Secret Elements 6: Im Hunger der Zerstörung - Johanna Danninger - E-Book

Secret Elements 6: Im Hunger der Zerstörung E-Book

Johanna Danninger

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Beschreibung

**Kämpfe für das Überleben der Anderswelt** Jay und Lee setzen gemeinsam alles daran, die rätselhaften Geschehnisse aufzuklären, die sich seit kurzem in der Anderswelt ereignen. Aber das Auftauchen des geheimnisvollen Kriegers wirft mehr Fragen auf, als die Agency beantworten kann. Bald schon häufen sich die Anzeichen, dass eine uralte, dunkle Magie nach der Macht der vier Elemente giert. Um diese zu beschützen, muss Jay dem Mann vertrauen, der sie und die gesamte Anderswelt einst verraten hat. Auch wenn Lee das ganz und gar nicht gefällt  Leser*innen über »Secret Elements«, eine der erfolgreichsten Fantasy-Reihen in der Geschichte von Carlsen Impress: »Diese Reihe ist seit Langem das Beste, was ich gelesen habe.« »Ich liebe es!!! Wirklich. Ein fantastisches Buch!« »Eine Story, die einen auch über sich selbst und seine Umwelt nachdenken lässt.« (Leser*innenstimmen) Dein Fantasy-Lese-Highlight 2023 ist nur wenige Seiten entfernt. //Alle Bände der »Secret Elements«-Reihe: -- Secret Elements 0: Secret Darkness: Im Spiegel der Schatten (Die Vorgeschichte) -- Secret Elements 1: Im Dunkel der See -- Secret Elements 2: Im Bann der Erde -- Secret Elements 3: Im Auge des Orkans -- Secret Elements 4: Im Spiel der Flammen -- Secret Elements 5: Im Schatten endloser Welten -- Secret Elements 6: Im Hunger der Zerstörung -- Secret Elements 7: Im Rätsel vergangener Zeiten -- Secret Elements 8: Im Zeichen des Zorns -- Secret Elements 9: Im Licht göttlicher Mächte -- Die E-Box mit den Bänden 0-4 der magischen Bestseller-Reihe -- Die E-Box mit den Bänden 5-9 der magischen Bestseller-Reihe//

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Johanna Danninger

Secret Elements 6: Im Hunger der Zerstörung

**Kämpfe für das Überleben der Anderswelt**

Jay und Lee setzen gemeinsam alles daran, die rätselhaften Geschehnisse aufzuklären, die sich seit kurzem in der Anderswelt ereignen. Aber das Auftauchen des geheimnisvollen Kriegers wirft mehr Fragen auf, als die Agency beantworten kann. Bald schon häufen sich die Anzeichen, dass eine uralte, dunkle Magie nach der Macht der vier Elemente giert. Um diese zu beschützen, muss Jay dem Mann vertrauen, der sie und die gesamte Anderswelt einst verraten hat. Auch wenn Lee das ganz und gar nicht gefällt …

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Vita

© privat

Johanna Danninger, geboren 1985, lebt als Krankenschwester mit ihrem Mann, einem Hund und zwei Katzen umringt von Wiesen und Feldern im schönen Niederbayern. Schon als Kind dachte sie sich in ihre eigenen Geschichten hinein. Seit sie 2013 den Schritt in das Autorenleben wagte, kann sie sich ein Dasein ohne Tastatur und Textprogramm gar nicht mehr vorstellen. Und in ihrem Kopf schwirren noch zahlreiche weitere Ideen, die nur darauf warten, endlich aufgeschrieben zu werden!

KAPITEL 1

Im großen Hörsaal der Galegischen Fakultät für theoretische Magie war es düster. Es war Montagnachmittag. Unter den im Halbkreis angeordneten Rängen voller Wissbegieriger hielt Professorin MacFinnley vor den riesigen Projektionstafeln ihren Vortrag. Es ging um …

Ich hatte keine Ahnung, worum es ging. Ich versuchte den Faden wieder aufzunehmen, doch schon nach wenigen Sekunden drifteten meine Gedanken zu anderen Dingen ab.

Es war genau eine Woche her, dass der Fremde im Wikingerkostüm mich ein letztes Mal angegriffen hatte. In allerletzter Sekunde hatte er gecheckt, dass ich gar nicht sein Ziel war. Daraufhin hatte er sich entschuldigt und war seitdem spurlos verschwunden.

Das war doch echt nicht zu fassen! Er hatte stolze drei Mal alles gegeben, um mich wegzuzaubern oder in einen Kerker zu verbannen oder was weiß ich – und dabei hatte er überhaupt nicht gewusst, wer ich war? Und anstatt die Sache anständig aufzuklären, war er einfach abgehauen!

Mürrisch rutschte ich tiefer in meinen Sitz, starrte die Projektionstafeln an, ohne sie wahrzunehmen, und kaute ausführlich auf meinen Fingernägeln herum. Mit der anderen Hand spielte ich mit meiner Halskette. Immer und immer wieder ging ich im Geiste durch, was der Fremde gesagt hatte.

Du bist eine Trägerin.

Nicht die Trägerin, sondern eine Trägerin. Also eine von mehreren. Wozu der Fremde wohl unter anderem auch zählte, denn er war zweifellos Träger eines magischen Amuletts, das ihm Zugriff auf die Elemente gewährte.

Das Keylana.

