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Fünf Jugendliche aus einem Dorf, das so klein ist, dass die Straßen keine Namen haben, locken einen Gleichaltrigen in den Wald und erschießen ihn. Ein Motiv haben sie nicht, die Suche nach dem Kick beginnt als Scherz und endet tragisch. Ein Vater tötet seine Frau und schießt auf beide Söhne, dann richtet er sich selbst. Der ältere Sohn überlebt schwer verletzt – und empfindet keinen Hass: Ihm bleiben die Erinnerungen an schöne Zeiten und ein Abschiedsbrief, in dem sein Vater schrieb, er wolle seine Familie zusammenhalten. Zwei Männer gründen eine rechtsradikale Gruppe. Ein Mitglied ist so stolz darauf, dazugehören, dass er im Dorf prahlt und damit das Schweigegelübde bricht. Sein Leben endet in einem mit Steinen beschwerten Sack im Thunersee. Bevor sie Bestsellerautorin wurde, berichtete Christine Brand über fünfundzwanzig Jahre lang als Gerichtsreporterin von Prozessen, lernte Täter*innen und Opfer, Zeug*innen und Hinterbliebene kennen. Dieser Band versammelt wahre Kriminalfälle und erzählt von Menschen, die nicht mehr weiterwissen, und von der Banalität der Umstände, die zuweilen zu schrecklichen Taten führen.
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Seitenzahl: 244
Veröffentlichungsjahr: 2026
Christine Brand
Wahre Kriminalgeschichten ans Licht gebracht
Kampa
Im Gerichtssaal prallen Welten aufeinander. Für einenAugenblick kreuzen sich in den Räumen der Justiz die Lebenswege unterschiedlichster Menschen:
Vor den Richtenden nimmt der Beschuldigte Platz, schräg hinter ihm sein Opfer, falls es die Tat überlebt hat. Daneben dessen Partner, Eltern, Brüder, Schwestern, die allesamt ebenfalls Opfer geworden sind; Co-Opfer einer Tat, die ihnen im schlimmsten Fall einen geliebten Menschen, im weniger schlimmen Fall das Grundvertrauen ins Gute genommen hat. Im Publikum sitzen Freunde von Opfern neben Freunden von Tätern.
Es treffen Menschen in Ausnahmesituationen aufeinander. Schwere Delikte, tragische Schicksale haben sie zusammengeführt, um das Geschehene zu rekapitulieren, das Unrecht zu definieren und das Unfassbare zumindest juristisch fassbar zu machen.
Die Anwälte fechten mit Paragrafen, um das geltende Gesetz auf die eine oder die andere Seite auszureizen, um für Schuld oder Unschuld zu weibeln und um die Höhe der Strafe zu feilschen. Der Verteidiger zeichnet das Geschehene aus der Sicht des Täters nach, die Staatsanwältin kämpft für das Recht und das Opfer. Sie breiten Geschichten aus, die sich selten gleichen. Es ist die Aufgabe der Richtenden, nach der Wahrheit zu suchen – die es in vielen Fällen so absolut nicht gibt, weil die Wahrheit für jeden anders aussehen kann. Doch die Richterinnen und Richter kommen nicht umhin, sich in Strafprozessen für eine Wahrheit zu entscheiden, Recht zu sprechen und Unrecht zu verurteilen, zu sühnen. Gerechtigkeit schaffen sie dadurch selten, weil nie allen gerecht zu werden ist und weil ein Verbrechen nicht rückgängig gemacht werden kann.
Ganz zuhinterst im Saal sitzen derweil die Medienschaffenden, um über das Verfahren zu berichten und zu bezeugen, dass das Gericht nicht willkürlich urteilt und dass der Rechtsstaat, so ist es zumindest zu hoffen, funktioniert. Ich habe während mehr als fünfundzwanzig Jahren Gerichtsverhandlungen journalistisch begleitet. Stets mit dem Ziel, nicht nur die juristische Sprache für die Lesenden zu übersetzen, sondern vor allem die Geschichten zu erzählen, die hinter den Menschen stehen – Geschichten der Täter, der Opfer oder der Angehörigen –, und zu ergründen, wie es so weit hat kommen können, dass Unrecht geschehen und Böses in diese Leben hereingebrochen ist.
Die Geschichten dieses Buches sind wahre Kriminalfälle – fast alle wurden vor einem Gericht verhandelt. Sämtliche Angaben basieren auf Aussagen von Tätern, Opfern, Zeugen und Fahndern vor Gericht, auf Gesprächen mit Angehörigen und Opfern, auf Interviews mit Ermittlerinnen und Beteiligten. Die Namen der Täter und der Opfer sind anonymisiert oder geändert. Der True-Crime-Band Schattentaten, der mit dieser Auflage neu erscheint, ist das allererste Buch, das ich geschrieben habe. Die älteren Geschichten habe ich sprachlich überarbeitet und mit sechs neuen Kriminalreportagen ergänzt.
