Rückkehr - Anne B. Ragde - E-Book

Rückkehr E-Book

Anne B. Ragde

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Beschreibung

Das fulminante Finale der erfolgreichen "Lügenhaus"-Bestsellerserie

Am Meer, in der Nähe der Stadt Trondheim in Norwegen steht ein alter Bauernhof, der ein großes Geheimnis birgt. Die bewegende Geschichte dreier Generationen von Schweinezüchtern begann in der Mitte des 20. Jahrhunderts mit einer Liebe, die nicht sein durfte und einer folgenreichen Lüge, die die Familie Neshov fast zugrunde richtete. Erst Torunn, der Enkelin, gelang es, die Familie zu versöhnen.

Jetzt, im letzten Teil der Bestseller-Serie, beginnt Torunn, den verfallenen Hof wieder wohnlich zu machen. Und sie findet ihre Berufung in dem Bestattungsunternehmen ihres Onkels Margido. Doch ganz ihr persönliches Glück hat auch sie noch nicht gefunden. Zu sehr, so scheint es, hängt auch sie noch an den Geistern der Vergangenheit. Das ändert sich, als ein vermeintlich Fremder auf dem Hof auftaucht.

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Seitenzahl: 448

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Zum Buch

Am Meer, in der Nähe der Stadt Trondheim in Norwegen, steht ein alter Bauernhof, der ein großes Geheimnis birgt. Die bewegende Geschichte dreier Generationen von Schweinezüchtern begann in der Mitte des 20. Jahrhunderts mit einer Liebe, die nicht sein durfte, und einer folgenreichen Lüge, die die Familie Neshov fast zugrunde richtete. Erst Torunn, der Enkelin, gelang es, die Familie zu versöhnen. Jetzt, im letzten Teil der Bestseller-Serie, beginnt Torunn, den verfallenen Hof wieder wohnlich zu machen. Und sie findet ihre Berufung in dem Bestattungsunternehmen ihres Onkels Margido. Doch ihr ganz persönliches Glück hat auch sie noch nicht gefunden. Zu sehr, so scheint es, hängt auch sie noch an den Geistern der Vergangenheit. Das ändert sich, als ein vermeintlich Fremder auf dem Hof auftaucht.

Zur Autorin

Anne B. Ragde wurde 1957 im westnorwegischen Hardanger geboren. Sie ist eine der beliebtesten und erfolgreichsten Autorinnen Norwegens und wurde mehrfach ausgezeichnet. Mit ihren Romanen »Das Lügenhaus«, »Einsiedlerkrebse« und »Hitzewelle« gelang ihr einer der größten norwegischen Bucherfolge aller Zeiten. Nachdem Anne B. Ragde zunächst angekündigt hatte, die Lügenhaus-Serie nicht weiterzuschreiben, erscheint nach »Sonntags in Trondheim« und »Die Liebhaber« mit »Rückkehr« das große Finale der auch in Deutschland gefeierten Buchserie.

Anne B. Ragde

Rückkehr

Roman

Aus dem Norwegischenvon Gabriele Haefs

Die norwegische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel »Datteren« bei Forlaget Oktober AS, Oslo.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Deutsche Erstveröffentlichung November 2022,btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Copyright © der Originalausgabe 2017 by Forlaget Oktober AS, Oslo

Published by Agreement with Oslo Literary Agency

Covergestaltung: semper smile, München

Covermotiv: © plainpicture/BY

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

SL · Herstellung: sc

ISBN 978-3-641-26471-0V002www.btb-verlag.de

www.facebook.com/btbverlag

Ich brauche einen Wimpel, haben Sie so was?«, fragte Torunn.

Sie stand vor einer altmodischen Glastheke in einem Laden namens Schiffs- & Fischereyausstatter. Hier war sie noch nie gewesen, hatte aber nur wenige Meter von der Ladentreppe entfernt einen Parkplatz für ihren Ford Transit gefunden. Das war wie ein Lottogewinn, tagsüber war die Suche nach einem Parkplatz in der Fjordgate meist ein hoffnungsloses Unterfangen, besser man nahm ein Fahrrad oder einen Bus.

Ein langer Audi war gerade aus der Lücke herausgefahren, als sie sich zögerlich und hoffnungsvoll Ausschau haltend näherte, während sich hinter ihr bereits ein genervter Stau bildete. Jetzt stand der Transit direkt vor der Tür, mit einem Parkschein für 15 Minuten unter dem Scheibenwischer und mit Anna im Hundekäfig auf der Beifahrerseite. Nach Margidos Tod hatte Torunn für einen kurzen Moment mit dem Gedanken gespielt, ihren eigenen Ford Transit zu verkaufen und Margidos Transit zu übernehmen, aber Peder Bovim hatte ihr diese Idee ausgeredet.

Margidos Ford Transit war mit allem ausgestattet, was sie für ihre Einsätze brauchten, bei denen sie ohnehin zu zweit sein mussten. In ihrem eigenen Transit hatte sie extra den Beifahrersitz ausbauen und stattdessen einen Hundekäfig anbringen lassen, sie fuhren einsitzig, sie und die Huskydame Anna. Denn den Hund musste Torunn überall und jederzeit mitnehmen können, so unpraktisch, wie die Arbeitszeiten einer Bestatterin bisweilen waren. Deshalb war Margidos Transit in den kleinen Fuhrpark der Firma überführt worden, da hatte Peder Bovim praktisch und vernünftig gedacht. Margidos Chevrolet Caprice hatten sie im Unternehmen natürlich auch behalten, einen standesgemäßen Leichenwagen, alt, aber in ungewöhnlich gutem Zustand.

Sie hatte etwas im Krankenhaus in Ila zu erledigen gehabt, eine Packung Einmalschürzen zurückbringen, die sie sich dort ausgeliehen hatte. Und dachte dann, nun würde sie eben noch Zeit finden, um einen Wimpel zu kaufen. Sie hatte zunächst im Internet gesucht, war schon drauf und dran, online zu kaufen, aber die Frage, wie lang der Wimpel im Verhältnis zur Fahnenstange sein musste, verwirrte sie total, und sie hatte die Bestellung vor dem Zahlvorgang abgebrochen. Danach hatte sie Wimpel gegoogelt und war auf diesen Laden gestoßen.

»Haben Sie einen? Einen Wimpel?«, fragte sie.

»Natürlich«, sagte der Verkäufer. »Für ein Boot, oder?«

»Nein, für eine Fahnenstange. Ach so, Sie haben wahrscheinlich nur Wimpel für Boote, das hätte mir eigentlich der Name Ihres Ladens sagen müssen.«

»Nicht doch, wir haben Wimpel aller Art, wie lang soll er denn sein? Er muss ja im richtigen Verhältnis zur Höhe der Fahnenstange stehen, geht es um eine Hütte? Oder um ein Einfamilienhaus?«

»Einen Bauernhof.«

»Bauernhof, verstehe. Und Sie wissen nicht zufällig die genaue Höhe der Stange? Ein Geschenk?«

»Nein, es ist mein Hof. Und ich habe versucht, die Höhe zu schätzen, na ja, nach Augenmaß, aber …«

»Üblich sind vierzehn oder sechzehn Meter. Auf großen Höfen auch achtzehn.«

»Ist kein großer Hof, nein«, sagte sie und lächelte. »Definitiv nicht.«

»Dann tippe ich auf vierzehn oder sechzehn«, sagte er, ohne ihr Lächeln zu erwidern, er klickte beim Sprechen rhythmisch mit einem Kugelschreiber. »Sie brauchen demnach einen vier oder viereinhalb Meter langen Wimpel.«

»Viereinhalb klingt ein bisschen heftig, ich glaube, ich nehme vier. Wie lange sieht der gut aus, wenn er die ganze Zeit da oben hängt, nicht nur an Flaggtagen?«

»Zwei Jahre, höchstens, kommt aufs Wetter an.«

»Der soll auf Byneset hängen«, sagte sie.

»Ja, da ist es oft ganz schön stürmisch …«

»So oft regnet es da aber auch wieder nicht …«

»Bei Flaggen und Wimpeln sind vor allem Sonne und Wind für den Verschleiß verantwortlich. Dann also vier Meter«, sagte er, drehte sich um, nahm eine Packung von der Wand und machte sich daran, den Kaufpreis einzugeben. Der Computer stand vor ihm auf der alten Theke, deren Glasfächer bis zum Boden reichten und mit Angelhaken und anderem Zubehör gefüllt waren.

»Und das ist gute Qualität?«, fragte sie.

