Schweig wie ein Grab - Tessa Korber - E-Book

Schweig wie ein Grab E-Book

Tessa Korber

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Beschreibung

Ein einsames Kloster im Wald, Nacht, Nebel über dem alten Kirchhof, auf dem sich seltsame Gestalten zu schaffen machen: Viktor und Tobias Anders, die Bestatter, haben einen Deal mit dem in der Fränkischen Schweiz lebenden Schweigeorden der Karthäuserinnen. Stirbt eine der wenigen Nonnen, die noch im Kloster leben, bahren die anderen sie auf und ziehen sich zurück, bevor sie jemand zu Gesicht bekommt. Dann kommen die Bestatter, um die Tote allein auf dem klostereigenen Gottesacker zu begraben. Doch als Viktor und Tobias das Grab ausheben, finden sie eine Leiche, die dort nicht hingehört ...

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Zum Buch

Ein einsames Kloster im Wald, Nacht und Nebel über dem alten Kirchhof, auf dem sich seltsame Gestalten zu schaffen machen: Viktor und Wolfgang Anders, die Bestatter, haben einen Deal mit dem in der Fränkischen Schweiz lebenden Schweigeorden der Kartäuserinnen. Stirbt eine der wenigen Nonnen, die noch im Kloster leben, bahren die anderen sie auf und ziehen sich zurück, bevor sie jemand zu Gesicht bekommt. Dann kommen die Bestatter, um die Tote allein auf dem klostereigenen Gottesacker zu begraben. Doch als Viktor und Tobias das Grab ausheben, finden sie eine Leiche, die dort nicht hingehört …

Zur Autorin

TESSA KORBER, 1966 in Grünstadt in der Pfalz geboren, studierte in Erlangen Germanistik, Geschichte und Kommunikationswissenschaften und promovierte im Fachbereich Germanistik. Die Autorin lebt in der Nähe von Würzburg.TESSA KORBER BEI BTB

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Tessa Korber

Schweig wie ein Grab

Ein Bestatter-Krimi

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btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München Covergestaltung: semper smile, München Covermotiv: © Jill Battaglia/Trevillion Images; David Baker/Trevillion Images Satz: Uhl + Massopust, Aalen mr · Herstellung: sc ISBN 978-3-641-21429-6V002
www.btb-verlag.dewww.facebook.com/btbverlag

Viktor Anders hob den Kopf und lauschte. Neben den Geräuschen der Kühlung, die die Leichen in ihren Fächern frisch hielt, war das helle Zwitschern einer Amsel zu vernehmen, das den Tag verabschiedete. Viktor musste nur diesen Laut hören, um zu wissen, dass draußen im Garten die Abenddämmerung zwischen den Kieferbäumen stand und der Himmel über dem Dach ihres Hauses tief dunkelblau wurde.

Fürsorglich strich er der alten Dame die blond gefärbten Löckchen aus der Stirn. »Dann wollen wir mal Schluss machen für heute, Frau Müller.« Er hob den Lippenstift gegen das Licht, von dem Herr Müller gesagt hatte, seine Frau hätte das Haus niemals verlassen, ohne ihn aufzulegen. Er war viel zu grell.

Frau Müller hatte die Augen geschlossen und die Hände auf der Brust verschränkt. Sie würde sich in diesem Leben nicht mehr zu Kritik an ihrem Geschmack äußern.

Viktor deckte die Frau wieder zu, das leuchtende Lippenrot, die bis unter die gezupften Brauen türkisfarben geschminkten Lider, die Dauerwelle mit der Glitzerspange im Haar. Sie war das Ebenbild der Frau auf dem Foto, das ihnen als Schminkvorlage gedient hatte und das er ihr nun auf die Brust legte, ehe er sie wieder in ihr Kühlfach schob. Ihr Leben lang hatte sie versucht, die junge Frau von zwanzig Jahren zu konservieren, als die sie sich immer gesehen hatte. Jetzt, im Tode, war dieser groteske Versuch endgültig zu etwas geronnen, dem man nur mit Schrecken begegnen konnte. Oder mit Rührung.

»Gute Nacht«, murmelte Viktor und machte sich auf den Weg nach oben. In der Küche holte er sich eine Flasche Rotwein und ein Glas. Damit wollte er sich auf die Terrasse des alten Hauses setzen, in dem er zusammen mit seinem Onkel und seiner Tante wohnte. Die beiden im linken Flügel des ersten Stockes, er im rechten. Das Erdgeschoss und den Keller teilten sie sich mit den Toten.