Somit liegt, zwischen zwei Buchdeckeln, eine vielfarbige und doch düstere Palette wahrer Kriminalfälle vor. Es sind Geschichten von Taten, von Untaten, von zum Teil schrecklichen Verbrechen, Geschichten vom Tod und vom Leben.
Die Verbrechen halten uns den Spiegel vor und zeigen Schattenseiten auf, die zu uns gehören wie die Sonnenseiten auch. Denn das Befremdliche und Schreckliche kommt mitten aus unserer Gesellschaft heraus. Die Kriminalgeschichten gewähren einen Blick in die finsteren Kapitel unserer Zeit, die man lieber gar nicht sehen möchte – und die uns dennoch faszinieren. Weil die dunkle Seite ein Teil von uns allen ist.
Christine Brand, Januar 2026
»Das mit der heilen Welt, das können Sie vergessen.«Ernst Messerli sitzt in Uniform an seinem Schreibtisch im Büro. Vor dem Fenster käuen Kühe wieder, über den Äckern kleben die letzten Schwaden des morgendlichen Nebels, noch sind die Bäume bunt. Ernst Messerli ist der Polizist von Eggiwil – einem Dorf in den Hügeln des Emmentals, in dem die Straßen keine Namen und die Häuser keine Nummern tragen, sondern Freudisey, Tritthüsi, Hüttenbödeli, Stürnen heißen. Oder Stöffeli. Keine 3000 Einwohner – fünf Beizen – ein Polizeiposten mit einem Einzimmerbüro und einem Polizisten. Seit über zwanzig Jahren heißt er Ernst Messerli.
Es war ein Dienstag im Jahr 2001, als Polizist Messerli den schweren Gang zu einem Bauernhaus auf sich nahm, um der Mutter und dem Stiefvater von Hans H. mitzuteilen, dass der Sohn tot sei. Ermordet. Spaziergängerinnen hatten die Leiche des Einundzwanzigjährigen gefunden, auf dem Weg in einem Wald in der Tägerishalde, oberhalb des Schießstandes von Münsingen. In der Beintasche des Toten fand sich ein Portemonnaie. Darin lagen das Halbtax-Abo und der Mofa-Führerausweis. Die Mutter wollte es trotzdem nicht glauben. Bis sich die Tatsache, dass ihr einziger Bub erschossen worden war, nach der Identifizierung am nächsten Tag nicht länger leugnen ließ.
»Wir waren eine ganz normale Familie«, erzählt die Mutter später vor Gericht. Auch wenn der Housi manchmal ein »Lausbub« gewesen sei.
»Er war einfach ein bisschen ein Wilder«, sagt der Stiefvater über Hans H., der ihm wie ein richtiger Sohn war. »Wir sind miteinander zurechtgekommen.«
Auch Dorfpolizist Messerli hat den »Lausbuben« bald einmal kennengelernt. Etwa weil der Autofreak Hans, ehe er überhaupt hätte fahren dürfen, einen Wagen gekauft und diesen prompt zu Schrott gefahren hatte.
Noch Jahre nach dem Mord hat die Mutter manchmal das Gefühl, der Housi komme demnächst zur Tür hereinspaziert, als wäre nichts passiert.
Es ist aber etwas passiert. Ein nicht fassbares Verbrechen: Hans H. wurde getötet, weil er im falschen Moment am falschen Ort war, die falschen Menschen kannte und ihnen Vertrauen schenkte. Er war ein Zufallsopfer.
Wenn Jakob Eggenberger aus dem Fenster zum Wald hin-aufblickt, sieht er direkt zum Tatort. Er ist Leiter des Kinderheims »Sonnhalde« der Heilsarmee Tägerishalde in Münsingen. Bis zu vierundzwanzig Kinder, von ganz klein bis sechzehnjährig, leben dort in drei Wohngruppen. Sie wohnen im Heim, weil es sich in ihren Familien nicht gut leben lässt.
»Die Kinder tragen nie die Schuld«, sagt Eggenberger.
Sie kommen ins Heim, weil die Mütter drogenabhängig oder die Väter Schläger sind. Manchmal trifft auch beides zu. Die Familien sind zerrüttet oder inexistent.
»Unsere Wohngruppen sind ihre Ersatzfamilien«, erklärt der Heimleiter.
In eine solche Ersatzfamilie kamen Domenico und sein Zwillingsbruder 1986. Sie waren gerade mal zwei Jahre alt.
»Ich kann mich schon noch an die beiden erinnern«, sagt Eggenberger. »Sie sind aber nicht aufgefallen.«
Aufgefallen ist dafür die Mutter, weil sie ihre Versprechen immer wieder brach, die Kinder nicht zum vereinbarten Termin abholte, nicht mit den Behörden zusammenarbeitete.
