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In sehr persönlich gehaltenen Miszellen berichtet Luise Kautsky (1864– 1944) über Männer, die in der europäische Arbeiter*innenbewegung im 19. und frühen 20. Jahrhunderts eine hervorragende Rolle spielten. Neben Karl Marx, den Kautsky nicht persönlich getroffen hatte, sind es 17 weitere Perönlichkeiten, die sie alle kannte und von denen die meisten zu irgendeiner Zeit Gäste in ihrem Haus waren: Aus der deutschen Sozialdemokratie porträtiert sie Leo Arons und Karl Kautsky sowie die ehemaligen Parteivorsitzenden August Bebel, Wilhelm Liebknecht, Hugo Haase und Hermann Müller. Mit Karl Liebknecht und Paul Levi werden auch zwei ehemalige Vorsitzende der KPD beschrieben. Hinzu kommen der Schweizer Herman Greulich, der Franzose Jean Jaurès und die Russen Paul Axelrod, Julius Martow, Georgi Plechanow sowie Lenin und Trotzki. Auch zwei mit der Arbeiterbewegung verbundene Künstler sind Teil des Reigens: der Theatermaler Hans Kautsky und der Schriftsteller Maxim Gorki.
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Seitenzahl: 118
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Die Autorin Luise Kautsky gehörte in den ersten vier Dekaden des 20. Jahrhunderts zu den bekanntesten Persönlichkeiten der internationalen sozialistischen Bewegung. Ihr damaliger Bekanntheitsgrad kann überhaupt nicht überschätzt werden. Er reichte sogar bis in die menschengemachte Hölle der nationalsozialistischen Vernichtungslager. Als sie als 80-jährige nach Auschwitz-Birkenau verschleppt wurde, retteten Mitgefangene Luise Kautsky vor der Gaskammer, indem sie sie von der Selektionsrampe in den Krankenblock des Lagers schmuggelten. Trotz aller Bemühungen starb Luise Kautsky dort am 8. Dezember 1944.
Geboren wurde Luise Kautsky am 11. August 1864 in Wien als Luise Ronsperger, Tochter einer wohlhabenden jüdischen Familie, die im 4. Bezirk (Wieden) eine Konditorei betrieb. Luises vollständig assimilierte Eltern sorgten für eine profunde Schulausbildung. Auf der Höheren Bildungsschule des Wiener Frauen-Erwerb-Vereins lernte Luise unter anderem Englisch, Französisch sowie im Abendkurs auch Italienisch.
1890 heiratete sie den sozialistischen Theoretiker Karl Kautsky und siedelte nach Deutschland über, erst nach Stuttgart, 1897 nach Berlin. In den 1920er Jahren kehrten die Kautskys nach Wien zurück, wo sie bis 1938 lebten.
Vor den Nazis floh Luise Kautsky mit ihrem schwerkranken Mann nach Amsterdam, wo Karl kurze Zeit später starb.
Luise Kautsky arbeitete – wie damals durchaus üblich – unbesoldet als Privatsekretärin und Übersetzerin ihres Ehemanns. Sie verwandelte ihr Zuhause in eine offene Heimstatt für alle Sozialistinnen und Sozialisten, ungeachtet dessen woher sie kamen. Ihre Sprachkenntnisse nutzte sie, um ein »soziales Netzwerk« mit zahllosen Menschen aus aller Welt zu knüpfen. Ihre private Briefkorrespondenz – ohne den Geschäftsverkehr für Karl und ohne die Briefe an Familienmitglieder – umfasst über 500 Adressaten.
Im Schatten ihres Ehemanns trat Luise Kautsky selbst als Publizistin in Erscheinung. Ihr Œuvre umfasst mehrere hundert Druckseiten. Über einen Zeitraum von mehr als vierzig Jahren übersetzte sie mehrere Bücher und diverse Artikel aus dem Französischen und Englischen, rezensierte belletristische und sozialistische Literatur und verfasste Texte für Bücher und Zeitschriften. Innerhalb des internationalen Netzwerks sozialistischer Zeitschriften waren ihre biografischen Artikel anlässlich von Gedenk- oder Todestagen besonders beliebt.
Texte solcherart beinhaltet das vorliegende Buch. Luise Kautsky porträtiert darin achtzehn Persönlichkeiten der internationalen sozialistischen Bewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Luise Kautsky kannte die Mehrzahl der Männer persönlich und war mit den meisten befreundet.
Zu ihren Lebzeiten genossen alle beschriebenen Männer hohe Bekanntheit und innerhalb der Arbeiter*innenbewegung große Autorität. Dagegen sind einige von ihnen heute aus der öffentlichen Erinnerung verschwunden.
