Schwarzer Wald und kaltes Herz - Horst Fritz - E-Book

Schwarzer Wald und kaltes Herz E-Book

Horst Fritz

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Beschreibung

Wilhelm Hauffs Kunstmärchen "Das kalte Herz" hat bis auf den heutigen Tag nichts von seinem Zauber eingebüßt. An Aktualität mag es sogar noch gewonnen haben. Die bekannte Geschichte von Peter Munk, dem Köhlerjungen aus dem Schwarzwald, der sich nach Geld und gesellschaftlicher Anerkennung sehnt. Der schließlich in einer Art Teufelspakt seine Seele verkauft, indem er, verlockt durch die Aussicht auf unbegrenzte Geldmittel, sein warmes lebendiges Herz gegen ein kaltes aus Stein tauscht. Aus dem einfachen Köhler wird der unmenschliche Wucherer und Geizhals. Die vergleichenden Miniaturen verorten den Text in einem breiten kulturhistorischen Geflecht aus Seitenblicken und Querverweisen. Dies mit dem Ziel, Hauffs Geldmärchen als ein repräsentatives und äußerst hellsichtiges Szenario des bürgerlichen und frühmodernen Geldwesens kenntlich zu machen.

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Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

Namensregister

Bibliographischer Hinweis

Vorbemerkung

Wilhelm Hauffs Kunstmärchen „Das kalte Herz“ hat bis auf den heutigen Tag nichts von seinem Zauber eingebüßt. An Aktualität mag es sogar noch gewonnen haben. Die bekannte Geschichte von Peter Munk, dem Köhlerjungen aus dem Schwarzwald, der die Reichen seines Heimatdorfes beneidet und sich nach Geld und gesellschaftlicher Anerkennung sehnt. Den das Glasmännlein, der gütige Zauberer und Waldgeist, mit einer einträglichen Glashütte versorgt, freilich vergebens, weil der Beschenkte Geld und berufliche Existenz beim Glücksspiel wieder verliert. Der schließlich in einer Art Teufelspakt seine Seele an den riesigen Holländer-Michel verkauft, an den diabolischen Holzfäller und Flößer, der rücksichtslos die Wälder abholzt, dann die Baumstämme auf Nagold, Neckar und Rhein nach Holland verschifft und sie dort zu Geld macht. Verlockt durch die Aussicht auf unbegrenzte Geldmittel, tauscht Peter sein warmes lebendiges Herz gegen ein kaltes aus Stein. Der einfache Köhler, nun zum reichen Unternehmer avanciert, wandelt sich zum unmenschlichen Geizhals, der aus Geldgier sogar die eigene Frau erschlägt. Der drohenden Verdammnis entgeht der Kaltherzige nur, weil das Glasmännlein ihm eine letzte Chance zu Reue und Umkehr gewährt. Mit List gewinnt Peter sein warmes Herz vom Holländer-Michel zurück, so daß zum guten Märchenschluß ihm doch noch ein idyllisches Glück im Winkel zuteil wird, in trauter Gemeinsamkeit mit der wiedererstandenen Ehefrau und einem munteren Knäblein. – Die hier vorgelegten vergleichenden Miniaturen verorten Hauffs Erzählung in einem breit angelegten kulturhistorischen Geflecht aus Seitenblicken und Querverweisen. Dies mit dem Ziel, den Text als ein repräsentatives und äußerst hellsichtiges Szenario des bürgerlichen und frühmodernen Geldwesens kenntlich zu machen. Nicht zuletzt verdankt das Büchlein seine Entstehung der puren Lust an diesem tiefgründigen Schwarzwaldmärchen, einer Neigung, die beim Verfasser schon in früher Jugend begann und bis heute ungemindert anhält.