»Es kam zu einem dramatischen Ende«, erinnert sich Eggenberger. »Im Juli 1994 holte die Mutter die zehnjährigen Zwillinge für immer aus dem Heim. Wir konnten nichts dagegen tun.«
Sieben Jahre, nachdem er das Heim verlassen musste, kehrte Domenico, siebzehn, dorthin zurück, wo er als Kind eine Ersatzfamilie gefunden hatte. Er wählte diesen Ort aus, um ihn zum Tatort zu machen, um einen Menschen zu töten. Dort wo er als Kind immer Schlitten gefahren war. – Domenico war der Anführer der Clique, die Hans H. umgebracht hat; einer Gruppe von sechs Jugendlichen, die loszogen, um aus einer Laune heraus zu töten. Weil sie gerade nichts Besseres zu tun hatten.
»Meine Mutter hat mich geboren, als sie fünfzehn war.« So beginnt Sarah jeweils ihre Geschichte, die sie wie ein Stigma mit sich trägt. Ihr Vater schlug sie. Mit zwölf begann sie, von zu Hause auszureißen, war immer wieder mal auf Kurve. Ihre Jugendjahre verbrachte sie in Heimen. Sie klaute, raubte, kiffte, kokste. Sie ging auf den Strich und gebar ein Kind, als sie siebzehn war. Das Kind wurde ihr weggenommen. – Der Psychiater sagt über Sarah, sie sei gegenüber den Gefühlen anderer unbeteiligt. Herzlos nennt sich das. Sie leide an einer schweren Persönlichkeitsstörung. In der Sprache der Psychiater legt sie ein »dissoziales Verhalten als Anpassung an eine feindliche Umwelt« an den Tag.
Sarah kannte Hans H. als Einzige in der Clique der sechs Jugendlichen. Irgendetwas war zwischen den beiden. Eine Spur von Wärme vielleicht. Sie sagte zu Hans »Brüetschli«, Brüderchen. Er nannte sie »Schwoscht«, Schwester. Er nahm sie sogar mal mit nach Hause, stellte sie seiner Mutter vor. Irgendwann muss Hans H. Sarah aber lästig geworden sein. Sie schuldete ihm Geld, das sie nicht zurückzahlen mochte. Es war ihr Vorschlag, Hans H. umzubringen. Sie soll dafür 600 Franken geboten haben.
Juan war der Älteste der Clique. Der Bub aus Brasilien wurde von einer Schweizer Pfarrfamilie adoptiert. Er kam aus einer brasilianischen Hüttenstadt in ein trautes Heim im Berner Oberland. Dort ist er mit seinem Leben schlecht zurechtgekommen. Und mit der Tat erst recht nicht: Der Fünfundzwanzigjährige, verheiratet, Vater eines einjährigen Sohnes, erhängte sich wenige Tage nach dem Mord mit einem Leintuch in seiner Zelle, nachdem er ein Geständnis abgelegt und seine Abschiedsgedanken an das Opfer in die Gefängnisbibel geschrieben hatte.
»Wir sollten ihn ruhen lassen, wenn wir ihn schon nicht mehr bei uns haben«, sagt die junge Witwe.
Patrick, klein, schmächtig, die Haare kurz geschoren, wäre am liebsten ein ganz Großer. Ein großer böser Bursche.
Er war vier Jahre alt, als seine Mutter schwer erkrankte. Die Familie zog zur Großmutter in einen Vorort von Bern. Die Eltern stritten sich. Zu Hause war alles schwierig, und nicht nur dort.
»Die Schule war ein ständiger Stress«, erinnert er sich.
Es haperte mit den Zahlen, eine Rechenschwäche, schlechte Noten. Ein zehntes Schuljahr besuchte er nicht.
»Weil ich mich zuerst einmal erholen musste von der Schule.«
Eine Lehrstelle fand er auch nicht.
»Da war das Interesse völlig weg.«
Also lebte der Zwanzigjährige in den Tag hinein.
»Ich habe eigentlich gar nichts unternommen«, sagt er.
Die Nacht auf den 20. November 2001 war die Ausnahme. Da wurde er zum Mörder. Er gab den tödlichen Schuss ab.
Joe, einundzwanzig, Mitläufer. Auch er ein Kind vom Land. Mit zwölf kam er ins Schulheim. Später begann er eine Lehre als Heizungsmonteur, nach einem halben Jahr brach er sie ab.
»Es war nicht mein Ding.«
Er wirkt einsilbig, verschlossen und zu groß geraten. Man nennt ihn in der Szene auch Schnecken-Joe – weil er stundenlang einer Schnecke beim Kriechen zusehen kann.
»Es war nicht alles schlecht in meinem Leben«, findet er.
Gut waren die Action- und Hip-Hop-Filme, die er sich reinzog.
Als Hans H. getötet wurde, versteckte sich Joe hinter einem Baum. Er war es gewesen, der zuvor die Waffe geladen hatte. Danach versuchte er, die Spuren zu beseitigen. Mit mäßigem Erfolg.
Speedy kam in der sechsten Klasse aus Mazedonien in die Schweiz, in ein Tourismusdorf im Berner Oberland. Ein wirbliger Junge, der sich schnell Freunde machte. Deutsch lernte er rasch. Nach der Schule arbeitete er als Küchenbursche. Er blieb nirgends länger als drei Monate.
»Ich bin immer freundlich«, sagt er über sich selbst.