Die berühmteste der beschriebenen Persönlichkeiten ist zweifellos Karl Marx, den Luise Kautsky zu ihrem größten Bedauern nicht mehr persönlich kennengelernt hatte.
Alle anderen Porträtierten kannte sie jedoch persönlich und mit vielen war sie sogar eng befreundet. So etwa mit Hermann Müller, dem letzten parlamentarisch gewählten deutschen Reichskanzler und zeitweiligen Vorsitzenden der SPD. Mit August Bebel, Wilhelm Liebknecht und Hugo Haase charakterisiert Luise Kautsky drei weitere SPD-Vorsitzende und zwei KPD-Vorsitzende mit Karl Liebknecht und Paul Levi. Hinzu kommen aus dem Kreis der deutschen Sozialdemokratie Leo Arons, der Finanzier des ersten Berliner Gewerk-schaftshauses, und Karl Kautsky, der wichtigste Theoretiker der Zweiten Internationale vor dem Ersten Weltkrieg.
Der Franzose Jean Jaurès stand ebenfalls einer sozialistischen Partei vor, der Section française de l’Internationale ouvrière (SFIO). Bis seiner Ermordung am 31. Juli 1914 gehörte er zu den entschiedendsten Friedenskräften innerhalb der Zweiten Internationale.
Der Reigen wird ergänzt durch Herman Greulich, den Gründer der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz und die russischen Sozialisten Paul Axelrod, Julius Martow, Georgi Plechanow sowie Lenin und Trotzki.
Auch zwei mit der Arbeiterbewegung verbundene Künstler werden porträtiert: der österreichische Theatermaler Hans Kautsky und der russische Schriftsteller Maxim Gorki.
Das vorliegende Buch ist als Lesebuch konzipiert. Es folgt den von Luise Kautsky im Zeitraum von 1919 bis 1937 publizierten Buch- und Zeitungsartikeln. Die Orthografie wurde behutsam an die neue Rechtschreibung angepasst, offensichtliche Fehler im Druck wurden stillschweigend korrigiert, die Schreib weise von Personen, Organisationen und Zeitschriften vereinheitlicht.
Günter Regneri
(1860 – 1919)
Quelle: »Leo Arons. Ein Gedenkwort«, in: Freie Welt. Illustrierte Wochenzeitschrift der USPD, 1 (1919), Heft 28, 29. November 1919 S. 5.
Mit Leo Arons ist ein Mann dahingegangen, der es verdiente, dass ihm nicht nur seine engeren Parteigenossen Worte der Anerkennung und der Trauer ins Grab nachgerufen haben, sondern dem auch wir unbeschadet unserer Meinungsunterschiede noch heute, einige Wochen nach seinem Tode, ein Wort der Erinnerung widmen wollen.
Den Vielen, die sich noch aus den Zeiten, da wir eine einige Partei waren, des Genossen Leo Arons erinnern, und die ihm als solchen gewiss ein gutes Andenken bewahren, möchte ich ins Gedächtnis rufen, welch ein Mensch er gewesen ist.
Ja, ich möchte fast sagen, dass er mir als Mensch immer höher stand denn als Parteigenosse, so wie ihm selbst sein Menschentum höher stand als alles Parteiwesen. Wenn auf einen das Dichterwort zutraf »Edel sei der Mensch, hilfreich und gut«, so war es Leo Arons. Für ihn war der Sozialismus nicht bloß ein Lippenbekenntnis, es war ihm heiliger Ernst damit, sein ganzes Wesen war von ihm durchdrungen und jede seiner Handlungen von ihm diktiert.
Diese seine sozialistische Überzeugung verlieh ihm eine sittliche Kraft, die auf jeden wirkte, der mit ihm verkehrte, verlieh ihm auch jene starke Freudigkeit, die sich jedem mitteilte, der mit ihm in nähere Berührung trat. Wie ein warmer, wohltuender Hauch ging es von ihm aus, und diese Herzenswärme, die er allen Menschen und Dingen entgegenbrachte, war sein ganz besonderes Kennzeichen. Daneben hatte er wirklich Humor und eine schalkhafte Grazie, wie sie nur jenen Auserlesenen des Schicksals gegeben ist, die sich zur vollen inneren Harmonie durchgerungen haben. Und das war wohl bei ihm der Fall.
Die ungemein günstigen äußeren Lebensverhältnisse, in denen er geboren und aufgewachsen war, gestatteten ihm zeitlebens, praktischen Sozialismus dort zu üben, wo sich dies mit materiellen Mitteln tun ließ und oft Ideen verwirklichen zu helfen, die sonst zum Scheitern verurteilt gewesen wären.
Groß ist die Zahl der Parteigenossen, denen er im Stillen geholfen, deren Studium er gefördert, und zahlreich sind die Institutionen, die er begründen half und die er dauernd unterstützte. Das publizistische Organ seiner Richtung, die Sozialistischen Monatshefte, verdanken ihm die materielle Existenz.
Hing er aber auch mit allen Fasern seiner Überzeugung an dieser Richtung, die man seiner Zeit als die revisionistische zu bezeichnen pflegte, so war er doch nicht so engherzig und kleinlich, nicht auch Andersgesinnten zu helfen Ich habe oft genug Gelegenheit gehabt, an seine Hilfe zu appellieren und mir Rat bei ihm zu holen, und meist ließ er dem Rat sogleich die Tat folgen.
Für bestimmte Parteizwecke, für Sammlungen auf Listen oder in Einzelfällen, besonders für lernbegierige jugendliche Proletarier hatte er stets eine offene Hand, und nie habe ich eine Fehlbitte bei ihm getan. Denn Arons hatte ein starkes Pflichtbewusstsein und war streng gegen sich selbst, was ihm ein Recht gab, auch von anderen das Gleiche zu verlangen.
Dieses Pflichtgefühl und eine bei aller Milde gewisse Strenge durften hinwiederum in seinem Charakterbild nicht fehlen; ohne diese beiden Eigenschaften hätte er es nicht zur Vollendung in dem Beruf gebracht, für den er von Natur so recht eigentlich geschaffen war: im Lehrberuf. Er war geboren zum Lehrer, zum Pädagogen, zum Jugendbildner. Man muss ihn im Verkehr mit Kindern und jungen Leuten gesehen haben, um den ganzen Zauber seines Wesens kennengelernt zu haben. Erziehungsfragen aller Art, handelte es sich um Fortbildungs- oder Fachschulen, um Arbeiterbildungs- oder Gewerkschaftsschulen, um Arbeiterhochschulen oder um die bürgerliche Universität, haben ihn stets gleichermaßen aufs Höchste interessiert und beschäftigt. Manches gute und kluge pädagogische Wort habe ich aus seinem Munde darüber gehört und mir dankbar zu eigen gemacht.
Dass ihm durch die Tücke des alten Systems sein Lehramt genommen wurde (wodurch sich die Regierung selbst ein Denkmal der Kulturschande gesetzt hatte), hat dem aufrechten Mann, dem das Lehren Lebensbedürfnis war, eine nie heilende Wunde zugefügt.
Aber sein Mut ward dadurch nicht gebeugt, sein gütiges Naturell nicht verbittert, seine seelische Heiterkeit nicht getrübt. Hätte nicht unheilbare Krankheit seinen starken, über seine Jahre hinaus jugendlich elastischen Körper vor der Zeit zermürbt, er hätte wohl noch lange Jahre in seiner stillen, bescheidenen, gütigen Art dem Wohle derer gedient, denen sein bisheriges Wirken geweiht war.
Er lebte und starb, ohne auch nur einen Augenblick der Idee untreu zu werden, die sein ganzes Wesen geadelt hat, und ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren, das ihm sein Leben lang vorschwebte: die intellektuelle, physische und moralische Hebung der Arbeiterklasse.
(1840 – 1913)
Quelle: Auszug aus: »Begegnungen«, in: Das Jahr. Das Arbeiterjahrbuch, 58 (1929), S. 41–56.
Die zweite große Gestalt aus der Partei, die mir entgegentrat, war August Bebel. Schon in meiner Kindheit hatte ich seinen Namen im elterlichen Hause nennen hören, wo man allerdings nur mit Abscheu von ihm sprach, als von einem Sitten- und Zügellosen, der die freie Liebe predige, die Ehe abschaffen, die Frauen von Herd und Haus weg in die Politik locken wolle, und der sogar imstande gewesen, 1870 sein Vaterland zu verraten.
Wie also sollte ich mir diesen dämonischen Volksverführer vorstellen? Nicht ohne Bangen sah ich ihm entgegen, als er sich als Gast in meiner neugegründeten Häuslichkeit in Stuttgart ankündigte, wo er eine Versammlung abzuhalten hatte.