Die Verstorbenen waren keine unangenehme Gesellschaft, fand Viktor. Er war schon vieles gewesen in den letzten zehn Jahren: Kellner, Pfleger, Wahrsager, Automechaniker, Drogendealer, Spülhilfe, Erntearbeiter, Surfbrett-Verleiher und Schüler eines Haiku-Meisters. Nirgends war er lange geblieben, immer auf Wanderschaft. Heimgekehrt war er auch nur, weil seine Eltern gestorben waren. Weniger, um sein Erbe anzutreten, als um alte Rechnungen zu begleichen und Antworten zu erhalten, auf Fragen, die er noch gehabt hatte. Was er gefunden hatte aber war … Er hielt inne und dachte nach, ehe er den ersten Schluck Wein nahm. So etwas wie wachsenden Frieden? Gab es das überhaupt?

Bäume wuchsen. Menschen auch, bis etwa zum 18. Lebensjahr. Wie nannte man das, was danach geschah – oder auch nicht? Er spitzte die Ohren und hörte jetzt das regelmäßige Quietschen des Trampolins, auf dem sein Cousin Tobias sich austobte, um später besser einschlafen zu können. Tobias war schon achtzehn, aber noch immer war der Schlaf ein böses Monster für ihn, gegen das er jeden Abend kämpfte, so lange es ging.

So waren die Menschen, dachte Viktor und nahm einen tiefen Schluck. Sie zappelten herum, fochten die sinnlosesten Kämpfe aus, und am Ende fielen sie einfach um. Wie Frau Müller.

»Prost«, sagte er laut, als er an die alte Dame dachte. Wenn sie jetzt hier neben ihm im Zimmer aufgetaucht wäre, ein wenig durchsichtiger als die Rosenbüsche vor dem Fenster, mit lautlos wabernden Umrissen, um sich neben ihn zu setzen, er hätte ihr ein Glas hingestellt. Vielleicht hätte er mit ihr über ihren Geschmack in Sachen Styling gesprochen, ganz dezent natürlich. Vermutlich wäre sie dann beleidigt gewesen. Im Umgang mit Frauen, lebend oder tot, hatte er einfach kein glückliches Händchen.

Viktor nahm einen zweiten Schluck. Ah, tut das gut, dachte er nur, sonst nichts. Die Amsel sang. Das Geräusch des Trampolins. Es wurde Nacht.

Mit dem siebzehnten Schluck spannte Viktors Seele unbeholfen ihre Flügel aus und setzte zum Landeanflug auf unerforschtes Gelände an. Auf einmal schrie Tobias wie eine Seemöwe, hoch und schrill. Viktors Landeklappen flatterten, verklemmten sich. »Was ist denn jetzt wieder?«, fragte er.

Dann klingelte es an der Haustür.

Viktor stand auf und brummelte Unverständliches über das feine Gehör seines Cousins, der den Ankömmling schon lange vor dem Klingelzeichen bemerkt hatte, obwohl er ihn unmöglich hatte sehen können, schließlich stand das Trampolin hinter dem Haus. Vielleicht hatte er ihn sogar auf irgendeiner anderen Ebene wahrgenommen, auf der Frau Müller vielleicht gerade an einem Schlückchen Wein nippte. Wer wusste schon, wie es im Gehirn eines Autisten zuging. Viktor öffnete die Tür.

»Frau Siebenschritt«, sagte er. Er bemerkte den gereizten Klang seiner Stimme und trat schnell beiseite, um den misslungenen Empfang wieder wettzumachen. »Kommen Sie doch rein.«

Frau Siebenschritt war die Frau eines vor zwei Tagen verstorbenen Apothekers. Sie war, was man in den besten Jahren nannte, gepflegt, schlank, diszipliniert. Mit lockerem Haarknoten und Perlenkette, beides trug sie schon seit zwanzig Jahren und würde es auch die nächsten zwanzig Jahre so halten. Sicherlich hatte sie sich noch nie irgendwo fehl am Platz gefühlt.

Sie hielt sich mit beiden Händen am Schulterriemen ihrer Handtasche fest. »Ich weiß, es ist spät.« Die Uhr im Flur schlug genau in diesem Moment satte elf Schläge und gab ihr recht. Die Geschäftszeiten waren lange vorbei. »Es tut mir leid«, sagte sie. Unsicher stand sie im Dunkel des Flurs.

Viktor zögerte, das grelle Deckenlicht anzumachen, und entschied sich stattdessen für eine kleine Standleuchte, die unter ihrem Stoffschirm nur sanft glomm. Frau Siebenschritt sah aus wie jemand, dessen Gefährte vor fünf Wochen aus heiterem Himmel die Diagnose Krebs erhalten hatte, wie eine Frau, die an einem Sterbebett saß, ehe sie noch ganz begriff, was gerade geschehen war. Die tolle Reise nach Agadir: abgesagt. Die Wandergruppe: ohne sie unterwegs. Ihr Mann, eben noch gesund und für alles im gemeinsamen Leben verantwortlich, verlor Büschel von Haaren und schmiss mit Gegenständen um sich wie ein trotziges Kind. Dann hörte er auf zu atmen, und sie begriff es nicht.

