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Kann man zu den Ursprüngen der Bombe von Hiroshima reisen? Patrick Marnham, weit gereister BBC-Korrespondent, Biograf und Schriftsteller, kennt den Weg, und Joseph Conrad, Aby Warburg und Robert Oppenheimer sind seine Begleiter. Die Reise führt zunächst von Brüssel mit seinem Justizpalast, erbaut aus den Einkünften der kongolesischen Horrorkolonie, in den heutigen Kongo, woher das Uran für die Bombe kam. Weiter geht es nach New Mexico, einem magischen Stück USA, mit einer ausgelöschten Indianer-Kultur und dem Vermächtnis von Robert Oppenheimer und Aby Warburg, zwei "verrückten Genies" die sich der zerstörerischen Kraft der Wissenschaft im 20. Jahrhundert auf ganz verschiedenen Wegen näherten. Die Reise endet in Fukushima, wo 2011 die in Hiroshima und Nagasaki entfesselten Kräfte zeigten, was sie auch heute noch anrichten können.
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Seitenzahl: 480
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Patrick Marnham
Reisen zu den Ursprüngendes Nuklearzeitalters
Deutsch von Astrid Beckerund Anne Emmert
BERENBERG
Für John Coulson und Illtyd Trethowan,die uns an ihrer Liebe zur Sprache teilhaben ließen
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Über der Flussmündung hing eine schwarze Wolkenwand, und der stille Wasserweg, der bis zu den äußersten Enden der Erde reicht, strömte düster unter dem bedeckten Himmel dahin – schien hineinzuführen in das Herz einer gewaltigen Finsternis.
Der letzte Satz aus Herz der Finsternis von JOSEPH CONRAD (1902)1
Vorbemerkung des Autors
Die in diesem Buch beschriebenen Reisen habe ich in Begleitung meines Freundes Manu Riche unternommen, der mich nicht nur mit dem Werk Aby Warburgs vertraut gemacht, sondern auch einen preisgekrönten Dokumentarfilm über unsere Recherchen gedreht hat und auf den Titel für Buch und Film gekommen ist.
1890 verbrachte der Schriftsteller Joseph Conrad sechs Monate im Kongo-Freistaat, einem unermesslich großen Gebiet in Zentralafrika, das als privates Besitztum des belgischen Königs Leopold II. galt. Was Conrad entdeckte, schockierte ihn. Ein grausamer Feldzug, Versklavung und Massenmord wurden als zivilisatorische und wissenschaftliche Mission hingestellt.
Im Dezember desselben Jahres tanzten Sioux-Indianer in Pine Ridge, South Dakota, den Geistertanz. Sie glaubten, dass dieses Ritual die im Kampf gegen den Weißen Mann gefallenen Krieger wieder zum Leben erwecken würde. Der Weiße Mann würde nicht mehr existieren, und die sechzig Millionen Büffel, die seinem Repetiergewehr zum Opfer gefallen waren, würden erneut die Prärie durchstreifen. Ihr Geistertanz endete1 in der »letzten Schlacht«, dem Massaker von Wounded Knee.
Joseph Conrad fasste die Gräueltaten, die klammheimlich gegen die Waldvölker des Kongo verübt wurden, nicht nur als kriminellen Auswuchs eines skrupellosen Regimes auf. In seinem Roman Herz der Finsternis, der auf seinen Erfahrungen im Kongo beruht, sind diese Verbrechen Sinnbild des bevorstehenden Niedergangs seiner eigenen Zivilisation.
Fünfzig Jahre nach Conrads Flussfahrt auf dem Kongo wurde das Uran eben jenes Unternehmens, das Conrad angestellt hatte, unter strenger Geheimhaltung nach New Mexico verschifft und dort für die Atombomben verwendet, die Hiroshima und Nagasaki im Jahre 1945 zerstörten.
Die direkte Verbindung zwischen der gespenstischen Vision des Schriftstellers und dem Bau einer Waffe, die unsere Welt vernichten könnte, war Inspiration für diese Geschichte.
Schlangentanz berichtet in drei Etappen von einer Reise. Wir folgen der Fährte des Urans vom Kongo über New Mexico nach Japan und gehen der langen Verkettung von Missgeschicken und ehrgeizigen Plänen nach, die Massenvernichtung, Kalten Krieg und die Entstehung des amerikanischen Imperiums heraufbeschworen.
Es ist die Geschichte einer weiten Reise stromabwärts auf Conrads stillem Wasserweg, der düster unter einem bedeckten Himmel aus Afrika hinausströmt – hinein in das Herz einer gewaltigen Finsternis.
Juli 2013
Onkel Norman starb am 8. März 1906. Am Frühstückstisch im Haus Helderfontein in Stellenbosch in der Kapprovinz. Er war zwei Jahre alt; sein morgendlicher Haferbrei war mit einer Prise Arsen versetzt worden. Das langgestreckte, lichtdurchflutete Frühstückszimmer von Helderfontein blickte auf den Blumengarten hinaus, dessen Beete im März morgens um diese Zeit noch bewässert wurden; der gesamte Garten konnte dank eines genialen Systems von gemauerten Kanälen und Holzdämmen von einem einzigen Wasserhahn versorgt werden. Als Norman starb, war meine Großmutter mit dem dritten ihrer sechs Kinder schwanger.
Eigentlich hatte der Arsenanschlag meinem vierjährigen Vater gegolten. Das Frühstückszimmer lag an einem Ende des Hauses, die Kinderzimmer befanden sich am anderen. Mein Vater hatte einen ausgeprägten Sinn für Hierarchie und für den ihm gebührenden Platz in der Welt von Helderfontein, und das rettete ihm das Leben. Als er an diesem Morgen später als üblich am Frühstückstisch erschien – normalerweise war er vor den anderen dort –, erbrach Norman sich krampfartig. »Ich setze mich nicht mit einem Kind an einen Tisch, das sich übergibt«, verkündete mein Vater und verließ den Raum, ohne seinen Haferbrei angerührt zu haben. Als meine herbeigeeilte Großmutter sich bemühte, den kleinen Jungen zu beruhigen, fielen ihr tote Fliegen in einer kleinen Pfütze neben dem Teller auf. Nachdem Norman gestorben war, wurde der Inhalt des Milchkrugs noch am selben Tag zur Analyse geschickt. Meine Großmutter war eine fromme Christin, und deswegen wurde der ungetaufte Norman an einem Hang unweit des Hauses bestattet. Die Grabstätte gehörte zum Hof; um sie zu erreichen, musste man den Fluss hinter dem Obstladen überqueren. Meine Großmutter kennzeichnete die Stelle mit einem kleinen Stein und verbot allen in der Familie, Norman jemals wieder in ihrem Beisein zu erwähnen.
Hauptverdächtiger war ein Mann namens Wilson, der ehemalige Kutscher meines Großvaters. Wilson war gemischter Abstammung, was später, in der Apartheid, als »Cape Coloured« klassifiziert werden sollte. Er war ein paar Wochen zuvor wegen Diebstahls entlassen worden und hatte Rache geschworen. Er kannte die Morgenroutine von Helderfontein, wusste, wann die Kühe gemolken wurden und wo die Frühstücksmilch aufbewahrt wurde. Er wusste auch, wann man die Molkerei unbemerkt betreten konnte. Und dass der älteste Sohn seines Arbeitgebers der Erste war, der die Milch zu sich nahm. Doch die Ermittlungen der Polizei waren nicht beweiskräftig genug. Weder konnte man dem Kutscher den Kauf von Arsen nachweisen, noch ihn sonst irgendwie mit dem Verbrechen in Zusammenhang bringen. Wilson wurde vor Gericht gestellt, freigesprochen und verschwand aus der Gegend. Doch das überzeugte meine Großmutter noch lange nicht von seiner Unschuld.
Mein Großvater Arthur war ein Pferdenarr. Es bereitete ihm großes Vergnügen, frühmorgens mit meinem Vater auszureiten, um den Simonsberg zu erkunden und allerlei Abenteuer zu bestehen. Mein Vater hatte sein eigenes Pony, und ein paar Monate nach Normans Tod, als er fünf wurde, hielt man ihn für alt genug, täglich zur Schule zu reiten. Der Pfad führte durch den Wald, und eines Nachmittags wurde mein Vater auf dem Heimweg erneut von dem Kutscher angegriffen, dessen Groll sich trotz Normans entsetzlichem Tod nicht gelegt hatte. Er schoss zwischen den Bäumen hervor, schwang eine Axt und brüllte: »Diesmal kriege ich dich!« Das Pferd ging durch, aber mein Vater hielt sich im Sattel und galoppierte nach Hause.
Als er seiner Mutter erzählte, was geschehen war, wurde ihr klar, dass ihr Sohn erst sicher sein würde, wenn der Mann für den Mord an Norman verurteilt wurde. Sie engagierte einen Privatdetektiv aus Kapstadt namens Davis, der sehr gründlich vorging und schließlich den Händler ausfindig machte, von dem Wilson das Arsen gekauft hatte. Aufgrund der veränderten Beweislage konnte der Mordprozess gegen Wilson neu verhandelt werden.* Wie beim ersten Mal wies er auch jetzt alle Schuld von sich. Er behauptete, das Arsen als Rattengift gebraucht zu haben.