Optisch nur durch die vier Symbole vom Orinion zu unterscheiden. Die Magie ähnlich, aber doch anders. Wie zwei verschiedenfarbige Blüten, die derselben Pflanze entsprangen.

Beim Auge des Sytarus … Tochter der Danu … Mein Gott war grundsätzlich ein wenig großzügiger bei der Gestaltung seiner Kinder …

Sein Gott. Also ebenfalls einer von mehreren. Doch in diesem Universum gab es nur eine einzige Gottheit: Danu. Oder etwa nicht? Die Andersweltwissenschaft war jedenfalls überzeugt davon. Danu, die Entität, die einst dieses Universum erschaffen und auch der Erde das Leben eingehaucht hatte. Die Göttin, die den Tuatha de Dannan besondere Begabungen vermacht hatte. Die pure Energie des Guten, die das Orinion an mich weitergereicht hatte, damit ich die Welt von der Dunkelheit, dem Gegenstück von Danu, befreien konnte.

Doch was, wenn tatsächlich noch ein anderer Gott existierte?

Ähnlich, aber nicht gleich …

Genau wie die dunkle Energie, die Mum und Colin seit einer Weile spürten. Etwas schien unsere Welt betreten zu haben. Etwas Böses.

Das, wonach der fremde Träger suchte?

Ich glaubte schon. Dass dieses Dunkle nicht von ihm ausging, hatte ich die ganze Zeit über geahnt, und seit ich das Keylana berührt hatte, war ich mir dessen sicher. Es war eine helle, lichte Magie. Sie war gut. Und sie durchströmte den Fremden, darum bestand für mich kein Zweifel daran, dass er ebenfalls gut war.

Wir standen auf derselben Seite, davon war ich überzeugt. Was ziemlich schräg war, nachdem er mich immerhin fast umgebracht hatte. Worüber ich auch noch heftig angepisst war. Zu einem Großteil deswegen, weil ich mich nicht anständig gegen ihn hatte verteidigen können. Der Kerl hatte meinem Ego einen gewaltigen Knacks verpasst. Denn wenn ich mich zeit meines Lebens auf etwas hatte verlassen können, dann waren es mein Mut und meine Stärke. Plötzlich kam ein Hüne im Cape daher und machte mich zu einem hilflosen, schwächlichen Mädchen.

Das war inakzeptabel!

Dabei hatte ich gerade erst das Gefühl bekommen, mein Leben so richtig im Griff zu haben. Ein Leben, von dem ich früher kaum zu träumen gewagt hatte. Ein Zuhause, liebevolle Eltern, eine tolle Beziehung, fabelhafte Freunde … Und als Tüpfelchen auf dem i hatte ich endlich mein lang ersehntes Physikstudium antreten dürfen.

Und dann kam dieser Penner in Rüstung daher, stellte alles völlig auf den Kopf und ließ mich in dem Chaos sitzen, das er fabriziert hatte.

In den Sitzreihen unter mir hoben sich ein paar Arme. Die Professorin schien eine Frage gestellt zu haben. Ich versuchte erneut, aus der angezeigten Präsentation schlau zu werden, gab aber schnell wieder auf, weil ich über die Hälfte der Kürzel in der schematischen Darstellung gar nicht kannte. Stattdessen ließ ich meinen Blick über die Sitzreihen schweifen. Ich schien nicht die Einzige zu sein, die nicht bei der Sache war. Man merkte deutlich, dass es schon später Nachmittag war und sich die letzte Vorlesung des Tages dem Ende zuneigte. Die kollektive Aufmerksamkeitsspanne befand sich auf dem Minimum.

Auch Chloe scrollte neben mir schon seit einer Weile gelangweilt in ihrem Smartphone. Dabei wickelte sie unablässig einen ihrer schwarzen Rastazöpfe um einen Stift. Das Display warf einen sanften Schimmer auf ihr Gesicht und brachte ihr beachtliches Sammelsurium an Ohrpiercings zum Funkeln.

Wir kannten uns noch nicht sonderlich gut, aber manchmal traf man einfach auf Menschen, bei denen das gar nicht nötig war. Zwischen Chloe und mir hatte die Chemie von der ersten Sekunde an gepasst. Sie ging entspannt mit meinem Berühmtheitsstatus als ehemalige Trägerin um und die meiste Zeit redeten wir gar nicht erst darüber. Heute Morgen, während alle anderen Kommilitonen mich mit sensationsgierigen Fragen zu den vergangenen Attentaten bombardiert hatten, war sie die Einzige gewesen, die ehrlich wissen wollte, ob es mir gut ging. Mehr nicht. Das sagte schon sehr viel über sie aus, wie ich fand.

Nun stieß sie mich mit dem Ellbogen an und hielt mir feixend ihr Handy hin. »Das bist doch du, oder?«, wisperte sie.

Ein Foto auf Flashcom. Aufgenommen gestern Abend, Bahnhof Avalon, Gleis 2. Leannán Aherra hielt eine junge Frau im Arm, die eine riesige Sonnenbrille trug und ihr Haar unter einer schwarzen Beanie versteckte. Von ihrem Gesicht war nicht sonderlich viel zu sehen, während sie sich mit einem Lächeln von ihrem Begleiter verabschiedete. Doch offenkundig war die Verkleidungstaktik nicht ganz aufgegangen, denn die Bildunterschrift lautete:

Kuschelt Leannán Aherra da mit der ehemaligen Trägerin?