Herr Siebenschritt lag jetzt hier bei ihnen im Keller, zwei Tage schon. Seine Witwe hatte sich bislang geweigert, irgendwelche Maßnahmen für seine Beerdigung zu ergreifen. Als könnte sie damit seinen Tod ungeschehen machen oder wenigstens verleugnen.

Solche Kunden gab es. Sie waren Onkel Wolfgangs Alptraum. Drei Tage durften zwischen Tod und Beerdigung vergehen. In dieser Zeit galt es eine Menge Entscheidungen zu treffen und Verwaltungskram zu erledigen. Wenn die Hinterbliebenen nicht mitmachten, geriet er als Bestatter in die Bredouille. Die meisten rissen sich zusammen und trauerten später. Oder sie hatten Helfer an ihrer Seite, die sie vertraten. Manche schienen kein Problem damit zu haben, ihre Angehörigen unter die Erde zu bringen. Einige zeigten sogar ein gewisses Vergnügen. Frau Siebenschritt gehörte nicht dazu. Jetzt war sie hier.

Sie trug ein Businesskostüm mit passenden Schuhen. Aber ihr Haar war kaum gekämmt, und ihr Gesicht leuchtend blass. Als Viktor sie näher betrachtete, bemerkte er, dass sie den Rock verkehrt herum anhatte: Die Nähte zeigten nach außen, und am Bund stand das Etikett ab.

»Ich muss ihn sehen«, sagte sie. »Ich muss ihn einfach sehen. Verstehen Sie?«

»Aber …«, wollte Viktor sagen. Dann besann er sich. »Kommen Sie.«

Er führte sie in den Anbau, vorbei an den nach Fichtenholz duftenden Sargrohlingen in der Werkstatt und der Kammer mit den Urnen, in denen die kremierten Toten ruhten. Dahinter gab es neuerdings noch ein Zimmerchen, in dem die Angehörigen in Ruhe von ihren Toten Abschied nehmen konnten. Es war auf Viktors Betreiben eingerichtet worden, ein schlichter Raum mit blauem Teppich, weißen Wänden und ein paar bequemen Sesseln, auf die Häkeldeckchen zu legen er Tante Hedwig gerade noch hatte hindern können. Seine Freundin Miriam hatte trockene silberne Stämme aus totem, gebleichtem Holz aufgestellt wie Statuen. Und wenn ein Termin anstand, schmückte sie diese Säulen sparsam mit Blumen. Heute waren sie kahl.

Viktor knipste das Licht an. Wieder einmal dachte er, dass er sich einen anderen Raum wünschte, größer, heller, mit gläsernen Wänden, die einem das Gefühl gäben, direkt zwischen den alten Kiefern im Garten zu stehen. Doch für so einen Neubau war Onkel Wolfgang noch immer nicht zu gewinnen. Tote sah man bei der Leichenwäsche, dann bei der Aufbahrung in der Kirche. Aber man hielt keine zivilen Treffen mit ihnen ab. Das hatte, in Wolfgangs Augen, etwas Anrüchiges.

»Warten Sie hier«, sagte Viktor. Er ging in den Keller, zog Herrn Siebenschritt aus der Kühlung, bettete ihn in aller Eile auf eine Rollliege und schob ihn in den Aufzug, der sie beide direkt hinauf in den Anbau bringen würde. Zum Glück hatte er noch ein fleckenloses Leintuch gefunden. Tante Hedwig war mit dem Waschen im Rückstand.

»Bitte«, sagte er, als er die Bremsen arretierte und das Laken zurückzog. Er wusste nicht, was er sonst sagen sollte. Herr Siebenschritt roch ein wenig nach Chemie. Er selbst nach Pinot Grigio. Beides war nicht ideal, aber nun einmal nicht zu ändern.

»Danke«, erwiderte Frau Siebenschritt. Sie legte ihre Handtasche auf einem der Sessel ab, zog ihre Kostümjacke aus, faltete sie ordentlich zusammen, sie ließ die Pumps von den Füßen gleiten, dann legte sie sich neben ihren Mann.

»Aber …«, wollte Viktor einwenden. Doch wiederum besann er sich. Es gab nichts, was er oder irgendein Außenstehender hierzu hätte sagen dürfen. Er ging hinaus und zog leise die Tür hinter sich zu.