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Jeder Erzähler ist ein Weltenschöpfer. Sein Werkzeug ist die Unterscheidung. Schon in der Genesis erschafft Gott die Welt durch die Anfangsunterscheidung Himmel und Erde, der dann weitere Unterscheidungen folgen: Licht und Finsternis, Tag und Nacht, Abend und Morgen, Wasser und Land, Mann und Frau. Das demiurgische Vermögen des Unterscheidens bestimmt den Auftakt von Hauffs Märchen Das kalte Herz. Der Blick von hoch oben auf den Schwarzwald verweilt nur kurz auf der Unermeßlichkeit der Tannenwälder, um alsbald auf diesen Grund die Bewohner des Landstrichs zu zeichnen. Der Unterscheidung von Natur und Mensch folgen weitere Unterscheidungen. Die Männer des badischen Schwarzwaldes unterscheiden sich merklich von denen auf der andern Seite des Waldes. Die Differenzierung reicht bis in die sozialen Verhältnisse. Ins Blickfeld rücken unterschiedliche Berufe: hier die Glasmacher, dort die Holzhauer und Flößer. Bekanntlich neigt der Mensch dazu, sich die Notwendigkeiten und Folgen gesellschaftlicher Differenzierung durch ästhetische Strategien sinnhaft und erträglich zu machen. Die Mode tritt auf den Plan. Bis in letzte Details der Kleidung bleiben die feinen Unterschiede und ihre sozialen Facetten erkennbar. Schon auf den ersten Blick kann man feststellen, ob man einem Glasmacher oder einem Flößer begegnet. Und noch findet das ewige Spiel des Unterscheidens kein Ende. Die Vielfalt und die Gegensätze der Gesellschaft setzen sich fort in den unterschiedlichen Gestaltungen der kollektiven Phantasie. Die mythopoetische Einbildungskraft gebiert übermenschliche Wesenheiten, von den Naturgeistern bis zum Götterapparat. Holländer-Michel und Glasmännlein treten auf den Plan, Märchengestalten, in denen soziale Unterschiede und Konflikte sinnfällig zur Anschauung kommen. Die Erzählung aus dem Jahre 1828 scheint bereits, noch vor Karl Marx, zu ahnen, daß das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein bestimmt, daß die kollektiven Bilder und die Mythen so manches von jenen Lebenswelten berichten, denen sie entstammen.

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Schon in den ersten Zeilen bestaunt der Erzähler die unermeßliche Menge der herrlichen Schwarzwaldtannen. Der zunächst beiläufig wirkende Hinweis erlangt wenig später symbolische Brisanz, als die Holzfäller und Flößer Erwähnung finden, vor allem ihr Prachtanzug mit ledernem Beinkleid, aus dessen Tasche ein Zollstab von Messing wie ein Ehrenzeichen herausschaut. Gegen die Unermeßlichkeit des Waldes steht ein Instrument, das der Vermessung der Welt dient. Es sorgt beim Fällen und Behauen der Baumstämme für die rechten Abmessungen und gibt Gelegenheit, den natürlichen Formenreichtum der Bäume den Kriterien von Berechenbarkeit und abstrakter Normierung zu unterwerfen. Die forstwirtschaftliche Maßeinheit Festmeter kommt einem Geständnis gleich. Der Gedanke an Max Webers Begriff der Rechenhaftigkeit drängt sich auf, jene pointierende Formel, die knapp und präzise einen neuzeitlichen Weltentwurf benennt, der das Inkommensurable der Wirklichkeit ins vermeintlich stabile Gerüst der Zahlenwerte und Maßverhältnisse zu bannen sucht. Martin Heidegger spricht in kritischer Absicht vom „rechnenden Denken“ der Moderne; Max Horkheimer vom Willen zur „Berechenbarkeit der Welt“, von einer Aufklärung, der als Endzweck „die große Schule der Vereinfachung“ vorschwebt. Daß gerade ein Schwarzwald-Märchen diese Problemlage antizipiert, kommt nicht von ungefähr. Schon zur Römerzeit galt der Schwarzwald als undurchdringliches, schwer zu betretendes Terrain, als eine Wildnis, die sich menschlichem Eroberungsdrang hartnäckig zu widersetzen schien. Der Tannenbühl, der Bezirk des Glasmännleins, vermittelt noch Restspuren solcher Erfahrungen. Eine unsichere, ganz schaurig anmutende Gegend, wo das Dunkel des Tannenwaldes Grauen einflößt, weil es immer schwärzer zu werden scheint. Das Bild der silva nigra gerinnt zur poetischen Topographie. Dem ließe sich unschwer der Mummelsee zur Seite stellen. Um den berühmten, heute vielbesuchten Schwarzwaldsee ranken sich seit jeher unzählige Sagen, die vom vergeblichen Versuch erzählen, das geheimnisvolle Gewässer dem Diktat der Berechenbarkeit zu unterwerfen. Im Jahre 1669 erzählt Grimmelshausen im „Simplicissimus“, wie der Mummelsee sich mit einem gewaltigen Unwetter gegen seine Vermessung zur Wehr setzt. Etliche Sagen und Gedichte handeln vom ängstlichen Schauder, der die Besucher ergreift, wenn sie sich des Nachts einem See nähern, in dem, so der Volksmund, die Nixen, die Wassergeister und die Seemännlein hausen. Am Ende von Mörikes Ballade „Die Geister am Mummelsee“ gewinnt dieser Schauder Züge einer archaischen Angst, die sich im Bann übermächtiger und unberechenbarer Gewalten wähnt. Hauffs Märchen zeigt mit realistischem Gespür, wie die bürgerliche Gesellschaft sich dem Naturzwang zu entwinden sucht. Die Holzhauer und Flößer, das Ehrenzeichen Zollstock stolz in der Tasche, handeln mit ihrem Wald, sie fällen und behauen ihre Tannen, flößen sie durch die Nagold in den Neckar, und von dem obern Neckar in den Rhein hinab, um sie dann um schweres Geld in Holland zu verkaufen. Die Fusion von Ökonomie und technisch-mathematischer Naturbeherrschung scheint das geeignete Mittel, den mythischen Bann zu brechen. Doch die Erzählung vom kalten Herzen berichtet auch von den fatalen Folgekosten dieses Projekts.

