Das Lügenhaus - Anne B. Ragde - E-Book
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Das Lügenhaus E-Book

Anne B. Ragde

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Beschreibung



Drei Generationen, drei Männer, ein dunkles Geheimnis.


Trondheim in Norwegen: Als die Bäuerin Anna nach einem Schlaganfall im Sterben liegt, kommt die Familie nach Jahrzehnten erstmals wieder zusammen. Tor, der älteste Sohn, der den Hof übernommen hat und eine Schweinezucht betreibt, verständigt nicht nur seine beiden Brüder – Margido, der vor Jahren den Kontakt zum Elternhaus abgebrochen und sich als Bestattungsunternehmer selbstständig gemacht hat, und Erlend, der mit seinem Lebensgefährten als Schaufensterdekorateur in Kopenhagen lebt –, sondern auch seine Tochter Torunn, die er nur ein einziges Mal gesehen und vor seiner Familie verheimlicht hat. Nun, am Sterbebett der Mutter, hält ausgerechnet der unscheinbare Vater eine riesige Überraschung bereit, die das bisherige Leben in Frage stellt …

Ausgezeichnet mit dem norwegischen Buchhandelspreis.

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Seitenzahl: 421

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Buch

Trondheim in Norwegen: Als die Bäuerin Anna nach einem Schlaganfall im Sterben liegt, kommt die Familie nach Jahrzehnten erstmals wieder zusammen. Tor, der älteste Sohn, der den Hof übernommen hat und Schweinezucht betreibt, verständigt nicht nur seine beiden Brüder – Margido, der vor Jahren den Kontakt zum Elternhaus abgebrochen hat und sich als Bestattungsunternehmer selbstständig gemacht hat, und Erlend, der mit seinem Lebensgefährten als Schaufensterdekorateur in Kopenhagen lebt –, sondern auch seine Tochter Torunn, die er nur ein einziges Mal gesehen und vor seiner Familie verheimlicht hat. Nun, am Sterbebett der Mutter, hält ausgerechnet der unscheinbare Vater eine riesige Überraschung bereit, die das bisherige Leben aller in Frage stellt ...

Autorin

Anne B. Ragde wurde 1957 im westnorwegischen Hardanger geboren. Sie ist eine der beliebtesten und erfolgreichsten Autorinnen Norwegens und wurde mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt mit dem Norwegian Language Prize und dem Norwegischen Buchhandelspreis.

Inhaltsverzeichnis

Über die AutorinErster TeilZweiter TeilDritter TeilCopyright

Komm«, flüsterte sie. »Kannst du denn nicht bald kommen...«

Sie stand vor der Tür des Bootshauses und rang die Hände, unten in der Schürzentasche, was, wenn er nicht allein wäre, es wäre nicht das erste Mal. Denn wer könnte ahnen, dass ein Ausflug hinunter zum Strand etwas anderes war als ein Ausflug an den Strand, sie könnten doch auf die Idee kommen, dass er Gesellschaft haben wollte. Aber wenn er nicht allein kam und sie sie hier fanden, würde sie das einfach damit erklären, dass sie kaltes Fjordwasser holen wollte, um die frisch gefangenen Heringe damit zu übergießen. Sie hatte einen Eimer mitgenommen, eben, um eine solche Entschuldigung zu haben.

Im Bootsschuppen stand die Hitze, Sonnenstreifen sickerten durch die Wandbretter, und dort, wo die Sonnenstreifen auf den Boden trafen, wuchsen kurze grüne Grasbüschel zwischen den Steinen hervor. Am liebsten hätte sie sich jetzt ausgezogen, um in den noch winterkalten Fjord hinauszuwaten, den Muschelsand unter ihren Fußsohlen zu spüren, die Tanglappen an Waden und Schenkeln vorbeigleiten zu lassen, ihn für kurze Zeit zu vergessen, ihn zu vergessen und sich desto mehr zu freuen, wenn er ihr wieder einfiel.

»Komm doch endlich, bitte...«

Sie hatte die Tür angelehnt und konnte hinausschauen. Draußen lag das Boot an Land, leicht schräg auf der Seite. Der Bug bohrte sich ins Wasser, kleine Wellen leckten schmatzend an den geteerten Brettern. Austernfischer jagten einander über die Wasseroberfläche, schwarzweiße Wuschel mit knallroten Streifen, benommen und ausgelassen von der Sonne und der plötzlichen Hitze. Alle sprachen über die Hitze, darüber, dass die warmen Sommer mit dem Frieden gekommen seien. Zwei Jahre Frieden im Land, und plötzlich war es wieder warm. Die Felder strotzten vor Korn und Saatkartoffeln, Beerensträucher und Bäume waren übersät von neuen Knospen, sogar die deutschen Bäume wuchsen wie besessen. In dem Frühling, in dem die Deutschen gekommen waren und mit dem Land gemacht hatten, was sie wollten, war es so kalt gewesen, dass bis weit in den Mai hinein in den Fjordarmen Eis gelegen hatte.