Freundlich hatte er auch Hans H. aufgefordert, aus dem Wagen zu steigen, damals in der Mordnacht.
»Komm bitte raus.«
Damit Patrick ihn erschießen konnte.
»Ich habe nicht so ein gutes Leben geführt«, meint Speedy.
Mittelpunkt all dieser nicht so guten Leben war der Bahnhof Bern: Dort kreuzten sich ihre Wege. Am Bahnhof trafen sich die Jugendlichen, die nichts mit sich anzufangen wussten und mit Nichtstun gegen die Langeweile kämpften.
»Ich bin am Bahnhof rumgehangen, mit den anderen, die gleich waren wie ich«, sagt Patrick.
Er meint damit jene, die ebenfalls keine Arbeit hatten und keine Arbeit wollten: Sarah, Speedy, Domenico, Juan und Joe. Die Hoffnung, der Langeweile zu entkommen, hatte die Jungen vom Land in die Stadt getrieben. Doch besser wurde es nicht. Die meisten waren noch keine zwanzig und schon gescheitert. Keine Zukunftsperspektiven. Die Clique trank, man kiffte, raubte und klopfte Sprüche.
»Jeder machte sich größer, als er war«, erinnert sich Patrick.
Jeder wollte cooler sein als die anderen. Sie erwarteten nichts vom Leben, und weil das Leben ihnen nichts versprach, erfanden sie sich ihre Abenteuer selbst.
»Ich habe mich als Tschetschene ausgegeben«, erzählt Patrick, »als krassen Ghettogangster.«
Er hat extra ein paar Brocken Russisch gelernt und herumerzählt, dass er drüben, in Tschetschenien, schon Menschen umgelegt habe. Ein Kriegsheld. Kaum zu glauben, dass ihm jemand glaubte.
»Wir waren ein totaler Idiotenverein«, so Patrick im Nachhinein.
Der »Verein« funktionierte als in sich geschlossene, eigene Welt, als kleine Szene innerhalb der großen Bahnhofsszene. Die Clique war die Familie, die die meisten nicht hatten. Man nannte sich Bruder oder Cousine. Es war eine zufällige Konstellation mit mörderischem Potenzial. Sie wollten böse Jungs und böse Mädels sein. Sie nannten sich selbst »die ganz Harten« oder »Mafia«. Die groß geschnittenen Hosen hingen ihnen bis weit über den Hintern hinunter, die Turnschuhe trugen sie offen oder ganz ohne Bändel. Die Jacken unförmig, mit edlem Pelz um die Kapuze, das Bandana-Tuch auf dem Kopf. Zum Gruß legten sie sich Zeige- und Mittelfinger aufs Herz. »Gangsta-Rapper«.
Die irrsinnige Idee muss irgendwann beim Sprücheklopfen entstanden sein: der Gedanke, dass sich mit Töten schnelles Geld verdienen ließe. Mit einer »Killerorganisation«, einer »Agentur für Auftragsmord«, wollten die Jugendlichen sich doch noch ans Geldverdienen machen. Killen klang sexy, nach Macht und Überlegenheit. Der Gedanke wurde weitergesponnen, setzte sich in den Köpfen fest. Etwas wurde in Gang gebracht und war nicht mehr zu bremsen. Mord als ultimativer Kick. Ein Mord, um zu beweisen, dass man doch etwas taugt, dass man jemand ist.
Es war Sarah, die den ersten Namen nannte. Der Vater ihres Kindes sollte dran glauben. Noch war es nicht ernst. Nicht für alle jedenfalls. Ein weiterer Name fiel und blieb ein Vorschlag ohne Folgen. Paco hieß das dritte mögliche Opfer. Weil Paco das Mädchen, in das Patrick »zufällig gerade verliebt war«, vergewaltigt haben sollte. Und dieses Mal folgten den Worten Taten. Juan kaufte auf der Gasse eine Vorderschaftrepetierflinte, Modell 586, besser bekannt als Pump-Action.
»Mit der Waffe hat alles begonnen«, sagt Joe.
Es war einfach, den Wagen zu knacken. Es war schließlich nicht ihr erstes Mal. Patrick, Juan und Speedy zogen im gestohlenen roten Peugeot 205 los. Sie fuhren zu Pacos Wohnung. Juan war am Steuer, Speedy saß hinten, Patrick auf dem Beifahrersitz, die geladene Pump-Action auf dem Schoß. Der Plan war, bei Paco vorzufahren und ihn aus dem Auto heraus zu erschießen. Genau wie im Film, so wie es bei der Mafia eben läuft.
»Ich war einfach sauer«, sagt Patrick.
Doch Paco erschien nicht. Die drei gaben noch nicht auf und fuhren weiter zum Club Guayas in Bern. Sie saßen im Wagen, den Eingang im Blick, und warteten. Vergebens. Also lauerten sie auch vor dem Ritmo Latino und später vor dem Tonis auf ihr Opfer, aber Paco ließ sich nicht blicken. Es war sein Glück.
»Ich denke, dass ich geschossen hätte«, erklärt Patrick.
