Beschreibung

Lügner, Betrüger, Serientäter und Sadísten. Sie alle finden sich ein im ganz normalen Alltag von Frauen um die dreißig, die eigentlich nur eines suchen: Mr. Right, den Mann fürs Leben. Keiner versteht, warum sie ihn nicht finden: Sie sind attraktiv, klug, offen, aber geraten immer an den Falschen ... Schonungslos entlarvt Roman Maria Koidl die Methoden der Bad Boys, der Fremdgeher, der Parallelleben-Inhaber, der Noch-nicht-bereit-Experten, der Alle-zwei-Wochen-Männer, der Komme-gerade-aus-einer-Beziehung-Kerle und der unvermeidlichen Dr. Kimbles auf der Flucht. "Scheißkerle" geht noch weiter in die Tiefe und gibt klare Antworten auf die Frage, warum Frauen immer wieder auf den gleichen Typus Mann hereinfallen. Das Buch spricht ein Problem an, das für viele Frauen von großer Relevanz ist, und zeichnet zugleich ein ungeschminktes Bild der gegenwärtigen Geschlechterrealität.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 210


Roman Maria Koidl

Scheißkerle

Warum es immer die Falschen sind

1. Auflage

Copyright © 2010

by Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg

www.hoca.de

Satz: atelier eilenberger, Leipzig

ISBN 978-3-455-50164-3

Datenkonvertierung eBook:

Kreutzfeldt digital, Hamburg

www.kreutzfeldt.de

Für Wendy

Inhalt

Einleitung    9

Glücklich sind immer die anderen    11

Scheißkerle    21

Mr Right ist irgendwie falsch    23

Das Vielleichtchen – eine Blume der Hoffnung    38

Der Alle-zwei-Wochen-Mann    45

Der verheiratete Mann    53

Dr. Kimble    59

Die Nicht-bereit-Experten    63

Der Privatpatient    68

Die Bad Boys    72

Sexmuffel und Kuschelhasen    76

Der Betrüger    81

Der Serientäter – ein Doppelleben    91

Der Sadist    109

Warum es immer die Falschen sind    121

Vater war der Erste    123

Die Gefall-Tochter    144

Die Leistungs-Tochter    147

Die Protest-Tochter    153

Die Fallen der Liebe    161

Das unbemerkte Ungleichgewicht    163

Betrug oder der schöne Schein    171

Vater antwortet nicht    175

Gehört ist nicht verstanden    185

Er oder ich?    189

Herz-Bube oder Pik-Arsch    191

Der Sound der Kindheit    205

So entkommen Sie Ihrer Liebesfalle    215

Schon bei den Vorarbeiten zu diesem Buch wurde ich gefragt, ob es von mir selbst handeln (»Du Schwein!«) und meine eigenen Erlebnisse wiedergeben würde. Zudem wurde versucht, Menschen in meinem Umfeld die eine oder andere Rolle zuzuweisen oder gar herauszufinden, um welche realen Personen es sich bei den erzählten Figuren handeln könnte. Richtig ist: Alle Szenen, Personen, Charaktere und Geschichten sind aus vielen Dutzend Interviews und Gesprächen zusammengesetzt. Der Struktur nach ähnliche Erlebnisse und Beziehungsverläufe haben es ermöglicht, Figuren und Geschichten zu erzählen, in denen wiederkehrende Motive erkennbar werden. Und in diesem Sinne ist eben auch richtig: Die Frauen und Männer, von denen hier erzählt wird, gibt es tatsächlich. Ihre Geschichten haben sich in meinem Umfeld zugetragen, ebenso wie in dem von vielen Leserinnen und Lesern.

Roman Maria Koidl

»Trop belle pour toi«

(Filmtitel, Frankreich 1987,

Hauptrolle: Gérard Depardieu)

