwege in ihr Zuhause im Drachenberg zurückkehren sollen, doch heute Abend war ihr nicht danach zumute. Der Berg war in den letzten zwölf Jahren ihr Heim gewesen, seit sie ohne eine Nachricht oder irgendwelche Besitztümer an seinem Fuß ausgesetzt worden war. Sie erinnerte sich zwar an genug aus der Zeit, bevor der Berg sie verschluckt hatte, doch sie hasste solche Abende wie heute, wenn alles wieder in ihr hochkam.
Zum Beispiel ihr grausamer Vater, der sie zurückgelassen hatte, um sich der Verantwortung zu entledigen, eine Halb-Fae großzuziehen. Ihr Vater – Lord Kivrin Argon, ein Playboy aus einem Königshaus der Hoch-Fae, der ihr Leben gleichermaßen gerettet als auch zerstört hatte.
Und sie hasste ihn für beides.
Ihr hämmerte das Herz in der Brust, als sie schneller durch die dunklen, feuchten Straßen ging und ihre bevorzugte Abkürzung einschlug. Hinter sich hörte sie ein Geräusch und blieb abrupt stehen. Da stimmte etwas nicht.
Dann sauste ein Stein auf ihr Gesicht zu. Keuchend wich Kerrigan dem Geschoss aus. Adrenalin flutete ihre steifen Muskeln und hauchte ihrer schwindenden Magie neue Kraft ein.
Verdammte Drachenschuppen, was war hier los?
Eine Gestalt trat in die Mitte der Gasse – Bruiser.
»Hallo, Red.«
»Du schon wieder«, brummte sie. »Hattest du beim ersten Mal nicht genug Spaß?«
Bruiser hatte sich herausgeputzt. Er trug ein strahlend weißes, geknöpftes Hemd und eine schicke, von Goldfäden durchzogene schwarze Jacke. Sie wäre nie darauf gekommen, dass er sich das leisten könnte. Schließlich kämpfte er im Drachenring.
Doch nachdem ihre Sinne jetzt geschärft waren, nahm sie ihn als das wahr, was er war: eine Ablenkung. Das hier war ein Hinterhalt. Drei weitere Männer schlichen aus den Schatten heran.
»Im Ring konntest du mich nicht schlagen, Bruiser, also hast du Freunde mitgebracht?« Kerrigan legte eine Hand aufs Herz. »Ich fühle mich geschmeichelt.«
»Halt den Mund, Leatha«, zischte Bruiser.
Bei dem Wort erstarrte Kerrigan. Sie zuckte nicht zusammen, denn sie würde sich niemals dabei ertappen lassen, vor dem Wort zurückzuschrecken. Doch Zorn – tief verwurzelte Wut – durchlief sie und erweckte eine Quelle von Magie in ihrem tiefsten Inneren.
»Wie originell«, bemerkte sie trocken, jeder Humor war aus ihrer Stimme gewichen.
Leatha war ein Wort aus dem uralten Hoch-Fae, einer toten Sprache, die nur noch in ein paar Hundert Büchern im Berg erhalten geblieben war. Technisch bedeutete es Halb-Fae oder manchmal, großzügig ausgelegt, Kobold. Doch das war nicht der übliche Sprachgebrauch. Das hatte Bruiser nicht gemeint, als er sie mit diesem abscheulichen Wort bezeichnet hatte.
In diesem Kontext bedeutete es halbblütige Hure oder Schlampe.
Kein Wort, das man in guter Gesellschaft gebrauchte.
»Ich kann nicht zulassen, dass eine Leatha glaubt, sie könne mich besiegen«, knurrte er.
Um diesen Kampf hatte sie eigentlich nicht gebeten. Aber mit denen, die ihr aufgedrängt wurden, rechnete sie selten. Jetzt gerade wäre es der größte Genuss der Welt gewesen, in ihr Bett zu kriechen, das gegenüber dem ihrer Mitbewohnerin stand, und nie wieder an diesen Moment zu denken.
Aber nein, sie konnte niemandem erlauben, sie so zu nennen. Sie hatte nicht einmal eine Ahnung, wie er herausgefunden hatte, dass sie eine Halb-Fae war, doch er würde sie trotzdem umbringen. Das sah sie in seinen Knopfaugen. Er wollte sie lieber tot sehen, als sich von jemandem ihrer Art besiegen zu lassen. Sie kannte diesen Typ. Er gehörte zu diesen rassistischen Mistkerlen, die Leute auf den Straßen beschimpften, weil sie es konnten. Weil die Fae alle Macht hatten.
Doch heute würde sich das anders abspielen. Bruiser hatte sie kämpfen sehen und dachte, er lasse sich auf einen Kampf ein, den er gewinnen konnte. Er hatte keine Ahnung, womit er es zu tun hatte.
Kerrigan beschwor die Magie aus ihrem Inneren herauf und entfesselte sie dann.
Zuerst nahm sie sich die Handlanger vor. Einen schleuderte sie mit einer Luftwelle gegen die Mauer hinter ihm. Sie hob die linke Hand und bog sie zu einer Klaue. Aus den Steinen rund um die Beine des zweiten Mannes erhob sich der Boden und hielt ihn fest. Der dritte, der sich hinter ihr befand, stürzte auf sie zu. Sie schnippte mit den Fingern und setzte ihn in Brand.
Mit zornblitzenden Augen trat sie auf Bruiser zu. Doch er wirkte nicht eingeschüchtert. Er hätte verängstigt aussehen sollen.
Er streckte eine Hand in ihre Richtung. Mit seiner massiven Faust umklammerte er einen Stein.
