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Luise Kautsky stellt in Kurzporträts 15 bedeutende Frauen in der Geschichte der Arbeiterbewegung vor: Jenny Marx, Helene Demuth, Minna Kautsky, Julie Bebel, Emma Ihrer, Clara Zetkin, Wera Sassulitsch, Luise Zietz, Nina Bang, Anna Ingermann, Rosa Luxemburg, Oda Olberg, Fruma Frumkin, Eva Broido und Evstolia Ragozinnikowa.
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Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Luise Kautsky gehörte in den ersten vier Dekaden des 20. Jahrhunderts zu den bekanntesten Persönlichkeiten der internationalen sozialistischen Bewegung.
Geboren wurde Luise Kautsky am 11. August 1864 in Wien als Luise Ronsperger, Tochter einer wohlhabenden jüdischen Familie, die im 4. Bezirk (Wieden) eine Konditorei betrieb. Luises vollständig assimilierte Eltern sorgten für eine profunde Schulausbildung. Auf der Höheren Bildungsschule des Wiener Frauen-Erwerb-Vereins lernte Luise unter anderem Englisch, Französisch sowie im Abendkurs auch Italienisch.
1890 heiratete sie den sozialistischen Theoretiker Karl Kautsky und siedelte nach Deutschland über, erst nach Stuttgart, 1897 nach Berlin. Luise Kautsky arbeitete – wie damals durchaus üblich – unbesoldet als Privatsekretärin und Übersetzerin ihres Ehemanns. Sie verwandelte ihr Zuhause in eine offene Heimstatt für alle Sozialistinnen und Sozialisten, ungeachtet dessen woher sie kamen. Ihre Sprachkenntnisse nutzte sie, um ein »soziales Netzwerk« mit zahllosen Menschen aus aller Welt zu knüpfen. Ihre private Briefkorrespondenz – ohne den Geschäftsverkehr für Karl und ohne die Briefe an Familienmitglieder – umfasst über 500 Adressaten.
Im Schatten ihres Ehemanns trat Luise Kautsky selbst als Publizistin in Erscheinung. Ihr Œuvre umfasst mehrere hundert Druckseiten. Über einen Zeitraum von mehr als vierzig Jahren übersetzte sie mehrere Bücher und diverse Artikel aus dem Französischen und Englischen, rezensierte belletristische und sozialistische Literatur und verfasste Texte für Bücher und Zeitschriften. Innerhalb des internationalen Netzwerks sozialistischer Zeitschriften waren ihre biografischen Artikel anlässlich von Gedenk- oder Todestagen besonders beliebt.
Texte solcherart beinhaltet das vorliegende Buch. Luise Kautsky porträtiert darin fünfzehn Frauen der internationalen sozialistischen Bewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Luise Kautsky kannte die Mehrzahl der Frauen persönlich und war mit den meisten befreundet.
Viele der beschriebenen Frauen sind heute aus der öffentlichen Erinnerung verschwunden, genossen aber zu ihren Lebzeiten große Bekanntheit. Eine Ausnahme bildet Rosa Luxemburg, deren Texte in Deutschland auch 100 Jahre nach ihrem Tod noch heftige politische Kontroversen auslösen.
Mit Rosa Luxemburg verband Luise die engste Freundschaft, der auch das politisches Zerwürfnis zwischen Rosa und Luises Ehemann Karl nichts anhaben konnte. In diesem Buch finden sich zwei Texte über Rosa Luxemburg, Gedenkartikel, die erstmals anlässlich ihres zehnten und des fünfzehnten Todestages veröffentlicht worden waren.
Neben Rosa Luxemburg umfasst der Kreis der Portraitierten die unterschiedlichsten Persönlichkeiten: Die Dänin Nina Bang bekleidete als erste Frau ein Ministeramt in einer international anerkannten Regierung. Julie Bebel war wie die Autorin selbst die Ehefrau eines Arbeiterführers, August Bebel. Mit Helene Demuth und Jenny Marx portraitiert Luise Kautsky aus dem privaten Umfeld von Karl Marx.