Glücklich sind immer die anderen

Dieses Buch beschäftigt sich vornehmlich mit der Frage, warum ausgerechnet attraktive, gutaussehende und intelligente Frauen der »thirty somethings« oft so große Probleme in ihren Beziehungen zu Männern haben und auch damit, überhaupt einen Partner zu finden. Konfus sind die gutaussehenden Schnelldenkerinnen bei ihrer Partnerwahl und in ihrem Liebesleben ja keinesfalls, sie sind vielmehr voller Hoffnung und Zuversicht. Dennoch sind viele Frauen mit dreißig schon froh, wenn der Mann, der ihnen gegenübersitzt, nicht verheiratet ist, keine Verhaltensauffälligkeiten zeigt, einigermaßen manierlich essen kann, keine »Altlasten« hat, irgendwie nett ist, das eigene Kraftfahrzeug nicht einen ganzen Abend lang zum Thema macht, schon einmal gehört hat, dass schnelles Fahren Beifahrerinnern zur Raserei bringt, vielleicht ein paar Bücher besitzt, dafür aber keine schwarze Ledercouch mit Chrom, keine farbigen Sakkos trägt, nicht nur über sich redet, gelegentlich auch mal von den Brüsten hoch ins Gesicht seines weiblichen Gegenübers sieht, vielleicht für irgendetwas Talent hat, mindestens aber Stil ohne »e« schreibt und eine Ahnung davon besitzt, dass Geld und seine Demonstration weit weniger wichtig ist, als seine Geschlechtskollegen meinen.

Um es gleich vorwegzusagen: Ja, es gibt deutlich mehr »gute« Frauen, als es »gute« Männer gibt, und damit verschlechtert sich natürlich auch die statistische Wahrscheinlichkeit, einen netten Kerl abzubekommen. Suchen viele Frauen mit zwanzig noch unter der Vorgabe »neuwertig« einen Partner, so sind sie mit dreißig mit »mängelfrei« zufrieden. Aber was ist dann mit vierzig und wie weit kann man sein Anspruchsdenken reduzieren? Kommen irgendwann nur noch Campingwagenfahrer, Frührentner und Weiße-Tennissocken-Träger als Partner in Frage? Das Ergebnis einer derartigen Zukunftsbetrachtung ist nackte Panik. Optionen werden geprüft und enden bei der Alternative »Vernunft«, das heißt, man evaluiert die denkbaren Möglichkeiten einer konzeptionell angelegten Zweisamkeit. Bei meiner Freundin Bea lief das darauf hinaus, dass sie eines Tages, enttäuscht von ihrer großen Liebe, aus dem Hotelzimmer in die Halle eines Tagungshotels lief und einen zwanzig Jahre älteren Verehrer anrief, den sie als Kunden aus dem beruflichen Umfeld kannte. Bis dato war er ihr als zu alt, nicht passend und wenig attraktiv erschienen. Verliebt war sie sowieso nicht, von Begehren ganz zu schweigen. Nach Jahren des Werbens wurde der Mann nun aber erhört und bereits drei Wochen nach dem Telefonat geheiratet. Heute, fast zehn Jahre später, beruhigt sich Bea mit typischen Floskeln. Es gebe zwar keine Leidenschaft, und Sex hätte sie nur mit ihm, um ihm eine gute Frau zu sein, aber er sei ein guter Vater und verlässlicher Ehemann. Zumindest kann er eine Bohrmaschine halten und spielt mit seinem Sohn Fußball. »Ich respektiere ihn« – damit enden unsere Gespräche über dieses Thema meist, und es bedeutet zugleich so viel wie: »Ich will diesbezüglich nicht weiter in die Tiefe gehen.« Sie sieht es wohl als genetisch sinnvolle Kombination an. X und Y sind zwar nicht gleich, aber sie stehen wenigstens schon einmal dicht beieinander. Zumindest im Alphabet.

Andere »thirty somethings« versuchen sich in einer solchen Situation dann auf dem Heiratsmarkt einzuordnen und melden sich bei riesigen Partnervermittlungen wie »Parship«, samt Persönlichkeitstest, an. Dort fallen sie bei über zehn (!) Millionen Teilnehmern unter ihren »Suchkriterien« prompt durchs Raster. Dabei sind oft gar nicht die Suchkriterien ausschlaggebend, sondern die Tatsache, dass es, wie selbstverständlich, ein »Raster« gibt. Vieles wird einfacher, wenn man sich mit einem gewissen Pragmatismus klarmacht, dass es tatsächlich ein Marktplatz ist und worin der eigene Marktwert liegt.

