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Ein Leben ohne Auto - im Autoland Deutschland?! Statt Tempo 120 plötzlich runter auf 4 bis 5 Sachen, statt 140 Pferdestärken nur noch die eigene Muskelkraft ... Kann das gutgehen? Ein Rentnerpaar hat es ausprobiert. Hier ist das Protokoll des ersten Jahres ohne Auto, authentisch, politisch und privat. Mit Höhen und Tiefen und am Ende einer Wendung, mit der die beiden selbst am wenigsten gerechnet hätten.
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Seitenzahl: 422
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Morgens um sieben gerät unsere Welt in Unordnung. Beim Ausfahren aus dem wieder mal komplett zugeparkten Garagenhof übersieht der versierte Fahrer ein von links kommendes Fahrzeug. Ich sitze daneben und sehe es auch nicht, zum einen, weil wir zu niedrig sitzen, um über die vielen parkenden Fahrzeuge blicken zu können, zum anderen, weil man auch nach rechts schauen muss, wo gerade ein Kind mit Schulranzen läuft und die Lage insgesamt nicht übersichtlicher aussieht. Der andere Wagen ist weiß und hebt sich nicht vom hellen Regen ab. Ich hätte aussteigen und den Fahrer herauswinken können beziehungsweise müssen, aber bis dahin fuhren wir immer ganz gut nach der Devise: langsam vorrollen, immer wieder nach rechts und links schauen und hoffen, dass keiner kommt. Heute kam einer, und unser rotes Blech vereint sich unter leisem Knirschen mit dem weißen einer jungen Frau, die auf dem Weg zur Arbeit ist.
Die herbeigerufenen Polizeikräfte zeigen sich genervt, wegen so einer Bagatelle belästigt zu werden, aber die Unfallteilnehmerin will klare Verhältnisse, was bedeutet, dass wir als die Schuldigen festgestellt und mit einem Bußgeld belegt werden. Bereits vor Jahren sind wir diesbezüglich beim Ortsvorsteher und sogar beim Bürgermeister vorstellig geworden, belegten mit Fotos die Unübersichtlichkeit und Gefährlichkeit der Verkehrssituation und wurden mit dem vagen Versprechen abgespeist, dass Halteverbotsschilder aufgestellt werden könnten. Vielleicht. Irgendwann. Obwohl sich die Situation durch eine Langzeitbaustelle und die stetige Zunahme an parkenden Autos weiter verschlechterte, ist nichts geschehen.
Doch wen interessiert das jetzt? Die Polizistin blafft uns an, wenn wir das Ordnungsgeld nicht gleich an Ort und Stelle bezahlen wollten, könnten wir auch eine Zahlungsaufforderung per Post bekommen, dann koste es das Dreifache. Merke, mündiger Bürger: Der Staat hat die Macht und du hältst die Schnauze!
Und was macht der mündige Bürger? Er zahlt. Und hält die Schnauze. Frisst den Groll in sich rein. Lernt: Demokratie heißt, dass es immer erst knallen muss, bevor Missständen nachgegangen wird. Und wenn es dann knallt, wer wird zur Kasse gebeten? Der mündige Bürger. Und die Bürgerin, so viel Gender-Correctness muss sein.
Die eigentliche Schuld tragen die vielen Autos. Es sind einfach zu viele, und es werden immer mehr. 70 Millionen Fahrzeuge auf 83 Millionen Einwohner! Als wir vor über dreißig Jahren hier einzogen, standen noch kaum Autos auf der Straße. Fast jeder Haushalt hatte nur ein Auto, das in der Garage parkte, für Besucherautos und Lieferanten gab es die zusätzlichen Parkbuchten. Mittlerweile hat jeder Haushalt mindestens zwei Autos, viele schaffen sich dazu noch ein E-Auto „für die Umwelt“ an. Nicht wenige Garagen sind vollgestellt mit Möbeln und anderem Kram, da bleibt fürs Auto nur der kostenlose Dauerparkplatz auf der Straße. Das ist das eigentliche Problem, und dagegen ist auch die Polizei machtlos: Es sind einfach zu viele Autos.
Mein Liebster und ich teilen uns, seit wir denken können, ein gemeinsames Auto, aber auch das ist noch eines zu viel. Schon lange fühlen wir uns unwohl im Straßenverkehr, was sicher auch am zunehmenden Alter liegt. Aber nicht nur. Drängler, Raser, viel zu viele LKW, Baustellen ohne Ende, schlecht ausgeschilderte Umleitungen und Staus, dazu die Ökobilanz: Abgase, Landschaftszerstörung durch Straßenbau … nein, das Autofahren macht uns schon lange keinen rechten Spaß mehr. Früher pflegte ich es zu genießen, mein Schatz war ein ruhiger, sicherer, souveräner Fahrer, ich sagte manchmal, ich würde mit ihm fahren bis ans Ende der Welt. Heute denke ich, wir beschleunigen das Ende der Welt mit unserem kollektiven Autowahn.
Es muss doch auch anders gehen. Ohne Auto. Der Unfall hätte geradezu sein Gutes, wenn wir ihn als jenen Schubs betrachten könnten, dessen es noch bedurfte, um zu sagen: JETZT!
Unruhige Nacht. Er geht tief, der Abschied vom Auto. Wie ein kleiner Tod. Tausend Ängste, Sorgen, verpasste Möglichkeiten: Wie kommen wir künftig zu unserer geliebten Ahr? Per Nahverkehr ist das doch bestimmt eine Weltreise! Stirbt jetzt für uns unser liebstes Wandergebiet? –
Anderthalb Stunden braucht man mit Bus und Bahn von Haus zu Haus, ich habe nachgeschaut. Das ginge ja noch. Mit Deutschlandticket. Warum nicht mit einer Übernachtung in einem der schönen Hotels in Altenahr, Wandern und Wellness kombinieren? Das könnte erholsamer und genussvoller sein als das flotte Hin und Her per Auto. Irgendwie auch spannend, die neuen Möglichkeiten, die sich da auftun. Wie schön waren unsere Urlaube in autofreien Gegenden: ostfriesische Inseln, Kleinwalsertal … Da haben wir nichts vermisst. Aber die Politik vor Ort war auch auf Zack und hat für optimale Mobilität ohne Auto gesorgt. Ob das für die Region hier auch gilt? Man könnte mal an die hiesige Mobilitätsmanagerin schreiben, noch mal auf die Gefahrensituation hinweisen, die jetzt tatsächlich zu dem Unfall führte. Wenn die Stadt bei all ihrer Geldnot schon so eine schicke Stelle einrichtet, sollte man dort doch ein offenes Ohr finden?
Hätten wir die Unfallgeschädigte um Entschuldigung bitten müssen? Vielleicht hat sie das erwartet? Der Gedanke kommt mir erst jetzt. In der Situation selbst habe ich uns als die Geschädigten empfunden, Opfer einer kommunalen Verkehrspolitik, die immer erst aktiv wird, wenn’s knallt. Die Unfallbeteiligte habe ich als zumindest mitschuldig empfunden, denn sie hatte die bessere Sicht, hätte uns sehen und defensiv fahren können. Außerdem finde ich es bescheuert, dass kaum hundert Meter weiter, wo unsere Straße in die Godesberger einbiegt und ohnehin keine Autos parken dürfen, rechts vor links gilt, während man bei der Zufahrt zu unseren Garagenhöfen, wo die Sicht durch parkende Autos verstellt wird, an der Vorfahrtsregelung für die Straße festhält. Das macht keinen Sinn und ist nicht fair. Aber das ist der Polizei egal und der anderen Unfallteilnehmerin sowieso, der ging es nur darum, dass sie keine Schuld hat, mithin unsere Versicherung ihren Schaden mit übernimmt. Sie selbst ist nämlich nur teilkaskoversichert, das würde teuer, und da sie und ihr Mann gerade hier in der Nähe ein Haus gekauft haben, wäre das vermutlich eine ziemliche Tragödie für sie beide. Wir hingegen haben Vollkasko mit Rabattschutz, somit übernimmt unsere Versicherung beide Schäden, und allen ist gedient.