Eva Broido und Wera Sassulitsch erlitten im zaristischen Russland Gefängnis, Exil und Verbannung und kämpften auf Seiten der menschewistischen Sozialisten in den Revolutionen von 1905 und 1917. Fruma Frumkina und Evstolia P. Ragozinnikowa hatte Luise Kautsky nicht persönlich kennengelernt. Die beiden gehörten der sozialrevolutionären Partei in Russland an und wurden als Attentäterinnen auf besonders brutale zaristische Funktionsträger hingerichtet. Die US-amerikanische Ärztin Anna Ingermann stammte ursprünglich aus Russland und stand in regem Briefkontakt mit Luise Kautsky.
Emma Ihrer und Luise Zietz repräsentieren zwei deutsche Gewerkschafterinnen der Kaiserzeit. Die sozialistische Schriftstellerin Minna Kautsky war Stammkundin im Kaffeehaus der Familie Ronsperger, wo die damals 16-jährige Luise sie kennenlernte. 1890 heiratete Luise Minnas Sohn Karl Kautsky. Oda Olberg stammte aus Bremerhaven, lebte und arbeitete viele Jahre als Journalistin und Übersetzerin in Italien und Österreich, bevor sie 1934 nach Argentinien emigrierte. Clara Zetkin lernte Luise Kautsky bereits in den 1890er Jahren in Stuttgart kennen. Zetkin arbeitete damals als Journalistin und Herausgeberin der sozialdemokratischen Frauenzeitschrift Die Gleichheit, für die auch Luise Kautsky diverse Artikel schrieb. Später wurde Zetkin eine der führenden Politikerinnen der KPD.
Die Autorin selbst gehörte zu ihren Lebzeiten zu den meist geachtetsten Frauen der internationalen sozialistischen Bewegung. Luise Kautskys damaliger Bekanntheitsgrad kann überhaupt nicht überschätzt werden. Er reichte sogar bis in die menschengemachte Hölle der nationalsozialistischen Vernichtungslager. Als sie als 80-jährige nach Auschwitz-Birkenau verschleppt wurde, retteten Mitgefangene Luise Kautsky vor der Gaskammer, indem sie sie von der Selektionsrampe in den Krankenblock des Lagers schmuggelten. Dort starb Luise Kautsky am 8. Dezember 1944.
Das vorliegende Buch ist als Lesebuch konzipiert. Es folgt den von Luise Kautsky im Zeitraum 1907 bis 1934 publizierten Buch- und Zeitungsartikeln. Die Orthografie wurde behutsam an die neue Rechtschreibung angepasst, offensichtliche Fehler im Druck wurden stillschweigend korrigiert, die Schreibweise von Personen, Organisationen und Zeitschriften vereinheitlicht. Originalfußnoten der Autorin wurden mit arabischen Ziffern gekennzeichnet und als Endnoten am Ende des jeweiligen Kapitels platziert.
Günter Regneri
(1866 – 1928)
Quelle: »Erinnerungen und Gestalten aus der Internationale«, in: Handbuch der Frauenarbeit in Österreich. Herausgegeben von der Kammer für Arbeiter und Angestellte in Wien, Wien (Kammer für Arbeiter und Angestellte) 1930, S. 618–642.
Eine liebliche, blonde, schlanke, junge Frau, die mit vom Mutterglück verklärtem Gesicht uns ihr kleines Mädelchen präsentiert, das sie auf dem Arm trägt – so führte sich Nina Bang etwa um das Jahr 1900 bei uns in Berlin ein. Sie und ihr hochaufgeschossener, schmalschultriger Mann, von dem sie unzertrennlich war, hörten damals Vorlesungen an der Berliner Universität und wollten auch das deutsche Parteileben an der Quelle studieren.
