Schwingen im Mondlicht - Madeleine Puljic - E-Book

Schwingen im Mondlicht E-Book

Madeleine Puljic

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Beschreibung

Je tiefer du fällst, desto höher kannst du fliegen Schon viel zu lange kämpft Kunstschülerin Allison mit ihrem Drang zur Selbstverletzung. Als ihre Mutter ihr ausgerechnet an ihrem Geburtstag vorwirft, überhaupt geboren worden zu sein, reicht es Allison. Sie schnappt sich ihren Skizzenblock und steigt in den nächsten Bus nach Greenport, um ihren Vater zu suchen. Doch der Wunsch nach einem neuen Leben weckt den Engelskeim, der bislang unerkannt in Allison geschlummert hat. Plötzlich wachsen Nacht für Nacht weiße Flügel aus ihrem Rücken - und die Abgesandten von Himmel und Hölle setzen alles daran, sie für ihre Seiten zu gewinnen. Um sich von den festgefahrenen Doktrinen der Engel zu lösen und ihren eigenen Weg zu gehen, muss sich Allison ihrem größten Feind stellen: sich selbst. Urban Fantasy meets Mental Health. Eine Geschichte zwischen Himmel, Hölle und Erde. Tiefgründig, ehrlich und voller Licht.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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MADELEINE PULJIC

Über die Autorin

Madeleine Puljic wurde 1986 in Oberösterreich geboren. Sie absolvierte die Kunstschule in Wien und lebt heute in Hamburg. Ihr erster Roman »Herz des Winters« erschien 2013 im Selbstverlag. Neben ihren eigenen Romanen in den Bereichen Fantasy und Science-Fiction schreibt sie außerdem regelmäßig für die Serie »Perry Rhodan«. Ihr Roman »Noras Welten. Durch den Nimbus« wurde 2017 mit dem Deutschen Selfpublishing-Preis ausgezeichnet.

www.madeleinepuljic.at

Inhalt
Cover
Titel
Inhalt
Widmung
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
Nachwort und Danksagung
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Impressum
Inhaltswarnung

Für alle, denen die Nacht endlos vorkommt.

Für alle, die ihre Flügel bereits gefunden haben.

Und für alle, die in den Abgrund blicken

und noch darauf warten, dass er antwortet.

Einige Elemente in dieser Geschichte können für manche Personen sensible Themen darstellen. Eine Auflistung finden Sie am Ende des Ebooks.

ALLISON

Ja danke. Geh sterben!

»Was zum Teufel …?!« Fassungslos starrte Allison auf die Nachricht, die auf ihrem Handy aufgeploppt war. Linda war ihre beste Freundin. Warum in aller Welt schickte sie ihr so was?

Allison öffnete den Chatverlauf und überflog die letzten Zeilen: Sorry, ich muss dir für morgen leider absagen. Mein Geburtstag soll etwas Besonderes werden. Danke für dein Verständnis!

Mit einem Satz war Allison aus dem Bett, trat dabei auf den Kasten mit den Aquarellfarben und fluchte. Wieder und wieder las sie die Nachricht, die eindeutig von ihrem Handy aus gesendet worden war.

Aber nicht von ihr.

Mein Geburtstag soll etwas Besonderes werden – also feiere ich ihn lieber OHNE DICH? Niemals hätte sie so etwas geschrieben, schon gar nicht ihrer besten Freundin!

Trotzdem stand es da, weiß auf blau.

Hastig tippte Allison eine Antwort. Ihre Finger zitterten so stark, dass sie mehrere Anläufe brauchte. Das war ich nicht! Ich hab das nicht geschrieben! Bitte komm unbedingt, ich brauch dich!

Drei hüpfende Punkte verrieten, dass Linda ebenfalls online war. Ihre Nachrichten folgten Schlag auf Schlag.

Ja klar. Wer denn sonst? Der Heilige Geist?

Steh wenigstens zu deinen Suffnachrichten!

Sorry Ally, aber solche Ausreden kannst du dir echt wohin stecken.

Ich wollte sowieso lieber zu Vince.

Und dann, wie ein Nachgedanke: Danke für dein Verständnis.

Allison fühlte, wie ihr die Hitze durch den Körper schoss. Wut, Scham … Sie wusste nicht, was es war, doch es ließ ihr Herz so heftig wummern, dass sie es bis in die Ohren spürte. Ihr Handy vibrierte von weiteren Nachrichten, die im Hintergrund hereinkamen, aber die interessierten Allison im Moment nicht. Mit kribbelnden Fingerspitzen tippte sie auf den Telefonhörer neben Lindas Namen. Das Freizeichen ertönte zweimal. Dann drückte ihre Freundin den Anruf weg.

»Ach, komm schon!« Allison probierte es noch einmal. Diesmal schaffte sie nur noch ein Freizeichen. Wütend schmiss sie das Handy aufs Bett.

Das war doch vollkommener Irrsinn! Linda war ihre beste Freundin. Wie konnte sie ernsthaft glauben, dass Allison sie derart abservierte? Und dann auch noch behaupten, dass sie ohnehin lieber zu Vince wollte? Den hätte sie doch auch mitbringen können!

Mit fahrigen Bewegungen strich Allison sich die langen roten Haare aus dem Gesicht und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Jemand hatte ihr Handy benutzt. Sie hatte keine Ahnung, wann und vor allem wie – aber es gab nur eine Person, der sie eine derart hinterhältige Aktion zutraute.

Bebend vor Zorn riss Allison ihre Jeans vom Stuhl und ein langärmliges Shirt aus dem Schrank. Sie schlüpfte hinein, verdeckte damit ihre Narben. Dann schnappte sie sich das Telefon und stürmte die Treppe hinunter.

Schon im Flur hörte sie ihre Mutter, die in der Küche mit den Töpfen schepperte und gutgelaunt zu einem Tom Jones-Lied mitsang. Allison knallte das Smartphone vor ihr auf die Anrichte.

»Du hast Linda von meiner Party ausgeladen?«, fauchte sie. »Mit meinem Handy?«

Ihre Mutter rümpfte die Nase, hievte einen mit Wasser gefüllten Topf auf den Herd und hängte die Schmelzschale hinein. »Natürlich nicht. Ich habe den Laptop benutzt.«

»Der auch mir gehört!« Dass sie ihre Mom die Grafikprogramme darauf benutzen ließ, bedeutete noch lange nicht, dass sie Allisons Chatnachrichten lesen durfte. Geschweige denn, welche in ihrem Namen verschicken! »Wie kommst du auf so einen Scheiß?«

Ihre Mutter seufzte. »Schatz, du wirst doch nur einmal achtzehn. Das sollten wir besonders feiern.« Sie zog eine Tafel dunkler Schokolade aus dem Schrank. »Ich mache deinen Lieblingskuchen!«

Allison ballte die Fäuste und grub ihre Fingernägel in die Handflächen. Der Schmerz half ihr, sich zu sammeln. »Wir hatten darüber gesprochen«, presste sie hervor. »Ich feiere heute mit meinen Freunden. Wir beide können morgen etwas unternehmen.«

Ihre Mutter ließ die Schokolade sinken. Das übertrieben fröhliche Lächeln auf ihrem Gesicht geriet ins Wanken. »Aber das ist unser letzter gemeinsamer Geburtstag, Ally! Nächstes Jahr gehst du aufs College, und dann …«

»Ich weiß, Mom! Es ist auch der letzte Geburtstag, den ich mit meinen Freunden feiern kann. Mit dir habe ich jedes Jahr verbracht!«

Während ihre Klassenkameraden Parties ohne Ende schmissen, hatte sie mit ihrer Mutter immer wieder dieselbe Routine durchlaufen: gemeinsam in die Mall zum Shoppen, zuhause die Geschenke auspacken, jedes Jahr denselben Schokokuchen. Im Anschluss ein Filmabend mit Eis und der neuesten Liebeskomödie, vorzugsweise mit Patrick Dempsey oder – seit der in die Jahre gekommen war – Ryan Gosling. Jedes. Verfluchte. Jahr.