Aber eine Entschuldigung? Nun gut, nach jetziger Rechtslage würde ich mich vermutlich tatsächlich entschuldigen – obwohl ich die eigentliche Schuld nach wie vor woanders sehe. Aber immerhin haben wir der anderen Frau ziemlich viel Ungemach bereitet, sie kam zu spät zur Arbeit, muss jetzt ebenso wie wir eine Werkstatt aufsuchen, vermutlich einen Leihwagen nehmen … das ist alles unbequem und auch ärgerlich. Sie hat mit geradezu routinierter Souveränität und Freundlichkeit einen Schritt nach dem anderen erledigt, besser kann man sich nicht verhalten. Vielleicht war es im Gegensatz zu uns nicht ihr erster Unfall. Hätte sie Gefühle gezeigt, vielleicht sogar geweint, dann hätte ich mich ihr verbunden fühlen können. So blieb das Gefühl einer automatisierten Handlungsweise, die auch ein entsprechend programmierter Roboter hätte ausführen können. Der programmierte Mensch funktioniert in jeder Situation reibungs- und emotionslos.
Natürlich kann ich mich darüber nicht beklagen, nur kam da auch kein Bedürfnis auf, mich beziehungsweise uns zu entschuldigen und ihr näher zu treten als unbedingt nötig. Sie war im Recht, das hat sie ruhig und klar vertreten und von der Polizei auf unsere Kosten bestätigen lassen, wir mussten das akzeptieren, auch wenn sich die Lage für uns anders darstellt, und nun muss ich auch hinnehmen, dass das keinen interessiert. Was bleibt, ist ein Gefühl von Fremdheit, Trauer, sich nicht verstanden und wahrgenommen fühlen, Opfer einer in diesem Falle unsinnigen Verkehrsregelung zu sein und, Demokratie hin oder her, nichts dagegen machen zu können.
Da schickte mir kürzlich ein ehemaliger Schreibwerkstattteilnehmer sein neues Buch zum Thema Trauern. Er hat es geschrieben, um mit dem Tod seiner Frau klarzukommen und ihn fruchtbar zu machen für die Arbeit mit anderen Trauernden. Ja, wenn jemand stirbt, gibt es Trauerrituale, und das Mitgefühl der anderen kann einem sicher sein. Was mich aber oft noch viel trauriger macht, sind nicht die Toten, sondern die Lebenden oder vielmehr die vielen Menschen, die lebendig sein könnten, sich aber fürs gefühllose Funktionieren entscheiden, weil es so einfacher ist, in unserer überregulierten Welt zurechtzukommen. Für diesen systembedingten Verlust an Lebendigkeit sieht unsere Gesellschaft kein Trauerritual vor. Traurig!
Wieder einen Schritt weiter. Heute haben wir uns unser zukünftiges Fitness-Studio am Neuen Markt angesehen. Anderthalb Kilometer hin, anderthalb Kilometer zurück, zu Fuß über durchgängig autofreie Wege. In dieser Hinsicht ist die Stadt Meckenheim wirklich bereit für die Mobilitätswende. Wir können von Merl bis hinunter zur Altstadt unter Bäumen auf eigens eingerichteten Fuß- und Radwegen gehen, dabei müssen wir kaum einmal eine Straße überqueren, dafür sorgen die zahlreichen Brücken und Unterführungen. Meckenheim ist eine echte Brückenstadt.
Das Fitness-Studio kann, so unser erster Eindruck, durchaus mit unserem bisherigen mithalten. Die gewohnten Geräte sind großteils vorhanden, eine kostenlose Einweisung gibt es auch, einen Trakt mit Duschen und Sauna, eine großzügig dimensionierte Penthouse-Terrasse, ein vielfältiges Kursprogramm im ansprechenden Spiegelsaal, das Ganze im obersten Stock des Marktcenters mit herrlichem Blick über die Dächer ins Grüne. Kein muffiger Schweißgeruch beim Eintritt, alles macht einen sauberen, gepflegten Eindruck, wir wurden freundlich empfangen und rumgeführt. Alle duzen sich, damit sind von Anfang an klare Verhältnisse hergestellt. Viele kennt man ja vom Sehen, ohne die Namen zu wissen. Das könnte sich jetzt ändern.
Finanziell verbessern wir uns sogar, sparen pro Person vierzehn Euro im Monat, das sind 275 Euro im Jahr, wenn ich mich nicht verrechnet habe. Im ersten Jahr abzüglich Aufnahmegebühr von 15 Euro pro Person, bleiben immer noch 245 Euro. Davon gehen 100 Euro ab, weil die Kündigung erst für Ende August angenommen wird; bleiben unterm Strich immer noch 145 Euro im ersten Jahr. Dafür können wir mal hübsch essen gehen, Möglichkeiten bietet der Neue Markt ja reichlich, vom Bistro bis zum gepflegten Restaurant. Und wir können bei jedem Trainingsbesuch was einkaufen und erledigen, ähnlich wie auf dem Wachtberg.
In Sachen Fitness müssen wir uns also schon mal keine Sorgen über die autofreie Zukunft machen, das ist wichtig. Das Auto können wir im Alter leichter entbehren als das Fitnessstudio!
Was andere sagen: Keinen Schnellschuss machen, das Ganze erst mal sacken lassen und später entscheiden. „Überlegt euch das gut. Ein Auto bedeutet Freiheit!“
Wann habe ich im Auto und rund ums Auto je Freiheit gefühlt? Vielleicht ganz am Anfang meiner Fahrpraxis, im ersten eigenen Auto, einem 2 CV, wenn ich über die noch vergleichsweise leeren saarländischen Straßen fuhr. Obwohl – eigentlich ging es weniger um Freiheit als Selbstständigkeit, „Ich kann’s auch!“, endlich erwachsen sein, dazugehören … Volljährig war man mit 18, aber vollwertig erst, wenn man Auto fahren und am besten eines sein Eigen nennen konnte.
Bedeutet ein Auto Freiheit? Vielleicht in dem Sinne, dass ich mich nicht nach einem Fahrplan oder überhaupt dem Zeitplan eines anderen richten muss, sondern jederzeit, wenn mir der Sinn danach steht, ins Auto steigen und in die entlegensten Winkel fahren kann, wo keine Bahn und kein Bus hinkommen. Während der Ausbildung auf dem Winterberg war das schon sehr angenehm, aber auch gefährlich, beispielsweise wenn ich mich nach einem anstrengenden Nachtdienst auf der Intensivstation noch ins Auto setzte und die 30 Kilometer ins Elternhaus fuhr, die EKG-Zacken auf dem Monitor noch vor den übermüdeten Augen … Und wenn ich dann morgens um fünf meine Ente über die Straße schieben musste, weil sie mal wieder nicht anspringen wollte, und am Berg genau im richtigen Moment schnell reinspringen und hoffen, dass es diesmal klappt … dann hatte das nicht viel mit Freiheit zu tun. Hätte ich damals kein Auto gehabt, wäre ich bequem in meinem Zimmer im Schwesternheim geblieben und ungefährdet die wenigen Meter zum Einsatzort hinübergegangen, hätte die freie Zeit für was Schönes nützen können … Und damals waren eben noch deutlich weniger PKW unterwegs – um die 17 Millionen gegenüber fast 50 Millionen heute. Tendenz weiter steigend! Das Land wächst bedauerlicherweise nicht mit. Es wird nur immer weiter zerschnitten und zerstört, und die Freiheit reicht von Baustelle zu Baustelle, von Stau zu Stau. Wo sie dann rollen und rasen können, ist es kaum mehr möglich, spontan anzuhalten, und sei es nur, um seine Notdurft zu entrichten. Da muss man schon warten bis zum nächsten Parkplatz, der sich in Deutschland leider vordringlich durch Müll und Gestank auszeichnet. Wer noch keinen Leberschaden hat, kann ihn sich dort abholen.