Sie erstarrte, wo sie stand, und konnte sich nicht rühren. Ganz anders als im Ring, als sie Bruiser mit ihrer Luftmagie festgehalten hatte. Das hier war etwas anderes. Als wären ihre Füße am Kopfsteinpflaster festgeklebt.
Ruckartig hob sie den Kopf, um ihm in die Augen zu sehen. Wie machte er das?
Tief tauchte sie in ihre Magie ein, die sich in ein wankendes, stotterndes Häufchen Elend verwandelt hatte. Sie spürte, dass sie ihre letzten Reserven mobilisierte. Allein ihr emotionaler Schmerz hatte sie in die Lage versetzt, zusätzliche Kraft aus diesen Tiefen zu fördern, doch jetzt brauchte sie mehr davon.
»Du kriegst, was du verdienst, Leatha«, sagte er leise und trat auf sie zu, bis er direkt vor ihr stand.
Aufgebracht starrte sie ihn an und brach mit dem letzten Rest ihrer Magie den unbekannten Zauber, den er über sie geworfen hatte.
Erschrocken und alarmiert quollen seine Augen vor. »Wie?«, stotterte er.
Kerrigan hatte gerade noch genug Kraft, um seine Hand wegzustoßen. Der Stein, den er so fest umklammert hatte, fiel zu Boden und zerschellte in eine Million Splitter. Bruiser drehte sich um und flüchtete.
Kerrigan lachte. Am liebsten hätte sie die Verfolgung aufgenommen. Sie wollte ihn leiden sehen, weil er sie mit diesem dreckigen Namen beschimpft hatte. Doch sie war ausgepumpt. Die Magie in ihrem Körper war ein leeres Gefäß. Wenn das so weiterging, war sie sich nicht sicher, ob sie es zurück in die Wastes schaffen würde. Sie stolperte eine halbe Straße weiter und brach dann auf dem Steinboden zusammen.
»Götter«, murmelte sie.
Ihr Herz hämmerte. Alles tat ihr weh.
»Nein, nein, nein«, flüsterte sie.
Es passierte. Sie wusste, warum sie so schwach war. Warum es sich anfühlte, als rinne ihre ganze Kraft aus ihr heraus.
Eine neue Vision stand kurz bevor.
In den letzten Jahren hatte sie nur zwei gehabt. Bei beiden Gelegenheiten war sie anschließend zu nichts mehr zu gebrauchen gewesen. Die Visionen wirkten wie eine Saugpumpe. In der einen Minute war sie noch voller Energie, und in der nächsten beanspruchten die Visionen alle Kraft für sich. Und sie hatte keine Kontrolle darüber. Keine Möglichkeit, sie aufzuhalten.
Sie stieß einen heiseren Schrei aus und betete zu jedem Gott, der bereit war, sie anzuhören, dass jemand sie finden würde. Dass Bruiser nicht zurückkommen und in ihrem geschwächten Zustand über sie herfallen würde.
Dann verließ sie ihre Sehkraft, und stattdessen zog ein Gewirr von Bildern vor ihrem inneren Auge vorbei. Die Arena bis zum letzten Sitz gefüllt mit Publikum, das schreiend den Beginn des Turniers forderte. Schwarzer Rauch und Finsternis. Eine schwarz gekleidete Gestalt. Sie konnte nicht erkennen, wie die Person aussah, wer sie war. Ein Mädchen, das am Himmel schwebte. In der Falle. Schreiend. Eine große Menge vor einem Gebäude. Sprechchöre und Geschrei gingen von der Menge aus wie von einem Mob. Eine Gestalt in einem schwarzen Umhang trat vor, die Züge hinter einer roten Maske verborgen. Chaos.
»Nein«, stieß sie hervor und kam wieder zu sich.
Ihre Augen waren glasig, und das, was sie gesehen hatte, raste immer wieder durch ihren Kopf.
Ihre erste Version damals war so klar gewesen, und die zweite hatte wenigstens Sinn ergeben. Aber das hier? Was sollte das sein? Und wieso erweckte es in ihr den Drang, sich über das Kopfsteinpflaster zu erbrechen?
Wieder konnte sie nichts mehr sehen. In ihren Ohren klingelte es. Sie hatte das Gefühl, sie würde hier sterben.
Dann durchdrang eine vertraute Stimme die Misstöne in ihrem Kopf. »Da bist du ja.«
»Dozan?«
Dozan beugte sich über sie. »Red, wie viele Finger halte ich hoch?«
»Sechs?«, murmelte sie. »Moment mal …«
Er sagte nichts weiter, sondern hob sie nur mühelos hoch. Sie legte den Kopf an seine Brust und ignorierte alle Gründe, aus denen das eine schlechte, eine ganz schlechte Idee war. Doch ihr Blickfeld hatte schwarze Ränder. Sie hatte nur noch Minuten.
»Du solltest nicht allein durch die Slums laufen, nachdem du Basem Nix gedemütigt hast.«
Sie riss die Augen auf und kämpfte gegen die Ohnmacht an. »Das war Basem Nix?«, krächzte sie verzweifelt. Kein Wunder, dass er diese Jacke getragen hatte.
Basem hatte als Handlanger in den Slums angefangen und von dem neuen Handel mit dem Süden profitiert, um sich aus dem Elend hochzuarbeiten. Heute war er ein bedeutender Kaufmann und hatte Furcht einflößende, mächtige Freunde. Niemand, dem sie freiwillig begegnen würde. Und erst recht niemand, mit dem sie es sich verderben wollte.
