Schulverpflegung in Europa - Luise Kautsky - E-Book

Schulverpflegung in Europa E-Book

Luise Kautsky

0,0

Beschreibung

Im Jahr 1908 verfasst Luise Kautsky für Clara Zetkins Zeitschrift 'Die Gleichheit' eine mehrteilige Artikelserie zur 'Schulspeisung' in den europäischen Staaten. Anhand der Beispiele macht sie deutlich, dass ' nur bei genügend genährtem Körper ein körperliches und geistiges Arbeiten möglich' sei, und appelliert deshalb für eine unentgeltliche Verpflegung in allen öffentlichen Schulen. Angesichts der heutigen Situation im Bereich der Schulverpflegung noch immer eine aktuelle Forderung.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 85

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Luise Kautsky

Schulverpflegung in Europa

Gesammelte Schriften – Band 4

Impressum

Luise Kautsky – Gesammelte Schriften
herausgegeben von 
Günter Regneri
Band 4: Schulverpflegung in Europa
heptagon Verlag
Berlin 2015
www.heptagon.de
ISBN: 978-3-934616-05-9
Der Text folgt der achtteiligen Artikelserie Luise Kautskys »Schulspeisung«, in: Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen, erschienen zwischen dem 11. Mai und dem 28. September 1908. Die Orthografie wurde behutsam an die neue Rechtschreibung angepasst.

Teil I.

[Frankreich 1]

»Der Unterricht und der Unterhalt der Kinder sind eine Schuld, die die Republik abzutragen hat.« So begann eine Rede, die Robespierre am 15. Juli 1793 in einer Sitzung des Konvents hielt. Und er fuhr fort: »Bald wird die Geburt eines Kindes nicht mehr eine Last sein; denn die Republik wird euch die Last abnehmen. Das Vaterland wird die Kinder erziehen, sie kleiden, sie ernähren.«

Schnell vergaß die durch die Revolution zur Herrschaft gekommene Bourgeoisie diese von dem bürgerlichen Revolutionär verkündigte Reform. Kaum waren die schönen Verheißungen von 1793 verhallt, so hub die Periode der ökonomischen Evolution an, in welcher ihr Sinnen und Trachten von dem Grundsatz beherrscht wurde: »Bereichert euch.« Weit davon entfernt, den Eltern im werktätigen Volke die Bürde des Unterhalts und der Erziehung der Kinder durch die Gesellschaft abnehmen zu lassen, machte sie durch ihre blindwütige Ausbeutung diese Bürde Schwerer und versetzte Hunderttausende in die Unmöglichkeit, sie tragen zu können. Große Scharen von Kindern mussten die nötige Pflege des Körpers und Geistes entbehren, mussten verderben und sterben, weil das Kapital ihre Eltern rücksichtslos ausplünderte. Und auch noch darüber hinaus ging die Bourgeoisie. Sie ließ den mörderischen Tendenzen des Kapitals die Zügel schießen und machte sich der grauenhaftesten Ausbeutung der Kinder schuldig, welche in der Geschichte der Menschheit nicht ihresgleichen hat. Wenn Ellen Key, die heute so viel zitierte nordische Schriftstellerin, sagte, das 20. Jahrhundert werde das Jahrhundert des Kindes sein, so kann man mit noch größerem Recht sagen, das 19. Jahrhundert sei das des Kindermordes gewesen.

Die Folgen des Wütens maßloser Profitsucht blieben nicht aus. Sie traten so offen zutage, dass auch den Blindesten die Augen aufgehen mussten. Die Statistik spiegelte sie wider. Erschreckend waren ihre Nachweise über die zunehmende Verwüstung leiblicher und geistiger Kräfte, wie sie sich in den steigenden Zahlen offenbarte über Kinderkränklichkeit und Kindersterblichkeit, über die Armen und Siechen, die dem Staat, der Gemeinde zur Last fielen, über die Verbrechen, zumal auch die Verbrechen Jugendlicher, über den Rückgang der zum Militärdienst tauglichen Rekruten. Sogar der Bourgeois, der für die Lage der Arbeiterklasse, für das Gemeinwohl nichts als Gleichgültigkeit hat, musste sich angesichts solcher Ausweise besorgt fragen: Wo kommen wir hin, wenn das so weiter geht? Er musste befürchten, in Zukunft nicht mehr die genügende Zahl kräftiger »Hände« zu finden, die ihm gegen billigen Lohn Reichtümer erarbeiteten. Und eine noch ängstigendere Sorge tauchte für ihn auf. Wer sollte sein Teuerstes, seinen Geldsack, gegen den äußeren und inneren Feind schützen, wenn die Zahl der Militärtauglichen stetig zurückging? Die weitsichtigeren Elemente der Bourgeoisie begannen im Interesse ihrer eigenen Klasse zu erkennen, dass es nicht genüge, der vernichtenden Kinderausbeutung gesetzliche Schranken zu ziehen, dass vielmehr auch der proletarischen Jugend leibliche und geistige Fürsorge zuteil werden müsse. Es drängte sich ihnen die Überzeugung auf, dass das Heer von schwächlichen, zum Kampfe ums Dasein untauglichen Menschen vermindert werden könnte, wenn das proletarische Kind vom zartesten Alter an besser genährt und gepflegt werde, als es die armseligen Verhältnisse seiner Eltern gestatten; dass dem wachsenden Verbrechertum vorgebeugt zu werden vermöchte, wenn das Kind vor geistiger und sittlicher Verwilderung und Entartung bewahrt bleibe.