In der Küche machte er eine weitere Flasche Wein auf und nahm ein zweites Glas aus dem Schrank, dann ging er nach draußen auf die Terrasse. Die Uhr im Flur schlug das Viertel. Frau Siebenschritt kam erst wieder nach oben, als eine Stunde vergangen war.

»Er ist tot«, sagte sie.

Statt einer Antwort schenkte er ihr ein. Sie drehte das Glas in den Fingern und schaute mit ihm in die Schwärze, in der sich die Bäume kaum mehr von der Nacht abhoben. Für einen Stadthimmel waren erstaunlich viele Sterne zu sehen.

»Warm für Oktober«, stellte Frau Siebenschritt fest und nahm einen Schluck. »Er war sehr kalt.«

Viktor nickte.

»Aber er sah friedlich aus. Ganz anders als im Krankenhaus.«

Viktor nickte wieder. Vermutlich konnte sie es nicht sehen. Aber das war ohnehin nicht wichtig.

»Der Wein ist gut«, meinte sie. »Geben Sie mir noch ein Glas.« Sie trank es in einem Zug leer. Langsam wurde sie gesprächig. »Wir sollten Wein ausschenken, bei der Aussegnung. Geht das? Und ich möchte, dass wir etwas von Grieg spielen. Die Lyrischen Stücke, die mochte er.« Sie summte die ersten Takte.

Das Quietschen des Trampolins setzte aus. Tobias kam lautlos herein. Die Mondscheinsonate kannte er. Mit Emil Gilels am Klavier. Sie erklang, wenn er die Taste des CD-Players drückte, die Tante Hedwig ihm mit grünem Leukoplast markiert hatte, damit er sie fand.

»Grün«, sagte er.

Frau Siebenschritt neigte den Kopf. »Ich fand immer, sie klingt blassgelb.«

Tobias dachte darüber nach. Dann ging er zu ihr und legte, ehe Viktor es verhindern konnte, den Kopf an ihre Schulter. Mit einer unwillkürlichen Bewegung, die sie vermutlich tausendmal im Leben bei jemand anderem gemacht hatte, hob sie die Hand und strich ihm durchs Haar. Sie bemerkte es und begann zu weinen.

»Tobi!«, rief Viktor streng.

Tobias hob den Kopf. »Tolle Titten«, sagte er.

Vor Schreck erstarrte Viktor. Er und Frau Siebenschritt schauten einander an. Schon wollte er zu einer wortreichen Entschuldigung ansetzen, da begann sie plötzlich zu kichern.

Über sich selbst erschrocken, hielt sie sich die Hand vor den Mund, aber das Lachen war nicht aufzuhalten. Tobias stimmte mit ein, schließlich Viktor. Am Ende saßen sie unter dem Sternenhimmel und lachten gemeinsam in immer neu aufwallenden Kaskaden, bis sie nach und nach in Gluckern und Glucksen abebbten und schließlich verstummten.

Frau Siebenhaar schaute an sich hinunter. Sie umfasste ihre Brüste samt der Bluse. »Ich bin noch ganz gut beisammen, nicht wahr?«, fragte sie nachdenklich. Und fügte hinzu. »Ich bin siebenunddreißig.«

Als Viktor wagte, wieder zu ihr hinzusehen, sah er, dass Tränen über ihr Gesicht flossen. Aber sie lächelte noch immer. »Ich bin am Leben«, flüsterte sie. »Am Leben.«

Leise sagte Viktor: »Und irgendwann wird Sie das wieder freuen. Es darf Sie freuen.«

Nach einer Weile des Schweigens stand sie auf. Sie wankte leicht. »Danke«, sagte sie.

Viktor nahm ihre Hand. »Jederzeit«, sagte er.

»Zeit«, sagte sie und lächelte wieder. Dann packte sie den Riemen ihrer Handtasche und ging festen Schrittes davon.

Viktor war gerade dabei, Herrn Siebenschritt wieder zurück in die Kühlung zu verfrachten, als das Handy klingelte, das sie für ihren Tag-und-Nacht-Service eingerichtet hatten. Es war zwei Uhr morgens, und das konnte nur eines bedeuten: Kundschaft. Wie sagte sein Onkel immer so wahr wie enervierend: Der Tod kennt keine Zeit.

Seufzend hob er ab: »Anders und Anders Bestattungen, Sie sprechen mit Viktor Anders.«

Die Stimme, die an sein Ohr drang, war dünn wie Papier. »Kloster Trubenbronn«, sagte sie heiser. »Sie kennen die Vereinbarung.« Ehe Viktor ein Wort erwidern konnte, hatte die Sprecherin aufgelegt.