Nina Bang entstammte einer deutschen Beamten- und Gelehrtenfamilie – ihr Mädchenname war Ellinger. Aber sie war in Kopenhagen aufgewachsen, hatte nur dänische Schulen besucht und an der dortigen Universität promoviert. Sie hatte es zu den höchsten Graden gebracht und war wegen ihrer wissenschaftlichen Leistungen schon bei ihren Professoren sehr angesehen.
Von brennendem Lerneifer beseelt, macht sich die junge Gelehrte an die Erforschung der in den Kopenhagener Staatsarchiven ruhenden wirtschaftsgeschichtlichen Aktenstöße. Da waren keine blendenden Erfolge zu holen, da galt es unermüdlich zu arbeiten, mit der Emsigkeit einer Ameise an einem Material, das über alle Begriffe langweilig war und dem Laien ganz gleichgültig erschien. Bestand es doch aus Tausenden und Abertausenden von Rechnungen über die Sundzölle, das sich über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte erstreckte. Nina Bangs wissenschaftlicher Scharfsinn hatte aber erkannt, dass in diesem ermüdend gleichförmigen Material ungemein wertvolle Aufschlüsse steckten, für die Geschichte der Hanse und des Handels von England bis nach Russland sowie für die Geschichte der Wirtschaft und der Schifffahrt ihres eigenen Landes.
Sie hat zuerst dieses wichtige Material der wissenschaftlichen Forschung erschlossen, und zwar anfänglich nur ihrer eigenen Forschung. Als sie aber ihrer Sache sicher war, gelang es ihr, weitere maßgebende Kreise von der Wichtigkeit dieser archivalischen Schätze zu überzeugen und sie zu deren Ausbeutung heranzuziehen.
Großer Forschungsdrang gepaart mit zäher Energie und einem angeborenen Organisationstalent ließen sie eine Organisation ins Leben rufen, die unter ihrer Leitung das ungeheure Material verarbeitete. Die nicht geringen Mittel dazu wurden von den Regierungen der daran interessierten Länder aufgebracht; auch verschiedene Stadtverwaltungen beteiligten sich an den sehr erheblichen Kosten. Für Nina Bang aber bedeutete dieses große Werk über die Sundzölle eine Lebensarbeit, von der sie allerdings oft seufzend sagte, dass ihr eigenes Leben zu deren Vollendung wohl nicht ausreichen werde. Leider hat sie mit dieser Prophezeiung Recht behalten.
Schon auf der Universität hatte Nina mit dem Studenten der Geschichtswissenschaften Gustav Bang einen Herzensbund geschlossen. Er war überzeugter Marxist und gleich ihr ein ernster und trotz seiner Jugend in Kreisen der Partei und der Wissenschaft hoch angesehener Forscher. Leider zerriss sein frühzeitiger Tod diese harmonische Ehe, in der zwei Menschen sich in seltener Übereinstimmung zu gemeinsamer wissenschaftlicher Forschung zusammengefunden hatten. Und diese Harmonie hatte sich nicht bloß auf ihr Denken, sondern auch auf ihr Fühlen erstreckt. Beide waren echte Sozialisten, die ihren Sozialismus fest verankert in sich trugen, deren ganzes Empfinden von ihm durchtränkt war.
Äußerst einfach und bescheiden in ihrem Auftreten, immer hilfsbereit, voll des tiefsten Respektes für diejenigen, die sie als treue Diener der Partei schätzten oder vor deren Wissen sie sich ehrfurchtsvoll beugten, so kannten und liebten wir sie und so bildeten sie um die Jahrhundertwende etwa ein Jahr lang eine Zierde unseres geselligen Kreises in Berlin.
