Schreiben - Judith Sixel - E-Book

Schreiben E-Book

Judith Sixel

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Beschreibung

Dieses Buch ist ein Schreibbegleiter der besonderen Art! Rat"schläge" (aua!) oder Tipps für den sicheren Bestseller gibt es nicht. Wer aber Motivation und Inspiration für das eigene Schreiben sucht, wer Lust verspürt, durch kreatives Schreiben als Persönlichkeit zu wachsen und auf eine bewusstere Art in der Welt zu sein, wer sich Anregungen zur Schreibgeselligkeit erhofft, mehr Begeisterung und Kreativität in den schulischen Deutschunterricht bringen will oder wer einfach Lust auf den Erfahrungsaustausch mit einer Person verspürt, die als promovierte Germanistin, Lektorin, Redakteurin, Herausgeberin, Autorin und Ghostwriterin so ziemlich alle Facetten des Schreibens praktiziert, aber auch viele Menschen beim Schreiben begleitet hat, wird hier auf seine Kosten kommen. In einem Essay aus 100 sprachlich geschliffenen Miniaturen durchstreift die Autorin den staunenswerten Kosmos des Schreibens – ohne Anspruch auf Vollständigkeit und letztgültige Wahrheit, als leidenschaftliches Bekenntnis zur schriftstellerischen Authentizität, Lebendigkeit und Wandelbarkeit.

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Seitenzahl: 348

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Was dich erwartet

1 Reichtum

2 Wachstum

3 Freiheit

4 Selfpublishing

5 Einsamkeit

6 Zeichen

7 Anders lesen!

8 Wirklichkeit

9 Phantasie

10 Konsequenz

11 Ausdruck

12 Krimis

13 Spielen

14 Humor

15 Genderdeutsch

16 Schreibpilgern

17 Ambivalenz

18 Schreibblockade

19 Tagebuch

20 Anfang

21 Flow

22 Titel

23 Sex

24 Talent

25 Berufung

26 Wahrnehmung

27 Entwicklung

28 Kein Tag ohne?

29 Pausen

30 Grenzen

31 Perspektiven

32 Kreativität

33 Überarbeiten

34 Emotionen

35 Magie und Mode

36 Die Erfindung des Selbst

37 Ghostwriting

38 Traumschiff

39 Gruß aus der Dunkelkammer

40 Eskapismus

41 Schreiben und Vorschreiben

42 Kritik

43 Motivation

44 Künstliche Intelligenz

45 Markenzeichen

46 Handarbeit

47 Schreibraum

48 Besessenheit

49 Spannung

50 Narzissmus

51 Schweigen

52 Deutschunterricht

53 Lektorat

54 Unfreiwillige Komik

55 Perfektionismus

56 Erzählton

57 Entscheiden

58 Schreibyoga

59 Katharsis

60 Seele

61 Unruhe

62 Pseudonym

63 Langeweile

64 Eigennamen

65 Blinde Flecken

66 Politisches Bewusstsein

67 Therapie

68 Leichtigkeit

69 Literarische Geselligkeit

70 Von Anpassung und Widerstand

71 Erfolg

72 Wertschätzung

73 Denken und Schreiben

74 Satzzeichen

75 Energie

76 Eigensinn

77 Vorbild

79 Wahrheit und Lüge

80 Schreibphasen

81 Bewegtes Sitzfleisch

82 Erinnern und Vergessen

83 Stil und Stilmittel

84 Kämpfe

85 Sisyphos

86 Selbstwirksamkeit

87 Feuer

88 Gott

89 Zweifel

90 Schöner scheitern

91 Zauberwort

92 Von Narren und Weisen

93 Resonanz

94 Schreibreisen

95 Politisch korrekt?

96 Ordnung und Chaos

97 Hingabe

98 Wunder

99 Dankbarkeit

100 Hundert!?

Zum Weiterlesen

Was dich erwartet

Willkommen zur Expedition „Schreiben“! Wenn du Lust hast, durch kreatives Schreiben als Persönlichkeit zu wachsen und auf eine bewusstere Art in der Welt zu sein, wenn du Inspiration und Motivation zum Schreiben suchst, vielleicht auch Anregungen zu verschiedenen Formen der Schreibgeselligkeit (etwa in Schreibkursen, Workshops, Deutschunterricht) oder wenn du einfach gerne nachdenkst über das, was uns als schreibende Wesen ausmacht, und neugierig bist auf einen Erfahrungsaustausch mit jemandem, der selbst so ziemlich alle Facetten des Schreibens praktiziert, aber auch viele Autoren und Autorinnen dabei begleitet hat, dann bist du hier richtig. Wenn du dagegen mehr am Handwerkszeug des Schreibens interessiert bist, würde ich dir empfehlen, auf entsprechende Angebote der Erwachsenenbildung, vielleicht sogar ein (Fern-)Studium zurückzugreifen. Ich habe selbst neben meinem Germanistikstudium ein dreijähriges Fernstudium bei der Schule des Schreibens in Hamburg absolviert (damals hieß die Schule noch Institut zur Förderung des Schriftstellernachwuchses, kurz ifs) und Jahre später auch an einer Online-Romanwerkstatt teilgenommen; beides hat mir durchaus Spaß gemacht, wenngleich es dann noch ein weiter Weg war, bis ich meinen ersten Roman schreiben konnte.

Was mir in all den Angeboten fehlte, war die ausdrückliche Thematisierung und Vertiefung dessen, was mich selbst zum Schreiben trieb und bis heute dranhält: die Trias Schreiben, Bewusstsein und Persönlichkeitsentwicklung. Alle Welt scheint es vornehmlich darauf anzulegen, den nächsten Bestseller zu landen, als ob im Geldverdienen und massenhafter Verbreitung der ganze Sinn des Schreibens läge. Kreatives Schreiben, so wie ich es liebe und lebe, ist ein schöpferischer Prozess. Es geht dabei nicht in erster Linie um den Erwerb von Techniken, Wissen und Geld, es geht auch nicht darum, was andere sagen, meinen und raten, sondern es geht ganz und gar um dich selbst, und zwar um dich als Ganzes – deine Gedanken und Träume, deine Lebenserfahrungen und deine Phantasie, deine Art, dich auszudrücken und verständlich zu machen, kurzum: deine Art, in der Welt zu sein. Das ist der Stoff, aus dem deine ureigenen Texte entstehen – Texte, die so nicht von einer künstlichen Intelligenz geschrieben werden könnten und überhaupt von niemand anderem als dir, weil sie das ausdrücken, was dich ausmacht, als einzigartiges Wesen, das es so nur einmal gibt und dessen Welt im schriftlichen Ausdruck Vertiefung, Bereicherung und Erfüllung findet.

Weil Subjektivität für mich die Basis allen Schreibens ist, werde ich mich auf unserem gemeinsamen Weg nicht hinter einem unpersönlichen „man“ verschanzen, sondern ganz offen von meinen eigenen Erfahrungen mit dem Schreiben sprechen, den guten wie den weniger guten, die insofern auch wieder gut waren, als ich daraus lernen konnte. Zu jeder Wegetappe gibt es eine Übung – oder einen Übungsimpuls –, den du aufgreifen kannst, wenn er dir taugt, alles in allem hundert an der Zahl. Aber genug des Vorspanns. Lass uns starten!

