Erlebtes und Erfahrenes - Luise Kautsky - E-Book

Erlebtes und Erfahrenes E-Book

Luise Kautsky

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Beschreibung

Luise Kautsky jouarnalistisches Werk umfasst Reise- und Erlebnisberichte, zu denen die Texte dieses Buches gehören: - Früheste Erinnerungen - Im Haupttelegrafenamt (1927) - Meine Rolle im Auswärtigen Amt (1918) - Mai-Erinnerungen (1923) - Eine Fahrt nach Georgien (1921) - Fahrt nach Belgrad (1925) - Politische Gefangene im zaristischen Russland (1914) - Russische Frauen gestern und heute (1932) - Vienna under the Red Flag (1929)

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Seitenzahl: 128

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Luise Kautsky

Erlebtes und Erfahrenes

Gesammelte Schriften – Band 5

Impressum

Luise Kautsky – Gesammelte Schriften
herausgegeben von 
Günter Regneri
Band 5: Erlebtes und Erfahrenes
heptagon Verlag
Berlin 2023
https://heptagon.de
ISBN: 978-3-96024-004-4
Das E-Book folgt den von Luise Kautsky verfassten und im Zeitraum 1914 bis 1950 publizierten Buch- und Zeitungsartikeln. Die Orthografie wurde behutsam an die neue Rechtschreibung angepasst, offensichtliche Fehler im Druck wurden stillschweigend korrigiert. Die Schreibweise von Personen, Organisationen und Zeitschriften wurde vereinheitlicht. Dieses Buch ist auch als Print-Buch (ISBN: 978-3-96024-005-1) erhältlich.
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Vorwort des Herausgebers
Abschnitt 1: Früheste Erinnerungen
Bruchstück einer Autobiografie
Abschnitt 2: Novemberrevolution
Im Haupttelegrafenamt
Meine Rolle im Auswärtigen Amt
Abschnitt 3: Reisen und Begegnungen
Mai-Erinnerungen
Eine Fahrt nach Georgien
Fahrt nach Belgrad
Politische Gefangene im zaristischen Russland
Russische Frauen von gestern und heute
Abschnitt 5: Rotes Wien
Vienna under the Red Flag
Russische Sozialisten
Drucknachweise

Vorwort des Herausgebers

Luise Kautsky (1864–1944), Freundin von Rosa Luxemburg und Ehefrau des sozialistischen Theoretikers Karl Kautsky, gehörte in den ersten vier Dekaden des 20. Jahrhunderts zu den meist geachteten Persönlichkeiten der internationalen sozialistischen Bewegung. Sie knüpfte ein »soziales Netzwerk« mit zahlreichen Menschen aus aller Welt und hielt es mithilfe ihrer Sprachkenntnisse – neben ihrer Muttersprache sprach sie fließend Englisch, Französisch und Italienisch – brieflich und persönlich aufrecht.

Luise Kautsky trat auch als Publizistin in Erscheinung. Ihr Œuvre umfasst mehrere hundert Druckseiten, darunter auch Reise- und Erlebnisberichte, zu denen die elf Texte dieses Buches gehören. Da eine chronologische Ordnung nach Publikationsdatum nicht sinnvoll erschien, sind sie in fünf thematische Abschnitte gegliedert: Früheste Erinnerungen, Novemberrevolution, Reisen und Begegnungen, Zaristisches Russland und Sowjetunion sowie Rotes Wien.

Die Abschnitte Früheste Erinnerungen und Rotes Wien fallen dabei etwas aus dem Rahmen. So enthalten beide jeweils nur einen Text, der wiederum eine spezielle Publikationsgeschichte besitzt. Früheste Erinnerungen enthält das »Bruchstück einer Autobiographie«, in dem Luise Kautsky aus ihrer frühen Kindheit erzählt. Der Text erschien posthum als Buchkapitel in der Briefsammlung Briefe an Freunde von Rosa LUXEMBURG. Benedikt Kautsky gab das bereits von seiner Mutter fertiggestellte Manuskript im Jahr 1950 heraus. Rotes Wien dagegen besteht aus einem englischsprachigen Text: »Vienna under the Red Flag«. Luise Kautsky hatte ihn 1929 in dieser Sprache für The Social Democrat, ein Funktionärsmagazin der britischen Labour Party verfasst. Darin analysiert sie die erfolgreiche Umgestaltung der gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen im sozialdemokratisch regierten Wien seit 1918. Der Text erschien 1930 – jeweils übersetzt – in einer schwedischen und in einer finnischen Zeitschrift, jedoch nie in Deutsch.

