Hitzewelle - Anne B. Ragde - E-Book

Hitzewelle E-Book

Anne B. Ragde

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Beschreibung

Das furiose Finale der erfolgreichsten Trilogie aus Norwegen.

Das Schwerste im Leben? Eine Entscheidung treffen ...


Nachdem die junge Torunn ihren Vater Tor tot im Schweinestall gefunden hat, plagen sie schreckliche Schuldgefühle. Denn Tors Selbstmord war ein heftiger Streit vorausgegangen, bei dem sich Torunn geweigert hatte zu versprechen, später einmal Hof Byneset zu übernehmen. Wie konnte ihr Vater das nur von ihr einfordern? Sie hatte ihn doch erst vor kurzem kennengelernt und lebte eigentlich in Oslo. Torunns Onkel bekommen gar nicht mit, wie es ihr geht: Erlend und sein Lebensgefährte Krumme sind voll und ganz von ihrem bevorstehenden Familienglück eingenommen – die Schwangerschaft ihrer beiden lesbischen Freundinnen ist geglückt. Und Margido, der eigenwillige Bestattungsunternehmer, der alles für seinen Beruf tun würde, schwebt auf Wolke sieben. Er profitiert von der Hitzewelle die schwer auf dem Land lastet und alte Menschen in Scharen sterben lässt. Zwischen all diesen Ereignissen und den Selbstvorwürfen, die Torunn quälen, distanziert sie sich immer mehr von ihrer Familie und dem Hof. Sie muss endlich eine Entscheidung treffen – eine Entscheidung, die nicht nur ihr Leben, sondern das Leben aller Familienmitglieder verändert …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 388




Inhaltsverzeichnis
 
Widmung
 
Erster Teil
 
Copyright
Die norwegische Originalausgabe erschien 2007 unter dem Titel »Ligge i grønne enger« bei Forlaget Oktober as, Oslo.
Für Bingo, meinen Freund in der Not.
 
Die gesamte Trilogie über die Familie Neshov widme ich Stein Ketil.
Sie stand mitten auf dem Hofplatz, als er angefahren kam. Mit hängenden Armen stand sie dort und sah, wie er an der üblichen Stelle hielt, zwischen Scheune und Holzschuppen. Schon während er ausstieg, rief er: »Sorry, hab mich ein bisschen verspätet. Gestern Abend war wirklich nett!«
 
Sie lauschte seinen Worten, sah die Umrisse seines Körpers, seine Bewegungen in dem schmutzig grauen Morgenlicht. Aber vor allem sah sie, dass er auf sie zukam, und das musste er tun, denn sie fiel, es ging um Sekunden.
»Kai …«
»Bin unterwegs!«, rief er.
»Kai Roger.«
Plötzlich hatte er in ihrer Stimme etwas gehört, vielleicht ein Schluchzen, die Art, wie sie atmete, er wusste es nicht, aber er erstarrte für einen kurzen Moment, dann war er bei ihr, mit einem Sprung.
»Was ist los?«
»Mein Vater. Er... ich habe ihn in den Mittelgang gezogen und in einen Koben geschlossen, weg von Siri.«
»Aber was hat...«
»Er hat es selbst getan. Sein Tablettenglas lag da. Die Tabletten, die er für sein Bein bekommen hatte. Und einige Bierflaschen, glaube ich. Ich konnte nicht richtig... Er ist jedenfalls tot. Und Siri hat... Ich weiß nicht... Seine Nase und einige Finger...«
Er nahm sie in den Arm. »Ach herrje!, Torunn.«
Sie spürte das Gewicht seiner Arme, schloss die Augen und dachte daran, wie schwer die Knöchel ihres Vaters in ihren Händen gewesen waren, der eine Stiefel war auf den Boden geglitten, als sie ihn an den Füßen gezogen hatte, Siris erregter Blick, das um ihre Schnauze erstarrte Blut, das Geschrei der übrigen Schweine.
»Es ist meine Schuld«, sagte sie.
»Torunn!«
»Er hat sich selbst aufgegeben. Und das ist meine Schuld.«
Kai Roger löste seine Umarmung, festigte aber gleichzeitig seinen Griff um ihre Schultern und schob sie von sich fort.
»Sieh mich an.«
»Nein.«
»Dann hör mir wenigstens zu. Ich gehe jetzt in den Stall und bringe ihn in die Waschküche.«
Weinte sie? Torunn wusste es selbst nicht. Sie stand da und versuchte festzustellen, ob sie ihre eigenen Tränen spürte, aber sie spürte nichts. Eigene Tränen haben einen ganz besonderen Geruch. Doch sie konnte nur Bilder wahrnehmen - dunkles Blut vor baumelnden Riesenohren, der verschlissene Kragen seines Flanellhemdes, aus dem kleine zottige Fäden heraushingen, seine graue, von einer Wollsocke bedeckte Ferse, die auf uringetränktes Stroh fiel, als der Stiefel von seinem Fuß glitt, an dem sie gezogen hatte, seine blutunterlaufenen Augenhöhlen, sein Nasenrücken … und dort das Loch.
»Lauf in die Küche und ruf Margido an, ich kümmere mich um den Stall.«
»Das kann ich nicht.«
»Du musst. Du rufst Margido an, und ich übernehme den Stall.«
»Du übernimmst den Stall?«, fragte sie. Den Stall übernehmen. Das klang seltsam.
»Ja, jemand muss den Stall übernehmen. Egal wie. Die Schweine müssen gefüttert werden, die kapieren doch nichts. Sie müssen auf jeden Fall versorgt werden.«
»Ich kann das nicht«, flüsterte sie.
Wieder legte er seine Arme um sie, zog sie bestimmt zu sich heran und hauchte warm in ihre Haare.
»Ich kann das nicht.«
»Doch«, sagte er. »Und ich helfe dir dabei. Ich helfe dir, Torunn.«
Über seine Schulter hinweg sah sie zum Küchenfenster hinüber, dem Küchenfenster auf Neshov. Hier stand sie nun, und er war tot.
»Geh jetzt ins Haus. Ruf an. Und koch Kaffee. Den werde ich danach brauchen, wir werden beide danach einen brauchen.«
»Siri muss geschlachtet werden. Noch heute«, sagte sie.
»Es ist nicht die Schuld der Sau. Schweine, die...«
»Sie wird geschlachtet. UND ES IST MEINE SCHULD!«
Kai Roger schob sie mit ausgestreckten Armen von sich weg und packte sie abermals kräftig an den Schultern.
»So darfst du nicht denken.«
»ABER ES IST SO!«
Torunn fühlte, wie einfach alles in ihr zusammenbrach, sie verspürte ein so gewaltiges Weinen, dass sie glaubte, sich übergeben zu müssen, ein Weinen, das zu einem unendlich langen Atemholen und danach zu einem dünnen Heulen wurde. Sie legte den Kopf in den Nacken, seine Hände hielten sie, aber nur für einige Sekunden, dann sank sie zu Boden, und neben ihr ging Kai Roger in die Hocke. Sie konnte nicht mit Heulen aufhören, sie hörte, dass sie wie ein kleines Tier klang, sie horchte auf sich selbst und auf Kai Rogers Stimme, die von weit her kam, aber sie hörte nicht, was er sagte, erst, als er ihre Wangen packte und brüllte:
»SIEH MICH AN, TORUNN!«
Sie hielt inne und nahm den Geruch ihrer Tränen wahr.
»Sieh mich an, meine liebe Torunn.«
»Nein.«
»Es war nicht deine Schuld.«
»Doch. Ich will, dass sie geschlachtet wird.«
»Na gut. Steh jetzt auf. Komm her. Geh ins Haus, und setz Kaffee auf. Ich beeile mich und kümmere mich um den Rest. Dann komme ich zu dir.«
 