Freie Fahrt für freie Bürger! Wenn die PS-Protzer mal wieder illegale Wettrennen auf der Autobahn veranstalten, dass man um sein Leben bangt, wenn man eingeklemmt zwischen LKW auf verengter Baustellenfahrbahn unterwegs ist, von hinten noch ein Drängler am Kofferraum hängt – freier Unfall für freie Unvernunft! Acht Menschen sterben jeden Tag im deutschen Straßenverkehr. Im ganzen Jahr waren es letztens 2839. Wenn man deren Leichen alle vor sich aufgereiht sähe … und das ist die Bilanz nur eines einzigen Jahres! Wie war das noch mal mit dem Prinzip, dass die individuelle Freiheit dort endet, wo die Freiheit eines anderen bedroht ist?
Und wer redet eigentlich mal von der Freiheit der Rehe und Wildschweine, Hasen und Igel, Frösche und Maulwürfe, denen ein immer weiter verzweigtes Straßennetz nichts anderes als den sicheren Tod in Aussicht stellt? Freiheit für Bäume und Blumen, Freiheit für Artenvielfalt? Was wir Freiheit nennen, gilt immer nur für uns selber, die „Krone der Schöpfung“, die mit ihrer Freiheit das eigene Fundament zerstört. Viele sind bereit, diesen hohen Preis zu bezahlen. Die Zeit, die sie gewinnen, weil sie nicht an der Bushaltestelle warten oder eine verpasste Bahn überbrücken müssen, geben sie wieder aus für Pflege und Wartung des heiligen Blechle: TÜV und AU, Inspektion, Tanken, Waschen, Reifendruck prüfen, Reifen wechseln, auch mal neue anschaffen …
Ja, man kann so viel Gepäck mitnehmen, wie man will. Aber ist es nicht auch mal eine Herausforderung, mit möglichst wenig Gepäck unterwegs zu sein? Minimalismus statt Konsum ohne Grenzen. Beim Zufußgehen merkt man bei jedem Schritt, dass weniger mehr ist. Reisen als Übung im Ballastabwerfen. Ein bis oben vollgepacktes Auto muss auch erst mal ein- und am Ziel wieder ausgeladen werden, und dann hat man doch den Basketball vergessen.
Ich fühle Freiheit, wenn ich den Wind rauschen höre, dem Gesang der Vögel lausche, in aller Ruhe Häuser und Menschen betrachten, auch mal stehen bleiben kann, um ein Schwätzchen mit der älteren Dame zu halten, die so liebevoll ihre Blumen im Vorgarten pflegt. Frische Luft spüren, atmen, die Arme ausstrecken, wenn mir danach ist, die Augen im Buchengrün baden statt den aggressiven Scheinwerfern entgegenkommender Fahrzeuge auszuweichen und eingeklemmt zwischen Sitz und Steuerrad bei vorgeschriebenem Tempo den Anweisungen des Navi zu folgen … der dringend ein Update braucht! Am Ende kann man zweifellos mehr zurückgelegte Kilometer vorweisen, aber Freiheit?
Mit Statistik lässt sich bekanntlich jede Meinung untermauern. Viel überzeugender finde ich das persönliche Erleben. Vor vier Jahren am Heiligen Abend, als wir mit lieben Verwandten in der Eifel wandern waren, da hätte auch schon unterwegs im Auto passieren können, was sich dann am Abend zu Hause ereignete: dass mein Liebster einen kurzen Herzstillstand erlitt und in dessen Folge die Treppe hinunterstürzte. Ich weiß nicht, wie lange er bewusstlos war, vielleicht nur eine halbe Minute, aber schon wenige Sekunden auf der Autobahn können über Leben und Tod entscheiden.
Ein entfernter Verwandter muss es wohl so erlebt haben. Er saß allein im Auto, als er merkte, dass ihm schlecht wurde, besaß noch die Geistesgegenwart, nach rechts auf den Standstreifen zu fahren, und starb bei laufendem Motor. Es hätte noch schlimmer kommen können, wenn er andere mit reingezogen hätte. Diese Gefahr besteht ständig. Es kann einem, gerade in fortgeschrittenem Alter, leicht mal übel werden, Herz und Kreislauf sind keine Maschinen, und selbst die wären nicht über Ausfälle erhaben. Mein Schatz kam damals per Rettungswagen ins Krankenhaus, wo sie ihn jedoch leider vergaßen. Als ich ihn dann mitten in der Nacht auf seinen Wunsch abholte, würgte ich vor lauter Aufregung mitten auf der Kreuzung den Wagen ab. Wie viel entspannter wäre es gewesen, ihn mit dem Taxi abzuholen!
Damals mussten wir drei Monate lang auf das Auto verzichten, das war schon eine gute Einübung in die Auto-Abstinenz. Danach habe ich mich nie wieder so richtig sicher gefühlt als Beifahrerin. Als Fahrerin schon gar nicht, das reicht noch länger zurück. Im Grunde so lange, wie wir uns kennen, also sechsundvierzig Jahre. Er hat sich nie wohlgefühlt auf dem Beifahrersitz, eigentlich egal wer am Steuer saß, hielt am liebsten selbst das Steuer in der Hand. Und diese Unsicherheit färbte auf mich ab. Ich habe mich mit der Zeit immer weniger wohlgefühlt beim Autofahren, auch wenn ich allein unterwegs war. Nach kurzer Zeit tat mir der Rücken weh, egal in welchem Fahrzeug, es muss an der Anspannung gelegen haben. Einen Unfall habe ich verursacht in meiner ganzen Fahrpraxis, das war, als ich vom Frauenarzt kam und gerade erfahren hatte, dass ich mit unserem Sohn schwanger bin. Da habe ich beim Einscheren in die enge Einfahrt zu unserer damaligen Mietwohnung zu weit nach links ausgeholt, angeblich laut Aussage des Unfallbeteiligten auch nach links geblinkt (was ich bis heute nicht glaube, da ich ja wusste, dass links eine nicht befahrbare Einbahnstraße war), und das von unten kommende Fahrzeug fuhr mir voll in die Beifahrerseite. Auch nur Blechschaden, aber auch einiger Ärger, vor allem, weil der andere so versiert darin war, alle Schuld von sich auf mich zu lenken.
Vorbei, zum Glück! Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass man auch bei bester Absicht und Achtsamkeit ganz schnell schuldig werden kann im Straßenverkehr. Was für ein Glück, dass keine andere Person zu Schaden kam. Einmal in Mainz ist mir auch mal jemand von hinten aufgefahren, da war der andere schuld. An die genaueren Umstände kann ich mich nicht mehr erinnern, nur dass es auch hier einiges zu telefonieren und organisieren gab. Viel Lärm um nichts.
Aber wie ich damals ohne Auto das Studium mit kleinem Kind hätte schaffen sollen, weiß ich nicht. Dann hätte ich es eben lassen müssen. Wäre wohl sowieso besser gewesen. Was hat es mir schon gebracht? Einen Doktortitel und das Prädikat „überqualifiziert“ für die Berufswelt. Kenntnisse und Fähigkeiten, die außer fürs Lektorat und Schreiben zu nichts nütze sind. Aber das ist eine andere Sache. Im Hinblick auf das Thema Auto lässt sich festhalten, dass viele Dinge, für die man das Auto angeblich unbedingt braucht, im Grunde entbehrlich sind. Oder anders sogar besser zu machen wären.
Bei Tag findet der Verstand gute Argumente für ein autofreies Leben, untermauert durch Zahlen, Statistiken. Aber bei Nacht kommen die Ängste. Es ist schon ein tiefer Einschnitt! Ein Verwandter soll schon damit gedroht haben, sich umzubringen, wenn er nicht mehr Auto fahren darf. Ein eigenes Auto bedeutet Verbindung, Verbundenheit. Mal schnell die 220 Kilometer zur betagten Mutter fahren und am selben Tag wieder zurück. Mit der Bahn bin ich den halben Tag unterwegs, muss schon ein paar Tage dort bleiben, damit es sich lohnt. Warum auch nicht? Wie schön hatten wir es, als ich letztes Jahr im Sommer eine ganze Woche bei ihr war. Allein. Wir haben zusammen in Haus und Garten gearbeitet, ich konnte jeden Tag ins Schwimmbad gehen, sie hat gut gekocht für uns beide, Besuch kam, wir haben geredet, alles war entspannt. Das bleibt tiefer in Erinnerung als die Blitzbesuche mal schnell auf dem Weg.