1 Reichtum

„Reich willst du werden? – Warum bist du’s nicht?“

(Joachim Ringelnatz)

Vielleicht gehörst du auch zu denen, die vom eigenen Bestseller träumen? Ein Erfolgsbuch, das dich aller materiellen Sorgen enthebt und mit einem Schlag reich und berühmt macht? Mit Schlösschen am Genfer See, nie wieder arbeiten müssen, schicken Autos nebst Privatyacht, Privatjet und abendlichem Drink im Club der Superreichen? Unmöglich ist es nicht, dass dieser Traum in Erfüllung geht. Aber sehr, sehr unwahrscheinlich.

Der Buchmarkt ist rückläufig, wie es auf Marketingdeutsch heißt, die Zahl der Lesenden auch, bei mindestens gleichbleibender Flut an neuen Buchtiteln, von denen nicht mal ein Prozent auf den Bestsellerlisten landet. In Deutschland können weniger als zweihundert Menschen allein vom Schreiben leben. Autoren und mehr noch Autorinnen – Frauen verdienen auch hier deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen – nehmen selbst im seltenen Falle eines Bestsellers im Durchschnitt kaum mehr als tausend Euro netto im Monat ein, gerechnet auf die Zeit, in der ihr Buch sich wirklich gut verkauft. Und wer schreibt schon am laufenden Band Bestseller?

„In finanzieller Hinsicht“, so die Schriftstellerin Eva Demski, „ist das Schreiben ein so unbeschreiblich demütigender Beruf, dass die meisten Kollegen um ihr Einkommen ein großes Theater machen müssen. Es ist so ein verlogenes Thema, es wird Ihnen keiner die Wahrheit sagen.“

Wenn mir trotzdem als Erstes gerade das Stichwort Reichtum einfällt, dann deshalb, weil ich Reichtum nicht mit viel Geld gleichsetze. „Ein reicher Mann ist oft nur ein armer Mann mit sehr viel Geld.“ Könnte von mir stammen. Stammt aber von einem Menschen, der einst als der reichste Mann Griechenlands galt: Aristoteles Onassis.

Nichts gegen Geld, von mir aus auch gerne reichlich! Geld gehört zu den unverzichtbaren Lebensmitteln, und du musst schon schauen, dass du genug davon hast, um deine Grundbedürfnisse befriedigen zu können. Aber Geld macht nicht reich!

Reichtum heißt, viele Möglichkeiten zu haben.

Was unser Leben arm macht, ist die wachsende Festlegung bei gleichzeitigem Schwund an Möglichkeiten, wie sie für viele unausweichlich mit dem Älterwerden einherzugehen scheint: Auf die Berufsentscheidung folgen die Haus- und Familiengründung, der Erwerb und die Mehrung von Besitz, und irgendwann ist das Leben festgeschrieben. Wenn du schreibst, tauschst du das Schachmatt des Festgefahrenseins gegen das belebende Spiel mit neuen Möglichkeiten ein. Alles ist möglich für den, der schreibt, es gibt kein Denktabu, die ganze Welt steht dir offen, auch und besonders jene, die noch gar nicht erschaffen ist! Wie arm und begrenzt dagegen der Milliardär, der sorgsam abgeschirmt auf seiner Privatyacht unterwegs ist und sich mit den neuesten Toys der Superreichenindustrie die Langeweile vertreibt!

Für mich ist Schreiben die Kunst der unbegrenzten Möglichkeiten. Schreiben in diesem Sinne heißt Wirklichkeit erschaffen, gestalten, verwandeln. Schreibend kann ich mich frei durch Raum und Zeit bewegen, kann in die Vergangenheit und Zukunft reisen, kann zaubern und durch Wände gehen, kann meine Hauptfigur eben mal Millionen erben oder sich in eine Ratte verwandeln lassen. Konnte das Onassis?

Nun wirst du vielleicht einwenden, das sei ja alles nicht wirklich. Einspruch! Schreiben wirkt Wirklichkeit, darauf kommen wir noch. Darin ist es mit anderen Künsten vergleichbar, etwa Komposition oder Malerei. Wäre es Vincent van Gogh nur ums Geld gegangen, so hätte er Pinsel und Staffelei verkaufen müssen. Zu Lebzeiten, heißt es, habe er kaum mehr als ein Bild verkauft, und hätte sein Bruder Theo ihn nicht unterstützt, hätte er sich das Malen gar nicht leisten können. Und heute? Werden seine Bilder zu Höchstpreisen versteigert! Von Mozart ist überliefert, dass er per Armenbegräbnis beigesetzt wurde. Aber wie tief muss man heute für eine Aufführung seiner Zauberflöte in einem renommierten Theater in die Tasche greifen! Wilhelm Busch hat die Rechte an seinem „Max und Moritz“ für‘n Appel und ‘n Ei verkauft. Sein Verleger hat sich daran die goldene Nase verdient. Natürlich fallen einem auch Beispiele dafür ein, wie mit Schreibkunst ein Vermögen gemacht wurde. Etwa J. K. Rowling mit ihrem Harry Potter – wobei mir ein Verlagslektor erzählte, die Autorin habe mal die Wirtschaftsprüfung zu ihrem deutschen Verlag geschickt, weil sie nicht glauben konnte, dass in Deutschland so wenig Geld durch den Verkauf ihrer Bücher reinkam …

Es ist ein weites Feld – und auch in dieser Beziehung eröffnet das Schreiben schier unbegrenzte Möglichkeiten. Welches deine sind, wirst du erfahren, wenn du dich schreibend auf den Weg machst.

Ü: Gleich zu Beginn könnte es hilfreich sein, dir Gedanken darüber zu machen, wie du Reichtum definierst. Fallen dir

irgendwelche Dinge ein, die dich reich machen und nicht für Geld zu kaufen sind? Dinge im Sinne von Türöffnern zu neuen Möglichkeiten? Inwiefern könntest du schreibend solche Türen öffnen? Gibt es einen bestimmten Stoff, ein Thema oder auch nur eine Anfangsidee, über die du gerne schreiben würdest, weil es dein Leben bereichern würde?

Dann notier sie – sei es handschriftlich in eine Kladde oder in eine als Ideensammlung betitelte Datei. Wichtig ist, dass du dich nicht mit Formulierungen aufhältst. Du kannst in gebrochenem Deutsch schreiben, ohne Punkt und Komma, es gibt kein Richtig oder Falsch, keinen Rotstift und kein Thema verfehlt!

Der einzige Sinn dieser Übung besteht darin, dass du erlebst, wie dir schreibend Türen aufgehen, auch zu Möglichkeiten,

die du selbst nicht für möglich gehalten hättest.