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Zwar verspricht der Erzähler im Untertitel ein Märchen, doch zunächst tritt er auf als pragmatischer und realistischer Mann der Aufklärung, für den Wunder- und Geisterglaube der Vergangenheit angehören: Noch vor kurzer Zeit glaubten die Bewohner dieses Waldes an Waldgeister, und erst in neuerer Zeit hat man ihnen diesen törichten Aberglauben benehmen können. Das Vertrauen ins aufgeklärte und vernunftgeleitete Denken ist unverkennbar. Im Jahr 1819 erschien das Märchen „Klein Zaches genannt Zinnober“. Sein Verfasser: E. T. A. Hoffmann, einer von Hauffs Lieblingsautoren. Dort führt der Landesherr in seinem kleinen Fürstentum per Edikt die Aufklärung ein. Wälder werden umgehauen, Ströme schiffbar gemacht, und nicht zuletzt vertreibt man all jene „Feinde der Aufklärung“, die noch abergläubischen Vorstellungen nachhängen, „die keiner Vernunft Gehör geben und das Volk durch lauter Albernheiten verführen“. Doch die Sache geht gründlich schief. Das administrativ verbannte Irrationale schleicht sich in der Gestalt des unheimlichen Koboldes Klein Zaches gleichsam hinterrücks in die aufgeklärte Welt ein und macht sich dort destruktiv bemerkbar. Die Wiederkehr des Verdrängten läßt sich hier am Modell studieren. Bei Hauff kommt die Subversion der Aufklärung auf leiseren Sohlen daher. Nachdem der Erzähler befriedigt feststellen konnte, daß es gelang, den Bewohnern des Schwarzwaldes ihren Geisterglauben auszutreiben, fährt er mit einer Passage fort, die der Entzauberung der Welt nicht mehr so recht zu trauen scheint: Sonderbar ist es aber, daß auch die Waldgeister, die der Sage nach im Schwarzwald hausen, in diese verschiedenen Trachten sich geteilt haben. Plötzlich sind die Waldgeister wieder ein wichtiger Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Unversehens driftet die Realität ins Sonderbare und öffnet sich jener Sphäre des Aberglaubens, deren endgültige Beseitigung man zuvor der Leserschaft zur Kenntnis brachte. Nicht ohne Grund bemüht der Erzähler nun die Diskursform der Sage, eine Weise geschichtlichen Überlieferns, bei der die kollektive Phantasie historische Begebenheiten narrativ ausgestaltet. Realismus und Geisterglaube sind auf einmal keine Gegensätze mehr. Sie lassen sich mit dem Begriffspaar Rationales/Irrationales, dem binären Code der Aufklärung, kaum noch zureichend erfassen. Im Zuge eines raffinierten Erzählprozesses kehren die durch Aufklärung vertriebenen Waldgeister zurück und werden fortan zu wirkungsmächtigen Akteuren in der Welt des kalten Herzens.