»Absolut. Oslo Flaggfabrikk. Echte Ware. Jetzt können Sie die Karte reinstecken.«

»Und ich brauche eine Quittung.«

Der Großvater würde bezahlen. Wollte bezahlen. Für Fahnenstange, Flagge und Wimpel. Und er bestand darauf, sich die Quittungen zeigen zu lassen, damit sie ihm nicht weismachen könnte, alles sei billiger gewesen, als es in Wirklichkeit war.

Anna hob ein Augenlid, als Torunn einstieg und den Wimpel auf den Hundekäfig warf. Der Wimpel war in eine durchsichtige Tüte verpackt, die Nationalfarben leuchteten kräftig und klar durch den Kunststoff. Auf einem kreisrunden Aufkleber unten in der rechten Ecke stand: Wir feiern seit 1903 stolze norwegische Augenblicke.

Torunn holte Luft, bog in eine plötzlich entstandene Lücke zwischen den vorbeifahrenden Autos ein und gab Gas.

Mein erstes Urenkelkind ist da!«, rief Olaug am Ende der Tafel. »Und jetzt kann ich es bald im Computer sehen.«

»Im Computer?«, fragte Petra, eine der älteren Pflegerinnen, während sie eine große Schüssel mit Tomaten- und Gurkenscheiben mitten auf den Frühstückstisch stellte.

Gurken und Tomaten, dachte Tormod, immer dieser Haufen Gemüse, bei dem fast niemand zugreift. Warum stellten sie das auf den Tisch, wenn die Schüssel jedes Mal fast unberührt in die Küche zurückgebracht wird? Jetzt stand sie zwischen ihm und Lillian Albertsen und versperrte ihm den Weg zum Brotkorb.

Alte Leute aßen nicht gern Gemüse, und schon gar nicht als Dekoration auf dem Essen, alle wussten schließlich, dass alte Leute Süßes lieber hatten. Außerdem waren die Gurkenscheiben viel zu dick geschnitten und schmeckten nur nach Wasser. Und wenn man auf die Tomatenscheiben Salz streute, sickerte sofort auch aus ihnen das Wasser. Was sollte man mit so viel Wasser auf dem Frühstückstisch, sie wollten sich doch satt essen!

Anna hatte die Gurken immer mit dem Käsehobel geschnitten. Aber nicht wegen des Geschmacks, sondern eher aus Geiz. Nach Tallaks Tod hatte sie niemals mehr etwas aus Liebe oder Fürsorge getan. Dennoch hatten Annas käsehobeldünne Gurkenscheiben viel besser geschmeckt als die dicken Brocken, die hier serviert wurden. Das hätte sie mal wissen sollen, dachte er, dass ihr Streben nach einem nüchternen Lebensstil den Geschmack verbessert hatte!

Tormod hatte so oft an dem kleinen Resopaltisch unter dem Küchenfenster gesessen und Anna von hinten betrachtet, während sie die armen Gurken bearbeitete. Sie wirklich misshandelte. Nicht zuletzt, wenn sie Gurkensalat machen wollte und viele Scheiben brauchte und ihre groben, rissigen Fersen in den hinten offenen Plastikschuhen trocken und schmutziggelb auf- und abwippten, während ihre Ellbogen sich wie eine Maschine bewegten. Sie entwickelte eine Art wogenden Rhythmus, der die Gurke dazu brachte, sich dem Käsehobel fast widerstandslos zu ergeben. Mitunter segelte die eine oder andere Gurkenscheibe träge neben die Raff-Schuhe auf den Flickenteppich aus Plastik und wurde dann ins Kunststoffgewebe getreten, ohne dass Anna es merkte. Sonst hätte sie sie doch sicher von dem schmutzigen Flickenteppich aufgehoben, sie abgespült und zu den anderen gelegt.

Anna. Seine eigene eheliche Gattin, ihm aufgezwungen als Tarnung, damit sie und sein Vater Tallak ihre Liebesgeschichte fortsetzen und Söhne zeugen könnten, seine Halbbrüder Tor, Margido und Erlend, während er selbst wie ein Eunuch auf dem Hof hauste. Ab und zu konnte er kurze, intensive und lebensspendende Funken der Freude verspüren, wenn ihm plötzlich einfiel, dass sie tot war, manchmal überkam es ihn, während er las, oder er fuhr aus einem bösen, erschütternden Traum hoch, in dem er nicht gut genug war, in dem er zu hässlich war, zu klein, in dem er ein junger Mann mit skandalösen Gefühlen für einen deutschen Soldaten war, oder er bekam in der Wärme des Bettes einen Krampf, mit Schmerzen, die von den Waden in die Oberschenkel und dann weiter in die Lende schossen, es tat so weh, dass er sich jammernd und schweißgebadet aus dem Bett quälen musste, und er dachte, dass Menschen auf diese Weise ertranken, wenn sie im Meer gelandet waren und sich solche Krämpfe einstellten, genau solche, denn das Wasser war eiskalt und die Muskeln blockierten, das hatte er in Vi Menn gelesen.

Derartigen Schmerzen war man einfach nicht gewachsen. Absolut nicht. Natürlich ertrank man in so einem Fall. Er selbst stand dann barfuß und mit dem Oberkörper über das Bett gebeugt da, schwitzend und stöhnend, während er die dicken Zehen und die Knie und die Hüften nach oben oder nach unten presste, je nachdem, wie der Schmerz nach oben oder nach unten und wieder zurück jagte. Und mitten in einem solchen Augenblick konnte es ihn rein und stark und glücklich durchrieseln: Ja.

Sie war tot.

Anna war tot. Das half gegen die Schmerzen. Die Erkenntnis kam immer wie ein plötzlicher Lichtstreif, mitten in allem anderen, und hielt sich dort für einige Sekunden, lange genug, um zu merken, dass er sich ein paar Schluck Solo gönnen wollte.

Er schleppte sich zum Kühlschrank und nahm eine Flasche heraus, ohne die Tür zu schließen, sodass die Innenbeleuchtung anblieb. Der Strom wurde vom Altersheim bezahlt, deshalb kümmerte ihn das nicht im Geringsten, aber wenn er zu lange so stand und an der Limonade nuckelte, gab der Kühlschrank einen dringlichen Pfeifton von sich. Dann stellte er ganz schnell die Flasche zurück, ehe jemand vom Gang hereingestürzt kam und nachsah, was denn los war. Marthe, die Nachtwache, zum Beispiel. Die war schrecklich. Aber der Kühlschrank war ein Luxus sondergleichen.

Das hätte Anna wissen sollen. Dass sie mausetot bei der Kirche von Byneset lag, begraben und verwandelt in fetten Lehmboden, während er, lebendig und glücklich, sich mit Limonade aus seinem eigenen Kühlschrank versorgen konnte. Kein Wasser, keine Milch, die ihr Verfallsdatum überschritten hatte und deshalb zum reduzierten Preis gekauft worden war, sondern echte Limonade aus dem Supermarkt.

Bald würde ihm die Limonade aber ausgehen, fiel ihm nun ein, er hatte nur noch zwei Flaschen. Wenn doch nur Margido noch am Leben wäre! Margido hatte Limonade mitgebracht, ohne dass man darum zu bitten brauchte. Und Tormod wollte auch nicht zu viel von Torunn verlangen, sie hatte wirklich andere Sorgen.

Er selbst konnte hier sitzen und ganz für sich sein, ohne Verantwortung für irgendetwas oder irgendjemanden, und sich darüber freuen, dass sich Anna über alles, was er hier tun konnte, bis ins Mark ärgern würde. Jeden Tag konnte er lesen und lesen, ohne herumgescheucht zu werden, ohne in den verhassten Holzschuppen gehen und mit Holzscheiten zurückkommen zu müssen, mit denen Anna oder Tor niemals zufrieden waren.

Die Holzscheite waren zu dick gewesen. Oder zu dünn. Oder zu klein oder zu stark berindet. Oder sie behaupteten, er verschwende das Petroleum, mit dem sie die Sägespäne im kleinen Jotulofen in der Küche anzündeten.

Jetzt war eine andere Zeit angebrochen.

Wenn er Lust hatte und sich stark genug fühlte, konnte er sein Zimmer verlassen und gemeinsam mit den anderen am großen Tisch eine gute Mahlzeit zu sich nehmen. Gerichte, wie Anna sie ausschließlich für die Gefriertruhe zubereitet hatte, um vorzusorgen. Essen, das mit ihr gestorben war. Margido hatte den Inhalt der Gefriertruhen weggeworfen, als der Hof stillgelegt wurde und Tormod endlich hierher ins Heim ziehen konnte. Tormod hatte ihn gefragt, was aus dem Essen geworden war, das Anna aufbewahrt hatte, und Margido hatte gesagt, er habe das übernommen, was in das kleine Gefrierfach oben in seinem Kühlschrank passte, aber den Rest habe er weggeworfen, und die Gefriertruhen auf dem Hof seien jetzt leer.