Es ist ein wenig wie in der Finanzkrise. Zu viele toxische Papiere im Liebesleben verlangen nach einer sachlichen Betrachtung. Und wer kann das Absurde am besten theoretisch erklären? Natürlich ein Österreicher. Der Wiener Stadtethnologe Professor Dr. Karl Grammer ist ein Meister des Themas »Balzverhalten der Großstädter«. Seine Lieblingsspezies sind »Superweiber«, also bestens ausgebildete 35-jährige Frauen mit Diplom, Karriere, Verantwortung und jeder Menge Ansprüche. Um mehr als 70 Prozent ist die Zahl der Akademikerinnen seit 1991, also in weniger als zwanzig Jahren, gestiegen. Neueste Studien weisen nach, dass Frauen in Sachen Bildung inzwischen mit den Männern gleichgezogen oder sie sogar abgehängt haben.

So weit zum Angebot. Nun zur Nachfrage. Die Nachfrage nach Frauen über 35 sei leider im Moment ein » bisserl« rückläufig, sagt der Herr Professor. Männer heiraten im Durchschnitt schon mit 32 Jahren, und ein Trend zur älteren Frau ist bestenfalls bei US-Popdiven auszumachen. Bis die Superweiber ihre Promotion abgeschlossen haben und die Attitüde »Jetzt ist gerade nicht die richtige Zeit für Kinder, ich will doch noch Karriere machen«, abgelegt haben, sind die bindungsfähigen und netten Männer bereits mit der Sekretärin verheiratet, also für die nächsten Jahre weg vom Markt. Übrig bleiben, wenn man es zuspitzt, viele akademisch hochqualifizierte, berufstätige Superweiber und männliche Hartz-IV-Empfänger. Laut Statistik sind das genau jene beiden Bevölkerungsgruppen mit den geringsten Chancen, einen Partner zu finden. Ein Artikel der US Zeitschrift Newsweek hat schon 1986 einer vierzigjährigen Single-Frau größere Wahrscheinlichkeit attestiert, bei einem Anschlag ums Leben zu kommen, als einen Ehemann zu finden. Folgerichtig müssten die Ansprüche der Frauen geringer werden, damit es dennoch klappen kann. Tatsächlich wird – wie die Fantastischen Vier singen – der eigene Film, in dem man selbst die Hauptrolle spielt, so detailliert ausformuliert, dass die Ansprüche und Erwartungen auch unter günstigen Bedingungen kaum zu erfüllen wären. Bei einer Freundin beinhaltet der in aller Detailliertheit ausgestaltete Lebenstraum ein Haus auf der Schwäbischen Alb mit Mann, Kind und einem Mercedes »T-Modell« – denn da sollte der Familienhund, ein Golden Retriever, herausspringen. Das viel realistischere Beziehungsmodell, in dem ein Arbeitsloser die Kinder versorgt, während Mutti in der Vorstandssitzung wirbelt, kommt in den Träumen von Single-Frauen nicht vor, es funktioniert eben in aller Regel auch nur als Modell. Frauen suchen schon aus Gründen der Arterhaltung den Duft des Versorgers, nicht den des Versagers.

Die Anforderungen, die auf Frauen lasten, sind in unserer Gesellschaft ungleich höher als jene, die Männer zu bewältigen haben. Unsichtbare Programme, geschrieben von vordergründig unsichtbarer Hand, bestimmen im Leben vieler Frauen. Es sind vor allem drei starke Kraftfelder, die dabei mit Skripten in das Leben hineinregieren, das je nach subjektivem Schmerz weit weniger selbstbestimmt ist als erwünscht. Zum einen sind es Gesellschaft und Beruf, die Frauen – heute mehr denn je – Rollen zuweisen, in denen sie zu funktionieren haben. Dabei ist die erhebliche Doppelbelastung aus Berufstätigkeit und Familie ein Fakt, der insbesondere im Alter um die dreißig einen erheblichen Ziel- und Orientierungskonflikt auslöst. Daran ändern auch abspülende Männer in der Realität wenig. Die zweite Rolle wird den Frauen oftmals durch ihre (wechselnden) Partner zugewiesen. Dabei ist es einerseits tatsächlich so, dass viele meiner Gesprächspartnerinnen darunter leiden, sich immer wieder asynchrone Rollenmuster durch ihre Partner aufzwängen zu lassen, um damit eine Art Beziehungsburgfrieden herzustellen (er verlangt von ihr Treue, geht aber selbst fremd). Geschieht das wiederholt und also zum Nachteil der Partnerin, so stellt sich einerseits die Frage nach dem alltäglichen Umgang mit dem Partner und der aktiven Adressierung dieser Situation, zum anderen aber auch nach der Auswahl des Partners und damit nach jenem Programm, das weit früher geschrieben wurde, nämlich in Kindheit und Jugend. Es ist vor allem der Sound des Elternhauses, jene unsichtbare Hand, die Entscheidungen in der Partnerwahl und im Verlauf der Beziehung beeinflusst. Dabei ist in erster Linie das Verhältnis von Töchtern zu ihren Vätern prägend und erzieherisches Abbild der eben dargestellten Struktur, wie ich später noch ausführen möchte.

