Schlüssel der Zeit - Band 1: Der Ruf der Schlösser - Tanja Bruske - E-Book

Schlüssel der Zeit - Band 1: Der Ruf der Schlösser E-Book

Tanja Bruske

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Beschreibung

Ihren 17. Geburtstag hat sich Keyra eigentlich anders vorgestellt: Zuerst dieser Albtraum, dann blamiert sie sich vor ihrer ganzen Klasse, und ihr Vater lässt sie mal wieder im Stich. Wenigstens von ihrer Großmutter bekommt sie ein besonderes Geschenk: eine Kette mit einem Anhänger in Form eines Schlüssels. Keyra ahnt noch nicht, dass dieses Schmuckstück sie wenig später in das Abenteuer ihres Lebens stürzt – denn mit seiner Hilfe hört sie im Wilhelmsbader Kurpark ein Schloss singen, das eine Tür in die Vergangenheit öffnet ... Ein Abenteuer durch Zeit und Raum im Hanau-Wilhelmsbad des 19. Jahrhunderts. Band 2 "Der Hexer von Bergheim" und Band 3 "Das Geheimnis der Kommende" der Serie "Schlüssel der Zeit" liegen ebenfalls als E-Books bei mainbook vor. Die Serie wird fortgesetzt.

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Seitenzahl: 168

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Schlüssel der Zeit 1: Der Ruf der Schlösser

Ihren 17. Geburtstag hat sich Keyra eigentlich anders vorgestellt: Zuerst dieser Albtraum, dann blamiert sie sich vor ihrer ganzen Klasse, und ihr Vater lässt sie mal wieder im Stich. Wenigstens von ihrer Großmutter bekommt sie ein besonderes Geschenk: eine Kette mit einem Anhänger in Form eines Schlüssels. Keyra ahnt noch nicht, dass dieses Schmuckstück sie wenig später in das Abenteuer ihres Lebens stürzt – denn mit seiner Hilfe hört sie im Wilhelmsbader Kurpark ein Schloss singen, das eine Tür in die Vergangenheit öffnet …

Ein Abenteuer durch Zeit und Raum im Hanau-Wilhelmsbad des 19. Jahrhunderts.

Die Autorin:

2007 legt Tanja Bruske ihren ersten Fantasy-Roman »Das ewige Lied« (neu aufgelegt bei mainbook) vor, mit dem sie den Wettbewerb des Radiosenders FFH »Hessens verheißungsvollstes Manuskript« gewinnt. Ab Juni 2013 erscheint ihre Kinzigtal-Trilogie bei mainbook: »Leuchte«, »Tod am Teufelsloch« und der Abschlussband 2017 »Fratzenstein«.

Im September 2018 gewinnt Tanja Bruske mit ihrer Novelle »Der Henker und die Hexe« in Österreich den Titel »Stadtschreiberin von Eggenburg 2018«. Die Novelle wird demnächst in einer Geschichtensammlung veröffentlicht.

Seit 2014 schreibt Tanja Bruske zudem unter dem Pseudonym Lucy Guth für verschiedene Serien des Bastei-Verlages, zB »Maddrax«, seit 2019 auch für »Perry Rhodan Neo«.

Tanja Bruske studierte Germanistik sowie Theater-, Film- und Medienwissenschaften an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt und arbeitet heute als Redakteurin bei der GNZ. Sie wohnt im hessischen Hammersbach mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern.

Mit »Schlüssel der Zeit« legt sie nun den Auftakt für eine lokale Histo-Fantasy-Serie vor.