Die größere Verbundenheit durch das Auto ist wohl genauso eine Illusion wie die Sache mit der Freiheit. In fast jedem Auto sitzt heutzutage nur eine Person, abgekapselt vom Rest der Welt, wie im rollenden Käfig. Ein Neffe von uns hat seine spätere Frau im Zug kennengelernt. Wären beide an dem Tag in ihren Autos unterwegs gewesen, so wäre die Verbindung vermutlich nie zustande gekommen. Ich hatte auf einer Bahnfahrt mal ein tiefes Gespräch mit einer Nonne, deren Satz „Die Ehe ist der Königsweg“ mir bis heute in Erinnerung blieb.
Was natürlich ohne Auto wegfällt, sind die kleinen Fluchten zu entlegenen Wanderzielen: Langscheid, Volkesfeld, Arft … Dorthin kommen wir nicht so einfach mit Bus und Bahn. Und ich habe noch nie gesehen, dass sich jemand ein Taxi dahin genommen hätte – das ihn ein paar Stunden später wieder abholen müsste. Diese Touren entfallen also künftig. Oder wir mieten uns in der Nähe für ein paar Tage ein, dann kann man an einem Tag anreisen, den nächsten Tag wandern und am dritten Tag zurückreisen. Warum nicht? Die Gegend erleben wir auf diese Weise mit Sicherheit intensiver, und oft sind es ja strukturschwache Regionen, die ein wenig touristischen Aufschwung gut gebrauchen können.
Verbundenheit spüre ich weit mehr beim Gehen: Verbundenheit mit der Natur, miteinander (wenn zwei „miteinander gehen“ heißt das, sie sind ein Paar!), mit anderen Menschen (die mehr sind als nur Verkehrsteilnehmer beziehungsweise im Falle eines Unfalls Gegner im erbitterten Feilschen um Schuld und Mitschuld), mit dem eigenen Körper, den man ganz anders spürt, wenn er aus eigener Muskelkraft bewegt wird statt aus der Kraft von Motoren, aber auch mit dem Geist: Die besten Ideen kommen beim Gehen.
Und wenn nun ein Krieg käme? Und wir könnten nicht fliehen? Alle würden sich in ihre Autos flüchten, ich sehe endlose Blechkarawanen vor mir, die nicht von der Stelle kommen. Weil es einfach zu viele sind. Da könnte es hilfreicher sein, sich erst mal im Wald zu verstecken, wie mein Onkel gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in Ostpreußen, als die Russen kamen. Sie haben ihn nicht gefunden. Er hat überlebt und sich in den Westen durchgeschlagen. Ohne Auto. Heute ist er über neunzig Jahre alt.
Ängste sind normal, gerade in der Nacht und wenn einschneidende Änderungen bevorstehen. Aber noch nie war die Angst ein guter Ratgeber. Let it be!
Mit dem heutigen Ebay-Verkauf kam ein neues Problem auf: Wie bringen wir künftig sperrige Pakete weg? Zu Fuß die anderthalb Kilometer zur nächsten Post gehen … momentan würde ich das noch gut schaffen, aber mit zunehmendem Alter könnte es mühsam werden. Aufs Fahrrad passen die Pakete auch nicht, zumal wenn es mehrere sind. Und mit voller Sackkarre anderthalb Kilometer durch die Stadt laufen, anschließend mit leerer zurück, das ist auch irgendwie doof.
Da haben wir’s! Es geht einfach nicht, nicht ohne empfindliche Einbußen!
Aber dann fiel mir ein, dass unser Enkel seine Riesenpakete mit Hangdrums einfach dem Zusteller mitgibt. Versuchen könnte man es ja mal … Also Paket fertig gepackt, online frankiert und an den Briefkasten einen Zettel gehängt: „Postbote bitte klingeln!“ (ja, ich weiß, Postbote sagt man heute nicht mehr, nächstes Mal also „DHL-Zusteller“). Um 11.15 Uhr klingelte unser netter Zusteller; er war nicht nur sofort bereit, das Paket mitzunehmen, sondern macht das sogar gern, weil jedes eingesammelte Paket extra für ihn honoriert wird!
Wieder ein Problem gelöst, auf das wir ohne die Entscheidung zum autofreien Leben gar nicht gekommen wären … Irgendwie hat man das Gefühl, die Dinge fügen sich wunderbar eins zum anderen.
Unser lokalpolitisch engagierter Nachbar hat in unserem Namen einen Antrag an die Stadt aufgesetzt zwecks Einrichtung einer Sperrfläche für parkende Autos unmittelbar am Garagenhof. Eben genau dort, wo der Unfall wegen mangelnder Übersicht passiert ist. Kurz, knackig und klar mit beigefügtem Straßenplan, auf dem in Rot die beiden Zonen markiert sind, die gesperrt werden sollten, in Grün die Fahrfläche auf dem Garagenhof selbst und in Gelb dazu noch die Zonen, auf denen Fußgänger, Rad- und Rollerfahrer zu beachten sind. Schön bunt und ansprechend!
Wir hatten noch ein paar kleine Ergänzungen anzubringen, damit will er nun rumgehen und Unterschriften in der Nachbarschaft sammeln. Weil ja auch andere betroffen sind. Und – das haben wir jetzt erst erfahren – unser Unfall war nicht der erste und einzige. Bei einer anderen Nachbarin hat es auch gescheppert, auch ein hoher Versicherungsschaden. Würde mich echt freuen, hier eine Veränderung und Verbesserung angestoßen zu haben, das gäbe dem Unfall nachträglich wenigstens einen gewissen Sinn. Zusätzlich zu dem Sinn, den wir ihm schon gegeben haben: dass er für uns der Anstoß zum autofreien Leben war.
„Das Zufußgehen ist emissionsfrei, gesund und kostengünstig“, so stand es gestern im General Anzeiger. Im Zusammenhang mit einer „nationalen Fußverkehrsstrategie“, an der die Bundesregierung arbeitet, soll das Potenzial „für diese in hohem Maß flexible, kostengünstige und gesundheitsfördernde Form der Fortbewegung“ besser ausgeschöpft werden. Denn „kein Verkehrsmittel benötigt so wenig Platz und Energie wie der Fußverkehr und ist zudem praktisch emissionsfrei“, somit schützt das Zufußgehen auch Umwelt und Klima.
Und dann ist doch wieder nur von Gefahren und Negativerfahrungen die Rede: zu schmale Gehwege, zugeparkt, mit Müll und E-Scootern zugestellt und von Radfahrern ordnungswidrig befahren, einem „starken Anstieg bei den ums Leben gekommenen Fußgängern“ (437) und notwendigen Investitionen in breitere und freie Gehwege sowie regelmäßige Kontrollen zur Vermeidung derartiger Risiken. Denn das Ganze macht sich schließlich auch bezahlt, sei es, weil körperlich aktive Beschäftigte „belastbarer“ sind und „im Schnitt weniger Krankheitstage“ haben, sei es im Hinblick auf die jetzt schon signifikante Umsatzsteigerung durch den Wandertourismus.