Wurde aber auch echt mal Zeit, dass die Öffentlichkeit davon Wind bekam. Ich war schon kurz davor gewesen, selbst eine Pressemitteilung rauszugeben, weil die Leute sich lieber an den Gerüchten aufhängten, die Maranon Gedelski fleißig via Flashcom befeuerte. Meines Wissens hatte er zwar nie klar gesagt, dass zwischen uns etwas am Laufen war, doch es war ihm auf subtile Weise gelungen, es die Leute trotzdem glauben zu machen. Tja, jetzt hatte es sich endlich ausgedelskiet.

»Jepp«, antwortete ich Chloe im Flüsterton. »Das bin ich.«

Sie grinste mich breit an. »Alle Achtung, Jay. Aherra ist ja mal so was von heiß. Ist es was Ernstes?«

»Sehr ernst.«

»Uh!«

Chloe widmete sich wieder Flashcom, während ich zufrieden in mich hineinlächelte und an meinem Multifunktionsarmband herumnestelte. Am liebsten hätte ich sofort das Headset eingesetzt und zu Lee durchgefunkt, ob er die Enthüllung bereits mitgekriegt hatte. Aber zum einen befand ich mich immer noch in einer Vorlesung und zum anderen war mein Armband nur für Notfälle gedacht.

Mein Zeigefinger wanderte über die Konturen des Displays an meinem Handgelenk. Das Gerät war größer als eine gewöhnliche Smartwatch und mit allerhand nützlichen Tools für den taktischen Einsatz ausgestattet. Nicht umsonst gehörte so ein Armband zur Standardausrüstung jedes aktiven Agenten der Agency.

Unter der Woche war ich streng genommen keine aktive Agentin. Nur an den Wochenenden würde mein Sonderstatus als externe Beraterin von Team 8 greifen. Hier in Galega war ich eine normale Studentin, während ich ab Freitag, zurück in Avalon, wieder an den Ermittlungen im Fall des fremden Trägers mitarbeiten konnte.

Auf meinen Wunsch hin, wohlgemerkt. Es war auf meinem eigenen Mist gewachsen, dass ich mein Studium wieder aufnahm, obwohl alles in mir danach schrie, Antworten auf die Fragen zu finden, die der Fremde aufgeworfen hatte. Gleichzeitig wäre ich damit jedoch auch nicht weitergekommen, wäre ich in Avalon geblieben. Aktuell stagnierten die Ermittlungen nämlich. Sofern keine neuen Hinweise eintrudelten, konnte ich also sowieso nichts ausrichten. Warum dann nicht die Zeit nutzen, um mein Studium fortzuführen?

Ja. Wäre schön, wenn meine Konzentration sich ebenfalls diesem Entschluss beugen würde.

Den heutigen Unitag hätte ich mir schon mal sparen können, denn als schließlich die Lichter im Hörsaal angingen, blinzelte ich nur belämmert gegen die Helligkeit an und hatte nicht den blassesten Schimmer, was mir die verschiedenen Dozenten in den einzelnen Vorlesungen eigentlich hatten beibringen wollen.

Während Geraschel und Gespräche im Raum anschwollen, zog ich meine Alibimütze aus dem Rucksack und stülpte sie mir über den Kopf. Auf dem Innengelände der Universität wurde ich sowieso von allen erkannt, darum konnte ich mir die Verkleidung hier drin sparen. Auf offener Straße hatte sie sich allerdings sehr bewährt.

Nachdem ich jede noch so verräterische rote Haarsträhne versteckt hatte, holte ich die Riesensonnenbrille heraus und hielt sie einsatzbereit in der Hand, während ich hinter Chloe über die äußeren Stufen die steilen Sitzränge hinunterstieg.

Der Strom plaudernder Studenten trug uns zielsicher durch den edlen Flur des pompösen Universitätsgebäudes. Marmorfliesen, stuckverzierte Decken, Ölgemälde wichtiger Gelehrter aus vergangenen Zeiten und was eine geschichtsträchtige Fakultät an pittoresker Optik eben noch so brauchte.

In der großen Eingangshalle entzerrte sich die Flut der schnatternden Menge. Einige bogen nach links ab, andere nach rechts, während ein paar geradeaus durch die hohen Eichenholztüren nach draußen gingen und eine Handvoll Grüppchen in der Halle verteilt stehen blieben. So wie wir auch, denn Chloe wandte sich mir zu.

»Willst du wirklich nicht mit in die Lerngruppe kommen?«

»Nein.« Ich lächelte entschuldigend. »Danke für das Angebot, aber ich fürchte, dass ich momentan nichts Sinnvolles dazu beitragen könnte. Mein Kopf ist aktuell mit anderen Dingen beschäftigt.«

»Aber gerade deswegen könnte es dir guttun, oder?«, erwiderte Chloe freundlich. »Vielleicht entscheidest du dich ja später noch um. Wir sind bestimmt zwei Stunden hier in der Bibliothek, bevor wir was essen gehen und uns anschließend auf der Party der juristischen Fakultät blicken lassen. Jaja, ich weiß, du meidest die Öffentlichkeit lieber. Ich wollte es bloß mal in den Raum geworfen haben.« Sie zwinkerte mir zu. »Bis demnächst, Jay.«

»Ja, bis dann.«

Unschlüssig sah ich ihr noch hinterher, bis ihre Rastas hinter einer Flurbiegung verschwunden waren. Ich drehte die Sonnenbrille in meinen Händen herum. Das fröhliche Geplauder der anderen Studenten in der Eingangshalle dröhnte mir regelrecht in den Ohren. Schließlich bemerkte ich ein paar junge Leute aus einem anderen Kurs, die mich mit unverhohlener Neugier anstarrten und sich offenkundig darauf vorbereiteten, mich anzusprechen.