In den beiden Texten des Abschnitts Novemberrevolution schildert Luise Kautsky einige ihrer Aktivitäten im Herbst 1918, als sie aufgrund ihrer Sprachkenntnisse im Auftrag des Rates der Volksbeauftragten, der deutschen Revolutionsregierung, »Im Haupttelegrafenamt«, die kaiserlichen Beamten kontrollierte, die dort bis dato die Auslandstelegramme zensierten. In »Meine Rolle im Auswärtigen Amt« wehrt sie sich gegen eine frauenfeindliche Hetzkampagne der rechten Presse gegen sie, als sie im Dezember 1918 zur Unterstützung von Karl Kautsky ins Außenamt wechselte (Orginaltitel »Eine Abwehr«).

Der Abschnitt Zaristisches Russland und Sowjetunion enthält ebenfalls zwei Texte. Im ersten, »Politische Gefangene im zaristischen Russland« berichtet Luise Kautsky – mit einem besonderen Fokus auf die Situation der betroffenen Frauen – über einen Vortrag, der der Berliner Öffentlichkeit im März 1914 die menschenverachtenden Zustände der zaristischen Justiz und ihres Gefängnissystems aufzeigen wollte. 18 Jahre später griff Luise Kautsky in »Russische Frauen von gestern und heute« die Situation der dortigen Frauen wieder auf.

Den Kern des Buches bildet jedoch der Abschnitt Reisen und Begegnungen, der mit seinen drei Texten gut die Hälfte dieses Bandes ausmacht.

In »Mai-Erinnerungen« schildert sie die großen internationalen Maidemonstrationen, an denen sie zwischen 1890 und 1919 teilnehmen und die führenden Persönlichkeiten der sozialistischen Bewegung kennen lernen konnte.

Der ausführliche Reisebericht »Eine Fahrt nach Georgien« resultiert aus Luise Kautskys Besuch der Demokratische Republik Georgien. Im Spätsommer 1920 reiste sie an der Seite ihres Mannes in Richtung Kaukasus ab. Zu diesem Zeitpunkt existierte Georgien als unabhängiger Staat, von zahlreichen Ländern völkerrechtlich anerkannt. Die georgischen Sozialdemokraten hatten Karl Kautsky neben anderen Vertretern der Zweiten Internationale eingeladen, den gesellschaftspolitischen Umbau ihres Landes zu begutachten. Während Karl vornehmlich mit den Mitgliedern des sozialdemokratischen Parteivorstandes und ihrer Parlamentsfraktion diskutierte, tauchte Luise Kautsky, soweit es ihr möglich war, in den georgischen Alltag ein, besuchte Märkte, Theater, Schulen und Frauenversammlungen. Im Januar 1921 kehrten die Kautskys aus Georgien zurück. Luise verschriftlichte ihre Eindrücke und musste dann erfahren, dass die Rote Armee das Land überfallen und annektiert hatte. Die Wiener Arbeiter-Zeitung publizierte im April 1921 ihren Bericht als dreiteiligen Feuilletonartikel unter dem Titel »Eine Fahrt nach Georgien«, der auch im selben Jahr – ins Französische übersetzt – in der von der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Georgiens im Pariser Exil herausgegebenen Textsammlung L'Internationale Socialiste et la Géorgie abgedruckt wurde. Ebenfalls unter dem Titel »Eine Fahrt nach Georgien« erschien im Juni 1921 ein zweiteiliger Artikel von Luise Kautsky in Die freie Welt, einer illustrierten Wochenbeilage zur USPD-Zeitung Freiheit. Im georgischen Teil unterscheiden sich die beiden Artikel nur wenig, doch Die freie Welt druckte auch Luise Kautskys Beschreibungen der Reisestationen bis zur Ankunft in Georgien ab, wodurch sich ein etwa 30% größerer Umfang ergab. Im vorliegenden Band bildet er deshalb die Grundlage; die Artikelserie der Arbeiter-Zeitung steuert die strukturierenden Kapitelüberschriften und weitere Ergänzungen bei.