»Warum sollte ich gegen Basem kämpfen?«
»Das war ein Test, Red. Den du bestanden hast.«
Schweigend trug Dozan sie über die Hintertreppen der Wastes zurück und legte sie auf Clovers freien Strohsack.
Kerrigan verlor schon das Bewusstsein, bevor ihr Kopf überhaupt das Kissen berührte. Sonst hätte sie jemanden darum gebeten, sie zu dem Turnier morgen zu wecken.
Jemand rüttelte sie wach.
Kerrigan stöhnte. »Nur noch eine Minute.«
»Hast du den Verstand verloren, Kerrigan?«
Sie riss die Augen auf und stellte fest, dass ein hochgewachsener junger Mann mit kurzem blauem Haar auf sie hinuntersah. »Hadrian?«
»Ja, du Idiotin. Was machst du noch in den Wastes?«, verlangte er zu wissen. »Du hättest schon vor Stunden in der Arena sein sollen.«
Sie schoss aus dem Bett, und ihr Herz raste, als hätte sie einen Überschlag auf dem Rücken eines Drachen vollführt. Sie rieb sich die Augen, und ihr wurde klar, wo sie sich befand. In Clovers Zimmer. Ihrem Zimmer in den Wastes. Oh Götter!
»Das Turnier!«, keuchte sie.
»Ja! Du bist gestern Abend nicht nach Hause gekommen. Wir haben uns alle Sorgen gemacht. Ich habe den Kürzeren gezogen und musste herkommen, um dich zu holen.«
»Geht’s auch leiser?«, schimpfte Clover auf dem Strohsack neben Kerrigan.
»Steh auf, Clover! Heute ist das Turnier.«
»Verdammte Drachenschuppen«, stieß Clover hervor und drehte sich mit aufgerissenen Augen um. »Sind wir spät dran?«
»Spät?«, fragte Hadrian und lachte steif. »Wir können von Glück reden, wenn wir es zurück zum Berg schaffen, bevor es anfängt. Und jetzt steht auf. Lasst uns gehen.«
Mit dieser Information setzten sich Clover und Kerrigan blitzschnell in Bewegung, warfen frische Sachen über und stolperten aus dem Zimmer.
Götter, wie hatte das passieren können? Kerrigan war nicht besonders pünktlich, aber so etwas Wichtiges wollte sie auf keinen Fall verpassen. Dann fielen ihr die Ereignisse von gestern Abend wieder ein – der Kampf, das Preisgeld, Basem Nix.
Sie zuckte zusammen. Sie hatte gegen Basem Nix gekämpft. Verflixte Drachenschuppen. Das war nicht gut. Sie war Basem zuvor noch nie begegnet, aber natürlich kannte sie seinen Namen, und er hallte noch immer in ihren Ohren wider. Er war reinblütiger Fae und hatte Geld und so viele Verbindungen, dass sie davor erzitterte. Sie hoffte, ihn nie wiederzusehen.
»Hier entlang«, rief Clover, packte Hadrian an der Schulter und stieß ihn auf eine weitere Treppe zu.
Kerrigan folgte ihnen dichtauf. Sie stürzten aus einem Seitenausgang, der in die Slums führte. Alle waren ein wenig atemlos von ihrer Kletterpartie.
»Du wirst so viel Ärger kriegen«, erklärte Hadrian, als sie sich durch die belebten Straßen auf den Weg machten.
»Ich weiß. Erinnere mich nicht daran«, murrte Kerrigan.
»Leichtsinnig warst du ja schon immer, aber das übertrifft alles«, meinte er.
»Hey, lass sie in Ruhe, hübsches Kerlchen«, schaltete sich Clover ein.
Er warf ihr einen vernichtenden Blick zu. »Musst du dich wirklich einmischen?«
Sie sah auf ihre Uniform für die Wastes hinunter, die sie ohne nachzudenken angezogen hatte, und zuckte dann grinsend die Achseln. »Es passt dir nicht.«
»Lass es«, fauchte Kerrigan Hadrian an. »Ich bin zu müde, um mir euer Gezänk anzuhören.«
Kinkadia war in sechs große Bezirke aufgeteilt. Der größte, der technisch gesehen Glenwood hieß, aber allgemein als Slums bekannt war, lag im Nordwesten. Das Zentrum platzte aus den Nähten vor lauter Märkten, Handelnden, Gasthäusern und Tavernen, vor allem durch all die Touristen, die zum Turnier in die Stadt gekommen waren. Row im Osten war mit seinen breiten Straßen, gepflegten Parks und prächtigen Villen der Aristokratie der Fae vorbehalten und der edelste, wohlhabendste Teil der Stadt. Riverfront, der Stadtteil, in dem die Neureichen lebten, lag im Südwesten, und das Künstlerviertel befand sich im Südosten.
Über all dem ragte der Drachenberg hoch auf. Er beherbergte die Hohe Gesellschaft, einen Zusammenschluss talentierter Drachenreiter und gleichzeitig offizielle Regierung des Landes, sowie Kerrigans Zuhause – das Haus der Drachen.
»Es sollte mich nicht mehr überraschen, dass du keinen Wert darauf legst, Drachenschülerin zu sein«, nörgelte Hadrian.
»Es ist mir nicht gleichgültig«, fauchte Kerrigan zurück.
»Drachenschüler zu sein, ist ja bloß die größte Ehre unseres Lebens.«
»Ich kenne das Gerede. Das Haus der Drachen ist ein Elite-Trainingsprogramm für Fae.«
Sie berührte ihre Ohren. Fae. Nicht Halb-Fae. Doch anscheinend hatte niemand ihrem königlichen Vater widersprochen, als er sie am Fuße des Drachenbergs zurückließ.