Verwirrt rief Viktor in den Hörer: »Hallo? Hallo? Welche Vereinbarung? Wer sind …?« Doch nur das Geräusch des Leerzeichens antwortete ihm. Er schüttelte den Kopf über sich selbst und legte endlich auf. Ein seltsamer Anruf war das gewesen. So eine tiefe Stille und dann die paar Worte, gesprochen wie aus einer anderen Welt. Beinahe wie eine Drohung.

In diesem Moment tat es oben im Haus einen Schlag.

Viktor knallte das Kühlfach zu und sprintete die Treppe hinauf in die Küche, wo sein Cousin schon herummarodierte. Tobias war Autist. Obwohl er achtzehn Jahre alt war, konnte er doch die meisten Verrichtungen des Alltags nicht alleine bewältigen. Er sprach kaum, war leicht aufzuregen, und wenn man seinen Vater fragte, Viktors Onkel und Geschäftspartner, so konnte er eigentlich nur eine Sache gut, nämlich das Leben seiner Familie aus purer Lust am Starrsinn zur Hölle machen. Seine Mutter, Tante Hedwig, sah in ihm dagegen eine empfindsame Seele, die in einen Körper eingesperrt war, der ihm nicht gehorchte. Viktor schwankte zwischen beiden Positionen. Er wusste, dass in Tobias verborgene Talente steckten. Eines davon hatte er selbst zutage gefördert: Er hatte Tobias ermuntert, Texte auf dem PC zu schreiben. Seit sie die lesen konnten, wussten sie, dass Tobias ein fotografisches Gedächtnis hatte und sich für Blumen interessierte. Er war eine Wundertüte, sein seltsamer Cousin. Andererseits, dachte Viktor, als er in die Küche kam und bremste, war er auch wieder sehr vorhersehbar. Das Szenario, das ihn erwartete, hätte er mit geschlossenen Augen beschreiben können. Der Kühlschrank war aufgerissen, ein Joghurtbecher geöffnet. Tobias hatte Zucker dazugeben wollen. Aber wenn er den Zuckerspender einmal anhob und der Inhalt begann herauszufließen, fand sein Körper die Bremse nicht. Er hörte nicht eher auf, bis der ganze Inhalt ausgeschüttet war und der Joghurtbecher unter einem Zuckerkegelberg begraben lag. Der Zucker war dann überall: auf dem Tisch, auf dem Boden, von Tobias’ zuckenden Händen überall verteilt. Wütend ob des Misserfolges lief Tobi zwischen Herd und Fenster hin und her und schlug gegen die Wände. Im Mund hatte er einen Topflappen, auf dem er herumkaute. Tante Hedwig kaufte extra immer eine bestimmte Sorte aus Naturfasern, die für seine Verdauung unschädlich waren.

Viktor trat an den Kühlschrank, nahm eine Flasche Cola für sich und eine für seinen Cousin heraus und öffnete sie. Eigentlich hätte er Tobi schon um zehn ins Bett bringen müssen. Seine Tante legte viel Wert auf klare Strukturen. Viktor hatte die Erfahrung gemacht, dass man mit Tobi auch ohne Strukturen zurechtkam, wenn man ihm nur genug Cola, Joghurt, Zucker und die Möglichkeit bot, Tag und Nacht auf dem Trampolin zu springen.

»Hier, Tobi«, sagte er, reichte seinem Cousin eine der Flaschen und nahm selbst einen tiefen Schluck aus der anderen. Das tat gut. Nach all dem Wein und den großen Gefühlen musste er dringend wieder nüchtern werden. Langsam ebbte der Schreck in ihm ab, den das Telefonat und der Krach in ihm verursacht hatten.

»Himmelherrgott!« Viktor rülpste. »Du hast aber auch ein Timing. Ich dachte schon, hier brechen schwarze Mönche ein.«

Das scharfe Schrillen des Telefons, das er noch immer in der Hosentasche trug, ließ ihn erneut zusammenzucken.

Im Hintergrund hörte er lautes Rauschen, dazwischen Sirenen und Hupgeräusche. »Hallo?«, brüllte Viktor in das Chaos. »Sind Sie es noch mal? Von welchem Kloster sprechen sie?«

»Was?«, brüllte Wolfgang Anders zurück, ebenfalls in voller Lautstärke. »Wieso Kloster? Wo ist deine Tante?«

Viktor schaute sich in der leeren Küche um, als wüsste sie die Antwort. »Noch bei Miriam, schätze ich. Irgendwas bereden. So Frauensachen.«

»Verdammt.« Wolfgang Anders schwieg. Er schaute zur Seite, wo die Polizei auf der A 73 die rechte Spur für hundert Meter gesperrt hatte. Der Laster war aufs Bankett geraten und in den Lärmschutzwall gekracht. Er hatte trotzdem kaum eine Delle. Zwei Krankenwagen standen daneben. Die Sanitäter hatte darum gewetteifert, dem unverletzten Trucker eine Decke umlegen zu dürfen. Auch die Feuerwehr war vor Ort. Man begutachtete, palaverte und stemmte die Hände in die Hüften. Die Polizei nahm schon mal Maß für den Bericht. All die Blaulichter rotierten stumm und nutzlos, als wollten sie sagen »Zu spät, zu spät, zu spät«.