Sofort gab ich mir einen Ruck und ging eilig zum Vorderportal. Die wuchtigen Holztüren muteten schwer an, ließen sich aber mit dem kleinen Finger aufdrücken. Da ich durch meine Fluchttendenz ein wenig zu schwungvoll war, flogen die beiden Flügel fast vollständig auf. Zum Glück hatte gerade niemand davorgestanden, denn denjenigen hätte ich wohl versehentlich die flachen Stufen hinter dem Säulengang hinunterkatapultiert.

Ich trat einen Schritt hinaus. Auf dem weitläufigen Platz vor dem Universitätsgebäude war einiges los. Die kleinen Kioskstände hatten viel Kundschaft. Allen voran der Eisverkäufer. Das herrliche Juliwetter trieb die Bewohner von Galega ins Freie. An Grünflächen mangelte es der Millionenstadt grundsätzlich nicht und die wurden auch ausführlich genutzt. So wie der Rasen zu beiden Seiten des gepflasterten Platzes auch.

Etliche Leute, darunter nicht nur Studenten, hatten es sich im Gras gemütlich gemacht und ließen sich von der Sonne küssen. Kinder und Hunde tollten dazwischen herum. Eine Zwergenfamilie hielt ein Picknick ab, an dem ich nur zu gern teilgenommen hätte.

Insgesamt präsentierte sich vor mir ein wahres Sommeridyll. Sorgenfreie Stadtbewohner, die ihr Leben genossen. Lockere Fröhlichkeit.

»Da ist sie!«

»Miss Winter, Miss Winter!«

»Nur ein paar Fragen!«

Auf einen Schlag verdüsterte sich die Welt um mich herum. Dutzende Reporter umringten mich wie ein Heuschreckenschwarm, der die Sonne verdunkelte. So kam es mir zumindest vor.

Verfluchter Mist! Ich hätte damit rechnen müssen, dass sie mir vor den Toren auflauerten. Warum war ich nicht durch den Hinterausgang verschwunden?

Jetzt war es zu spät. Ich war bereits umzingelt von Kameralinsen und Mikrofonen, die mir vor der Nase herumwedelten. Weil alle ihre Fragen wild durcheinanderschrien, verstand ich nur die wenigsten. Allerdings hatte ich auch gar nicht vor, darauf einzugehen.

»Kein Kommentar!«, sagte ich in rigorosem Tonfall. Ich setzte mir die Sonnenbrille auf und wollte mich zwischen zwei Reporterinnen hindurchschieben. »Darf ich bitte?«

Die beiden lehnten sich in stiller Eintracht aneinander und reckten mir ihre Mikrofone noch näher ans Gesicht.

»Wurde der Attentäter gefasst?«, fragte die eine.

»Ist er tot?«, wollte die andere wissen. »Wurden deswegen alle Sicherheitsmaßnahmen aufgehoben?«

Mich juckte es arg in den Fingern. Ein kleiner Schubs und beide Frauen würden rücklings die Stufen hinunterpurzeln. Mein Weg wäre frei. Und würde direkt hineinführen in eine Gerichtsverhandlung wegen tätlichen Angriffs …

»Wenden Sie sich an die Pressestelle der Agency«, sagte ich mit gezwungener Ruhe. »Ich bin zum Stillschweigen verpflichtet.«

»Auch was ihre Liaison mit Captain Aherra angeht?«, rief ein Mann aus der zweiten Reihe. »Ist an dem Gerücht etwas dran?«

Liaison? Nun gut. Zu diesem Thema wollte ich mich doch klar äußern. Und zwar mit einem Lächeln und lauter Stimme: »Es ist wahr. Leannán Aherra und ich führen eine Beziehung. Mehr sage ich dazu nicht.«

Sofort schwoll das hysterische Fragengeschrei wieder an. Es kostete mich einiges an Überwindung, nicht auf jene einzugehen, die sich auf Maranon bezogen. Unter anderem wollte eine Frau wissen, wie es denn so plötzlich zu unserer Trennung gekommen sei.

Ich entdeckte eine kleine Lücke zwischen den Leibern und drängte mich resolut hindurch. Die aufdringliche Gruppe begleitete mich noch die ganzen Stufen hinunter, bis ich meine Schritte endlich beschleunigen konnte. Ich rannte schon fast über den Vorplatz und das schien den Reportern dann doch zu anstrengend zu werden. Zumindest folgten mir nur noch die Klickgeräusche der Kameras, bis sich ab etwa der Hälfte des Platzes ein Hauch von Ruhe einstellte. Der Aufruhr hatte natürlich auch allen Passanten in der Nähe eindeutig aufgezeigt, wer sich da hinter Mütze und Sonnenbrille versteckte. Allerdings sorgte wohl mein Laufschritt dafür, dass niemand es wagte, mich um ein Autogramm oder Selfie zu bitten.

Als ich um die Ecke in die angrenzende Fußgängerzone gebogen war, entspannte ich mich etwas. Hier schien niemand weiter auf mich zu achten.