Noch immer freute sie sich über den Frieden und fragte sich, wie viel Zeit vergehen müsste, bis sie ihn so selbstverständlich nehmen würde, wie man das doch eigentlich sollte. Aber vielleicht kam die Freude auch noch von woandersher, von ihm. Sie hatte ihn im Friedenssommer kennengelernt. Wenngleich, kennengelernt... Sie hatte doch immer gewusst, wer er war, bei mehreren Gelegenheiten hatte sie sogar ganz normal mit ihm gesprochen, er kam ja auf alle Höfe, wie die meisten Menschen aus der Nachbarschaft. Aber plötzlich, an diesem Sommerabend auf Snarli, als sie draußen auf der Hofwiese saßen, nachdem sie den ganzen Tag mit Torfstechen beschäftigt gewesen waren, als sie schweißnass und benommen von Hitze und Anstrengung dasaßen, kam er von Neshov aus über die Felder geschlendert, und sie sah sofort, dass er zu ihr wollte. Ihr Körper verstand, jede Faser ihres Leibes wurde von ihm gesehen, ihr Hals, die schweißnassen Locken, die an ihrer Stirn klebten, die Hände, die sie hinter sich ins Grasstützte, die Waden, von denen sie wusste, dass sie braun und blank aus ihren Schuhen ragten, ihm entgegen. Irgendwer holte einen Becher Bier, das Bier brachte sie zum Lachen, auch er lachte, versuchte, vor allem die anderen anzulachen, aber sein Blick landete doch immer wieder bei ihr und machte sie schön, und als sie spürte, wie ihr Rocksaum ein wenig über ihre Knie glitt, dahin, wo die Oberschenkel sich nach innen wölbten, ließ sie ihn ein wenig weiter gleiten, und noch ein wenig weiter, und spreizte leicht die Knie, und sie lachte noch mehr und spürte den Schmerz, der ihr das Kreuz hochwanderte, so dass sie fast aufgejammert hätte.

Sie ging heimwärts, und er stand im Laubwald und wartete, sie durfte ihre Handflächen auf seine Haut legen und seinem Blick begegnen, und sie wusste, dass von jetzt an alles neu sein würde. Nicht nur der Frieden und dass sie im Laufe der Kriegsjahre erwachsen geworden war, sondern die ganze Welt, hier standen sie und erschufen die Welt, sie beide zusammen, Bäume und Boden wurden neu, der Fjord dort unten, der Sommerhimmel mit den jagenden Schwalben, als er den Kopf senkte und fest damit rechnete, dass sie seinen Lippen begegnen würde.

An das Ungeheuerliche daran verschwendete sie nicht einen einzigen Gedanken.

Da kam er! Allein, Gott im Himmel sei Dank.

Sie schluchzte auf und spürte, wie das Zittern einsetzte, ihre Beine überzogen sich in der stehenden Hitze mit Gänsehaut, ihr Mund trocknete aus. Er schwenkte die Arme, seine Stirn leuchtete blank und braun, während er seine Holzschuhe anstarrte und seine Schritte auf dem steinigen, unebenen Weg plante. Unter der groben Arbeitskleidung gehörte er ihr, hinter den Gerüchen harter Arbeit lagen ihre Gerüche, sie wollte seine Augen lecken, bis nur noch für sie Platz dort wäre, obwohl sie doch wusste, dass es ohnehin schon so war. Sie gehörte jetzt nach Neshov, würde dort sein, er hatte dafür gesorgt,dass sie immer dort sein konnte. Und ab und zu würden, sie sich davonschleichen, hierher oder in die Scheune oder in den Wald, weg von den dünnen Schlafzimmerwänden, die nur aus Ohren zu bestehen schienen.

Seine Holzschuhe knirschten auf dem sonnengetrockneten Tang. vor dem Bootshaus blieb er stehen.

»Anna?«, fragte er leise in den dunklen Türspalt.

»Hier bin ich«, flüsterte sie und versetzte der Tür einen kleinen Stoß.