Mit aufrichtigem Schmerz erfüllte uns die Nachricht von Gustav Bangs frühem Tode und wir fürchteten Schlimmes für den Gemütszustand der jungen Witwe, die so sehr an ihrem Mann gehangen hatte. Aber Nina Bang bewies uns und allen ihren Freunden, dass in ihrem zarten Körper ein stählerner Geist wohnte. Mit verdoppeltem Eifer stürzte sie sich in ihre wissenschaftliche Tätigkeit, daneben aber pflegte sie jetzt in verstärktem Maße auch die Arbeit in der Partei, die sie schon zu Lebzeiten ihres Mannes und mit diesem zusammen aufgenommen hatte. Da sie sich eigentlich zum Lehrberuf ausgebildet hatte, so wirkte sie mit Vorliebe in Unterrichtskursen und Schulen für die Arbeiterschaft, war für das dänische Parteiorgan als Mitarbeiterin tätig und wurde 1913 als Vertreterin der Sozialdemokratie in die Kopenhagener Stadtverwaltung gewählt. Fünf Jahre später wurde sie, die auf Grund ihrer wirtschaftlichen Kenntnisse auch bei den Gegnern die höchste Achtung genoss, als einzige Frau in die erste dänische Kammer (»Landsthing« gleich Oberhaus) und in den parlamentarischen Finanzausschuss berufen. Ihr Wirken in diesen Körperschaften verschaffte ihr immer allgemeinere Wertschätzung. Ihr Ansehen im In- und Ausland stieg von Jahr zu Jahr und die ganze sozialistische Internationale in der sie von jeher zuhause und sehr belieht war und deren Kongresse sie regelmäßig als dänische Delegierte besuchte, sah mit Stolz auf diese tüchtige Frau.
Und als 1924 das erste sozialistische Ministerium in Dänemark ans Ruder kam, verstand es sich von selbst, dass Nina Bang ihm angehören würde. Und ebenso selbstverständlich war es, dass man ihr das Unterrichtsministerium anvertraute, für das sie, wie kein zweiter Kandidat geeignet erschien.
Mit der Bescheidenheit, die von jeher ihr Wesen kennzeichnete und mit der ruhigen Sicherheit, die ihr Wissen ihr verlieh, aber auch mit stolzer Freude über den Sieg ihrer Partei, trat sie ihr neues Amt an, das ihr eine ungeheure Fülle von Mühe und Arbeit brachte. Charakteristisch für sie sind einige Äußerungen aus jener Zeit, als man sie fragte, wie sie sich als erster weiblicher Minister in Dänemark fühle. Sie fand, »es habe wohl eine gewisse Bedeutung für die Hunderttausende von Frauen, die allein leben müssen: Witwen, Geschiedene, Unverheiratete, die alle ums tägliche Brot arbeiten müssen. Für die mag es wohl einen gewissen Wert haben, dass eine Frau im Ministerium sitzt...« Und als man meinte, es müsse auch von Bedeutung für die »Frauenfrage« sein, da sagte sie lächelnd:
»Ich bin niemals an der ›Frauenfrage‹ speziell interessiert gewesen. Frauen, die einsam, unbefriedigt sind, denen der Lebensinhalt fehlt, greifen oft diese oder jene Frage auf. Ich war so glücklich, vor fünfundzwanzig Jahren vom Sozialismus ergriffen worden zu sein, der durchaus keine Frauenfrage, sondern die Frage an und für sich, für Männer wie für Frauen ist. Dem Sozialismus müssten alle die Hunderttausende einsamer Frauen angehören...« »Allerdings«,
fügte sie hinzu,
»umfasst gerade das Unterrichtsministerium viele Aufgaben, die für Frauen wichtig und für die eine Frau als Minister Bedeutung haben kann. Ich denke dabei an die Schulen, an die ganze Erziehung des neuen Geschlechtes, an die Kunst ... Wie freue ich mich gerade auf diese Wirksamkeit! Mir als alter Lehrerin wird das Schulwesen besonders am Herzen liegen. Bis hinauf zur Universität werden da Reformen nötig sein. Denn, wenn ich jetzt die Kritik meiner Tochter höre, so sehe ich, welche Fehler wir selbst gemacht haben und will nun trachten, nach Kräften zu verbessern, um es der heutigen kritischer gewordenen, lebhafter interessierten Jugend recht zu machen. Wenn sich auch – leider! – auf das politische Gebiet ihr Interesse noch viel zu wenig erstreckt!«
Mit kühnem Wagemut ging Nina Bang an alle diese Aufgaben heran, deren Lösung ihre ganze Kraft beanspruchte. Ihre universelle Bildung erleichterte ihr das Eindringen in die verschiedenen Gebiete, die in ihr Ressort fielen. Neben den Volksschulen, den höheren Lehranstalten, der Universität waren es auch noch die Museen und vor allem die Theater, auf die sie ihr Augenmerk richtete. Trotz aller Anfeindungen griff sie mit fester Hand in das Wespennest der Korruption, die sich nirgends so leicht einnistet, wie bei der Bühne. Und gerade das Geschrei, das die dort Gemaßregelten gegen sie erhoben, hat am meisten dazu beigetragen, ihre Wirksamkeit der breiten Öffentlichkeit vor Augen zu führen und ihr den Ruhm einer unbestechlichen Richterin zu verschaffen. »Endlich ein Mann« schrieb damals über ihre Tätigkeit ein konservatives Blatt, das an dem ganzen sozialistischen Ministerium sonst kein gutes Haar ließ.