Beruhigt bahnte ich mir einen Weg zwischen Schaufensterbummlern und Spaziergängern. Die Cafés waren gut besucht. Die wuchtigen Bäume in der Mitte der gepflasterten Straße spendeten Schatten und krönten die entspannte Freizeitatmosphäre.

Ich kam an einem Mann vorbei, der neben einem Ladeneingang lehnte. Er musterte mich verstohlen, bevor er gleich wieder unbeteiligt wegsah. Eindeutig zu unbeteiligt. Ich wusste, dass er mich erkannt hatte, und konnte deutlich spüren, wie sich sein Blick in meinen Rücken bohrte, nachdem ich an ihm vorbei war. Aber solange mich nur Blicke verfolgten, war ich schon zufrieden.

***

Zwei Tage später saß ich gegen Abend im Schneidersitz auf der Couch und starrte die leere Wand meines Wohnheimzimmers an. Alles in diesem winzigen Apartment fühlte sich falsch an. Alles, bis auf das Kissen, das ich vor meinem Bauch umklammert hielt.

Das farbenfrohe Abbild von Albert Einstein streckte der Welt frech die Zunge heraus. Außerdem haftete dem Stoff immer noch der himmlische Duft von Lees Aftershave an, mit dem ich das Kissen heimlich getränkt hatte.

Ich drückte meine Nase fest dagegen und blieb eine Weile in dieser Position sitzen. Dabei fragte ich mich immer und immer wieder das Gleiche: Warum war ich hier?

Im Grunde war es nicht das Apartment, das sich falsch anfühlte. Ich war es, die sich falsch anfühlte. Fehl am Platz. Wie ein Fremdkörper, der nicht hierhergehörte.

Ich sollte in Avalon sein. Im Mannschaftsraum von Team 8 am Projektionstisch sitzen und mich durch Dokumente wühlen, um das Rätsel des fremden Trägers zu lüften. Ich wollte ermitteln. Den Fall lösen.

Und das, obwohl mir Lee vor einer knappen halben Stunde am Telefon gesagt hatte, dass die Ermittlungen inzwischen vollends in einer Sackgasse steckten. Es gab null Anhaltspunkte, an denen sich weitere Recherchen hätten orientieren können. Das Ganze war so festgefahren, dass Team 8 nebenbei bereits wieder kleinere Einsätze übernahm, die überhaupt nichts mit der Suche nach dem Träger zu tun hatten. Demnächst würden sie sich vermutlich auch einem neuen größeren Fall zuwenden, sollte sich einer auftun. Weil ein ratloses Team der Special Forces letztlich nur pure Ressourcenverschwendung war.

Das passte mir natürlich überhaupt nicht, obwohl ich es gleichzeitig auch verstehen konnte. Außerdem stellte sich mir da die Frage, was ich denn zu der Sache beitragen wollte, wenn die professionellen Ermittler schon nicht weiterwussten.

Die Datenbanken waren durchforstet. Jegliche Zeugenaussagen waren ausgewertet. Die DNA des Fremden brachte niemanden weiter und welche Art von Magie er benutzte, versuchte die Forschungsabteilung immer noch herauszufinden. Denen würde ich sicher keine große Hilfe sein, wo ich es ja nicht mal zustande brachte, die Grundlagen der theoretischen Magie zu erlernen, weil ich mich nicht auf mein Studium konzentrieren konnte.

Also: Was wäre anders, wäre ich jetzt in Avalon? Ich wäre genauso frustriert, weil ich keine Antworten auf all die Fragen finden würde. Es wäre bloß in einen angenehmeren Rahmen verpackt. Nämlich der meines Zuhauses, bei meinen Liebsten, bei Lee …

Ging es mir denn wirklich darum zu ermitteln oder war es letztlich nur ein vorgeschobener Grund, um meinem Heimweh nachzugeben? Denn das hatte ich auch schon vor den jüngsten Ereignissen gehabt. Seit meinem allerersten Tag in Galega war ich mir fehl am Platz vorgekommen und hatte mich nach zu Hause gesehnt.

Was doch Blödsinn war! Wie könnte ich denn hier fehl am Platz sein? Es war genau das, was ich immer gewollt hatte!

Nach einem letzten tiefen Atemzug des betörenden Duftes in meinen Armen riss ich mich zusammen und stand auf. Wenn ich es schon nicht zustande brachte, meinen Verstand durch Lernen zu erweitern, konnte ich wenigstens etwas für meine Kondition tun. Darum zog ich mir bequeme Kleidung an, schlüpfte in Turnschuhe und setzte meine Beanie auf. Das Multifunktionsarmband nahm ich sowieso nie ab und mein Handy brauchte ich nicht. Ich steckte mir nur ein paar Bannkugeln in die Hosentasche – die ich zwar als Zivilistin gar nicht haben dürfte, doch nach mehreren Angriffen sei mir dieser kleine Gesetzesbruch erlaubt – und verließ mein Apartment.

Ich hasste Joggen. Eigentlich war ich grundsätzlich eher faul veranlagt. Doch was ich noch sehr viel mehr hasste, war Schwäche. In meinen Auseinandersetzungen mit dem Wikingerverschnitt war ich zu schwach gewesen. Nicht stark genug, nicht schnell genug, nicht gut genug im Nahkampf.