Erster Teil

Als an einem Sonntagabend um halb elf das Telefon schellte, wusste er natürlich, was los war. Er griff nach der Fernbedienung und drehte den Fernseher leiser, über den Bildschirm flimmerte eine Reportage über Al-Quaida.

»Hallo, hier spricht Margido Neshov.«

Und er dachte: Ich hoffe, da ist ein alter Mensch in seinem Bett gestorben, ich hoffe, es ist kein Verkehrsunfall.

Es war jedoch keins von beiden, sondern ein Junge, der sich erhängt hatte. Der Vater rief an, Lars Kotum, Margido wusste genau, wo in Byneset der große Kotumhof lag.

Im Hintergrund hörte er laute Schreie, tierisch, schrill. Schreie, mit denen er in gewisser Weise vertraut war, die Schreie einer Mutter. Er fragte, ob der Vater bereits Polizei und Ärztin verständigt habe. Nein, der Vater hatte sofort Margido angerufen, er wusste, wer Margido war und welchen Beruf er ausübte.

»Du musst auch Polizei und Ärztin anrufen, oder soll ich das tun?«

»Er hat sich nicht ... auf normale Weise erhängt. Er hat sich eher ... erwürgt. Es ist einfach entsetzlich. Ruf du an. Und komm. Bitte, komm.«

Er nahm nicht den schwarzen Leichenwagen, sondern den Citroën. Sollte doch die Polizei einen Krankenwagen kommen lassen.

Er rief von unterwegs an, während die Autoheizung wütend gegen die Windschutzscheibe blies, er musste rufen, um das Rauschen zu übertönen, es waren viele Grade unter null an diesem dritten Adventssonntag. Er erreichte Polizei und Ärztin, die Sonntagabende waren immer ruhig. An diesem kalten, stillen Abend würde es auf einem Hof bald schwarz vor Autos sein, die Leute von den Nachbarhöfen würden sich zu den Fenstern vorbeugen und sich wundern. Sie würden den Krankenwagen sehen, die Wagen von Polizei und Ärztin und einen weißen Citroën CX, einen Kombi, den einige von ihnen vielleicht erkennen würden. Sie würden Licht hinter den Fenstern sehen, wenn es sonst schon längst dunkel dort war, aber sie würden es nicht wagen, so spät noch anzurufen, sie würden bis tief in die Nacht hinein wach liegen und leise in der Dunkelheit über alles reden, was auf dem Nachbarhof passiert sein könnte und wem, und insgeheim würden sie eine beschämte Freude verspüren, dass nicht sie betroffen waren.

Der Vater empfing ihn in der Tür. Polizei und Ärztin waren schon da, sie hatten einen kürzeren Weg. Sie saßen in der Küche, vor ihren Kaffeetassen, und die Mutter stand da, mit glotzendem, kohlschwarzem Blick und trockenen Augen. Margido stellte sich ihr vor, obwohl er wusste, dass sie ihn erkannt hatte. Sie hatten sich jedoch noch nie die Hand gereicht.

»Dass du herkommen musst. Du. Seinetwegen«, sagte sie. Ihr Tonfall war monoton, ihre Stimme klang ein wenig heiser.

Ein Adventsgesteck mit elektrischen Kerzen stand vor dem Fenster, das auf den Hofplatz hinausblickte. Der Dorfpolizist erhob sich und lief vor Margido her zum Schlafzimmer. Die Ärztin ging vor die Tür, als ihr Telefon schellte. Ein gelber Papierstern, in dem eine Glühbirne saß, hing vor einem kleinen Fenster auf dem Flur, das elektrische Licht durchdrang die Löcher im Papier, das in der Mitte hellgelb war und sich zu den Zackenspitzen hin orange färbte. Der Vater blieb in der Küche. Er starrte aus dem Fenster und schien sich nicht um die Mutter des Jungen kümmern zu wollen, die einfach nur dasaß, plötzlich gleichgültig, die Hände in den Schoß gelegt, die Füße auf den Boden gestellt, die Tassen vor sich auf dem Tisch, das Ticken der Uhr, die Rechnungen im Regal, die Kühe im Stall, der Mann am Fenster, das Wetter und die Minusgrade, die Weihnachtsbäckerei, die Tage, die kommen würden, ganz von selbst. Sie saß da und war nur überrascht, dass sie weiteratmete, dass ihre Lunge sich von selbst bewegte. Sie wusste noch nicht, was Trauer ist, sie saß nur da und war ehrlich überrascht, dass die Uhr immer noch tickte.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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