Tormod hatte nicht gefragt, ob Margido erleichtert oder froh gewesen war. Über solche Dinge sprachen sie nicht, doch er hatte an das viele Essen gedacht, an die viele Arbeit, an das viele, das auf dem Müll gelandet war. Und darüber freute er sich gewaltig.

Die Gefriertruhen hatten seinerzeit ihren feierlichen Einzug auf Neshov gehalten, zuerst eine, dann die zweite, und Anna hatte für die Gefriertruhen gebacken, hatte für die Gefriertruhen Frikadellen gebraten, hatte für die Gefriertruhen Lebensmittel im Sonderangebot gekauft, hatte für die Gefriertruhen eingemacht, hatte Reichtümer angehäuft wie Gold in einer Schatzkiste, ohne dass sie auf dem Küchentisch besonders viel von diesen Reichtümern zu sehen bekommen hätten.

Im Alltag war ihre Kost einfach, karg und oft angeschimmelt gewesen. Aber die Gefriertruhen waren Annas Stolz, inniger geliebt als irgendein Mensch. Und nun hatte Torunn sie gesäubert – Tormod hatte auch sie danach gefragt –, nachdem sie im Spätwinter zurückgekehrt und auf Neshov eingezogen war. Jetzt gehörten sie ihr, hatte sie gesagt, aber sie brauchte ja wohl höchstens eine, was sie aß, war ihr nicht so wichtig.

Er sah sie vor sich, die großen weißen Gefriertruhen, die aussahen wie hohe Särge, wie sie dort im Keller von Neshov auf dem kalten, rauen Betonboden standen, die eine trocken und leer, mit herausgezogenem Stecker. Wenn Anna das sehen könnte! Und wenn sie wüsste, dass jetzt ein Hund ihren Namen trug! Aber was die Gurken anging, da war sie souverän überlegen gewesen, wirklich souverän.

Aus purem Mitleid nahm er sich eine dicke Gurkenscheibe, und er sicherte sich auch ein Stück Knäckebrot, er hatte auf beides keine Lust, doch diese Schüsseln standen am nächsten, die Butterschale war zu weit weg, und er wollte niemanden bitten, sie ihm zu reichen, er musste warten, bis Petra es begriff, sie drehte heute ihre Runden um den Frühstückstisch.

Vermutlich führten die Erinnerungen an den Krieg dazu, dass geschnittenes Gemüse bei den alten Leuten nicht hoch im Kurs stand, überlegte er weiter, während er einen großzügigen Schluck Kaffee trank, um das trockene Knäckebrot einzuweichen, er presste es warm gegen das Gebiss im Oberkiefer, wobei Käse und Gurkenscheibe alles durcheinanderbrachten.

Wer war eigentlich auf die Idee gekommen, Brot zu backen, das man knacken konnte, wenn man es doch einfach auch weich essen konnte? Es war typisch für die Schweden, alles kompliziert zu machen, die Norweger hatten von alters her ihr Flachbrot, kein Knäckebrot. Flachbrot war ein leichter Happen, dünn und nachgiebig, und dass jemand Obst den Vorzug vor Gemüse gab, hing natürlich auch mit dem Krieg zusammen, die Menschen hatten es jahrelang entbehrt und stürzten sich darauf, als es dann endlich wieder zu haben war.

Er selbst hatte ein ganzes Leben gelebt, ohne irgendetwas genießen zu können, weder Süßes noch Salziges, alles drehte sich nur darum, so schnell wie möglich von dem satt zu werden, was Anna auf den Tisch stellte, um sich dann im Sessel im Wohnzimmer in Sicherheit zu bringen.

Worum es ihm jetzt ging, war das Ei. Auf Neshov ein ersehntes Sonntagsereignis, während es hier immer Eier zum Frühstück gab, gekocht oder als Spiegelei oder Rührei, ein Luxus, den er noch immer nicht für selbstverständlich hielt. Er freute sich jeden Tag aufs Neue beim Gedanken an dieses segensreiche Ei, erwähnte das aber keinem Menschen gegenüber. Nur Margido hatte er es erzählt, der sofort begriff, wovon er redete.

»Wir bekommen jeden Tag ein Ei.«

»Das hast du verdient. Alles andere wäre ja auch noch schöner«, hatte Margido geantwortet und sich abgewandt.

Aber Tormod verriet hier im Haus nie, wie sehr er sich freute, dass es ihm gewissermaßen jeden Tag vorkam wie ein Sonntagsfrühstück, denn es war ja durchaus möglich, dass in ganz Norwegen an allen Wochentagen Eier zum Frühstück verzehrt wurden, ja vielleicht war das sogar in der ganzen weiten Welt so, vielleicht waren Eier überall eine alltägliche und verlässliche Angelegenheit, er hatte keine Ahnung. Wenn er also seine Freude zum Ausdruck brächte, würden die anderen möglicherweise sofort durchschauen, aus welch elenden Verhältnissen er kam, und dann würde er ihnen leidtun.

Wie immer wusste Petra, was er wollte, ohne ihm ihr Mitleid aufzuzwingen. Ganz zuverlässig legte sie ihm zwei halbe Eier auf den Teller, sie beugte sich dabei über seine rechte Schulter und roch wunderbar sauber, obwohl sie doch dauernd herumsprang; heute hatten sie und Hannelore und zwei Neue Dienst.

Die halben Eier lagen ein bisschen zitternd auf dem glatten Porzellan, zwei weiß glänzende Boote mit einer matten Sonne in der Mitte, wie schön, dachte er, dieser Gelbton war mit nichts zu vergleichen.

»Tausend Dank«, sagte er.

Er musste innerlich darüber lächeln, wie oft er in seinen Gedanken versank, oder genauer gesagt, sich in Gedanken versinken ließ, dorthin, wo er sich am wohlsten fühlte. Die Gedanken waren sonderbar und vielfältig, der erste konnte leicht und locker in den nächsten übergehen, er konnte an Torunn und Tor und Margido und Gefriertruhen denken, und daran, wie gern er hier war, und dass ihn hier niemand zu irgendetwas drängte, sie hatten wohl aufgegeben, da er den Schwerhörigen spielte und ihnen nur selten antwortete. Und da er nicht immer zu den gemeinsamen Mahlzeiten erschien und sich das Essen lieber auf dem Zimmer servieren ließ, schienen die anderen ganz von selbst zu begreifen, dass er seine Ruhe haben wollte. Oder vielleicht war ihnen das alles total egal, sie hatten genug mit ihren eigenen Angelegenheiten zu tun.

Und da kam tatsächlich wieder Petra zu ihm, diesmal mit der Thermoskanne und einer Scheibe Brot. Sie legte zwei Stück Würfelzucker auf die Untertasse, das Brot dagegen kam zu Ei und Knäckebrot auf den Teller.

»Tausend Dank«, sagte er und starrte zufrieden in die fast leer getrunkene Kaffeetasse, während sie mit brauner, dampfender Flüssigkeit gefüllt wurde, die gewissermaßen aus der Tiefe der Tasse an den Wänden hochtanzte.

»Tausend Dank«, sagte er noch einmal, und als Antwort drückte sie behutsam seine Schulter.

»Aber jetzt scheint sich hier ja so einiges zu tun«, sagte sie, ehe sie mit der Kanne weiterlief. »Jetzt musst du gut aufpassen, Tormod.«

Ja, ich werde alles im Computer sehen«, sagte Olaug, arrangierte eilig ihre Hinterbacken auf dem Stuhl, schob die Kaffeetasse näher an ihren Teller und schnappte sich eine Scheibe Vollkornbrot.

»Deshalb kommt auch bald meine Enkelin«, fügte sie hinzu. »Nicht die, die das Kind bekommen hat, sondern ihre Schwester. Und sie bringt ihren Computer mit. Damit ich das Wunder sehe. Als Direktübertragung. Aus Australien. Meine Güte, jetzt bin ich also Urgroßmutter! Da muss ich wohl zugeben, dass meine Jugend endgültig zu Ende ist.«

Als Direktübertragung aus Australien … In Tormods Ohren klang das völlig albern.