Doch sein erster Mordversuch missglückte. Die Clique war unzufrieden. Es kam keinem in den Sinn, die ganze Sache einfach zu vergessen.
Sarah fiel noch ein Name ein: Hans H. Auch ihm war es auf dem Land zu eng geworden, auch er fuhr hin und wieder nach Bern zum Bahnhof, auch er nahm ab und zu Drogen. So hatte er Sarah kennengelernt. Sarah wollte das Geld, das sie ihm schuldete, nicht zurückzahlen. Das war für sie Grund genug, Hans H. auf die Todesliste zu setzen.
Sarah behauptet, sie habe nicht damit gerechnet, dass die Clique wirklich Ernst machen würde. Es sei ein Spiel gewesen. Die anderen sagen, sie habe darauf gedrängt, dass Hans H. getötet werde. Sie habe 600 Franken für seinen Tod geboten und weitere Gründe für seine Eliminierung geliefert: Hans H. habe sie blöd angemacht, er sei ein Nazi. Dass alles ganz anders war, kümmerte keinen. Auch ums Geld ging es ihnen nicht.
»Wir waren einfach in einer Euphorie«, sagt Joe.
Zwei weitere geklaute Autos in vierundzwanzig Stunden. Die Clique geriet in einen Rausch. Mit den Wagen ging die Gangstertour weiter. Früh am Morgen, es war noch nicht sechs Uhr, hielten Joe, Juan und Domenico vor dem Kiosk in Schmitten. Es war Joes großer Auftritt.
Joe, der sonst oft Mitläufer war, nahm die Pump-Action in Anschlag und hielt sie der Kioskfrau vors Gesicht. Überfall! Doch es lief nicht so, wie es sich Joe und die anderen ausgemalt hatten. Die Kioskfrau schlug den Gewehrlauf beherzt zur Seite und beschimpfte den jungen Mann. Ein fremdes Auto fuhr heran, und Joe flüchtete, so schnell er konnte. Ab in den gestohlenen Wagen, auf und davon. Nach Hindelbank. Jetzt sollte es Juan versuchen.
Eine Stunde später richtete er dieselbe Waffe auf die Frau, die in Hindelbank den Kiosk betrieb. Blitzschnell schloss die dreifache Mutter das Kioskfenster und duckte sich. Zum Glück, denn Juan drückte ab. Er durchschoss das Fenster und flüchtete. Deliktsumme: null Franken. Sachschaden: 9200 Franken.
Für die Bande war es eine erneute Niederlage, also versuchte sie sich an Kleinerem. In Rüfenacht schoss Joe auf einen Snackautomaten, in der Hoffnung, ihn zu knacken. Doch sogar das misslang. Auch hier keine Beute, bloß ein Sachschaden von 920 Franken. Schließlich knackten die jungen Männer bei der Landi Grauholz mit einem Schraubenzieher den Geldautomaten des öffentlichen Auto-Staubsaugers. Sie erbeuteten sechs Franken.
Es muss für die Rapper-Gang ein frustrierender Tag gewesen sein. Doch noch war er nicht zu Ende. Am Abend lungerte die Clique wieder im Bahnhof Bern herum. Gegen Mitternacht wollte sie ihren nächsten Plan in die Tat umsetzen. Sarah sagte, jetzt könne die Party losgehen. Sie war es, die Hans H. ansprach und ihn unter falschem Vorwand auf die Bahnhofterrasse lockte. Man wolle in den Wald hinausfahren, mit Kollegen gemütlich eine Runde kiffen. Er solle doch mitkommen. Auf der Bahnhofterrasse warteten die anderen bereits in den gestohlenen Wagen.
»Als wir losfuhren, war mir klar, dass ich es machen würde – so wie allen klar war, dass es geschehen würde«, erzählt Patrick.
Ein weiteres Scheitern lag nach diesem Tag nicht drin. Auch wenn die anderen später behaupteten, sie hätten bis zum Schluss nicht daran geglaubt, dass es wirklich ernst würde.
Patrick war schon im Voraus zum Schützen erkoren worden.
»Es wurde einfach so entschieden«, sagt er. »Wahrscheinlich weil ich groß angegeben habe. Ich habe mich in eine Situation gebracht, aus der es kein Zurück gab.«
»Ein Gesichtsverlust«, erläutert der Psychiater später, »wäre für Patrick unerträglich gewesen.«
Die Jugendlichen fuhren bei Münsingen in den Wald hinein und stoppten mitten auf dem Weg. Speedy stieg aus und forderte Hans H. höflich auf, dies auch zu tun. Er leuchtete ihm dabei mit einer Taschenlampe ins Gesicht und führte sich auf wie ein Polizist.
Es ist unklar, wann und ob Hans H. realisierte, was mit ihm geschah. Vielleicht dachte er bis zum Schluss, es sei ein Spiel. Vielleicht aber merkte er, dass es um sehr viel mehr ging: nämlich um sein Leben. Speedy positionierte Hans H., Joe ging in Deckung, die anderen warteten im Wagen.