Das galt es zu ändern. An den Wochenenden wollte Lee mich weiterhin trainieren und ich freute mich jetzt schon auf unser nächstes Sparring. Solange ich in Galega war, konnte ich mich wenigstens um meine Kondition kümmern, darum hatte ich mir geschworen, jeden Abend eine Runde laufen zu gehen.

Im Erdgeschoss des Wohnheims schob ich mir die Sonnenbrille auf die Nase und lockerte unterwegs zum Vordereingang meine Schultern mit kreisenden Bewegungen. Warme Abendluft empfing mich draußen. In der ruhigen Igorandumstraße war wie zumeist kein Fahrzeug unterwegs. Nur ein paar Spaziergänger flanierten die Gehwege entlang.

Ich streckte mich durch und wandte mich nach links. Dabei fiel mein Blick auf eine Frau mit hohem Pferdeschwanz, die im Gebäudeeingang gegenüber stand und in ihr Handy schaute. Zumindest schaute sie jetzt hinein. Zuvor hatte sie mich angesehen. Oder hatte ich es mir nur eingebildet?

Wie auch immer. Leute auf offener Straße sahen andere Leute nun mal an. Da die Frau in ein Handy blickte und nicht durch das Objektiv einer Kamera, gehörte sie jedenfalls nicht zu den unliebsamen Fotojägern, die ich irgendwie hätte abhängen müssen.

Gemächlich trabte ich los. Ich folgte ein gutes Stück dem Verlauf der Straße und bog schließlich in eine schmale Gasse ein. Mein Ziel war ein Fluss, der sich unweit von hier durch die Stadt schlängelte. Die begrünten Wege entlang der Ufer hatte ich erst gestern als tolle Laufstrecke für mich entdeckt, darum wollte ich heute die andere Flussrichtung erkunden.

Ich verließ das Siedlungsgebiet und gelangte zu einer viel befahrenen Straße. Gegenüber befand sich auch schon der Hang, über den ich hinunter zum Flussufer gelangte. Erst musste ich aber die im Sonnenlicht blitzende Blechlawine überwinden, die fast geräuschlos an mir vorbeirollte. Ich joggte zum Zebrastreifen und trat so lange auf der Stelle, bis die Fahrzeuge wie durch Zauberhand stoppten.

Kurz bevor ich den Gehweg auf der anderen Seite erreichte, sah ich, dass sich ein anderer Jogger von rechts näherte. An sich nichts Ungewöhnliches. Würde der Mann mir nicht verdächtig vertraut vorkommen.

Am Montag hatte ich ihn in der Fußgängerzone neben einem Shop-Eingang gesehen. Gestern war er mir auf der Straße vor dem Wohnheim entgegengekommen. Und nun joggte er rein zufällig auf mich zu.

Das war doch der gleiche Typ? Oder erlag ich jetzt schon einem Verfolgungswahn? Wundern sollte es mich eigentlich nicht, wenn ich langsam mal durchdrehte.

Ich beschloss, mich nicht vorschnell in irgendetwas reinzusteigern, und trabte zu der Treppe, die zum Flussufer hinunterführte. Unten angekommen wandte ich mich nach links und folgte dem weiteren Verlauf des Gehwegs, der zur Straßenseite hin mit Bäumen gesäumt war. Über grobe Bruchsteine konnte man bis zum Wasser gelangen, das träge vorbeigluckerte. Einige Stadtbewohner streckten ihre nackten Füße in das erfrischende Nass. Darunter nicht nur menschliche Füße, denn auf einem flachen Stein fläzte eine getigerte Katze, die ihren Nachwuchs im Auge behielt. Gleich fünf verschiedenfarbige Kätzchen tollten mutig um sie herum und tapsten immer wieder prüfend mit ihren Pfötchen auf die Wasseroberfläche des seichten Uferbereichs, um sie kichernd auszuschütteln und sich dabei gegenseitig nass zu spritzen.

Ehrlich, wem bei diesem Anblick nicht das Herz schmolz, dem war nicht zu helfen.

In mittlerer Geschwindigkeit joggte ich voran. Obwohl ich mich ja in nichts hineinsteigern wollte, lauschte ich ausführlich auf die rhythmischen Schritte, die mir in gleichbleibendem Abstand folgten. Es konnte immer noch Zufall sein, dass dieser Mann dieselbe Laufstrecke gewählt hatte. Gerade kam mir zum Beispiel ein anderer Jogger entgegen. Trotzdem stresste mich der Kerl in meinem Rücken zusehends.

Als ich eine freie Sitzbank vor mir hatte, hielt ich dort an und tat so, als müsste ich meinen Schuh fester binden. Ein Bein auf die Bank gestützt zupfte ich an meinen Schnürsenkeln, linste dabei aber verstohlen zu dem verdächtig wirkenden Mann.

Er behielt sein Tempo unvermindert bei, hielt den Blick geradeaus gerichtet und überholte mich. Nachdem er hinter einer Biegung verschwunden war, atmete ich tief durch und mahnte mich selbst, mal wieder klarzukommen. Niemand verfolgte mich. Weder ein Paparazzo noch irgendein Hüne im Wikingerkostüm. Es war alles in Ordnung.

Gänzlich konnte ich mir das allerdings nicht einreden, als ich weiterlief. Ich blieb angespannt und wachsam. Irgendetwas stimmte hier nicht und ich wurde einfach das Gefühl nicht los, unentwegt beobachtet zu werden. Also auf andere Weise beobachtet. Nicht aus Sensationsgier, sondern … anders eben.