Aktuelles und Lese-Termine finden Sie auf www.tanjabruske.de

Tanja Bruske

Schlüssel der Zeit

-1-

Der Ruf der Schlösser

Lokale Histo-Fantasy-Serie

eISBN 978-3-947612-34-5

Copyright © 2019 mainbook Verlag

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Gerd Fischer

Layout: Olaf Tischer

Covermotive: © fotolia, milosluz

Besuchen Sie uns im Internet: www.mainbook.de

Für Carsten – weil es mal wieder Zeit ist …

Inhalt

1. Der Traum

2. Das Geschenk

3. Die Pyramide

4. Durch die Tür

5. Entdeckungen

6. Das Fest beginnt

7. Der Angriff

8. Krawallschoppen und Flennwalzer

9. Das gute Wilhelmsbader Wasser

10. Es leuchten drei freundliche Sterne

11. Begegnung in der Teufelsschlucht

12. Der hölzerne Mönch

13. Das rufende Schloss

Dichtung und Wahrheit – und Dankeschön

1. Der Traum

Das Herz pochte Keyra so heftig in der Brust, dass sie meinte, es würde ihr gleich herausspringen. Sie wagte es nicht, stehen zu bleiben, obwohl sie bereits fast bis zur Erschöpfung gerannt war. Doch sie durfte die Gestalt, die vor ihr über das Kopfsteinpflaster in den nächtlichen Straßen zwischen den Fachwerkhäusern eilte, nicht aus den Augen lassen. Anfangs war die Person, die in einen braunen Kapuzenmantel gehüllt war, noch mindestens hundert Meter entfernt gewesen. Doch Keyra hatte aufgeholt. Es war wichtig, sie zu erreichen. Kaum zwanzig Meter trennten sie jetzt noch von der Verfolgten. Keyra war sich sicher, dass es sich um eine Frau handelte, auch wenn sie nicht wusste, woher sie diese Gewissheit nahm. Der Mantel verhüllte die Frau fast komplett. Vielleicht lag es an der Gewandtheit, mit der sie sich bewegte, an den geschmeidigen Schritten.

Nun wandte sich die Frau plötzlich im Laufen um, sodass Keyra ihr Gesicht sehen konnte. Hellblaue Augen, ein blasser Teint, ein breiter Mund mit vollen Lippen, blonde, wellige Haare. Keyra geriet vor Überraschung ins Stolpern. Es war das Gesicht ihrer Mutter.

Die Frau drehte sich um und rannte weiter. Keyra brauchte einige Sekunden, um sich zu fassen. Dann nahm sie die Verfolgung wieder auf. Keuchend holte sie immer weiter auf, bis ihre Mutter nur noch wenige Schritte vor ihr war.

Da bog ihre Mutter unvermittelt nach links in eine Seitenstraße ab. Keyra folgte ihr einige Sekunden später – und blieb wie erstarrt stehen. Die Straße endete nach etwa drei Metern vor einer Hauswand. Und die Sackgasse war leer.

Eine hölzerne Tür befand sich in der Mitte der Wand, der Keyra nun gegenüber stand. Sie rang nach Atem, so sehr hatte die Verfolgungsjagd sie angestrengt. Ihr Mund war trocken wie altes Papier, als sie sich zögernd der Tür näherte. Ihre Mutter musste hindurchgegangen sein, gerade eben. Sie strecke die Hand aus und drehte den metallischen Knauf. Doch die Tür war verschlossen.

Keyra ließ den Griff los, als hätte sie sich daran verbrannt. Tränen der Enttäuschung brannten in ihren Augen, und ein deftiger Fluch, den ihre Großmutter Clara wohl als wenig damenhaft bezeichnet hätte, wollte über ihre Lippen kommen. Doch er blieb ihr im Hals stecken. Sie hörte einen leisen, singenden Ton, der sich immer wiederholte.

„Keeeeeeeeyyyyyyyyraaaaaaaa …“

Es klang so fremdartig, dass sie erst nach Sekunden ihren Namen erkannte. Der Ruf kam aus dem kleinen, dunklen Türschloss unter dem Knauf. Blinzelnd beugte sich Keyra vor und starrte in die Öffnung, die wohl für einen groben Schlüssel gedacht war. Rief da jemand auf der anderen Seite nach ihr?

„Mama?“, flüsterte sie hoffnungsvoll.