»Speedy hat ihm gesagt, er solle sich dort hinstellen, und ich habe geschossen«, erzählt Patrick.
Er schoss zweimal, rannte zum Auto, gefolgt von Speedy und Joe. Sie rasten los und kehrten doch wieder um. Noch einmal stieg Patrick aus dem Wagen, noch einmal drückte er ab und schoss dem reglos am Boden liegenden Hans H. von oben in den Kopf. Um sicherzugehen.
Sie fuhren in die Stadt zurück und waren noch immer im Rausch. Die Tat hatte keine Ernüchterung gebracht. Patrick und Speedy klatschten sich gegenseitig in die Hände. Give me five.
»Gell, ich bin ein Gangster!«, soll Patrick ausgerufen haben.
Sie diskutierten, ob sie etwas trinken gehen sollten. Weil auch das »cool« gewesen wäre: einen abknallen und dann darauf anstoßen. Doch sie ließen es bleiben. Es war Joe, der sich vor allem darum bemühte, die Spuren zu beseitigen. Das Auto, in dem Hans mitgefahren war, schäumten sie mit einem Feuerlöscher aus und ließen es wie auch die anderen Wagen stehen. Joe putzte die Pump-Action mit Javelwasser.
»Ich musste mich irgendwie beschäftigen.«
Ein Teil der Clique traf sich nach der Tat bei einem Freund, bei dem manche von ihnen zwischenzeitlich wohnten. Patrick waren laut dem Freund »keine besonderen Gefühlsregungen« anzumerken, Domenico war etwas »weinerlich«. Juan ging nach Hause zu seiner Familie und war in aufgekratzter Stimmung, erzählte, sie hätten einen umgelegt. Seine Frau glaubte ihm nicht.
»Schau TV, dann siehst du es!«
Sie sah es und stellte ihn zur Rede. Und Juan erzählte. Sie wurde nach dem selbst gewählten Tod ihres Mannes zur wichtigen Zeugin.
Nach der Tat brach der Bann, und die Gruppe zerfiel.
»Es war nicht mehr so wie vorher«, sagt Patrick, als sei er erstaunt darüber.
Die meisten konnten über die Tat nicht schweigen. Domenico berichtete es flennend einem Freund. Sarah bot es im Bahnhof herum. Plötzlich wussten es alle. Die Clique traf sich wieder, wegen Sarah, man wollte sie aus dem Weg haben, weil sie zu viel herumerzählte und zur Gefahr geworden war. Doch bevor es so weit kam, wurde einer nach dem anderen verhaftet.
Alle waren mehr oder weniger geständig. Es war denn auch nicht die Frage nach Schuld oder Unschuld, die im Zentrum des Gerichtprozesses stand, sondern die Frage nach dem Warum. Doch darauf fanden sich keine Antworten. Trotzdem versuchte Gerichtspräsident Urs Reusser, in der Urteilsbegründung Erklärungsansätze zu liefern. Er sprach von einem »abscheulichen« Verbrechen.
»Man kann diese Tat nicht einreihen.«
Es gebe kein klares Motiv. Man dürfe annehmen, dass Langeweile mit ein Grund war, Abenteuerlust, der Drang nach Action. Auch die Gruppendynamik habe eine Rolle gespielt.
»Man machte es, um dabei zu sein, um Anerkennung zu bekommen, die man sonst im Leben nicht hatte«, sagte der Richter.
Das Gericht sprach sie alle schuldig.
Domenico wurde, weil er zum Tatzeitpunkt noch keine achtzehn war, vom Jugendgericht wegen Mordes verurteilt und in eine Arbeitserziehungsanstalt eingewiesen. Spätestens mit fünfundzwanzig musste er entlassen werden.
Sarah musste wegen Mordes vierzehn Jahre ins Zuchthaus. Eine ambulante, vollzugsbegleitende psychiatrisch-psychologische Therapie wurde verordnet. Sie verbüßte ihre Strafe in der Frauenstrafanstalt Hindelbank.
Patrick, der Schütze, der Hans H. getötet hat und zuvor bereits auf Paco schießen wollte, wurde wegen versuchten Mordes, Mordes und mehrfachen Raubes in erster Instanz zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Das bernische Obergericht erhöhte das Strafmaß später auf achtzehn Jahre.
Joe wurde in erster Instanz wegen Gehilfenschaft zum Mord und versuchten Raubes zu elf Jahren Zuchthaus verurteilt. Das Obergericht korrigierte den Entscheid, sprach auch ihn der Mittäterschaft schuldig und erhöhte die Strafe auf vierzehn Jahre.
Speedy erhielt vierzehn Jahre Zuchthaus wegen Gehilfenschaft zu versuchter Tötung, zu Mord und wegen versuchten Raubes. Er, der bis am Ende versucht hatte, die Schuld von sich und den anderen zuzuschieben, kämpfte bis vors Bundesgericht für eine mildere Strafe in einer Arbeitserziehungsanstalt. Ohne Erfolg.