Sie blieb lange mit der Türklinke in der Hand stehen, ehe sie sie herunterdrückte. Die Klinke war kalt. Es gab sie schon immer hier, so kam es ihr vor. Jedenfalls schon lange Zeit vor ihr. Die Hand des Vaters hatte jeden Tag auf dieser Klinke gelegen, jeden Tag. Sie selbst war doch eigentlich nur zu Besuch hier.
Erster Teil
Sie fand einen freien Parkplatz am oberen Ende der Søndre gate, bog ein, drehte den Motor ab, blieb sitzen und starrte vor sich hin. Ein alter Mann betrat ihr Blickfeld. Er trug seinen Mantel offen und schob seinen Rollator beschwerlich und ruckartig über den Bürgersteig. Er bewegte sich an der Fensterfront einer Bank vorbei, in der ein riesiges Reklameplakat hing. Es zeigte einen Mann und eine Frau vor einem uralten Wohnwagen hinter einem winzigen, verrosteten Auto. Der Mann und die Frau starrten verzweifelt und hilflos in die Kamera. Und unter dem Bild stand: »Warum auf die Lottomillionen warten? Wir geben Ihnen den Kickstart!«
Der Mann hinter seinem Gehwagen atmete angestrengt und hektisch durch den Mund, er warf nicht einmal einen Blick auf die Werbung im Fenster. Er hatte genug mit jedem neuen Schritt zu tun, während seine Schuhe, die wie Pantoffeln aussahen, über den verstaubten Bürgersteig schlurften.
 