Wolfgang Anders’ Blick fiel auf den rotbraunen Streifen, der vom Asphalt in die Wiese führte, und den anzufassen die Feuerwehrleute sich weigerten. Zuerst hatten sie gedacht, das Unfallopfer hätte sich aufgerappelt und wäre verschwunden. Dann hatten sie den Streifen näher betrachtet. Und das, was im Reifenprofil des 44-Tonners hing. Man hatte ihn gerufen, ihm eine Schaufel zur Verfügung gestellt, und war zurückgetreten.

Wolfgang Anders fühlte sich alleine.

»Weißt du was von einem Kloster?«, erkundigte Viktor sich brüllend an seinem Ohr.

»Im Ordner.« Wolfgang Anders seufzte. Warum blieb immer alles an ihm hängen? »Es steht alles im Ordner. Dem mit den Stammkunden.«

Der Trucker hob den Kopf und sah ihn an, blass wie der Tod selbst. Er hatte noch nicht begriffen, was geschehen war. Wolfgang wünschte ihm, das würde andauern. Ein Polizist kam auf ihn zu, tippte auf sein Handgelenk. Wolfgang Anders nickte. Die Zeit lief. Er konnte es vor sich sehen. Sie war ein ewig rollendes Rad, das alles zermalmte. Er wusste, dass er hiervon noch lange träumen würde.

»Onkel Wolfgang? Alles in Ordnung?«

»Es war ein Kind, Viktor, ein verdammtes Kind.«

Viktor wollte etwas sagen.

Doch auch sein Onkel hatte aufgelegt.

Eine Stunde später hatte Viktor sowohl den Ordner gefunden, in dem Anders & Anders die Organisationen auflisteten, mit denen sie Stammverträge hatten, die meisten davon Alters- und Pflegeheime, als auch Wikipedia befragt und war um einiges klüger. Was er erfahren hatte, kam ihm trotzdem seltsam vor. Zunächst einmal: Das Kloster Trubenbronn gab es wirklich, es lag tief in der Fränkischen Schweiz, fernab der in dieser Gegend ohnehin schon recht einsam gelegenen kleinen Dörfer. Und klein war auch das Kloster selbst, wenn man dem Eintrag im Internet glauben konnte. Gerade einmal acht Nonnen lebten dort. Viktor konnte sich lebhaft vorstellen, dass man nur eine Null dahinterzuschreiben brauchte, um auf den Altersschnitt in diesem Haus zu kommen. Plus x.

Die Nonnen von Trubenbronn waren Kartäuserinnen, das hieß, sie lebten und arbeiteten einsam und in tiefem Schweigen. Für Letzteres war Viktor wirklich dankbar, denn er würde Tobias mitnehmen müssen und hatte genug von all den dummen Kommentaren, die sein Cousin mit seinem schrägen Verhalten oft erntete. Diese Nonnen würden wenigstens die Klappe halten müssen. Was sie ansonsten tun würden, war schwer vorherzusagen. Zwei Tassen Kaffee später stellte Viktor das Navi ein, bugsierte Tobi auf den Beifahrersitz, stellte das Radio laut und fuhr los.

Trubenbronn lag in Oberfranken, wirklich fernab ihrer üblichen Nürnberger Klientel, wenn sich das Unternehmen mit seinen Aktivitäten auch nicht auf die Stadt beschränkte. Bei Gelegenheit musste er seinen Onkel einmal fragen, wie er an diesen Vertrag gekommen war. Das Dokument hatte alt ausgesehen, fast, als stamme es noch aus den Sechzigern, als Viktors Eltern und Wolfgang das Bestattungsinstitut Anders gegründet hatten. Sein Inhalt mutete eher noch altmodischer an, beinahe mittelalterlich. Und ziemlich ausführlich: Das Kloster war im 13. Jahrhundert gegründet worden, ursprünglich für Mönche, Nonnen hatten die Gebäude erst später übernommen. Es besaß einen eigenen Gottesacker und das Recht, seine Toten dort zu bestatten. Wenn eine der Nonnen starb, so wurde sie von ihren Schwestern gewaschen, aufgebahrt und ausgesegnet. Ein Gärtner hob derweil die Grube für die Tote aus. Aufgabe des Bestatters war es nur noch, die Verstorbene in den Sarg zu betten, sie zu dem vorgesehenen Grab zu tragen und dort zu versenken. Zugraben und das Anbringen eines vorläufigen Holzkreuzes gehörten ebenfalls zu seinen Aufgaben. Danach hatte er das Kloster wieder zu verlassen. Eine der lebenden Bewohnerinnen würde er dabei nicht zu sehen bekommen, hieß es in dem Dokument. Der Bestatter hatte zu kommen und zu gehen wie ein Geist, unsichtbar und stumm.