„Keeeeeeeeeeeeeeyyyyyyyyyyyyyyyraaaaaaaaaaaaaaa …“

Das Schloss begann plötzlich, sanft zu schimmern und dann immer intensiver zu leuchten. Mit dem stärker werdenden goldenen Licht schwoll auch das Singen an. Keyra wich zurück und kniff die Augen zusammen, als das Licht, das aus dem Schloss fiel, zu einem blendenden Gleißen wurde und der Ruf ihr in den Ohren dröhnte. Sie streckte die Hand aus, um nach dem Schloss zu greifen …

Mit einem dumpfen Klatschen fiel das Geschichtsbuch zu Boden. Alle Köpfe ruckten herum. Keyra zwinkerte orientierungslos.

Sebastian Geiger, ihr Geschichtslehrer, den die Schüler heimlich und respektlos „Sozen-Seppl“ wegen seiner Vorliebe für die Geschichte der SPD in Deutschland nannten, sah auf.

„Alles in Ordnung, Keyra?“, fragte er und zog die Augenbrauen nach oben, die ebenso blassblond wie sein lichtes Haupthaar waren. Er sprach ihren Namen immer überkorrekt englisch aus – die meisten sagten einfach „Kiieera“ mit hessisch-rollendem „r“.

„Äh … ja, ich denke schon“, stammelte Keyra. Sie bemerkte, dass sie noch immer die Hand nach vorne ausgestreckt hatte, um nach dem Schloss zu greifen. Sie wurde rot. „Ich habe das Buch leider nicht mehr rechtzeitig erwischt, bevor es runterfallen konnte“, sagte sie entschuldigend.

„Na, dann heb es jetzt einfach auf und lies weiter“, sagte Geiger, der sich offensichtlich gerne wieder in die neueste Ausgabe von „Vorwärts“ vertiefen wollte. „Oder bist du mit dem Kapitel schon durch?“

„Nein“, sagte Keyra hastig, schnellte hoch und hob das Buch auf. Hinter ihr wurde gekichert. Sicher Greta Strobel, die dämliche Gans.

Keyra warf den Kopf zurück und setzte sich wieder, schlug das Buch bei dem Kapitel auf, in dem es um das Hambacher Fest ging, und tat so, als lese sie mit großem Interesse. Dabei hatte sie bislang noch kein Wort gelesen – gleich, nachdem Geiger den Kurs zur Stillarbeit verdonnert hatte, war sie mit ihren Gedanken abgeschweift – und, so wie es aussah, eingenickt. Geiger hatte das offensichtlich nicht mitbekommen. Aber womöglich der halbe Geschichtsleistungskurs.

Oh Gott – wenn Greta Strobel kapiert hat, dass ich kurz weggenickt bin, dann weiß das spätestens nach der Mittagspause die ganze Otto-Hahn-Schule – wenn nicht sogar ganz Hanau, dachte Keyra panisch. Toll gemacht, Keyra Kelly – da bist du deinem Ruf als Tollpatsch mal wieder gerecht geworden.

Ein zusammengefalteter, karierter Zettel wurde auf ihren Tisch geschoben. Keyra blickte rasch zur Seite. Ihre Freundin Lou, die neben ihr saß, weitete fragend die Augen. Natürlich von Lou – wären Handys an der Schule nicht weitestgehend verboten, hätte sie Keyra sicher eine SMS geschickt. Aber so musste sie auf die altertümliche Methode zurückgreifen, nach der Schüler bereits seit Jahrhunderten heimlich im Unterricht kommunizierten.

Keyra griff nach dem Zettel und versicherte sich, dass Geiger seine Aufmerksamkeit wieder seinem Parteiheftchen zugewandt hatte. Dann faltete sie die Nachricht auf.

„Was ist los?“, stand da in Lous runder, fröhlicher Handschrift. Keyra hätte beinahe aufgestöhnt. Lous Neugier war fast ebenso sprichwörtlich wie Keyras Ungeschick.