Sie legte die Unterarme auf das Lenkrad, schmiegte ihre Stirn darauf und schloss die Augen. Bestimmt roch sie nach Schweinedreck, sie hatte während der gesamten vergangenen Woche die Felder gedüngt. Obwohl sie frisch geduscht war, würde die Mutter bestimmt dazu ihren Kommentar abgeben. Der Stallgeruch überdeckte einfach alle anderen Gerüche. Sie setzte sich wieder aufrecht hin, streckte die Hände aus und musterte ihre Fingernägel, die abgenutzt und an den Rändern um die Nagelhaut leicht grau waren. Sie rieb ihre Handflächen gegeneinander, betrachtete die Lebenslinien, Schicksalslinien und Herzlinien oder wie sie nun alle hießen - diese Linien, von denen manche glaubten, dass sie etwas über Persönlichkeit und Zukunft verrieten. Ihre Linien waren ein wenig braun, sicher würde das in spirituellen Kreisen als schlechtes Zeichen gedeutet werden. Inzwischen brachte sie es kaum mehr über sich, Arbeitshandschuhe zu tragen, außer sie lagen genau vor ihrer Nase, wenn sie sie brauchte.
Sie legte die Unterarme wieder auf das Lenkrad, schmiegte erneut ihre Stirn daran, schloss die Augen und horchte auf die vorbeifahrenden Wagen. Bestimmt war der alte Mann jetzt verschwunden, aber ihr fehlte die Kraft, die Augen zu öffnen, um ihm nachzusehen. Sicher wohnte er allein, wechselte höchstens einmal pro Woche seine Unterhose und aß jeden Tag als Hauptmahlzeit altes Brot mit Makrele in Tomate, während er seine Tochter belog, wenn sie ihn aus einem in einem anderen Landesteil gelegenen Ort anrief, indem er versicherte, dass er sich mindestens viermal pro Woche eine ordentliche Mahlzeit mit Kartoffeln kochte.
Der Wagen hinter ihr startete den Motor, und mit geschlossenen Augen lauschte sie mehrfachem Schalten, vor und zurück, ehe die Umdrehungszahl hochging und das Geräusch des Autos verschwand. Nur wenige Sekunden später wiederholte sich dieses Geräusch, aber es lag daran, dass ein neues Auto in die jetzt frei gewordene Parklücke manövriert wurde. Sie hätte sich umdrehen und sich diesen Menschen ansehen können. In dem Auto gleich hinter ihr saß jemand, ein Mensch mit einem Leben, das garantiert ganz anders war als ihr eigenes, mit Sicherheit saß da kein Mensch, der den Tag damit begann, auf nüchternen Magen um sieben Uhr zu hungrig heulenden Schweinen in den Stall zu gehen. Oder vielleicht doch? Was wusste sie schon. Es war ja auch möglich, dass die gesamte Søndre gate just an diesem Tag von Autos voller Bauern bevölkert war. Aus Fosen und Skaun und Byneset und Ranheim. Sie hörte eine Autotür ins Schloss fallen. Es klang wie ein Deckel, der plötzlich und hart um eine offene Dose geschlossen wird.
»Hallo! Hallo!«
»Ja?«
Sie fuhr zusammen und richtete sich auf. Hinter dem Wagenfenster sah sie ein Gesicht. Eine Frau mit einer seltsamen Uniformmütze. Ihr rechter Zeigefinger war gekrümmt, ragte in die Luft, um an die Scheibe zu klopfen. Jetzt ließ sie den Arm sinken. Torunn kurbelte das Fenster herab, ihre Augen brannten, als hätte jemand Salz hineingestreut. Sie musste ihre Lider fast mit Gewalt öffnen und konnte das Gesicht der Frau nur mit Mühe scharf sehen.
Die Frau schnupperte ins Wageninnere.
»Entschuldigung, aber sind Sie hier eingeschlafen?«
»Ja, offenbar.«
»Es geht mich ja nichts an, aber...«
»Ich habe nichts getrunken, wenn Sie das meinen.«
»Sie müssen die Parkgebühr bezahlen. Das wollte ich nur sagen.«
»Ich bin eingeschlafen, noch bevor ich das erledigen konnte.«
»Ach so. Aber dann müssen Sie das jetzt nachholen. Danach können Sie gerne weiterschlafen, wenn Sie wollen.«
»Ich will nicht schlafen. Ich bin im Palmen mit meiner Mutter verabredet.«
»Dann bezahlen Sie einfach. Die nächste Parkuhr steht dort drüben. Wenn Sie kein Kleingeld haben, der Automat nimmt auch Kartenzahlung an.«
Sie entdeckte ihre Mutter sofort. Und im Luftzug der Schwingtür nahm sie deutlich den Geruch von Schweinedreck wahr, den sie verströmte. Sie sah ihre Mutter an einem der kleinen Tische rechts, und für einige wenige Sekunden konnte sie sie beobachten, dann schaute ihre Mutter auf, und ihre Blicke trafen sich. Die Mutter passte mit ihrem eleganten weißen Wollpullover mit Rollkragen, dem Gold in den Ohren, der sorgfältig arrangierten Frisur, einer Handtasche aus patiniertem weinrotem Leder, die am Stuhlbein lehnte, perfekt in diese Hotelbar. Sie legte gerade das Teesieb in eine weiße Porzellanschale. In den wenigen Sekunden, in denen sie geglaubt hatte, nicht gesehen zu werden, hatte sie müde gewirkt.
 
»Mutter. Hallo.«
»Da bist du ja! Aber... wie siehst du denn aus, Torunn?«
»Wie ich aussehe? Naja, ich...«
»Komm, lass dich umarmen. Und reg dich nicht auf, ich weiß ja, dass Kleider dir nie wichtig waren. Ach, meine Torunn, du hast mir so gefehlt.«
Sie ließ sich von der Mutter umarmen, erwiderte die Umarmung pflichtschuldig und sog dabei den Geruch von Geld, von Genug-Zeit-fürs-Bad und von tiefer Fürsorge für das eigene Aussehen ein. Als sie einander losließen, sah sie, wie die Mutter die Nasenlöcher blähte und die Nasenflügel auf und nieder zuckten wie bei einem Kaninchen. Aber sie sagte nichts, sie setzte sich nur wieder hin, zupfte den Pullover um ihre Taille zurecht, platzierte den weiten Rollkragen symmetrisch am Schlüsselbein und lächelte überschwänglich und mütterlich.
»Ich begreife eigentlich nicht, warum du hier bist. Am Telefon hast du gesagt, dass du mich sprechen willst?«
»Jetzt holen wir uns erst einmal etwas vom Lunchbüfett, und danach reden wir, meine Liebe.«
»Ich hab keinen großen Hunger.«
»Unsinn. Sieh dir doch nur die belegten Brote an. Ich möchte Tatar mit jeder Menge Kapern und gehackten Zwiebeln und Rote Bete. Gott sei Dank, dass man wieder rohe Eidotter essen kann, meine Güte, ich hatte dieses Gerede über Salmonellen ja so satt. Aber jetzt hört man keinen Mucks mehr, die Gefahr scheint also vorüber zu sein. Was möchtest du trinken, dann bestelle ich das zuerst?«
»Kann ich auch einen Tee haben?«
»Gut, und dann holen wir uns etwas zu essen. Hättest du nicht doch vielleicht ein Hemd finden können, das nicht gar so ausgewaschen ist? Hm?«
 