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Ein Köhler hat viel Zeit zum Nachdenken über sich und andere. Peter, am Rande der Melancholie, will raus aus der Waldeinsamkeit und aus der bedrückenden Enge des ärmlichen Köhlerdaseins, aus einer Beschränkung, die er mit nachgerade soziologischem Gespür seiner gesellschaftlichen Situation zuschreibt. Man könnte hierin die ersten Spuren eines lobenswerten Bildungsstrebens vermuten, das Bedürfnis, sich wie Wilhelm Meister ganz zu entfalten und in der Begegnung mit Welt und Gesellschaft die eigene Individualität vielseitig als das auszubilden, was Hegel emphatisch die konkrete Allgemeinheit nennt. Peter spürt, daß sein Stand ihn am Fortkommen hindert. Auch dies erinnert an Goethes Romanhelden, der die gelingende Ausbildung seiner Kräfte und Fähigkeiten nur gewährleistet sieht, wenn er die einförmige Existenz überwindet, die ihm die arbeitsteilige bürgerliche Gesellschaft abfordert. Goethes reicher Kaufmannssohn träumt für einige Zeit vom Adel als der sozialen Sphäre, in der seine Bildungsziele sich erfüllen könnten. Derlei Wunschbezirke sind dem armen, sozial deklassierten Köhlerjungen versperrt. Doch eben dies macht ihn zum Realisten, der instinktiv die Verfassung der Gesellschaft erspürt. Seine Tagträume richten sich nicht auf die konkrete, sondern auf die abstrakte Allgemeinheit: aufs Geld. In solchem Begehren steckt eine Menge Prophetie. Nahezu instinktiv begreift Peter die ökonomische Sphäre als entscheidende Sozialisierungsinstanz der bürgerlichen Welt. Auch weiß er bereits um die unwiderstehlichen, bis in die Triebstruktur der Einzelnen wirksamen Attraktoren, mit denen diese Gesellschaftsform die Subjekte an sich bindet. Peter träumt von den Statussymbolen, in denen die Macht des Geldes sich sinnlich-ästhetisch manifestiert. Seine Einbildungskraft berauscht sich an stattlichen Kleidern, und an Knöpfen, Schnallen und Ketten. Er beneidet die Reichen, die einen halben Zentner Silber auf dem Leibe trugen. Thorstein Veblen würde Peters Wunschphantasien wohl deuten als Sehnsucht nach conspicuous consumption.

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Das gewaltige Vermögen des Ezechiel und seiner reichen Kumpane wirkt auf den arglosen Peter wie eine Naturmacht: denn wer konnte Taler wegwerfen wie sie, als ob man das Geld von den Tannen schüttelte? Das Geld erscheint hier nicht als gesellschaftliches Produkt und als Resultat menschlicher Arbeit. Es liegt durchaus im Interesse des Kapitals und der Kapitaleigner, daß dieser Verblendungszusammenhang undurchschaubar bleibt. Dabei hilft die Semantik des Naturwüchsigen. Die Metapher des vom Baum herabfallenden Geldstücks verstellt die soziale Tatsache, daß die Menschen selbst die Subjekte des ökonomischen Handelns und der dabei anfallenden Erträge sind. Von Marx bis zur Kritischen Theorie bleibt diese Einsicht der basso continuo aller Kapitalismuskritik. Erst einer gerechten Gesellschaft könnte vielleicht wieder die Unschuld der Naturbilder zuteil werden. Am Schluß des Märchens fällt in der Tat Geld vom Baum, ein Tannenzapfen, der sich in vier stattliche Geldrollen verwandelt. Ein Patengeschenk vom Glasmännlein, das von der allzu utopischen Hoffnung berichtet, daß Geld und Natur dermaleinst sich versöhnen ließen.