»Zusammentun ist das Schlüsselwort der verzweifelten Frauen um die dreißig«, sagt dagegen die ZEIT-Autorin Heike Faller zu Recht. Zugleich ist es so etwas wie ein emotionaler Offenbarungseid, der die Aufgabe sämtlicher Werte aus der Gefühls- und Liebeswelt markiert. Anvisiert wird dabei eine Versorgungsbeziehung, eine Art Rentenreform der Gefühle. Dabei kommen Gedanken an frühere Zeiten oder andere Kulturen auf, in denen Frauen noch verheiratet wurden. Wenigstens hatten die einen Mann, und jemand anders war an ihrem Unglück schuld, sagte neulich eine Bekannte zu mir. Das zeigt, wie groß die seelische Not ist. Wie ein schwarzes, galaktisches Loch saugt die seelische Fixierung alles an und in sich hinein, was im Zusammenhang mit diesem Thema steht.

In den – zumeist gutgefüllten – Bücherregalen ihrer Single-Wohnungen finden sich – in zweiter Reihe – Ratgeber wie »Die späte Geburt«, »Kinder mit 40« oder Bücher darüber, wie man sich auf das – noch weit entfernte – Klimakterium vorbereitet. Ein Lebensabschnitt, dessen Vorboten hypochondrische 35-jährige Frauen gern auch bei längeren Spaziergängen schon zu bemerken glauben, dabei geht es nur etwas bergan. Frauen, die in vorbeifahrende Kinderwagen starren wie Männer jedwelchen Alters in rote Flitzer aus Norditalien. Frauen, die bei der so dahingeworfenen Frage: »Was sagt die Uhr, Schatz?«, nur halb im Scherz antworten: »Meinst du die biologische?« Zur Verteidigung dieser geplagten Mitdreißigerinnen muss man sagen, dass auch Ärzte sie gern mit Sätzen psychologisieren wie: »Übrigens, wenn Sie in Ihrem Alter (33) noch acht fruchtbare Tage im Jahr haben, ist das schon viel.« Oder: »Die Möglichkeiten der künstlichen Befruchtung sind ja heute zum Glück schon recht weit.«

Zu Recht könnte man nun fragen, warum sich eigentlich immer nur die Frauen »bewegen« sollen, Männer könnten schließlich auch an ihrem Paarverhalten etwas ändern. Diese stille Hoffnung nimmt uns der Münchner Soziologieprofessor Ulrich Beck. Er fasst das weibliche Dilemma mit Männern als »verbale Aufgeschlossenheit, bei weitgehender Verhaltensstarre« zusammen. Dieses Problem wird in Studien auch als sogenannte 80 : 40-Katastrophe bezeichnet. 80 Prozent der Frauen bemühen sich demnach intensiv und mit großem Kraftaufwand um die Vereinbarung von Job und Familie, aber nur 40 Prozent der Männer können sich in Wirklichkeit eine Partnerschaft vorstellen, in der die Aufgaben gleich verteilt sind. Sagen tun sie gleichwohl etwas anderes. Befragt man sie, antworten sie brav, dass es ihnen selbstverständlich auf innere Werte, den Charakter und natürlich Intelligenz ankommt. Sie nehmen dann aber die Hübsche mit den großen Brüsten. Das klingt nicht nur einfach gestrickt, das ist es auch. Die Intelligenz einer Frau spielt im Beuteschema des Mannes nicht etwa nur eine untergeordnete Rolle, sie spielt gar keine, sagt Professor Grammer und verweist auf eine repräsentative wissenschaftliche Untersuchung von 1200 paarungsfähigen Großstädtern.