Aber Olaug war absolut keine, die alles durcheinanderbrachte oder sich Dinge einbildete, wie einige der anderen, die kaum zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden konnten, sicher, weil sie den Tag verdösten; was Olaug sagte, hatte meistens Hand und Fuß, und das war vermutlich auch jetzt der Fall, wenn sie nicht innerhalb einer Sekunde dement geworden war. Aber das glaubte er kaum, obwohl sie wie üblich ziemlich erbärmlich aussah, mit der rosafarbenen, glänzenden Kopfhaut unter den wenigen verbliebenen Haarbüscheln, durch die sie noch den Kamm ziehen konnte, und mit den kleinen Silberkugeln, die wie Bleigewichte an den überforderten, runzligen Ohrläppchen hingen; die sahen aus, als könnten sie jeden Moment reißen.

Er hatte Olaug von seinem ersten Tag an hier gemocht, er hatte es noch nie mit einem Menschen wie ihr zu tun gehabt. Sie sprach mit lauter, schriller Stimme immer das aus, was alle dachten oder was alle möglichst nicht erwähnten, ob es nun um den Tod ging oder um Körpergerüche und -geräusche der anderen, sie verkündete das gleichsam, und die Köpfe drehten sich zu ihr hin, und die Augen wurden aufgerissen.

»Jetzt hör aber mal mit diesem verdammten Gefurze auf!«, sagte sie etwa beim Nachmittagskaffee plötzlich zu ihrem Nebenmann. »In dieser Luft müssen schließlich auch noch andere atmen!« – »Musst du wirklich das halbe Stück Kuchen auf deinem Schoß zerkrümeln? Du bist noch nicht tot, auch wenn du aussiehst wie ein Vogelbrett!« Auch so etwas sagte sie frei heraus, benannte ohne Umschweife, wie es war, da viele Hausbewohner sich den ganzen Tag in einem unkonzentrierten Halbschlaf befanden, weil sie nachts wach lagen.

Er selbst saß ganz still da und hinterließ kaum einen Krümel auf Hemd oder Oberschenkel, wenn er Kuchen aß. Und er konnte ein Gesicht machen, das gar nichts verriet. In dieser Hinsicht war Neshov eine gute Schule gewesen.

Es hatte mit seinem Blick nach unten zu tun, vermutete er. Er hatte schon oft darüber nachgedacht, wie er das machte, er glaubte, es gelang ihm, indem er die Augenlider ein wenig schlaff hängen ließ, nicht so oft blinzelte und Mundwinkel und Unterlippe lockerte und ein bisschen fallen ließ. Und zudem nur einsilbige Antworten gab. Dann wurde er erfreulich unsichtbar und uninteressant. Aber nach der Sache mit Margido hatten sie ihm doch etwas zugesetzt.

»Dass es ihn einfach so vor deinen Augen erwischt hat, du Armer!«, hatte Olaug gesagt, und mehrere am Tisch hatten zustimmend genickt.

»Es muss traurig für dich sein, dass dein Sohn von unsgegangen ist«, sagten andere, sie hatten es oft wiederholt, mehrere von ihnen, sie hatten Margido gut gekannt, seinen »Sohn«, der die Toten holte.

Er schaute dann immer nach unten, aber er hätte am liebsten geantwortet, dass Margido keinesfalls von ihnengegangen war, dass er nicht zum Nordpol gereist war, sondern dass er in Tormods Zimmer auf dem Fußboden gestorben war. Wenn die anderen Hausbewohner auf ihn einredeten, kamen Petra und Hannelore wie Engel herbeigeschwebt und erlösten ihn, lenkten mit Kaffee ab, und mit der Frage, ob jemand Milch in den Kaffee wolle und vielleicht ein Stück Kuchen, und er konnte endlich wieder atmen.

Doch das Schlimmste war jetzt vorbei. Der Reiz des Neuen war verflogen. Der Tod war ohnehin ein Thema, das bis zum Überdruss behandelt und diskutiert wurde, sie warteten ja auf den Tod, die ganze Bande, deshalb hatte das besondere Interesse an Margidos Tod damit zu tun, dass Margido ein Außenstehender gewesen war, der nicht im Heim wohnte. Und dass er viel zu jung zum Sterben gewesen war, er hatte sich sozusagen in der Schlange vorgedrängt.

Und dann kam wirklich Olaugs Enkelin, eine energische und patente Frau mit lebhaften dunklen Augen, unter dem Arm trug sie eine kleine Metallplatte, bei der es sich vermutlich um diesen Computer handelte. Sie hatte sich einen langen Schal mehrmals um den Hals gewickelt, der Stoff ähnelte dem, aus dem seinerzeit die Schlafzimmervorhänge auf Neshov genäht worden waren, blaue und grüne Fäden, unordentlich und verworren ineinander verwoben, er hatte diese Vorhänge oft angestarrt, bei allen möglichen Lichtverhältnissen, auch im Stockfinsteren. Torunn hatte sie sicher längst heruntergerissen und weggeworfen, und das war nur gut und richtig so. Sie hatte ihm erzählt, dass sie riesige Müllcontainer bestellt hatte, die auf dem Hofplatz standen, und sie hatte sie bis zum Rand gefüllt, einen nach dem anderen. Sie hatte ihn angelächelt, als sie das erzählte, denn ihr war klar, wie glücklich er bei dem Gedanken an all das Alte wäre, das weggeworfen, zerstört und zertreten wurde, sie wusste, wie sein Dasein dort auf dem Hof gewesen war, sein Leben.

Vielleicht war er für sie eine besondere Stütze, da sie seinen Segen hatte, wirklich alles zu verändern. Alles. Und so eine Zukunft zu gestalten, ihr eigenes Leben zu formen. Er wollte gern glauben, dass sie so empfand, aber er wusste nicht recht, wie er sie fragen, wie er sich ausdrücken sollte. Deshalb war er froh, dass er auf die Idee mit der nagelneuen Fahnenstange samt Flagge und Wimpel gekommen war, als Ersatz für die alte Fahnenstange, die mehrere Generationen lang über dem Hof aufgeragt hatte.

Dadurch begriff sie es vielleicht ganz von selbst.

Er hob die halben Eier auf die Brotscheibe und stellte zu seiner Erleichterung fest, dass sich die Kaviartube in Reichweite befand, sicher hatte Lillian Albertsen sie benutzt, denn jetzt lag die Tube hier, zwar in der Mitte platt gedrückt, aber es war trotzdem großartig, er brauchte niemanden darum zu bitten. Die Butter hatte er schon vor geraumer Zeit aufgegeben.

Mühsam rollte er die Kaviartube von unten her auf und versah das Ei mit kleinen Kaviarspritzern, ehe er den weißen Plastikverschluss wieder festdrehte. Nun lag die Tube halb voll und dickbäuchig da, man konnte sich ganz einfach bedienen, dachte er, obwohl es sicher nicht lange dauern würde, bis sie abermals platt gedrückt wäre.

»Jetzt musst du aufpassen, Tormod!«

Das war wieder Petra.

»Was?«

»Olaug!«

Aller Augen waren auf die Enkelin gerichtet. Olaug lachte jugendlich und lärmend und zog sie zu sich herunter, um sie zu umarmen, sie stand nicht auf, warum um alles in der Welt hätte sie auch aufstehen sollen. Hier kam eine junge Enkelin mit Neuigkeiten zu einem alten Wrack, und der Stuhlsitz war warm und behaglich unter Olaugs Hintern.

Olaug rief Petra zu, ob die nicht noch einen Stuhl bringen könnte, da niemand Anstalten machte, ein Stück zur Seite zu rutschen.

»Da kümmert sich Hannelore drum!«, sagte Petra.

»Klar!«, sagte Hannelore und marschierte zu den gestapelten Stühlen an der Wand, die immer aufgestellt wurden, wenn sich ein munterer Singkreis im Speisesaal traf. So stand es dann jeweils auf dem Zettel an der Pinnwand in der Rezeption. Munterer Singkreis im Speisesaal. Hannelore musste sich einen Weg durch eine Armada aus Rollatoren bahnen, um zum Stuhlstapel zu kommen, aber daran war sie gewöhnt.

Sicher verstand nur Tormod selbst, dass sie »selbstverständlich« meinte, wenn Hannelore »klar« sagte. Sie war doch Deutsche. Die anderen glaubten sicher, dass Hannelore jederzeit parat und einsatzbereit war, wenn es einen Stuhl zu holen galt.