Sie nahm sich ein Brötchen von der erstbesten Platte und zu dicken Scheiben zusammengepresstes Roastbeef, das sie auf einen Berg aus Remoulade legte. Die Mutter stand noch immer am Büfett und organisierte den Inhalt ihres Tellers mit raschen, präzisen Bewegungen. Ein Mann setzte sich an den Flügel und spielte muntere Barmusik.
Die Bar war halb gefüllt, fast nur Frauen, die schon ein wenig in die Jahre gekommen waren, alle überdurchschnittlich sorgfältig zurechtgemacht. Ein Mann saß allein an einem Tisch vor einem Stapel Zeitungen. Er kam ihr bekannt vor, er sah aus wie einer der beiden Maler, die denselben Vornamen hatten. Aber sie war sich nicht sicher, sie hielt sich auch nicht mehr auf dem Laufenden darüber, was in der Welt geschah, sie kaufte sich keine Zeitungen, die sagten ihr nichts mehr, alles, was dort stand, war so weit weg von ihrem eigenen Alltag, und sie konnte sich nicht lange genug konzentrieren, um noch irgendein Interesse dafür zu entwickeln. Und deshalb kannte sie natürlich keine Namen von berühmten Künstlern. Ihr Großvater klagte jeden Tag darüber, dass die Zeitung Nationen nicht mehr im Briefkasten lag. Aber noch nicht einmal mehr damit mochte sie sich beschäftigen. Von der Nationen waren zwei Fensterbriefumschläge gekommen. Der erste hatte sicher die Rechnung enthalten, der zweite die Nachricht, dass die Zustellung sofort eingestellt werden würde, wenn sie die Rechnung nicht unverzüglich bezahlten.
 
»Es ist ja so schön, hier zu sein«, sagte die Mutter enthusiastisch, als sie sich an den Tisch setzte und die Serviette auf ihrem Schoß ausbreitete. »Ich habe noch nie im Britannia gewohnt oder im Palmen gegessen, ich habe nur darüber gelesen und Bilder gesehen. Das hier ist Trondheims Antwort auf Oslos Grand Hotel, weißt du? Wenche Foss liebt das Palmen, und dahinten sitzt Håkon Bleken. Da wo jetzt das Büfett steht, gab es früher einen Goldfischteich in der Mitte, aber die Leute haben ihre Zigarettenkippen ins Wasser geworfen, daher mussten sie die Goldfische wegschaffen. Wie gemein. Zigaretten in einen Goldfischteich werfen, in Oslo wäre so etwas nie passiert. Iss jetzt, Torunn. Du hast abgenommen, das steht dir nicht. Sag mal, schminkst du dich überhaupt nicht mehr? Hast du nicht früher wenigstens ein bisschen Wimperntusche benutzt?«
»Ich geh schnell eine rauchen. Mein Tee ist ja doch noch nicht gekommen.«
»Aber... willst du vor dem Essen rauchen? Ist es jetzt schon so schlimm? Ja, ja...«
 
Als sie hinaustrat und ihre Zigarettenpackung öffnete, beobachtete sie, wie ein hysterisch weinendes Kind über den Bürgersteig gezerrt wurde. Bei jedem Schritt zog es die Mutter heftig am Arm, in der anderen Hand trug diese ausgebeulte Plastiktüten. Überall waren Autos und Menschen, sommerlich gekleidete Menschen bei dem warmen Maiwetter. Vor dem Blumenladen war der Bürgersteig gefüllt mit eleganten Gestecken und einem langen Tisch mit Talglichtern und Servietten in passenden Farben. Torunn zog den Rauch tief in die Lunge und musste sich an die Wand lehnen, als ihr plötzlich schwindlig wurde. Was hatte sie an diesem Tag eigentlich gegessen? Viel jedenfalls nicht. Sie könnte ja einfach zum Wagen gehen, den Motor anlassen und zurück nach Neshov fahren, nachsehen, wie weit Kai Roger beim Eggen gekommen war. Bis zum Sonntag mussten sie den Dünger in die Erde gebracht haben, denn dann war in der Kirche von Byneset Konfirmation, und da durfte der Geruch von Schweinedreck nicht alles überlagern. Die Mutter hatte am Vorabend angerufen und Torunn gebeten, sie zum Mittagessen zu treffen. Kai Roger hatte nichts einzuwenden gehabt. Aber wie hätte er das auch haben können. Es war ja nicht sein Hof. Nicht seine Verantwortung. Doch im Moment gab es sehr viel zu tun. Sie mussten an diesem Tag auch noch die Schlachtschweine kennzeichnen, in zwei Wochen würden sie abgeholt werden.
 