2 Wachstum

„Was lange bestehen soll, entsteht langsam.“

(Arthur Schopenhauer)

In meinen Schreibkursen traf ich immer wieder Menschen, die sich den ultimativen Tipp erhofften, wie sie ihre vielversprechenden Romananfänge endlich in ein fertiges Werk verwandeln könnten. Irgendwann war da mal ein Funke, der Großes erwarten ließ, doch spätestens nach zwanzig Seiten war das Feuer erloschen. Andere Funken stellten sich ein und erstarben, lange bevor das Werk vollendet war. Zur Begründung hieß es dann: „Ich würde ja gerne, aber leider … keine Zeit!“

Achtung, Ausrede! Die meisten Romanpläne sterben nicht am Zeitmangel, sondern an der Ungeduld ihres Schöpfers. Wenn du einen schönen Garten haben willst, genügt es nicht, ihn einmal – hauruck – mit Pflanzen, Wasser und Dünger zu versorgen. Ein lebendiger Garten braucht viel geduldige Zuwendung und Langzeitbegleitung im Kleinen. Dasselbe gilt für ein schriftstellerisches Werk.

Ein Text, der über den Augenblick hinaus leben soll, braucht viel geduldige Zuwendung und Langzeitbegleitung im Kleinen.

Was heißt das konkret? Ich gehe meist so vor, dass ich erst mal alle Ideen, die mir irgendwann irgendwie interessant erscheinen, ins Unreine schreibe. Das ist gewissermaßen die „Samen“sammlung. Da Ideen sich nicht wie höfliche Gäste vorher ankündigen, sondern am liebsten herbeigeflogen kommen, wenn es gerade gar nicht passt, solltest du immer und überall etwas dabei haben, um sie aufzuschreiben. Dann heißt es abwarten, das Ganze sacken lassen, hier ein bisschen kürzen, dort ein bisschen pflegen, auch mal dieses und jenes Neue dazu ausprobieren, immer bereit, es wieder zu verwerfen. Das gleicht dem Spiel der Evolution, die unermüdlich neue Formen, Farben und Gestalten kreiert. Mal entwickelt sich aus einer Idee eine packende Geschichte, mal entwickelt sich nichts. Oder noch nicht. Möglich, dass es in ein paar Wochen, Monaten oder sogar Jahren wieder anders aussieht, dass die Idee, in einen neuen Rahmen gestellt, aus einer anderen Perspektive betrachtet, plötzlich zündet und weiterführt.

Geduld halte ich für eine der Kernkompetenzen beim Schreiben. Darin unterscheidet sich das Schreiben vom Lesen. Wenn ein Buch den Leser fesselt, kann es vorkommen, dass er – oder sie oder ich – es in wenigen Stunden verschlingt. Ein Fan meiner Verwandlungskrimis schrieb mir mal, er habe alle vier Bücher (das fünfte war noch nicht raus, daran arbeite ich gerade) in einer Silvesternacht verschlungen. Vier Bücher, jedes einzelne mehr als 350 Seiten stark, in einer einzigen Nacht! Und ich habe acht Jahre daran geschrieben. Natürlich nicht ununterbrochen. Aber die meiste Zeit bin ich doch täglich reingegangen in meinen „Schreibgarten“. Manchmal für eine halbe Stunde, manchmal eine ganze, selten mehr. An guten Tagen bestand mein Ertrag aus ein, zwei Seiten, an weniger guten musste ich mich mit einer halben Seite begnügen und an schlechten hieß es, von bereits geschriebenen Seiten oder sogar ganzen Kapiteln Abschied zu nehmen, weil sie in die Sackgasse führten.

Wachstum lässt sich nicht erzwingen. Es geschieht einfach, Tag für Tag und nicht zu vergessen die Nacht, wenn das Unterbewusste seine Tore öffnet und Einblicke in die Dunkelkammer der Seele gibt, aus der die spannendsten Ideen erwachsen.

Ü: Leg einen Notizblock auf deinen Nachttisch und einen Stift. Schreib am Abend vor dem Einschlafen handschriftlich einen Satz hinein. Irgendeinen Satz, der dir gerade in den Sinn kommt. Es muss nichts Bedeutendes sein! Wenn du bereits den Anfang einer Geschichte oder eines Romans vorliegen hast, führe ihn mit einem Satz fort. Nur mit einem Satz, nicht mehr!

Morgen Abend nimmst du den Block wieder zur Hand, liest den Satz vom Vorabend und schreibst einen weiteren dazu. Übermorgen den nächsten. Und so weiter, mindestens eine

Woche lang, gerne mehr. Dann schau mal, was draus wächst!

3 Freiheit

„In meinem ganzen Leben war ich niemals frei. Ich konnte nichts in Freiheit tun, außer Schreiben.“

(Langston Hughes)

Beim kreativen Schreiben muss ich mich keinem Chef

unterordnen, keiner Stechuhr, keinem Programm, überhaupt keinem von außen diktierten Zweck, keiner fremden Idee – solange der Erfolg ausbleibt! Gesetzt hingegen den unwahrscheinlichen Fall, den heute alle als den eigentlichen Sinn des Schreibens zu betrachten scheinen, gesetzt also den Fall, ein schriftstellerisches Werk hätte Erfolg und würde seiner Autorin und allen, die am Verbreiten des Werkes beteiligt sind, viel Geld einbringen, dann wäre es rasch aus mit der Freiheit. Verlagsprogramme folgen strengen Vorgaben, Lektoren und Agenten müssen Druck machen, denn was einmal Erfolg hatte, muss rasch nachgeliefert werden, bevor die Nachfrage schon wieder nachlässt, und auch inhaltlich sollte es möglichst nahe am vorangehenden Erfolgsbuch sein, damit die Käufer nicht enttäuscht sind!

Erfolg ist ein Gott des Augenblicks. Was sich in diesem Moment erfolgreich verkauft, kann im nächsten schon ein Ladenhüter sein. Wer sich dem Gott des Erfolgs unterwirft, muss die faszinierenden Abenteuerpfade der literarischen Originalität verlassen und gegen vielspurige Autobahnen eintauschen, auf denen sich die Massen tummeln, die lauthals ihre Meinungen und Rechte geltend machen. Und aus dem freien Autor wird ein Schreibsklave, festgelegt auf das, was der launischen Diva Buchmarkt gefällt. Man schreibt nicht mehr, was und wie es aus einem selbst kommt, sondern liefert, was der Markt verlangt oder wovon Marketingexperten meinen, dass es die Leser bei der Stange hält. Freiheit? Das war einmal …

Freiheit heißt aus sich selbst heraus tätig sein,

statt den Erwartungen anderer zu folgen.

Mancher Erfolgsautor sucht Zuflucht im Pseudonym. Wie Joanne K. Rowling, die nach ihren überaus erfolgreichen Harry-Potter-Bänden versuchte, unter Pseudonym neue Wege zu gehen. Als ein Vertrauter ihr Geheimnis lüftete, klagte sie gegen ihn. Mit Erfolg. Aber der Zauber des Pseudonyms war dahin, die Verborgenheit zerstört.