»Es ist mehr als das. Es ist unsere Pflicht, bei der Aufzucht der Drachen zu helfen, etwas aus unserem Leben zu machen und eines Tages in die Welt zurückzukehren, um einen Beitrag zu leisten, Kerrigan. Und du vergeudest das alles.«
Clover verdrehte die Augen. »Sie hat das Programm schließlich nicht abgebrochen.«
»Das kann sie auch nicht«, erklärte Hadrian, als sie endlich den Platz in der Mitte des zentralen Bezirks passierten und sich nach Süden, in Richtung Arena, wandten. »Das ist gar nicht möglich.«
»Ich steige sowieso nicht aus. Ich habe einfach nicht auf die Zeit geachtet. Ich weiß, wie wichtig das Drachenturnier ist.«
So war es auch. Es war das bedeutendste Ereignis in ganz Alandria. Alle fünf Jahre kamen die zwölf Häuser zusammen und präsentierten Bewerber für das Turnier. Aus jedem Haus wurde ein Teilnehmer ausgewählt, um bei drei Aufgaben anzutreten. Zu gewinnen gab es nicht nur einen Drachen, sondern einen Platz in der Hohen Gesellschaft – und damit in der herrschenden Klasse. Dieses Jahr waren fünf Drachen zu haben; so viele wie seit fast hundert Jahren nicht mehr. Das würde ein denkwürdiges Schauspiel werden.
Hadrian schaute verärgert drein. »Du benimmst dich aber nicht so.«
»Tja, hm …«
Clover boxte Hadrian gegen den Arm. »Sie hatte einen schweren Abend.«
»Das hier ist zu wichtig.« Er zerrte an Kerrigan, bis sie stehen blieb. Sie sah in seine honigfarbenen Augen und betrachtete seine goldbraune Haut. Sah den Jungen, der all die Jahre zu ihr gestanden hatte. »Du weiß doch noch, was vor fünf Jahren passiert ist. Eine Außenseiterin, eine menschliche Frau, hat an dem Turnier teilgenommen. Sie hat einen Drachen gewonnen und ist dann fortgegangen. Sie hat das ganze System zu Fall gebracht. Dieses Jahr muss alles reibungslos ablaufen, sonst haben wir wieder Unruhen in den Straßen.«
»Ich weiß«, flüsterte Kerrigan.
Sie hörte die Sorge in Hadrians Stimme. Und sie erinnerte sich noch genau, wie es vor fünf Jahren gewesen war. Sie war in diese Aufstände hineingeraten und beinahe dabei umgekommen.
»Gehen wir jetzt zur Arena, oder was?«, fragte Clover keuchend.
»Ja«, antworteten Hadrian und Kerrigan wie aus einem Munde.
Endlich tauchten sie aus der dicht bevölkerten Gasse auf und erreichten den Eingang der Arena, die im Schatten des Bergs lag. Schnaufend sah sie zu dem riesigen Bauwerk auf. Sie waren spät dran. Schrecklich spät.
Hadrian ging vor zu der Loge, die für das Haus der Drachen reserviert war. Er öffnete die Tür, schaute sich einmal nach Mistress Moran um, der Hüterin und Wärterin aller Drachenschüler, und als er niemanden sah, führte er die beiden hinein.
In der Dunkelheit ging eine Gestalt nervös auf und ab. Als die Tür geöffnet wurde, zuckte sie zusammen, und ihre schwarzen Augen wurden so groß wie Untertassen. »Kerrigan!«, rief sie entzückt aus und schlang die Arme um ihre Zimmergenossin.
»Darby«, sagte Kerrigan lachend.
Darby kicherte schüchtern und ließ sie los. »Hadrian hat die Lage gerettet, wie immer. Wo war sie?«
Hadrian verdrehte die Augen und zeigte dann auf Clover, die hinter Kerrigan stand. Clover hatte die Hände in die Taschen ihrer schwarzen Hosen gesteckt und trug immer noch das rote Hemd und die schwarze Weste, die davon zeugten, dass sie für Dozan arbeitete.
»Hi, Clover«, sagte Darby und zog das Kinn an die Brust, als sie ihren langjährigen Schwarm erblickte.
»Hey, Darby.« Clover zwinkerte ihr zu.
»Wenn Mistress Moran sie in dieser Aufmachung sieht …«, seufzte Hadrian und drückte die Finger an die Schläfen. »Ich hätte dir befehlen sollen, dich umzuziehen.«
»Hey, das stört mich kein bisschen, Süßer«, erwiderte Clover und nahm eine defensive Haltung gegenüber Hadrian ein.
Ganz gleich, wie oft die beiden sich begegneten, er brachte sie immer in Rage.
»Ich habe etwas Frisches zum Anziehen mitgebracht«, warf Darby hastig ein. Sie durchwühlte ihre Tasche und zog ein Kleid hervor. Achselzuckend sah sie Kerrigan an. »Das war eigentlich für dich.«
»Perfekt«, rief Kerrigan aus und griff nach dem Kleid, um es Clover zu geben.
»Also, perfekt würde ich nicht sagen«, brummelte Hadrian.
Kerrigan schlang einen Arm um Darby, während Clover sich umziehen ging.
»Haben wir etwas verpasst?«, erkundigte sich Kerrigan.