Im Laufe des Kreuzverhörs fragte ihn der Staatsanwalt: »Sie haben mehr Gift gekauft, als man für Ratten benötigt. Was haben Sie mit dem Rest getan?«
»Ich habe es ins Feuer geworfen.«
»Gab es daraufhin irgendeine Reaktion?«
»Eine Stichflamme.«
»Welche Farbe hatte sie?«
»Sie war gelb.«
Der Experte, den die Staatsanwaltschaft als Nächstes aufrief, gab zu Protokoll, dass Arsen die Flammen beim Verbrennen blau färbt.
Der Kutscher wurde des Mordes schuldig gesprochen, zum Tode verurteilt und gehängt. Mein Vater konnte wieder unbehelligt zur Schule reiten, und meine Großmutter konnte in Ruhe um Norman trauern. Jedenfalls dachte sie das. Das Gerichtsverfahren hatte sie erschöpft, und einige Zeit später reiste sie nach England, um bei ihren Cousinen Abstand von den Ängsten zu gewinnen, die ihr glückliches Leben in Helderfontein überschatteten. An den Docks von Southampton stieg sie in den Zug nach London. Ein Gepäckträger hievte ihren Koffer auf die Ablage über ihrem Platz. Auf dem Schild der Union Line war »Mrs. Arthur Marnham, Stellenbosch« zu lesen. Als sich der Zug in Bewegung setzte und meine Großmutter sich an der abwechslungsreichen Landschaft der Hampshires und dem Gefühl zu erfreuen begann, den noch nicht lange zurückliegenden Albtraum allmählich hinter sich zu lassen, beugte sich die ihr gegenübersitzende Frau vor und erkundigte sich: »Sind Sie verwandt mit der Dame, deren kleiner Junge am Kap ermordet wurde?«
Im ganzen Königreich hatte die Presse über den Mord an Onkel Norman berichtet. Doch in dem drei Monate nach den Ereignissen im Auckland Star* erschienenen Artikel war mittlerweile von der Vergiftung der gesamten Familie die Rede. Das Verbrechen war zum Sinnbild für den kolonialen Albtraum geworden: Offene Rechnungen mussten beglichen werden, alles hatte seinen Preis. Alle unterdrückten Völker rächten sich eines Tages. Joseph Conrads Herz der Finsternis war 1902 in Buchform erschienen.
Gleichwohl schien Normans Tod meine Großeltern an Afrika zu binden. Arthur war ursprünglich nur ans Kap ausgewandert, um seine angeschlagene Gesundheit wiederherzustellen, und hatte immer beabsichtigt, irgendwann nach England zurückzukehren, und doch verbrachten seine Frau und er den Rest ihres Lebens in Helderfontein. Nach seinem Tod meißelten die Mitglieder der Methodistischen Kirche in Stellenbosch, der Kirche der »Cape Coloured«, seinen Namen in einen Stein neben der Kapellentür. Und darunter den Zusatz, dass es ihm zeit seines Lebens ein Anliegen gewesen sei, »Gutes zu tun«. Mein Vater verließ Südafrika im Alter von einundzwanzig Jahren; er lebte nie wieder dort. Er sprach auch nie darüber, dass ein Mann, den er für einen Freund gehalten hatte, zweimal versucht hatte, ihn umzubringen, als er noch ein kleiner Junge gewesen war. Als er Helderfontein verließ, um in England Medizin zu studieren, überreichte ihm John X. Merriman, der letzte Premierminister der Kapkolonie, ein Abschiedsgeschenk: Zwischen Wasser und Urwald von Albert Schweitzer.
Für den Kongo benötigt man ein Visum. Die Botschaft ist in Nordlondon in einem Reihenhaus aus dem 19. Jahrhundert untergebracht, dem einzigen mit einem Fahnenmast. Grauer Backstein an einem grauen Tag. Eine schmuddelige blau-rote Flagge hängt, schlaff von Abgasen und Regen, am Mast. Viele der Reihenhäuser sind mittlerweile Wettstuben und Schnellrestaurants. Die windschiefen Schornsteine scheinen nur von dem Gewirr rostiger Antennen gestützt zu werden. Jahrelang war diese Gegend ein Rotlichtviertel gewesen. Am Eingang von Gray’s Inn Road Nr. 281 waren am Tag meines Besuchs zwei Überwachungskameras und drei unbeschriftete Klingeln unter der Flagge angebracht. Es war nur ein Hauseingang in King’s Cross, aber schon hier spürte ich Afrika – nach dreißig Jahren – deutlich. Die unbekannte Flagge, die Klingeln ohne Schilder, das Gefühl, selbst aus den Bäumen beobachtet zu werden – alles lief auf die Frage hinaus: »Willst du hier wirklich rein?«
In den 1970er Jahren war ich mir jedenfalls sicher gewesen, raus zu wollen. Das war in Obervolta gewesen, dem späteren Burkina Faso. Die Hauptstadt heißt nach wie vor Ouagadougou. Damals gab es Probleme wegen eines Ausreisevisums. Das gar nicht existierte. Wenn man mich damals mit der Forderung nach einem nicht existenten Dokument konfrontierte, weigerte ich mich zu zahlen. Ich hatte kein Geld und mehrere Jahre Arbeit in Afrika hinter mir. Ich schwor: Sollte es mir gelingen, mich an diesem Uniformierten vorbeizudrücken, ohne für dieses imaginäre Visum zu zahlen, dann wäre es das letzte Mal.
Jetzt boten mir die fehlenden Klingelschilder erneut eine Chance, nicht in den Kongo zurückzukehren. Aber ich hatte mich vertraglich zur Reise verpflichtet, also brauchte ich ein kongolesisches Visum. Keine der Klingeln funktionierte, doch die Tür der Botschaft gab auf leisen Druck nach – und damit hatte ich meine Chance vertan. Hinter mir fiel die Tür ächzend ins Schloss. In einer dunklen Ecke moderten Hochglanz-Visitenkarten von Prostituierten vor sich hin. Es gibt Gerüchte, nach denen der kongolesische Botschafter in Tokio einmal das Dienstgebäude verkaufte. Das Personal landete vermutlich in einem japanischen Gegenstück zu Nr. 281. Im Schummerlicht konnte ich am Rand der Finsternis die ungestrichenen Wände des Flures ausmachen, die den Eindruck erweckten, als habe es vor kurzem gebrannt. Von der rußigen Decke baumelte ein Sicherungskasten an einem einzelnen Kabel. An der gegenüberliegenden Wand konnte ich durch die Glasscheibe neben einer Tür etwas erkennen, was nach dem Tresen eines Wettbüros aussah. Zwei vergitterte Schalter waren besetzt; über dem einen stand: »Konsularabteilung – Visa«.
Hinter diesem Gitter im Empfang der kongolesischen Botschaft in der Gray’s Inn Road saß eine majestätisch schöne Frau in einem prachtvollen wallenden Gewand. Sprach man sie auf Englisch an, antwortete sie auf Französisch. Entgegnete man ihr auf Französisch, wechselte sie wieder zu Englisch. Oder andersherum. Eine Frage der Macht. Sie reichte mir ein detailliertes Formular. Die Gebühr für das Visum betrug vierzig Pfund. Die Bearbeitungszeit, sagte sie, werde sich sehr lange hinziehen, ja, eigentlich könne sie mir gar kein Datum für die Fertigstellung nennen. Es sei denn, ich entscheide mich für den Express-Service, der höchstens vierundzwanzig Stunden dauere. Die Gebühr belaufe sich auf weitere dreißig Pfund, in bar, ohne Beleg. Auf einem weiteren Formular hatte ich meinen guten Leumund zu bestätigen. Wenn ich den Express-Service in Anspruch nähme, dürfe ich eigenhändig versichern, dass ich polizeilich nicht bekannt war. So viel zu dem Vorsatz, den ich in Ouagadougou gefasst hatte. Siebzig Pfund wechselten den Besitzer. Sie nahm meine Opfergabe an, ohne zu lächeln. Das Visum wurde innerhalb von zwölf Stunden ausgestellt. Der Flug ging von Brüssel.
* Nach südafrikanischem Recht konnte jemandem nach einem Freispruch noch einmal der Prozess gemacht werden, wenn neue Beweise auftauchten.
*Auckland Star, 9. Juni 1906, S. 13
Im November 1889 ging Józef Teodor Korzeniowski, ein polnischer Händler und Seemann, in London an Land, um nach Arbeit zu suchen. Zwölf Jahre zuvor hatte er sich in einer dunklen Stunde in Marseille in die Brust geschossen.1 Die Kugel hatte sein Herz verfehlt. Danach hatte er ein Kapitänspatent erworben, fand aber kein Schiff. Er erfuhr jedoch, dass sich Binnenschiffkapitänen eine Perspektive im Kongo-Freistaat eröffnete, einem riesigen Gebiet im Innern Afrikas, das sich König Leopold von Belgien als persönliches Lehnsgut angeeignet hatte. Also galt es, Erkundigungen in Brüssel einzuziehen. Korzeniowski war König Leopold als Mann bekannt, dem es ein Anliegen war zu helfen; er wurde vor allem dafür gerühmt, eine Zivilisierungsmission in Afrika zu finanzieren.