Es liegt demnach einem evolutionären Programm zugrunde, dass sich Männer angesichts jeder jungen Frau fragen: »Könnte da etwas für mich laufen?« Ungezählt sind jene Ehefrauen, die diese Erfahrung mit ihren Männern und deren jungen Assistentinnen machen mussten. Die Studienergebnisse auf einen Nenner gebracht: Die Chancen sind für Frauen am höchsten, je jünger, und bei Männern, je wohlhabender und einflussreicher sie sind. Wissenschaft kann so herrlich politisch unkorrekt sein. Männer, die keine ernsten Absichten verfolgen – und das sind die meisten –, haben folglich die Möglichkeit, sich bei Frauen als Schönheits- und Jugenddiebe zu bedienen, um sich, sobald das Diebesgut entwendet ist (etwa mit Anfang dreißig!), plötzlich aus dem Staub machen. Wie aber kommt es dazu, dass so viele Frauen diesen Dieben Tür und Tor öffnen, ja sie auch noch hereinbitten?

Der Exkurs zu den Befindlichkeiten der Frauen um die dreißig ist interessant, um zu verstehen, welche Ausgangssituation zugrunde liegt, denn es ist kein »schwieriges Alter«, es ist der Zustand einer Generation. Diese Verfassung hat nur zwei Dimensionen: Entweder man lebt in einer Beziehung, fast unerheblich, ob glücklich oder nicht, oder man ist eben Single. Auch da teilt sich die Selbstbetrachtung. Entweder hat die Sehnsucht nach der idealen, einzigartigen und ewig währenden Liebe schon einen realitätsverzerrten Blick auf das eigene Leben beschert, oder es herrscht nackte Panik. Mit fortschreitender Zeit und verstärkt durch unerfreuliche Beziehungserlebnisse, tendiert die Befindlichkeit ab Tempo dreißig zu Letzterem. Schlimmer noch, die Frage wird ausgeweitet zu einem Grundsatzkomplex, dem »Kann es überhaupt noch klappen?«.

Ich möchte Ihnen Gabriella vorstellen. Sie ist der eigentliche Auslöser für mich gewesen, dieses Buch zu schreiben. Immer wieder habe ich von Frauen dieses Alters ähnliche, teilweise vergleichbare Geschichten gehört, doch erst die Geschichte von Gabriella hat mir gezeigt, dass sich dahinter ein teilweise unheilvoller Mechanismus verbirgt, den man benennen und beschreiben kann. Mir schien, dass die Entwicklung von Gabriella und ihre Abhängigkeit von Männern, die es immer wieder alles andere als gut mit ihr meinten, kein Einzelfall, sondern in dieser Form fast alltäglich ist.

Scheißkerle

Mr Right ist irgendwie falsch

Gabriellas Augen sagten alles. Es war ein schöner, sonniger Nachmittag auf dem Hippodrom in Köln. Der Geruch frischgemähten Sommerrasens zog über den aufgeheizten Platz. Ich sah mir gerade Turnierergebnisse auf einem Monitor an, als wir ins Gespräch kamen. Schnell stellten wir fest, mehrere gemeinsame Bekannte zu haben. Was für ein Zufall, wenn man an Zufälle glaubt.

Gabriella war Art-Direktorin bei einem Lifestyle- und Modemagazin und lebte in Hamburg. Sie war 33, äußerst attraktiv, und verbreitete mit ihrer unprätentiösen und frischen Art sofort eine gute, aber unaufdringliche Stimmung. Ein Lichtblick in dieser Gesellschaft faltenwerfender Superreicher aus ganz Europa. Sie trug Hut und einen engen Hosenanzug, der betonte, was zu betonen war. Zusammen mit Gabriella lernte ich auch Matthias kennen, ihren Freund. Matthias Maruschek war 28, Makler und lebte in München. An seinem Revers trug er eine Anstecknadel mit dem Logo seiner Maklerfirma, ein glückliches rosa Schweinchen mit einem Kleeblatt. Der jungenhafte Charme, seine unkomplizierte Art, die Fähigkeit, sich in jeder Gesellschaft schnell zurechtzufinden und nicht zuletzt ein knackiger Po machten ihn zu einem dieser »Ist-der-süß«-Männer, die viele Frauen attraktiv finden. Dass er sich mit Gabriella ohne Einladung in den VIP-Bereich gemogelt hatte, fiel niemandem auf, beide passten glänzend zu der Veranstaltung. Sie verstanden es ausgezeichnet, sich zusammen auf diesem Parkett zu bewegen, und baten, nicht ohne Witz und Charme, geladene Gäste, die den Raum verließen, um deren Gutscheine für das Wettbüro. Matthias verstand es sehr schnell, Damen jeden Alters mit einem unterhaltsamen Gespräch zu erfreuen und Herren das Gefühl zu geben, er sei ein wirklich netter Kerl. Dass seine Akzeptanz, vor allem bei den anwesenden Männern, aus einer gewissen Unfähigkeit herrührte, mit ihnen zu konkurrieren, war für Gabiella nicht zu erkennen. Auch dass er seine Sätze mit »Ich will mal so sagen . . . « begann, störte sie nicht weiter. Aber an diesem sonnigen Nachmittag gingen diese kleinen Zeichen im Galopp unter.