»Dein Tee ist da. Und das Tatar war einfach köstlich.«
»Was machst du eigentlich in Trondheim, Mutter?«
»Ich bin hergekommen, um mit dir zu reden.«
»Wir haben doch beide Telefon.«
Die Mutter legte den Kopf schräg und deutete ein Lächeln an, ein Lächeln, das Torunn kannte, das herablassende, selbstmitleidige Lächeln, das sagte, hier sei sie es, sie ganz allein, die über Fragen und Antworten gleichermaßen verfügte.
»Unsere Telefongespräche waren in letzter Zeit ja nicht gerade inhaltsreich, Torunn. Immer findest du eine Entschuldigung, um aufzulegen, ehe wir uns ordentlich ausgesprochen haben, immer musst du etwas erledigen, das wahnsinnig eilig ist. Ich habe schon verstanden, dass du mich auf Armlänge von dir abhalten willst. Deshalb habe ich beschlossen herzukommen, um dir von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten.«
»Du kommst von Oslo nach Trondheim, nur, um mit mir zu sprechen?«
»Ja, du bist mein einziges Kind, meine Liebe. Wenn es wichtig ist, fliege ich natürlich diese Stunde zu dir, um dich zu treffen.«
»Die Beerdigung war dir nicht so wichtig. Da bist du nicht gekommen.«
»Da hatte ich ja auch gedacht, ich würde dich bald wieder in Oslo haben, das kannst du dir doch denken. Und so wenig Kontakt, wie du mit deinem Vater gehabt hattest, da kannst du doch nicht so unendlich getrauert haben, als er gestorben ist? Ich will ja nicht gefühllos sein, aber wirklich!«
»Er ist nicht gestorben. Er hat Selbstmord begangen.«
»Iss jetzt. Du musst etwas essen, Torunn.«
»Und es war meine Schuld.«
»Was sagst du da? So einen Unsinn habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehört!«
Die Mutter schenkte für beide Tee ein und schnaubte. Ihr Ohrgehänge schien recht schwer zu sein, die Löcher in den Ohrläppchen zogen sich nach unten wie dünne Risse.
»Er hat nicht daran geglaubt, dass ich den Hof übernehmen würde. Deshalb hat er sich umgebracht. Dann habe doch alles keinen Zweck, hat er gesagt.«
»Aber Torunn!« Die Mutter beugte sich zu ihr vor und flüsterte mit gedämpfter Stimme, ein kleines Stück Tatar fiel aus ihrem Mund und landete auf der Tischdecke.
»Natürlich wirst du überhaupt nichts übernehmen. Es ist nicht deine Verantwortung. Und jetzt muss dieser Wahnsinn bald ein Ende haben. Das muss ich dir jetzt wirklich klarmachen. Er ist vor sechs Wochen gestorben, und noch immer läufst du auf diesem alten Dreckshof herum. Ich habe mit Margido gesprochen...«
»Was hast du? Worüber denn?« Sie ließ sich, so weit sie konnte, in den Sessel zurücksinken.
»Darüber... ja, warum du überhaupt dort bist. Auch er wundert sich. Aber er hat dir geholfen, wenn ich das richtig verstanden habe.«
»Auf welche Weise hat Margido mir denn geholfen? Ich habe ihn nicht gerade oft gesehen, seit mein Vater...«
»Er hat dir geholfen, diesen Betriebshelfer zu finden, wenn ich das richtig verstanden habe. Er hat mit den richtigen Stellen gesprochen, damit du ihn behalten kannst, bis du weißt, was du willst.«
»Davon hat Kai Roger mir gar nichts gesagt.«
»Nein, die wollen dich sicher allesamt verschonen. Was für ein Bärendienst. Aber ich habe Margido klar und deutlich gesagt, was du willst.«
»Und was will ich, Mutter?«
»Diese Schweine schlachten oder verkaufen und dann zu deinem Leben nach Oslo heimkehren.«
»Und was hat Margido dazu gesagt?«
»Dass er das von dir selbst hören will. Und das muss wirklich bald passieren.«
»Es wohnen noch andere Leute dort. Mein Großvater. Allein kommt er nicht zurecht.«
»Er ist nicht dein Großvater. Er ist dein Onkel, genau wie Margido. Und seit wann ist eine Nichte für einen Onkel von achtzig Jahren verantwortlich, den sie erst mit sechsunddreißig kennengelernt hat, wenn ich fragen darf?«
»Er tut mir leid.«
»Ich hole mir noch ein Stück Kuchen zum Nachtisch, währenddessen kannst du dir das alles ein wenig überlegen.«
Sie schnitt ein Stück von ihrem Roastbeefbrot ab und steckte es in den Mund, konzentrierte sich darauf, langsam auf beiden Seiten des Mundes zu kauen, so wenig wie möglich zu denken, um nicht hier inmitten der herausgeputzten Damen und berühmten Maler loszuheulen, sie musste sich an Zorn und Verärgerung festhalten, das lieferte den besten Schutz. Der weiße Pullover der Mutter wurde zu einem beweglichen Fleck am Rande ihres Blickfeldes, sie gab drei Löffel Zucker in ihren Tee, merkte, wie die Tasse zitterte, als sie sie an den Mund hob.
»Du bist in Oslo zu Hause«, sagte die Mutter, noch ehe sie sich wieder gesetzt hatte. Ein umständlich verziertes Stück Kuchen lag vor ihr auf einem großen weißen Teller. Der Tatarteller war bereits abgetragen worden.
»Ich brauche dich. Du bist mein einziges Kind. Ich brauche dich mehr als so ein alter Mann auf Byneset.«
»Er tut mir leid. Und du brauchst mir nicht leidzutun, Mutter.«
»Gunnar wird Vater«, sagte die Mutter leise und ließ ihre Kuchengabel müde über den Tellerrand kratzen.
»Na und? Das ist doch schön für ihn. Musst du mir deshalb leidtun?«
»Sei jetzt nicht sarkastisch. Natürlich ist das für mich eine ungeheure Belastung. Wir waren immerhin dreiunddreißig Jahre verheiratet, hast du das vergessen?«
»Aber jetzt seid ihr das nicht mehr. Und das Haus ist verkauft …«
»Nein, ach, bitte erinnere mich nicht daran. Sonst muss ich nur weinen. Gott, wie mir dieses Haus fehlt... weißt du, ich schaffe es unter keinen Umständen nach Røa, ich bringe es einfach nicht über mich, auch nur eine einzige vertraute Straße, einen vertrauten Laden zu sehen.«
»Ich dachte, du fühltest dich wohl in deiner neuen Wohnung.«
»Ja, das tue ich auch. Aber achtzig Quadratmeter im dritten Stock in Sandvika sind nicht genau dasselbe wie eine Villa in Røa. Ich wollte es nicht riskieren, all mein Geld in die Wohnung zu stecken, von irgendetwas muss ich doch leben. Ich lebe mich ja auch so langsam ein, aber eine Villa auf Røa ist es eben nicht.«
»Achtzig Quadratmeter mit Fahrstuhl und Dachterrasse. Eigentlich gar nicht so schlecht.«
Die Mutter ließ sich im Sessel zurücksinken, seufzte tief und dramatisch und schaute zugleich zu dem Künstler hinüber, um festzustellen, ob er sie ansah.
»Weißt du, Torunn, ich habe keine Lust, mit dir zu streiten. Ich bin nicht den ganzen Weg nach Trondheim gekommen, nur um mich mit dir zu streiten.«
»Ich habe dich ja auch nicht gebeten.«
»Und was ist mit deinem ganzen alten Kram vom Dachboden? Ich musste einen Kellerverschlag von einer der Wohnungen mieten, die noch nicht fertiggestellt sind, und da steht jetzt alles. Dort kann es ja nicht bis in alle Ewigkeit bleiben, bestimmt ziehen da bald auch Leute ein. Ich hab ja nicht einmal den Schlüssel zu deiner Wohnung. Sag mal, hast du denn keine Pflanzen, die Wasser brauchen? Irgendetwas, das im Kühlschrank verkommt? Einfach alles stehen und liegen zu lassen. Deine Post lässt du dir doch wohl nachschicken?«