Die afrikanische Unternehmung, die dem polnischen Kapitän eine Chance zu bieten schien, war eines der erstaunlichsten politischen Vorhaben der Epoche, für das es weder Vorbilder noch Nachahmer gab. Es entsprang dem Willen eines einzelnen Mannes, des Monarchen eines wohlhabenden, aber unbedeutenden europäischen Landes, der sich nebenher zum Despoten eines immensen Gebietes in der unerforschten Welt aufgeschwungen hatte. Jeder Tagträumer kann in seinem Lehnstuhl solchen Illusionen nachhängen, doch Leopolds Genialität bestand darin, dass er die führenden internationalen Staatsmänner seiner Zeit dazu brachte, sein privates Reich anzuerkennen. Durch geschickte Manöver brachte er 1885 ein Gebiet von der Größe Westeuropas in seinen Besitz, das er so lange ausplünderte, wie es ihm nur möglich war.
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Bis heute ist die Demokratische Republik Kongo, der ehemalige Kongo-Freistaat, danach Belgisch-Kongo und später Zaire, mit Abstand die größte Nation Zentralafrikas. Leopold kündigte seine territorialen Absichten an, als er im kleinen Kreis erklärte, dass »Belgien auch einen Teil von diesem ausgezeichneten afrikanischen Kuchen«2 abbekommen müsse. Seine damaligen Konkurrenten waren Großbritannien, das mächtigste Land der Erde, Deutschland, die bedeutendste Nation Europas, die von einem weiteren Genie namens Bismarck regiert wurde, Frankreich als zweite Weltmacht sowie Portugal, die Kolonialmacht, die sich damals bereits in der Kongoregion festgesetzt hatte. Leopold steckte sie alle in die Tasche. Seine Taktik bestand darin, den geplanten Vorstoß in den Kongo als philantropische Unternehmung zu tarnen. Doch selbst ein Genie ist auf Glück angewiesen, und seine Glückssträhne begann, als er den englischen Forscher Henry Morton Stanley in seine Dienste nahm, den die anderen europäischen Regierungen nicht zu würdigen wussten.
Leopold saß bereits neun Jahre auf dem belgischen Thron, als Stanley 1874 von der Insel Sansibar an der Küste Ostafrikas aufbrach, um nach der Quelle des Nils zu suchen. Drei Jahre blieb seine Expedition im Urwald verschwunden. Als sie an der Atlantikküste wieder auftauchte, hatte Leopold auf der von ihm einberufenen Geographischen Konferenz in Brüssel zwei wichtige Weichen gestellt: die Gründung der Internationalen Afrika-Gesellschaft mit König Leopold als Präsident und die Ankündigung der wissenschaftlichen Erforschung des Kongobeckens. Zum Wohle Afrikas und der Menschheit plante man dort auch die Errichtung von »Missions- und Forschungsstationen«. Sobald Stanley nach Europa zurückgekehrt war, warb ihn der König an, und gemeinsam überlegten sie, wie sie den Kongo unterwerfen und ausbeuten konnten.
Bis zum 19. Jahrhundert war Afrika vor europäischen Eindringlingen durch gewaltige, größtenteils natürliche Barrieren geschützt. Wegen der starken Brandung war das Anlegen an vielen Stränden zu riskant, und die großen Flüsse, die den Kontinent entwässerten, versteckten ihre Mündungen hinter Sandbänken. Dazu kamen Stromschnellen, bedrohliche Urwälder mit todbringenden Pflanzen und unbekannten wilden Tieren, das Fieber und nicht zuletzt die Speere. Nachdem Stanley 1877 den Kontinent von Ost nach West durchquert hatte und aus den Wäldern von Boma wieder aufgetaucht war, waren diese Hindernisse nicht mehr unüberwindlich. Zwar hatte er die Quelle des Nils nicht gefunden, dafür aber den Kongostrom und seine wichtigsten Nebenflüsse kartografiert und auf diese Weise ein Bild des undurchdringlichen Urwalds erstellt, das ebenso genau war wie das Röntgenbild eines menschlichen Skeletts. Es würde seinen Zweck erfüllen.
Einen großen Teil des Reichtums aus der Plünderung des Kongo nutzte Leopold II., um die Hauptstadt seines Landes so prachtvoll herauszuputzen, dass sie es mit Berlin oder Paris aufnehmen konnte. Die königlichen Pläne hatten eher kaiserliche Ausmaße, und in weniger als zwanzig Jahren war Brüssel verwandelt. Im April 1890, als Józef Teodor Korzeniowski dort eintraf, nahmen die neuen Paläste, Chausseen, Parks und Arkaden bereits Gestalt an. Ein paar Jahre später rief sich der polnische Seekapitän, der unter dem Namen Joseph Conrad schrieb, in dem Roman Herz der Finsternis seine Eindrücke von dieser Stadt ins Gedächtnis, die ihn an eine »weiße Gruft« gemahnte.3
An den Toren des Warandeparks vor dem Königspalast gibt es eine Statue von König Leopold II., der, hünenhaft und mit langem Spitzbart, auf einem Rappen thront. Einem Gerücht zufolge wurde Belgien – nachdem es 1831 den Trümmern des napoleonischen Reiches entrissen worden war – von Beratern der Rothschild-Bank absichtlich als kleines Land entworfen, damit es von einer großen Bank beherrscht werden konnte. Unglücklicherweise war es nun aber so klein, dass die europäischen Mächte Schwierigkeiten hatten, einen geeigneten Kandidaten für den Thron zu finden. Bis dieser gigantische Mann namens Leopold auf seinem gigantischen Pferd des Weges kam.
Noch heute gibt es belgische Bürger, die das Andenken an den berühmtesten Herrscher des Landes hochhalten. Als im Kongo nach der Unabhängigkeit 1960 Unruhen ausbrachen, knieten Demonstranten sogar vor der Statue des schon lange verstorbenen Königs in Brüssel nieder, um seinen Beistand zu erbitten. Auch die anderen Denkmäler des Monarchen, sei es in der Hauptstadt oder anderswo, sind von gewaltigen Ausmaßen. Der Königspalast im Zentrum der Hauptstadt wirkt deutlich größer als der Buckingham Palace. Man braucht mehrere Minuten, um ihn abzuschreiten, auch wenn er heute nicht mehr von Riesen bewohnt wird. Hat man das Ende schließlich erreicht, kommt man auf einen hübschen Platz aus der Zeit vor Leopold II., auf dem sich allerdings auch ein Reiterstandbild findet. Diesmal ist es ein Mann in Rüstung, Gottfried von Bouillon, der Gründer des christlichen Königreichs Jerusalem, das im Jahre 1099 nach dem Ersten Kreuzzug ins Leben gerufen wurde, aber nur achtundachtzig Jahre bestand, bevor Saladin es einnahm. Somit wird der Palast von zwei Herrschern hoch zu Ross flankiert, die mit ihren Erfindungen exotischer Königreiche entsetzliche Verheerungen anrichteten.
Leopold II. reiste nie nach Afrika und zeigte kaum Interesse am Schicksal der Afrikaner, die seiner Obhut überantwortet waren. Doch mit der neuen Kolonie, die sich als eine der weltweit lukrativsten Pfründe entpuppen sollte, gab er dem belgischen Volk ein einendes Ziel. Brüssel und Ostende erhielten herrliche Bauwerke und Parks, die das Ansehen der Nation und damit auch ihres Königs hoben. Als dieses einende Ziel verlorenging, ribbelte sich das nationale Gewebe nach und nach auf.
Als Föderalstaat mit einem dezentralen System starker regionaler Behörden wird Belgien heute von einem enormen bürokratischen Apparat geprägt. Es hat in etwa so viele Einwohner wie London, aber wofür die britische Hauptstadt einen »Minister« beschäftigt, nämlich den Bürgermeister, gibt es in Belgien siebzig. Hätte China dasselbe Verhältnis von Ministern zur Bevölkerungszahl wie Belgien, bestünde die chinesische Regierung aus 35000 Ministern. Kabinettssitzungen müssten in Fußballstadien stattfinden.
Und dennoch gibt es in diesem Land, in dem alles genauestens reglementiert ist und das sich im Herzen der Bewegung für ein vereintes Europa befindet, Anzeichen nationaler Auflösung. Zwischen Flandern und der Wallonie, den Regionen, in denen niederländisch beziehungsweise französisch gesprochen wird und deren Grenze quer durch den Nationalstaat verläuft, verschlechtern sich die Beziehungen zusehends. Die meisten Flamen weigern sich, Französisch zu sprechen, während den Wallonen das Niederländische immer noch schwerfällt. Besuchern drängt sich der Eindruck auf, dass die beiden Volksgruppen nur in Brüssel gut miteinander zurechtkommen.
Im Juni 2011 stellte Belgien mit der Zeitspanne, die zwischen einer Wahl und der Bildung einer neuen Regierung verstrich, einen neuen Weltrekord auf. Achtzehn Monate blieb das Land aufgrund interner Machtkämpfe ohne Regierung, was allerdings im alltäglichen Leben kaum zu spüren war. In die ersten Monate des Interregnums fielen die Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Unabhängigkeit des Kongo im Juni 2010, und obwohl Belgien weder einen Premierminister noch einen Außen-, Verteidigungs- oder Entwicklungshilfeminister vorweisen konnte, obwohl es genau gesagt jeglichen Ministers ermangelte, dessen Fernbleiben von einem solchen Ereignis normalerweise undenkbar gewesen wäre, konnte es unter der Führung König Alberts II. eine imposante Delegation in den Kongo entsenden. Diese Situation erheiterte die Einwohner des afrikanischen Viertels von Brüssel, Matongé, so sehr, dass sie eine Petition in Umlauf brachten, welche die »sofortige Wiedereingliederung Belgiens in die Demokratische Republik Kongo« forderte.