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Alles mythische Denken entspringt dem Bedürfnis, mit der Übermacht der Wirklichkeit fertig zu werden. Das Unerklärliche soll erklärbar, das Unbegreifliche begreifbar, das Unfaßbare faßbar werden. Der Mythos entwirft prägnante Bilder und erinnerungswürdige Begebenheiten, die das Bedrohliche dergestalt bearbeiten, daß es sich humanem Sinnbedürfnis anverwandeln läßt. Welch übermenschliche Gewalt muß das Geld besitzen, wenn die Schwarzwaldbewohner sich das Reichwerden nur als mythisches Geschehen vorstellen können. Man munkelt, der Tanzbodenkönig, auf einmal steinreich geworden, habe im Rhein einen Pack mit Goldstücken heraufgefischt, und der Pack gehöre zu dem großen Nibelungenhort. Das Geld, seiner Herkunft nach gesellschaftliches Produkt, scheint aus einer numinosen, allem menschlichen Wirken vorgeordneten Sphäre in die alltäglichen Verhältnisse hineinzuragen. Augenscheinlich vermag nur der bildmächtige Mythos das Naturwüchsige und Schicksalhafte der Geldform zu fassen. Das Denkbild antizipiert die Einsicht späterer linker Theorie, die Menschen seien zwar die Subjekte ihrer Geschichte und dennoch blieben sie gefangen im Verblendungszusammenhang von Bourgeoisie und Kapitalismus. Mit dem Ergebnis, daß man sogar die eigenen gesellschaftlich erzeugten Gebilde wie eine fatale fremde Macht erlebt. Richard Wagner wird später den Mythos vom Nibelungenhort nutzen, um den verhängnisvollen Schuldzusammenhang von gewaltsamer Naturbeherrschung, Kapital und Macht ins wirkungsmächtige Bild zu fassen.

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Der Tannenbühl, Revier des Glasmännleins, markiert das Andere der Zivilisation. Dort stand damals kein Dorf, ja nicht einmal eine Hütte. Eine Sphäre unberührter Natur, der die abergläubischen Leute mit Bangigkeit und Scheu begegnen. Das einsame Waldgebiet scheint einigermaßen gefeit gegen den naturverbrauchenden Ansturm der Ökonomie, man munkelt, die Äxte schlügen nicht im Holz ein, sondern in den Beinen der Arbeiter. Mitunter hätten stürzende Bäume die Männer getötet, auch seien jene Flöße verunglückt, deren Stämme im Tannenbühl geschlagen wurden. Mitten in der Welt der Wirtschaftsinteressen gelingt es diesem Bezirk, den Menschen noch eine animistische, vormythische Furcht einzuflößen. Ein Ur-Wald, der an früheste Zeiten der Waldbildung gemahnt: Peter Munk wurde es ganz schaurig dort zumut; denn er hörte keine Stimme, keinen Tritt als den seinigen, keine Axt; selbst die Vögel schienen diese dichte Tannennacht zu vermeiden. Als gäbe es noch die Karbonwälder, von denen die Paläobotaniker mutmaßen, in ihnen müsse eine nachgerade unheimliche Stille geherrscht haben. Doch so sehr der Tannenbühl die Gegenwart fernhält, auch für ihn gilt: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Peter steht plötzlich vor einer Tanne von ungeheurem Umfang, um die ein holländischer Schiffsherr an Ort und Stelle viele hundert Gulden gegeben hätte. In diskreter erzählerischer Ironie signalisiert der Text, daß die bürgerliche Welt sogar das Ungeheure und Inkommensurable vornehmlich durch die Brille des Geldprinzips beobachtet. Die kapitalistische Ökonomie, vertreten durch den an Holländer-Michel gemahnenden niederländischen Kaufmann, kann nicht umhin, alles in die „nackte bare Zahlung“ (Marx) zu verwandeln. Das erhabene Naturschöne wird nicht mehr geschätzt, sondern nur noch geschätzt.