Vier Jahre später veröffentlichte die Arbeiter-Zeitung einen weiteren Reisebericht von Luise Kautsky. Ihre »Fahrt nach Belgrad« beschrieb dem sozialdemokratischen österreichischen Lesepublikum Eindrücke des Balkans, der zu diesem Zeitpunkt aus dem Fokus der mitteleuropäischen Wahrnehmung verschwunden war.

Das vorliegende Buch ist als Lesebuch konzipiert. Die Orthografie wurde behutsam an die neue Rechtschreibung angepasst, offensichtliche Fehler im Druck wurden stillschweigend korrigiert, die Schreibweise von Personen, Organisationen und Zeitschriften vereinheitlicht. Soweit die Textüberschriften durch den Herausgeber gewählt wurden, erscheinen sie kursiv. Die vollständigen Drucknachweise der Texte finden sich am Ende des Buches.

Günter Regneri

Früheste Erinnerungen

Bruchstück einer Autobiografie

Unzählige Male hat Rosa Luxemburg mir das Versprechen zu entlocken versucht, meine Lebenserinnerungen niederzuschreiben. Alle meine Einwände, dass sie keinen Menschen interessieren würden und dass ich daher nie den Mut dazu aufbringen würde, bezeichnete sie als Kleinheitswahn und bekämpfte sie unermüdlich mit dem Argument: »Was willst Du? Wenn Du die Leser nur halb so sehr zu fesseln weißt, wie mich mit Deinen Erzählungen, so kannst Du zufrieden sein.« Und da sie wahrlich in literarischen Dingen nicht die erste Beste war, so fasste ich langsam Mut und trat ihrer Idee näher. Freilich dachten wir beide uns deren Ausführung anders. Nach unser beider Wunsch sollte die Arbeit eine gemeinsame werden, insofern als Rosa, die die Anregung dazu gegeben, ihr Werden liebevoll überwachte und mich Schritt für Schritt dabei stützen wollte. Wie oft trieb sie mich dazu, endlich anzufangen, denn für sie gab es nicht Hübscheres, als wenn wir auf unsern gemeinsamen Spaziergängen, Ausflügen und größeren Reisen uns in die Vergangenheit versenkten. Und in ihrem Wesen lag es, auch von dem, was für sie nach ernster Arbeit Lust und Spiel bedeutete, der Welt Kunde zu geben.

»Aus nichts schöpfen die Menschen so reiche Belehrung zugleich mit Menschenkenntnis, nichts macht ihnen so viel Vergnügen, als die Lebensschicksale an derer studieren zu können.« Die Lektüre von Biographien, besonders von Selbstbiographien, bildete eine ihrer größten Freuden. Die Übersetzung von Korolenkos Autobiographie, deren Schönheiten sie nicht müde wurde, in ihren Briefen zu rühmen, und in die sie förmlich verliebt war, half ihr über ungezählte einsame Kerkerstunden hinweg.

Immer wieder ermahnte sie mich, fleißig Biographien zu lesen und mich daran zu bilden, um einst selbst in die Reihen derer zu treten, die der Welt etwas zu sagen haben. Wenn ich jetzt den Mut dazu aufbringe, so treibt mich fast mehr noch als das Verlangen nach Mitteilung meiner Erlebnisse der Wunsch, das Vermächtnis meiner toten Freundin auszuführen und damit ihr geheiligtes Andenken zu ehren.