Torunn nickte. Die Mutter seufzte noch einmal, danach lächelte sie wie ein krankes Kind und sagte: »Ich bestelle eine Flasche Wein für uns, ja? Was sagst du dazu? Hm...? Meine Liebe?«
»Ich bin mit dem Auto da. Das weißt du sehr gut, Mutter.«
»Aber ich wollte doch... ich habe schon ein Zimmer für dich gebucht. Hier im Britannia. Ein schönes Zimmer mit einer riesigen Badewanne. Als kleine Überraschung, als kleines Geschenk. Klingt das nicht wunderbar? Ich dachte, wir könnten zusammen zu Abend essen und...«
Torunn ließ ihr Besteck auf die Tischdecke fallen und faltete mit wütenden Bewegungen die Stoffserviette zusammen.
»Das kann ich natürlich nicht. Herrgott, wie ist es möglich? Ich habe die Verantwortung für die Tiere, die dort leben, hast du das wirklich vergessen?«
»Nicht so laut, die Leute starren schon. Du hast doch den Betriebshelfer, Torunn. Ich dachte, es sei der Sinn der Sache, dass er dir im Betrieb hilft?«
»Aber nicht so von einer Sekunde zur anderen. Soll ich ihn bitten, auch für meinen Großvater zu kochen, nachdem er den ganzen Tag geeggt hat? Du hast doch keine Ahnung, wovon du redest. Und jetzt muss ich los. Danke für die Einladung.«
»Du bleibst sitzen«, sagte die Mutter hart, dann fing sie an, in ihre Serviette zu weinen. Der Barmusiker spielte eine neue Melodie, die langsam und vage romantisch war.
»Können wir es uns nicht wenigstens ein bisschen nett machen, eine Zeit lang über etwas anderes reden?«, fragte die Mutter, zog eine Papierserviette aus der Handtasche und putzte sich vorsichtig die Nase. Torunn hätte gern laut gelacht, obwohl sie nicht einmal die Kraft zu lächeln hatte. Nie im Leben würde die Mutter in der Öffentlichkeit ihre Nase mit einer Tischserviette putzen, man hatte doch Manieren, auch wenn man eigentlich aus einem Dorf bei Tromsø stammte und der Stammbaum von Bauern und Fischern geradezu überquoll.
»Wie geht es denn denen in Kopenhagen, meine Liebe?«
»Ich bin die Anerbin, Mutter. Einen Hof verkauft man nicht so ohne weiteres. Neshov ist konzessionspflichtig.«
»Meine Güte! Diese... diese Bauernwörter, mit denen du um dich wirfst... natürlich verkauft man ihn, wenn die Anerbin ihn nicht haben will.«
»Aber das weiß ich doch noch nicht! Es war meine Schuld, dass mein Vater sich das Leben genommen hat, und ich habe das Gefühl, ihm etwas schuldig zu sein. Und seinen Schweinen.«
»Um Himmels willen, Torunn, wie kann man Schweinen denn irgendetwas schuldig sein?«
Die Mutter lachte jetzt laut und unnatürlich. Torunn wartete, bis sie fertig war, dann sagte sie: »Er hat sie geliebt. Sie waren sein ganzes Leben. Ich liebe sie auch.«
Die Mutter hatte die Papierserviette zu einem kleinen Ball zusammengeknüllt, jetzt senkte sie den Kopf und starrte den Ball schweigend an. Torunn dachte daran, wie lange es her sein musste, dass sie so etwas zu ihrer Mutter gesagt hatte, dass sie sie liebte, und jetzt saß sie hier und sprach über ihre Gefühle für Schweine. In dem künstlichen Blond der Mutter entdeckte sie einige wenige Milimeter grauen Haarwuchs.
»Mutter«, sagte sie und streckte die Hand über den Tisch aus, aber die Mutter bemerkte es nicht. Torunn zog ihre Hand rasch wieder zurück und sagte: »Erlend und Krumme geht es übrigens gut. Jytte und Lizzi sind jetzt schon in der neunten Woche, und alles verläuft normal. Erlend schickt mir eine SMS nach der anderen.«
»Du willst es offenbar nicht verstehen, Torunn.«
»Erlend hat Anfang Juni Countdown für den Ultraschall.«
Torunn bohrte ihre Gabel in die Remouladensoße und betrachtete die fein gehackten Stücke Gewürzgurke, die in der gelben Masse umherglitten. Blutiges Wasser sickerte aus dem Roastbeef in das Weißbrot und dann weiter auf den weißen Teller. Das Weißbrot war jetzt rosa und sah aus wie Schaumgummi.
»Nun denn, wenn wir schon über die beiden reden müssen, dann möchte ich nur sagen, dass ich das ja ungeheuer witzig finde, das kannst du dir überhaupt nicht vorstellen. Alle meine Freundinnen finden das auch. Auf so eine Idee zu kommen! Und dann mit zwei Frauen gleichzeitig«, sagte die Mutter und schnitt mit der Gabel ein großes Stück Kuchen ab, eine kleine Schokoladenrose wurde genau in der Mitte zerteilt. Torunn wollte Erlends und Krummes großartigen Plan, Neshov zu renovieren, den Silo auszubauen und aus Neshov ein Ferienziel zu machen, mit keinem Wort erwähnen. Diese Pläne setzten nämlich voraus, dass Torunn dort wohnen blieb, und damit würde sie momentan nur Öl ins Feuer gießen.
»Hab jetzt Lust auf Kaffee zum Kuchen. Und auf ein Glas Cognac. Die haben hier doch sicher Bache XO. Bist du dir sicher, dass du keinen Cognac willst, meine Liebe? Oder Wein?«
Torunn kam der Gedanke, wie gut es eigentlich gewesen war, dass die Mutter nicht zur Beerdigung gekommen war, denn dann hätte sie alles über Erlends Pläne erfahren und eins und eins zusammengezählt. In einem Telefongespräch hatte Krumme das Thema kurz berührt und Torunn offen gefragt, ob sie die Idee gut finde. Er wusste, dass für sie damit eine Entscheidung verbunden war, erfasste offenbar auch die Reichweite der Sache mit der Wohn- und Betriebspflicht, während Erlend hingegen davon ausging, dass sie selbstverständlich bleiben würde.
Ausgerechnet Erlend, der vor Tors Tod nicht hatte begreifen können und wollen, dass Torunn dort freiwillig bleiben mochte. Wieder und wieder hatte sie ihm erklärt, ihren Vater nicht im Stich lassen zu können, wenn er sie brauchte. Jetzt, wo sie nicht einmal einen Vater als Begründung anführen konnte, hatte er sich einfach quergestellt, weil er plötzlich das Potential des Hofes erkannt hatte. Darin lag ein Egoismus, den sie nicht ignorieren konnte, sosehr sie ihren frisch erworbenen Onkel auch mochte.
»Ein ganzer Bauernhof gratis in den Schoß, kleine Nichte, und dazu dänische Millionen auf einem silbernen Tablett. Holy shit, das wird ja so wunderbar. Freu dich nur, bald lernst du Neufeldt kennen, den Architekten. Wir kommen gemeinsam mit ihm nach Trondheim, mit ihm und seinem Zeichenblock, er muss nur vorher noch ein Luxushotel in Thailand fertigmachen, so ein Hotel mit mindestens zwanzig Sternen, aber danach hat er frei und kann sich ganz und gar auf einen verfallenen norwegischen Bauernhof konzentrieren. Totales Kontrastprogramm! Aber Krumme kennt ihn, und er hat sofort Ja gesagt. Er wird natürlich auch fett bezahlt, meine Fresse, klar... Und wir reden hier von einem Stundenlohn, du, für den Preis könnte man eine ganze englische Fußballmannschaft anheuern. Aber who gives a shit about football, nicht wahr? Na ja, Elton John vielleicht... Er hat sich doch eine Mannschaft gekauft. Und David Beckham ist einfach zum Fressen, natürlich nur, solange er nicht den Mund aufmacht und man kapiert, dass er garantiert ein Kastrat ist. Wie die beiden Kinder gezeugt haben, stellt meine Phantasie wirklich auf eine harte Probe. Die kleine Frau Bosch... so nenne ich die Beckham, nach meiner elektrischen Zahnbürste, die hat genau dieselben Formen …«
 