Leider hat das Übermaß an Arbeit, das sie als Minister zu leisten hatte, ihren ohnehin nicht allzu kräftigen Körper untergraben. Besonders ihr Herz hielt den Anstrengungen nicht stand, die ihr Amt ihr auferlegte und denen sie sich mit vorbildlichem Pflichteifer unterzog. In jenen Monaten fieberhafter Arbeit holte sie sich den Keim zu der tödlichen Krankheit, der sie wenige Jahre später erliegen sollte.
Nina Bangs früher Tod war ein schwerer Schlag für ihr Heimatland, dessen Kultur sie nicht nur während ihrer ministeriellen Tätigkeit, sondern auch durch ihr früheres Wirken auf politischem und wissenschaftlichem Gebiet entscheidend beeinflusst hat.
Ihr Tod war ein schwerer Schlag für die sozialistische Partei ihres Landes, denn an der idealen Gestalt Nina Bangs prallte der giftige Hass der Bourgeoisie ab und die allzeit geschäftige Verleumdung verstummte vor ihrer reinen, makellosen Lebensführung.
Ihr Tod war aber auch ein harter Schlag für die gesamte sozialistische Internationale, an der sie mit allen Fasern hing. Während des Weltkrieges hat sie auf tausend Wegen versucht, den blockierten Deutschen zu helfen und sie war zum Beispiel untröstlich, als ihr amtlich verboten wurde, uns allwöchentlich eine kleine Ration Butter zukommen zu lassen. Bei der Stockholmer Konferenz 1917 galt ihre ganze mütterliche Fürsorge den deutschen und österreichischen Delegierten, besonders dem damals schon schwerkranken Viktor Adler. Die Härten des Versailler Vertrages empfand sie so bitter, als wären sie ihr selbst angetan. Als sie der Sitzung der deutschen sozialdemokratischen Fraktion als Gast beiwohnte, in der diese sich entschließen musste, den grausamen Vertrag zu unterzeichnen, da war sie so erschüttert, dass sie in Tränen ausbrach. Bei der ersten internationalen sozialistischen Konferenz, die nach dem Krieg in Bern stattfand, erschien selbstverständlich auch Nina Bang. Und heute noch danken ihr die zwei Delegierten der deutschen »Mehrheitler« Otto Wels und Hermann Müller für den Trost, den ihnen die Anwesenheit und die warme Anteilnahme dieser treuen Freundin in der für sie so feindseligen Atmosphäre dieses Kongresses gewährte. Denn Nina Bang war mutig und stand zu ihrer Meinung.