So weit, so richtig und sicherlich auch wichtig. Nur das Entscheidende fehlt: Gehen macht glücklich! Wir haben es gerade heute wieder erfahren, als wir unsere Einkäufe in der Stadt ohne Auto erledigten. Vier Kilometer zu Fuß hin, vier Kilometer zurück. Da hält man mal hier an, um sich einen lauschigen Platz näher anzusehen – in unserem Falle den Alten Friedhof von Meckenheim mit seinen beeindruckenden Baumriesen, die man nicht bloß im Vorübergehen anschauen, sondern vor denen man stehen und staunen muss –, mal dort, um sich außerplanmäßig auf ein Eis niederzulassen oder einem alten Mann Auskunft zu geben, der nach dem Weg zur Kirche fragt. Daraus entspann sich ein angeregtes Gespräch über Für und Wider eines eventuellen Kirchenaustritts. Hätte es alles nicht gegeben, wären wir mit dem Auto in die Stadt gefahren.
Und was die 437 zu Tode gekommenen Fußgänger betrifft: ja, das ist viel. Mehr als im Vorjahr. Und was lernen wir daraus? Besser zu Hause auf dem Sofa bleiben? Da kann einen der Schlag treffen oder ein Herzinfarkt. Oder ein Unfall. Das eigene Zuhause ist der gefährlichste Ort der Welt! Hier passieren die meisten Unfälle – mehr als fünfzehntausend in pro Jahr! Und da reden wir noch nicht von den Opfern häuslicher Gewalt (über 250.000). Besser kein Zuhause? Keine Familie gründen? Die Kriminalpolizei rät: Das Leben ist ein Risiko. Da kommt man als Fußgänger noch verhältnismäßig glimpflich davon.
Und wie wird das künftig mit unserem ein- bis zweiwöchentlichen Großeinkauf? Bisher erledigen wir das immer oben auf dem Wachtbergring, nach dem Fitnesstraining. Das wird dann ab August hier in Meckenheim stattfinden, zu Fuß. Wir haben in Merl die Nahversorgung mit Aldi und Edeka, ganze 850 Meter von unserem Haus entfernt, zehn Fußminuten, per Fahrrad kaum fünf. Aber ich habe keine allzu große Lust, mit dem eingekauften Klopapier durch die Gegend zu gehen oder zu radeln, und allein die acht bis zehn Literpackungen Hafermilch machen ein ganz nettes Gewicht aus, auch fürs Fahrrad. Hinzu kommt das sperrige Gemüse … Da haben wir den Haken! War ja klar, dass wir unseren Autofrei-Entschluss früher oder später bereuen würden!
Aber gibt es nicht zunehmend Discounter, die einen Lieferservice frei Haus anbieten? Seit dem Corona-Lockdown ist das immer häufiger zu lesen und zu hören. Auch Aldi zählt seit letztem Jahr dazu, weiß Google. Sie liefern per Elektroauto zum Wunschtermin, ähnlich wie wir es seit vielen Jahren mit Bofrost praktizieren, ab einer Bestellung von fünfzig Euro kostenfrei. Ähnlich Rewe und Lidl. So eine Kompaktbelieferung mehrerer Kunden in einer Fahrt ist doch eigentlich viel sinnvoller, als wenn jeder mit dem eigenen PKW ins Geschäft fährt! Und sich dort anhusten und schniefen lässt, speziell bei Infekt-Wellen. Das Online-Angebot scheint nicht viel anders zu sein als im Laden … wäre zu testen, ob da alles für unseren Bedarf dabei ist.
Das haben wir nun beschlossen: ab August – bis Ende Juli haben wir ja noch das Auto und trainieren zweimal die Woche oben auf dem Wachtberg –, also ab August wollen wir nacheinander alle drei Lieferservices testen, erst Rewe, dann Lidl, zuletzt Aldi. Und uns dann für einen entscheiden, den wir fortan alle vierzehn Tage kommen lassen. Wir sind gespannt!
Schon merkwürdig, wie wichtig das Thema bleibt, Tag für Tag. Da merkt man mal, wie viel mehr als nur ein Fortbewegungsmittel ein eigenes Auto ist. Es ist ein Lebensgefühl. Aber dieses Lebensgefühl hat sich im Laufe von fünfzig Jahren erheblich verändert!
Mein erster Freund wurde vor allem deshalb mein Freund, weil er ein Auto hatte, einen alten Mercedes Diesel, aber immerhin: ein Auto! Damit von der Schule abgeholt zu werden, war ein Genuss, der mir schon die letzten Schulstunden des Tages versüßte. Später hatte er nicht mehr nur irgendein Auto, sondern einen roten Spitfire Cabrio. Im offenen Spitfire bei strahlendem Sonnenschein nach Kassel zur Documenta zu brausen – das war echt ein tolles Lebensgefühl! Leider genossen das auch andere Frauen, und er genoss seine gestiegenen Chancen bei ihnen, und das war dann auch der Anfang vom Ende unserer Beziehung.
Ich kann nicht sagen, dass das Auto für mich nie ein Statussymbol gewesen wäre. Noch vor zwanzig Jahren, als ich den Dienstwagen meines Mannes mitbenutzen durfte, genoss ich es durchaus, damit zu fahren und gelegentlich sogar das Kompliment zu hören, der Wagen „stehe mir gut“. Es war ein Fünfer BMW in Oceanblue. Einmal traf ich in Freiburg beim Herder-Verlag, für den ich als freie Lektorin und Autorin tätig war, auf dem Parkplatz den Cheflektor, der spontan zum Ausdruck brachte, dass das Auto ihn beeindruckte. Ich hatte den Eindruck, dass es in der Folge meinen Status im Verlag durchaus anhob – und ich gehöre eben leider nicht zu den Menschen, denen so was komplett egal ist.
Als freiwillige Fußgängerin wird man mehr in die Schublade Öko-Fundamentalismus sortiert. Vielen ist es wichtig, klarzustellen, dass so ein Ausstieg ja vielleicht was für Rentner und Weltverbesserer sei, für sie selbst aber nicht in Frage komme. Ist ja okay! Wir wollen gar nicht die ganze Welt zum Verzicht auf das Auto bewegen. Wir wollen das jetzt erst mal einfach für uns selbst durchziehen und dabei ehrlich zu uns sein, unsere Gefühle, seien sie positiv oder negativ, wahrnehmen und ernstnehmen, uns nichts vormachen, nichts schönreden.
Das mit dem Status ist eine Sache, die von anderen abhängt: wie sie uns sehen. Ein Auto kann dieses Bild positiv beeinflussen, während der autofreie Zustand zumindest in autofreundlichen Kreisen eher negativ auf das Bild abfärbt, das die anderen von einem haben. Aber Lebensgefühl hat mit dem eigenen Empfinden zu tun, und da kann ich sagen, dass es deutlich besser ist, wenn wir zu Fuß unterwegs sind. Ich weiß nicht genau, wann und warum das umgekippt ist. Vermutlich war es kein konkreter Zeitpunkt, sondern ein schleichender Prozess, der mit dem zunehmenden Alter, aber auch dem zunehmenden Straßenverkehr zu tun hat. Vermutlich spielt auch eine Rolle, dass ich mit Ende zwanzig angefangen habe, Yoga und Meditation zu praktizieren, hinzu kamen lange Wanderungen durch die Alpen – Erfahrungen, die einem ein anderes Lebensgefühl vermitteln, als noch so viele PS es vermögen. Im Gegenteil, man bekommt ein Gefühl dafür, dass unser Körper und ebenso auch der menschliche Geist eigentlich nicht für Geschwindigkeiten gemacht sind, die deutlich über dem Tempo des Zufußgehens liegen. Da bleibt zu viel auf der Strecke!
Unser heutiges Lebensgefühl findet echten Genuss in der Entschleunigung. Ganz so arg wie bei dem romantischen Dichter Joseph von Eichendorff ist es aber auch nicht: Von einer seiner ersten Fahrten mit der damals noch jungen Eisenbahn berichtet er, dass er schon nach wenigen Stationen aussteigen und zu Fuß weitergehen musste, weil er die vorbeifliegende Landschaft nicht ertrug. Heute beklagen sich die Leute, dass die Bahn sie nicht schnell genug, nicht pünktlich genug, nicht billig genug vorwärtsbringt. Tempora mutantur!