Auf dem Leidzirkular von Hans H. hat seine Mutter geschrieben: »Kein Etwas geschieht aus dem Nichts, sondern alles aus einem Grunde.«
Sie ginge problemlos als Teenagerin durch. Die braunen Haare zum Pferdeschwanz zusammengebunden, sympathisches, offenes Gesicht, wache Augen. Eine hübsche junge Frau. Ihre äußere Erscheinung steht in krassem Gegensatz zu dem, was in ihrem Inneren vorgehen muss.
An diesem Freitag im September 2010 trägt Tanja H. einen dunklen Kapuzenpulli, schwarze Turnschuhe mit weißen Streifen, darüber: Fußfesseln, die die Jeans zusammenhalten wie Veloklammern. Um den Bauch haben sie ihr einen Gürtel gebunden, an den ihre Hände in Schellen gefesselt sind. Sie sieht aus wie ein wildes Tier, das gebändigt werden musste. Doch Tanja steht ruhig da und hört aufmerksam zu, als die Gerichtspräsidentin im Audienzsaal 220 im Berner Amthaus das Urteil verliest: Sie befindet Tanja schuldig des Mordes und verfügt eine Freiheitsstrafe von fünfzehn Jahren, zusätzlich ordnet sie eine psychotherapeutische Maßnahme in einer geschlossenen Abteilung an, die regelmäßig um fünf Jahre verlängert werden kann. Denn Tanja hat in der Nacht auf den 18. November 2008 im Berner Florapark einen zweiundfünfzigjährigen Mann aus Sri Lanka getötet. Einen Freier, den sie in die Falle gelockt hatte.
Für Tanja ist es das bessere der beiden möglichen Urteile, die in Betracht gekommen sind; der Staatsanwalt hatte eine ordentliche Verwahrung gefordert. Irgendwie wirken alle im Saal erleichtert, dass es nicht so weit gekommen ist. Statt der Ultima Ratio gibt es für Tanja einen winzigen Schimmer Hoffnung, dass sie irgendwann wieder rauskommen wird. Sie ist am Tag des Urteils gerade mal vierundzwanzig Jahre alt.
Dass Tanja getötet hat, ist unbestritten. Sie hat die Tat von Anfang an gestanden. Die große Frage ist daher auch in der Gerichtsverhandlung jene nach dem Motiv. Und bald wird deutlich, dass die Täterin selbst die Antwort darauf nicht kennt.
»Warum musste das Opfer sterben?«, will die Richterin von Tanja wissen.
»Also muss ich jetzt alles von vorne erzählen? Das dauert ja ewig!«, fragt Tanja zurück.
Der Mord im Florapark ist das Ende einer Geschichte, die eine traurige ist. Es ist die Geschichte eines Mannes, der als Zufallsopfer sein Leben verlor, und jene einer jungen Frau, in der eine Krankheit steckt, die sie nicht bezwingen kann und von der sie letztlich bezwungen worden ist. Die Krankheit hat sie zur Mörderin werden lassen.
»Dieses Delikt ergab sich nicht einfach aus der Situation. Es hatte einen jahrelangen Vorlauf«, sagt die psychiatrische Gutachterin Karen Fürstenau.
Tanja war zwei Jahre alt, als ihrer Mutter auffiel, dass mit dem Mädchen »etwas nicht stimmte«. Sie war ein schwieriges, verhaltensauffälliges Kind. Mit elf begann sie, sich selbst zu verletzen. Mit elf will sie sich auch das erste Mal vorgestellt haben, jemanden zu töten: ihren Vater. Mit zwölf dachte Tanja darüber nach, die Klavierlehrerin umzubringen. Dann den Klassenlehrer. Das erzählte sie auch ihrem Psychiater. Bei dem Mädchen wurden eine Sozialphobie und ein Borderlinesyndrom diagnostiziert.
»Wie oft haben Sie Gewaltphantasien?«, fragt die Richterin.
»Die Gedanken, jemanden umzubringen, sind immer wieder da«, sagt Tanja mit entwaffnender Offenheit.
Es sind mehr als Gedanken. Es sind detaillierte, brutale Tagträume, in die sie sich schon als kleines Mädchen flüchtete. In denen sie, die sich in der gegen außen intakt wirkenden Familie nicht beachtet fühlte, ihre Aggressionen auslebte.
Ihre Mutter erzählte nach der Tat in einem Interview: »Sie fraß alles in sich hinein – und dann explodierte sie plötzlich.«
Tanja sagt: »Ich hatte immer das Gefühl, ich sei unsichtbar, mich bemerkt man nicht. Ich brachte das nicht mehr weg.«
Die Aufmerksamkeit in ihrer Familie gehörte dem Vater; er war chronisch depressiv.
Mit fünfzehn wollte Tanja die ganze Familie auslöschen: Vater, Mutter, Bruder. Ihn zuerst. Plötzlich vermischten sich ihre Phantasiewelt und die Realität: Tanja rammte ihrem Bruder ein Messer in den Rücken. Er überlebte wohl nur, weil die Klinge an seinem Schulterblatt abbrach. Der Bruder konnte verletzt flüchten.