Und als ich um die Wegbiegung joggte und der Mann dort rein zufällig einen Stopp eingelegt hatte, um ein paar Dehnübungen zu machen, war es um meine gezwungene Ruhe geschehen. Ich schaltete vollends auf Agentenmodus und sondierte analytisch meine Umgebung. Kaum war ich an dem Mann vorbei, nahm er seinen Lauf wieder auf und trabte hinter mir her.

Einen letzten Test wollte ich noch machen, um mir sicher zu sein, dass er mich tatsächlich verfolgte. Vor mir lag nun ein Gebäudeblock mit öffentlichen Sanitäranlagen, der sich wunderbar nutzen ließ.

Ich beschleunigte, bog vom Hauptweg ab und rannte zur Hinterseite des Gebäudes. Im Schatten blieb ich abrupt stehen, hielt meinen Atem im Zaum und lauschte. Der Mann folgte mir. Jetzt war Zufall ausgeschlossen. Dass er ein Reporter war, kam mir unwahrscheinlich vor, darum zückte ich vorsorglich eine Bannkugel und hielt sie einsatzbereit in meiner linken Hand. Nebenbei horchte ich auf die näher kommenden Schritte, spannte meine Muskeln an und wartete auf den geeigneten Moment.

Als der Mann um die Ecke kam, packte ich ihn. Eigentlich wollte ich ihn an die Mauer schubsen, um ihn dort zur Rede zu stellen, doch er reagierte umgehend auf meine Überraschungsattacke. Er drehte sich äußerst geschickt aus meinem Griff. Spätestens da war ich sicher, dass er nicht von der Presse war. Der Kerl hatte zweifellos Kampferfahrung. Ich wollte kein Risiko eingehen, darum warf ich ihm sofort den Paralysebann ins Gesicht.

Die Pulverwolke explodierte vor seiner Nase und schon im nächsten Augenblick sackte er zusammen. Reglos blieb er seitlich im Gras liegen.

Ich trat schwer atmend an ihn heran, bückte mich nach ihm und drehte ihn an der Schulter auf den Rücken, damit ich mir sein Gesicht ansehen konnte. Als sein Kopf zur Seite rollte, glaubte ich ein Headset in seinem Ohr zu erkennen. Im gleichen Moment wurde ich jedoch abgelenkt, weil sich von hinten ein Schatten über mich schob.

Wie der Blitz sprang ich auf und wirbelte herum. Es war die Frau mit dem Pferdeschwanz, die ich vorhin gegenüber vom Wohnheim gesehen hatte. Sie hatte mich also tatsächlich beobachtet! Und da sie jetzt hier war, musste sie mit dem Jogger zusammenarbeiten.

Sie hob eine Hand. Bevor sie mich richtig angreifen konnte, reagierte ich auch schon, machte einen Satz auf sie zu und boxte ihr ins Gesicht. Während sie noch aufkeuchte, packte ich sie und warf sie gegen die Wand. Ich presste die Frau mit einem Unterarm hart gegen die Mauer in ihrem Rücken, suchte Blickkontakt und grollte: »Sag mir, warum ihr mich verfolgt!«

So schnell, wie ihre Antwort kam, hätte es meine Willensbrecherbegabung vermutlich gar nicht gebraucht. Sie hätte mir auch freiwillig geantwortet. »Wir sind für Ihren Personenschutz zuständig.«

Ich blinzelte verdutzt. »Was?«

Ein dicker Blutstropfen rann aus ihrem Nasenloch. Trotzdem lächelte sie vorsichtig. »Ich bin Agent Miller. Der Mann am Boden ist Agent Fennek.«

Hastig ließ ich sie los. Als sie sich mit dem Ärmel das Blut von der Oberlippe wischte, erkannte ich zweifelsfrei ein Multifunktionsarmband an ihrem Handgelenk. Mein Puls raste und das Adrenalin peitschte mich weiterhin auf, darum konnte ich mich nicht sofort beruhigen. »Ich weiß überhaupt nichts von einem Personenschutz!«

»Das ist mir bekannt«, erwiderte Agent Miller. »Wir sollten uns bedeckt halten. Was uns offenkundig nicht sonderlich gut gelungen ist.« Sie fasste sich an ihre Nase. »Das war eine saftige Rechte, Miss Winter. Alle Achtung.«

War ja schön, dass sie meinen Angriff so locker wegsteckte. Ich rieb mir nur harsch übers Gesicht. »Wer hat das angeordnet?«

»Captain Aherra.«

Natürlich, wer sonst …

Tickte Lee denn noch richtig? Mich heimlich observieren zu lassen, damit ich einen halben Herzkasper bekam?

Ich knurrte und zupfte mein Headset aus dem Armband. Mit wenigen Klicks öffnete ich den Funkkanal zu Lee.

»Jay?«, meldete Lee sich alarmiert. »Ist etwas passiert?«

»O ja, allerdings!«, schnappte ich. »Ein gewisser Agent Fennek liegt paralysiert im Gras und Agent Miller hat eine gebrochene Nase. Kannst du mir so weit folgen?«

Seine Antwort kam mit deutlicher Verzögerung. »Verstehe.«

»Wunderbar! Ich verstehe es nämlich nicht. Wie kommst du auf die grandiose Idee, mich heimlich beschatten zu lassen?«

»Keine Beschattung. Sie sind für deinen Personenschutz abgestellt.«

»Ich will keinen Personenschutz! Das hab ich dir klipp und klar gesagt!«

»Ja, das hast du. Darum sollten sie sich auch bedeckt halten, damit du sie gar nicht erst bemerkst und dich darüber aufregst.«

Wütend stiefelte ich vor Agent Miller auf und ab, die sich äußerste Mühe gab, unbeteiligt dreinzuschauen, während ich mit meinem übervorsichtigen, an Kontrollwahn grenzenden Freund stritt.