Die Freiheit beim Schreiben ist am größten, solange das Textbaby im Verborgenen leben, wachsen und sich entwickeln kann. Ich denke, was ich will und was mich beglücket, doch alles in der Still‘ und wie es sich schicket … heißt es in meinem Lieblingslied. Nicht aber auf dem modernen Buchmarkt! Die Verkaufschancen eines Buches steigen mit seiner Abweichung vom Schicklichen und der Lautstärke der Werbetrommeln, die dafür gerührt werden.

Nur wenn du es aushältst, gegen den Strom zu schwimmen und mit Lust erfolglos zu schreiben, kannst du sie noch genießen, die grenzenlose Freiheit der Gedanken, kannst schreibend die ganze Welt bereisen und fremde Planeten besiedeln, vom Tier im Menschen und dem Menschen im Tier erzählen, in den geheimnisvollen Kosmos der Seele eintauchen – Seele im Sinne Platons verstanden als das aus sich selbst heraus Bewegte, das nicht unmittelbar von außen verursacht ist.

Jeder Mensch trägt so eine Seelengeschichte mit sich – mindestens eine! Eine Geschichte, die schon lange in ihm gärt und die er schreiben würde, wenn er frei wäre. Es muss nicht unbedingt etwas Superoriginelles, Phantastisches, Außergewöhnliches sein. Vielleicht ist es einfach die Geschichte eines geliebten Haustiers. Oder einer großen Liebe zu einem anderen Menschen. Oder die Geschichte einer persönlichen Befreiung. Oder ganz was anderes.

In unserem Land der freien Meinungsäußerung ist es weniger die äußere als die fehlende innere Freiheit, an der Geschichten scheitern. Wir haben im Laufe unserer schulischen Sozialisation einen gestrengen inneren Zensor installiert, den inneren Cerberus, der bei jeder originellen, prickelnden, belebenden Schreibidee gleich aufjault: Wen soll das interessieren, was du da schreibst? Ist doch alles Mist, lass es sein, andere können es besser! Alles schon dagewesen! Was sollen die Leute von dir denken?

Dieser innere Höllenhund ist der große Bruder des inneren Schweinehunds, auf den wir auch noch zu sprechen kommen. Aber jetzt beschäftigen wir uns erst mal mit dem Großen, der sich tatsächlich zum furchterregenden Hindernis bei dem Abenteuer, die Freiheit des Schreibens zu genießen, aufspielen kann. Um ihn zu überlisten, empfiehlt sich die folgende Übung:

Ü: Wann immer du merkst, dass dich der innere Zensor deiner Schreibfreiheit berauben will, antworte ihm mit der Technik des automatischen Schreibens. Stell dir dazu die Stoppuhr

auf zehn Minuten, und dann leg los:

Fang einfach an, nonstop zu schreiben, und die Gedanken so, wie sie kommen, in die Tasten oder aufs Papier fließen zu lassen, ohne innezuhalten, ohne die kleinste Korrektur vorzunehmen. Deine Aufgabe heißt nicht: Schreib das Beste, was die Welt je gelesen hat, sondern: Schreib dich frei!

4 Selfpublishing

Selfpublishing bietet jedem ein Stück freies Land, um die schriftstellerische Unabhängigkeit zu kultivieren.

Es kommt nicht von ungefähr, dass „Selfpublishing“ auf das Kapitel „Freiheit“ folgt. Wenn ich von schriftstellerischer Freiheit spreche, muss ich auch von Selfpublishing sprechen! Publikumsverlage sind bei der Auswahl ihrer Titel vorrangig an der Frage interessiert: Lässt sich mit einem Buch Geld verdienen? Gerne nimmt man daher auch Erfolgstitel aus dem Ausland ins Programm – nicht weil sie besser oder lesenswerter wären als die einer unbekannten deutschen Autorin, sondern weil sie sich andernorts bereits erfolgreich verkauft haben und weil das, was aus dem Ausland kommt, hierzulande von vornherein mit besonderem Interesse betrachtet wird. So wird aus dem freien Geist ein korrupter Geist, im Dienste des finanziellen Gewinnstrebens stets das verstärkend, was ohnehin schon gut läuft. Nicht wenige Leser folgen diesem Prinzip und kaufen, was auf den Bestsellerlisten steht. Was sich massenweise verkauft, kann doch nicht schlecht sein! Oder?

Selfpublishing bietet die Chance, sich dem Trend der Masse entgegenzustellen. Das schreibt sich leichter, als es sich lebt. Der Markt funktioniert nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage, und dem Angebot eines Selfpublishers steht im Allgemeinen – Ausnahmen mögen die Regel bestätigen – keine oder eine sehr geringe Nachfrage gegenüber. Wer sucht schon nach einem Verwandlungskrimi? Niemand, weil es etwas Neues ist, ich habe diese Gattung ja gerade erst erfunden. Um damit Umsätze zu generieren, müsste ich mich gut selbstvermarkten. Damit würde ich aber meine Art zu schreiben verraten. Beim Schreiben geht es auch mir um „das verborgene Wort“ (Ulla Hahn); in dem Maße, als ich es dem Markt andiene, wird daraus das verdorbene Wort. Dann lieber gar nicht schreiben. Damit aber würde ich mich einer Lebensader berauben.

Deshalb halte ich Selfpublishing für eine der besten Erfindungen unserer Zeit. Für Menschen wie mich, die aus Leidenschaft schreiben und in keine der gängigen Schubladen passen – für den akademisch-intellektuellen Literaturbetrieb sind meine Bücher zu unterhaltsam, für die breite Masse zu anspruchsvoll, wie mir mal eine wohlmeinende Verlagslektorin sagte –, ist Selfpublishing die Rettung. Ich kann mir selbst treu bleiben, muss mich nicht in eine Schublade pressen lassen, kann zeigen, dass gute Unterhaltung und literarisches Niveau einander auch hierzulande nicht ausschließen, und mich über jede Rückmeldung freuen, die zeigt, dass es durchaus auch Leser und Leserinnen gibt, die meinen Stil zu schätzen wissen. 

Konkret konzentrieren sich meine Erfahrungen vor allem auf zwei Anbieter: kindle/kdp von Amazon und epubli in Berlin. Bei epubli verkaufen sich meine Bücher schlechter, was auch daran liegen mag, dass der Kunde Porto zahlen und etwas Geduld mitbringen muss – Wartezeiten von acht bis zehn Werktagen waren in der Vergangenheit keine Seltenheit. Eine Buchhandlung musste mal über sechs Wochen auf mein Buch „Verbrannte Freundschaft“ warten! Aber epubli hat in den letzten Jahren deutlich nachgebessert. Mit etwas Glück kann ein bestelltes Buch schon nach drei bis vier Tagen beim Empfänger sein, und etliche Online-Plattformen führen es mittlerweile versandkostenfrei im Sortiment. Vor allem bietet epubli eine exzellente Druckqualität, die beste, die ich kenne, auch für farbige Abbildungen und Fotos. Die Bücher kommen sauber verpackt und ohne Eselsohren an und machen insgesamt einen hochwertigen Eindruck.