„Später“, kritzelte sie darunter und schob den Zettel zurück. Lou las die Antwort und runzelte unzufrieden die Stirn. Keyra wusste nur zu gut, dass Lou am liebsten sofort über jedes Detail in Kenntnis gesetzt worden wäre.

Doch eigentlich wusste Keyra ja selbst nicht genau, was geschehen war. Gut, sie war offenbar kurz eingedöst – Sekundenschlaf kam bei Schülern der zwölften Klasse gerne und regelmäßig vor, besonders während langweiliger Leseaufgaben. Aber was war das für ein seltsamer Traum gewesen? Sie hatte seit Jahren nicht mehr von ihrer Mutter geträumt. Um ehrlich zu sein, hatte Keyra sich schon Gedanken gemacht, dass das Bild, das sie von ihrer Mutter hatte, langsam zu verblassen drohte. Doch im Traum hatte sie die Mutter so deutlich vor sich gesehen wie vor sieben Jahren – kurz, bevor sie aus ihrem Leben verschwunden war.

Noch seltsamer kam ihr aber die Sache mit dem leuchtenden und singenden Schloss vor. Normalerweise hätte sie das sicher als eine der absurden Sachen abgetan, die man eben manchmal in Träumen erlebt. Aber irgendwie war ein seltsames Gefühl in ihr zurückgeblieben, so wie man manchmal noch Stunden später das bittere Aroma von Grapefruit auf der Zunge schmeckte.

Die Schulglocke beendete die sechste Stunde. Während sich die Oberstufenschüler leise murmelnd von ihren Stühlen erhoben und ihre Sachen zusammenpackten, rief Geiger: „Lest das Kapitel zu Hause fertig. Ihr habt dazu jetzt drei Tage Zeit. Und am 2. Mai gibt es einen Kurztest.“

Der Kurs stöhnte auf. Geigers Kurztests waren berüchtigt, weil er gerne Detailfragen stellte, mit denen niemand rechnete.

Der Lehrer ließ sich von dem Gemurre nicht beirren. „Sonderpunkte gibt es übrigens für diejenigen, die herausfinden, was das Hambacher Fest mit unserem schönen Hanau verbindet“, kündigte er an. Auch das noch. Eine Fleißaufgabe.

„Dann werde ich das Kapitel wohl noch mal genauer durchlesen müssen“, sagte Keyra resigniert zu Lou und setzte ihren Rucksack auf.

„Keine Bange – du packst das doch im Schlaf“, sagte ein gutaussehender Blondschopf und gab ihr im Vorbeigehen einen Klapps auf die Schulter. Keyra erstarrte umgehend zu einer Salzsäule. Ben hat es gesehen. Ausgerechnet Ben. Oh nein …

„Ich möchte bitte sterben, jetzt gleich und hier“, murmelte Keyra, während die anderen Schüler, Lou ausgenommen, an ihr vorbei aus der Klasse eilten. Sie ließ ihre Stirn auf die Tischplatte sinken.

Lou sah sie verständnislos an. „Was ist denn nur los?“, fragte sie und schaltete umgehend in ihren Schnellsprechmodus. „Ich hab vorhin gedacht, du hast ein Gespenst gesehen, weil du so blass warst. Meine Güte, hab ich mich erschreckt, als das Buch auf den Boden geknallt ist. Ich meine, dieser Text von wegen Vormärz und bürgerliche Opposition ist schon echt langweilig und ich war froh über jede Ablenkung, aber du warst so blass, dass ich dachte, du kippst gleich vom Stuhl …“

„Lou, gib mir ne Sekunde, ja? Ich erzähl dir ja alles, aber nicht hier“, unterbrach Keyra ihre Freundin und richtete sich wieder auf. Wenn sich Lou erst einmal in Form gelabert hatte, gab es keine Chance mehr, ihren Redeschwall irgendwie einzudämmen – es sei denn, man hatte Erdbeer-Käsekuchen-Eis dabei. Ihre Schwäche für diese Eissorte sah man Lou auch an.