Die Petition, im streitlustigen, ausgelassenen Stil Kinshasas verfasst, forderte für Belgien den Status eines Überseeterritoriums der DRK, da es schon immer vom Kongo abhängig gewesen sei und dieser auch wesentlich zu seiner Zivilisierung und seinem Wohlstand beigetragen habe. Das belgische Sprachproblem lasse sich lösen, indem Lingala zur offiziellen Amtssprache im gesamten kongolesischen Gebiet – auch in der entlegenen Provinz Belgien – erklärt werde. Alle Belgier sollten mit sofortiger Wirkung die kongolesische Staatsbürgerschaft erhalten. Weil der Kern der Sache wahr war, traf der Witz ins Schwarze: Belgiens Spaltung und sein wirtschaftlicher Niedergang beschleunigten sich in den Jahren nach der Unabhängigkeit des Kongo.
Als König Leopold die koloniale Herrschaft anstrebte, war es für ihn von großem Vorteil, dass ihn die übrigen europäischen Herrscher für einen reichlich naiven Idealisten hielten. In deren Augen war der belgische Monarch offenkundig bereit, sein beträchtliches Privatvermögen aufs Spiel zu setzen, um »den im Elend lebenden Völkern dieser Erde große Wohltaten angedeihen zu lassen«4. Der König selber verglich seine Internationale Afrika-Gesellschaft (IAG) mit dem Wirken des Internationalen Roten Kreuzes in Afrika. Zu den erklärten Zielen der Afrika-Gesellschaft zählte die Durchsetzung von Rechtsstaatlichkeit. Millionen von Kongolesen würde Gerechtigkeit durch den Habeas-Corpus-Grundsatz widerfahren, mit dem sie vor Freiheitsentzug und damit vor dem Sklavenhandel geschützt werden sollten.
Tatsächlich wurde das Land durch die Verbrechen, die Bevollmächtigte König Leopolds im Kongo – den er Kongo-Freistaat nannte – begingen, zu einem der grausamsten Schauplätze kolonialer Unterdrückung. Leopold II. ist als gnadenloser Tyrann in die Geschichte eingegangen, der ein Terrorregime errichtete und Millionen von Menschen versklavte. Nie wird man mit Sicherheit sagen können, wie viele Afrikaner durch die Hände seiner Helfershelfer umkamen. Die Mehrheit von ihnen erlag der Versklavung, die außer Hunger, Erschöpfung und Krankheit einen dramatischen Rückgang der Geburtenrate mit sich brachte.*
Angesichts dessen, was in Wirklichkeit geschah, entspricht das größte von Leopold II. errichtete Gebäude, nämlich der Justizpalast, der Brüssel noch heute beherrscht, seiner Herrschaft vielleicht am ehesten. Der Palais de Justice steht am Rande eines Felsens über Marolles, dem damaligen Armenviertel. Mit seiner knapp hundert Meter hohen Kuppel ist er höher als der Petersdom in Rom und gilt als das größte europäische Gebäude des 19. Jahrhunderts. Noch immer dominiert er das Stadtbild im Umkreis von mehreren Kilometern.
Der neoklassizistische Palast hat dreißig Eingänge und dreihundertfünfzig Räume über einem Labyrinth von fünf unterirdischen Stockwerken, in dem sich Gerichtsarchive befinden und eine Rasse blinder Katzen lebt – im Dunkeln geboren, erblicken sie niemals das Tageslicht und sterben im Dunkeln. Das Gerichtsgebäude wurde von Leopold siebzehn Jahre nach Baubeginn eingeweiht. Am imposantesten ist die überdimensionale Eingangshalle, die salle des pas perdus. Leopold I. hatte die Pläne autorisiert, aber tatsächlich gebaut wurde unter Leopold II., und der Sohn war es auch, der die Größenordnung festlegte. Der Palast ist weit mehr als beeindruckend – er ist überwältigend, er duldet keinen Widerspruch, er ist die Verkörperung einer arktischen Autorität. Leopold I. bestieg den Thron nach einem Volksaufstand, der zum Sturz seines Vorgängers, des Königs von Holland, geführt hatte. Das Gebäude, das sein Sohn und er errichteten, dient als eine ständige Warnung vor dem Versuch einer Wiederholung.
Der gigantische quadratische Eingangssaal mit seinen vier monumentalen Gewölben, die durch Emporen, Treppen und Balustraden miteinander verbunden sind, strahlt dieselbe Unmenschlichkeit aus, die die Herrschaft des Königs in Afrika kennzeichnete. Orson Welles wollte die salle des pas perdus als Kulisse für Der Prozess nutzen, bekam aber keine Drehgenehmigung. Wenn man in diesem Eingangssaal steht und um sich blickt, glaubt man gern, dass der Architekt vor Fertigstellung des Gebäudes verrückt geworden sein soll.
An den Wänden unterhalb der Balkone stehen sechzehn Eichentische mit Bänken. Bei meinem ersten Besuch waren zwei oder drei dieser Tische von Anwälten belegt, die sich dort mit ihren Klienten berieten, die alle afrikanischer Herkunft waren. Vielleicht Kongolesen, die sich um eine Aufenthaltserlaubnis bemühten. Während ich mir Notizen machte, klapperte die Messinglampe auf meinem Tisch wie eine Schiffslaterne auf See. In ihren Metallfuß hatte jemand eine Nachricht eingeritzt: »La justice nique« (»Scheiß auf die Justiz«). Ein Gerichtssaal nach dem nächsten war menschenleer und ungenutzt, niemand fragte mich, was ich dort zu suchen hatte, es gab keine Überwachungskameras. An den Wänden eines verlassenen Korridors hingen Fotografien längst verstorbener, graugesichtiger Männer in schwarzen Roben.
Schließlich stieß ich auf einen Gerichtssaal, in dem zwei lebende Anwälte saßen und Zeitung lasen. Eine Seitentür öffnete sich und drei Polizisten führten einen jungen Mann in Hemdsärmeln herein, dessen Hände hinter dem Rücken gefesselt waren. Der Gefangene sah sich um, doch die Juristen schenkten ihm keine Beachtung. Er setzte sich. Die kleine Gruppe wartete, drei in Uniform, zwei in Roben, einer in Handschellen, aber keine Türen öffneten sich und keine Richter kamen, um sich auf die entfernte Bank zu setzen.
Am Ende eines anderen Flurs befand sich eine unauffällige Aufzugtür aus Stahl. In der Hoffnung, hier entlang auf die Kuppel gelangen zu können, drückte ich auf den Knopf mit der Ziffer vier. Der Aufzug fuhr nach unten, nicht nach oben, und hielt in einem Stockwerk, das sich als Ebene fünf herausstellen sollte. Hier in der Tiefe gab es keine Heizung. Eine einzelne Glühbirne warf ein spärliches Licht auf eine Stahltür und den verspäteten Hinweis: interdit aux publiques. Das Licht flackerte, es schien keinen Schalter zu geben. Ein Labyrinth aus Tunneln und mit Drahtgittern gesicherten Regalen verlor sich in der Finsternis. Akten mit der Beweisführung und den Urteilen, die von den längst verstorbenen Männern auf den Fotos gesprochen worden waren. Was für ein Denkmal für die letztendliche Vergeblichkeit des Lebens von Menschen, die ihren Scharfsinn für juristische Streitfälle einsetzen. Als die Lichter erneut flackerten, rief ich den Aufzug. Zu meiner Überraschung kehrte er zurück.
Das Justizministerium will aus dem Gerichtsgebäude König Leopolds ausziehen; seit fünfzig Jahren sind hier Renovierungsmaßnahmen überfällig. Die Fassade bröckelt, das Gebäude ist zu groß, als dass man es bewachen könnte, und zu viele Häftlinge fliehen durch die unterirdischen Labyrinthe. Es thront über der Stadt, ein Mausoleum menschlichen Missgeschicks und Leidens, eines der letzten verbleibenden Symbole eines vereinten Belgiens.
Unter König Leopolds kaiserlichen Entwürfen befanden sich Pläne für weitere Einrichtungen, die niemals vollendet wurden, unter ihnen das Musée royal de l’Afrique centrale in Tervuren. Dieses 1899 eröffnete Museum ist in einem prächtigen Schloss in einem Wäldchen zwanzig Kilometer außerhalb von Brüssel untergebracht. Anfänglich sollte es Leopolds wissenschaftlichen und humanitären Fortschritt im Kongo dokumentieren. Dieses Gebäude war ursprünglich als Teil eines deutlich größeren Palastes vorgesehen, welcher nicht nur ein Museum Zentralafrikas beherbergen sollte, sondern eines der gesamten Menschheit. Doch der König starb, der Erste Weltkrieg brach aus und das imperiale Vorhaben wurde aufgegeben.