»Sollte es nicht auf die Dauer billiger sein, die Schuljugend zu speisen, als Bettler, Kranke und Verbrecher?« fragt Helene Simon in ihrer trefflichen Broschüre Schule und Brot, und appelliert damit an die Einsicht der herrschenden Klassen. Und im englischen Parlament wurde erklärt: Die Forderungen des Gesetzentwurfes über Schulspeisung entsprechen in erster Linie der Menschlichkeit; in zweiter Linie werden sie unter ökonomischen Gesichtspunkten den besten Interessen der Nation dienen. Der Gedanke hat Boden gewonnen, dass es Pflicht der Gesellschaft sei, den Kindern der Massen nicht bloß Unterricht, sondern auch Unterhalt und Pflege zu sichern. Er hat zunächst in der Forderung der Schulspeisung seinen Ausdruck gefunden.

Zuerst und allzu lange hat es sich gewiss wohlmeinende, aber doch gänzlich unzureichende private Wohltätigkeit angelegen sein lassen, die bedürftigen, hungernden Kinder des Proletariats zu speisen. Die besten Elemente in der Bourgeoisie, die nicht nur von egoistischen Trieben bewegt werden, sondern in denen ethische Beweggründe lebendig waren, jammerte das Elend der proletarischen Kinder, es schnitt ihnen in die Seele, die unschuldigsten unter allen Geschöpfen unverdient leiden und darben zu sehen, und sie sannen auf Abhilfe, überall, wo die Schulspeisung heute besteht, verdankt sie der privaten Mildtätigkeit ihren Ursprung. Aber angesichts der Folgen, welche die kapitalistische Produktionsweise für die großen Massen der Ausgebeuteten zeitigt, erwies diese private Fürsorge immer mehr ihre Unzulänglichkeit. Nirgends reichen die Mittel, die ihr zur Verfügung stehen, um auch nur in notdürftigster Weise dem dringendsten Bedürfnis gerecht zu werden. Klar erscheint die Notwendigkeit, dass die Gesellschaft mit ihren Mitteln eingreifen muss. Das um so mehr, als die proletarischen Massen die Reife erlangt haben, Almosen für ihre Kinder zurückzuweisen und Rechte für sie zu beanspruchen.

Die Sozialdemokratie hat die Berechtigung, wie die Bedeutung der Reform erkannt, die Robespierre seinerzeit gefordert hatte. Sie schrieb sie auf ihr Banner. Sie hat von jeher klar erfasst, dass es nicht Sache privater Wohltätigkeit sein darf, die schulpflichtigen Kinder zu speisen, sondern dass es Pflicht der Allgemeinheit ist, diese Aufgabe zu lösen. Genossin Wurm hat in Nr. 1 der Gleichheit 1908 schon darauf hingewiesen, dass mit der Übernahme der Schulspeisung eine alte Forderung des sozialdemokratischen Gemeindeprogramms erfüllt wird. In Nr. 10 des 6. Jahrganges bespricht die Gleichheit die neugegründeten Schulkantinen in Roubaix (Nordfrankreich) und führt dabei unter anderem zur Frage der Schulspeisung folgendes aus: »Eine zwiefache Erwägung leitete die sozialistische Gemeindeverwaltung von Roubaix bei ihren Maßregeln zugunsten der proletarischen Jugend. Das proletarische Massenelend schädigt in verhängnisvollster Weise die Entwicklung der heranwachsenden Generation. Unheimlich rasch und riesig schwillt die Zahl der Familien, die trotz eifrigsten Schaffens nicht mehr imstande sind, ihren Kleinen die unumgänglichsten Vorbedingungen für eine gesunde, körperliche Entwicklung zu bieten. Zehntausende proletarischer Kinder gehen frühzeitig an Mangel und Entbehrungen zugrunde oder siechen zu welken, kraftlosen Menschen heran. Und nicht bloß Brot, Kleidung, gesunde Luft usw. raubt die Armut den Ärmsten: auch die Mutter und ihr häusliches Walten. Die Frau wird durch die Not in Fabrik und Werkstatt gepeitscht, das Familienleben flattert zersetzt auseinander, eine geordnete Wirtschaftsführung mit regelmäßigen warmen Mahlzeiten ist für zahlreiche Familien kaum noch möglich. Das körperliche Verkommen der proletarischen Jugend bedeutet aber eine tiefe beklagenswerte Schädigung der Gesellschaft, deren größter Reichtum ein gesunder, kräftig entwickelter Nachwuchs ist. In ihrem eigensten Interesse hat diese deshalb die Pflicht, reformierend einzugreifen und das von Rechts- und Gerechtigkeitswegen und nicht von Gnaden und Almosen wegen!«