Für Titel, die einen größeren Markt erreichen sollen, scheint sich auf den ersten Blick eher kdp/kindle anzubieten. Privatdruck wie bei epubli gibt es dort nicht, wohl aber die Möglichkeit, einen Titel als unveröffentlichten Probedruck herzustellen. Die Qualität finde ich nicht berauschend, die Bücher sehen ein wenig billig aus, aber sie kommen portofrei und sensationell schnell, allerdings eher nachlässig verpackt und oft mit kleinen Macken an; die monatliche Überweisung der Tantiemen findet pünktlich statt, wenngleich nicht unbedingt transparent. Da kann es schon mal zu Irritationen kommen; so fand ich einen meiner kdp-Titel plötzlich in englischer Sprache bei Amazon angeboten, obwohl ich nie eine englische Übersetzung lizensiert und natürlich auch keinen Cent an einer solchen verdient habe! Auf meine Intervention verschwand der englische Titel geräuschlos, ohne Entschuldigung oder Erklärung. Doch plötzlich wurden meine Bücher auf anderen Plattformen zum kostenlosen Download angeboten, wiederum komplett an mir vorbei. Ich habe die Betreiber über die Kontaktfunktion ersucht, mich als alleinige Rechte-Inhaberin von ihrer Plattform zu nehmen. Das hat bis heute immer Wirkung gezeigt. Ärgerlich finde ich es trotzdem, und mein Vertrauen in Amazons Umgang mit anvertrauten Daten fördert es auch nicht gerade.

Im Prinzip gut finde ich die kindle-Gratisaktionen für E-Books, weil sie die Chance bieten, Interesse zu wecken, was sich tatsächlich immer erfreulich auf die Zahl meiner Verkäufe auswirkte. Allerdings weiß man nie, wer sich da kostenlos bedient – und zum Dank am Ende noch eine schlechte Bewertung dalässt, nach dem Motto: Was nichts kostet, kann nicht viel wert sein! Was mir nachhaltig den Appetit auf kdp verdarb, war die Erfahrung, dass meine sämtlichen kdp-Titel im letzten Jahr plötzlich von negativen globalen Bewertungen geflutet wurden, denen nachweislich keine Buchverkäufe entsprachen. Zum Teil wurden alte Ausgaben bewertet, die gleich nach Erscheinen wieder vom Markt genommen wurden, deren Bewertungen sich also gar nicht auf einen Buch-Kauf beziehen konnten und folglich auch nicht den Amazon-Richtlinien entsprachen. Aber Amazon stellte sich taub, leitete mich von einer Stelle zur anderen und ließ meinen Fall irgendwann im digitalen Nirwana versanden. Frustriert löschte ich daraufhin mein kdp-Konto und hatte lange Zeit gar keine Lust mehr, zu schreiben, geschweige denn zu veröffentlichen. Durchgehalten habe ich das etwa ein Dreivierteljahr. Dann ging ich zurück zu epubli.

Dort läuft auch nicht immer alles auf Anhieb rund, aber man wird nicht mit vorgefertigten Textbausteinen abgefertigt, sondern trifft auf engagierte Menschen, die sich zeitnah um das jeweilige Anliegen kümmern und wirksam zur Problemlösung beitragen. Einmal wurde ein Buch von mir, „Die Rattenfrau“, von epubli zum Buch des Monats gekürt. Das freut die Autorenseele! Mit der Zeit ist schon eine ansehnliche Sammlung von eigenen Büchern auf meinem Regal zusammengekommen, die ich gern zur Hand nehme und immer mal wieder lese (und vorlesen lasse).

Unabhängig vom jeweiligen Anbieter besteht ein unbestreitbarer Vorteil des Selfpublishing darin, dass dank des Books-on-demand-Verfahrens die Umwelt nicht über Gebühr belastet wird. Niemand muss mehr eine Scheune anmieten, um tausend und mehr Lagertitel zu horten, denn es werden immer nur genau die Bücher gedruckt, die tatsächlich nachgefragt werden. Wenn ich mal zurückdenke an die ersten Werke meiner Schreibgruppen in vordigitaler Zeit, die wir noch für viel Geld im Copyshop oder von einer Druckerei herstellen lassen mussten, und am Ende hielt man ein Buch in der Hand, das eher wie eine Broschüre oder Seminararbeit aussah … dann kann man nur sagen: Früher war nicht alles besser!

Alles in allem halte ich Selfpublishing für eine wirklich gute Sache, die allerdings auch einiges an Können und Erfahrung voraussetzt. Vom Lektorat über die Covergestaltung bis zum fertigen Buch ist es ein weiter Weg. Neben schriftstellerischer Begabung und dem erwähnten Talent zur Selbstvermarktung braucht es da auch einiges Geschick zur Buchgestaltung sowie computertechnischen Sachverstand. Aber:

Das Self in Selfpublishing muss nicht mit

„Ich mache alles allein“ übersetzt werden.

Mir macht es Spaß, meine Freude am Bücherschreiben, Gestalten und Veröffentlichen mit anderen zu teilen. Da ist allen voran mein Mann, dem ich jederzeit meine Texte vorlesen kann und der mir seine ungeschminkte Meinung dazu sagt, was nicht mit Geld zu bezahlen ist, weil man selbst oft einfach zu tief in der Materie drinsteckt und nicht vor blinden Flecken gefeit ist. Obendrein habe ich das Glück, dass mein Enkel ein gutes Händchen für Cover hat und mich insgesamt beim Gestalten meiner Bücher und der Webseite unterstützt. Dafür sei ihm an dieser Stelle herzlich gedankt!

Du wirst mit der Zeit selbst herausfinden, ob du eher der Typ Alleingänger bist oder lieber mit anderen zusammen an die Veröffentlichung deiner Bücher gehen willst. Im letzteren Falle kannst du gar nicht früh genug damit anfangen, dich in deiner Umgebung nach geeigneten Mitmenschen umzuschauen. Trau dich, sie anzusprechen! Viele haben kreative Talente und Lust, sie einzubringen, um gemeinsam etwas Neues zu schaffen. Vielleicht gibt es unter Verwandten, Freunden, Nachbarn jemanden, der Lust hat, dein Buch Korrektur zu lesen? Oder jemanden, der dir beim Hochladen des Buches helfen könnte?

Wenn du alle diese Fragen mit Nein beantwortest, könntest du dich mal in Einrichtungen der Erwachsenenbildung nach Schreibkursen umschauen. Dort findest du mit etwas Glück Gleichgesinnte, von denen du lernen und mit denen du dich über eventuelle Probleme austauschen kannst. Wenn du gar nicht weiterkommst, bleibt immer noch der Weg zum Profi – entsprechende Angebote findest du im Netz, auch beispielsweise auf der Plattform von epubli selbst. Gute Lektoren und Buchgestalter sind nicht billig, aber ihr Geld wert.