Gerade deshalb sollte es heute anders laufen.

Nur dass ihre Mutter das wieder einmal vergessen, nein, verdrängt hatte. Verständnislos runzelte sie die Stirn. »Aber das war doch immer unser Tag! Ich habe mir extra freigenommen … Und jetzt bist du böse, weil ich Zeit mit meinem einzigen Kind verbringen will?«

Allison verdrehte die Augen. Jetzt ging diese Masche los.

»Natürlich können wir Zeit miteinander verbringen, Mom«, lenkte sie ein. »Nur eben nicht heute. Und es gibt dir auch nicht das Recht, in meinem Laptop rumzuschnüffeln oder Linda von meiner Party auszuladen!«

»Ich habe Linda nicht ausgeladen. Warum sollte ich? Auch wenn ich finde, dass sie kein guter Umgang für dich ist.« Inzwischen brodelte das Wasser. Allisons Mutter reduzierte die Hitze und begann, die Schokolade in die Schmelzschale zu brechen. »Ich habe die Party abgesagt.«

»Du hast was?«

Einen Augenblick lang hoffte Allison noch, sich verhört zu haben, doch ihre Mutter nahm in aller Seelenruhe den Schneebesen zur Hand und schob die weich werdenden Schokoladenbrocken umher. Sie war sich keiner Schuld bewusst. Wie immer.

Allison griff nach ihrem Handy und scrollte durch den Nachrichtenverlauf. Mittlerweile blinkten zig ungelesene Nachrichten in ihrem Eingang, und bei jedem einzelnen Kontakt leuchtete ihr derselbe unangenehme Text entgegen. Danke für dein Verständnis! Selbst Leute, die Allison überhaupt nicht eingeladen hatte, hatten eine Abfuhr bekommen. Und waren jetzt vermutlich doppelt sauer auf sie.

Ihre Mutter hatte die Party nicht bloß abgesagt. Sie hatte sie pulverisiert, und Allisons Ruf gleich mit.

Fassungslos sah Allison auf. Ihre Mutter hatte schon viel Mist abgezogen, aber das hier schlug dem Fass den Boden aus. »Hast du sie noch alle?«

Nun ließ ihre Mutter den Schneebesen doch sinken. »Wie redest du denn mit mir?«

Ihr verletzter Blick hätte Allison normalerweise unverzüglich Schuldgefühle beschert. Aber nicht heute. Diesmal war sie zu weit gegangen.

»Du ruinierst mein Leben!«, zischte Allison. Tränen brannten in ihren Augen. In ihrem Hals drückte ein dicker Klumpen, der sich nicht hinunterwürgen ließ.

Mit einem Knall landete der Schneebesen in der Spüle. »Wie kannst du so etwas sagen? Nach allem, was ich für dich tue?«

»Es geht hier aber nicht um dich!« Nun brachen die Tränen ungehemmt hervor. Wütend wischte Allison sie fort. »Es geht um mich! Meinen Geburtstag. Das wäre mein Tag gewesen. Und du versaust ihn mir!«

Wochenlang hatte sie die Feier geplant, hatte nahezu den gesamten Lohn ihres Ferienjobs in die Getränke und Snacks investiert. Ein einziges Mal hatte sie diejenige sein wollen, um die sich alles drehte. Nicht ein geduldeter Gast, nicht nur das Anhängsel der wesentlich beliebteren Linda Hartfield.

In den Augen ihrer Mutter schimmerten Tränen. »Ich habe alles für dich aufgegeben.« Ihre Stimme klang kratzig, als wäre sie eine gebrochene Frau. »Ist es wirklich so viel verlangt, dass ich an deinem Leben teilhaben möchte?«

Allison krallte die Finger in die Innenseite ihrer Ärmel. Sie würde sich kein schlechtes Gewissen machen lassen. Diesmal nicht. »Du willst nicht daran teilhaben«, erklärte sie. »Du willst mich besitzen!«

Ein beißender Gestank breitete sich in der Küche aus. Rauch stieg aus der Schmelzschale, wo die Schokolade zu einem schwarzen, bröseligen Klumpen verbrannt war.

»Da hast du es!« Mit einer Mischung aus Triumph und Zorn packte Allisons Mutter die qualmende Schale und warf sie in die Spüle. Zischend verdampften die Wasserflecken darin. »Bist du jetzt zufrieden? Ich habe nur versucht, dir eine Freude zu machen.«

Ja, klar. Es war egal, was Allison sagte. Ihre Mutter würde die Märtyrernummer nicht aufgeben.

»Weißt du was?« Sie griff an ihrer Mutter vorbei und schaltete den Herd ab. »Spar dir deine Psychospielchen für jemanden, der sie noch nicht kennt.«

»Psychospielchen?« Ihre Mutter schnappte nach Luft. »Hältst du mich etwa für krank?«

»Das habe ich nicht gesagt …«

»Aber gedacht.« Schmerz trat in die Augen ihrer Mutter.

Allison biss die Zähne zusammen und kämpfte den Drang nieder, sich zu entschuldigen. Sie würde nicht zurückstecken. Heute nicht! Sie hatte nichts falsch gemacht. Sie hatte nur die Wahrheit gesagt – und selbst das wäre nicht nötig gewesen, hätte ihre Mom zuvor nicht jede Grenze überschritten.

Als Allison nicht die gewohnte Reaktion zeigte, verhärtete sich der Ausdruck ihrer Mutter. »So siehst du mich also, ja? Ich habe dich auf die Welt gebracht! Habe dich alleine aufgezogen! Und du hast es mir nie leicht gemacht. Weißt du eigentlich, was ich alles für dich ertragen habe? Wie sehr ich mich einschränken musste? Dein Vater konnte sein Leben einfach weiterleben. Denkst du, ich hatte nicht auch andere Pläne?«

»Mein Vater hatte keine Wahl!«, brüllte Allison. Mit ihrer Selbstbeherrschung war es vorbei. Ihre Mutter wollte die Dreckkiste der Vergangenheit öffnen? Schön. Dieses Spiel konnte sie mitspielen. »Du hast ihm nie von mir erzählt!« Und damit hatte ihre Mutter nicht nur ihren Ex um seine Tochter, sondern Allison auch um ihren Vater betrogen.

Genau das wollte sie ihrer Mutter auch vorwerfen, doch die stieß ein bitteres Lachen aus.

»Glaubst du wirklich, er wäre geblieben, wenn ich ihm gesagt hätte, dass ich schwanger war?«, fragte sie. »Er wollte mich nicht! Und ein Kind wollte er schon gar nicht. Und du bist genau wie er. Nur Flausen im Kopf, kein bisschen Verantwortung! Jeder hätte es verstanden, wenn ich dich abgetrieben hätte.«

Abgetrieben?

Das Wort traf Allison wie eine Ohrfeige. Sie wich zurück, unfähig, etwas zu erwidern.

Ihre Mutter wertete ihr Schweigen offenbar als Schuldeingeständnis. Sie zog sich die Schürze vom Kopf, knüllte sie zusammen und warf sie auf die Anrichte. »Wir sprechen wieder, wenn du bereit bist, dich zu entschuldigen.« Damit verließ sie nicht nur die Küche, nein, sie marschierte schnurstracks zur Haustür hinaus, ehe ihre Tochter die Sprache wiederfand.