»Meinst du, wir kriegen das hin, Tobi?«, fragte er seinen Cousin.

In dem Moment verlor das Radio seinen Empfang. So viel Viktor auch darauf herumdrückte und an Knöpfen drehte, sie bekamen keinen Sender mehr herein. Als hätten sie das Ende der Welt erreicht. Oder zumindest den Arsch derselben. Um sie herum war es noch dunkler geworden, Wald zog an ihnen vorbei. Windbruch säumte die Straße, die schmal wurde und kurvig. In Serpentinen schraubten sie sich einen Hügel hinauf. Die Landschaft sah nicht nur einsam aus, sondern fast verwüstet und gottverlassen. Das leise Rauschen des Radios. Jetzt mussten sie doch wirklich bald da sein.

»Bayern 3«, kreischte Tobi und schlug auf das Handschuhfach ein.

»Isjagut, isjagut, isjagut!« Viktor beeilte sich, den Airbag zu deaktivieren, damit er nicht auslöste. »Bezogen auf meine Frage werte ich das dann wohl mal als ein Nein.« Unsichtbar und stumm. »O Mann, das kann ja heiter werden.«

Er sah das Reh im letzten Moment.

»Achtung!« Viktor stieg in die Eisen. Flüchtig dachte er an die deaktivierten Airbags, sah die Frontscheibe, wie sie in Stücke sprang, wie Blut sich mit Scherben mischte, sie in einem Bogen in den Nachthimmel hinausfliegen, hoch, glitzernd, schön. Alles geschah ganz langsam. Real in jedem Detail und doch nicht ganz wahr. »Tobias?«, hörte er sich laut und in die Länge gezogen rufen. Die einzelnen Buchstaben stiegen langsam wie Seifenblasen in die Luft auf, tanzten umeinander und platzten mit einem unhörbaren Laut.

Der Wagen brach aus, Viktor versuchte sich in der Realität zu halten, kurbelte, er spürte keinen Widerstand. Hastig drehte er das Lenkrad zurück, weit, viel zu weit. Tobias schrie, hoch und laut.

Mit quietschenden Reifen kam der Wagen zum Stehen.

Auf einen Schlag herrschte Stille. Das Tier starrte sie an, die Ohren nach vorne gedreht, reglos. Schwaden von Bodennebel zogen zwischen seinen schlanken Läufen hindurch, so schien es, und hüllten das tote Holz des Waldbodens ein. Ausatmen.

Im grellen Lichtkegel des Scheinwerfers wurde links auf einmal ein halb verfallener steinerner Torbogen sichtbar. Ein Kreuz aus Schmiedeeisen krönte ihn, halb von Efeu überwachsen. Vollmond, dachte Viktor benommen, das wär’s jetzt. Er war noch immer mit Atmen beschäftigt. Irgendwie wollte es nicht mehr von alleine gehen. »Tobi! Alles in Ordnung?«

Statt seines Cousins verkündete das Navi: »Sie haben Ihr Ziel erreicht.«

Das Reh sprang davon. Mit zitternden Händen startete Viktor den Wagen neu, schlug ein und ließ ihn in Schrittgeschwindigkeit durch das Tor auf den schmalen Pfad rollen, der dahinterlag.

Eine schmiedeeiserne Pforte wurde sichtbar, dann tauchte eine freie Fläche aus dem Waldesdunkel auf, auf der der Nebel stand wie Wasser. Inseln gleich ragten Grabsteine daraus hervor, unregelmäßig und schief, alte Zähne in einem lückenhaften Gebiss. In diesem Moment wurde Viktor erhört, und der wolkenverhangene Himmel riss tatsächlich auf, um das Mondlicht durchzulassen. Der Nebel begann zu leuchten. Eine Kapelle zeigte ihre gotischen Umrisse. Jetzt bemerkten sie auch das flackernde Licht einiger Kerzen in den hohen Bogenfenstern. Dorthin mussten sie. Sie wurden erwartet.