Ich bin im August 1864 in Wien »auf der Wieden«, wie der IV. Stadtbezirk im Volksmund heißt, geboren. Mein Geburtshaus war eines jener nur zweistöckigen schönen alten Wiener Häuser mit dicken Mauern und gewölbten Zimmern, wie sie sich in entlegenen Vorstädten heute noch vereinzelt finden. Durch ein breites zweiflügliges Tor gelangte man in einen riesigen Hof, den das Hauptgebäude umschloss und in dessen vier Ecken sich die vier Treppenaufgänge befanden. Durch ein zweites, ebenso breites Einfahrtstor ging es in einen zweiten Hof, dessen Abschluss ein wundervoller parkartiger Garten bildete. Diese Höfe waren für uns Kinder des Hauses das Paradies, das uns umso begehrenswerter erschien, als der Aufenthalt darin verboten war. Wie jedoch die meisten Verbote nur dazu erlassen sind, um umgangen zu werden, so war es auch in diesem Fall. Weder die von uns sehr gefürchtete Hausbesitzerin, eine alte, adelsstolze Dame, die auf ihren Krückstock gestützt zu den uns ungelegensten Zeiten aus versteckten Gängen oder Kellerwinkeln wie die leibhaftige Hexe im Märchen aufzutauchen pflegte und vor deren drohend geschwungenem Stock wir schleunigst Reißaus nahmen, noch die mit Stentorstimme gebrüllten Drohungen unseres Hausmeisters, dem seine Ehehälfte gellend sekundierte und der uns die ärgsten Höllenstrafen in Aussicht stellte, wenn wir uns, verstärkt durch seine eigenen sieben Rangen, jemals wieder auf dem Hofe blicken ließen, vermochten uns davon abzuhalten, immer und immer wieder den Schauplatz unserer kindlichen Spiele nach den geliebten Höfen zu verlegen. Denn war schon der vordere Hof etwas ganz Herrliches, so war der hintere Hof, wie wir ihn nannten, für uns einfach die Insel der Seligen. Bot uns schon der erste Hof stete Abwechslung, weil nicht nur immer viele Lastwagen und Fuhrleute kamen und gingen, sondern auch die Arbeiterinnen der großen im Hause befindlichen Korkstoppelfabrik1 sich an ihren großen Sortiertischen im Freien aufhielten und für uns Kinder immer ein freundliches Wort und einen heiteren Scherz übrig hatten, und weil in einer Ecke des Hofs sich ein Milch verkauf befand, mit dessen Kunden wir gute Freundschaft hielten, während wir in der andern Ecke die höchst interessanten Vorgänge in einer Strohhutbleicherei beobachten konnten, so waren diese Genüsse doch alle nichts gegen die Freuden des »hinteren Hofes«. Dort wuchs Gras, dort waren Mäuerchen mit Stufen und Nischen, dort war, o höchstes Entzücken, ein großer Pumpbrunnen, aus dem zu schöpfen wir nie müde wurden, dort spendeten uns die alten Bäume über den Zaun hinweg ihren Schatten, dort war — was kann es herrlicheres für ein Stadtkind geben? — der große Kuhstall des Milchhändlers, mit dessen schönen Töchtern und dessen Schweizern wir auf gutem Fuße standen und für den wir uns immer etwas zu tun machten, um unsere Daseinsberechtigung zu erweisen. Denn wenn wir auch im hintern Hofe den Augen der verschiedenen Cerberusse des Vorderhofes, zu denen sich unsere sehr energische und mundfertige Kindsfrau gesellte, etwas entzogen waren, so wussten wir doch, dass jede Minute uns die Vertreibung aus dem Paradies bringen konnte, und wollten uns dagegen schützen, indem wir unsere Unentbehrlichkeit durch kleine Handlangungen bewiesen; wir schleppten Wasser in den Stall, halfen Milchkübel reinigen, Heu abladen, machten uns bei den Pferden zu schaffen, kurz, kamen uns dabei ungemein wichtig vor, umso wichtiger und glücklicher, als über all diesem Tun und Treiben der Hauch des Verbotenen und daher etwas Geheimnisvollen lag.

Mehrere Jahre meiner frühen Kindheit, allerdings nur in der guten Jahres zeit, konnten wir uns unseres höfischen Zeitvertreibs erfreuen, doch reicht meine Erinnerung weiter zurück bis in das Alter von zwei Jahren. Und zwar sind mir manche Szenen aus dem Kriegsjahr 1866 im Gedächtnis geblieben. Man hatte uns Kinder — einen 1863 gebornen Jungen, mich und ein ganz kleines Brüderchen — mit einer alten Kindsfrau über den Sommer in die Nähe Wiens aufs Dorf geschickt und der Bauer, bei dem wir wohnten, hatte sächsische Einquartierung bekommen. Das war nun für uns Kleinen ein Hauptspaß. Den ganzen Tag trieben wir uns zwischen den Mannschaften und Pferden umher, die ihre helle Freude an den zwei lebhaften Gören hatten, uns auf die Pferde setzten, mit ihren Mordwerkzeugen spielen, in ihre Trompeten tuten und auf ihre Trommeln schlagen ließen, kurz auf alle Weise Allotria mit uns trieben, so dass uns bald die innigste Freundschaft mit diesen fremden Eroberern verband und das Scheiden von ihnen uns großes Herzeleid verursachte. So stark waren die Eindrücke dieser Zeit auf die nur Zweijährige, dass ich noch heute nur die Augen zu schließen brauche, um die ganze lebhafte Szenerie vor mir zu sehen: die freundlichen, meist blondköpfigen Soldaten, die mit allen möglichen Hantierungen beschäftigt waren, die Pferde im Hofe und im Tor bogen, die beiseite gestellten blitzenden Gewehre, die dampfenden großen Speisenkessel; dass ich noch heute die sächsischen Laute der Soldaten vernehme, die mein Brüderchen »eenen butz'chen Jungen« nannten, noch heute den Zapfenstreich höre, der die kleine Schläferin aus ihrem ersten Schlaf weckte.