Betritt man die Ausstellung in Tervuren, drängt sich einem der Eindruck auf, in einem versteinerten Zoo gelandet zu sein. Die Schaukästen zeigen Bilder aus dem kolonialen Leben in Afrika, und Legenden, die sich um die Herrschaft König Leopolds II. ranken, werden geradezu verschwenderisch in Szene gesetzt. Dazu Masken, Darstellungen von Tänzen, Zeremonien und Dörfern, ausgestopfte Tiere, Einbaumkanus, Kultbilder und Trommeln. Drei Figuren in Bronze – eine Afrikanerin bäuchlings vor einem arabischen Sklavenhalter auf dem Boden liegend, der mutige Ehemann protestierend – sollen den Besucher an eines der erklärten Ziele Leopolds II. erinnern, nämlich an die Vertreibung arabischer Sklavenhändler aus dem Kongo. Ein kongolesisches Grab aus dem 12. Jahrhundert mitsamt Skelett, Kupferschmuck und allerlei Gefäßen und Töpfen. In der Sammlung, deren Absicht in der irreführenden Zurschaustellung einer nicht-existenten idealen Kolonie bestand, zeigt sich heute in einer eigentümlichen Umkehrung der Geist der Kolonialisierung. Auf den Punkt gebracht ist die Botschaft des Museums, dass die Kongolesen nackte, ungebildete Wilde waren, die noch in der Steinzeit lebten, und dass die Soldaten, Ingenieure und Missionare, die auf des Königs Kosten zu ihnen geschickt wurden, nur das Beste für die Afrikaner wollten. Dabei sind im Museum die Beweisstücke ausgestellt, die dieser Unterstellung zuwiderlaufen: Viele der schönsten Schnitzereien kommen aus der Gegend von Kuba im Südkongo.*
Mehr als zweihundertfünfzig Jahre lebte das Volk der Kuba nach Sitte und Gesetz unter seinen Königen, entwickelte ein kulturelles Gedächtnis und schuf mit gewebten Textilien und Holzschnitzereien Objekte von hohem künstlerischen Wert. Ihr Land an den Ufern des Flusses Kasai lag so tief im Wald, dass sie mehr als vierhundert Jahre von Händlern und Sklavenfängern unbehelligt blieben, die aus dem Osten und Westen vordrangen. Als Leopold II. im Jahre 1885 seine Herrschaft über das an den Fluss Kongo grenzende Gebiet ausrief, erklärte er ein Zehntel dieses Territoriums, 250000 Quadratkilometer, die halbe Fläche Frankreichs, zum Eigentum der Krone. Dieses Gebiet grenzte an das Königreich von Kuba. Leopold hatte niemals das Geringste von Kuba gehört, für ihn war es nur eine Region, in der viele der ertragreichsten natürlichen Kautschukwälder lagen, die es in Zentralafrika noch gab. Der König der Kuba hatte jedoch von den Belgiern gehört und jedem die Todesstrafe angedroht, der diesen Eindringlingen half, den Weg ins Königreich zu finden.
Der Autor Adam Hochschild berichtet allerdings von einem presbyterianischen Missionar, dem Afroamerikaner William Sheppard, der nach Kuba kam und die Hauptstadt erreichte, ohne geköpft zu werden. Sheppard war zwar gekommen, um das Evangelium zu verkünden, und das tat er sicherlich auch, wahrscheinlich hat er jedoch deutlich mehr von den Kuba gelernt als sie von ihm. Auch ihre außergewöhnliche Schönheit scheint ihm nicht entgangen zu sein, denn er nahm sich eine junge Geliebte – eine umgekehrte Konversion.
Mr. Sheppard warf keinen Schatten des ›Grauens‹ wie die Abgesandten Leopold II., die als Kautschukhändler acht Jahre später auf den Spuren des Missionars nach Kuba kamen. 1900, zwei Jahre nach der Eröffnung des Museums in Tervuren, erreichten belgische Truppen die Hauptstadt des Königreiches, plünderten sie und zwangen die Einwohner als Kautschuksammler zur Sklavenarbeit. Kurz danach betraten Archäologen und Ethnografen den Schauplatz und schickten schon bald die ersten Kisten mit Kulturschätzen von Kuba nach Tervuren.
Die sechs Monate im Kongo prägten Conrad für den Rest seines Lebens. Nachdem er einige Tage in Brüssel verbracht hatte, nahm er den Zug nach Bordeaux, wo ein portugiesischer Küstendampfer auf ihn wartete, um ihn nach Banana an der Mündung des Kongo zu verschiffen. Seine Reise nach Brüssel war erfolgreich verlaufen; er war als Dampfschiffkapitän angeheuert worden und hatte einen Dreijahresvertrag mit der Société anonyme Belge pour le commerce du Haut-Congo unterschrieben.
In Herz der Finsternis erinnert sich Conrad an die Stadt, die er hinter sich ließ. Er beschreibt eine »schmale, menschenleere Straße in tiefem Schatten«5, »die so still und wohlanständig war wie eine gut gepflegte Friedhofsallee«6. Dorthin hatte man ihn zum Vorstellungsgespräch gebeten. Im Vorzimmer saßen strickende Frauen, »die das Tor zur Finsternis bewachten«. »Nicht viele von den [Männern] sahen sie jemals wieder – nicht die Hälfte – bei weitem nicht.«7 Die Sterberate derjenigen, die nach Matadi und weiter flussaufwärts zu den Handelsposten im Wald gesandt wurden, war hoch. Conrads eigene Gesundheit wurde durch seinen kurzen Aufenthalt im Kongo zerrüttet, und der Skipper, den er ersetzen sollte, war von Afrikanern ermordet worden.
* In Schatten über dem Kongo (1998) bezichtigt der amerikanische Autor Adam Hochschild Leopold II. eines »Holocaust« an zehn Millionen Menschen, schildert allerdings eingehend die Problematik, die Zahl der Opfer der Gewaltherrschaft verlässlich zu schätzen. Doch am Anfang war Kautschuk der profitabelste Rohstoff des Kongo, und das Sammeln der wilden Pflanze war eine arbeitsintensive Tätigkeit. Hätte sich der König des Genozids schuldig gemacht, so hätte er mit seinen Arbeitskräften auch einen Teil seines Gewinns verloren. Der belgische Historiker Jean Stengers vermutet, dass die tatsächliche Mortalitätsrate einen Bruchteil von Hochschilds Annahme beträgt. Doch auch das wäre entsetzlich.
* 2013 wurde das Museum für eine mehrjährige Sanierung geschlossen. 2017 solle es, laut Webseite, »drastisch renoviert« wieder eröffnet werden. Insbesondere bei der »vollkommen überholten ständigen Ausstellung« habe Modernisierungsbedarf bestanden. [Anm. d. Ü.]
Einer von Joseph Conrads ersten Eindrücken von Afrika war der eines französischen Kriegsschiffs, das vor der tropischen Küste ankerte und Granaten in einen stillen Wald feuerte. Er beschrieb diesen Augenblick in Herz der Finsternis. »Inmitten dieser unendlichen Leere von Erde, Himmel und Wasser feuerte es, so unglaublich das war, auf einen Kontinent. […] Es steckte eine Spur Wahnsinn in dieser Taktik«2.
Sein portugiesischer Küstendampfer aus Bordeaux lief eine Kette von Handelsposten an, während er die Westküste von Afrika passierte. Er machte nicht oft in einem Hafen fest, denn es gab nur wenige Häfen, und viele Flussmündungen waren nicht befahrbar. Der Westen Afrikas wird von einer Leeküste geschützt, die für die motorisierten Schiffe im Jahre 1890 nicht mehr so gefährlich wie für Segelschiffe früherer Zeiten, für einen Dampfer mit Motorstörungen aber immer noch potenziell verhängnisvoll war. Dieser geografische Umstand liefert eine weitere Erklärung für die historische Isolation des gesamten Kontinents. Der Sklavenhandel war fünfzig Jahre zuvor abgeschafft worden, und die ersten Forscher mit ihrem Wissensdrang waren inzwischen von Siedlern auf der Suche nach Reichtum abgelöst worden. Das französische Kriegsschiff, das Conrad aufgefallen war, war vor der Küste von Dahomey stationiert, bis dahin eines der berüchtigtsten und gefürchtetsten westafrikanischen Königreiche. Und es feuerte nicht ganz ohne Zweck. Es handelte sich um die Schüsse, die einen drei Jahre dauernden Krieg3 eröffneten, der mit der Niederlage des Königreichs von Dahomey endete. Nach ihrem Sieg legten die Franzosen den Grundstein für Französisch-Westafrika, ein riesiges Kolonialreich, das später in ein Dutzend Staaten aufgeteilt wurde.
Vierhundert Jahre zuvor waren die ersten portugiesischen Entdecker, nachdem sie den Äquator überquert hatten, weiter südlich entlang der bewaldeten Küste über eine dunkelrote Stelle des Ozeans gesegelt und so auf die Flussmündung aufmerksam geworden, die sie gerade passierten. Hier nahmen die portugiesischen Entdecker – ebenso wie Conrads Schiff – Kurs auf die Küste, um vor Banana im breiten Delta des Kongo zu ankern. Vom Amazonas abgesehen ist dieses weltweit der größte Süßwasserabfluss ins Meer. Hier konnte Conrad endlich aufhören, eine Küste zu betrachten, von der er mehr als genug gesehen hatte. »Da hat man sie vor sich – lächelnd, drohend […], öde oder wild, und immer stumm und doch, als flüstere sie: Komm her, sieh selbst.«4 Im Mündungsgebiet nahm Conrad ein anderes Schiff flussaufwärts zu den ersten Stromschnellen, welche die Schnellstraße ins Innere bis zu einem verhängnisvollen Tag dreizehn Jahre zuvor abgeriegelt hatten. Dort setzte Conrad seinen Weg zu Fuß auf einer Straße fort, die mit den Leichen aneinandergeketteter Männer übersät war, die gezwungen worden waren, Eisenbahnschienen zu verlegen. 370 Kilometer weit musste er sich am Rande eines Kriegsgebietes durchschlagen. Kaum angekommen, wurde Conrad mit dem Grauen und der Brutalität von König Leopolds Freistaat konfrontiert.
Joseph Conrads Aufenthalt im Kongo hätte ihn fast das Leben gekostet. Er erkrankte an Malaria und an der Ruhr. Bei einem nächtlichen Versuch, sein Kanu durch eine Flussbiegung zu manövrieren, wäre er beinah ertrunken. Sein Schiff hatte im Juni 1890 in Banana angelegt. Im Dezember war er bereits dienstunfähig auf dem Heimweg nach Europa. Während dieser sechs Monate im Kongo unternahm Conrad eine längere Reise flussaufwärts nach Stanleyville, dem heutigen Kisangani, wo sich die »Station im Innern« der belgischen Handelsgesellschaft befand, bei der er angestellt war. Kurz nach Conrads endgültiger Abreise nach Europa wurden einige Händler dieser Kompanie von feindlichen Eingeborenen gefangen genommen, gefoltert und ermordet; laut The Times wurden – nach lokaler Sitte – »ihre Köpfe auf Stangen gespießt und ihre Leichen gegessen«. Conrad entkam diesem albtraumhaften Schicksal. Er überlebte, und zehn Jahre später verfasste er Herz der Finsternis, das man getrost zu den komplexesten und anspielungsreichsten Texten der englischen Literatur zählen kann.
Herz der Finsternis beginnt eines Nachts etwas flussabwärts von London auf einem in der Themse verankerten Boot. Während ein namenloser Erzähler mit den übrigen Bootsinsassen auf den Wechsel der Gezeiten wartet – erst dann können sie ihre Reise zum Meer fortsetzen –, lauscht er der Geschichte des Seemanns Charlie Marlow. Dieser erinnert sich daran, wie er einst als Flussschiffkapitän von einer Handelskompanie angeheuert wurde, die im Landesinneren einer afrikanischen Kolonie (die große Ähnlichkeiten mit dem Kongo-Freistaat Leopolds II. aufweist) Elfenbein erbeutete. Der Direktor der sogenannten Zentralstation erteilt Marlow den Auftrag, weiter flussaufwärts nach einem Agenten namens Mr. Kurtz zu sehen, dem brillanten und einzelgängerischen Leiter der Station im Innern, einem »Gesandte[n] der Barmherzigkeit und der Wissenschaft und des Fortschritts«5. Die Europäer – hier in Gestalt marodierender Freibeuter, angeführt vom Onkel des Direktors und möglicherweise ebenfalls im Auftrag der Kompanie – hatten vor allem eins im Sinn: »Schätze aus dem Leib dieses Landes reißen, und es steckte nicht mehr Moral in ihrer Sache als in der Tat eines Einbrechers, der einen Geldschrank knackt.«6 Mr. Kurtz war jedoch anderer Ansicht: »Jede Station sollte ein Hort der Erleuchtung und der Aufklärung sein; auch ein Handelsposten, gewiss, aber ein Ort der Bildung, der Erziehung, eine Etappe auf dem Weg zum besseren Menschen.« Mit anderen Worten spiegelt der Konflikt zwischen dem Direktor und Mr. Kurtz den Konflikt zwischen den wahren und den vorgeblichen Zielen König Leopolds im Kongo wider.
Marlow schildert seine Flussreise erschüttert in den Begriffen seiner Zeit; er sieht Afrika mit den Augen eines englischen Seemanns, der zum Diener der Kolonisation wurde. Herz der Finsternis ist sehr vielschichtig; wie F. R. Leavis in The Great Tradition festhält, ist Marlow eine Erfindung, »für die Conrad mehr als eine Verwendung hat, die zugleich immer mehr und weniger als eine Figur ist und immer irgendetwas anderes als nur ein hervorragender Kapitän.«7 In diesen Umständen ist er ein Mann, der in einem albtraumhaften Land gefangen ist. Marlow beschreibt seine gefährliche Reise flussaufwärts – der Strom ist voller Strudel und verborgener Felsen, und die Völker an seinen Ufern befinden sich im Aufstand. Er beschreibt sein Zusammentreffen mit Mr. Kurtz, dessen Folgen und schließlich seine Rückkehr nach Europa.
Der Historiker Jean Stengers widersprach der Lesart, Conrads Erzählung als Anklage gegen König Leopolds Regime zu deuten, weil die meisten Verbrechen, die unter der Regierung des Kongo-Freistaats begangen wurden, im Rahmen der Kautschukgewinnung stattfanden, und diese begann erst ein oder zwei Jahre, nachdem Conrad den Kongo verlassen hatte. Das entspricht zwar der Wahrheit, doch für Conrad war die Kritik am Verhalten gewisser Kautschuksammler nicht der springende Punkt. Es ging ihm vielmehr darum, die grundsätzliche Beschaffenheit der kolonialen Beziehungen infrage zu stellen und ein Problem zu beleuchten, das tiefer wurzelte als alle Gräueltaten im Zusammenhang mit der Gewinnung einer einzelnen Ressource. Die Gewalt, die Conrad mit eigenen Augen sah, war keine Folge des Kautschukhandels; sie war untrennbar verbunden mit dem Vordringen der Europäer, sie war die Antwort auf den Widerstand der einheimischen Herrscher und ihrer Truppen. Sie war außerdem eine Folge des Elfenbeinhandels, den die Behörden des Freistaates den Afrikanern aus den Händen nahmen und monopolisierten. Conrads Briefe und sein Tagebuch belegen, dass eine allgegenwärtige bedrohliche Atmosphäre herrschte; seine Figur Marlow erinnert sich, dass die Männer, die »in dieser Finsternis lebten, eine unermessliche, geheime, verborgene Welt bewohnten, die nichts von der unseren wusste«. Die Kolonialisierung war grauenvoll genug, lange bevor Kautschuk zur Kostbarkeit wurde.
Der Titel des Romans bezieht sich nicht nur auf den Kongo oder auf Afrika. Obwohl die Geschichte im Kongo spielt, ist die Finsternis nicht die des finstersten Afrikas. Selbst wenn der Kongo im Herzen des Kontinents liegt, so ist das Herz im Titel ganz und gar nicht afrikanisch; es ist das koloniale Herz mit seiner »undurchdringlichen Finsternis«8, die Zukunft und die Folge der Kolonialisierung, also die Welt, in der wir heute leben. Diese tiefere Bedeutung entfaltet sich nach und nach im Verlauf der Reise.
Während ich in der Abfluglounge im Flughafen von Brüssel mit dem Regisseur Manu Riche wartete, kaufte ich mir Le Soir mit einem bebilderten Bericht von einem Flugzeugabsturz in Goma im östlichen Kongo, dem einundzwanzig Menschen zum Opfer gefallen waren. Eine DC-9 der einheimischen Fluggesellschaft Hewa Bora war beim Start verunglückt. Da wir mit Brussels Air flogen, hatte das nichts mit uns zu tun. Dann fragte ich Manu, ob er je von Hewa Bora gehört habe, und er meinte, soweit er wisse, hätten wir unsere nächsten beiden Flüge bei der Gesellschaft gebucht.
In der vorangegangenen Nacht hatte ich einen ungewöhnlich lebendigen Traum von einer alten Dame und einem weinenden Hund. Einen dieser Träume, die man nicht ganz abschütteln kann; Traumfetzen tauchten auf, als wir über die Sahara flogen. In Herz der Finsternis heißt es, »denn keine Nacherzählung kann die Stimmung eines Traums vermitteln, […] dieses Gefühl, dass man sich nicht wehren kann, dass man zum Gefangenen des Unfassbaren wird, das ja geradezu das Wesen jedes Traums ist …«9. Es ist eine weitverbreitete Ansicht, ich las sie während des Fluges noch einmal. Dann landeten wir in einem anderen Traum – dem Traum von Afrika.