Jeder hätte es verstanden, wenn ich dich abgetrieben hätte …

Es schmerzte. Umso mehr, weil Allison wusste, dass ihre Mutter das absolut ernst gemeint hatte. Möglicherweise nur in diesem Augenblick, und morgen würde sie den ganzen Streit vergessen haben … Aber das, was sie empfand, würde bleiben: Charlene Doyle bereute es, ihr Kind zur Welt gebracht zu haben.

Tränen liefen Allisons Wangen hinunter. Ich habe nie darum gebeten, geboren zu werden!

Das Gegenteil, ja. Das hatte sie sich oft gewünscht. Einfach aufzuhören zu existieren. Nichts von all dem mehr ertragen zu müssen. Endlich frei zu sein von Schmerz … und Schuld. Allison schluckte.

Geh sterben!

Hätte Linda das auch geschrieben, wenn sie wüsste, wie es in Allisons Innerem aussah?

Ihr Blick glitt zu dem Messerblock, der auf dem Küchentresen stand. Sechs Klingen, feinsäuberlich geschärft. Es wäre so leicht, eine davon herauszuziehen, nach oben zu gehen …

Für einen Moment flackerte ein Bild vor ihren Augen auf: ihre Mutter, die an ihrem Sarg stand und sich endlich eingestehen musste, dass sie ihrer Tochter das angetan hatte.

Aber wie üblich wurde dieses Bild von einem anderen verdrängt: Niemand kam zu ihrer Beerdigung. Niemand vermisste sie. Nur ihre Mutter stand am Grab, schüttelte den Kopf und erklärte, sie habe ja immer schon geahnt, dass mit ihrem Kind etwas nicht stimmte. Das müsse sie vom Vater geerbt haben, mit ihr sei schließlich alles in Ordnung … »Nur Flausen im Kopf, kein bisschen Verantwortung!«

Nein! Allison riss sich von dem Anblick der Messer los. Diesen Gefallen würde sie ihrer Mutter nicht tun. Nicht auf diese Weise.

Sie stürmte nach oben, zerrte ihren Rucksack auf das Bett und kippte ihre Schulsachen aus. Dann riss sie die Schubladen ihres Kleiderschranks auf und fing an zu packen.

CALEB

Es regnete in Greenport, Maine. Caleb hob das Gesicht zum Himmel und genoss die warmen Tropfen, die auf ihn niederplatschten und den sommerlichen Staub von den Straßen wuschen. Ein scharfer Geruch lag in der Luft. Vor Kurzem musste hier noch ein Gewitter getobt haben, doch mittlerweile hatte es seine Gewalt eingebüßt.

Schade. Blitze und Donnergrollen hätten seiner Ankunft die passende Dramatik verliehen. Aber man konnte eben nicht alles haben.

Caleb wischte sich das Wasser aus dem Gesicht und straffte die Schultern. Zeit, es hinter sich zu bringen.

Die Straße, in der sein Elternhaus stand, hatte ihre besten Jahre lange hinter sich. Der Asphalt war rissig und an vielen Stellen gebrochen, die einst weißen Lattenzäune waren grau und krumm. Hier am Stadtrand bröckelte der Vorortcharme von Greenport nicht bloß. Er lag in Trümmern auf dieser Müllhalde, die sich Straße nannte.

Vor dem Haus seines Vaters blieb Caleb stehen. Der Garten war verwildert, die Garage abgeschlossen, doch das wunderte ihn nicht. Sein Vater war nie besonders menschenfreundlich gewesen, und in den letzten Jahren war es immer schlimmer geworden. Die mit Brettern vernagelten Fenster dagegen waren neu.

Caleb drückte das Gartentor auf und stapfte durch den aufgeweichten Boden um das Haus herum. Er versuchte sich zu erinnern, wann er den Alten das letzte Mal aufgesucht hatte. Wie viele Jahre hatte er es diesmal ausgehalten, seiner Vergangenheit fern zu bleiben?

Hinter den verbarrikadierten Fenstern herrschte Dunkelheit. Und nicht nur auf dem Rasen, auch auf den Stufen, die zur Hintertür führten, moderte das Laub vom letzten Herbst vor sich hin. Caleb hob die Hand, um an die Tür zu klopfen – und zögerte. Vermutlich war der alte Mann weggezogen. Vielleicht wartete er aber auch mit einer Schrotflinte hinter der Tür. Verrückt genug war er.

Die Flinte machte Caleb keine Angst. Er war jedoch nicht gekommen, um seinem Erzeuger tatsächlich gegenüberzutreten.

Also ließ er die Hand sinken, wandte sich um und klopfte stattdessen beim Nachbarhaus. Früher hatte hier Mrs. Rodriguez gewohnt. Caleb erinnerte sich, dass er sich als Kind oft unter ihrer Veranda verkrochen hatte, wenn es zuhause unerträglich geworden war. Sie hatte stets getan, als wüsste sie nichts davon. Nur die Keksteller, die sie neben der Tür bereitgestellt hatte, hatten sie verraten.

Es dauerte einen Moment, dann öffnete sich die Tür einen Spaltbreit. Eine magere Frau mit Lockenwicklern in den Haaren lugte heraus. Sie war weiß, blond, um die vierzig – und besaß auch sonst keinerlei Ähnlichkeit mit Mrs. Rodriguez.

»Ja?«

»Hi.« Caleb schenkte ihr sein charmantestes Lächeln. »Ich wollte zu Mister Brennan nebenan, aber … Naja.« Er zuckte mit den Achseln. »Wissen Sie, ob er noch hier wohnt?«

Die Lockenwicklerdame schnaubte. »Da sind Sie ein bisschen spät dran. Das Haus steht seit über zwei Jahren leer.« Sie steckte sich eine selbstgedrehte Zigarette zwischen die Lippen und ließ ein Feuerzeug aufschnappen. Beim dritten Versuch gelang es ihr, den Glimmstängel zu entzünden. Sie zog daran und blies den Rauch seitlich aus dem Mund. »Er liegt am Weeper’s Hill. Herzinfarkt, soweit ich weiß.«

Minuten später stand Caleb auf dem Friedhof und starrte auf das Grab seines Vaters hinab.

Er ist tot. Der Mistkerl ist einfach verreckt!

Caleb versuchte zu ergründen, was diese Information in ihm auslöste. Er fand nur eine schweigende Leere. Er hatte keine Trauer erwartet, ganz sicher nicht! Aber da war auch keine Genugtuung, keine Befreiung … Nur dieses stille Nichts.

Resigniert hob er die Flasche billigen Bourbon, die er im neuen Supermarkt erstanden hatte, und prostete dem Grabstein zu. »Cheers, Dad. Ich sollte dir wohl ewigen Frieden und so wünschen, aber ich weiß ja, dass dir was anderes bevorsteht.«

Der Tote schwieg.

Caleb seufzte und setzte die Flasche an den Mund. Scharfer Alkohol floss seine Kehle hinab. Schon nach dem ersten Schluck musste er husten. Es schmeckte so scheiße, wie der Preis vermuten ließ.

»Hier. Ist eher dein Kaliber.« Großzügig goss Caleb den Rest des Gesöffs über dem Grab aus. Die leere Flasche schmiss er zwischen die Blumen.

»Naja. Tut mir jedenfalls leid, dass ich dein Begräbnis verpasst habe, alter Herr. Ich hätte es gerne miterlebt.« Er schnaubte. »Noch lieber hätte ich gesehen, wie sie dich ins Altersheim verfrachten. Sabbernd, verwirrt und in deiner eigenen Pisse liegend.« Wenigstens ein paar solcher Jahre hätte er seinem Vater vergönnt. Aber nein, der Feigling musste sich ja mit einem Herzinfarkt davonstehlen. Caleb seufzte. »Man kriegt eben nie, was man will.«

Allmählich breitete sich eine betäubende Wärme in Caleb aus und verdrängte die klamme Kälte in ihm. Der Alkohol tat seine Wirkung. Vielleicht hätte er mehr davon trinken sollen.