Die folgende Übung kann helfen, zu erkennen, ob Selfpublishing für dich in Frage kommt:

Ü: Erstelle einen Privatdruck – also ein Buch, das (noch) nicht zur Veröffentlichung bestimmt ist. Es kann sich um eine Sammlung deiner Lieblingskochrezepte handeln, um Briefe oder Mails, die du vor dem Vergessen retten willst, um ein bebildertes Reise- oder Wanderbuch, gesammelte Tagebucheintragungen,

Lebensweisheit und Lebensrat …

Sinn der Übung ist, dass du Erfahrungen im Buchgestalten sammelst und stressfrei herausfindest, ob es dir liegt, mit den angebotenen kreativen Möglichkeiten zu spielen, oder ob du dir lieber Hilfe suchst. Wenn du schon ein komplettes Manuskript vorliegen hast, lass es am besten ebenfalls erst mal als Privatdruck herstellen. Es braucht erfahrungsgemäß mindestens einen zweiten Anlauf, bis das Ergebnis so ausfällt, wie du es haben willst. Vielleicht zeigst du den Privatdruck auch mal Menschen deines Vertrauens. Oder lässt ihn einfach liegen, um ihn ein, zwei Wochen später mit mehr Distanz zu betrachten. Wenn er dir immer noch gefällt, kannst du auf „Kostenlos veröffentlichen“ klicken. Wenn nicht, geh noch mal in die Arbeitsstube damit. Lass dich nicht hetzen. Und gib dich nicht mit Zweitbestem zufrieden. Sei anspruchsvoll!

5 Einsamkeit

„Es bedarf immer einer Trennung von den anderen Leuten um die Person herum, die Bücher schreibt.“

(Marguerite Duras)

Ich mag die Schreibgeselligkeit und habe über viele Jahre Schreibworkshops mit Jugendlichen und Erwachsenen abgehalten, habe auch Bücher und Geschichten mit anderen und für andere geschrieben und eine Zeit lang regelmäßig zu literarischen Nächten eingeladen, in denen jeder, der Lust hatte, seine Texte vorlesen konnte. Alles in allem waren dies gute, inspirierende Erfahrungen, die ich nicht missen wollte. Aber wirklich zum eigenen Schreiben fand ich erst, als ich den Mut fand, mich der Einsamkeit des Schreibprozesses zu stellen. Diese Einsamkeit auszuhalten und fruchtbar zu machen, erscheint mir mittlerweile als eine der wichtigsten Herausforderungen beim kreativen Schreiben, wichtiger als alles, was sich in Schreibgruppen lehren und lernen lässt.

Nur der Einsame sei böse, meinte der französische Aufklärer Diderot. In Gesellschaft dagegen müsse die Neigung zum Bösen unterdrückt werden, wir müssten uns verkleiden, anpassen. Erst in der Einsamkeit zeige sich, was wirklich in einem Menschen steckt. Was auch erklären könnte, warum sich so viel Finsteres, Krankes und Kriminelles in der Literatur tummelt …

Und doch: Schreiben braucht nicht nur Phasen der Einsamkeit, sondern hilft auch, diese anzunehmen und als erfüllte Zeit zu empfinden. Das ganze Unglück des Menschen rühre daher, dass er nicht ruhig mit sich allein in einem Zimmer bleiben könne, meinte ein anderer französischer Philosoph, Blaise Pascal – und zwar schon vor weit über dreihundert Jahren, als es noch kein Telefon, Internet und Fernsehen gab und der Mensch in seinem Zimmer wirklich noch mit sich selbst allein war. Der moderne Mensch kennt diesen Zustand ja kaum mehr. Er ist praktisch keine Stunde mehr mit sich allein, Tag und Nacht umgeben von Netzgeschnatter, fremden Bildern, Meinungen, Einflüssen. Und trotzdem – oder gerade drum – klagen immer mehr, auch schon junge Menschen über Einsamkeit. Sie lernen es einfach nicht mehr, in dem Übermaß an äußeren Einflüssen echte, innere Seelenresonanz zu erfahren, und diese Entfremdung von sich selbst macht es ihnen so schwer, Phasen der Einsamkeit auszuhalten, ja sogar zu genießen. Unsere Welt krankt nicht an zu viel Einsamkeit. Sie krankt an der Unfähigkeit, Einsamkeit auszuhalten und in erfüllte Zeit zu verwandeln Das kreative Schreiben kann hier wirksam entgegensteuern, denn beim Schreiben führt kein Weg an der Begegnung mit sich selbst vorbei.

Einsamkeit beim Schreiben meint jene Geisteshaltung inneren Getrenntseins, mit der das eigene Denken beginnt.

Das heißt nicht, dass man immer nur in den eigenen vier Wänden sitzen bleiben muss! Den dunklen Kräften der Einsamkeit lässt sich besser begegnen, wenn man die häusliche Schreibklause öfter mal gegen das Schreiben im öffentlichen Raum eintauscht. Im Café, aber auch im Wartezimmer, in der Bahn oder im Flixbus oder noch besser draußen in der Natur schreibt es sich hervorragend, äußerlich verbunden und doch gleichzeitig innerlich getrennt von den anderen Menschen, die man nicht kennt und die gerade nichts von einem wollen.

Was dabei zur Sprache drängt, ist nicht immer angenehm und allemal anstrengender, als andere für sich denken zu lassen und den je aktuellen News, Trends und Tipps von außen nachzujagen. Aber sie haben auch ihre guten Seiten, diese Zeiten der Befreiung von der allgegenwärtigen Kakophonie der Stimmen, Meinungen, Interessen und Erwartungen der anderen.

„Die Wand“ von Marlen Haushofer ist ein wunderbares Buch über die Einsamkeit im Sinne des inneren Getrenntseins von den anderen. Das Traurige an dieser Geschichte ist nicht die Einsamkeit, die die Erzählerin umgibt wie eine gläserne Wand, sondern dass sie gestört wird. Die unsichtbare Wand, die das schreibende Ich von den anderen trennt, schützt auf Dauer nicht vor Eindringlingen, die immer wieder Gewalt und Zerstörung in die Welt bringen. Das heißt, die Einsamkeit der schreibenden Person ist kein hermetisch abgeschlossenes System, das äußere Sicherheit oder gar eine bessere Welt garantiert. Sie ist eher so etwas wie eine Schöpfkelle zu jenem Brunnen, der, manchmal tief verborgen und unter Alltäglichkeiten verschüttet, Zugang zu den eigenen schöpferischen Quellen schenkt, jenem Neuen und Erneuernden, dem, was nur du zu sagen hast und kein anderer, und dessen Entdeckung und Zu-Tage-Fördern letztlich all der Mühen, die mit dem Schreiben auch verbunden sind, wert ist.

Ü: Setz dich mit Schreibblock und Stift – wahlweise Tablet o. Ä. – in einen öffentlichen Raum, beispielsweise ein Café oder einen Park. Schreib auf, was du siehst, hörst, riechst, fühlst.

Wiederhole diese Übung immer dann, wenn dir die Einsamkeit des Schreibens gerade nicht guttut.