Grenzkontrolle am Flughafen von Kinshasa, und selbst nach dreißig Jahren wirkt alles noch halbwegs vertraut. Es ist Abend, die frühe Dämmerung der Tropen senkt sich auf die Schlange stehenden Passagiere vor dem Flughafengebäude. Einige werden aus der Menge herausgerufen, es sind die afrikanischen Passagiere. Die Weißen müssen draußen bleiben. Adrett gekleidete Polizisten mit Knüppeln stellen uns in zwei Reihen auf, indem sie »Blancs à gauche, sauf Belges« brüllen – »Weiße nach links, außer den Belgiern«. Bald steht nur noch ein Grüppchen weißer Passagiere auf dem Asphalt, von denen niemand belgischer Staatsangehörigkeit ist. »Weiße nach links«? Es ist wie früher in Leopoldville, nur dass es damals die Schwarzen waren, die sich mit diesen geringfügigen Unannehmlichkeiten abzufinden hatten. Unsere Pässe werden in ein Büro mit dem Schild »Leiter Einreisebehörde« gebracht. Einer nach dem anderen werden wir aufgerufen einzutreten, um ein persönliches Gespräch mit ebenjenem Leiter zu führen. Seinem Auftreten nach zu urteilen handelt es sich bei der Einreise um eine vertrauliche Angelegenheit. Als ich an der Reihe bin, ist er die Höflichkeit in Person. Waren Sie schon einmal hier? Geschäftlich oder als Tourist? Wo ist Ihr Empfehlungsschreiben? Das befand sich bereits in der Gepäckhalle in der Tasche eines belgischen Cineasten. Das war bedauernswert und unüblich, doch die zentrale Frage des Leiters der Einwanderungsbehörde lautet: »Vous avez les moyens?« »Ja.« »Wie viel?« »Wie bitte?« »Combien, combien …?« Die Demokratische Republik Kongo ist nicht unbedingt ein Wohlfahrtsstaat; schwer vorstellbar, dass viele abgebrannte Europäer nach Kinshasa fliegen, um auf Kosten dieses Staates zu leben. Doch er möchte einen Blick in mein Portemonnaie werfen. Wir tun es gemeinsam. Offensichtlich ist es prall genug, denn ich darf gehen. Mit gleichbleibender Höflichkeit entlässt er mich aus seinem Büro in eine weitere Schlange vor der Passkontrolle. Ein anderer Beamter – von niedrigerem Rang, höherem Alter und schlechterer Laune – prüft meinen Pass und ist selbstverständlich über den Geldbetrag in meinem Portemonnaie und das fehlende Empfehlungsschreiben informiert. Kein Schreiben, keine Einreise. Er behält den Pass. In diesem Moment bricht am benachbarten guichet ein heftiger Streit aus, weil die letzte afrikanische Reisende, die dem Spinnennetz der Grenzbehörden noch nicht entkommen ist, den Versuch unternimmt, auch ohne den Nachweis einer Gelbfieberimpfung einzureisen. Sie stammt nicht aus der DRK, sondern aus Gabun, sie ist sehr gut gekleidet und scheint es gewöhnt zu sein, dass man ihre Anweisungen befolgt. Genau wie die Gelbfieberinspektorin, die nicht aus Gabun kommt und zudem noch einen weißen Arztkittel trägt. Der Streit wogt durch die Halle, die Stimmung kippt fast ins Hysterische, beiden Seiten schließen sich immer mehr Mitstreiter an. Schließlich flutet der streitende Mob hinaus auf das Rollfeld und verebbt in der Nacht. Vielleicht ist es an der Zeit aufzuwachen? Leider nicht … der Traum geht noch weiter.
»Qu’est-ce que vous avez prévu pour payer ce monsieur?«, murmelt ein kleiner Mann in der khakifarbenen Uniform eines Gepäckträgers etwas verschüchtert an meinem Ellbogen. Er lächelt freundlich und würde mir gerne helfen. Tja, wie viel habe ich denn eigentlich für den Beamten an der Passkontrolle vorgesehen? »Nichts.« Welch eine heikle Frage: Mein neuer Freund vermutet, dass zwanzig Euro das Fehlen eines Empfehlungsschreibens wettmachen würden. Eine wachsende Anzahl von Gepäckträgern, Taxifahrern, Polizisten und falschen Polizisten umringt mich – und als ein Neuankömmling namens »Thomas« auch noch behauptet, mein »Protokoll« zu sein, knicke ich ein und händige dem Beamten den zuerst genannten Betrag aus. Ein Uniformierter schnappt sich den druckfrischen blauen Schein und bringt ihn ins Büro der Passkontrolle, wo zwei Beamte ihn einer sorgfältigen Prüfung unterziehen. Echt. Mein Pass wird mir ausdruckslos über die Schultern meines Peinigers hinweg ausgehändigt. Ich bin durch die Brandung hindurch an den Strand geschwemmt worden. Der Traum ist vorbei. So viel Tamtam um zwanzig Euro. Thomas nimmt mein Gepäck und führt mich zu einem privaten Taxi. Wie sich herausstellt, hat er nicht gelogen. Er ist ein Freund des Regisseurs.
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Thomas trug den Ehrentitel »Papa« wegen seines hohen Alters – er musste ungefähr fünfundfünfzig sein. Er war unser Fahrer und wirkte kräftig und leistungsfähig, auch so, als könne er mit einem Paddel umgehen, wenn er plötzlich in einem Einbaum säße. Er war ein Überlebender, der improvisierte. Auch wenn er uns nicht besonders alt vorkam, sagte er, dass es in der DRK nur wenig Menschen seines Alters gebe. Er fuhr schnell, aber ohne uns nervös zu machen. Als das Auto einmal liegenblieb und ich unter die Motorhaube lugte, entdeckte ich, dass der Drahtzug des Gaspedals mit einer Schnur umwickelt war. Warum? »Keine Ersatzteile.« Thomas lebte mit seiner Frau oder seinen Frauen in irgendeinem entfernten Vorort und stand sehr früh auf, um uns nach unserem Frühstück abzuholen. Ich erkundigte mich bei ihm nach der politischen Situation. Er legte jedes Wort auf die Goldwaage. »Es geht bergauf«, sagte er. »Langsam.« Und der Präsident? »Er ist ein junger Kerl, kein erschöpfter alter Mann. Er ist besser als sein Vorgänger. Aber wir müssen Gas geben. Wir sind noch nicht auf Reisegeschwindigkeit. Wir sind noch nicht mal auf dem Standard der Kolonialzeit angekommen, weil wir immer noch im ersten Gang fahren.« Er sah Politik durch die Brille des Autofahrers.
Als wir vom Flughafen auf einer vierspurigen Schnellstraße voller Menschen in die Stadt fuhren, kamen wir an einer halbfertigen Fußgängerbrücke vorbei, deren Betontreppen beidseits der zum Regierungssitz führenden Straße in den Himmel ragten. Die Stufen waren schon da, doch es gab keine Verbindung zwischen ihnen. Auch hier wuselte es vor Fußgängern, die sich zwischen den rasenden Lastwagen und Autos hindurchzuschlängeln versuchten.
Papas Taxi ratterte voran und lavierte sich durch den Industriemüll der westlichen Welt. Eine überdimensionierte Reklamewand gab die Präsenz des Polizeibataillons für Kriminalnachforschungen bekannt. An den Kreuzungen winkten Verkehrspolizisten in gelben Hemden auf Podesten, die ihren Pfeifen ab und an verblüffende Tonfolgen entlockten. Meistens standen sie einfach nur dort, ohne zu winken, und sahen durch ihre verspiegelten Sonnenbrillen auf das Chaos hinab. Wenn sie nicht einschritten, löste sich die Situation zwar nicht von selbst auf, sie verschlimmerte sich aber auch nicht.
Wir kamen mit einem Mann ins Gespräch, der auf einem Bürgersteig im Stadtzentrum neben einem Saftstand saß und sich gerade die Nachrichten im Radio anhörte. Er erzählte uns, er sei Lehrer, würde aber streiken, weil er seit geraumer Zeit nicht bezahlt worden sei. Er sollte eigentlich 75 Pfund die Woche plus Gehaltserhöhungen verdienen, aber bei ihm kam seit geraumer Zeit nichts mehr an. »Die sagen, dass wir dem IWF täglich 50 Millionen Dollar zurückzahlen. All das Geld, das Mobutu gestohlen hat. Deswegen hat das Kultusministerium kein Geld, und deswegen werde ich nicht bezahlt.« Die frei gewählten Abgeordneten der DRK bezogen in regulären Intervallen das Zehnfache seines Gehalts, und obendrein wurde ihnen ein Wagen mit Allradantrieb gestellt.
Während wir uns unterhielten, kam ein Junge vorbei. Er zog eine leere Orangensaftpackung an einer Schnur hinter sich her, die von zwei Stöcken durchbohrt war, an denen sich vier Räder drehten. Es schien ihm großes Vergnügen zu bereiten. Es gibt Tausende Straßenkinder in Kinshasa, manche von ihnen in der dritten Generation, Nachkommen der grandpères de la rue. Sie werden als Kleinkinder ausgestoßen und der Hexerei bezichtigt, was meistens bedeutet, dass ihre Mütter kein Geld haben, um sie großzuziehen. Wenn sie überleben, arbeiten sie als Taschendiebe oder Putzhilfen.
Der Lehrer bemerkte mein Interesse an dem Spielzeug. »Niemand hier sitzt händeringend rum, wenn er Probleme hat«, meinte er. »Wenn man ein Problem hat, findet man einen Weg, es zu umschiffen.«
1890 beschrieb Joseph Conrad den Nukleus der Siedlung, die sogenannte Hauptstation, die später zu den Stanleyfällen, dann zu Leopoldville und schließlich zu Kinshasa werden sollte, als »Bild einer bewohnten Wüstenei«10. Zwanzig Jahre später wurde aus dem persönlichen Herrschaftsgebiet des belgischen Königs eine Kolonie und Leopoldville zum Vorzeigeobjekt im kolonisierten Afrika. Es gab dort schattige Boulevards, moderne Hotels und ab 1960 Bürogebäude aus Stahl und Glas, eine Universität und einen Zoo. Doch unter Mobutu ging all das zugrunde. Heute bietet Kinshasa nach zwei Bürgerkriegen wieder das »Bild einer bewohnten Wüstenei«, wenngleich von ganz anderen Dimensionen. Die Stadt wirkt, als wäre sie von einem Tsunami aus dreckigem, abwasserverseuchtem Meerwasser überschwemmt worden, allerdings ohne dass ein Hilfsfonds auf die Überflutung reagiert hätte. Dabei bauen sich die Wellen immer und immer wieder auf, und von Mal zu Mal mit verheerenderen Folgen. So also sieht das Ergebnis des Experiments von König Leopold hundert Jahre danach aus.