Aber vergossenem Bourbon nachzutrauern war zwecklos – und sich zu betrinken obendrein kontraproduktiv. Caleb brauchte seine Sinne bei sich. Sein kleiner Abstecher hatte ihn bereits viel zu lange aufgehalten.

Er wandte sich vom Grab seines Vaters ab, breitete seine Schwingen aus und stieß in den Himmel hinauf.

ALLISON

Vier Stunden Fahrt. Das war keine Weltreise, und es führte sie auch lange nicht so weit von zuhause fort, wie sie es eigentlich nötig hätte. Aber es fühlte sich wie eine verdammte Ewigkeit an, wenn man diese vier Stunden eingequetscht in einem Überlandbus mit ausgefallener Klimaanlage, stinkenden Mitreisenden und Sitzen verbrachte, die einem den Rücken ausrenkten.

Allison spürte ein penetrantes Kribbeln zwischen den Schultern, von dem sie hoffte, dass es bloß von der unbequemen Polsterung kam – und nicht von irgendwelchem Ungeziefer, das sich darin eingenistet hatte.

Sie lockerte ihre Schultern, lehnte die Stirn ans Fenster und beobachtete die weite Landschaft New Englands, die dort draußen vorbeizog. Es war kindisch, was sie hier tat, das wusste Allison. Nicht, dass sie abgehauen war – das war durchaus vernünftig, und eigentlich hätte sie das schon längst tun sollen. Aber ausgerechnet in die Heimatstadt ihres Vaters zu fahren, nur um zu beweisen, dass ihre Mom sich irrte …

Vielleicht hatte ihre Mutter sogar die Wahrheit gesagt, was ihren Vater anging. Womöglich hätte er tatsächlich auch dann das Weite gesucht, wenn er gewusst hätte, dass er eine Tochter erwartete. Dass er keine Lust gehabt hatte, sich ein Leben lang mit ihrer Mutter herumzuschlagen, konnte Allison jedenfalls gut nachfühlen.

Aber selbst falls er damals aus einem Pflichtgefühl heraus die Verantwortung für ein Kind übernommen hätte, das er nicht geplant hatte – nach achtzehn Jahren aufzutauchen, war eine völlig andere Sache. Was, wenn er inzwischen eine neue Familie gegründet hatte? Dann wäre eine Überraschung aus seiner Vergangenheit bestimmt das Letzte, was er gebrauchen könnte.

Davon abgesehen hatte Allison keine Ahnung, wie sie ihn überhaupt finden sollte. Vermutlich lebte er schon gar nicht mehr in Greenport. Vielleicht war das alles nur ein gigantischer Fehler, und sie würde es bereuen, sollte sie ihn tatsächlich aufspüren.

Im Moment jedoch spielte er ohnehin nur eine Nebenrolle in ihren Entscheidungen. Allison konnte nicht mehr so weiterleben wie bisher. Etwas musste sich ändern, wenn sie nicht zugrunde gehen wollte. Sie musste ihr altes Leben hinter sich lassen, und zwar endgültig. Sie brauchte eine neue Richtung, einen neuen Sinn.

Mit leisem Seufzen schloss Allison die Augen. Das Kribbeln in ihrem Rücken wurde zu einem schmerzhaften Stechen.

Allison rutschte in eine andere Sitzposition und gähnte. Das sanfte Rütteln der Glasscheibe unter ihrer Stirn machte sie schläfrig, und es hatte wenig Sinn, sich über Dinge den Kopf zu zerbrechen, die sie im Augenblick ohnehin nicht beeinflussen konnte. Einen Schritt nach dem anderen, das war alles, was sie tun konnte. Sie würde eine Lösung finden, sobald sie in Greenport war. Nur eines wusste sie sicher: Zurück wollte sie auf keinen Fall.

CALEB

Er hatte kein Recht, immer noch auf Erden zu wandeln, das war Caleb nur allzu bewusst. Aber nachdem sein alter Herr auf so unbefriedigende Weise das Zeitliche gesegnet hatte, blieb eine nervöse Unrast in ihm zurück. Der Seelenfrieden, den seine früheren Besuche in Greenport ihm verschafft hatten, wollte sich einfach nicht einstellen.

Dass dieser Mistkerl einem selbst im Tod alles versauen muss!

Caleb bohrte die Hände in die Hosentaschen und atmete tief durch. Es tat gut, zu gehen. Den harten Asphalt unter seinen Schuhen zu fühlen.

Hier im Stadtkern war vom Verfall der Vororte nichts zu spüren, vielmehr schienen die vergangenen Jahre die breiten Gassen nur gestreift zu haben. Die Stadtbahn war ausgebaut worden, doch die Buchhandlung an der Ecke war immer noch dieselbe wie in Calebs Kindheit, ebenso der Schnapsladen daneben und die Blumenhandlung. Das Kino indessen hatte sich zu einem IMAX gemausert und dabei mindestens zwei Wohnblocks absorbiert. In ein paar Stunden würden sich dort die ersten Gäste in die Sitze zwängen, aber noch waren es höchstens die umliegenden Restaurants und Hotdog-Stände, die Kundschaft anzogen.

Der Duft von Kaffee, frischen Burgern und Tacos vermischte sich mit dem Frittiergestank aus dem Diner hinter ihm. Die Passanten in ihrer Mittagspausenhektik, der kühle Wind, der von der Küste herüberwehte … Das war das Leben. Ein Teil von Caleb würde sich immer danach zurücksehnen. Er erwog, sich wenigstens kurz in der Buchhandlung umzusehen – um der alten Zeiten willen.

Da nahm er die schwache Aura wahr, und er fuhr herum.

Der fremde Engel trug die Gestalt eines jungen Mannes. Blond, breitschultrig, glattrasiert und mit wulstigen Augenbrauen. Alles an ihm schrie Unsterblicher. Gerade, dass er nicht seine Flügel ausgepackt hatte. Caleb konnte nicht einschätzen, wie alt der Kerl tatsächlich war, dazu hatte der Unbekannte seine Aura zu gut abgedimmt. Aber älter als er selbst, das stand fest. Und damit vermutlich auch um einiges mächtiger. Scheiße.

Unwillkürlich ballte Caleb die Fäuste. Er war ohne Auftrag unterwegs. Er durfte überhaupt nicht hier sein.

Es wäre zwar nicht das erste Mal, dass er bei einem unerlaubten Erdaufenthalt erwischt wurde, aber bisher waren es immer seine eigenen Leute gewesen, die ihn aufgespürt hatten.

Dieser Engel jedoch stand auf der anderen Seite. Und zweifellos fühlte er Calebs Aura noch deutlicher als Caleb die seine. Ihre Blicke trafen sich, und hinter den Augen des Unbekannten glomm purer Hass auf. Ohne jede Vorwarnung breitete er seine Schwingen aus und stieß sich ab.

»Scheiße, was –« Es war helllichter Tag! Der Spinner hatte sich nicht einmal umgesehen, ob jemand sie beobachtete!

Auch Caleb fand dazu keine Gelegenheit. Der Muskelprotz rammte ihn mit voller Wucht.

Caleb spreizte ebenfalls die Flügel und stemmte die Beine in den Boden. Er bugsierte den Blonden an sich vorbei, trat ihm ihn die Kniekehle und sprang zurück. Der andere tat ihm jedoch nicht den Gefallen, einzuknicken. Er ging erneut zum Angriff über.

Diesmal war Caleb darauf gefasst. Ebenso auf die plumpe Taktik seines Gegners, die auf reiner Kraft beruhte. Damit war er bei Caleb an den Falschen geraten. Prügeleien mit physisch Stärkeren hatte er sein ganzes Leben lang austragen müssen. Er duckte sich unter der Faust des blonden Engels hindurch und verpasste ihm einen Stoß in den Rücken.

Während der Kerl mit einem wütenden Grunzen herumfuhr, schrie Caleb ihn an: »Alter, hast du sie noch alle? Wir sind hier nicht allein!«

Ja, ohne den Schutz eines Auftrags galt er als vogelfrei. Deshalb in aller Öffentlichkeit einen Kampf anzuzetteln, widersprach trotzdem den Regeln. Und Regeln waren Gott heilig.

Sein Gegenüber kniff die Augen zusammen und schnaubte. »Weichei.«

Ehe Caleb sich versah, ging der Kerl erneut auf ihn los. Allerdings nicht mit den Fäusten.

Caleb sah blanken Stahl aufblitzen. Er riss die Arme nach oben, und die herniedersausende Klinge biss in seinen Unterarm. Fluchend sank Caleb auf die Knie, den verletzten Arm an seine Brust gepresst.

Sein Gegner stand keuchend über ihm, in der Hand ein kurzes, silbrig glänzendes Schwert. Von der runenverzierten Klinge tropfte Calebs Blut.

Er ist mächtig genug, um Waffen herbeizurufen! Damit war Caleb am Arsch.

Er biss die Zähne zusammen und kämpfte sich auf die Beine.Heißes Blut lief seinen rechten Arm hinab. Der Muskel war bis auf den Knochen durchtrennt. Noch fühlte er keinen Schmerz – aber das würde kommen, sobald das Adrenalin nachließ. Also musste er dem zuvorkommen.

Mit aller Kraft stieß er die Schwingen nach vorne. Der Luftstoß zwang seinen Gegner, ein paar Schritte zurückzutaumeln. Genug, um eine Schwachstelle in seiner Deckung zu öffnen. Caleb setzte nach, duckte sich unter dessen Schwert hindurch und rammte ihn, Kopf voran in die Magengrube.

Der Engel grunzte, geriet jedoch nicht einmal ins Wanken. Er packte Calebs Haare, riss seinen Kopf zurück und drosch ihm den Schwertknauf ins Gesicht.

Diesmal explodierte der Schmerz regelrecht. Rote und gelbe Funken flimmerten vor Calebs Augen und verwehrten ihm die Sicht. Er schmeckte Blut, das ihm den Rachen hinunterlief. Voller Zorn spuckte er es auf die Straße und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Sofort biss ihm der Schmerz ins Gesicht und blendete ihn erneut. Caleb fluchte. Der Mistkerl hatte ihm die Nase gebrochen!

Es raschelte. Irgendwo vor ihm. Der Kerl kam näher, Caleb spürte es. Blind schlug er mit den Flügeln um sich, seine Federn streiften etwas Weiches, dann etwas Festes. Caleb duckte sich. Zu spät. Der scharfe Stahl grub sich in seine Schwinge. Caleb brüllte. Er fühlte, wie sein Flügel taub wurde. Aber auch noch etwas anderes … Ein Gewicht, das daran hing. Das Schwert! Der Idiot hatte derart ungeschickt zugestochen, dass seine Waffe sich zwischen Calebs Federn und Knochen verkeilt hatte.

Ohne zu überlegen, riss Caleb den Flügel nach oben. Er stöhnte, als sich die Klinge dabei noch tiefer in die empfindliche Schwinge grub, aber für halbe Sachen war es zu spät. Ein letzter Ruck – und der Schwertgriff entglitt der Hand seines Gegners.

Hastig wich Caleb zurück. Er packte den Knauf mit der unverletzten Linken und riss sich die Klinge aus den Federn. Blutverlust und Schmerz ließen ihn taumeln, aber immerhin hatte sich sein Blickfeld inzwischen weit genug geklärt, dass er den nächsten Angriff sah. Nur dass inzwischen Caleb derjenige mit der Waffe war. Er hob die Klinge.

Der andere schien darin keinerlei Bedrohung zu sehen. Er duckte sich, trat nach Calebs Knöchel, und als Caleb dem offensichtlichen Angriff auswich, stieß sein Gegner sich vom Boden ab, war mit zwei kräftigen Flügelschlägen in der Luft und hinter Caleb.

Caleb kippte das Handgelenk, wirbelte damit das Kurzschwert herum und stieß es ohne sich umzudrehen nach hinten. Ein weicher Widerstand, als die himmelsgeschmiedete Klinge in ihren Besitzer eindrang. Ein schwaches Röcheln, fast unmittelbar an Calebs Ohr.

»Die Linke ist die Hand des Teufels«, flüsterte Caleb ihm zu. »Wusstest du das nicht?«

Sein Gegner antwortete nicht.

Mit einem Ruck riss Caleb das Schwert aus dem Leib des Lichtengels und wandte sich um. Er sah den Unglauben in den Augen seines Gegners, als der zu Boden stürzte. Caleb wusste, was der Kerl dachte: Wie konnte ein niederer Diener der Hölle einen Boten des Himmels besiegen?

Mit Entschlossenheit, du Arschloch.

Caleb wischte sich das Blut aus dem Gesicht, und diesmal fühlte er nur noch ein dumpfes Pochen in der Nase. Seine Wunden begannen bereits zu heilen.

Die seines Gegners dagegen …

Immer größer wurde die dunkle Lache unter dem blutenden Engel. Sein Röcheln wurde abgehackt.

Caleb beugte sich über ihn. Mitleid empfand er nicht. »Warum musstest du es auf die Spitze treiben? Ich war unbewaffnet, du Aas!«

Der andere hustete. »Abschaum wie du … hat auf der Erde … nichts zu …« Er hustete stärker, schnappte nach Luft. Vergeblich. Das Blut, das seine Kehle hochstieg, nahm ihm den Atem. Sein Röcheln erstarb, und es gab nichts, was Caleb dagegen tun konnte. Oder wollte. Der Mistkerl hatte bekommen, was er verdient hatte.

Ein Auto brummte an ihnen vorbei und riss Caleb aus seiner Versunkenheit. Hastig packte er seine Flügel weg und sah sich um. Erst jetzt fielen ihm all die Menschen auf, die sich mittlerweile auf der Straße tummelten, dem Kino zustrebten, Einkäufe erledigten, nach Hause eilten oder schlichtweg auf den Bus warteten. Kein Einziger davon hatte ihrem Kampf Beachtung geschenkt.

Niemand hatte etwas von den beiden prügelnden Engeln bemerkt – und das, obwohl sie sich nun wahrlich nicht um Unauffälligkeit bemüht hatten. Zumindest Caleb war anderweitig beschäftigt gewesen.

Wieder sah er auf den gefallenen Lichtengel hinab. Mächtig genug, um eine Waffe herbeizurufen. Und offensichtlich auch mächtig genug, um ihren Kampf vor den Augen der Sterblichen zu verbergen. Das also war der Grund, weshalb es Caleb gelungen war, den Kerl zu besiegen – er war die ganze Zeit damit abgelenkt gewesen, seine Magie aufrecht zu erhalten.

Was nicht notwendig gewesen wäre, hätte er sich nicht als beschissener Hüter der Menschenwelt aufgespielt! Sein zelotischer Eifer hatte den Himmelsboten das Leben gekostet. Sein Körper löste sich auf, verging in Licht … und erlosch. Nichts blieb von ihm zurück, jedenfalls nicht in dieser Welt.

Irgendwann würde ein Kind geboren werden, das den Keim dieses Engels in sich trug, und zwei Boten würden einen Auftrag erhalten. Den Befehl, zu manipulieren und zu beeinflussen – bis der potenzielle Engel seine Entscheidung traf.

Ein Bote von jeder Seite, so lautete die Abmachung zwischen Himmel und Hölle. Das war der Schutz, den ein Auftrag bot. Eine Art Waffenstillstand für die beiden Beteiligten. Danach war alles wieder beim Alten, und der Krieg flammte erneut auf. Und Arschlöcher wie der von eben schwangen sich auf, die Retter der Menschheit zu spielen.

Gott hatte schon immer ein Faible für blödsinnige Regeln gehabt. Dass er seit mehr als hundert Jahren verschwunden war, änderte für seine Boten nichts. Gottes Wort war Gesetz. Selbst für den Teufel.

Jemand rempelte Caleb an. Eine Frau mit frisiertem Pudel an der Leine warf ihm einen irritierten Blick zu – und riss die Augen auf. Panisch zerrte sie ihren Köter weiter, der Calebs unvermutetes Auftauchen in der Realität mit einem beleidigten Kläffen quittierte.

Das rief Caleb in Erinnerung, welchen Anblick er bot: blutbesudelt, mit zerrissener Kleidung und einem blutigen Schwert in der Hand, das er leider nicht einfach so verschwinden lassen und herbeirufen konnte wie dessen ursprünglicher Besitzer. Er war ein niederer Engel, seine Magie beschränkte sich auf Kleinigkeiten. Die Beeinflussung einer ganzen Schar von Passanten gehörte nicht dazu. Aber immerhin sich selbst konnte er vor ihren Blicken verbergen.

Also hüllte er sich in Magie … und humpelte von dannen.

In die Hölle konnte er nicht zurück, nicht in diesem Zustand. Bis seine Flügel ihn wieder trugen, würde es noch eine ganze Weile dauern. Auf der Straße herumlaufen konnte er allerdings auch nicht. Eine weitere Auseinandersetzung würde er definitiv nicht überleben. Er brauchte einen Ort, um sich auszuruhen. Und nachzudenken.

Er hatte einen ranghohen Lichtengel getötet – bei einem illegalen Erdaufenthalt. Alles daran brachte ihn in Erklärungsnot, von dem verdammten Schwert ganz zu schweigen. Dass der Lichte ihn zuerst angegriffen hatte, spielte keine Rolle, solange der unter dem Schutz eines Auftrags agiert hatte. Caleb war vogelfrei. Und was jemandem blühte, der gegen das Friedensgebot verstoßen hatte, konnte er sich ausmalen.

Andererseits … Dass der Spinner keine Sekunde gezögert hatte, ihn anzugreifen, konnte bedeuten, dass er gar nicht wegen eines Auftrags hier war – sonst hätte er zumindest erwägen müssen, dass Caleb sein Gegenspieler war.

Ein Lichter trieb sich nicht ohne Grund unter Menschen herum. Der Kerl hatte ein Ziel verfolgt. Und wenn es kein erwachender Engel war, der ihn auf die Erde geführt hatte, blieb Calebs Erfahrung nach nur eine Möglichkeit: Der Kerl war ein Späher gewesen. Und das bedeutete, dass hier bald ein Mensch auftauchen würde, der einen Engelskeim in sich trug.

Caleb ignorierte die Pein in seinen geschundenen Muskeln und straffte sich. Falls er mit seiner Vermutung recht behielt, wäre alles in Ordnung. Für Späher galt das Friedensgebot nicht. Niemand würde es ihm anlasten, sich gegen einen Lichtengel verteidigt zu haben, solange der Pakt dabei nicht verletzt worden war.

Um das zu beweisen, müsste er allerdings den Keim aufspüren. Und zwar, bevor seine eigenen Leute Wind von dem potentiellen Engel bekamen. Er musste sich diesen Auftrag krallen. Und sobald er diesen neuen Engel zu Fall brachte …

Mit einem Anwärter im Gepäck würde selbst der Herr der Hölle über seinen kleinen Fehltritt hinwegsehen.

Hoffentlich.

ALLISON

»Das macht sieben fünfzig, bitte.«

Allison verharrte mitten in der Bewegung, die Hand noch in der Tasche. Sieben fünfzig? Für einen Kaffee? In welchem Laden war sie hier denn bitte gelandet?

Sie hätte doch die Bäckerei am Busbahnhof nehmen sollen. Oder wenigstens auf den Karamellsirup verzichten …

Allison presste die Lippen zusammen. Für Reue war es zu spät, jetzt ließ sich ihre Bestellung nicht mehr ändern. Also zog sie ihre Geldbörse heraus und bemühte sich, den abgegriffenen Einhornaufkleber darauf zu verdecken. In der Schule war ihr das Ding nie peinlich gewesen, aber hier, in dieser neuen Stadt … Ein vernünftiges Portemonnaie, das hätte sie sich kaufen sollen! Keinen überteuerten Latte macchiato. Andererseits …

Allison stutzte. Das Geldscheinfach war leer.

Das konnte nicht sein, sie hatte ihre ganzen restlichen Ersparnisse da hineingepackt! Waren die Scheine herausgeglitten, nachdem sie im Bus das Wechselgeld eingesteckt hatte? Sie zog den Rucksack auf, wühlte darin herum. Nichts.

Scheiße, scheiße …

Die Frau hinter dem Tresen räusperte sich leise. »Ist alles in Ordnung?« Ihre indisch anmutenden Gesichtszüge blieben freundlich.

Trotzdem fühlte Allison, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. »Ja, nur einen Augenblick, bitte.« Wo zum Teufel war ihr Geld?

Panisch überlegte sie, was sie tun sollte. Die Polizei rufen? Nein, erst einmal diesen verfluchten Kaffee bezahlen, damit die Sache nicht noch peinlicher wurde. Aber wie? Eine Kreditkarte besaß sie nicht. Sie öffnete die andere Seite ihrer Börse und schüttelte das Kleingeld in ihre Hand. Zählte nach.Sechs Dollar siebzig. Es reichte nicht. Mit wachsender Verzweiflung tastete Allison ihre Hosentaschen ab. Sie stieß auf kaltes, rundes Metall. Fünfzig Cent. Immer noch nicht genug.

Warum, verdammt? Wieso musste das ausgerechnet ihr passieren?

Allison blinzelte die Tränen fort, die ihr in die Augen steigen wollten. Sie nahm ihren Mut zusammen und sah zu der Verkäuferin auf. Schuldbewusst deutete sie auf den Traum aus Zucker und Koffein, der vor ihr auf der Theke dampfte. »Ich … nehme nicht an, dass ich das mit dem Sirup zurücknehmen kann?«

Das professionell freundliche Lächeln der Kaffeedame geriet ins Wanken. Sie runzelte die Stirn. »Nein … Bedaure. Die Rückgabe einzelner Zutaten ist nicht möglich.« Offensichtlich fühlte sie sich ziemlich auf den Arm genommen.

Allison wäre am liebsten im Boden versunken. »Es tut mir wirklich leid, ich …« Hilfesuchend sah sie sich um. Irgendjemand musste ihr doch ein bisschen Kleingeld leihen können!

Aber der Laden war erschreckend leer, was kein Wunder war bei den Preisen. Der einzige andere Gast war ein junger Mann mit struppigem Haarschnitt und Lederjacke, der in die Lektüre seines Taschenbuchs versunken war. Mit den langen Wimpern und den dunkelblonden Strähnen, die ihm ins Gesicht hingen, sah er aus wie ein typischer Herzensbrecher. In einem der Liebesfilme, die Allisons Mutter so gerne schaute, würde er jetzt den Kopf heben. Ihre Blicke würden sich treffen, und er würde herbeieilen, ein galanter Retter in der Kaffeenot.

Aber das Leben lief selten wie im Film. Der Kerl dachte nicht daran, Allison anzusehen und sich schockzuverlieben. In aller Seelenruhe blätterte er zur nächsten Seite.

Verschämt wandte Allison sich wieder um. »Ich …« Ihr suchender Blick fiel auf ein kleines Schild, das an der Kasse klebte. Aushilfe gesucht, stand darauf. »Könnte ich es vielleicht … abarbeiten?«

Die Frau hinter der Theke hob eine perfekt getrimmte Augenbraue. »Wie viel fehlt dir denn?«

»Dreißig …«, murmelte Allison. »Dreißig Cent.«

»Du willst dreißig Cent abarbeiten?«

»Naja …« Was blieb ihr denn anderes übrig?

Ihr Gegenüber schüttelte den Kopf und seufzte. Sie griff in das Marmeladenglas, das an der Theke stand und mit Trinkgeld beschriftet war, und legte drei Zehncentstücke auf den Tresen.

Allison blinzelte verblüfft. »Oh … Äh … Danke?«

»Schon gut.« Die Verkäuferin zwinkerte ihr zu. »Du siehst aus, als könntest du es brauchen.«

Überrumpelt klappte Allison den Mund zu. Wie sollte sie denn das jetzt verstehen? Was hatte sie nötig? Den Kaffee? Oder das Geld? Zugegeben, sie war etwas übereilt aufgebrochen – aber so verwahrlost konnte sie eigentlich noch gar nicht aussehen!

Aber vielleicht so verloren? Damit hätte die Kaffeedame nämlich nicht einmal unrecht.

Nach kurzem Zögern fasste Allison sich ein Herz. »Was den Job angeht …«

Die Frau hinter der Theke neigte den Kopf. Der Blick ihrer schlammgrünen Augen ging Allison durch und durch. Mit ihrem dezenten Make-up, dem streng geflochtenen schwarzen Zopf und der dünnen Goldkette im Ausschnitt wirkte sie eher wie eine Bankerin als die Bedienung in einem Café. »Hast du denn Erfahrung als Barista?«

»Nein«, gestand Allison. Im Gegensatz zu Linda hatte sie nie gekellnert, sie hatte ihre Ferienjobs lieber in der Bibliothek absolviert. Diese Berufswahl rächte sich nun. Hastig fügte Allison hinzu: »Ich lerne schnell.«

Immer noch musterte die Verkäuferin sie, und Allison war sich nur zu bewusst, welchen Anblick sie bot: das ausgeblichene Band-Shirt, über dem Allison trotz der frühsommerlichen Hitze eine blickdichte Strickjacke trug. Die von der Busfahrt zerzausten roten Haare, die sie zu einem nachlässigen Knoten zusammengebunden hatte. Keinen Schmuck, kein Make-up. Allison trennten ganze Welten von dem, was diese Frau als angemessenes Auftreten für den Kundenkontakt – oder gar ein Bewerbungsgespräch – halten musste.

Doch zu ihrer Überraschung nickte die Verkäuferin. »In Ordnung.« Sie deutete auf Allisons Becher. »Trink erst einmal deinen Kaffee, bevor er kalt wird. Danach reden wir.«

Erleichtert stieß Allison die Luft aus, die sie unwillkürlich angehalten hatte. »Ja, okay. Vielen Dank!«

Zum Glück schien unter dem strengen Äußeren der Verkäuferin ein großes Herz zu stecken. Niemals hätte Allison gedacht, dass sie ihr Leben in Unabhängigkeit gleich mit Schulden begann!

Tja, dann hättest du dich nicht beklauen lassen dürfen.

Allison seufzte. So sehr sie sich auch gegen diese Erkenntnis sträubte – es gab keine andere Erklärung für die gähnende Leere in ihrer Geldbörse. Jemand hatte sie bestohlen, während sie im Bus geschlafen hatte, und dank des überteuerten Lattes konnte sie sich jetzt nicht einmal mehr ein Abendessen leisten. Sie brauchte diesen Job. Dringend.

Sie konnte nur hoffen, dass das Mitleid der Verkäuferin ausreichte, um sie tatsächlich einzustellen. Sofern das überhaupt in deren Entscheidungsgewalt lag.

Ihren gut gefüllten Becher in der Hand schob Allison sich durch die eng stehenden Tischchen. Als sie an dem Möchtegern-Badboy vorbeikam, sah der Kerl auf.

Klar, jetzt bemerkst du mich.

Von tiefen Blicken war trotzdem keine Rede. Er rückte mit seinem Stuhl gerade weit genug zurück, dass sie sich an ihm vorbeizwängen konnte, und vertiefte sich wieder in seine Lektüre.

Naja. Immerhin ein halber Gentleman. Er hätte sie schließlich auch komplett ignorieren können.

Müde ließ Allison sich an einen der hinteren Tische sinken, wo man sie vom Fenster aus nicht sehen konnte. Sie platzierte ihren Rucksack zwischen den Füßen, fixierte ihn mit den Knien und nippte an ihrem Kaffee.

Heißer Espresso und kühler Milchschaum strömten in ihren Mund. Allison schloss die Augen und genoss den bitteren Geschmack, der sich auf ihrer Zunge mit der klebrigen Süße des Karamells mischte. Für einen Moment war die Welt in Ordnung. Sieben fünfzig war immer noch ein unverschämter Preis, aber der Kaffee im Vintage Coffee war das Geld trotzdem wert.

Was allerdings auch die Anforderung an den Job erhöhte, für den sie sich gerade so leichtsinnig beworben hatte.

Allisons gute Laune schwand so schnell, wie sie gekommen war. Was hatte sie sich nur gedacht? Sie sollte ihre Sachen packen und verschwinden, ehe sie sich noch mehr blamierte.

Doch für eine unbemerkte Flucht war es zu spät. Ihre Retterin kam bereits mit selbstbewussten Schritten auf Allison zu, ohne dass sie dabei den eng stehenden Tischen sonderlich hätte ausweichen müssen. Vermutlich arbeitete sie schon seit so vielen Jahren hier, dass die Wege durch den Laden in ihren natürlichen Bewegungsablauf eingeflossen waren. Vielleicht gehörte ihr der Coffeeshop sogar. Allison wurde noch nervöser.

»Also.« Ihr Gegenüber griff hinter ihren Rücken und löste die Schürze. Zum Vorschein kamen eine makellos weiße Bluse und eine hellgraue Stoffhose, die sich elegant um ihre Hüften schmiegte, als sie sich setzte und die Beine übereinanderschlug. Die Schürze platzierte die Barista fein säuberlich auf der Lehne des freien Stuhls neben sich.

»Erzähl mir von dir«, forderte sie.

»Naja …« Angespannt tippte Allison an ihren Kaffeebecher. »Was wollen Sie denn wissen, Ms …« Sie spähte nach dem Schild auf der abgelegten Schürze.

»Kein Grund, so förmlich zu sein.« Die Verkäuferin lächelte ihr aufmunternd zu. »Nenn mich einfach Malika.« Sie verschränkte die Hände vor dem Knie und lehnte sich zurück. »Beginnen wir doch mit dem Üblichen. Wie heißt du? Wie alt bist du? Woher kommst du? Was hast du bisher gemacht?«

Pflichtschuldig gab Allison Auskunft. Dass sie die Highschool nicht abschließen würde, weil sie von zuhause abgehauen war, ließ sie lieber unerwähnt.

Malika hakte nicht nach. Stattdessen fragte sie: »Und was führt dich nach Greenport?«

»Ich suche meinen Vater.« Mehr musste eine Fremde nicht über sie wissen.

»Dann hast du also noch Familie?« Malika klang überrascht.

Allison runzelte die Stirn. Sie hatte nie behauptet, dass sie alleine wäre.

Ein leises Bimmeln ertönte von der Eingangstür her und riss Allison aus ihren Gedanken. Ein Schwall warmer Sommerluft wehte in den Coffeeshop.

Ohne sich umzusehen, griff Malika nach ihrer Schürze und erhob sich. »Also schön. Versuchen wir es.«

Allison blinzelte verblüfft. »Das war’s?« Mehr wollte sie nicht wissen?

Malika nickte. Offenbar hatte der Coffeeshopdie Aushilfe wirklich dringend nötig.

»Morgen früh um acht. Sei pünktlich.« Sie setzte dasselbe professionelle Lächeln auf, mit dem sie zuvor Allison begrüßt hatte, und eilte zum Tresen, um ihren Kunden zu empfangen: einen Mann um die dreißig, der seinen kahlrasierten Schädel mit umso längerem Kinnbart ausglich. Er sagte etwas, das Malika ein höfliches Lachen entlockte, und warf ein paar Münzen in das Trinkgeldglas, was Allison ihren eigenen Fauxpas in Erinnerung rief – und das Dilemma, in dem sie steckte.

Niedergeschlagen drehte sie ihren Becher zwischen den Händen hin und her. Warum war sie nicht aufgewacht, als man sie bestohlen hatte? Warum hatte niemand eingegriffen? Was sollte sie jetzt bloß tun, ohne Geld? Polizei schön und gut, aber mehr als ihre Anzeige aufzunehmen konnten die auch nicht tun.

Vermutlich sollte sie noch eine Weile bleiben und Malika dabei zusehen, wie sie die Gäste behandelte und den Kaffee zauberte. Doch jetzt, wo ihr Adrenalinschub allmählich nachließ, fühlte Allison sich mit einem Mal unglaublich müde. Das Beste wäre, wenn sie sich erst einmal nach einer Unterkunft umsah. Ein Hostel vielleicht, oder eine YWCA-Einrichtung … auch wenn ihr der Gedanke an ein Zwölfpersonenzimmer einen Schauer über den Rücken jagte. Aber auf irgendeiner Parkbank schlafen wollte Allison erst recht nicht.

Als sie sich nach ihrer Tasche bückte, glitt ihr Blick noch einmal durch den Laden. Allison stutzte. Sie hätte schwören können, dass die Ladentür kein weiteres Mal gebimmelt hatte, aber jetzt waren alle Tische leer. Der Badboy und auch der Glatzkopf waren verschwunden.

CALEB

Missmutig blätterte Caleb mit dem Daumen durch die Seiten des Taschenbuchs, das er im Buchladen erstanden hatte. Inzwischen war es später Nachmittag, und bisher keine Spur von einem Engelskeim. Jede verfluchte Stunde, die er ohne Auftrag auf der Erde ausharrte, brachte ihn erneut in Gefahr. Davon abgesehen würde seine Abwesenheit nicht ewig unbemerkt bleiben. Wenn er nicht bald heimkehrte, würden Luzifers Adjutanten höchstpersönlich ihn zurück in die Hölle schleifen.

Caleb ließ die Schultern kreisen. Seine Wunden waren inzwischen verheilt, doch in dem Flügel, den der Lichtengel durchbohrt hatte, pulsierte noch ein dumpfer Schmerz. Es würde ausreichen, um damit zu fliegen. Er könnte also in die Hölle zurückkehren – und hoffen, dass niemand ihn mit dem toten Engel in Verbindung brachte. Wenn, dann sollte er das rasch tun. Je länger er hierblieb, desto schwieriger würde es werden, seinen kleinen Ausflug zu verschweigen.

Aber was, wenn er sich geirrt hatte, und der Lichtengel war überhaupt kein Späher gewesen? Falls der Kerl doch unter dem Schutz eines Auftrags gestanden hatte, war Caleb geliefert.

Dabei war er so sicher gewesen, dass er mit seiner Vermutung richtig lag! Es war nicht nur blinde Hoffnung, die ihn antrieb. Er war überzeugt gewesen, dem Engelskeim dicht auf der Spur zu sein. Kam er womöglich einfach zu spät, und der Keimträger war längst fort?

Nein. Irgendetwas braute sich zusammen, das spürte Caleb. Und sein Gefühl trog ihn nie. Das war einer der Gründe, weshalb er sich mehr Freiheiten erlauben konnte als andere. Bei seinen Aufträgen war Caleb schnell, diskret, effizient – was daran lag, dass er ebenfalls ein gewisses Gespür besaß, was Engel in seiner Nähe anging. Auch solche, die noch nicht vollständig erwacht waren. In ein paar Jahren oder Jahrzehnten könnte er womöglich selbst unter die Späher gehen, sofern er es sich bis dahin mit den Oberen nicht vollends verscherzte.

Momentan sah es in dieser Hinsicht allerdings schlecht aus. Und falls er den ganzen Tag am falschen Ort gewartet hatte und jetzt mit leeren Händen heimkehrte, hatte sein genialer Einfall ihm bloß noch weitere Schwierigkeiten eingebrockt.

Was also sollte er tun? Einfach aufzugeben kam nicht infrage, inzwischen war der Tod des Lichtengels sicher längst bemerkt worden. Er brauchte diesen Engelskeim.

Sollte er sich anderswo umsehen? Nach einer neuen Spur suchen – und dabei Gefahr laufen, den Keimträger endgültig zu verlieren?

Nachdenklich schlug Caleb sein Taschenbuch auf, riss die hinterste Seite heraus und begann, sie zu falten. Früher hätte er sich bei so einer Gelegenheit eine Zigarette angezündet, aber das hatte er schon lange aufgegeben. Die Nikotinsucht loszuwerden war auch kein Problem gewesen, dafür waren Engelskörper einfach nicht gemacht. Was allerdings geblieben war, war der Drang, seine Hände zu beschäftigen. Caleb halbierte das Papier, klappte es wieder auf, wiederholte das Ganze auf der anderen Seite und ging dann zu den Diagonalen über, während er seine Situation überdachte.

Er wollte nicht zurück. Es war zu früh, um sich geschlagen zu geben und sich den unerfreulichen Konsequenzen des toten Lichtengels zu stellen, solange er auch nur eine Chance sah, seine Lage zu verbessern.

Sein Gefühl sagte ihm immer noch, dass er hier richtig war. Vielleicht nicht im Vintage Coffee, aber weit war er nicht von seinem Ziel entfernt. Er spürte es, ein sachtes Ziehen in seiner Brust. Nur dass er keine genaue Richtung ausmachen konnte, wohin es ihn zog. Oder vielmehr zu wem.

Er bewegte die schmerzende Schulter und ächzte. Womöglich war er ja gar nicht zu spät, sondern zu früh gekommen. Möglicherweise war das, was er spürte, nicht der Nachhall einer Engelsrufung – sondern eine Ankündigung?

Mit kräftigen Bewegungen strich Caleb die Falzkanten seines Papiers nach. Er wollte nicht aufgeben, solange er nicht dazu gezwungen war. Aber ewig auf der Erde ausharren konnte er auch nicht.

Einen Tag, dachte er. Länger konnte er nicht warten.

Ein weiterer Tag würde seinen Flügel ausreichend heilen, um bei seiner Rückkehr in die Hölle kein Aufsehen mehr zu erregen. Bis dahin musste er sein Ziel finden – oder sich den Konsequenzen seines Versagens stellen.

Caleb fächerte seinen Kranich auf. Er strich die Schwingen glatt und ließ den Papiervogel auf der Parkbank zurück.

ALLISON

Die Unterkunft, die in der AirBnB-Anzeige so großzügig als Loft bezeichnet worden war, entpuppte sich als winziges Zimmer im Dachgeschoss, in dem es nicht einmal ein abgetrenntes Badezimmer gab – nur eine Dusche neben der Küchenzeile.

Allison seufzte. Du bekommst, wofür du bezahlst. Teurer Kaffee, billiges Apartment. Und selbst das war im Augenblick eigentlich mehr, als sie sich leisten konnte.

---ENDE DER LESEPROBE---