Jeder mit einem Fernglas bewaffnet, unterhielten wir uns über dies und das. Man sprach über Belanglosigkeiten und doch tauschte man sich auf einer übergeordneten Ebene intensiv aus, lernte sich kennen und verstand, was der andere gar nicht gesagt hatte. »Jaja, wir kennen uns seit einem Jahr«, sagte Gabriella, »und wir sind sehr glücklich. Er wohnt noch in München, will aber demnächst umziehen. Nach einer langen Beziehung, die vor zwei Jahren zu Ende gegangen ist, bin ich nun froh, dass wir es so schön haben.« Die Erzählungen über Plätze, Menschen und Orte rauschten an mir vorbei.

»Und weißt du, wie wir uns kennengelernt haben?«, fragte sie. »Der ab-so-lu-te Zufall!« Frauen lieben Zufälle und alles, was nach Schicksal aussieht. Mich hat schon als Jugendlicher ein Klient meines Vaters besonders beeindruckt, der dieses Phänomen für sich zu nutzen wusste: Peter Kairos düste als immerhin schon 48-jähriger Frauenfänger durch Hamburg. Porsche? Selbstredend! Als 16-jähriger Inspizient seines PS-starken Geschosses interessierten mich aber vor allem die Trockenblumensträußchen unter jener Haube, unter der ich fälschlicherweise den Motor vermutete. In Wirklichkeit fand sich darin die Antriebsquelle der amourösen Abenteuer dieses graugewellten Gewerbetreibenden, der es offensichtlich am liebsten von hinten mochte. Denn immer, wenn Peter Kairos eine attraktive Frau in einem anderen Fahrzeug entdeckte – dabei spielte es gar keine Rolle, ob sie allein oder in Begleitung fuhr –, rammte er beherzt deren Stoßstange, um sich sogleich mit einer eindrucksvollen Visitenkarte und einem Trockenblumensträußchen, das er, angeblich auf dem Weg zu seiner kranken Mutter, dabeihatte, blumig zu entschuldigen. Die Damen erkannten einen edlen Ritter im weißen Porsche. Der Kartenaustausch erfolgte selbstverständlich nur wegen der Versicherung. Der stadtbekannte und notorische Bauträger melkte beim kurz darauf folgenden Abendessen à deux die Tatsache, dass viele Frauen nur zu gern an eine »Fügung« glauben, also daran, dass eine höhere Stelle ihre Wünsche nach einem attraktiven, interessanten Mann erhört hat und nun der Himmel diesen romantischen Menschen geschickt habe. Der Mann hatte indessen einen geplanten und keineswegs nur einen zufälligen Entwurf des »rechten Augenblicks«. Er kalkulierte, dass viele Frauen pseudoesoterische Bücher wie »Bestellung ans Universum« im Bücherregal haben, die diesen Glauben unterstreichen. Werke, die Anleitungen in einer Mischung aus Voodoo und modernen Beschwörungsformeln bieten und deren Versprechen es ist, das Glück in Form eines männlichen Wesens quasi herbeizumurmeln.

Gabriella sah mich an. »Wir hatten Jahrgangstreffen unserer Schule«, sagte sie. »Er zehn Jahre Abi, ich fünfzehn. Wir kommen aus dem gleichen Ort, kannten uns aber nicht.« Fast drohte die banale Geschichte des Wiedersehens eines Schulfreundes zur Schicksalserzählung auszuarten. Ich fixierte ihre Augen. Alles Quark, dachte ich mir, sie ist unglücklich mit sich, mit ihm, mit der Situation. Ihre Darstellung passte einfach nicht zu dem, was ihre Augen und ihre Körperhaltung ausdrückten. Für meine Vermutung gab es sonst aber noch nicht einmal das kleinste Anzeichen, geschweige denn einen Anlass. Beide herzten und drückten sich, küssten sich oft und sprachen begeistert von ihrer bevorstehenden Reise auf die Malediven.