Ich weiß noch, wie mir das Herz klopfte, als Bebel seine klaren, durchdringenden Augen forschend auf mir ruhen ließ. Weiß aber auch noch, wie rasch dieses Gefühl der Bangigkeit schwand, kaum dass er das Wort an mich gerichtet hatte. Neben der Güte und einfachen Natürlichkeit muss es der tiefe sittliche Ernst, die unbeirrbare Wahrhaftigkeit und die innere Reinheit gewesen sein, die von seinem Wesen ausstrahlten, die auf den einzelnen Gesinnungsgenossen wie auf die weitesten Volkskreise und selbst auf seine zahlreichen politischen Gegner, also auf Freund und Feind gleich mächtig wirkten.
Man fühlte genau, dass bei aller Zartheit, aller freundlichen Liebenswürdigkeit, mit der er gleichmäßig jedermann begegnete, ein Kern von unbeugsamer Kraft und Energie in diesem Manne steckte. Wie groß sein persönlicher Mut, wie unerschütterlich diese Energie war, das hat er in seinem Leben oft zu beweisen Gelegenheit gehabt. Zur Zeit des grausamen Sozialistengesetzes, wo jeder Sozialdemokrat Freiwild war, so dass viele von der Partei abfielen, hat er nie den Kopf verloren und allen Verfolgungen mutig getrotzt. Wiederholte Gefängnisstrafen und langdauernde Festungshaft haben den körperlich zwar Zarten, aber geistig Unbeugsamen nicht zu brechen vermocht.
Bei jener ersten Begegnung schon freundeten wir uns an und diese innige Freundschaft hat bis zu seinem Tode angedauert. Sobald wir in Berlin wohnten, kam er fast allsonntäglich zu uns und nach einem gemeinsamen weiten Spaziergang verbrachte er den Abend in unserm Kreise. War er einmal verhindert, so meldete er sich gewissenhaft und meist in launiger Form ab. Dem scharfen Kämpen saß überhaupt hie und da der Schalk im Nacken, dafür legt die abgedruckte Karte Zeugnis ab. Unser ganzes Haus, vom Paterfamilias angefangen bis zum Jüngsten, war ihm in liebevollster Freundschaft zugetan, und er zahlte unsere Zuneigung mit gleicher Münze heim. So schrieb er 1911 aus Zürich: »Den ersten Brief im neuen Jahr erhalten Sie, liebe Freundin Luise …« Und im März 1913: »L. L.! Sie schreiben mir da einen Osterbrief, dass mir altem Kerl beinahe das Wasser in die Augen getreten wäre …«
Sogar ein Gedicht hat der 71-jährige mir einmal gewidmet, als ich ihm durch einen unserer Jungens ein Körbchen frischer Erdbeeren an die Bahn schickte. Er schrieb mir zuerst kurz aus Wetzlar: »Liebe Frau Luise! Erdbeeren trafen sehr überraschend ein, kamen aber sehr angenehm, haben mich zu einer Dichtung begeistert, die ich Ihnen eventuell 'mal zeige …« Man wird begreifen, dass ich auf die »Dichtung« gespannt war, und wirklich überreichte er sie mir nach seiner Rückkehr mit einer Miene von Verschämtheit, die bei dem silberhaarigen Siebziger rührend wirkte.
Am 13. August 1913 schloss August Bebel die Augen für immer. Er war schon dahingegangen, als noch ein liebevoller Gruß von ihm an uns eintraf, datiert aus Passugg vom 12. August. Der Tod hatte es gut mit ihm gemeint. Im Schlaf hatte er ihn überrascht und dem tapferen Kämpfer war ein friedliches Ende beschieden gewesen.
Quelle: »August Bebel. Aus Anlass der neunzigsten Wiederkehr seines Geburtstages am 22. Februar«, in: Arbeiter-Zeitung, 42 (1930), 22. Februar 1930, S. 2.
Über August Bebel ist schon soviel geschrieben worden, dass es schwer ist, seinem Bilde noch etwas von Interesse hinzuzufügen. Doch heute, wo es sich zum neunzigsten Male jährt, dass er geboren wurde, haben wir beinahe das Bedürfnis, ja es drängt sich uns förmlich als Pflicht auf, ihm, mit dem uns engste Freundschaft verband, den Zoll der Erinnerung zu entrichten. Denn unverändert über Zeit und Tod hinaus bewahren wir ihm das Gefühl treuester Freundschaft, herzlichster Dankbarkeit und tiefster Verehrung, und immer wird es uns mit stolzer Freude erfüllen, ihm so nahe gestanden zu haben, dass wir in den beiden letzten Jahrzehnten seines Lebens Freud' und Leid mit ihm teilen durften.