»Torunn? Jetzt warst du aber weit weg, meine Liebe. Müde?«
»Ziemlich. Muss morgens früh raus, weißt du. Viel harte körperliche Arbeit.«
»Ach herrje. Das kann doch nicht gesund sein.«
»Doch, ich glaube sogar, es besteht allgemeine medizinische Einigkeit darüber, dass körperliche Arbeit gesund ist.«
»Komm mir bitte nicht so, nicht in diesem Ton. Ich will nur dein Bestes, und das weißt du sehr gut.«
Sie ließ den Teller mit dem Roastbeefbrot abräumen, ehe die Mutter sich dazu äußern konnte, wie wenig sie gegessen hatte. Kaffee und Cognac wurden serviert, ihre Mutter leerte das halbe Cognacglas auf einen Zug.
»Wann fährst du wieder nach Hause?«
»Morgen. Ich kann doch ein wenig shoppen, wenn ich schon mal hier bin. Kennst du ein paar gute Geschäfte?«
Ich bin doch fast nie in der Stadt. Ich finde es immer noch ganz schön krank vor dir, so eine weite Reise zu machen, nur um mit mir zu reden.«
»Damit du zur Vernunft kommst, meine Liebe. Aber eigentlich bin ich jetzt ja nur noch mehr besorgt, um ganz ehrlich zu sein«, sagte sie und seufzte theatralisch und warf erneut einen Blick in die Richtung, wo der Künstler saß. Torunn folgte ihrem Blick, der Maler saß nicht mehr da. Sie verspürte ein winzig kleines Aufflackern von Zärtlichkeit für ihre Mutter.
»Willst du nicht mit mir auf den Hof rauskommen? Die Apfelbäume blühen. Und von der phantastischen Aussicht hast du mir doch selbst erzählt.«
»Seid ihr nicht gerade mit Düngen beschäftigt?«
»Doch.«
»Nein, danke, dann lieber nicht. Ich bin zwar nicht gerade arm, seit wir das Haus verkauft haben, aber eine ganze Garderobe wegzuschmeißen, wäre ja wohl ein wenig übertrieben. Diesen Geruch kriegt man doch nie wieder weg. Meinst du, dass ich den hier etwa nicht quer über den Tisch bemerke? Und deine Hände, Torunn - wie sehen die denn aus! Ich nehme an, dass sie sauber sind. Eigentlich. Hände werden ja so, wenn man... aber wie kommst du finanziell zurecht? Du bist nicht mehr krankgeschrieben, oder?«
»Nein. Unbezahlter Urlaub.«
»Der Alte auf dem Hof hat doch sicher eine Rente?«
»Ja. Und mein Vater hatte über den Bauernverband auch eine Art Lebensversicherung. Davon zehren wir gerade.«
»Herrgott, jetzt musst du aber bald zur Vernunft kommen.«
»Ich muss jetzt los.«
Sie erhob sich.
»Dann sehe ich dich gar nicht mehr? Aber Torunn … denk an das schöne Zimmer, in dem du dich entspannen könntest. Nur eine Nacht?«
»Nein, danke. Und danke für das Essen.«
»Aber kannst du nicht wenigstens nachher wieder in die Stadt kommen und hier mit mir zu Abend essen? Das ist doch das Mindeste...«
»Ich esse gegen drei Uhr, und abends bin ich im Stall, und gegen halb zehn gehe ich schlafen.«
»Jetzt übertreibst du. Jetzt übertreibst du, um gemein zu sein. Norwegische Bauern leben nicht so. Natürlich können die sich mal ein Essen in der Stadt gönnen.«
»Ich bin keine norwegische Bäuerin. Ich bin ich. Und solche Dinge müssen geplant werden. Außerdem haben wir im Moment schrecklich viel zu tun. Ich kann nicht... und jetzt muss ich wirklich gehen.«
Sie ließ sich von ihrer Mutter umarmen. Als sie ihre Hände auf den weichen Wollpullover legte, hatte sie sofort Angst, Flecken zu hinterlassen, sie spürte, wie der Rücken ihrer Mutter zu zittern anfing, als nehme er Anlauf zu neuem Weinen.
»Nicht, Mutter. Nicht weinen. Ich finde schon eine Lösung. Sei ganz ruhig. Ich bin erwachsen, ich werde damit fertig.«
»Es war jedenfalls nicht deine Schuld, mein Schatz. Du musst mir versprechen, dass du das einsiehst«, flüsterte die Mutter und drückte sie noch immer an sich.
Torunn nickte.
»Mach’s gut, Mutter. Und gute Heimreise. Grüß deine Freundinnen von mir.«
Sie musste sich dazu zwingen, auf dem Weg zur Drehtür in einem normalen Tempo zu gehen. Dann rannte sie durch die Hotelrezeption, blieb aber auf dem Bürgersteig draußen abrupt stehen, um kein Aufsehen zu erregen. Sie zündete sich eine Zigarette an und musste das Feuerzeug mit beiden Händen halten. Sie zog ihr Telefon heraus und rief Kai Roger an. Er meldete sich beim ersten Klingeln.
»Ich mache mich jetzt auf den Heimweg, wie geht es dir?«
Seine Stimme klang wie immer, alles war normal, drinnen saß ihre Mutter, hier draußen stand sie. Er machte gerade Kaffeepause, mit dem Eggen lief alles nach Plan. Er hatte auf einem der weiter unten liegenden Felder einige Unebenheiten entdeckt, dort würden sie Schotter auslegen müssen. Und dann war ihm eingefallen, dass sie ein neues Stempelkissen gebrauchen könnten, um die Schweine zu kennzeichnen, das alte war so abgenutzt, dass die Zahlen undeutlich wurden. Er fragte, ob sie beim Schlachthof Eidsmo vorbeifahren und ein neues besorgen könnte.
»Natürlich. Benötigen wir auch noch etwas anderes, wo ich schon einmal in der Stadt bin?«
»Du brauchst dich jedenfalls nicht zu beeilen. Es ist doch schön, ein paar Stunden für sich zu haben, weg vom Hof. Weißt du jetzt, warum deine Mutter nach Trondheim gekommen ist? Kommt sie mit auf den Hof?«
»Nein, sie ist mit Freundinnen verabredet, die sie auf irgendeiner Reise kennengelernt hat. Und dann wollte sie ein bisschen shoppen. Sie hat gemerkt, wie ich rieche, und da hatte sie keine Lust auf einen Hofaufenthalt...«
»Da ist sie aber ganz anders als ihre Tochter.«
»Das kannst du laut sagen. Aber im Palmen ist es schon toll. Übrigens, ich hatte keine Ahnung, dass du mit Margido dafür gesorgt hast, dass du weitermachen kannst. Dass es da Probleme gegeben hat, meine ich... Ich hatte nur... einfach gar nicht daran gedacht.«
»Das brauchst du auch nicht. Es gibt allerlei Übergangsordnungen in Verbindung mit Todesfällen und solchen Dingen.«
Übergangsordnungen.
 