»Und jetzt wird geskypt. Jetzt bist du online, Olaug«, sagte die Enkelin und starrte die kleine Metallplatte an, die sie auf dem Frühstückstisch neben Olaug aufgeklappt hatte wie ein blankes, hartes Buch. Ihre Kaffeetasse kippte über den Teller, aber niemand schien weiter darauf zu achten.

Er hörte weg und schob das mit Kaviar garnierte Eibrot in den Mund, er liebte Kaviar, liebte das Gefühl, wie sich der Geschmack salzig und spitz in der Mundhöhle verteilte, ehe er mithilfe eines ordentlichen Schlucks Kaffee zäh und fett in die Speiseröhre glitt.

»Ist alles in Ordnung, Tormod?«

Das war Hannelore. Sie sprach leise mit ihm, die anderen konnten es nicht hören.

»Ja«, sagte er. »Aber es ist traurig, dass …«

»Was denn?«, fragte sie und beugte sich tiefer zu ihm herunter.

»Die arme Olaug«, sagte er so leise er konnte. »Die ihr Urenkelkind in so einem Computer ansehen muss …«

»Jetzt machst du aber Witze, Tormod, das ist tausendmal besser als gar nicht, schau, wo sie so weit weg leben. Es ist wie telefonieren, nur können sie sich gleichzeitig auf dem Bildschirm sehen. Das ist doch wunderbar, und sie ist überhaupt nicht arm.«

»Ihre Kaffeetasse ist umgekippt.«

»Jetzt geht alles so schnell, weißt du, Tormod.«

»Das mit dem Kaffee?«

»Nein, die Entwicklung. Im Internet ist alles möglich. Aber du bist da nicht ganz auf dem Laufenden, weißt du, du hast ja nicht mal ein Handy.«

»Nein, das will ich auch nicht.«

»Warum eigentlich nicht?«

»Hab nie ein Telefon benutzt.«

»Nie ein Mobiltelefon benutzt?«

»Nein. Ein Telefon überhaupt«, sagte er.

»Jetzt begreife ich nicht ganz, was du …«

»Hab nie ein Telefon benutzt. Aber ich habe einen Kühlschrank.«

»Hm … wir reden nachher weiter. Der Arzt kommt bald, dann werden wir gegen Grippe geimpft, die ganze Bande.«

Hannelore war lieb. Sie half ihm immer, auf sie konnte er sich verlassen.

Als Margido gestorben war, hatte sie ihm eine Schlaftablette gegeben, die einzige, die er in seinem ganzen Leben geschluckt hatte. Er hatte an Tor gedacht und schreckliche Angst gehabt, da Tor sich mit einer ganzen Schachtel davon das Leben genommen hatte, dennoch hatte er Hannelore um noch eine halbe Tablette gebeten, weil er einfach nur in den Schlaf fliehen wollte, meilenweit weg von Margidos Tod auf dem Linoleumboden in seinem Zimmer hier vor der Tür. Und dass sie bei ihm gesessen hatte, als geborene Deutsche, mit Geburtstag am 8. Mai, dem Befreiungstag Norwegens. Wenn das ganze Land den Abzug der Deutschen feierte, hatte die liebe Hannelore Geburtstag.

Ich kann ja einfach so tun, als ob sie für mich flaggen, Tormod. Das hatte sie gesagt.

Er fühlte sich geborgen, wenn er ihren weichen deutschen Akzent hörte. Aber jetzt hatte sie ihn an die vermaledeite Grippeimpfung erinnert. Den scheußlichen Stich, das Brennen in der Haut, die wehe Schulter. Drei Tage lang konnte er danach nicht auf der rechten Seite liegen, seiner Schlafseite, mit dem Gesicht zur Wand. Wo doch das Herz wie ein König über den anderen Innereien thronte, davon hatte er vor vielen Jahren in Vi Menn gelesen, wie angenehm es für das Herz war, wenn der Körper auf der rechten Seite lag; das hatte er nie vergessen.

Sollte der Arzt doch sagen, was er wollte. Tormod würde darum bitten, in diesem Herbst in die linke Schulter geimpft zu werden. Er biss in sein Brot und hörte aufmerksam zu, während er so vorsichtig kaute, wie er nur konnte, damit sein Gebiss keine Klickgeräusche machte, aber diese Vorsicht hätte er sich sparen können, denn der Raum brodelte nur so von erregten Stimmen, eine Kakophonie, weil alle dieses Urenkelkind ansahen, das begriff er immerhin, ehe er das Ganze wieder aussperrte.

Australien. Das war ein schönes Wort. Aber dennoch. Es lockte nicht. Australien war ebenso weit entfernt wie China.

Das Einzige, was er über Australien wusste, war, dass sie dort unvorstellbare Mengen an Schafen züchteten, dass es sehr heiß und trocken war, weshalb immer neue Waldbrände ausbrachen, und dass die Bauernhöfe so riesig groß waren, dass die Bauern ins Flugzeug steigen mussten, um die Außengrenzen ihres Landbesitzes zu inspizieren. Und mittendrin: Olaugs Enkelin. Er war so ungeheuer froh darüber, dass er hier war, in diesem Pflegeheim. Auf Byneset, in Norwegen. Die arme Olaug und das arme, arme Urenkelkind, das nicht hier wohnte, sondern nur vor einen Bildschirm gehalten wurde, während die Erwachsenen telefonierten.

Er befeuchtete vorsichtig seinen Zeigefinger und ließ ihn langsam über den Teller wandern, um die letzten Reste des Eidotters zu erwischen, zusammen mit einem abgerutschten, zentimeterlangen Streifen Kaviar. Danach leckte er seinen Zeigefinger sauber, mit geschlossenen Augen. Es ist wie telefonieren, nur können sie sich gleichzeitig sehen. Was für ein Wahnsinn und moderner Unfug!

Nein, jetzt wollte er zurück auf sein Zimmer.

Moment mal, ich gehe ein Stück zurück, damit ich es richtig sehe«, sagte Torunn.

»Das ist nicht nötig, ich habe alles unter Kontrolle«, sagte der Mann aus Nordnorwegen und packte die Fahnenstange mit grobem Griff.

»Aber ich will das selbst beurteilen. Wie es aussieht.«

»Jetzt entspannen Sie sich mal. Ist das mein Job oder Ihrer? Was für ein Aufstand!«

Seine Hand war so groß wie ein Spatenblatt, seine Finger krümmten sich insektenhaft um die kreideweiße, riesig wirkende Fahnenstange.

Plötzlich hatte diese Riesin auf Neshov Einzug gehalten, und jetzt ragte sie in ihrer ganzen glänzenden Pracht auf. Das hier war etwas völlig anderes als Sandpapier und Klebeband zum Markieren und Farbeimer, wie sie sie eigenhändig auf den Hof geschleppt hatte, vergleichsweise kleine Renovierungsutensilien, die in Plastiktüten passten. Tragetaschen, die sie gleich in der Diele fallen ließ, wo sie umkippten und sich ihr Inhalt auf die Bodenbretter verteilte.

Es war auch etwas komplett anderes als das Projekt, das sie im Badezimmer im ersten Stock des Wohnhauses durchzog, ein umfassendes Projekt, aber im Haus verborgen.

Das hier würde für alle Welt zu sehen sein.

Sie konnte den Blick nicht von seiner Hand losreißen, von seinen Fingern, die sich mit gewaltiger Kraft krümmten, und plötzlich fand sie diesen Anblick ekelhaft, wie sich die schwarzen Haare an den Fingern sträubten, tiefschwarz auf blauweißer Haut, in engstem Kontakt mit ihrer Fahnenstange.

Sie hätte den Nordnorweger jetzt gern gebeten, loszulassen und die neue Fahnenstange umkippen und zu Kleinholz zersplittern zu lassen, geeignet, um damit im Ofen einzuheizen, Stöckchen, die gerade dünn genug waren, um sofort Feuer zu fangen und die Flammen an den Ofenwänden hochzüngeln zu lassen, zu den größeren Holzscheiten emporzuzischen, die trocken und fett dort lagen und einfach warteten. Denn so heizte man ein und erzeugte Wärme, das immerhin hatte sie von Christer in Maridalen gelernt.

Mit dem Holz einer Fahnenstange hätte man so manchen Jotulofen füllen und Abend für Abend das ganze Haus beheizen können. Aber die alte Fahnenstange sollten sie mitnehmen, das hatte sie mit ihnen abgemacht, als sie die neue bestellt hatte, das war im Preis inbegriffen. Und die neue war auf dem Weg nach oben, sie war noch höher als die alte, so sah es jedenfalls aus, die alte war bereits zu einem Haufen von kreisrunden Scheiben zersägt und auf den Anhänger geworfen worden, sie hatten eine Motorsäge mitgebracht.