»Bloß ein paar Ansprachen. Wir sollten uns beeilen, um die Vorstellung der Drachen nicht zu verpassen.«
Kerrigan hatte viele Gründe, dieser Welt zu misstrauen, doch Darby und Hadrian gehörten auf keinen Fall dazu. Gemeinsam waren sie ihr Fels in der Brandung. Hadrian war der geradlinige, praktische Typ, der immer seufzte, wenn sie sich in Gefahr begab. Und Darby, ihre perfekt frisierte und manikürte Heilerin, die nie vor dem Anblick von Blut zurückschreckte und gleichzeitig gern eine Lady an einem königlichen Hof sein wollte.
Darby war wahrhaftig in jedem Punkt das Gegenteil von Kerrigan. Weich und geschmeidig, mit schwarzer Haut statt muskelhart, gestählt und mit Sommersprossen übersät. Langes, glattes schwarzes Haar und unendlich tiefe schwarze Augen, wohingegen Kerrigan unordentliche Locken und so grüne Augen besaß, dass sie es mit den Smaragden aufnehmen konnten, die im Norden abgebaut wurden. Darby sprach leise, war immer höflich und die Beste ihres Jahrgangs in allem, was mit Tanz, Etikette und Anstand zu tun hatte.
»Lass mal sehen, was ich mit deinem Haar anstellen kann«, sagte Darby und setzte Kerrigan auf einen Stuhl.
»Und meiner Nase«, murmelte Kerrigan. »Ich glaube, sie ist gebrochen.«
Darby seufzte. »Das wird aber wehtun.«
»Mach einfach.«
Sie drückte mit den Fingern auf Kerrigans Nase. In dem stillen Raum war ein Knacken zu hören. Kerrigan biss sich auf die Lippe, um nicht aufzuschreien. Es schmerzte genau wie in dem Moment, als sie sich die Nase gebrochen hatte.
»Ich wünschte, ich wüsste meine Heilmagie besser zu nutzen«, beklagte Darby.
»Du hast doch schon so viel erreicht. Wenigstens bleibt meine Nase nicht schief.«
Darby lachte, während sie versuchte, Kerrigans Locken in den Griff zu bekommen. »Das ist wahrscheinlich ein Vorteil.«
Clover trat in einem beigefarbenen Tunika-Kleid aus dem Schatten. Ein schwarzer Gürtel schmiegte sich eng um ihre schmale Taille und betonte so ihre üppige Figur. Die Front des Kleides zierte eine lange, matte Goldkette.
Kerrigan spürte mehr, als sie hörte, wie Darby bei Clovers Anblick der Atem stockte. Sie drückte die Hand ihrer Freundin.
Darby hatte Kerrigan schon vor Jahren anvertraut, dass sie Frauen mochte. Doch Kerrigan hatte nie miterlebt, dass Darby für jemand Bestimmtes schwärmte, bis sie vor einem Jahr begonnen hatten, sich regelmäßig mit Clover zu treffen.
»Ich sehe wie eine Idiotin aus«, erklärte Clover und brach das Schweigen. Sie zupfte an dem Kleid.
»Du siehst großartig aus«, beruhigte Kerrigan sie.
In diesem Moment stieg im Stadion Jubel auf. Sie schraken zusammen und rannten zum Sammelplatz, wo der Rest der Drachenschüler am Rande der Arena wartete. Unter Einsatz seiner Ellbogen drängte Hadrian sich nach vorn durch, und alle sahen auf die mit Sand bestreute Arena hinaus.
Die Arena bestand aus einem lang gestreckten Oval und in Stufen aufsteigenden Tribünen, die sich unendlich in die Höhe zu erstrecken schienen. Abgesehen von der Loge des Hauses der Drachen auf der unteren Ebene befanden sich hoch oben, über dem gesamten Stadion, eine Reihe Logen, aus denen der Zeremonienmeister und die reiche Aristokratie die Spiele verfolgen konnten.
»Was ist los?«, fragte Darby neben Kerrigan.
Und dann bekamen sie ihre Antwort. Ein Drache schoss ins Stadion herunter, und ein neuer Aufschrei durchlief die Menge.
»Avirix«, flüsterte Hadrian.
Das Haus der Drachen half in allererster Linie dabei, die jungen Drachen aufzuziehen. Die Drachenschüler kannten jeden einzelnen Drachen beim Namen. Im Lauf der Jahre hatten sie sich alle an gewisse Drachen angeschlossen. Das Schwerste daran, das Haus der Drachen zu verlassen, war die Trennung von den Drachen.
Kerrigan hätte Avirix überall an seinen leuchtenden Schuppen erkannt, die grün wie Meeresgischt waren. Er war der größte Drache unter den fünf, die dieses Jahr am Turnier teilnahmen, aber er glich sein Furcht einflößendes Auftreten durch seine unerschütterliche gute Laune aus.
Nachdem Avirix davongeflogen war, erhob sich ein leuchtend rotes Juwel über der Arena. Netta war eine gewandte Fliegerin; einer der Gründe, aus denen Kerrigan sie so liebte. Sie waren schon lange befreundet, da sie die gleiche abenteuerlustige Persönlichkeit hatten.
»Oh!«, keuchte Clover auf, als Tieran als Nächster in der Arena auftauchte.
Er war der schönste von allen. Seine Schuppen schimmerten mitternachtsblau und glitzerten im Licht. Obwohl er einer der kleinsten Drachen war, konnte er jedes Manöver ausführen. Leider war er auch ein totaler Angeber.
Als Luxor mit seinen saphirblauen Schuppen und seiner muskulösen Gestalt in die Arena hinausschoss, streckte Darby die Hand aus. Luxor gehörte zu Darbys Lieblingen, obwohl er immer noch kein Verständnis für Sarkasmus oder Redewendungen hatte.