Gleich müssen wir den Haustürschlüssel an unseren Neffen zurückgeben. Ohne Auto können wir das Katzen-Sitting während ihrer Abwesenheit nicht mehr wahrnehmen – täglich zwölf Kilometer hin, zwölf Kilometer zurück, alles „für die Katz‘“, das ist dann doch ein bisschen zu viel Aufwand. Zumal es Teenies in der unmittelbaren Nachbarschaft gibt, die sich nur zu gern um die süße Katze kümmern. Und der Katze selbst dürfte es egal sein, wer ihr den Futternapf füllt und frisches Wasser hinstellt. Streicheln, spielen – das machen auch die Teenies mit Leidenschaft.
Aber es war ein Stück Verbundenheit mit unserem Neffen und seiner Frau, das nun wegfällt. Man hatte Anteil an ihren Reisen, und wenn wir mal wegfuhren, schauten sie im Gegenzug nach unserem Haus und Garten. Das würden sie sicherlich auch künftig tun, aber man hat nicht so das Gefühl von Geben und Nehmen. Da kommen dann durchaus auch Ängste auf – was, wenn wir am Ende gar niemanden mehr „haben“? Aber haben wir denn jetzt jemanden? Unsere betagte Nachbarin verließ sich fest darauf, dass ihr dreißig Jahre jüngerer Neffe sich im Alter mal um sie kümmern werde. Der Neffe aber wurde sehr früh dement, ist jetzt schon fünf Jahre tot, und sie lebt im Heim, was ihr gar nicht so schlecht gefällt und bekommt. Sie wird in diesem Jahr 94.
„Ich weiß, dass nichts mir angehört
als der Gedanke, der ungestört
aus meiner Brust will fließen,
Und jeder günstige Augenblick,
den mich ein liebendes Geschick
von Grund aus lässt genießen.“
Da hat er Recht, der Geheimrat Goethe, wie so oft. An Menschen und Gewohnheiten festzuhalten, ist keine gute Idee. Besser, wir stellen uns dem Leben, zu dessen unverwechselbaren Kennzeichen die Veränderung gehört.
Die Welt ist „erschüttert“ vom Attentat auf Trump, so titelt die heutige Tageszeitung. Das Attentat fand schon am Samstagabend statt, ich habe aber erst gestern Nachmittag davon erfahren. Auf diese Weise trugen wir den alten Narzissten wenigstens nicht mit uns durch den herrlichen Sonntagmorgen, als wir die acht Kilometer durch Wald und Feld wanderten, „allein auf weiter Flur“, in der wunderbar klaren, frischen Luft des Sommermorgens, begleitet vom intensiven Konzert der Singvögel. Wären wir im Auto unterwegs gewesen, so hätten wir vielleicht Radio gehört und wären mindestens im Halbstundentakt mit Updates und Hintergründen zum Attentat beschallt worden. Da sitzt man dann, kommt zwar mit mehr als hundert Stundenkilometern voran, hat aber zugleich das Gefühl, dass die Welt auf den Abgrund zurast. Im Kleinen, auf kommunaler und nationaler Ebene, geht nichts mehr so recht voran und im Großen, auf dem internationalen Parkett, schon gar nicht.
Klar kann man sagen, dass es letztlich auch egal ist, ob die Menschheit mit Karacho in den Untergang rast oder schön gemächlich im Fußgänger-Tempo. Aber es fühlt sich anders an, wenn man den Weg unter die Füße nimmt, Schritt für Schritt dank eigener Muskelkraft vorwärtskommt und sich als Teil der Natur empfindet, verbunden mit Bäumen, Sträuchern, Tieren. Es ändert erst mal nichts an den menschengemachten Krisen und Katastrophen, aber es hebt die Isolation auf, in der jeder für sich in seinem rollenden Käfig unterwegs ist. Und es stärkt das Bewusstsein dafür, dass es mehr gibt als die Menschenwelt, dass man eingebunden ist in einen wundervollen Kosmos. Nicht selten kommt beim Gehen auch das Gehirn weiter, findet Lösungen, ohne sich anstrengen und grübeln zu müssen, ganz von allein, und sei es nur durch eine gelassenere Grundhaltung, was schon viel ist in unserer aufgeregten Gesellschaft. Die Natur hat einen so viel längeren Atem als dieser verlogene Wichtigtuer, der das Attentat natürlich zu seinen Gunsten im Wahlkampf ausschlachten wird. Die Menschen in den USA wählen ja nicht den besseren Politiker, sondern den unterhaltsameren Schauspieler. Lass ihn doch die Wahl gewinnen, von mir aus die nächsten zwei, drei, notfalls auch vier Jahre Präsident sein. Irgendwann wird sein Geisteszustand auch für den Letzten seiner Getreuen erkennbar sein, und dann ist die Episode vorbei. Hoffentlich nicht mit zu viel Schaden. Aber daran kann ich mit allem Sorgen und Grübeln und Neueste-Updates-Verfolgen auch nichts ändern.
Selig, die gehen, statt sich gehen zu lassen, denn ihre Füße werden auf dem Boden bleiben …
Tag der professionellen Zahnreinigung: morgens um 8.15 Uhr ist mein Termin, mittags um 12.45 Uhr der meines Liebsten. Mal schnell mit dem Auto hinfahren und vielleicht anschließend eine kleine Runde zu Fuß drehen – so wäre es früher gelaufen. Heute zelebrieren wir den Weg als die Unternehmung des Tages. Mein Liebster begleitet mich am Morgen, wir beide noch ohne Frühstück, fühlen uns herrlich leicht in der frischen Luft des frühen Tages! Zu unserer Überraschung braucht man nicht mal eine halbe Stunde bis zum Neuen Markt, sondern nur knapp die Hälfte. Eine Viertelstunde also hin, eine Viertelstunde zurück, ohne Berge, ohne Steigung, über die von hohen Bäumen gesäumte Promenade, autofrei. Gerade mal zwei wenig befahrene Straßen müssen wir überqueren, ansonsten alles Fußgängerwege, die auch noch reichlich Platz für überholende Fahrradfahrer bieten. Nach mehr als einer Stunde regungslosen Verharrens auf dem Zahnarztstuhl war ich echt froh, die Beine wieder bewegen zu können, zumal wir auf dem Rückweg noch am Rathaus vorbeikamen und ich die Gelegenheit nutzen konnte, mal nachzuhören, ob mein neuer Personalausweis schon da sei. War er. Somit war auch das erledigt. Und das Frühstück als Lohn der Mühen hätte im Sternelokal nicht besser schmecken können!
Am Mittag dann dieselbe Tour noch mal, jetzt war ich die Wartende, habe das Warten kombiniert mit Besorgungen, und dann habe ich im Marktcafé bei Milchkaffee und Eis im Tütchen in aller Ruhe die Zeitung gelesen, bis mein Liebster kam. Wir haben beide noch einen Imbiss genossen und sind bei leichtem Regen zurückgegangen. Einen Taschenschirm muss man natürlich immer dabeihaben als aufmerksamer Fußgänger … Kaum waren wir zu Hause, kam ein Donnerwetter vom Himmel, begleitet von starkem Regen. Wir genossen es bei einer Tasse Tee und dem beglückenden Gefühl des Noch-mal-Davongekommen-Seins.
Wären wir mit dem Auto unterwegs gewesen, hätten wir wahrscheinlich einfach im Auto gesessen und gewartet, bis das Gewitter vorübergezogen war. Die Verbundenheit zu den Elementen ist im Auto weit schwächer. Klar kann das auch mal günstig sein, bei Gewitter etwa, da sitzt man im Faradayschen Käfig, aber eben Käfig! Man bringt sich um ein Abenteuer. Und wird, so mein Verdacht, generell unsensibler für das Wetter. Wenn ich zu Fuß gehe, schaue ich vorher in die Wetter-App oder wenigstens mal in die Wolken, ob ich einen Schirm brauche oder ob ein Sturm zu erwarten ist und ich meinen Ausgang lieber verschiebe. Im Auto sitzt man trocken, windstill und klimatisiert, egal ob es draußen stürmt oder schneit. So mag zu erklären sein, warum immer noch so viele Leute ihre Autos selbst bei angekündigtem Sturm und Gewitter unter hohen Bäumen parken – und sich dann wundern, dass ihnen beim Aussteigen ein Ast auf den Kopf fällt. Oder gleich der ganze Baum.