Torunn war zur Scheune gegangen und hatte eine geraucht, während die Männer sägten, sie stand dort und schaute aus zusammengekniffenen Augen zum Korsfjordenen hinüber und dachte an den heißen Sommertag, als sie ein Ferkel aus dem Schweinestall geholt hatte, damit es unter freiem Himmel im Gras herumtollen konnte, wie aufgeregt es gewesen war, wie das Leben aus ihm geleuchtet hatte, und sie fragte sich: War es das, wonach sie sich sehnten, diese Schweine? Waren sie glücklich, wenn ihnen einfach jemand die Möglichkeit gab, durch frisches Gras zu tollen und die feuchte Schweineschnauze gen Himmel zu heben? Natürlich waren sie dann glücklich, hatte sie gedacht, natürlich waren sie das.

Abgesehen von diesem einen kleinen Wicht bekamen die Schweine den Himmel nur für einen kurzen Moment zu sehen, wenn sie aus dem Stall und die Rampe zum Schlachtwagen hochgejagt wurden. Aber warum sie an die Schweine dachte, während die alte Fahnenstange zersägt wurde, begriff sie nicht.

»Ich habe alles unter Kontrolle«, sagte der Nordnorweger noch einmal und wechselte den Griff, machte sich wichtig und spielte den Geschäftigen, schaute aber nicht in ihre Richtung.

Die Mücken umschwärmten sein Gesicht und seine Hand. Er schien sie nicht vertreiben zu wollen, er hielt sich bestimmt den ganzen Tag unter freiem Himmel auf und stellte Fahnenstangen auf, überall, von kleinen Ferienhütten bis hin zu geräumigen Bonzenvillen mit beheizter Auffahrt und Einliegerwohnung für ein Au-pair.

Ein simpler Auftrag auf Byneset hatte vermutlich ziemlich weit unten auf seiner Prioritätenliste gestanden, eine andere Erklärung für sein feindseliges Verhalten konnte sie nicht finden. Sie bezahlte schließlich den vollen Preis, wie alle anderen. Dass am Ende ihr Großvater die Rechnung begleichen würde, war eine Privatangelegenheit und hatte rein gar nichts mit ihrer Autorität als Kundin zu tun.

»Ich möchte mich aber doch davon überzeugen, dass sie gerade steht«, sagte sie.

Sie ging rückwärts, trotzdem wusste sie genau, wie ihre Fußsohlen auf den Boden treffen würden, sie würde nicht stolpern. Aber sie musste sich beeilen, hier musste am Ende alles stimmen.

Ihr Telefon klingelte, sie riss es so schnell aus der Hosentasche, dass gleichzeitig das Feuerzeug herausfiel, sie hatte jetzt keine Zeit, mit irgendwem zu sprechen, nicht einmal mit den Kollegen aus dem Bestattungsunternehmen. Sie warf einen raschen Blick auf den Bildschirm und war erleichtert, dass sie den Anruf einfach abweisen konnte, es war eine unbekannte und endlos lange Nummer, eine dieser Nummern, vor denen immer wieder gewarnt wurde und die ein Vermögen kosteten, wenn man sich nur mit einem unschuldigen hallo meldete. Sie drückte den Anruf weg.

»Einen Moment!«

Sie hörte das Echo ihrer eigenen Stimme, als sie dort fest und sicher auf ihrem gepflasterten Hofplatz stand. Das hier musste perfekt werden, dem Großvater zuliebe, auch nur ein Millimeter Abweichung war inakzeptabel. Wie unfassbar weiß diese Stange war!So neu, dass der Anblick fast schon abstoßend wirkte. Nicht ein Gegenstand auf dem ganzen Hof war so kreideweiß wie diese Fahnenstange, jedenfalls nicht hier draußen.

»So, jetzt steht sie gerade«, sagte der Nordnorweger und nickte einem der Polen zu.

»Lassen Sie mich mal nachsehen«, sagte sie und hörte, wie ihre Stimme in der Luft zerfloss, die sich innerhalb einer halben Minute unmerklich mit Feuchtigkeit vollgesogen hatte. Alle Geräusche wurden gewissermaßen stumpf, lösten sich auf.

»Scheiß Meeresnebel!«, rief der Nordnorweger. »Was Übleres gibt’s ja wohl nicht, Teufel noch mal! Als ob man ohne Vorwarnung Leute mit einer nassen Decke bewirft. Sagen Sie, haben Sie die Kackstange jetzt lange genug angeglotzt? Das muss ich wirklich nicht auch noch haben!«

»Wir haben hier nie Meeresnebel«, sagte sie. »So weit im Binnenland.«

»Hab nicht gehört, was Sie da sagen.«

»NIEMEERESNEBELHIERSOWEITIMBINNENLAND!«

»Wollen Sie deswegen jetzt auch noch Streit anfangen?«

Sie hatte es im ersten Moment für einen Nieselregen gehalten. Aber das hier war kein Niesel, es war eher ein senfgelber Schleier aus winzigen Tropfen, der sich über den gesamten Hof gelegt hatte. Es sah aus, als hätte jemand alles mit einer Sprayflasche geduscht, Anna und die Fahnenstangenleute und die Pflanzen und Zaunpfosten und Insekten, so etwas Komisches hatte sie noch nie gesehen, die Mücken umschwirrten wie halb betrunken den Nordnorweger und wirbelten hilflos zu Boden.

Und es war ganz plötzlich gekommen, ohne Vorwarnung. Jetzt war nichts mehr schwarz oder weiß, alle Farben waren gedämpft, die Luft blubberte und pulsierte und wimmelte von winzig kleinen Wassertropfen wie von hektischen Läusen.

Das war also Meeresnebel. Und er zog ausgerechnet jetzt auf, wo sie hier als Hofbesitzerin stand und versuchte, so etwas wie Autorität an den Tag zu legen.

Sie wusste, dass alle Küstenbewohner den Meeresnebel verabscheuten. Aber das hier war ja nicht direkt Küste, man musste erst den Korsfjorden und dann die Mündung des Trondheimfjords hinter sich bringen, um das Meer zu erreichen. Sicher hatte der Korsfjorden den Nebel vom offenen Meer weiter draußen bei Hitra aufgesaugt und ihn dann an Land abgeladen, nach einer langen Phase mit warmem Wetter und eiskaltem Meer vor der Küste. Alles, was mit Wetter und Klima zu tun hatte, war so unvorhersagbar geworden.

»Die steht schief. Nicht sehr. Nur ein bisschen«, sagte sie in den Wollnebel hinaus.

»Wir sorgen natürlich dafür, dass die Fahnenstange gerade steht«, sagte er. »Das ist schließlich unsere Arbeit. Wir haben Messinstrumente zu diesem Zweck. Sehen Sie her.«

Der Mann zeigte ihr ein kleines Plastikding, an dem grüne und rote Lämpchen blinkten, ein Beweis dafür, dass die Technik alles zu überprüfen vermochte, was ihr Blick ihr nicht sagen konnte. Auch aus seinen Nasenlöchern ragten dichte schwarz glänzende Haare hervor, als ob sich dort drinnen ein kleines Pelztier versteckt hätte, sie konnte es sehen, obwohl sie mehrere Meter entfernt stand. Sie trat noch zwei Schritte zurück.

»Ich wollte nicht … aber steht sie denn nicht schief? Ein bisschen?«

»Nein. Da spielt Ihnen dieser verdammte Nebel einen Streich. Und jetzt bleibt sie so.«

Sie stand mit hängenden Armen da und sah zu, wie die Männer weiterarbeiteten.

»Ich bin übrigens sehr froh darüber, dass Sie das alte Steinfundament verwenden konnten«, sagte sie und musste sich erst räuspern, sie hatte das Gefühl, in eine Papiertüte zu atmen, wie man das tun sollte, wenn man kurz vor einer Ohnmacht stand.

»Ist damit was Besonderes?«

»Es ist eben alt. Hofgeschichte. Die Überreste der Fahnenstange, die früher hier stand«, sagte sie.

»Können Sie uns nicht einfach unsere Arbeit machen lassen?«

Sie hielt Ausschau nach einem Trauring, und richtig, da sah sie ihn, als der Mann die Stange anders fasste. Der Ring war schmal und dünn geschlissen und hatte sich ins Fleisch des Fingers eingegraben. Es gab also eine Frau, die jeden Morgen neben ihm aufwachte. Alle haben jemanden, dachte sie, sogar dieser übellaunige Mann, dem die Tierhaare aus den Nasenlöchern schauen.