„Du hast recht, Süße, ich rede schon wieder zu viel. Wir holen uns was Leckeres und verziehen uns in den Lesegarten“, sagte Lou. Sie fuhr mit der Hand durch ihre kinnlangen, glatten braunen Haare, um die Keyra sie aufrichtig beneidete. Sie selbst hatte die roten Haare ihres irischen Vaters geerbt, aber nicht dessen wilde Locken und auch nicht die glatten blonden Haare der Mutter, sondern so ein welliges, unmöglich frisierbares Zwischending. Wenigstens die grünen Augen des Vaters hatten sich eindeutig durchgesetzt.

Keyra und Lou holten sich am Kiosk eine Käsestange und eine Cola und schlugen den Weg Richtung Bibliothek ein. Dort würden sie mit Sicherheit ungestört sein, denn die meisten anderen Oberstufenschüler nutzten die 45-minütige Mittagspause, um vor dem Gelände zu rauchen – auf dem Schulgelände war es streng untersagt – oder in der Mensa etwas zu essen. Die jüngeren Schüler hatten nachmittags keinen Pflichtunterricht. Einige blieben zu AGs, andere gingen nach Hause.

Im Lesegarten, dem kleinen Innenhof der Schulbibliothek, waren Lou und Keyra tatsächlich so gut wie ungestört – und das, obwohl das Frühlingswetter warm und sonnig war und sich somit kaum ein angenehmerer Aufenthaltsort auf dem Schulgelände bot – zumindest in Keyras Augen. Sie hatte für Unterhaltungsliteratur zwar seit einigen Jahren nicht mehr allzu viel übrig, doch sie mochte die Gesellschaft von Büchern noch immer sehr gerne. Das lag vermutlich an ihrem ganz eigenen Duft. Oder an den vielen unerforschten Welten, die sich in ihnen verbargen. Keyra mochte keine große Leseratte sein, doch sie schätzte die Möglichkeiten, die Bücher boten.

Ganz im Gegensatz zu Lou, die eindeutig mehr den neuen Medien zugetan war. Gerade schielte sie heimlich auf das Display ihres Handys, das auf dem Schulgelände eigentlich auch während der Mittagspause ausgeschaltet sein sollte. Ältere Schüler durften Mobiltelefone zwar dabei haben, aber gerne gesehen wurden sie nicht. Hier in der Bibliothek waren die netten Mitarbeiterinnen noch am ehesten bereit, ein Auge zuzudrücken.

„Auf Facebook und Instagram hat Greta noch nichts gepostet“, teilte Lou Keyra mit. Greta Strobel war fast genauso Handy-süchtig wie Lou, und sie war ziemlich gut darin, andere online zu mobben und bloßzustellen. Deswegen war es Lous erster Gedanke gewesen, online nach dem Rechten zu sehen, nachdem Keyra ihr neuestes Missgeschick gebeichtet hatte.

Keyra hatte die Ellenbogen auf der hölzernen Tischplatte aufgestützt und das Gesicht in den Händen vergraben, während Lou auf dem Tisch statt auf der Bank saß und mit den Beinen baumelte.

„Denkst du, Ben hat mitbekommen, dass ich geschlafen habe?“, fragte Keyra zerknirscht. Das war ihr im Moment wichtiger als Gretas mögliches Online-Mobbing.

Lou runzelte die Stirn. „Du meinst wegen seiner blöden Bemerkung vorhin? Das hat er doch nur gesagt, weil jeder weiß, was du für ein Geschichtsfreak bist.“

„Hoffentlich hast du recht.“ Keyra stieß einen tiefen Seufzer aus. Sie setzte sich aufrecht hin und knabberte lustlos an ihrer Käsestange. Dass ausgerechnet Ben Zeuge ihrer peinlichen Aktion geworden sein könnte, nagte an ihr. Schließlich war Ben Hartmann der bestaussehendste Typ der Schule, und nicht nur Keyra schwärmte für ihn. Selbst Lou hatte eine Schwäche für Ben. Allerdings ließ sich Lou zu mancher Schwärmerei hinreißen, während Keyra ausschließlich in Ben verschossen war – auch wenn der das nicht wusste. Hoffte Keyra zumindest. Aber da sie nicht zu den beliebtesten Mädchen des Jahrgangs gehörte, hatte sie ohnehin keine Chancen bei Ben, dachte sie.