»Das war ein gewaltiger Schock«, erzählt die Mutter später. »Daran ist unsere Familie zerbrochen.«
Tanja wurde vom Jugendgericht verurteilt. Doch es stellte sich die Frage: Wohin mit ihr? Eine Klinik für psychisch kranke jugendliche Straftäter existierte in der Schweiz nicht. Fünfzehn Institutionen wurden angefragt, vierzehn lehnten ab, eine einzige war bereit, Tanja aufzunehmen: die offene Jugendpsychiatrische Klinik Neuhaus der Universitären Psychiatrischen Dienste Waldau in Bern.
»Es kommt immer wieder vor, dass wir Leute aufnehmen, die sonst niemand will«, sagt der Klinikdirektor Wilhelm Felder.
Nebst den Gewaltphantasien, die in diesem Ausmaß äußerst selten sind, leidet Tanja an einer schweren Persönlichkeitsstörung. Mit siebzehn beging sie zwei Raubüberfälle.
»Es gibt Situationen, da bin ich völlig panisch. Dann begehe ich Delikte. Das ist meine Art, da rauszukommen«, erklärt sie.
Tanja wurde ein zweites Mal verurteilt und kam, noch nicht volljährig, in die Frauenstrafanstalt in Hindelbank. In ihrer Zelle klebte sie einen Zeitungsartikel über die sogenannte Parkhausmörderin an die Wand, die jahrelang als gefährlichste Täterin der Schweiz galt. Diese hatte in einem Zürcher Parkhaus eine ihr unbekannte Frau überfallen und sie brutal getötet.
»Das ist mein Vorbild«, sagte Tanja zu einer Freundin, die sie besuchte. Danach brach die Freundin den Kontakt ab.
Nach zwei Jahren durfte Tanja zurück in die Klinik Neuhaus. Zuletzt lebte sie in einer dort angegliederten therapeutischen Wohngemeinschaft.
»Wir glaubten, dass nur wenig sie von der sogenannten Normalität trennte«, sagt Klinikdirektor Felder. »Wir dachten, sie sei nahe dran, die soziale Integration in die Gesellschaft zu schaffen.«
In der amtlichen Untersuchung zum Fall kommt der forensische Psychiater Volker Dittmann zum Schluss, dass Tanjas Gefährlichkeit damals falsch eingeschätzt wurde, auch weil die Institution nicht auf Straffällige ausgerichtet ist. Aber: »Selbst wenn sie das Risiko richtig eingeschätzt hätten, hätten die rechtlichen Möglichkeiten für eine erforderliche mehrjährige Unterbringung gefehlt.«
»Was ist schiefgelaufen?«, fragt die Richterin Tanja H.
»Ich glaube, ich habe, als es wirklich wichtig war, nicht zeigen können, dass ich Betreuung gebraucht hätte.«
Die Krise begann mit ihrem zweiundzwanzigsten Geburtstag. Tanjas jugendstrafrechtliche Maßnahme lief aus, weil sie bis zum zweiundzwanzigsten Altersjahr begrenzt war. Doch Tanja war noch nicht so weit; die Aussicht, aus der geschützten Umgebung entlassen zu werden, versetzte sie in Angst.
»Ich hatte wieder dieses Gefühl, dass mich niemand sehen kann, dass ich unsichtbar bin. Das kann ich schlecht ertragen«, erzählt sie.
Die Klinik Neuhaus beantragte einen langfristigen Fürsorgerischen Freiheitsentzug FFE für Tanja, auch weil sie das selbst wünschte. Dann hätte sie in der betreuten Umgebung bleiben können.
»Die Aussage ›Du bist auf freiem Fuß‹ war eine Bedrohung für sie«, erklärt Wilhelm Felder.
Der FFE hätte ihr Sicherheit geben sollen. Doch Tanjas zürcherische Heimatgemeinde stimmte ihm nicht zu. Wahrscheinlich weil sie die Kosten nicht tragen wollte. Und dann stand die Weihnachtszeit vor der Tür. Tanjas Wohnpartnerin wollte verreisen, auch ihre Therapeutin plante im Dezember Urlaub. All das machte Tanja Angst. Sie wünschte sich einen Hund, um nicht allein zu sein. Am Nachmittag des 18. Novembers erfuhr sie, dass sie keinen bekommen würde.
»Das brachte das Fass zum Überlaufen«, erzählt Tanja.
Nur Stunden später, mitten in der Nacht, sollte sie zur Mörderin werden.
»Was fühlten Sie, als Sie ihn getötet haben?«, fragt die Richterin.
»Ich hatte das Gefühl von Macht. Ich hatte etwas unter Kontrolle. Das hatte ich noch selten in meinem Leben«, antwortet Tanja.
»Und was fühlen Sie heute?«
»Hmm. Es kommt mir völlig fremd vor, als hätte ich gar nichts damit zu tun, als sei es eine Szene aus einem Film, den ich im Fernsehen gesehen habe.«
Tanja fuhr am Nachmittag des 18. Novembers 2008