Doch es war Evien, bei der sich Kerrigan vorbeugte, als sie mit ihren majestätischen violetten Schuppen in die Arena segelte. Genau wie Kerrigan liebte Evien das Fliegen mehr als alles andere. Sie pflegten sich gemeinsam davonzuschleichen und in den Himmel aufzusteigen. Der Schmerz darüber, das nicht mehr lange tun zu können, traf sie von Neuem.
Nachdem die Drachen sich präsentiert hatten, war es Zeit für die zwölf Häuser, ihre potenziellen Kandidaten für das Turnier vorzustellen. Alle, die über zwanzig Jahre alt waren, konnten sich für das Turnier bewerben, solange sie von einem der Häuser gesponsert wurden. Nachdem die Kandidaten vorgestellt worden waren, würden alle getestet werden, doch am Ende würde jedes Haus nur eine Person ins Turnier schicken.
Die Vertreter der zwölf Häuser marschierten in die Arena ein, angeführt von der sie unterstützenden Hohen Gesellschaft in ihren langen, fließenden schwarzen Roben. Alle trugen ein Banner in ihren Hausfarben, auf die das Wappen in Schwarz aufgestickt war. Wenn ein Haus angekündigt wurde, stieg in der Menge Jubel von den Zuschauenden auf, die aus der jeweiligen Region stammten. Doch erst, als die vier blausilbernen Banner der königlichen Dynastien von Bryonica von ihren selbstbewussten Trägern im Stadion präsentiert wurden, schien das ganze Oval auf einmal zu explodieren.
Kerrigan betrachtete ihre Gesichter und fragte sich, ob sie sie in einem anderen Leben gekannt hätte, eine von ihnen gewesen wäre. Sie biss die Zähne zusammen und wandte den Blick ab. Darauf kam es jetzt kaum noch an.
»Schau dir diesen Pomp an«, murmelte Clover angewidert. »Hundert potenzielle Kandidaten? Absurd.«
»Ist vollkommen logisch«, meinte Darby. Ihre Stimme klang ernst.
»Es lässt sie verzweifelt wirken«, konterte Clover. »Zwanzig bis fünfzig Bewerber reichen doch aus, um garantiert einen Meisterkämpfer zu finden. Hundert sind lächerlich.«
»Reine Machtdemonstration.«
»Von einem Kriegerhaus würde ich das erwarten. Aber Bryonica? Sie sind Heiler. Das ist unter ihrer Würde.«
Kerrigan blendete ihren Streit aus. Ihre Aufmerksamkeit wurde auf etwas gezogen, was niemand sonst bemerkt hatte, nachdem jetzt alle zwölf Häuser versammelt waren. In der Mitte der Arena stieg aus dem Nichts heraus strudelnder schwarzer Rauch auf.
Schwarzer Rauch. Alles in ihr zog sich zusammen, als sich eine Erinnerung aus ihrer Vision von gestern Abend in ihre Gedanken schob.
»Götter, seht ihr das?«, flüsterte Kerrigan.
Ruckartig drehten Clover, Darby und Hadrian die Köpfe, und nun bemerkten auch sie, was in der Arena geschah.
Hadrian berührte Kerrigan an der Schulter. »Hast du so was schon mal erlebt?«
»Nein«, log sie. Sie hatte es schon einmal gesehen, aber sie hatte keine Ahnung, was es bedeutete. Ihre Visionen waren nicht klar. Sie verrieten ihr nichts über zukünftige Ereignisse, sondern lieferten ihr nur flüchtige Eindrücke und verschwommene Bilder. Wenn das hier nun Wirklichkeit war, was zur Hölle war das andere gewesen, was die Vision ihr gezeigt hatte?
»Ich dachte, sie hätten dieses Jahr zusätzliches Sicherheitspersonal eingestellt«, meinte Clover.
»Haben sie auch«, bestätigte Darby.
Kerrigan runzelte die Stirn. Der Rauch verdichtete sich und nahm in der Mitte beinahe feste Formen an. Zwar hatte sie das in ihrer Vision schon gesehen, doch es war etwas vollkommen anderes, es in der Realität vor sich zu haben. Wie war das überhaupt möglich? Rund um die Arena hielten Hunderte von Absperrungen jeden davon ab, auf das Gelände vorzudringen. Eigentlich dürfte ohne die Genehmigung der Hohen Gesellschaft niemand hier hereinkommen können.
Das Publikum wurde unruhig und übertönte den Zeremonienmeister, der versuchte, für Ruhe in der Arena zu sorgen. Mitglieder der Gesellschaft, die sich ebenfalls in der Arena befanden, bewaffneten sich mit ihrer Magie und traten vor, um ihre Kandidaten zu schützen. Kerrigan erkannte, dass sie die Schutzzauber auf dem Gelände verstärkten. Und immer noch wirbelte diese schwarze Wolke weiter.
Dann verschwand der Rauch, und mitten in der Arena stand ein von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleideter Mann. Er war groß – unwahrscheinlich groß –, seine langen, schlanken Beine steckten in eng anliegenden schwarzen Hosen. Dazu trug er eine modische Jacke mit einem hochgeschlossenen schwarzen Hemd, das kaum etwas von der blassen, beinahe durchscheinenden Haut an seinem Hals erkennen ließ. Er fuhr mit einer Hand durch sein nachtschwarzes Haar, ließ dann gelassen den Blick über die Menge schweifen. Seine Augen waren die pure Sünde.