„Mensch, du machst auch immer Dinger“, sagte Lou belustigt, aber auch ein wenig mitleidig. „Und was war das für ein komischer Traum, der dich so blass hat werden lassen?“

Keyra zögerte. Sie sprach nicht gerne über ihre Mutter, auch nicht mit ihrer besten Freundin. Doch der Traum war so schräg gewesen, dass sie das Bedürfnis hatte, darüber zu reden. „Es war so echt“, sagte sie, nachdem sie Lou alles berichtet hatte – bis auf die Sache mit dem leuchtenden und singenden Schloss. Das war so absurd, dass sie einfach nichts davon erzählen konnte.

„Nach einem Albtraum klingt das für mich allerdings nicht“, sagte Lou und rümpfte kritisch die Nase. „Keine Monster oder Massenmörder.“

„Ich weiß. Es war die ganze Situation, die so beängstigend war … Ich kann es nicht richtig erklären.“ Keyra hob entschuldigend die Schultern.

„Du Arme. Und das auch noch an deinem Geburtstag“, sagte Lou mitfühlend.

„Sweet 17“, sagte Keyra bitter.

Ihr Geburtstag war für sie schon lange ein Tag wie jeder andere. Sicher, sie bekam ein Geschenk von ihrem Vater und auch eines von ihrer Großmutter. Aber es gab keine Party, keine riesige Torte. Um so etwas hatte sich ihre Mutter immer gekümmert.

Lou stutzte, als hätte sie Keyras Gedanken erraten. „Oder hattest du den Traum vielleicht, weil heute dein Geburtstag ist?“, fragte sie langsam.

„Komm mir jetzt nicht auf die Psycho-Tour“, wehrte Keyra ab. Lous Mutter war Psychiaterin, und Lous Hobby – nach dem Handy – bestand darin, ihre Schulkameraden zu analysieren.

„Ich meine es ernst, Keyra. Vielleicht solltest du mit deinem Vater über diesen Traum reden“, sagte Lou besorgt.

„Das kann ich nicht“, sagte Keyra entschieden. Ihr Vater sprach nicht über ihre Mutter. Punkt. Und sie hatte nicht vor, etwas daran zu ändern.

„Dann vielleicht mit deiner Oma?“

Keyra schwieg ein paar Sekunden. „Vielleicht“, sagte sie dann unentschlossen. „Mal sehen. Ich will sie heute ohnehin besuchen.“

Lou öffnete den Mund, wahrscheinlich um weiter auf dieses Thema einzugehen. Doch in diesem Moment erklang die Glocke und läutete den Nachmittagsunterricht ein, sodass Keyra eine weitere Diskussion erspart blieb.

2. Das Geschenk

Noch eine Doppelstunde Deutsch stand Keyra bevor, ehe sie die Flucht aus der Schule antreten konnte. Normalerweise war Deutsch, der zweite Leistungskurs, ihr Lieblingsfach. Doch heute konnte sie sich einfach nicht konzentrieren. Ihre Gedanken schweiften immer wieder ab zu dem seltsamen Traum, sodass sie – bei aller Liebe zu Goethe – Werthers Liebesleiden nicht allzu große Aufmerksamkeit schenkte. Zum Glück hatte sie niemand mehr auf ihr Geschichtsnickerchen angesprochen – allerdings waren auch weder Ben noch Greta in diesem Kurs.