Übergang? Wozu denn? Sie hatte keinen Strafzettel bekommen, obwohl sie ihre Parkdauer bereits um zehn Minuten überschritten hatte. Sie fing an zu weinen, noch bevor sie an Ilen vorbeigefahren war, und sie hörte erst wieder auf, als das Bynesland sich vor ihr öffnete, hinter Rye, frühlingsgrün und leuchtend mit Feldern in verschiedenen Brauntönen, scharf abgezeichnet, je nachdem, wie weit jeder Hof mit Düngen und Pflügen und Saat vorangekommen war. Noch immer nahm sie die kostbaren Düfte der Mutter wahr, vermischt mit einem schwachen Cognacgeruch, den ihre Mutter ausgeströmt hatte, als sie ihr zuflüsterte, es sei nicht ihre Schuld.
Natürlich war es ihre Schuld. Der Vater hatte nicht wissen können, dass sie durchaus mit dem Gedanken gespielt hatte, irgendwann den Hof zu übernehmen. Aber er hatte sofort eine Antwort verlangt, und die hatte sie ihm nicht geben können, an dem Freitag, an dem er am Ende im Koben bei Siri eingeschlafen war, seiner Lieblingssau, mit Bier, Aquavit und sechsundneunzig Paralgin forte im Bauch.
Rotz tropfte ihr aus der Nase, sie wischte ihn mit ihrem Hemdsärmel ab.
Der Vater musste das doch begriffen haben. Er hatte es zahllose Male selbst gesagt, ganz stolz sogar, dass Schweine eigentlich Raubtiere seien, wie um zu beweisen, dass er sie beherrschte, dass es eine Frage gegenseitigen Respekts war. Er musste gewusst haben, dass sie ihn in genau diesem Zustand
 
 
 
1. Auflage
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eISBN : 978-3-641-03316-3
 
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