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Im Tannenbühl ist Peter ganz schaurig zumute. Zu dieser Gemütsverfassung trägt nicht zuletzt der Umstand bei, daß die abergläubischen Leute meinen, es sei dort unsicher. Peters Wahrnehmen wird gesteuert vom Gerede, von den diskursiven Vorgaben der sozialen Gruppe, der er angehört. Der Einzelne verinnerlicht die Wahrnehmungsdispositive, die in der Gemeinschaft sich ausbildeten und nun sein Welterleben erkenntnisleitend prägen. Dies umso mehr, als es sich um eine ländlich-dörfliche Sozialstruktur handelt. Hier bleiben die Individuen noch ganz eingehüllt in das, was Jacob Burckhardt den „Schleier des Allgemeinen“ nennt. Bei Hauff scheint solche Synchronisierung von Individuum und Allgemeinheit noch sinnvoll, verspricht sie doch ein hohes Maß an Orientierungssicherheit. Der Einzelne agiert und erlebt am Leitfaden des Allgemeinen und findet hierin die verläßliche Basis seines Weltvertrauens. Fünfzehn Jahre später wendet Friedrich Hebbels Gedicht „Böser Ort“, geschrieben in der Weltstadt Paris, diese Konstellation ins Paranoide. Ein Wanderer imaginiert sich den Wald zum bedrohlichen Terrain, weil das kollektive Gerede sein Erleben und seine Weltsicht steuert: „Man spricht von bösen Orten, / Dies ist ein böser Ort!“ Doch nun gerät die diskursive Prägung zur Erkenntnisfalle. Wahrnehmung wird auf fatale Weise eigensinnig. Alles weitere Anschaun dient fortan nur noch dem Zweck, das Bild vom bösen Ort zu bestätigen. Das rot-weiße Farbenspiel einiger Blumen, wohl eher eine dekorative Laune der Natur, deutet der Wanderer als Indiz eines Mordes, der hier vor einiger Zeit sich ereignet haben muß. Das verhexte Sehen macht aus dem Weiß der Blüten die fahle Farbe des Todes. Das Dunkelrot einer anderen Blume gebiert zwanghafte Vorstellungen von vergossenem Menschenblut. Der Wanderer glaubt schließlich, er stünde am Grabe eines erschlagenen Menschenbruders. Die vom kollektiven Reden erzeugten Gewaltphantasien steigern sich am Ende zur brutalen Aggression, der die rote Blume zum Opfer fällt: „Du sollst dich nicht länger brüsten / Auf meines Bruders Grab / In deinem gestohlnen Purpur, / Ich räch’ ihn und breche dich ab!“ Die durch menschliche Naturbeherrschung erzeugte Gewalt ereilt das Subjekt in Gestalt bedrohlicher Phantasmen. Mit ängstlichem Schaudern steht der Mensch vor den Bildern einer Gefährdung, die er selbst in die Welt brachte.

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Der dunkle Tannenwald des Glasmännleins wehrt sich gegen die Zudringlichkeiten der Zivilisation. Nur sanfte Strategien versprechen Erfolg, will man in Fühlung geraten mit dieser Sphäre, nur solche Verhaltensweisen, die vorab auf Ausbeutung und Verfügung verzichten. Peters Kommunikation mit dem guten Waldgeist läßt, wo sie endlich gelingt, ein alternatives Verhältnis von Mensch und Natur erahnen. Das Werkzeug, dem die dunkle Welt des Tannenbühls sich öffnet, ist nicht die Axt, sondern der Reim, das zu friedlicher musikalischer Konsonanz gebrachte menschliche Wort. Der Bittsteller rückt so in die Nähe einer berühmten literarischen Szene, in welcher der Reim zum Glücksversprechen und zum Symbol der Versöhnung wird. Zur Entstehungszeit von Hauffs Märchen entwirft Goethe für den „Faust II“ die sogenannte Reimfindungsszene. Faust, der bislang mit imperialer und verfügender Geste der Welt gegenübertrat, erhält bei der Begegnung mit Helena eine Lektion in dem, was Goethe mit dem glücklichen Wort „zarte Empirie“ beschreibt. Er lernt ein mimetisches Verhältnis zum Anderen kennen, in dem es kein Verfügen und kein Beherrschen gibt. Dieses Modell der Versöhnung stellt sich her im Moment, wo beider Rede sich wie selbstverständlich zum Reim ergänzt, zum musikalischen Signal eines gewaltlosen Zueinanderfindens, das die Liebenden reif macht für den späteren Aufenthalt in Arkadien. Im Zusammenklang der Laute, wie ihn jeder Reim stiftet, ist stets auch Musik anwesend. Und so schimmert in Peters Reimworten, die sich den Naturgeist gewogen machen, auch etwas vom Orpheus-Mythos durch, der vom besänftigenden Zauber eines Gesanges berichtet, der die Steine erweicht und die wilden Tiere zu freundlicher Teilnahme lockt. Doch man darf nicht vergessen: Peter geht es um Geld und Sozialprestige.