Einen Beweis ihrer persönlichen Tapferkeit gab sie auch, als sie von der dänischen Sozialdemokratie zur Begrüßung des Parteitages der ungarischen Genossen nach Budapest delegiert wurde. Diese warnten sie dringend vor jeder demonstrativen Kundgebung, etwa durch das Tragen von roten Blumen oder Abzeichen. Doch Nina Bang erschien geschmückt mit roten Nelken im Kongresslokal und ließ sich durch die Anwesenheit der zahlreichen Polizisten durchaus nicht abschrecken. Und ebensowenig ließ sie sich davon abhalten, die Gräber der Opfer der Horthyterrors zu besuchen, was auf die ungarischen Genossen in ihrer schweren Bedrücktheit einen ungemein anfeuernden Eindruck machte.
So haben dieser Frau überall, wo sie auftrat, alle Herzen entgegengeschlagen, ist ihr überall, wo sie wirkte, Achtung und Verehrung entgegengebracht worden.
Auf die Einzelheiten ihrer fruchtbaren Tätigkeit einzugehen, ist in einer kurzen Skizze nicht nicht möglich. Eines aber darf nicht unerwähnt bleiben, wenn von einer deutschen Feder Nina Bangs Lebenswerk zu schildern versucht wird: Das ist ihr heißes Streben nach der Einigung der deutschen sozialistischen Partei, deren Spaltung ihr tiefen Kummer verursachte.
Nie habe ich sie fröhlicher und glücklicher gesehen, als beim Einigungskongress in Nürnberg 1922, wo sie meinen Mann und mich unter Freudentränen umarmte. Dass »der alte Kautsky« in der großen geeinten deutschen Partei wieder den gewohnten Platz einnehmen werde, das gewährte ihr die größte Genugtuung. Nannte sie sich doch mit Stolz seine Schülerin und hatte sie doch schon im Herbst 1921 durchgesetzt, dass er als erster Sozialdemokrat an der Kopenhagener Universität eine Reihe von Vorträgen über die materialistische Geschichtsauffassung halten durfte.
Diese Vorträge bildeten die Basis zu dem späteren gleichnamigen Werk meines Mannes. Als er es ihr zum Zeichen seiner dankbaren Verehrung übersandte, lag sie schon todkrank im Hospital. Die Zeilen, in denen sie ihm voll Rührung dankte und die Hoffnung aussprach, bald die Kraft zu finden, um das Buch zu studieren, war das letzte Lebenszeichen, das wir von ihr erhielten. bald die Kraft zu finden, um das Buch zu studieren, war das letzte Lebenszeichen, das wir von ihr erhielten.
(1843 – 1910)
Quelle: »Dem Andenken einer braven Frau. Zum 20. Todestage Julie Bebels«, in: Der Abend (Spätausgabe des Vorwärts), 22. November 1930, Beilage.
Julie Bebel besaß Eigenschaften, die aus ihr mehr machten, als nur die stets liebevolle, hingebende und opferwillige Gattin. Vor allem besaß sie Verständnis für die hohe Aufgabe und für die idealen Ziele, in deren Dienst ihr Mann sein Leben gestellt hatte. Nie hat Bebel unter den Klagen zu leiden gehabt, mit denen so manche Frauen unseren kämpfenden Genossen das Zuhause vergällen, wenn sie nicht einsehen wollen, dass Partei und Politik eben den ganzen Mann erfordern, soll er auf seinem Posten etwas Tüchtiges leisten. Bis ins Alter hat sie sich jene sonnige Heiterkeit bewahrt, die ihr in der Jugend eigen war und die wohl auch den vierundzwanzigjährigen Bebel bezaubert und zu ihr hingezogen hat.
Im Leipziger Arbeitergesangverein hatte er die junge, fröhliche Putzmacherin kennengelernt. Bebel erzählt, dass er, wie alle, die nicht singen können, dort ersten Bass gesungen habe. Julie aber konnte singen, denn Musik war und blieb ihre Leidenschaft. Für sie gab es nichts Höheres als Konzerte oder Oper und oft erzählte sie mir, dass sie auch in schlimmen Tagen ihren letzten Groschen gegeben habe, um berühmte Sänger oder Sängerinnen zu hören.