An diesem ersten Abend aßen wir draußen in einem Restaurant an einem Markt namens Le Blok de Bandal. Die Straßenbeleuchtung war ausgefallen – »Stromsperre« –, aber im Restaurant hingen Girlanden mit Glühbirnen, die aus einem Generator hinter der Küche gespeist wurden. Das Bier war kalt, das Essen geheimnisvoll, und dazu dröhnte ausgelassene Musik aus den Lautsprechern. Ein Junge mit einem Tablett voller Nüsse und Zigaretten ging zwischen den Tischen umher, gefolgt von Kindern, die ihre Hände nach den Resten auf unseren Tellerrändern ausstreckten. Als wir abfuhren, rannten sie in der Hoffnung auf Geld oder ein paar Krümel neben dem Auto her. Sie hatten die Hälfte unseres Essens abbekommen. Sowie der Verkehr es zuließ, beschleunigte unserer Fahrer und sie fielen zurück, wie riesige Motten still in der Dunkelheit herumhüpfend, um den Hieben der größeren Jungen auszuweichen. Die kleineren Jungen führten fast geistesabwesend ihre Tänze auf. Ab und an sauste ein unsichtbarer Schlag aus der Finsternis auf sie nieder.
Unser Hotel war billig und lag in der Nähe der Straße zum Flughafen am Ende einer Gasse. Ein uniformierter Wächter döste in einem Stuhl vor dem Haupteingang. Mein Zimmer war sauber, auch wenn sich in der Wand bei der Dusche ein Loch befand, das groß genug für eine Ratte und ihre Beute war, was immer das sein konnte. Beim Einschlafen erinnerte ich mich an meine allererste Nacht in Kinshasa im Jahr 1975 während Mobutus Herrschaft, als die Stadt für ihre Extravaganz und hohen Preise bekannt war. Ich hatte in einem Restaurant unter lauter Europäern zu Abend gegessen, die in Kinshasa arbeiteten, aus Brüssel eingeflogene moules aßen und sich an einem guten französischen Muscadet betranken – Dinge, die ich mir nicht leisten konnte. Eigentlich hatte ich gar nicht in diesem Land übernachten wollen, und bis ich das Stadtzentrum erreicht hatte, gab es keine Hotelzimmer mehr. Schließlich fand ich ein Bett in einer billigen Absteige. Das Zimmer war voller Kakerlaken, die so groß wie kleine Vögel waren. Sowie ich das Licht löschte, begannen sie miteinander zu kommunizieren, flatterten umher und setzten zu Notlandungen neben dem Wasserglas an. Oder auf meinem Kissen. Schaltete ich das Licht an, verharrten sie mit ihren glänzenden und robusten Körpern regungslos an Ort und Stelle. Es war eine dieser unvergesslichen Nächte, in denen man sich fragt, warum zum Teufel man nicht in Europa geblieben ist. 1975 galt Kinshasa nachts als gefährlich, doch das Schlimmste, was ich erlebte, war ein Soldat, der mit einem Gewehr in mein Taxi stieg und mich darüber informierte, dass wir einen Umweg zu seinem Haus machen würden. Als er schließlich ausstieg, wollte er meine Olivetti Lettera 22 mitnehmen, eine hochmoderne tragbare Schreibmaschine. Der Taxifahrer zahlte ihm einen Obolus, und er ließ sie stehen.
Papa Thomas war früh aufgestanden und wartete schon auf uns, um uns zum Zoo zu fahren. Im Auto lief das Radio. Ich stellte ihm wieder Fragen zur politischen Situation. Er musste keine Rücksicht auf eigene Interessen nehmen und war im Gegensatz zu gebildeteren Leuten bereit, offen über Politik zu sprechen.
»Was war eigentlich mit dem letzten Präsidenten, Thomas, der so alt und müde war wie wir?«
»Hihi.« Nach einer Weile hörte er auf, in sich hineinzukichern. »Der wurde hier in seinem Palast ermordet. In Kinshasa hat den sowieso keiner gewählt.«
»Und wer hat ihn umgebracht?«
»Das wissen wir nicht. Es heißt, dass er von dem Leibwächter ermordet worden ist, dem er am meisten vertraute.«
»Aber waren das nicht alles Kinder?«
»Doch. Angeblich hat dieser Junge etwas mehr Geld von ihm gefordert, und als er sich geweigert hat, hat er ihn erschossen.«
Wir schwiegen nachdenklich. Ein Mann kommt aus dem Wald, aus dem Osten. Keiner aus dieser Gegend hat je in Kinshasa geherrscht. Mord und Totschlag, wohin seine Soldaten auch kommen. Sie vergewaltigen, plündern, bringen willkürlich Menschen um, nehmen sich, was sie kriegen können. Auch in Kinshasa. Mobutu ist geflohen. Dessen Männer reißen sich die Uniformen vom Leib und werfen die Gewehre weg. Viele nehmen die Fähre über den Fluss nach Brazzaville, der Hauptstadt eines anderen Landes, der (einst französischen) Volksrepublik Kongo. Und so wird Kabila Präsident, der Raubmörder aus dem Osten. Die afrikanischen Nachbarstaaten, deren Armeen das halbe Land gebrandschatzt haben, unterstützen ihn; er hat den Rückhalt der internationalen Gemeinschaft, denn er ist nicht der berüchtigte Tyrann Mobutu, der mittlerweile doch sehr unangenehm geworden ist. Er verspricht freie Wahlen und die Wiederherstellung der Demokratie. Alles soll anders werden. Er zieht in den Palast. Wo er von einem Kindersoldaten erschossen wird, den er zum Kämpfen gezwungen hat.
»Was ist aus dem Jungen geworden, der ihn getötet hat?«
»Den haben sie auch erschossen. Jetzt gibt es keine Kinder als Leibwächter mehr im Palast«, fügte Thomas hinzu. »Der neue Präsident hat sie sich vom Hals geschafft.«
Wir waren am Zoo angekommen.
Um in den Zoo von Kinshasa zu gelangen, muss man erst über matschiges Brachland waten, das einmal ein Park gewesen sein könnte. Dann kommt man zu den Drehkreuzen mit dem Schild: »Der größte Zoo in Zentralafrika. Eintritt: Erwachsene 500 F, Ausländer [»Expatriés«] 700 F.« Der Ticketverkäufer nuschelt: »Hier gibt es nicht mehr viel zu sehen. Wir sind pleite.«
Vor meiner Abreise aus Belgien hatte ich dem vorbildlichen Zoo in Antwerpen einen Besuch abgestattet, der verkehrsgünstig in der Nähe des Bahnhofs lag. Es gab dort ein riesiges Gehege mit einer Schimpansen-Sippe. Eins der Tiere sah ziemlich bedrückt aus, und um die Öffentlichkeit zu beruhigen, war an der Glaswand des Geheges der Hinweis angebracht worden, dass die Besucher sich keine Sorgen um den traurigen Schimpansen machen müssten, denn er sei in psychologischer Behandlung.
Aber das war in Antwerpen gewesen. In Kinshasa war es anders. Hinter dem Eingang empfing uns ein penetranter Geruch. Die meisten Käfige waren entweder abgerissen worden oder sie standen leer, und die übrigen waren seit längerem nicht gereinigt worden. Doch die Beschriftungen waren immer noch korrekt: »Wissenschaftlicher Name: Pan troglodytes. Üblicher Name: Schimpanse. Landessprachlicher Name: Soko Mutu. Herkunft: Demokratische Republik Kongo. Nahrung: Allesfresser. Lebensdauer: Über 40 Jahre.« Das Geschöpf hinter den Gittern würde dieses Alter wohl kaum erreichen. Es strich in seinem Drahtkäfig von der Größe eines kleinen Hotellifts hin und her und suchte Blickkontakt mit allen, die vorbeikamen. Der Draht war locker, im Boden war ein Loch, in dem sich Schmutz und Abfall gesammelt hatte: Karotten, Kothaufen, Brotkrusten und eine leere Sardinenbüchse. Soko Mutu hatte das meiste davon in eine Ecke geschoben, vielleicht in der Hoffnung, dass jemand kommen und es beseitigen würde. Er hatte sich auch eine Plastiktüte beschafft und in das Loch im Boden gestopft. Der baufällige Käfig nebenan schien leer zu sein. Doch auf den zweiten Blick erkannte ich, dass das Dach auf seinen Bewohner, einen winzigen Alligator, herabgefallen war.
Das einzige Tier, das einen wohlgenährten Eindruck machte, war ein Leopard namens Maréchal, benannt nach Mobutus militärischem Rang eines Marschalls. Sein ehemaliger Besitzer hatte ein paar von den wilden Tieren, die sein Wappen schmückten, frei auf dem Palastgelände herumlaufen lassen. Nach seiner Flucht wurden die Überlebenden in den Zoo gebracht. Maréchal war groß und sah schnell und stark aus, allzeit bereit, die menschlichen Müßiggänger aufzufressen, die ihre Tage damit vertrödelten, ihn zu ärgern.