Zurück zu Hause, rief ich eine Freundin an, die Gabriella und Matthias ebenfalls kannte. »Aber nein«, sagte Martina, die Moderatorin beim öffentlich-rechtlichen Hörfunk war. »Du und deine Ideen, das ist ein total verliebtes Paar. Sooo süüß. Die waren gerade zum Brunch hier, die lieben sich wirklich. Und wie nett die miteinander umgehen. So eine Beziehung wünscht sich doch jede Frau.« Eine weitere Bekannte äußerte sich ähnlich.

Wenige Tage später bekam ich eine SMS auf mein Handy. Wenn du mal in Hamburg bist und so weiter und so fort. Menü, Antwort: »gerne bald mal, gruss r.« Menü, Optionen, Nachricht gesendet.

Wir trafen uns unmittelbar nach Gabriellas und Matthias’ Rückkehr von den Malediven in einem Restaurant in Hamburg. Das »Nil« ist unprätentiös gestylt und verströmt die Aura weltstädtischen Flairs, ohne die anstrengenden Allüren eines dieser betulichen »Ich-sehe-auswie-in-New-York«-Restaurants. Kurzum, es ist ein Ort, an dem man sich wohlfühlt und gut unterhalten kann. Draußen war es kalt. Die klamme Feuchtigkeit des Nieselregens kroch mir an den Beinen hoch, als wir gemeinsam das Lokal betraten. Mit der Atmosphäre des »Warum-treffen-wir-beide-uns-eigentlich-hier« in der Luft, begannen wir ein etwas förmliches Gespräch, dessen äußeres Merkmal, halb fröstelnd, halb wallend, verschränkte Arme waren. Jeder gab etwas Kleines aus seinem Leben preis, und die Situation entspannte sich ganz langsam. »Bestellen wir doch mal etwas zu essen!« ist ein beliebter Hilferuf in solcher Notsituation. Nachdem wir über dieses und jenes, das Leben im Allgemeinen und im Besonderen geplaudert hatten, kamen wir auf Matthias und wie es ihm gehe.

»Matthias und ich«, sagte Gabriella nach einem kurzen Zögern, »wir haben uns am vergangenen Freitag nach unserer Rückkehr von den Malediven getrennt.« Nun konnte ich ja schlecht sagen: »Ich weiß«, oder gar: »Bingo!« Mir wurde bewusst, dass vor mir wieder einmal eine überaus attraktive und erfolgreiche junge Frau saß, die offensichtlich das Gefühl hatte, immer an den falschen Mann zu geraten, beziehungsweise, noch viel schlimmer, unfähig dazu zu sein, jemanden an sich zu binden oder ihn gar zu einem Eheversprechen bewegen zu können, also unfähig zum Wichtigsten im Leben vieler Frauen zu sein, nämlich eine intakte, langfristige Beziehung zu führen. Folglich hielt ich mich zurück und ließ Gabriella erzählen, und in ihrer Geschichte tat sich eine haarsträubende, aber gar nicht so ungewöhnliche Beziehungsfalle auf. Matthias hatte während der Beziehung Kontakt zu seiner Exfreundin und deren Kind behalten. Dabei benutzte er das liebgewonnene, aber nicht leibliche Kind als willkommenen Vorwand und Rechtfertigung, seine Exfreundin regelmäßig zu sehen. Er hatte, wie sich durch einen aktuellen Anruf wenige Tage zuvor herausstellte, im fernen München sogar ein ganz regelmäßiges Verhältnis zu dieser Frau. Damit nicht genug: Blass und in der für Verletzte und Verlassene üblichen Detailliertheit der Darstellung der Ereignisse (»Dann schickte er mir eine SMS, nein, ich schickte ihm zuerst eine, und dann antwortete er . . .«), die helfen soll, das Unbegreifliche zu fassen, es abzubilden, vielleicht sogar zu verstehen, erzählte mir Gabriella von dem dauerhaften Betrug und wie geschickt Matthias es verstanden hatte, sie »zu parken«, wenn ihm nicht nach ihr war, um diese »Liebe« kurz darauf wieder zu aktivieren und die Beziehung mit ihr fortzusetzen. Es ist ein Jo-Jo-Spiel, bei dem Männer es hervorragend verstehen, eine Partnerin nach Belieben zurückzuweisen und unter Darbietung der tollsten Entschuldigungen wieder für sich zu gewinnen. Leider verstehen die meisten Frauen nicht, dass es keineswegs um Gefühle geht. Dieses Verhalten ist ein Spiel, bei dem es um die Ausübung von Macht und die Stärkung des eigenen Selbstwertgefühls geht, und es ist für Männer besonders dann interessant, wenn es sich bei dem »Gegner« – also der Frau – um eine besonders attraktive und stark wirkende Persönlichkeit handelt. Dann wird dieser Spieltrieb leicht zur Spielsucht. Mit dem Trieb ist dabei keineswegs die Sexualität des Mannes gemeint. Es geht darum, sich selbst zu erhöhen, sich über jemanden stellen zu können, den man eigentlich für überlegen hält. Meist funktioniert dieses Schema bei Männern, die sich darüber wundern, dass sie diese Frau überhaupt für sich gewinnen konnten. Es ist wie ein erster Glückssieg, das bekannte Anfängerglück beim Roulette, das einen Rausch des Erfolgs hervorbringen kann. Dieses »Ich kann alles schaffen, ich bin der Größte« soll nicht enden. Und damit beginnt eine unheilvolle Spirale, die äußerst subtil abläuft: Der Unterlegene wächst – zum Nachteil seiner nichts ahnenden Partnerin – über sich hinaus. »Mal sehen, was ich da alles treiben kann« ist gleichbedeutend mit Erfolgserlebnissen, die ausschließlich destruktiv sind und zulasten eines anderen Menschen gehen. Und richtig, das muss eine Frau auch erst einmal mitmachen. Frauen, die diesem Muster auf den Leim gehen, sind in die Rolle des »Opfers« gefallen. Jeder ist in seinem Leben einmal Opfer und auch mal Täter. Frauen jedoch gehen besonders oft in diese Falle, weil sie so erzogen wurden, weil die Werte unserer Gesellschaft sich längst nicht so nachhaltig verändert haben, wie es mutigen Frauenrechtlerinnen in den vergangenen dreißig Jahren bei den Rahmenbedingungen für Frauen in unserer Gesellschaft gelungen ist.