Am Fuße der Fahnenstange hatte man ein ordentliches Viereck aus Granit gelegt. Der zerbröckelte Zement, der die Steine bisher an Ort und Stelle gehalten hatte, war durch soliden Beton ersetzt worden.

Vielleicht hatte Tallak diese Steine ausgesucht, dachte sie, oder sogar dessen Vater – aller Wahrscheinlichkeit nach hatte auch sein Name mit T angefangen –, und sie zu einem sinnreichen, dreidimensionalen Puzzle gefügt, wie beim untersten Teil der Grundmauer in der Scheune, nur dass dort das Fundament vollständig von Moos überwuchert war. Sie fand es immer so schön, wenn sie es ansah; schön bei Regen und bei Sonne und in jeglichem Licht, das Grüne und Frische auf dem Uralten, Matten, Graukörnigen. Sie durfte nicht vergessen, den Großvater danach zu fragen, wie Tallaks Vater geheißen hatte. Ihr Urgroßvater.

Die beiden Polen, die zwei Wochen zuvor die Betonarbeiten durchgeführt hatten, waren jetzt zusammen mit dem Nordnorweger hier. Es war ein seltsamer Anblick gewesen, wie sie mit der Stange angekommen waren, ein langer Mast hinten auf einer Ladefläche; sie hatte auf dem Hofplatz gestanden und zugesehen, wie sie gebracht wurde, die Stange, die jetzt stolz und selbstsicher gen Himmel wies. Schade, dass der Großvater das hier nicht miterleben konnte, aber sie hatten so kurzfristig angerufen und sich angekündigt, sie wollten innerhalb einer Stunde kommen, falls Torunn zu Hause wäre, und das war sie ja. Sie hatte bei diesem Anruf ein scheußliches Zittern verspürt, aber sie verstand nicht, weshalb. Das leise Zittern hatte sich keineswegs eingestellt, als die Polen am Boden mit Steinen und Beton am Werk gewesen waren.

»So«, sagte der Nordnorweger. »Die bleibt jetzt stehen, bis das Dovre-Gebirge einstürzt. Ich schicke die Jungs in einem Monat noch mal vorbei, damit sie die Bolzen nachziehen. Da gebe ich vorher nicht Bescheid, Sie brauchen dann nicht zu Hause zu sein, die wissen schon, was sie zu tun haben.«

»Schön. Danke.«

Die Fahnenstange stand weiß und kraftstrotzend und leer oben auf der Anhöhe, die Metallkugel ganz oben verschwand fast im Nebel. Das Seil, mit dem Flagge und Wimpel gehisst oder eingeholt wurden, war am Beschlag festgezurrt. Der Großvater hatte eine Ewigkeit über diese Fahnenstange gesprochen, die er ihr spendieren wollte; er genoss es offenbar, das Wort spendieren zu benutzen. In seinem Leben hatte er wohl nicht oft etwas verschenken können, abgesehen von der stummen Fügsamkeit, für die er nie ein Dankeswort gehört hatte. Wie sehr sie sich darauf freute, ihm die neue Stange zu zeigen! Und dass sie das alte Steinfundament hatten verwenden können, das würde ihn bestimmt freuen.

»Schönen Hund haben Sie da. Husky?«

Sie schaute den Nordländer überrascht an.

»Das ist ein Husky, ja.«

»Bellt nicht und nervt nicht oder so?«

»Wie ich, meinen Sie? Vermutlich ist sie einfach überwältigt. So viele Arbeitsleute auf dem Hof. Das hat ihr vielleicht die Sprache verschlagen.«

»Sie gehören doch wohl selbst zu den … Arbeitsleuten? Wo Sie einen Hof haben, oder nicht?«

»Sicher. Aber meistens sind wir allein hier, der Hund und ich. So hatte ich das gemeint.«

»Wie heißt er?«

»Anna.«

»Ein Menschenname. Hunde müssen Hundenamen haben, wenn Sie mich fragen. Kann ich sie mal streicheln?«

»Lieber nicht.«

Die sollten jetzt besser gehen, es reichte. Die wissen schon, was sie zu tun haben. Sie konnte diesen Trottel nicht mehr ertragen, obwohl er Anna ein Kompliment gemacht hatte, und die Polen hatten nicht einmal ihren Blick erwidert, nicht, als sie an dem Fundament arbeiteten, und selbst dann nicht, als sie ihnen Kaffee anbot. Da hatten sie nur den Kopf geschüttelt und rasch mit lässiger Geste auf ihr Auto gedeutet, wo sie sich dann auch Thermoskannen und kleine Plastiktüten mit Essen holten, als sie bald darauf beschlossen, jetzt sei Mittagspause angesagt. Beide trugen blaue Baumwolljacken mit ausgefransten Ärmeln. Sie hatten auch eine große Papiertüte voller Äpfel bei sich, sie kauten mit offenem Mund, während sie sich fröhlich auf Polnisch unterhielten. Sie hatte in der Küche gestanden, die beiden durch das offene Fenster beobachtet und gedacht, wie sorglos sie wirkten und wie sehr sie sich vermutlich irrte. Wahrscheinlich sahen sie unbeschwert aus, weil sie weit weg von ihren Familien in Polen waren, wo, das hatte sie gehört, sich alles am Rand des ökonomischen Abgrunds befand, und was blieb ihnen da anderes übrig, als in Norwegen zu arbeiten, Geld zu verdienen, Äpfel zu verzehren, mehr konnte niemand von ihnen verlangen. Erlends Polen fraßen übrigens ganze Zwiebeln wie Äpfel, das hatte er erzählt, als er zu Margidos Beerdigung angereist war. Dieser Anblick blieb ihr zum Glück erspart, die dänischen Polenmünder mussten doch vom Zwiebelsaft total verätzt sein, bei dieser Vorstellung hätte sie sich übergeben können.

Sie winkte und lächelte, als die Männer endlich fuhren, der Nordnorweger war schon wieder sauer, weil er Anna nicht hatte streicheln dürfen. Torunn schaltete ihr Lächeln in der Sekunde aus, in der sie nicht mehr zu sehen waren, und drehte sich zur Neuerwerbung des Tages um. Der Nebel war so schnell verschwunden, wie er gekommen war, die Sonne brannte auf die Feuchtigkeit, die er hinterlassen hatte, jetzt konnte sie die blanke Kugel hoch oben sehen, die leuchtete wohl über das ganze Bynesland.

Nun würde auf Neshov wirklich geflaggt werden!

Am Ostersonntag und am Befreiungstag und am 17. Mai, dem Nationalfeiertag, und dann war da noch etwas mit der Unionsauflösung Anfang Juni, sie konnte sich nicht genau erinnern. Die Mitglieder der Königsfamilie hatten zudem der Reihe nach Geburtstag, aber da musste sie offenbar nicht flaggen, sie durfte nur, sie kannte sich in der Materie noch nicht so hundertprozentig aus. Sie hatte bei Margidos Tod angefangen, sich über die Flaggenvorschriften kundig zu machen. Sie musste natürlich bei der Beerdigung von nahen Verwandten flaggen, und zwar so, dass oberhalb der Flagge ein Drittel der Stange zu sehen war.

Die nächste Beerdigung würde wohl die des Großvaters sein. Aber das hatte sie vor einiger Zeit schon gedacht, und dann war stattdessen Margido gestorben.

Jetzt stand sie hier, die Anerbin, am Fuße ihrer neuen Fahnenstange, und wartete fast schon auf einen Anlass, um die Nationalfarben dort oben flattern zu lassen. Bis dahin sollte dort ein Wimpel hängen, da ein Wimpel keine Arbeit macht, wie der Großvater gesagt hatte. Ein Wimpel konnte rund um die Uhr da oben hängen, um zu signalisieren, dass auf dem Hof Menschen wohnten, die Flagge dagegen musste zu genauen Uhrzeiten gehisst und eingeholt werden, abhängig von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, alles andere wäre grobe Majestätsbeleidigung.

Der Großvater hatte erzählt, er könne von der Veranda vor dem Aufenthaltsraum im Pflegeheim die Spitze der Stange sehen. Aber sie wollte den Wimpel noch nicht sofort hissen, wurde ihr plötzlich klar.

Ja, sie würde warten, bis sie den Großvater herholen könnte. Sie könnten es zusammen machen. Sie könnte zum Kaffee Zuckereier zubereiten, dann wäre es fast wie ein kleiner Nationalfeiertag, eine schöne Feier.