6 Zeichen

„Die Buchstaben sind Symbole von Dingen und haben solch eine Macht, dass sie die Rede der Person von unserem Ohr ohne ihre Stimme vernehmbar machen.“

(Johannes von Salisbury)

Das Wort Schriftsteller gehört nicht zu den geschützten Berufsbezeichnungen. Im Grunde darf sich jeder, der in der Lage ist, einen Text zu schreiben und zu veröffentlichen, Schriftsteller nennen. Auch wenn er oder sie nicht von eigenen Buchverkäufen leben kann und keine Literaturpreise gewinnt. Und so tummeln sich gerade im schriftstellerischen Bereich zahlreiche Möchtegerns, die sich durch die Zahl ihrer Buchverkäufe oder Rezensionen von der Konkurrenz abzuheben und als ernstzunehmende Vertreter der Zunft zu etablieren versuchen. Aber das ist es nicht, was den echten Schriftsteller ausmacht!

Zum Beispiel Franz Kafka. Wer käme auf die Idee zu sagen: „Franz Kafka – das war doch dieser Versicherungsangestellte aus Prag!“? Dabei war dies sein Brotberuf. Als Schriftsteller war er der breiten Öffentlichkeit zu Lebzeiten weitgehend unbekannt. Er konnte und wollte wohl auch gar nicht vom literarischen Schreiben leben. Bekanntlich ließ er nur wenige seiner Werke gelten und wies seinen Freund Max Brod an, den Rest nach seinem Tod zu vernichten (was der glücklicherweise nicht tat). Dass Franz Kafka ein echter Schriftsteller war, sogar einer der bedeutendsten des zwanzigsten Jahrhunderts, kann nicht am unmittelbaren Verkaufserfolg seiner Werke festgemacht werden. Aber woran sonst?

Schriftsteller erkennt man an ihrem leidenschaftlichen Drang, die Welt in Worte zu fassen, schriftlich fixierte Worte, die sich von der Flüchtigkeit der mündlichen Rede ebenso abheben wie von der Turbo-Kommunikation des allgegenwärtigen Postens, Bloggens, Twitterns und Chattens im Netz. Botschaften, die hauptsächlich aus Emojis bestehen, Akü-Trends, Fake-News, Sprachhülsen, Phrasen und pausenloses Netzgeschnatter unter Vernachlässigung von Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik erzeugen eine Flut von Sprachmüll. Uniquak. Kraftlos, bedeutungslos.

Angesichts dieser weltweiten Sprachvermüllung kann man sich schon die Frage stellen, ob überhaupt immer noch mehr geschrieben werden muss. Hat sich die Schriftstellerei durch die Explosion der digitalen Schriftlichkeit nicht längst überholt?

Meine Antwort lautet Ja, wenn das Schreiben nur auf finanziellen Erfolg abzielt, auf massengängige Literatur, die der größtmöglichen Zahl an Käufern und Konsumenten gefallen soll. Davon haben wir mehr als genug, und der Tag ist nicht fern, an dem auch intelligente Schreibprogramme solche Massenware produzieren können. Nein hingegen lautet meine Antwort, wenn das Schreiben beseelt ist von besagter Leidenschaft, die Welt in Worte zu fassen, echte, eigene Worte, die auch morgen noch etwas zu sagen haben.

Wie die von Erich Kästner, einem meiner Lieblingsautoren. Ich versuche gerade, seine Monatsgedichte auswendig zu lernen, einfach weil sie Wort für Wort so wunderbare Energiequellen sind:

Das Jahr ward alt. Hat dünne Haar.

Ist gar nicht sehr gesund.

Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.

Kennt gar die letzte Stund‘ …

Schriftsteller dieser Art kann es gar nicht genug geben. Sie behandeln die Sprache nicht als einen Gebrauchsgegenstand, nach Gebrauch wegzuwerfen, sondern wie ein kostbares Instrument, das es immer neu von Alltagsstaub und Abnutzung zu befreien und liebevoll aufzubereiten gilt, damit es klingen und schwingen und die Welt in Resonanz versetzen kann.

Bedauerlicherweise steht uns beim Schreiben dafür nur ein sehr begrenzter Vorrat an Zeichen zur Verfügung: die Buchstaben mit ihren Konsonanten und Vokalen, die sich zu Wörtern und Sätzen, zu Absätzen und Kapiteln fügen lassen, und am Ende steht ein Buch, das auf lautlose Weise über Raum und Zeit hinweg seinen Weg zu anderen Menschen finden, sie berühren und verwandeln kann.

Geschriebene Worte sind nicht Schall und Rauch.

Sie sind lautlose Zeichen,

die ein Mensch in einen leeren Raum setzt.

Die Schriftsprache hat ihren Ursprung in der Sphäre des Magischen, Numinosen, dem Profanen Enthobenen. Schon die Runenschrift der Germanen mit ihren geheimen Zauberzeichen, in Holz geritzt und mit roter Farbe oder Blut magisch belebt, gründete auf der Überzeugung, dass diese Zeichen Einfluss auf die Wirklichkeit nehmen, sie verzaubern und verwandeln konnten. Ganze Weltreligionen gründen auf Heiligen Schriften. Und in guten Texten ist sie bis heute spürbar, die Magie der geschriebenen Zeichen, die den Menschen über sich selbst hinausweist und mit dem Göttlichen verbindet, Vergangenheit lebendig hält und Zukunft lesbar macht und die Grenze zwischen Sagbarem und Unsagbarem immer neu auslotet.

Ü: Es gibt keine bessere Übung, um die Magie geschriebener Zeichen zu erfahren, als das Lesen, Hören und Verinnerlichen guter Gedichte. Was „gut“ für dich heißt, kannst du nur selbst herausfinden. Suche dir eine Anthologie mit möglichst unterschiedlichen Gedichten und lies jeden Tag ein, zwei davon, am besten laut. Du kannst auch auf die wunderbare Audio-Anthologie von Fritz Stavenhagen zurückgreifen: sie versammelt 1800 deutschsprachige Gedichte zum Anhören, fantastisch vorgetragen – und kostenlos! Wähle dein Lieblingsgedicht. Das verrät dir schon einiges über die Art, wie du selbst gerne mit Sprache umgehen würdest. Bleib dieser Art auf der Spur. Gewöhn dir an, nicht immer gleich das erstbeste Wort zu nehmen, sondern sammle Wörter, die Seelenresonanzen schaffen und

etwas tief in dir zum Schwingen bringen.

7 Anders lesen!

„Ein Mensch ohne Bücher ist blind.“

(Sprichwort aus Island)

Lesen und Schreiben gehören zusammen wie Ein- und Ausatmen. Wenn ich ein gutes Buch lese, bekomme ich Lust zu schreiben. Und wenn ich ein schlechtes Buch lese, erst recht! Wenn ich hingegen erfahre, dass jemand Bücher schreibt, aber selbst keine liest, dann weiß ich, dass ich mir die Lektüre seiner Werke getrost ersparen kann. Umgekehrt habe ich es noch nie bereut, das Buch eines Menschen zu lesen, der selbst zu den passionierten Lesern zählt.