Dr. Debierre, der mit Hilfe der sozialistischen Stimmen in den Gemeinderat von Lille gewählt worden war, begründete die Schulspeisung mit nachstehenden Ausführungen: »Der Nutzen der Schulkantinen braucht nicht mehr bewiesen zu werden. Nichts fällt leichter, als ihre Errichtung zu rechtfertigen. Seitdem das Gesetz den Schulzwang festgelegt hat, ist die Schulmahlzeit zur dringenden Notwendigkeit geworden. Die Gesamtheit, die in trefflicher Absicht jeder Familie die Pflicht auferlegt, ihre Kinder unterrichten zu lassen, hat nun ihrerseits die Pflicht, ihr Werk zu vollenden, indem sie das Kind außer mit geistiger Nahrung auch mit Körpernahrung versorgt.« (Nr. 20 der Gleichheit, 6. Jg. (1896)).

Überall, wo die Sozialdemokratie in der Gemeinde die Möglichkeit hatte, handelte sie ihrem Programm getreu. Im Mouvement Socialiste, 2. Jg. (1900), Nr. 33 führt Genosse Chabrouillard, Sekretär des Bürgermeisters von Roubaix, folgendes aus: »Vom ersten Tage an war es die vornehmste Sorge des sozialistischen Gemeinderats von Roubaix, das Kind des Volkes zu schützen gegen Krankheit, es zu verteidigen gegen physisches und moralisches Elend, es zu erziehen und zu unterrichten. Die sozialistischen Gemeinderäte haben es gegen den klerikalen Einfluss durchgesetzt, dass den ledigen Müttern die Wohltätigkeitseinrichtungen zugänglich wurden, die ihnen bis dahin fromm verschlossen waren. ... Vor Eintritt der Sozialisten in den Gemeinderat besaß Roubaix keine städtischen Krippen. ... Und die Debatte über die Errichtung von Schulkantinen fand bereits am nächsten Morgen nach ihrem Einzug in das Rathaus statt.«

Ebenso war es in Dijon. Am 5. Juni 1896, vierzehn Tage nach dem offiziellen Amtsantritt der neugewählten sozialistischen Gemeindevertreter, schlug Genosse Marpaux dem Gemeinderat die Schaffung von unentgeltlichen Schulkantinen für Arbeiterkinder vor. Nach langen Erwägungen und Prüfungen begannen am 1. November des Jahres bereits vier Schulkantinen zu funktionieren.

In Lille, wo die Sozialisten von 1896 an Sitze zum Gemeinderat erobert hatten, war es ebenfalls die stete Sorge unserer Genossen, den hilfsbedürftigen Kindern und Müttern beizustehen. (Siehe Nr. 17 des 8. Jahrgangs (1898) der Gleichheit.) Genosse Ghesquière, Adjunkt des Bürgermeisters von Lille, berichtet in Nr. 4, 1. Jg. (1899) des Mouvement Socialiste über die segensreiche Tätigkeit, die in dieser Beziehung die Sozialisten in der Stadtverwaltung von Lille entfalteten. Der frühere bürgerliche Gemeinderat hatte Übertriebenes in der Gründung von höheren Schulen und öffentlichen Bauten geleistet. »Aber sollten die 5.200.000 Franken Oktroi (städtische Abgaben auf Lebensmittel), die die Arbeiterklasse tragen muss, dieser kein Recht geben auf Hebung ihres intellektuellen, künstlerischen und wissenschaftlichen Niveaus?« Schon 1898 verzeichnet das Budget der Stadt außer 40.000 Fr. für unentgeltlich gelieferte Lernmittel auch 10.000 Fr. zu Erholungszwecken für blutarme und skrofulöse Kinder und 217.000 Fr. für Schulkantinen, Kleidung und Schuhwerk. »So zeigt sich«, schließt Ghesquière, »die Stadtverwaltung von Lille eines Sinnes mit dem Nationalkonvent, der 1793 dekretierte: Die nationale Erziehung sei die gleiche für alle, alle sollen gleiche Nahrung, gleiche Kleidung, gleiche Bildung, gleiche Erziehung erhalten.«

Männer der Wissenschaft, zumal Ärzte, anerkennen nachdrücklich, wie unerlässlich es sei, dass den Kindern in der Schule zum Brot des Geistes auch das Brot des Leibes gesichert werde. Sie bestätigen damit, welches Verdienst sich die Sozialdemokraten durch ihr Eintreten für die Schülerspeisung machen. In Pavia hielt Professor Luigi Credaro, der in der öffentlichen Unterrichtsverwaltung dieser Stadt tätig ist, in der Stadtverwaltung am 14. Februar 1900 eine Ansprache zugunsten der Schulspeisung.1