Der Wimpel lag noch immer in seiner Plastikverpackung auf dem Boden in der Diele. Sicher war auch das eine Majestätsbeleidigung.

Langsam ging Torunn zu Anna, die an den Hofbaum gebunden war.

Der Hund stellte sich still und graziös auf die Hinterbeine, als Torunn näher kam. Sie ging in die Hocke, legte sich Annas Pfoten auf die Schultern, bohrte das Gesicht in Annas Halsfell und fing an zu weinen.

Die alte Fahnenstange hatte einfach dagestanden, zersplittert und jämmerlich, und war fast eins geworden mit dem übrigen Hof.

Die neue stach hervor, und alle konnten sie sehen. Sie ragte auf in den Himmel und verkündete etwas, laut und deutlich, so schallend wie jeden Sonntag die Kirchenglocken von Byneset, sie war schon aus der Ferne zu sehen, man konnte fast glauben, auf Neshov wohne nun ein echter Bauer. Einer, der sich einbrachte und sich etwas traute und sogar selbstbewusst in eine prachtvolle Fahnenstange investierte.

Bisher hatte sie darüber noch gar nicht nachgedacht.

Nicht, als sie zum allerersten Mal allein die Tür des Hauptgebäudes aufgeschlossen hatte, um den Hof als rechtmäßige Besitzerin zu betreten. Nicht, als sie am Anbau das Schild mit ihrem Namen angebracht hatte. Nicht, als sie die erste Nacht hier verbracht hatte.

Bei alledem hatte die Erwartung vorgeherrscht, das klare, absolut sichere Bauchgefühl, der innere Jubel darüber, dass das hier das Richtige für sie war, endlich das Richtige.

Aber nun kam es gerade jetzt, an einem beliebigen Mittwochnachmittag, während eine Tiefkühlpizza auf dem Küchentisch auftaute und der Backofen gefühlt seit Stunden vorheizte. Nun erst hockte sie hier wie ein Kind und weinte jämmerlich in Annas weißes Fell.

Es war, als verbinde die neue Fahnenstange sie mit dieser Erde, mit diesem Hof, mit den Generationen vor ihr, die alle nach vorn geschaut hatten und die jetzt Vergangenheit waren.

Sie war vierzig Jahre alt. Allein und kinderlos und ohne Ausbildung, dachte sie und schluchzte laut auf, Anna hatte noch immer die Pfoten auf ihren Schultern liegen und versuchte, ihr Ohr zu lecken, traf aber nur auf Haare.

Margrete war ihre einzige Freundin und wohnte in Oslo. Margido hatte sie auch nicht mehr. Sie konnte sich nicht auf den Großvater stützen, der war zu gebrechlich und versunken in sein eigenes winziges Leben. Sie musste ihre Basis hier selbst finden. Granitbrocken suchen und so zusammensetzen, dass sie eine nahtlose Einheit ergaben. Jetzt musste sie für ihren Großvater da sein, und nicht umgekehrt.

»Trottel«, sagte sie laut. »Jetzt hör aber mal auf.«

Anna schaffte es endlich, ihr Gesicht zu lecken, ihr Atem roch feuchtwarm nach Erde und Gras, ihr Fell nach nassen Wollfäustlingen, nach Meeresnebel.

»Nein, du doch nicht. Du bist kein Trottel, damit war ich gemeint. Und ich vergesse dich nicht, weißt du. Du bist doch auch ein bisschen Anerbin!«

Sie ließ Anna los, erhob sich und sah noch einmal die prachtvolle Stange an, rieb sich das Gesicht mit den Händen, wischte Tränen und Hundehaare weg.

Diese verflixte Stange sah genauso aus wie alle anderen Fahnenstangen im ganzen Land, in der ganzen Welt, nicht mehr und nicht weniger. Sie war verdammt normal.

Nach der Pizza, von der sie nur zwei Stücke essen konnte, den Rest warf sie in den Müll, setzte sie sich mit einem kleinen Cognac und einer Zigarette in den Anbau. Die silberblanke Kugel an der Spitze des weißen Speers bohrte sich in den Himmel und war schwer zu übersehen.

Es ist zu spät, dachte sie und trank den letzten Schluck Cognac. Jetzt war es in Stein gemeißelt, dass sie das hier tun sollte, hierbleiben. Es stand so unverrückbar fest wie die Buchstaben im Gedenkstein, den Tor hinter der Scheune umgekippt und den sie mit Erlend mithilfe eines Stemmeisens wieder aufgerichtet hatte. Und es war nicht zuletzt durch Margidos Tod bekräftigt, ja fast amtlich bestätigt.

Das letzte Blatt am Neshov-Baum, das war sie, hier auf dem Hof und im Büro. Dem konnte sie nicht entkommen. Sie war in ihrem Leben so oft weggelaufen, vor Männern, aus Lebenssituationen. Von hier wegzulaufen, wäre einfach nur dumm, albern und kindisch, und es würde ihr die Selbstachtung nehmen.

Sie setzte sich aufrecht hin und drückte die Zigarette aus, fühlte sich seltsam ruhig. Hier musste überlegt und entschieden werden, in einem solchen Schwebezustand konnte sie unmöglich bleiben, das würde ihr den Schlaf rauben.

Den Entschluss, den sie gefasst hatte, als sie einen von Christers Welpen gestohlen hatte und fünfhundert Kilometer nach Norden gefahren war, um den Schlüssel in die Tür eines stillgelegten Hofes zu stecken, der auf dem Papier ihr gehörte und ihr auch im Herzen gehören sollte – diesen Entschluss musste sie in gewisser Weise noch einmal fassen. Es war zu spät, um noch einmal wegzulaufen. Die weiteste Flucht, die sie sich von nun an erlauben würde, wäre die in den Nachtschlaf. Oder in ein Glas Cognac.

Sie musste aktiv werden.

Und plötzlich war ihr klar, wo sie anfangen würde.

Sei jetzt nicht sauer«, sagte Torunn.

»Sauer?«, fragte ihre Mutter. Warum um alles in der Welt solle sie sauer sein? Es sei übrigens nett, dass Torunn anrufe, das letzte Mal sei ja schon eine Weile her. Sie habe das Gespräch jedoch ziemlich abrupt eröffnet, ohne »guten Tag« oder »hallo«, mit einer Art Befehl. Ob denn etwas Besonderes vorgefallen sei.

»Nein, nichts Besonderes. Es geht um etwas, das ich mir überlegt habe. Eigentlich schon länger.«

Das war glatt gelogen. Es war erst zwei Tage her, dass die Fahnenstange aufgerichtet worden war, der Wimpel lag immer noch jungfräulich zusammengefaltet in der Plastikverpackung in der Diele. Aber als sie nach Aufstellung der Fahnenstange im Anbau gesessen hatte, hatte sie entschieden, was der nächste notwendige Schritt sein sollte, und sie informierte sich im Netz darüber, wie man dabei vorging. Es hatte sich als ziemlich einfach herausgestellt.

Sie spürte das warme, kleine, flache Telefon an ihrem Ohr und ihrer Wange und war froh darüber, da ihre eigenen Fingerspitzen, die das Handy umschlossen, sich an ihrer Haut anfühlten wie Eiswürfel.

Nein, sie werde nicht sauer sein, wiederholte die Mutter. Hinter ihr liege ein wunderschöner Tag, und sie sei in überschäumend guter Laune, nicht zuletzt, weil sie und Morten in Sandvika gewesen seien und sich eine Wohnung angesehen hätten, sie spielten mit dem Gedanken, sie gemeinsam zu kaufen, eine richtig schöne und schicke Wohnung mit einem Balkon in jeder Sonnenrichtung, also drei, denn Nacht zähle bei Wohnungen ja nicht als eigene Sonnenrichtung, warum also sollte sie sauer sein? Sie sei zudem nur überaus selten sauer, fügte sie mit einem kleinen Lachen hinzu, wenn, dann sei sie gekränkt oder wütend.

»Ich glaube aber trotzdem, dass du sauer werden wirst«, sagte Torunn und versuchte, ganz tief durchzuatmen, sie brauchte einen richtigen Lungenzug, um die Luft an ihrem Kehlkopf vorbeipressen zu können.

Torunn war mit langen Schritten um den Hofbaum herumgewandert, ehe sie die Nummer der Mutter gewählt hatte, während Anna mit Sand und Schlammspritzern bis zu den Mundwinkeln angeleint an ebendiesem Baum saß und Torunn nicht aus den Augen ließ.