Viktor drückte gegen die Pforte, die eiskalt war. Seine Finger rochen nach Eisen und Rost, als er sie an der Jackenbrust abwischte. Wie Blut. Das Tor quietschte lange und klagend. Falls jemand auf sie gewartet hatte, wusste er nun, dass sie da waren. Viktor trat nur leise auf, auch Tobias war ganz still neben ihm. Es rauschte in den hohen Tannen. Ein Nachtvogel rief. Von irgendwoher, schwebend und fein, vernahm Viktor Gesang. Er hatte davon gelesen. Sie standen nachts auf und priesen Gott. Es gab ein Wort dafür, es klang wie Glockenklingeln: Matutin. »Bayern 3«, murmelte Tobias.

Viktor fand die Kapellentür. »Ich glaube nicht«, sagte er, »dass die Schwestern wissen, was das ist.«

Die Tote lag vor dem Altar, sie sahen sie sofort. Sie trug das weiße Habit ihres Ordens, dazu einen schwarzen Schleier und ähnelte in allem verblüffend der Madonnenstatue, die von Kerzen umringt über ihr am Seitenaltar thronte. Nur dass sie die Hände nicht rang, wie die Jungfrau Maria es tat, und dass kein Heiligenschein sie umgab. Auch waren ihre Augen nicht ekstatisch verdreht, sondern in tiefem Frieden geschlossen. Sie war nicht alt, nicht jung. Ihre Haut hatte dieselbe bleiche Farbe wie die Kutte, die sie trug. Es war schwer, sich vorzustellen, dass sie jemals gelebt hatte. Prüfend legte Viktor seine Hand auf die ihre. Sie war kalt. Die Fingernägel peinlich sauber. Keine Fluse war auf der Kleidung zu sehen, kein Fleck.

Als Viktor aufschaute, entdeckte er die bereitgestellte Kiste aus Fichtenholz, von der er im Vertrag gelesen hatte. Die Nonnen legten offensichtlich keinen Wert auf aufwändige Särge. Also dann.

Da fiel ihm auf, dass er alleine war. »Tobias?«, rief er, erhielt aber keine Antwort. Er lauschte, doch es blieb still. Tatsächlich vollkommen still. Kein Vogel schrie, kein Ast knackte. Auch der Gesang der Nonnen war nicht mehr zu hören. Als eine der Kerzen mit einem Knistern aufflackerte, zuckte Viktor zusammen. Die Stille um ihn herum nahm langsam die Temperatur der Nacht an.

»Na gut«, sagte Viktor laut. Er versuchte, sich auf die anstehenden Aufgaben zu konzentrieren, um das Unbehagen zu verdrängen. Die Rolltrage über die holperige Friedhofserde zu bekommen, um die Verstorbene daraufzulegen und sie zum Grab zu transportieren, konnte er vergessen. Hier war Handarbeit angesagt. Oder vielmehr Bandscheibenarbeit.

Er schob die Hände unter die Tote und hob sie probeweise an. Sie war überraschend leicht. Mit dem Fuß angelte er nach dem Sarg und zog ihn heran. Wenn er den Oberkörper hinein hob, würden die Beine zwangsläufig folgen. Ordnen konnte er die ganze Sache später. Beschweren würde sich auch keiner, sie waren allein. Dann würde er den Sarg bis zur Schwelle schleifen und Tobi suchen gehen, damit er ihm helfen konnte, den Rest des Weges zu bewältigen. Bei der Gelegenheit konnte er gleich nach dem offenen Grab Ausschau halten, das laut Vertrag auf sie wartete.

»Tschuldigung«, murmelte er, als die Beine der Nonne hart auf dem Rand des Sarges aufschlugen. Dann stopfte er sie rasch hinein und schob die Kutte zurecht, ehe er sich aufrichtete. Sein Rücken tat jetzt schon weh. Verdammter Tobi.

Als er ins Freie trat, rief er so leise wie möglich den Namen seines Cousins, bekam aber keine Antwort. Zögernd schaute er sich um. Sollte er zum Hauptgebäude hinübergehen und schauen, was dort möglicherweise an Unheil geschehen war? Tobias hatte ein Talent, Menschen zu verstören. Was, wenn er auf einem Altartuch herumkaute? Viktors Worst-Case-Szenario enthielt einen Tobias, der der Mutter Oberin an die Kutte griff und dazu »tolle Titten« krähte. Ob sie auch dann ihr Schweigen durchstehen würde? Viktor war nicht wirklich scharf darauf, es zu erfahren. Aber die Nacht war fortgeschritten, sein Rücken schmerzte und ihm fehlte langsam die Kraft, sich gegen irgendwelche Verhängnisse zu stemmen. Sollten sie es doch unter sich abmachen. Im Notfall würde er sich auf die christliche Nächstenliebe berufen.