Kerrigan schluckte, als er zu ihrer Loge sah. Götter, er strahlte eine düstere Energie aus. Und dennoch war er die schönste Person, die sie je im Leben gesehen hatte.
»Was soll das alles bedeuten?«, verlangte der Zeremonienmeister, der seine Stimme wiedergefunden hatte, zu wissen.
Der Mann neigte den Kopf leicht zur Seite und lächelte mit einem Anflug von Boshaftigkeit. »Mein Name ist Fordham Ollivier, Prinz und Erbe des Hauses der Schatten. Und ich bin gekommen, um am Drachenturnier teilzunehmen und mir zurückzuholen, was mir einst gestohlen wurde.«
Götter«, hauchte Kerrigan.
Sie rieb sich die Augen mit den Handballen. Das konnte nicht wieder passieren. Es durfte einfach nicht. Sie wollte nicht in die Zukunft sehen. Sie wollte nicht wissen, dass Dinge, die sie in ihren merkwürdigen Träumen und Visionen gesehen hatte, wahr werden würden. Und sie hatte keine Ahnung, was jetzt geschehen würde.
Keine ihrer Visionen hatte jemals Regenbögen und Sonnenschein vorhergesagt. Normalerweise bedeuteten sie Pech für Kerrigan selbst und den Tod für eine Menge Leute.
»Alles gut bei dir, Ker?«, fragte Hadrian auf seine ruhige, verlässliche Art.
Manchmal war Hadrian der Einzige, der sie wirklich verstand. Obwohl sie sich stritten und sie ihn mit ihren Eskapaden wahnsinnig machte, war er immer da, wenn sie ihn brauchte. Ganz gleich, wobei.
Langsam nahm sie die Hände von den Augen. »Das ist ein Albtraum.«
»Sie werden das schon in Ordnung bringen«, meinte er zuversichtlich.
Das würden sie. Natürlich. Aber es verhieß Unheil.
Als das letzte Mal jemand gegen den Wunsch der Hohen Gesellschaft am Drachenturnier teilgenommen hatte, waren bei den Protesten Tausende ums Leben gekommen. Kerrigan hatte diesen Prinzen in ihrer Vision gesehen, daher vermutete sie, dass sein Auftauchen nun eine ähnliche Katastrophe ankündigte.
Clover zog eine scharf nachgezogene Augenbraue hoch. »Kopfschmerzen?«
Kerrigan nickte. »Nachdem die Zeremonie jetzt vorbei ist, sollten wir dich wahrscheinlich hier hinausschaffen. Ich will nicht, dass Moran dich hier findet.«
»Ich möchte mir den dunklen Prinzen noch ein wenig anschauen«, sagte Clover augenzwinkernd. »Er ist ein ganz netter Anblick.«
Hadrian verdrehte die Augen. »Kannst du denn an nichts anderes denken?«
»Natürlich«, gab Clover zurück. »Ich bewundere auch die Frauen. Sieh dir doch die diesjährige Oberste Kriegerin aus Galanthea an, Darby. Es ist wirklich heiß, wenn sie sich in ihre vergoldete Rüstung wirft.«
Darby hustete in ihre Hand und warf Kerrigan einen panikerfüllten Blick zu.
»Komm schon, Clove.«
»Hey, Kerrigan«, ließ sich hinter ihr eine Stimme hören. »Alles in Ordnung?«
Sie seufzte leise, drehte sich um und stellte fest, dass Lyam sich in der Nähe herumdrückte. Lyam hatte früher zusammen mit Darby und Hadrian zu ihrem engsten Kreis gehört. Jahrelang waren sie eng befreundet gewesen. Er war sogar der Erste, mit dem sie je geflogen war. Und er hatte noch größere rebellische Neigungen als sie. Lyam wollte den Himmel für sich allein, und dafür würde er alles tun.
Doch letztes Jahr hatte sich alles verändert. Er schlich auf Zehenspitzen um sie herum. Er gab all seine rebellischen Aktionen auf. Und er machte sich ständig Sorgen um sie. Folgte ihr in die Wastes und versuchte, sie zum Berg zurückzuschleppen. Das Ganze war schon peinlich genug, ohne dass er ihr seine Liebe gestand.
»Alles ist wunderbar, Lyam«, erklärte Kerrigan.
»Du bist gestern Abend nicht nach Hause gekommen. Ich habe dich gesucht.«
Sie atmete betont langsam durch die Nase. »Das war nicht notwendig.«
»Du siehst aus, als hättest du wieder gekämpft.« Er streckte die Hand aus, um die Stelle an ihrer Augenbraue zu berühren, aber sie wich zurück, und er ließ sie sinken. Seine Wangen liefen rosig an.
Götter, sie wünschte, sie könnte in die Zeit zurückkehren, als diese Verlegenheit noch nicht zwischen ihnen geherrscht hatte. Als er nur der andere Draufgänger in ihrem Quartett gewesen war.
»Lyam! Kerrigan!«, schrie Mistress Moran.
Beide reagierten sofort. Diesen Ton hatten sie von der Hüterin des Hauses der Drachen schon zu oft gehört.
»Ja, Mistress Moran«, antwortete Lyam.
»Warum überrascht es mich nicht, dass ihr beide in Schwierigkeiten seid?«
Lyam warf Kerrigan einen Blick zu und lächelte leise. Es war dieser Blick. Sie musste ein Lachen unterdrücken. Das war der Lyam, mit dem sie aufgewachsen war. Der, mit dem sie immer in Schwierigkeiten geraten war. Mit dem sie sich jedem Sturm gestellt hätte.