Endlich erlöste das Schulläuten Keyra. Sie schnappte sich ihren Rucksack und war dieses Mal als Erste aus der Tür hinaus. Lou, die ohnehin Mathe als zweiten Leistungskurs hatte und deswegen nicht mit ihr zusammen im Deutschunterricht saß, hatte noch ihren Sportkurs, deswegen bekam Keyra die Freundin gar nicht mehr zu Gesicht. Sie verlor also keine Zeit und steuerte direkt den Parkplatz an. Ihre lila Vespa mit dem verspielten Blumenmotiv auf dem Blech über der Frontverkleidung war ihr ganzer Stolz. Sie hatte den kleinen Roller im vergangenen Jahr von ihrer Oma zum Geburtstag bekommen. Ihr Vater hatte ihn in Frankfurt besorgt und ihr den Führerschein finanziert.

„Damit ich dich nicht ständig durch die Gegend kutschieren muss“, hatte er lächelnd gesagt. Aber Keyra dachte, dass das wahrscheinlich gar nicht so scherzhaft gemeint war. Ihr Vater hatte beruflich immer viel zu tun, und Keyra war schon zuvor meistens mit dem Bus alleine durch die Gegend gefahren. Da die Verbindung zwischen ihrem Wohnort Rüdigheim und Langenbergheim, dem Wohnort ihrer Großmutter, nicht optimal war, hatte Keyra sie früher nur schwer besuchen können. Nun war das kein Problem mehr, und so beschloss Keyra, gleich nach Hammersbach durchzufahren. Sie setzte sich ihren Helm auf – ebenso lila wie die Vespa – und brauste vom Schulparkplatz, ohne sich noch einmal umzusehen.

Sie fuhr nicht über die Schnellstraße, sondern wie üblich über Wilhelmsbad und Mittelbuchen. Kurz überlegte sie, ob sie schnell auch bei ihrem Vater vorbeischauen sollte. Er arbeitete derzeit im ehemaligen Kurpark Wilhelmsbad. Doch sie verwarf den Gedanken gleich wieder. Ihr Vater mochte es zwar, wenn sie ihn bei seinen Auftragsarbeiten besuchte, er war Restaurator, doch er verlor sich dann gerne in Fachvorträgen über das, was er tat, und dafür hatte Keyra heute wirklich keinen Nerv. Sie wollte einfach nur ihre Ruhe und vielleicht ein kleines Stück Geburtstagskuchen. Die Chancen standen gut, beides bei ihrer Großmutter zu bekommen.

Wie immer, wenn sie durch Marköbel fuhr, spürte Keyra einen kleinen Stich im Herzen, als sie an ihrem früheren Wohnhaus in der Hauptstraße vorbeikam. Dort hatte ihre Familie gelebt, bis zu jenem denkwürdigen Tag, an dem sich alles geändert hatte. Dem Tag, an dem ihre Mutter nicht mehr nach Hause gekommen war.

Keyra hatte nie erfahren, warum sich Rory Kelly so sicher gewesen war, dass seine Frau nicht mehr auftauchen würde. Er hatte jedenfalls seine Sachen gepackt, die kleine Keyra geschnappt und war Hals über Kopf in den Nachbarort gezogen – fort von dem Häuschen, in dem die Familie schöne Tage verbracht hatte und das voller Erinnerungen steckte. Keyra vermutete, dass er am liebsten in sein Heimatland Irland zurückgekehrt wäre. Doch dort hatte er niemanden mehr, keine Familie, keine Freunde. Und in Deutschland hatte er seinen Betrieb aufgebaut. Zwar war er als Restaurator international anerkannt und weltweit tätig – aber genau das war sein Problem. Denn wenn er wieder einmal wochenlang nach Ägypten oder Indien musste und seine schulpflichtige Tochter nicht mitnehmen konnte, hatte er keine andere Möglichkeit, als sie bei seiner Schwiegermutter zu lassen. Keyras Großmutter war rüstig und tatkräftig und durchaus gewillt, die Enkelin in seiner Abwesenheit zu erziehen. Erst während des vergangenen Jahres war sie etwas kränklicher geworden, sodass sich Keyra Sorgen um sie machte.