Heute war ein Volontär vom General Anzeiger da. Ich hatte letzte Woche einen Leserbrief hingeschrieben, auf jenen Artikel über die Probleme für Fußgänger, wollte einfach darauf hinweisen, dass zu Fuß gehen glücklich macht und nicht immer gleich mit Todesstatistiken und Kritik an Missständen madig gemacht werden muss. Statt diesen Leserbrief zu veröffentlichen, beschloss die Redaktion, einen ganzen Artikel über unseren Autofrei-Entschluss zu bringen. Deshalb war der junge Redakteur heute bei uns: aufgeschlossen, freundlich, vielleicht Mitte bis Ende zwanzig, hat in Bonn Germanistik und Anglistik studiert (meine Fächer!), als zweifacher Master of Arts abgeschlossen, nebenbei schon als freier Mitarbeiter für den General Anzeiger und als Seniorenbetreuer gearbeitet, offensichtlich ist er auch Buchautor, obwohl die Bücher offensichtlich nicht mehr verfügbar sind. Interessante Biographie, finde ich. Und es war ein sehr angenehmes Gespräch, es hat Spaß gemacht, angeregt von seinen klugen Fragen unseren Entschluss noch mal reflektieren und darstellen zu können. Jetzt bin ich gespannt auf den Artikel in der Zeitung. Mit Fotos.
Eigentlich wollten wir das ja gar nicht, es soll nicht so aussehen, als dächten die Sixels, sie hätten das Gehen erfunden und an ihrem Wesen solle nun der Rest der Welt genesen. Aber die Bilder, die er gemacht hat – von uns beiden auf der Fußgängerbrücke über der Autobahn –, gefielen dann auch meinem Schatz. Wir beide gingen hinterher angeregt und belebt noch eine Runde durch den Wald, während der junge Journalist sich zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf den Heimweg machte. Er kommt aus der Gegend um Mechernich, das liegt über sechzig Kilometer von uns entfernt. Und selbst er kommt ohne Auto aus, ist mit Bus und Bahn im weiten Umkreis von Bonn unterwegs. Es geht also, auch für jemanden, der voll im Beruf steht! Nur wenn er Ortstermine auf den Dörfern hat, gibt es schon mal Probleme, sagt er. Hier besteht noch reichlich Verbesserungspotenzial seitens der kommunalen Verkehrspolitik.
Künftig werden wir die Artikel dieses Mannes mit größerer Aufmerksamkeit lesen. Alles in allem auch wieder eine Horizonterweiterung, die es ohne unseren Autofrei-Entschluss nicht gegeben hätte!
Gestern Abend noch schnell mit dem Fahrrad runter zur Aral-Tankstelle, Lebensmittel retten. Mein Schatz wollte das Auto nehmen, noch steht es ja – wenngleich angeknackst – in der Garage. Weil es schon so spät war und ihm das Knie wehtat, das er sich morgens am Nachtschrank gestoßen hat. Aber ich wollte auf keinen Fall das Auto nehmen. Morgens eine Stunde lang dem Journalisten erzählen, dass wir uns vom Auto verabschiedet haben, und abends siegt dann doch die Bequemlichkeit?
Es wurde eine herrliche Fahrradfahrt durch den milden Sommerabend. Entspannte Leute auf Bänken, unter Bäumen, mein Rad war zwar merklich eingerostet, aber für die 26 Jahre, die es auf dem Buckel hat, doch noch ganz brauchbar, die Überraschungstüte mit Snacks ungewöhnlich großzügig dimensioniert, und hinterher wohlig müde und sehr zufrieden zu „Aktenzeichen XY“ aufs Sofa gekuschelt, während mein Schatz sich eines der geretteten Brötchen nebst zwei ebenfalls geretteten Schoko-Croissants schmecken ließ. Ein gutes Gefühl!
Morgen werde ich mein Rad mal gründlich putzen, entrosten und anschließend zum überfälligen Check ins Fahrradgeschäft bringen, keine fünfhundert Meter entfernt. Wir wohnen hier wirklich privilegiert, alles fußläufig erreichbar. Und ich habe die Freude am Radeln wiederentdeckt. Künftig wird mein Oldtimer-Rad in der Garage überwintern, die ist ja bald frei.
Der moderne Mensch ist ein Ding-Tier, und von allen Dingen scheint ihm das Auto das liebste zu sein. Ich erinnere mich an eine Briefseelsorge-Partnerin, die nach der Trennung von ihrer Frau ziemlich entwurzelt war und sich nirgends mehr recht zu Hause fühlte. In der ehemals gemeinsamen, jetzt allein bewohnten Wohnung überfiel sie Panik. Einzig in ihrem Auto fühlte sie sich geschützt und sicher. Geborgen in den engen Wänden ihres Wagens wie in einem Schneckenhaus und trotzdem dynamisch, mobil, in der Lage, voranzukommen. Und stark, wehrhafter und weniger verletzlich zu Fuß, nur in der eigenen Körperhülle.
Das Auto als zusätzliche Haut oder als Panzer. Und zugleich als Waffe, die sich auch gegen sich selbst richten kann. Letzteres ist vielen gar nicht bewusst. Gestern gab es ganz in unserer Nähe, auf der Landstraße zwischen Meckenheim und Rheinbach, wieder einen schweren Unfall. Eine dreiunddreißigjährige Frau war beim Überholen mit ihrem PKW unter einen entgegenkommenden LKW geraten und sofort tot.
Gerade das trügerische Gefühl von Sicherheit ist so gefährlich. Man ist die Strecke schon hundertmal gefahren, die Sonne scheint, in Gedanken sitzt man vielleicht schon im Eiscafé, nur noch schnell dies und das erledigen … und dann kracht’s.
Laut einer repräsentativen Online-Befragung halten sich zweiundachtzig Prozent der Autofahrer in Deutschland für überdurchschnittlich gute Fahrer. Nur siebzehn Prozent stufen sich selbst als durchschnittlich ein. Und nur ein Prozent als schlecht. Gleichzeitig gab fast die Hälfte der Befragten zu, regelmäßig Fehler beim Fahren zu machen: schon mal das Tempolimit zu überschreiten, nicht immer den gebotenen Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug einzuhalten, gelegentlich während der Fahrt zu essen oder zu trinken und das Handy zu benutzen – Letzteres räumten vor allem die jungen Fahrer zwischen 18 und 29 Jahren ein.
Mit Logik hat das nichts zu tun. Allenfalls mit Psychologik. Man denkt, man hat alles im Griff. Und gerade in dieser trügerischen Sicherheit überschätzen sich viele selbst und unterschätzen die Kraft, die im Auto steckt und in einer Geschwindigkeit, mit der die menschlichen Gene nicht Schritt halten können.
Der Mensch ist nicht geschaffen für eine Fortbewegung mit einhundertzwanzig und mehr Stundenkilometern. Im Auto spürt man diese Geschwindigkeit nicht mal. Man sieht nur eine Zahl auf dem Tacho und versucht, sie hochzutreiben. Höher, schneller, weiter. Da kommt der Ehrgeiz ins Spiel, wie immer bei messbaren Leistungen. Unfälle passieren nur den anderen, die nicht vernünftig fahren können. Die Werbung verstärkt diesen Irrtum noch. Autowerbung müsste genauso vor Risiken und Nebenwirkungen warnen wie Zigarettenpackungen, mit abschreckenden Fotos von Unfällen, in die nicht nur alte, sondern auch schon ganz junge Fahrer und nicht nur olle Schrottkarren, sondern auch schicke Ferraris verwickelt sind. Zugegeben, der Vergleich mit dem Rauchen hinkt: 143.000 Menschen sterben in Deutschland jährlich an den Folgen des Rauchens, gegenüber „nur“ 2.839 Verkehrstoten. In beiden Fällen aber gibt es die aktiven Verursacher und die Passivraucher beziehungsweise Opfer der von den anderen verursachten Verkehrsunfälle.