»Ihr beide folgt mir zum Berg«, erklärte Mistress Moran entnervt. Dann wandte sie sich an Hadrian, dessen Verschwinden, um Kerrigan zu holen, sie heute Morgen offensichtlich nicht bemerkt hatte. »Hadrian, mein Lieber, würdest du alle zu ihren Nachmittagspflichten zusammenrufen?«
»Selbstverständlich«, gab er zurück, immer die Wohlanständigkeit in Person.
Er trieb den Rest der Drachenschüler zusammen. Kerrigan fiel auf, dass Clover an Mistress Moran vorbei hinaushuschte. Sie hatte eine Begabung dafür, im richtigen Moment zu verschwinden.
Mistress Moran marschierte zum Berg zurück. Sie trug die fließenden schwarzen Roben der Hohen Gesellschaft und leitete die Ausbildung im Haus der Drachen, solange alle denken konnten. Feine Linien hatten sich in ihr Gesicht gezeichnet, und ihr Haar war tatsächlich von einigen Silberfäden durchzogen. Für eine Fae war das praktisch noch nie da gewesen.
Kerrigan und Lyam hatten im Lauf der Jahre viel Spaß dabei gehabt, Wege zu finden, ihr noch mehr Falten und graue Haare zu bereiten. Woran Mistress Moran sie ständig erinnerte.
Grinsend betrat Kerrigan den Berg, der ihr Zuhause war. Sie konnte sich durch das Labyrinth der Gänge schlängeln und bis in alle Deckenbalken im Drachenhorst hinaufklettern. Nur wenige hier akzeptierten ein Mädchen, das nur zur Hälfte Fae war, aber trotzdem fühlte sie sich hier mehr zu Hause als irgendwo sonst.
Mistress Moran schleppte die beiden mit in ihr Büro. »Ihr wart letzte Nacht beide nicht in euren Betten. Ich verlange eine Erklärung.«
Kerrigan presste die Lippen fest aufeinander. Keine Erklärung würde Moran zufriedenstellen. Ein Kampf im Drachenring in den Wastes? Sie könnte ihr ebenso gut erzählen, sie habe den Verstand verloren. Das würde Moran ihr eher abnehmen.
»Es war meine Schuld«, meldete sich Lyam zu Wort.
Kerrigan zog die Augenbrauen hoch. Seit wann hielt Lyam den Kopf für sie hin?
»Erklärung, Lyam.«
»Ich habe mich gestern Abend hinausgeschlichen, um zu einer Turnierparty zu gehen«, erklärte er. »Kerrigan hat versucht, mich aufzuhalten, weil wir heute Morgen so früh hier sein mussten. Schlussendlich ist sie mitgekommen, um mich im Auge zu behalten. Aber es gab dort Zauberpunsch.«
Mistress Moran presste die Lippen zusammen.
»Unsere Sinne waren verwirrt, aber es war meine Schuld, nicht die von Ker.«
Wovon im Namen der Götter redete er?
»Wie großherzig«, bemerkte Mistress Moran trocken. »Unglaublich angesichts dessen, wie oft ihr zwei in Schwierigkeiten geratet. Aber trotzdem großzügig von dir, die Schuld auf dich zu nehmen.«
Bei ihren Worten zuckte Lyam zusammen.
»Kerrigan?«, fragte Moran.
Kerrigan kniff die Lippen zusammen. Sie hatte buchstäblich keine Ausrede.
»Nun gut. Ihr mistet beide bis zur Drachenschüler-Zeremonie bei den Drachen aus. Eine Woche, und dass mir keine Klagen kommen«, erklärte Moran barsch.
Lyam und Kerrigan stöhnten wie aus einem Munde.
»Aber Mistress Moran …«, begann Lyam.
Moran hob eine Hand. »Ich will es nicht hören.«
An der Tür hinter ihnen klopfte es, und eine kleine Gestalt spähte in den Raum. Sie mochte zwar winzig sein, doch sie war ganz Anmut und Autorität, eine Anführerin der Hohen Gesellschaft und die Preisrichterin des letzten Drachenturniers. Außerdem gehörte sie zu Kerrigans engsten Verbündeten im Berg – Helly.
»Mistress Hellina«, rief Moran und sprang auf, »wie kann ich Euch behilflich sein?«
»Helly reicht vollkommen, meine Liebe«, sagte Helly freundlich lächelnd. Ihr Blick huschte zu Kerrigan. »Ich muss Euch Kerrigan entführen, wenn es Euch nichts ausmacht.«
»Selbstverständlich«, gab Moran ehrerbietig zurück. »Geh mit Helly, Kerrigan, aber denk an deine Pflichten.«
»Ja, Mistress Moran.«
Hastig verließ Kerrigan Morans Büro, und Helly und sie machten sich zielstrebig auf den Weg durch den Berg.
Helly warf ihr einen Blick zu. »Wisch dir dieses Grinsen vom Gesicht, Liebes. Ich weiß alles über deine unbesonnenen Taten. Einen großen Teil davon hast du Moran verschwiegen, aber ich weiß, dass du dich wieder in dieser heidnischen Lasterhöhle herumgetrieben hast. Ich weiß, dass du in einem Kampf angetreten bist. Ich weiß, dass du eine von Dozan Rooks Spioninnen in die Loge des Hauses der Drachen eingeschleust hast.«
Kerrigan ließ die Schultern sinken. »Clover ist keine Spionin. Sie ist meine Freundin.«
»Ich glaube nicht, dass du den Unterschied kennst.«