Dem Kriegssommer von 1866 folgten noch einige in der schönen Umgebung von Wien verbrachte. Der Frühling des Jahres 1868 brachte eine für uns Kinder ungemein wichtige Veränderung in Gestalt einer neuen Kinderfrau. Eine Schmiedstochter war sie, wegen irgendwelcher Familienzwistigkeiten aus ihrer oberösterreichischen Kleinstadt zum ersten Mal nach Wien gekommen, um Stellung zu suchen, und der Zufall führte sie in unser Haus, in dem sie sich in ganz kurzer Zeit eine alles beherrschende Stellung zu schaffen wusste. Trotz dem sie sich als Provinzlerin in unserm etwa dreißig Köpfe zählenden groß städtischen Haushalt anfangs recht einsam und verloren gefühlt haben mochte, trotzdem die städtische Gottlosigkeit der bis zur Bigotterie gläubigen Katholikin ein Gräuel gewesen sein muss, trotzdem das städtische Milieu an die vom Lande kommende die größten Anforderungen stellte, überwand ihre zähe Energie und ihre Intelligenz in kürzester Zeit alle diese Schwierigkeiten. Für uns Kinder war der Tag ihres Eintritts in unser Haus ein Glückstag. Meisterhaft verstand sie es, den Eifer, das Pflichtbewusstsein, den Wissensdurst, die Arbeitsfreude, die sie selbst beseelten, uns mitzuteilen, uns zu unermüdlichem Fleiß anzuspornen, uns beizubringen, dass jede Art der Arbeit eine Lust sei. Spielend brachte sie uns alles bei, so dass ich noch vor Vollendung meines vierten Lebensjahres lesen konnte und nicht müde wurde, von meiner neuen Wissenschaft Gebrauch zu machen. Sie war die geborene Pädagogin.

1

Der Zufall will es, dass Adelheid Popp, die Führerin der österreichischen Arbeiterinnenbewegung, in ihren Lebenserinnerungen hierauf zu sprechen kommt, dass sie als junges Mädchen einige Jahre in dieser selben Korkenfabrik des Herrn Robert Pecker arbeitete.

Novemberrevolution

Im Haupttelegrafenamt

Im Sybillenverlag in Dresden ist 1927 ein Buch erschienen, als dessen Verfasser ein Herr Bruno MANUEL zeichnet. Den Titel Nackte Tatsachen entnimmt er jenem launigen Ausspruch, den Adolph Hoffmann einmal getan, als er nach einer feurigen Rede der bekannten Kommunistin Ruth Fischer (den Wienern noch bekannter unter dem Namen Elfriede Friedländer) zu Worte kommen sollte. Ruth Fischer hatte wie gewöhnlich nicht nur ihre Gesinnung, sondern auch einige ihrer Reize schonungslos enthüllt, denn in der Hitze des Gefechts war ihr die lose Zunge aus- und die lose Bluse weit über die Schulter herabgerutscht. Worauf sich Adolph Hoffmann unter dem verständnisvollen Beifall der Versammlung auf die trockene Erklärung beschränkte: »Diesen nackten Tatsachen habe ich nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen.«

Als Motto benützt der Verfasser einen Ausspruch von Kerr: »Die Kunstform der Zukunft heißt: Anekdote (für die nächsten zwei Jahrtausende todsicher).« Und der Untertitel des Buches lautet: Anekdoten aus einer jungen Republik. Kleine Geschichten von großen Männern.

Da mich dieser Untertitel lockte, so nahm ich mit einiger Spannung das Buch zur Hand. Wie erstaunte ich, als ich entdeckte, dass der erste große »Mann«, den Herr Manuel beim Wickel hat, meine Wenigkeit ist. Wahrlich, in meinen kühnsten Träumen hatte ich nie gewagt, mich den großen Männern zuzuzählen! Die Anekdote, die er von mir zum Besten gibt, lautet folgendermaßen: