Scots Wha Hae - Johann Baier - E-Book

Scots Wha Hae E-Book

Johann Baier

0,0

Beschreibung

Im August des Jahres 1332 führen enterbte schottische Lords ein kleines Expeditionsheer nach Schottland. Bei Duplin Muir, nahe der Stadt Perth, gelingt es ihnen durch den taktisch klugen Einsatz von englischen Bogenschützen ein überlegenes schottisches Heer zu schlagen. Damit leiten sie eine neue heiße Phase der Schottischen Unabhängigkeitskriege ein. Jahrzehntelang versuchten die englischen Könige Edward I. „Longshanks“, Edward II. und Edward III. das Königreich Schottland unter ihre Herrschaft zu bringen. Die schottischen Clans setzten sich erbittert zur Wehr. Unterstützt durch Frankreich gelang es ihnen, den Engländern viele Jahre lang die Stirn zu bieten. Dennoch erlitten sie immer wieder Niederlagen, wenn gut ausgebildete englische Bogenschützen die Formationen der schottischen Speerträger aufbrachen. Dieses Buch beschäftigt sich auf Basis zeitgenössischer Quellen ausführlich mit dem Verlauf der Schottischen Unabhängigkeitskriege. Es zeigt die Entwicklung der englischen Bogenschützen von den „underdogs“ der Schlachtfelder zur geachteten und schlachtentscheidenden Waffengattung, die in diesen Auseinandersetzungen die Strategien entwickelte, mit denen es ihr gelang die Schlachtfelder Westeuropas für die nächsten 150 Jahre zu beherrschen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 336

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Dr. Johann Baier

SCOTS WHA HAE

DIE SCHOTTISCHEN UNABHÄNGIGKEITSKRIEGE

Verlag Angelika Hörnig

SCOTS WHA HAE

DIE SCHOTTISCHEN UNABHÄNGIGKEITSKRIEGE

von Dr. Johann Baier

Mit Illustrationen von Dr. Johann Baier und Luise Baier

© 2018 E-Book bei Verlag Angelika Hörnig

Alle Rechte vorbehalten. Ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Verlages ist es nicht gestattet, das Buch oder Teile daraus in irgendeiner Form zu reproduzieren oder zu verbreiten.

Titelillustration: Annelie Wagner

Layout: Brigitte Löcher

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018

ISBN: 978-3-938921-58-6

Verlag Angelika Hörnig

Siebenpfeifferstr. 18

67071 Ludwigshafen am Rhein

Germany

www.bogenschiessen.de

Danksagung

Ich danke meiner Verlegerin Angelika Hörnig und ihrem Team dafür, dass sie nach meinen Büchern „Die Schlacht bei Agincourt“, „Krähen über Crécy“ und „Der Schwarze Prinz und die Schlacht bei Poitiers“ nun auch jenes über die „Schottischen Unabhängigkeitskriege“ veröffentlicht haben.

Meinen Freunden Mag. Walter Hornik, Suse und Bela Kromer-Fabieneke, Oliver Hornik BSc und Andreas Schweiger MA danke ich dafür, dass sie das Manuskript zu diesem Buch gelesen, korrigiert und reichlich kritisiert haben.

Meiner Frau Luise danke ich für ihre Mithilfe bei der Überarbeitung des Manuskripts und für ihre Mitarbeit an den Illustrationen.

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Danksagung

Vorwort SCHOTTEN OHNE RÖCKE

Prolog KINGHORN – 6. AUGUST 1332

1. Kapitel LONGSHANKS, WALLACE & THE BRUCE

2. Kapitel DESASTER UND DEMÜTIGUNG – BANNOCKBURN UND WEARDALE

3. Kapitel DIE ENTERBTEN

4. Kapitel DUPPLIN MUIR – 11. AUGUST 1332

5. Kapitel HALIDON HILL – 19. JULI 1333

6. Kapitel VERSUCHSGELÄNDE FÜR DEN HUNDERTJÄHRIGEN KRIEG

7. Kapitel NEVILLE´S CROSS – 17. OKTOBER 1346

8. Kapitel ENDE EINES KRIEGES

EPILOG

Nachwort DAS ERFOLGSKONZEPT

Literaturverzeichnis

Weitere Informationen

Vorwort

SCHOTTEN OHNE RÖCKE

Ein schottischer Krieger streift kühn mit weiten Schritten durch das sturmgepeitschte Hochmoor. Er ist auf dem Weg zu William Wallace, um mit ihm gegen die englischen Invasoren zu kämpfen. Der Wind zerrt an seinem Leinenhemd und der Kilt mit dem Tartan seines Clans flattert um seine Knie. Auf dem Kopf trägt er ein Barett und in seiner Rechten hält er ein Breitschwert mit einem kunstvoll geschmiedeten Griffkorb.

Das ist das Bild, das wir im Allgemeinen mit Schotten, die gegen ihre englischen Feinde ins Feld ziehen, in Verbindung bringen. Wenn dieses Bild einen spätmittelalterlichen schottischen Krieger zeigen soll, ist es falsch.

Die Schotten des 13. und des 14. Jahrhunderts, die zur Zeit von William Wallace und Robert the Bruce für und gegen die Engländer kämpften, sahen nämlich völlig anders aus – vor allem trugen sie keine „Schottenröcke“. Der klassische Schottenrock, der Kilt, und das Barett kamen erst im 18. Jahrhundert in Mode. Eine erste Zuordnung bestimmter Tartans, das heißt der typischen bunten Schotten-Karos zu bestimmten Clans, ist frühestens für das 16. Jahrhundert belegt. Einhändig zu führende Breitschwerter mit Griffkorb kamen in Schottland erst im 17. Jahrhundert in Gebrauch. Im Übrigen würde ein dermaßen leicht gekleideter Mann bei aller persönlichen Härte in den Wetterunbilden des schottischen Hochlandes kaum lange überleben. Das Bild, das uns vorschwebt, ist also mehr von Hollywood und Comic-Büchern geprägt als von der rauen Wirklichkeit des Kriegsgeschehens im beginnenden Spätmittelalter.

Auf den ersten Blick unterschieden sich die schottischen Krieger, vor allem die Bewohner der Lowlands, nicht wesentlich von den Kämpfern, die südlich der Grenze lebten. Sie trugen ebenso wie diese enganliegende Beinkleider und lange, zumeist wattierte Jacken, die ihnen bis an die Knie reichten. Modisch waren sie mehr von ihren anglo-normannischen Lords beeinflusst als von ihrem keltischen Erbe. Diese Lords, die im Gefolge der normannischen Invasion im Jahr 1066 ins Land gekommen waren und ihre Positionen „erheiratet“ oder mit dem Schwert erobert hatten, pflegten nach wie vor einen weitgehend franko-normannisch geprägten Lebensstil. Viele von ihnen sprachen nur Französisch. Sie kleideten sich wie ihre Standesgenossen in England und auf dem Kontinent und trugen wie diese auf dem Schlachtfeld bunte Wappenröcke über ihren Rüstungen.

Die Highlander und die Männer von den Inseln trugen wahrscheinlich mehrheitlich gemusterte Stoffe, vor allem solche mit Karo-Mustern, die in späteren Jahrhunderten typisch für Schottland und den schottischen Nationalismus werden sollten. Bunt gemusterte Stoffe hatten eine jahrhundertelange Tradition in der keltischen und in der piktischen Kultur. Bereits im 8. Jahrhundert hatten irische Kleiderordnungen festgelegt, welche und wie viele verschiedene Farben eine bestimmte Bevölkerungsschicht tragen durfte. Einfache Krieger mit keltischen Wurzeln waren vermutlich in ein Kleidungsstück gehüllt, das man „Plaid“ nennt. Ein Plaid besteht aus nichts anderem als rund fünfeinhalb Metern gefaltetem Stoff, der so um die Hüfte gegürtet wurde, dass er bis knapp über die Knie reichte, wobei das überschüssige Marterial über die Schultern drapiert wurde.

Die schottische Bevölkerung war in Clans gegliedert, deren Mitglieder ihre Herkunft auf einen gemeinsamen Urahnen zurückführten. Die Mitglieder eines Clans trugen alle den selben Familiennamen. Der Anführer eines Clans trug immer nur den Namen dieses Clans, wie etwa „The Douglas“. Die anderen Angehörigen eines Clans trugen Beinamen, die sich auf ihre Besitzungen bezogen, wie etwa „Douglas of Liddesdale“. Um möglichen Verwirrungen vorzubeugen, habe ich mich in diesem Buch bemüht, nur die Namen der wichtigsten Protagonisten der damaligen Ereignisse zu verwenden. Als Faustregel kann gelten, dass Söhne zumeist die Namen ihrer Väter trugen und für gewöhnlich auch deren Funktionen erbten.

Es war der Verdienst König Alexanders III., dass er die verschiedenen keltischen, angelsächsischen und normannischen Volksgruppen, die sein Königreich bewohnten, zu einem einzigen Volk vereint hatte. Im Lauf der Jahrhunderte hatten angelsächsische und normannische Adelige in die Clans eingeheiratet und waren so Mitglieder dieser Familienverbände geworden. Ungeachtet dieser patrimonialen Verflechtungen und Durchdringungen der ursprünglichen Strukturen bezeichne ich die schottischen adeligen Familien zur Unterscheidung von den englischen Adelshäusern in diesem Buch als Clans.

Im späten 13. und im 14. Jahrhundert waren Bogen als Infanteriewaffen auf den Schlachtfeldern Europas und damit auch Britanniens bereits ein seit Langem gewohnter Anblick. Schon die Römer hatten die Formationen ihrer Legionäre mit Bogenschützen unterstützt. Kelten und Germanen hatten Bogen in der Schlacht benutzt; nicht zuletzt hatten im Jahr 354 Alemannische Bogenschützen ein römisches Heer am Überqueren des Rheins gehindert. Mit den Wikingern waren Krieger auf die britannischen Inseln gekommen, die eigentlich vom Kampf Mann gegen Mann und von der Zurschaustellung von persönlichem Mut geradezu besessen waren. Als Seefahrer, die andere Boote nicht immer zum Nahkampf stellen konnten, wussten sie aber auch Bogen als Fernkampfwaffen zu schätzen und zu gebrauchen. Viele ihrer Sagas erzählen von treffsicheren Bogenschützen, die mit wohlgezielten Pfeilen gegnerische Anführer ausschalteten und damit Schlachten entschieden. Norwegische und schwedische Gesetze aus der späteren Wikingerzeit bestimmten, dass Männer, die zum Kampf einberufen wurden, mit Bogen und Pfeilen, Speer, Schild und Schwert oder Streitaxt bewaffnet sein mussten.

Funde und zeitgenössische Abbildungen zeigen, dass die Bogen, die die europäischen Krieger der Spätantike und des frühen Mittelalters im Krieg einsetzten, nach unserer heutigen Diktion „Langbogen“ waren. Die mittelalterlichen Quellen verwenden allerdings das Wort „Langbogen“ nicht; es ist eine Erfindung moderner Zeiten. Im Übrigen steht hinter der Entwicklung langer Bogen speziell als Kriegswaffen eine einfache mechanische Überlegung: Je stärker der Auszug und damit die Zugkraft, desto länger muss ein Bogen sein, um nicht zu brechen. Bogen, die leistungsfähig genug waren, um den Anforderungen mittelalterlicher Kriegsführung, insbesondere der Bekämpfung gepanzerter Ziele, gerecht zu werden, mussten daher lang – oft über mannshoch – sein. Anders als die Bogen der östlichen Steppen, die die römischen Bogenschützen verwendet hatten, waren die Bogen der germanischen Krieger keine aus verschiedenen Materialien zusammengefügten Kompositbogen. Sie waren aus einem einzigen Stück Holz gefertigt, waren also das, was wir heute „Selfbow“ nennen.

Diese Bogen konnten eine gewaltige Durchschlagskraft entwickeln. Der adelige walisisch-normannische Archidiakon Giraldus Cambrensis bereiste viele Jahre lang Wales. Unter anderem begleitete er im Jahr 1198 Baldwin of Forde, den Erzbischof von Canterbury, auf einer Reise durch Wales, auf der dieser zum Dritten Kreuzzug aufrief. Er schildert die Erlebnisse dieser Reisen in seinem „Itinerarium Kambriae“ - „Waliser Reisebericht“. Dort erzählt er von Kämpfen der englischen Marcher-Lords gegen die Waliser und über die Wirkung der walisischen Bogen. Er schreibt, dass ein englischer Reiter von einem Pfeil verwundet worden sei, der den Schenkel des Mannes, die (Ketten-)Panzerung an dessen beiden Seiten und den Sattel durchschlagen und das Pferd getötet habe. Ein anderer Kämpfer sei von einem Pfeil, der durch seine Rüstung und seine Hüfte gedrungen war, an den Sattel genagelt worden. Als er sein Pferd gewendet habe, habe ihn auch von der anderen Seite her ein weiterer Pfeil durch seine andere gepanzerte Hüfte hindurch ans Pferd genagelt. Walisische Bogenschützen hätten bei der Belagerung von Abergavenny Castle im Jahr 1182 hinter fliehenden englischen Kriegern her geschossen und dabei mit ihren Pfeilen eine 10 cm starke Eichentür durchschlagen. Giraldus Cambrensis habe die Pfeilspitzen selbst noch in dem Türblatt stecken gesehen.

Über die Bogen der Waliser schreibt Giraldus Cambrensis, sie seien nicht aus Horn oder Elfenbein oder Eibenholz, sondern aus dem Holz wilder Ulmen gefertigt. Sie seien nicht schön geformt oder poliert, im Gegenteil, sie seien rau und knotig, aber robust und stark. Sie seien nicht nur in der Lage Pfeile über große Entfernung zu verschießen, sondern würden darüber hinaus auf kurze Entfernung sehr schwere Verwundungen verursachen. Giraldus Cambrensis vergleicht ihre Wirkung sogar mit der von Wurfmaschinen. Zeitgenössische Zeichnungen zeigen walisische Bogenschützen, deren Bogen im Verhältnis zur Gestalt des Schützen wohl lang, aber auch übertrieben dick und knotig dargestellt sind.

Es verwundert also nicht, wenn der englische König Edward I. und seine Nachfolger nicht nur diese furchterregenden Krieger mit ihren erschreckend wirkungsvollen Waffen für ihre Heere rekrutierten, sondern auch dafür sorgten, dass sich ihre englischen Untertanen zu ebenso gefürchteten Bogenschützen entwickelten.

Eibenholz galt als das für Bogen am besten geeignete Material, doch wurden diese nach wie vor auch aus qualitativ weniger geeigneten Holzarten wie Esche, Goldregen, Hasel und Ulme gefertigt. Pfeile machte man aus verschiedenen Hölzern, wie Birke, Erle, Espe und Esche. Besonders Esche war für Pfeile, die besonders hart treffen sollten, gefragt, konnte aber wegen ihrer Härte nur mühevoll bearbeitet werden.

Die Bogen zu Beginn jener Epoche, mit der sich dieses Buch beschäftigt, entsprachen also bei Weitem noch nicht dem Bild, das wir heute mit dem Begriff „Englischer Langbogen“ assoziieren. Nicht nur, dass die Bogen offenbar weitgehend nicht gleichmäßig und mit geglätteten Oberflächen gefertigt waren, fehlen auf Abbildungen aus dieser Zeit oft noch die aus Horn geschnitzten Nocken, die die Enden der Bogen und die Sehnen schützen sollen. Ebensowenig sieht man Griffwicklungen, wie wir sie heute verwenden. Die Standardisierung der Nachschubgüter und damit ihre „einfache“ Fertigung kam erst mit dem Aufbau des „purveyance“ – französich für „Lieferung“ – genannten Beschaffungssystems im „Hundertjährigen Krieg“ mit Frankreich. Dieses stellte sicher, dass die in Übersee kämpfenden Heere Englands ständig mit allen nötigen Kriegsmaterialen versorgt werden konnten. Dabei wurden die von Bauern und Handwerkern produzierten Nachschubgüter zu über ganz England verteilten Sammelstellen gebracht, wo sie von Beauftragten des Königs gekauft und zu den Nachschubhäfen und in der Folge nach Frankreich gebracht wurden. Ein derartiges System aber machte Standardisierung notwendig, da Ausrüstungsgegenstände nicht mehr individuell für einzelne Kämpfer gefertigt werden konnten. Diese standardisierten „einfachen“ Modelle sind es, die unsere heutigen Vorstellungen von „Englischen Langbogen“ geprägt haben, nicht jene, die englischen, schottischen und walisischen Krieger des ausgehenden 13. Jahrhunderts einsetzten.

Eine wichtige Quelle für die Auseinandersetzungen, die die spätere Geschichtsforschung „Die Schottischen Unabhängigkeitskriege“ genannt hat, ist eine Chronik, die Augustiner-Mönche der Priorei von Lanercost verfasst haben.

Die Priorei von Lanercost lag am Kreuzungspunkt wichtiger Verkehrswege südlich des Hadrianswalls am Nordufer des Flüsschens Irthing, auf halbem Weg zwischen den Tälern der Flüsse Eden und Tyne. Das Kloster war in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts gegründet worden. Man hatte es zum Teil aus Steinen erbaut, die man aus dem längst funktionslos gewordenen Hadrianswall gewonnen hatte. Die Priorei wurde im Lauf der Jahrhunderte immer wieder von Königen und Königinnen, von kirchlichen und weltlichen Fürsten besucht oder heimgesucht – je nachdem, von welcher Seite der Grenze sie kamen.

Dr. James Wilson hat in seinem Vorwort zu der bei James Maclehouse and Sons, Publishers to the University of Glasgow, im Jahr 1913 erschienen „Chronicle of Lanercost 1272 – 1346“ die Bedeutung der Priorei als Sammelplatz für Informationen gewürdigt:

„Die Lage war eine an den Fernstraßen zwischen England und Schottland. Diesem Umstand alleine kann man viele der Leiden zuschreiben, die sie (die Priorei von Lanercost) erduldete. Es gab kein geistliches Haus in Cumberland, das öfter regelmäßig von den Schotten niedergebrannt wurde, und kein Gebiet, das mehr Plünderungen erlebte als Gillesland. In Friedenszeiten kamen die Schotten zu Zwecken des Handels über den Maiden Way, die alte römische Fernstraße von Roxburgh nach Cumberland und dem Tal des (Flusses) Eden,(…) Wegen seiner Handelsverbindungen hatte das Haus unübertroffene Gelegenheiten zum Sammeln von Nachrichten über die Grenzgebiete. Abgesehen vom Vorteil seiner geographischen Lage hatten die Chorherren Eigentum in Carlisle, Dumfries, Hexham, Newcastle und in Mitford bei Morpeth. (…) Die direkte Straße von Lanercost nach Berwick, einer Stadt, die eine große Rolle in der Erzählung (der Chronik) spielt, ging in der Nähe von Roxburgh vorbei und durch Kelso, und wenn eine Rückreise gemacht wurde, um ihre Liegenschaften in Northumberland zu besuchen, wäre Berwick zwangsläufig eine Zwischenstation.“(23)

Die Chronisten von Lanercost haben mit großer Detailvielfalt das Leben an der englisch-schottischen Grenze geschildert. Man kann erkennen, dass sie Männer gewesen sind, die viele der Begebenheiten, von denen sie berichten, selbst miterlebt haben und dass sie nicht nur in klerikalen sondern vor allem auch in militärischen Fragen durchaus bewandert gewesen sind. Ihre Schilderungen zeigen, mit welch scharfem Blick für die militärischen Details der Kämpfe an der Grenze zu Schottland sie die kriegerischen Handlungen beobachtet haben, von denen sie oft genug selbst betroffen gewesen sind. Der sich verändernde Stil der Erzählungen lässt die Beteiligung mehrerer Verfasser an der Entstehung der Chronik erkennen. Moderne Historiker gehen davon aus, dass zumindest einer von ihnen ein kriegserfahrener Mann gewesen ist; wahrscheinlich sogar ein Ritter, der sich aus Politik und Krieg in den vermeintlichen Frieden eines klösterlichen Lebens zurückgezogen hatte.

Der Titel dieses Buches leitet sich vom vertonten Gedicht „Scots Wha Hae“ des schottischen Lyrikers Robert Burns aus dem Jahr 1793 ab, das jahrhundertelang als eine der drei inoffiziellen schottischen Nationalhymnen fungierte. Er schrieb den Text zur Melodie der schottischen Weise „Hey Tuttie Tatie“, die der Überlieferung zufolge vom Heer von Robert the Bruce bei der Schlacht von Bannockburn im Jahr 1314 und von den franko-schottischen Truppen bei der Belagerung von Orleans im Jahr 1429 gespielt worden sein soll. Das Gedicht ist in Form einer Rede von Robert the Bruce vor der Schlacht von Bannockburn gehalten.

Hier zur Veranschaulichung die beiden ersten Strophen:

‚Scots, wha hae wi‘ Wallace bled,

Schotten, die ihr mit Wallace geblutet habt,

Scots, wham Bruce has aften led,

Schotten, die Bruce oft geführt hat,

Welcome tae your gory bed,

Willkommen zu eurer Blutstatt,

Or tae Victorie!

Oder zum Sieg!

‚Now‘s the day, and now‘s the hour,

Hier ist der Tag, jetzt die Stunde;

See the front o‘ battle lour,

Sieh die Front der Schlacht drohen;

See approach proud Edward‘s power

Sieh die Streitmacht des stolzen Edwards sich nähern –

Chains and Slaverie!

Ketten und Sklaverei! (42)

In diesem Buch zitiere ich immer wieder Auszüge, vor allem Schilderungen und direkte Reden, aus den Schriften der zeitgenössischen Chronisten. Sehr viele dieser Textstellen stammen aus der Chronik von Lanercost. Sie erlauben nicht nur einen Blick auf die Ereignisse der damaligen Zeit, sondern auch auf die Denkweise der Menschen, die von diesen unmittelbar betroffen waren. Die Zitate sind im Text kursiv dargestellt. Die jeweilige Zahl an ihrem Ende – (x) – weist auf die laufende Nummer der Quelle im Literaturverzeichnis am Ende dieses Buches hin. Wenn die Zitate manchmal etwas holprig klingen, so liegt das vor allem an den verwendeten Quellen, gelegentlich vielleicht auch an den Übersetzungen von mittelalterlichen Schriften in die Sprachen der Neuzeit und dann weiter von einer Sprache in die andere. Die Übersetzungen in diesem Buch habe ich bewusst so wortgetreu wie möglich abgefasst.

Ich habe mich in diesem Buch weitgehend auf den Ablauf der Ereignisse und die Entwicklung der spätmittelalterlichen Kriegsführung im englischschottischen Kontext konzentriert. Wer mehr über die Ausrüstung, die Bewaffnung und die Rekrutierung vor allem der englischen Kämpfer wissen will, dem darf ich meine Bücher „Die Schlacht bei Agincourt“, „Krähen über Crécy“ und „Der Schwarze Prinz und die Schlacht bei Poitiers“ empfehlen, die im Verlag Angelika Hörnig erschienen sind.

Um die Handlungsweise mancher schottischer Adeliger besser zu verstehen, sollte man beim Lesen dieses Buches den folgenden Absatz aus der Chronik von Lanercost in Erinnerung behalten:

„In all diesen besagten Feldzügen waren die Schotten untereinander so gespalten, dass manchmal der Vater auf der schottischen Seite war und der Sohn auf der englischen, und vice versa; ebenso mochte ein Bruder bei den Schotten sein, ein anderer bei den Engländern; fürwahr, sogar der selbe zuerst bei einer Partei und dann bei der anderen. Aber all jene, die bei den Engländern waren, heuchelten lediglich, entweder weil es die stärkere Partei war, oder um die Ländereien zu behalten, die sie in England besaßen; denn ihre Herzen waren immer bei ihrem eigenen Volk, obwohl sie es leibhaftig nicht immer sein mochten.“(23)

Dr. Johann Baier

PROLOG

KINGHORN 6. AUGUST 1332

88 Schiffe durchpflügen die grauen Wasser der Nordsee. Ihre Segel verdunkeln den östlichen Horizont. Möwen umflattern sie kreischend, wissend, dass sie auf Beute hoffen können. Taue knarren und Wellen schlagen dröhnend an die Bordwände. Gischt spritzt hoch und überzieht die Fahrzeuge und ihre Besatzungen mit salziger Feuchtigkeit. 88 Schiffe halten auf das nördliche Ufer des Firth of Forth zu, zielen direkt auf den Strand nahe dem Städtchen Kinghorn in der Grafschaft Fife. Sie kommen nicht in Frieden. Sie tragen nicht friedliche Passagiere und Waren für den Handel mit den schottischen Grafschaften. Sie tragen bewaffnete Männer – Männer, die gekommen sind, um ihr Erbrecht einzufordern; Männer, die die Gier nach Land und nach Macht treibt.

Ihre Anführer haben viel verloren und alles zu gewinnen. Man nennt sie die „Enterbten“, denn Robert the Bruce hat ihre angestammten Güter für verfallen erklärt und unter seinen Gefolgsleuten aufgeteilt.

Edward Balliol, der Sohn des vertriebenen Königs John Balliol, kommt, um seinen Anspruch auf die Krone und den Thron des schottischen Königreiches geltend zu machen. Henry de Beaumont, die treibende Kraft hinter diesem Unternehmen, kommt, um seine Grafschaft Buchan im Nordosten Schottlands wiederzugewinnen. Thomas Wake kommt, um seine Herrschaft Liddesdale im schottisch-englischen Grenzgebiet einzufordern. Andere Edle, wie Gilbert de Umfraville, der Earl of Angus, oder David Strathbogie, der Earl of Athol, haben andere Ansprüche, aber unter den Führern der Enterbten gibt es keinen, der nicht Ländereien und Titel zu fordern hätte.

Sie erwarten, dass sich ihnen Scharen von kampferprobten Kriegern anschließen werden, sobald sie schottischen Boden betreten haben, denn es gibt viele, die mit der Herrschaft des Hauses Bruce nicht zufrieden sind. Sie hoffen auf die Unterstützung von Männern, die wie sie unter Verfolgung zu leiden haben, die in Fehde mit dem Clan Bruce und den Mächtigen, die jetzt herrschen, liegen. Oft genug hat zudem die Loyalität der schottischen Lords gewechselt, wenn sie sich von der Unterstützung der anderen Seite mehr Vorteile erhofft haben, als von ihrer bisherigen Partei. Die Enterbten hoffen, dass sich ganze Landstriche erheben, um an ihrer Seite zu kämpfen und Edward Balliol zu seinem rechtmäßigen Platz auf dem schottischen Thron zu verhelfen.

Die Männer, die ihnen folgen, sind Söldner, Glücksritter und Freibeuter. Gut ein Drittel von ihnen sind Men at Arms, also Kämpfer die für den Kampf Mann gegen Mann, vorzugsweise zu Pferd, ausgebildet und gerüstet sind. Zu ihnen gehören Schotten ebenso wie Engländer und Waliser und Kämpfer vom europäischen Festland. Selbst aus dem Heiligen Römischen Reich sind Gewappnete gekommen, um ihre Schwerter für Gold in den Dienst der Enterbten zu stellen. Der Rest, das Fußvolk, besteht zum größten Teil aus englischen Bogenschützen. Es sind harte Männer, geübt im Umgang mit den langen Bogen und gestählt in zahllosen Kämpfen gegen die Schotten. Keiner von ihnen hat berechtigte Ansprüche, die er in Schottland geltend machen könnte. Ihre Motivation ist der Sold, den sie bekommen – und die Aussicht auf Beute.

Am Ufer werden sie bereits erwartet.

*

Schottische Krieger sind am Strand in Stellung gegangen. Es ist ein schnell zusammengetrommeltes Aufgebot, das die Flotte erwartet. Ihre Anführer sind Alexander Seton, der Earl of Fife, und Robert Bruce, ein illegitimer Sohn des verstorbenen Robert the Bruce, also ein Halbbruder Königs David II.

Sie sind nicht gekommen, um sich den Enterbten anzuschließen.

Die schottischen Barone, die das Königreich im Namen ihres erst acht Jahre alten Königs verwalten, wissen bereits seit einiger Zeit, dass die Enterbten kommen werden. Ihren Spionen ist nicht entgangen, dass die vertriebenen Lords bereits seit dem Frühjahr Truppen angeworben und Schiffe in den Häfen von Yorkshire versammelt haben. Sie wissen sogar, dass die Flotte bereits vor einer Woche ausgelaufen ist. Sie haben nur nicht gewusst, wo die Feinde an Land gehen würden – bis heute.

Heute wollen die Enterbten am Strand von Kinghorn landen. Heute aber stehen Krieger am Strand von Kinghorn bereit, die Abtrünnigen wieder ins Meer zurück zu treiben, sie in der eiskalten Dünung der Nordsee verbluten zu lassen. Solange das Aufgebot der Männer von Fife das Ufer besetzt hält, werden die Vertriebenen und ihre Gefolgsleute keinen Fuß auf schottischen Boden setzen.

Für die Krieger hat dieser Strand schicksalhafte Bedeutung. Hier hat alles begonnen; hier an diesem Strand ist König Alexander III. vor mehr als sechsundvierzig Jahren zu Tode gestürzt. Seinen Tod und den Streit um seine Nachfolge haben die englischen Könige zum Anlass genommen, um die Lehenshoheit über das Königreich Schottland zu beanspruchen. Der Krieg, den sie Schottland gebracht haben, ist erst vor vier Jahren formell zu Ende gegangen. Es ist für die wartenden Krieger wie ein Fanal, dass die Flotte der Abtrünnigen ausgerechnet Kurs auf diesen Strand genommen hat.

*

Die Schotten am Ufer brüllen wie die Tiere. Eine Kakophonie von Flüchen und Verwünschungen, Beleidigungen und Wutschreien, untermalt vom dumpfen Trommeln von Waffen auf Schilden, gellt über das Wasser.

Die Männer an Bord der Schiffe können kaum verstehen, was ihnen zugerufen wird – zu chaotisch ist das Gebrüll, zu unverständlich der gälische Dialekt der Krieger am Ufer. Eines jedoch verstehen sie: Die Krieger am Ufer sind nicht gekommen, um Edward Balliol als ihren König zu begrüßen.

Kampflos werden die Schotten eine Landung nicht zulassen. Freiwillig werden sie sich nicht vom Strand zurückziehen. Die Enterbten und ihre Gefolgsleute machen sich kampfbereit.

Es ist die Stunde der Bogenschützen.

Sie müssen die Schotten vom Ufer vertreiben. Sie müssen mit ihren Pfeilen den Strand für die Landung freimachen.

Die Schützen holen ihre langen Bogen aus den Transporthüllen und ziehen die Sehnen auf, die sie bis jetzt vor den Unbilden des Wetters und den salzigen Sprühnebeln der Gischt geschützt haben. Sie öffnen die Leinensäcke, in denen sie ihre Pfeile aufbewahren und stecken die Geschoße in die Gürtel. Dann warten sie gespannt, während sie unablässig versuchen die Entfernung zu den Schotten abzuschätzen, um festzustellen, wann sie die Gegner mit ihren Pfeilen erreichen können.

Unaufhaltsam nähert sich die Flotte dem Ufer. Die kleineren Schiffe übernehmen die Führung. Die Fahrzeuge, die mehr Tiefgang haben, manövrieren vorsichtig, damit sie nicht auf Hindernisse laufen, die unter der Wasseroberfläche lauern.

Dann ist es soweit. Die Schotten sind in Reichweite. Befehle gellen über die Decks. Bogen werden gehoben und gespannt. Eine Wolke von Pfeilen steigt in den Himmel und schlägt dann mit Wucht in die Reihen der schottischen Krieger. Aus dem Brüllen wird ein Heulen. Unter die Verwünschungen und die Beleidigungen mischen sich Schmerzensschreie.

Die englischen Bogenschützen schießen Salve um Salve. Der Luftraum zwischen den Schiffen und dem Ufer ist erfüllt von Pfeilen. Tausende Geschoße schlagen in den dicht gedrängten Pulk der Schotten. Diese haben wenig, um sich zu schützen. Nur die Ritter und wenige ihrer Gefolgsleute tragen Rüstungen. Die einfachen Krieger haben nur ihre Alltagskleidung, allenfalls verstärkt durch gepolsterte Jacken oder Helme. Manche tragen Schilde. In jeder Minute, in der sie im Pfeilhagel ausharren, werden Männer verletzt oder getötet.

Je näher die Schiffe kommen, desto mehr Pfeile finden ihr Ziel. Die schottischen Krieger können einem solchen Pfeilsturm nicht standhalten, müssen zurückweichen, lassen Tote und Schwerverletzte zurück und geben schließlich den Strand frei.

Henry de Beaumont, der als Führer des Clan Comyn wie so viele andere in Blutfehde mit dem Haus Bruce lebt, führt seine Gefolgsleute als erster ans Ufer. Ihm folgen die anderen Edelleute mit ihren Männern. Sie sichern das Ufer und dringen dann weiter vor. Schließlich werden auch die Schlachtrösser der Ritter an Land gebracht. Damit ist am Ufer die nötige Schlagkraft versammelt, um den zusammengewürfelten Haufen der Krieger aus Fife endgültig zu vertreiben. Die Angreifer wissen, dass das schlecht gerüstete Aufgebot der Schotten schwer gepanzerten Reitern nichts entgegen zu setzen hat.

Das erkennen auch Alexander Seton und Robert Bruce und ziehen sich mit ihren Kriegern ins Landesinnere zurück.

Der Strand von Kinghorn gehört den Enterbten.

LONGSHANKS, WALLACE & THE BRUCE

Am Beginn jener schicksalhaften Ereignisse, die zur Landung der Enterbten bei Kinghorn führten und die in blutigen Schlachten gipfeln sollten, stand der Geburtstag einer Königin.

König Alexander III. von Schottland, den seine gälisch sprechenden Untertanen „Alaxandair mac Alaxandair“ nannten, war in erster Ehe mit Margaret of England, der Schwester des englischen Königs Edward I. aus dem Haus Plantagenet verheiratet gewesen. Sie hatte ihm drei Kinder geschenkt, die knapp nachdem sie das Erwachsenenalter erreicht hatten, in schneller Folge gestorben waren. Seine beiden Söhne waren kinderlos geblieben und nur seine Tochter Margaret hatte ihm eine Enkelin geschenkt. Die Frage der Thronfolge hatte daher zunehmend an Dringlichkeit gewonnen, sodass König Alexander gute zehn Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau beschlossen hatte, sich erneut zu verheiraten.

Er war in den Jahren seiner Witwerschaft kein Kind von Traurigkeit gewesen. Die Chronik der Augustinerabtei von Lanercost, in der die Ereignisse der Jahre 1272 bis 1346 aufgezeichnet sind, berichtet, dass

„… er es niemals wegen Jahreszeit noch wegen Sturm, noch wegen der Gefahren von Flut oder felsigen Klippen zu unterlassen pflegte, nicht allzu achtbare Nonnen oder Oberinnen, Jungfrauen oder Witwen zu besuchen, wenn ihn die Laune packte, manchmal in Verkleidung.“(23)

Um seinem Haus den dringend benötigten männlichen Erben zu geben, hatte er am 1. November 1285 in zweiter Ehe die um einundzwanzig Jahre jüngere Yolande de Dreux geheiratet.

Am 19. März 1286 beschloss der König, seine schwangere Gemahlin in Kinghorn zu besuchen, um am nächsten Tag gemeinsam mit ihr ihren dreiundzwanzigsten Geburtstag zu feiern.

Er verbrachte den Nachmittag in der Burg von Edinburgh, wo er ein Treffen mit Mitgliedern des Kronrates abhielt. Wegen des schlechten Wetters rieten sie ihm, den mehrstündigen Ritt nach Kinghorn an diesem Tag nicht mehr zu unternehmen, doch er ließ sich von ihnen nicht abhalten und machte sich auf den Weg zu seiner Königin. Fast am Ziel angelangt, verloren ihn seine Begleiter im Dunkel der Nacht aus den Augen. Man fand ihn am nächsten Morgen mit gebrochenem Genick tot auf dem Strand von Kinghorn am Fuße einer steilen, felsigen Uferböschung.

König Alexander III. von Schottland, dem es während seiner siebenunddreißigjährigen Regierungszeit gelungen war, aus Kelten, Angelsachsen und Normannen eine geeinte Nation zu schaffen, wurde in der Abtei von Dunfermline an der Seite seiner Söhne Alexander und David begraben.

*

Thronfolger sollte König Alexanders noch ungeborenes Kind werden, aber Königin Yolande erlitt eine Fehlgeburt. Damit verblieb die dreijährige Prinzessin Margrete Eiriksdotter, die der Ehe Margarets, der Tochter Alexanders, mit dem norwegischen König Eirik II. Magnusson entsprungen war, als einzige Thronanwärterin. Margrete, die man „The Maid of Norway“ – „die Maid von Norwegen“ nannte, war ein sehr zartes Kind, das vorerst am norwegischen Königshof aufwuchs.

Im Jahr 1290 schlossen die „Guardians of Scotland“ – „die Wächter Schottlands“, jene sechs Barone, die die Regierungsgewalt bei Verhinderung des schottischen Königs ausübten, mit König Edward I. von England den Vertrag von Birgham. Darin wurde festgelegt, dass Prinzessin Margrete Edwards Sohn und Thronerben, Edward of Caernarfon, den späteren Edward II., heiraten sollte. Aufgrund der Bestimmungen des Vertrages von Birgham sollten Schottland und England von einander unabhängige, in Personalunion verbundene Königreiche bleiben. Die Rechte, Gesetze, Freiheiten und Gebräuche Schottlands sollten für alle künftigen Zeiten unantastbar sein.

Edward I. hatte mit Margretes Vater, König Eirik von Norwegen, bereits im Geheimen Verhandlungen über die Verheiratung der beiden Königskinder geführt. Darüber hinaus hatte er von Papst Nikolaus IV. die Erlaubnis zu dieser Eheschließung in Form einer in der päpstlichen Kanzlei in feierlicher Form ausgefertigten und besiegelten päpstlichen Bulle eingeholt, mit der er die schottischen Verhandler überrumpelte.

Margrete, die jetzt sieben Jahre alt war, reiste noch im selben Jahr in ihr neues Königreich. Die Fahrt über die Nordsee war jedoch zu viel für ihre schwache Konstitution. Sie starb im September 1290, kurz nachdem sie auf den Orkney-Inseln an Land gegangen war, die damals noch zum Königreich Norwegen gehörten.

*

„The Great Cause“ – „der große Rechtsstreit“ begann, als nach dem Tod Prinzessin Margretes nicht weniger als vierzehn Clans Ansprüche auf den schottischen Thron erhoben. Die beiden mächtigsten Thronanwärter waren Robert Bruce, der 5. Lord of Annandale, den man „Old Annandale“ nannte und John Balliol, der Lord of Galloway. Die Guardians fürchteten, dass die Auseinandersetzungen zwischen diesen beiden Fraktionen das Königreich in einen blutigen Bürgerkrieg stürzen könnten und wandten sich an den englischen König um Hilfe. Sie sandten eine Delegation nach Aquitanien, wo sich dieser aufhielt, um einen Aufstand der Bürger von Bordeaux zu beenden, und baten ihn, den Thronstreit als Schiedsrichter zu schlichten.

Edward I. erkannte die Möglichkeiten, die sich plötzlich auftaten. Hatte der Vertrag von Birgham eine bloße Personalunion zwischen den beiden Königreichen beinhaltet, so bot sich ihm nach der Unterwerfung von Wales jetzt die Gelegenheit, die Herrschaft über die gesamte britische Insel zu gewinnen. Schon sein Urgroßvater Henry II. hatte über Schottland geherrscht. Die Erlangung der Oberhoheit über das Königreich Schottland würde also den Wiedergewinn alten angevinischen Territoriums bedeuten.

König Edward übernahm im Jahr 1291 das Amt des Schiedsrichters und reiste in den Norden. In der englischen Grenzstadt Norham traf er die schottischen Gesandten. Er ließ sie wissen, dass er, bevor er das Schiedsgerichtsverfahren auch nur beginnen würde, von den Schotten die Anerkennung als oberster Lehensherr verlange. Die Schotten weigerten sich zunächst und antworteten, dass, da das Land ja keinen König habe, niemand eine solche Entscheidung treffen könne. Dennoch anerkannten sie Edward I. schließlich doch als ihren Lehensherren. Viele schottische Barone hatten ausgedehnte Besitzungen in England, die sie mit Sicherheit verlieren würden, wenn sie es wagten, dem König zu trotzen, dem sie für diese Ländereien lehenspflichtig waren. Die Tatsache, dass er im Gegensatz zu ihnen seine Armee mitgebracht hatte, war sicherlich auch nicht ohne Einfluss auf die letztendliche Zustimmung der Guardians.

Vom Mai bis zum August des Jahres 1291 kam es in der Burg von Berwick upon Tweed zu dreizehn Schiedsverhandlungen, in denen die Thronanwärter Edward I. ihre Ansprüche vortrugen. Dieser anerkannte nur jene vier Bewerber als anspruchsberechtigt, die den Nachweis erbringen konnten, dass sie Nachfahren König Davids I. waren, der Mitte des 12. Jahrhunderts über Schottland geherrscht hatte. Damit hatten nur mehr Balliol, Bruce, John de Hastings of Abergavenny und Floris V., der Graf von Holland, Aussicht auf die Thronfolge.

Bereits während des Schiedsverfahrens nützte Edward I. seine neugewonnene Stellung als oberster Lehensherr, um neben der nominellen Herrschaft auch die reale Macht über das Königreich zu gewinnen. Am 11. Juni 1291 ordnete er an, dass die Kontrolle über alle schottischen Burgen vorübergehend an ihn zu übergeben sei. Alle schottischen Würdenträger sollten ihr Amt zurücklegen, um von ihm neu in diesem bestätigt zu werden. Bereits zwei Tage später versammelten sich die Guardians und alle wichtigen Adeligen Schottlands in Upsettlington nördlich des Flusses Tweed und leisteten dem englischen König den Treueeid. Alle anderen Angehörigen des Königreichs Schottland waren aufgefordert, bis zum 27. Juli 1291 dem König als ihrem Oberherren zu huldigen. Das widersprach der Ansicht vieler, die wie Bischof Robert Wishart von Glasgow der Meinung waren, dass

„das Königreich Schottland niemand anderem als Gott alleine Tribut zollt und Ehrerbietung erweist.“(42)

Am 3. August 1291 forderte Edward I. die Thronanwärter Balliol und Bruce auf, je vierzig Schiedsmänner zu benennen, während er selbst vierundzwanzig weitere bestellen würde. Damit waren John de Hastings und Floris V. aus dem Rennen.

Es folgte eine Periode des Sammelns und Bewertens von Dokumenten und Urkunden, die die Ansprüche der beiden Thronanwärter belegen sollten. Schließlich stellte eine Mehrheit der Schiedsmänner am 17. November 1292 in der Burg von Berwick upon Tweed fest, dass John Balliol, der Lord of Galloway, das stärkste Anrecht auf den schottischen Thron habe.

John Balliol wurde am 30. November 1292, dem Tag des Heiligen Andrew, des Nationalheiligen Schottlands, in der Augustinerabtei von Scone zum König der Schotten gekrönt. Am 26. Dezember 1292 leistete er Edward I. im englischen Newcastle upon Tyne den Lehenseid für das Königreich Schottland.

Edward I. demonstrierte von Anfang an, dass Schottlands neuer König für ihn nur ein Vasall war. Er behandelte John Balliol mit augenscheinlicher Geringschätzung und ließ keinen Zweifel daran, dass Balliol für ihn lediglich eine Marionette zur Durchsetzung der englischen Politik in Schottland war. Gegen den Widerstand der Schotten zog er einzelne Fälle, die während des Interregnums der Gerichtshof der Guardians behandelt hatte, vor sein eigenes Gericht. Balliol versuchte sich den ständigen Forderungen zu widersetzen, aber die starke Fraktion der Anhänger des Clans Bruce schwächte seine Herrschaft, wo sie nur konnte. Die Demütigungen, denen er ausgesetzt war, erreichten einen Höhepunkt, als der englische König ihn vor sein Gericht zitierte, wo er wie ein gewöhnlicher Angeklagter Rede und Antwort stehen musste.

John Balliol war zweifelsohne kein Mann von starkem Charakter, was sicherlich neben seiner Abstammung dazu beigetragen hatte, dass Edward I. ihm den Vorzug vor seinen Konkurrenten gegeben hatte. Er war ein schwacher König und verlor schnell die Sympathien seiner Untertanen, die sich über die Forderungen des englischen Königs ärgerten. Seine Kritiker nannten ihn später spöttisch „Toom Tabard“, was soviel wie leerer Mantel oder leerer Wappenrock bedeutete.

Im Jahr 1294 verlangte Edward I., dass John Balliol und andere schottische Adelige in seinem Krieg gegen Frankreich den Kriegsdienst leisten sollten, den sie ihm als seine Lehensmänner schuldeten. Nach einigen Tagen hitziger Debatte beschlossen die schottischen Barone, sich den Forderungen des englischen Königs zu widersetzen. Damit standen die Zeichen auf Sturm. Ein Parlament wurde hastig einberufen und ein Kriegsrat, der aus je vier Grafen, Baronen und Bischöfen bestand, zur Beratung des Königs formiert. John Balliol wurde damit endgültig zu einer bloßen Marionette auf dem Thron, nur dass nicht mehr Edward I. die Fäden zog, sondern der in sich zerstrittene schottische Adel.

Als nächsten Schritt entsandten die schottischen Lords in aller Heimlichkeit Botschafter an den Hof des französischen Königs Philip IV. und informierten ihn von den Absichten Edwards I. Sie schlossen mit der französischen Krone einen Angriffs- und Verteidigungspakt, der beinhaltete, dass Schottland in England einmarschieren würde, wenn England Frankreich angriff und dass Frankreich im Gegenzug die Schotten unterstützen würde. Beide Bündnispartner verpflichteten sich, nicht mit England Frieden zu schließen, wenn nicht auch der andere Partner davon mitumfasst wäre. Der Vertrag sollte mit der Hochzeit des schottischen Kronprinzen Edward Balliol mit Jeanne de Valois, der Nichte König Philips, besiegelt werden. Obwohl die Hochzeit nie stattfand, hatte der Pakt, der später „Auld Alliance“ – „Alter Bund“ genannt werden sollte, Bestand bis zum Jahr 1560.

Mit König Eirik II. von Norwegen, dem Vater der unglücklichen Margrete, vereinbarten die Schotten, dass er für die Summe von 50.000 Silbergroschen 100 Schiffe für vier Monate im Jahr stellen würde, solange die Feindseligkeiten zwischen England und Frankreich andauerten. Kein einziges dieser Schiffe sollte je zur Unterstützung der Allianz entsandt werden.

Edward I. erfuhr erst im Lauf des Jahres 1295 von den schottischfranzösischen Geheimverhandlungen. Anfang Oktober 1295 begann er den Norden seines Königreiches auf eine schottische Invasion vorzubereiten. Er ernannte Antony Bek, den Bischof von Durham und John de Warenne, den Earl of Surrey, der pikanterweise König John Balliols Schwiegervater war, zu Hütern der nördlichen Grafschaften. Den Sohn von Old Annandale, Robert Bruce, den 6. Lord of Annandale, ernannte er zum Kommandanten der Festung von Carlisle. Old Annandale, der schärfste Konkurrent John Balliols um die schottische Krone, war bereits im April gestorben. Von Balliol verlangte der englische König die Übergabe der strategisch wichtigen Burgen der Städte Berwick, Jedburgh und Roxburgh. Außerdem erklärte er alle Besitzungen Balliols südlich der Grenze als Vergeltung für den Pakt mit Frankreich für verfallen.

Im Dezember 1295 erging der Befehl an mehr als 200 Gefolgsleute des englischen Königs, sich bis März 1296 in Newcastle upon Tyne zu sammeln. Um diese Truppen zu unterstützen, entsandte der König im Februar eine Flotte nach Norden.

John Balliol reagierte, indem er seiner Huldigung Edwards I. als oberster Lehensherr abschwor und alle tauglichen Männer Schottlands nach Caddonlee in den westlichen Borders für den 11. März 1296 zu den Waffen rief. Zahlreiche schottische Edelleute weigerten sich, dem Ruf zu folgen, wobei sie sich auf den Eid beriefen, den sie Edward I. als dem Oberherren Schottlands geleistet hatten. Einer von ihnen war Robert Bruce, der Earl of Carrick, der Enkel von Old Annandale und Sohn jenes Mannes, der für den englischen König die Festung Carlisle hielt. John Balliol hatte seine Besitzungen in Carrick eingezogen und an John Comyn, den man „the Red Comyn“ – „der Rote Comyn“ nannte, übergeben.

John Comyn, der Lord of Bardenoch und Lochaber, entwickelte sich schnell zu einem der wichtigsten Parteigänger König John Balliols. Sein Vater war jener John Comyn, der den Beinamen „the Black Comyn“ – „der Schwarze Comyn“ trug und der nicht nur einer der Guardians sondern auch einer der vierzehn Bewerber um den schottischen Thron gewesen war. Seine Mutter war die älteste Schwester John Balliols, sodass er ein Neffe des schottischen Königs war. Mit dem englischen Königshaus war er verschwägert, da er Joan de Valence, eine Cousine Edwards I., geheiratet hatte. Der Clan Comyn war mit dem Clan Bruce verfeindet seit die Comyns, die ihre Herkunft nicht von König David I. herleiten konnten, die Wahl John Balliols zum schottischen König unterstützt hatten.

König Alexander III. hatte aus den in seinem Reich lebenden Volksgruppen eine starke und blühende Nation geschmiedet, in der mehr als zwanzig Jahre Frieden geherrscht hatte. Jetzt, zehn Jahre nach seinem Tod, waren die großen Adelshäuser verfeindet und lagen miteinander im Streit um die Macht im Land. Sie waren in Fraktionen gespalten, die je nachdem, von wem sie sich den größten Vorteil versprachen, entweder John Balliol oder Edward I. unterstützten – oder vorerst abwarteten, welche Partei die Oberhand gewinnen würde.

*

Die Liebe des englischen Ritters Robert de Ros of Wark zu einer Schottin, so erzählt man sich, sei der Funke gewesen, der jenen Flächenbrand entfacht habe, den spätere Zeiten einmal den „Ersten Schottischen Unabhängigkeitskrieg“ nennen sollten.

Mitte März 1296 floh Sir Robert aus der Burg Wark, einer strategisch wichtigen Grenzbefestigung am Tweed, wenige Meilen flussabwärts von Roxburgh, und lief zu den Schotten über. Sein Cousin war William de Ros, der Baron Ros, der Ansprüche auf den schottischen Thron geltend gemacht hatte. Dieser forderte von Edward I. Verstärkungen an, die der König, dem die strategische Bedeutung der Burg Wark bewusst war, auch entsandte. Sie erreichten ihr Ziel nie. Sir Robert überfiel mit seinen schottischen Verbündeten die Männer des Königs, machte sie nieder und belagerte die Burg. Edward I. eilte mit seinem Heer nach Wark und vertrieb den Abtrünnigen und seine Gefolgsleute.

Am 24. März 1296, dem Montag in der Osterwoche, überschritt John the Red Comyn mit einem schottischen Heer ganz im Westen die Grenze und griff Carlisle in der englischen Grafschaft Cumbria an. Die Stadt wurde von Robert Bruce, dem Lord of Annandale, im Namen Edwards I. verteidigt. Der Angriff Comyns schlug fehl und die Schotten begannen mordend und plündernd das Land rund um die Stadt zu verwüsten.

Mehr Provokation war nicht notwendig. Am 30. März 1296 stand Edward I. mit seinem Heer vor Berwick-upon-Tweed.

*

König Edward I. aus dem Haus Plantagenet war siebenundfünfzig Jahre alt und regierte bereits seit vierundzwanzig Jahren England, als er sein Heer nach Schottland führte. Wegen seiner Verdienste als Krieger, in der Staatsverwaltung und nicht zuletzt wegen seiner Gläubigkeit, die er unter Beweis gestellt hatte, indem er einen Kreuzzug in Heilige Land geführt hatte, galt er seinen Zeitgenossen als Verkörperung des idealen mittelalterlichen Monarchen. Wegen seiner Körpergröße trug er den Beinamen „Longshanks“ – „Langschenkel“ oder „Langbein“. Nicht nur wegen seiner Größe, sondern auch wegen seines launenhaften Gemütes flößte er vielen seiner Zeitgenossen Angst ein.