Wer liest, schreibt anders. Und wer schreibt, liest anders. Anders lesen heißt, Bücher nicht nur zu konsumieren oder auf der Jagd nach einer spannenden Handlung zu verschlingen, sondern beim Lesen auch auf das Wie zu achten: Wie ist das Werk aufgebaut, wie ist die Sprache beschaffen, sind die Personen eindimensional gezeichnet oder wirklich lebendige Wesen? Wie schafft es der Autor, mich zu fesseln oder zu verdrießen? Die Fragen nach dem Wie verändern und intensivieren das Lese-Erlebnis. Kein Buch ist so schlecht, dass sich nicht irgendetwas für das eigene Schreiben daraus gewinnen ließe.

Alles, was meinen Lesenerv trifft, wirkt bewusst

oder unbewusst inspirierend auf das, was ich schreibe.

Wer schreibt und liest, begründet damit einen fortgesetzten stummen Dialog – der einen deutlich längeren Atem hat als das, was heute rund um die Uhr in Talkshows zu sehen und zu hören ist: wenn Gesprächspartner einander ständig ins Wort fallen oder gar nicht erst versuchen, eine andere als die eigene Position wahrzunehmen und sich damit auseinanderzusetzen. Ähnlich läuft jemand, der schreibt, ohne die Bücher anderer zu lesen, Gefahr, bei sich selbst stehen zu bleiben. So ein Schmoren im eigenen Saft führt nicht selten dazu, dass der Saft mit der Zeit vertrocknet. Die Inspiration lässt nach, die kritische Distanz zum eigenen Werk bleibt auf der Strecke. In demselben Maße wächst die Gefahr narzisstischen Größenwahns. Gerade Schreibanfängern steigt der kreative Rausch bisweilen so zu Kopfe, dass sie meinen, die ganze Welt müsse sich auf ihr neues Buch stürzen, und der Bücher anderer bedürfe es nicht mehr. Irrtum! Bei anderen funkt es auch, und viele Menschen haben und hatten Lesenswertes mitzuteilen.

Lesend habe ich teil an etwas, das größer ist als das eigene Ego. Man mag es den schöpferischen Geist nennen oder menschliche Kreativität, Magie oder göttlichen Funken, Bewusstseinsstrom oder Energiequelle, entscheidend ist die Verbundenheit, die das Lesen schafft und aufrechthält: Verbundenheit mit einzelnen Romanfiguren und ihrem Erleben, mit einem bestimmten Autor oder einer Autorin und nicht zuletzt mit anderen Lesern und Leserinnen, die vielleicht gerade dasselbe Buch lesen oder irgendwann mal gelesen haben oder noch lesen werden. Diese lesende Verbundenheit über Zeit und Raum hinweg bildet einen wunderbaren Ausgleich zur Einsamkeit des Schreibens!

Natürlich liegt im Lesen immer auch die Gefahr der Verunsicherung für den, der schreibt. Andere machen es anders. Vielleicht besser? Erfolgreicher? Das kann als narzisstische Kränkung empfunden werden. Und ist gerade deshalb ein so heilsames Gegengewicht zur Gefahr der Selbstüberschätzung oder Sackgasse in den modernen Echokammern, in denen nur noch das gelten gelassen wird, was die eigene Position bestätigt und verstärkt.

Lesen heißt zulassen, dass eigene Denkgewohnheiten und Überzeugungen erschüttert, Dogmen gestürzt, blinde Flecken entlarvt und Dämonen aus der Dunkelkammer freigesetzt werden. So gesehen ist das Lesen ein permanenter Unruhestifter. Und nicht behagliche Zufriedenheit, sondern genau diese Unruhe ist der Boden, auf dem die schriftstellerische Kreativität gedeiht.

Ü: Welches ist dein Lieblingsbuch?

Mach gerne den Inseltest als Entscheidungshilfe:

Wenn du für ein Jahr auf eine einsame Insel versetzt würdest und dürftest nur ein Buch mitnehmen, welches würdest du wählen? Deine Wahl sagt schon einiges über die Richtung aus,

in die deine eigene schriftstellerische Entwicklung gehen könnte. Aber du sollst natürlich nicht einfach ein literarisches Vorbild kopieren. Lies dein Lieblingsbuch noch einmal und versuche, auf folgende Fragen zu antworten:

Warum gefällt mir dieses Buch so gut? Wie gelingt es dem Autor oder der Autorin, meine Aufmerksamkeit über so viele Seiten hinweg zu fesseln? Gibt es auch etwas in dem Buch, das mir nicht so gefällt? Was würde ich anders machen?

8 Wirklichkeit

„… wirklichkeitswund und Wirklichkeit suchend“

(Paul Celan)

Viele Menschen meinen, die Wirklichkeit sei jene materielle Welt „da draußen“, außerhalb ihrer selbst, der sie sich anpassen müssen. Wer schreibt, erlebt die Wirklichkeit hingegen fortwährend als Produkt der eigenen Wahrnehmung. Schreibende sind Schöpfer der Wirklichkeit, so wie alle anderen Menschen auch, nur dass vielen die eigenen schöpferischen Kräfte eben nicht bewusst sind. Sie halten beispielsweise die kapitalistische Wirtschaftswelt, die auf der kollektiven Fiktion des Geldes beruht und aus Menschen Kunden, Konkurrenten und Konsumenten macht, für wirklicher als jene geheimnisvollen Welten, von denen die Dichter und Schriftstellerinnen erzählen.

Schreiben ist ein Akt des Widerstands gegen die weit verbreitete Meinung, die Wirklichkeit sei festgeschrieben ein für alle Mal.

Es gibt nicht DIE Wirklichkeit, die wir nur „richtig“ zu erfassen und an die wir uns anzupassen hätten, sondern es gibt Vorstellungen in unseren Köpfen von dem, was da ist, was wahr und was falsch, was wirklich und was unwirklich ist. Es gibt kollektive Vorstellungen, die man mit vielen anderen teilt, und es gibt individuelle Vorstellungen, mit denen man – vorläufig noch – allein dasteht. Schreiben braucht Mut. Mut, den eigenen Vorstellungen und Bildern zu folgen und so vom Follower zum Schöpfer der Wirklichkeit zu werden.

Meine Arbeit an den Verwandlungskrimis hat auch meine Vorstellung von Wirklichkeit verwandelt. Anfangs erschien mir die Idee, dass ein Mensch sich in eine Ratte verwandelt, einfach nur absurd und verstörend. Mittlerweile finde ich vieles von dem, was landläufig Wirklichkeit genannt wird, viel absurder. Und die Vorstellung, dass wir eines Tages tatsächlich in der Lage sein werden, unsere Gestalt zu verwandeln, erscheint mir gar nicht mehr befremdlich, sondern sogar sehr wahrscheinlich. Ehrlich gesagt wundert es mich, dass wir noch längst nicht so weit sind wie in meinen Verwandlungskrimis, besonders dem fünften Band, beschrieben!

Schreiben erschafft keine Welt jenseits der Wirklichkeit, sondern es erweitert, wenn es gut ist, die Wirklichkeit um bislang noch unbekannte Dimensionen.