Immer wieder einem Mann ungewollt in die »Falle« zu gehen ist also ein Muster, das einem unsichtbaren Programm folgt. Es braucht dazu ein Opfer und einen Täter. Gehen wir zunächst weiter auf die Motive der Täter ein. Die größte Gruppe dieser Männer findet es stimulierend, bewusst oder unbewusst Streit und Trennungen zu inszenieren. Zum einen, um damit Freiraum für andere Abenteuer zu haben (»Wir waren in dem Zeitraum ja schließlich nicht zusammen«), aber auch, um zu sehen, inwieweit ihre Attraktivität ausreichend ist, die Ex nach Belieben wieder für sich zu gewinnen. Je öfter dieses »Jo-Jo« stattfindet, desto befriedigender. Der Täter – und ich möchte natürlich nicht ausschließen, dass auch Frauen Täter sein können – hat so die Möglichkeit, seine Macht zu beweisen und sich seiner Spielerleidenschaft hinzugeben. »Einmal schaffe ich das noch, einmal bekomme ich sie noch rum«, lautet der erniedrigende und überaus verletzende Mechanismus, der letztlich aus einer Schwäche geboren wird. Das größte Problem ist dabei die Tatsache, dass mit jeder Trennung die Dosis erhöht wird. Noch schmerzhafter, noch erniedrigender soll diese vonstattengehen, um zu prüfen, ob ein Zusammenkommen nach dem verbalen – und mitunter auch körperlich gewalttätigen – Super-Gau bewerkstelligt werden kann. Die Idee dabei: Wenn ich das noch schaffe, dann muss meine Attraktivität für sie unglaublich hoch sein. So bitter das klingt, aber es geht natürlich gar nicht um die Partnerin, um ihr Wesen, ihre Person oder gar die Beziehung als solche, sondern einzig um das allmächtige Gefühl, auch diese extreme Trennungssituation (»Verschwinde, ich will dich nie wieder sehen!«) wenige Tage oder Wochen später abermals auffangen zu können. Männer mit Minderwertigkeitsgefühlen benutzen Frauen und deren Sehnsüchte nach einer intakten Beziehung dazu, ihr Selbstwertgefühl durch diese »Spielchen« aufzuwerten.