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Peters erste Kontaktaufnahme mit dem Glasmännlein erweist sich als schwieriges Unterfangen. Nachdem das erforderliche Reimwort sich nicht einstellen will, erliegt der Bittsteller seiner Ungeduld und versucht die Begegnung herbeizuzwingen: „Warte, du kleiner Bursche“, rief er, „dich will ich bald haben!“, sprang mit einem Satz hinter die Tanne, aber da war kein Schatzhauser im grünen Tannenwald, und nur ein kleines, zierliches Eichhörnchen jagte an dem Baum hinauf. Gerade der Gestus des unbedingten Habenwollens bringt es mit sich, daß das Objekt der Begierde sich entzieht. Das Tier treibt sogar seinen Schabernack mit dem Köhlerjungen und macht dessen Ohnmacht sinnfällig. Sein Oszillieren zwischen Menschen- und Tiergestalt bringt vertraute Wahrnehmungsmuster durcheinander, so daß Peter sich endlich fürchtete. Ein leises Grauen überkommt ihn, denn er meinte, es gehe nicht mit rechten Dingen zu. Alle Versuche, durch Nötigung und Zwang der Natur habhaft zu werden, müssen scheitern, weil gerade solche Inbesitznahme jenes Elementare verfehlt, um dessen Anverwandlung es eigentlich gehen sollte. Aus Peters Übereilung spricht ein modernes Weltverhältnis, das laut Heidegger die Natur nur als „Gegenstand eines einzigen Willens zur Eroberung“ zu begreifen vermag und sich der Gefahr aussetzt, „daß die Natur in der Seite, die sie der technischen Bemächtigung durch den Menschen zukehrt, ihr Wesen gerade verbirgt.“ In seinem „Grünen Heinrich“ macht Gottfried Keller diesen neuzeitlichen Willen zur Macht sogar an einem heiklen ästhetischen Zugriff auf die Welt dingfest, der das Inkommensurable der begegnenden Natur nicht zu achten vermag. In einer Szene, die durchaus an Peter Munks ersten Tannenbühl-Besuch erinnert, begibt sich Heinrich Lee, voll jugendlichen Überschwangs, mit seinem Skizzenbuch in den Wald, um dort eine gewaltige Buche zu zeichnen. Einen alten prächtigen Baum, von dem der junge Maler glaubt, er könne „mit leichter Mühe seine Gestalt bezwingen“. Doch der Versuch scheitert kläglich. Wie das Eichhörnchen mit Peter Munk, so treibt auch der Baum seinen Schabernack mit dem so siegesgewissen Maler: „Die Sonnenstrahlen spielten durch das Laub auf dem Stamm, beleuchteten die markigen Züge und ließen sie wieder verschwinden, bald lächelte ein grauer Silberfleck, bald eine saftige Moosstelle aus dem Helldunkel, bald schwankte ein aus den Wurzeln sprossendes Zweiglein im Lichte, ein Reflex ließ auf der dunkelsten Schattenseite eine neue mit Flechten bezogene Linie entdecken, bis alles wieder verschwand und neuen Erscheinungen Raum gab.“ Die lebendige Dynamik der Natur bleibt unfaßbar einem Willen, dem es nur darum geht, das begegnende Andere zu „bezwingen“. Was Heinrich dann aufs Skizzenblatt strichelt, gerät folgerichtig zum Protokoll des Mißlingens: „Wie ich aufsah und das Ganze überflog, grinste ein lächerliches Zerrbild mich an wie ein Zwerg aus einem Hohlspiegel“. Die Natur hingegen zieht sich zurück, der Baum verschwindet „im Schatten seiner Brüder.“ Der Künstler steht mit leeren Händen da: „Ich sah nichts mehr als eine grüne Wirrnis und das Spottbild auf meinen Knien.“

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In nahezu jedem Wort eines Textes hat sich Menschheitsgeschichte abgelagert. Als Peter auf dem Weg zum Glasmännlein den Tannenbühl betritt, heißt es von diesem Waldgebiet, es sei dort unsicher