Ich kenne einen jungen Mann, der schon mehrfach wegen Geschwindigkeitsüberschreitungen verwarnt wurde, einmal sogar die Fahrerlaubnis verlor. Das Verwarngeld kostete ihn „nur eine Tankfüllung“, wie er lässig meinte, und fahren ließ er sich in der Zeit ohne Führerschein von Verwandten. So eine Verfehlung gehört dazu, no risk, no fun, man fährt eben nicht wie Biedermann, sondern pflegt einen sportlichen Fahrstil. Das Problem sind die anderen mit ihrem übertriebenen Moralismus … immer sind es die anderen!
Nacht. Ich höre die Autobahn, per Luftlinie kaum hundertfünfzig Meter entfernt. Es klingt anders als das konstante Hintergrundrauschen des Tages. Jetzt in der Nacht höre ich jedes Fahrzeug einzeln, wie es näherkommt und sich wieder entfernt. Es ist wie ein unregelmäßiges Atmen – ein und aus, ankommen und weg, ein Wind nur, ein Hauch, schon vorüber.
Niemand bemerkt, dass er bemerkt wird. Weder der Mensch, der in seinem Auto sitzt, noch die Person, die auf das Geräusch der Fahrzeuge hört.
Keiner fragt: Wie geht’s dir, kannst du auch nicht schlafen?
Oder: Wo kommst du her, wo fährst du hin, um dieses Uhrzeit?
Man ist da und gleichzeitig nicht da.
Kommt aus der Stille, verschwindet wieder in die Stille, was bleibt, ist Dunkelheit.
Das macht was mit der Lebenseinstellung. Kaum angenähert, schon vorbei.
Seltsam, im Dunkel zu lauschen,
draußen dröhnen die Autos vorbei.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.
Schwül heute. Am Morgen hat es geschüttet. Gut, dass wir gestern schon unseren 12-Kilometer-Gang nach Röttgen gemacht haben, mit Frühstück bei Gilgen’s und anschließender Visite am Tongrubenweiher. Ganz früh schon, bevor die große Hitze kam. 32 Grad Celsius in der Spitze, aber da waren wir schon wieder zu Hause, mit dem guten Gefühl, alles richtig gemacht zu haben.
Um dieses Gefühl bringst du dich beim Autofahren. Allzeit wohltemperiert unterwegs dank Klimaanlage, egal ob sommers oder winters bei angenehmen 20,5 Grad. Erst wenn man aussteigt, kann es ungemütlich werden. Der Körper muss sich blitzschnell auf Kälte oder, für meinen Kreislauf noch eine größere Herausforderung, auf Hitze umstellen. Und wenn man nach einer Wanderung schweißnass wieder ins vollklimatisierte Auto steigt, lauert die Erkältung gleich um die Ecke.
Das Gehen ist ein gutes Training in Wettertauglichkeit. Und wenn das Wetter einfach gar nicht nach draußen einlädt, dann bleiben wir halt zu Hause. So wie heute. Ist auch mal schön. Den ganzen Morgen geschäftlichen Kram erledigt, jetzt schreibe ich und am Nachmittag würde ich gern mal in aller Ausführlichkeit die tollen Bücher lesen, die sich auf meinem Tisch stapeln. Ach ja, ein Fußbad wäre auch nicht schlecht. Das haben sie sich verdient, die Füße, die mich nun schon über 66 Jahre zuverlässig durchs Leben tragen … immer dieselben, während die Automarken wechselten wie das Wetter😊
„Tausche Auto gegen neue Freiheit“ – die Titelzeile aus dem Artikel im General Anzeiger geht schon den ganzen Tag mit mir. Originell formuliert! Der ganze Artikel ist gut geschrieben, finde ich, fängt gut ein, was uns zu unserem Autofrei-Entschluss getrieben hat und bis heute bei der Stange hält.
Eigentlich wäre es mal wieder an der Zeit, dass wir mit dem Auto hoch nach Wachtberg in den Fitnessclub fahren, noch haben wir das Auto ja, aber irgendwie sträubt sich etwas in uns dagegen. Übermorgen steht unser erstes Probetraining im Meckenheimer Sportverein an; so lange kann das Krafttraining nun auch noch warten. Während des Corona-Lockdowns waren wir mehr als ein halbes Jahr in diesem Sinne „außer Kraft“ gesetzt und sind auch nicht gestorben.
Stattdessen sind wir kurz entschlossen um halb sieben zu Fuß durch den Adendorfer Wald nach Alt-Meckenheim gegangen, haben in unserer Lieblingsbäckerei in der Hauptstraße ein leckeres Laugen-Eck mit Käse, dazu eine Tasse Kaffee genossen und sind dann über die Apfelplantagen nach Hause gegangen. Gut neun Kilometer. Und jeder Schritt ein Genuss! Wie groß die Äpfel schon sind! Und wie viele Apfelbäume es gibt in den Plantagen, das war uns gar nicht so bewusst als langjährige Bewohner der Apfelstadt.
Wir haben dann in einem der regionalen Hofläden gleich noch eine Tüte Äpfel erworben. Das wollen wir künftig öfter tun. Bisher war es halt bequemer, das Obst und Gemüse im Zuge des wöchentlichen Großeinkaufs beim Discounter einzukaufen. Eigentlich eine Sünde, wenn man die Erzeuger direkt vor der Haustür hat. Was für ein Glück, in einer Stadt zu wohnen, die auf so eine lange Obstanbau-Tradition blicken kann!
Heute wollte ich beizeiten am Außenstreifen arbeiten: die verwelkten Heckenrosen zurückschneiden, Brennnesseln entfernen, Unkraut aus den Fugen kratzen. Aber mein Liebster wollte am liebsten sofort raus, eine Runde gehen. Klar, bin ich immer dabei! Schon in Erinnerung an meinen seligen Opa, der, an Darmkrebs erkrankt, immerzu gehen wollte. Egal ob morgens früh oder mitten am Tage, immer drängte es ihn hinaus, gehen, gehen, gehen wollte er, aber meiner pflichtbewussten Großmutter kam es antisozial vor, am hellen Werktag spazieren zu gehen. Das war in ihrem Weltbild allenfalls etwas für sonntags nachmittags, und dann auch eher für die feinen Leute, nicht für Normalbürger wie sie. Die hatten ihre Arbeit zu schaffen.
Er tut mir heute noch leid, mein armer Opa! Manchmal bin ich mit ihm gegangen, aber zu selten. Damals wusste ich noch nichts von der therapeutischen Wirkung des Gehens. Im Gehen beruhigt sich der Bauch, das Gehen hätte ihm auch gegen die Unruhe und Todesangst geholfen, die ihn angesichts der rasch metastasierenden Krebsgeschwulste getrieben haben musste. Traurig, wie wenig ihm seine Allernächsten helfen konnten! Ich sehe ihn noch mit gelbem Gesicht auf dem weißen Krankenhauskissen liegen, Angst in den Augen. Er war kein Mensch der Metaphysik. Kultur mochte er, Theater, die Oper vor allem, aber mit Gott und Jenseits hat er nie was anfangen können, und statt Todesanzeigen wollte er lieber die Geburtsanzeigen lesen, die damals noch regelmäßig in der Tageszeitung erschienen. Vielleicht lag es auch daran, dass er sich viel zu spät in Behandlung begab. Aber damals – vor rund 45 Jahren – war die Prophylaxe ohnehin noch nicht weit verbreitet. Zum Arzt ging ein echter Mann erst, wenn es gar nicht mehr anders ging. „Heute müsste niemand mehr an Darmkrebs sterben“, meinte jüngst ein Arzt, dem ich anlässlich einer bevorstehenden Darmspiegelung von Opas Leidensgeschichte erzählte …