»Du wirst den Personenschutz sofort abziehen, hast du mich verstanden?«, bellte ich.

Lee antwortete ruhig. »Nein.«

»WAS?«

»Ich sagte Nein. Und diese Diskussion ist hiermit beendet.«

Dann knackte es in meinem Headset. Er hatte den Kanal geschlossen.

Was zum Teufel …?

Ich starrte auf das Display meines Armbands. Kaum einen Wimpernschlag später fasste Agent Miller sich an ihr Ohr und lauschte kurz. »Verstanden, Captain«, sagte sie schließlich und ließ ihren Arm wieder sinken. »Es tut mir leid, Miss Winter. Aber wir haben Anordnung, die Stellung zu halten.«

Aufgewühlt mahlte ich mit den Zähnen und rang um Fassung. Meine Hände zitterten. Nicht nur aus Wut, sondern weil mir die Sache einen gewaltigen Schrecken eingejagt hatte. Das merkte ich erst jetzt so richtig, als sich das Adrenalin zurückzog. Dabei hatte ich mir doch gerade selbst bewiesen, dass ich mich locker gegen die beiden vermeintlichen Verfolger zur Wehr setzen konnte.

Ja, das hatte ich. Von wegen hilflos!

Mit gezwungener Ruhe wandte ich mich an Agent Miller. »Bitte entschuldigen Sie meinen Angriff.«

»Sie dachten, Sie wären in Gefahr.« Sie lächelte verständnisvoll. »Außerdem glaube ich nicht, dass die Nase gebrochen ist. Die Prellung kann ich ruckzuck wieder heilen. Was Agent Fennek betrifft … In welcher Potenzierung haben Sie ihn paralysiert?«

»Z٥.«

»In Ordnung. Dann kann ich mir das Gegenmittel sparen. Die kurze Viertelstunde unfreiwilligen Schläfchens gönnen wir ihm einfach.«

KAPITEL 2

Als ich am Freitagabend in Avalon aus dem Zug stieg, erwartete mich ein interessanter Anblick auf dem Bahnsteig.

Lee war auch so schon ein Blickfang, vor allem für weibliche Augen. Rabenschwarzes Haar, attraktive Gesichtszüge mit markanten Wangenknochen und nur leicht geschwungenen Brauen, die seiner Mimik stets etwas Entschlossenes anhaften ließen. Dazu noch eine hoch gewachsene Statur, die vom Fitnessstandard eines Special Agents zeugte. Wenn er außerdem seine Dienstkleidung inklusive taktischer Ausrüstung trug, machte er erst recht was her und seine aufrechte Körperhaltung tat ihr Übriges zu seiner gewohnten Aura der Unbesiegbarkeit. Kein Wunder also, dass sich um Captain Aherra herum der Strom der Passanten teilte wie der Fluss an einem Felsbrocken. Niemand wagte es, ihn auch nur mit dem Ellbogen zu streifen. Einzig schmachtende und bewundernde Blicke touchierten ihn, während er aufmerksam die Lage um sich herum sondierte.

Ich presste die Lippen zusammen und schob den Riemen meines Rucksacks höher. Wir hatten nicht ausgemacht, dass Lee mich vom Bahnhof abholte. Unter anderen Umständen hätte man diese Überraschung für eine romantische Geste halten können, aber da er hier in Uniform aufkreuzte, trieb ihn ein anderer Grund an. Offenkundig war er im Dienst und sollte eigentlich in der Hauptzentrale sein. Dass der dienstbeflissene Captain sich kurz abmeldete, um seine Freundin abzuholen, musste ich also seiner Überfürsorglichkeit zuschreiben. Wenn er mich schon nicht in Galega persönlich bewachen konnte, wollte er wenigstens hier in Avalon seinen Job machen.

Sein Blick schweifte über den Trubel am Bahnsteig und blieb schließlich an mir hängen. Sofort entspannten sich seine Schultern merklich. Lächelnd kam er mir entgegen, wodurch sich die Menge praktischerweise auch für mich teilte. Was wiederum die Aufmerksamkeit ebenfalls auf mich lenkte – und damit hatte sich mein Inkognitomodus erledigt, der im Zug noch für Ruhe gesorgt hatte.

Auch wenn unsere Beziehung kein Geheimnis mehr war, hätte ich jetzt nicht unbedingt Hunderte Augenzeugen gebraucht, die gebannt unsere Begrüßung mitverfolgten. Zumal Lee mich skrupellos in seine Arme zog, um mich stürmisch zu küssen. So stürmisch, dass ich ein Mädchen neben uns verträumt aufseufzen hören konnte.

Ich beendete hastig die Show, drückte mich aus seiner Umarmung und hakte mich bei ihm unter, um ihn eilig mit mir zu ziehen. Mit einem gespielten Lächeln für die Öffentlichkeit murrte ich an Lee gewandt: »Ist ja nett, dass du den Leuten ausnahmsweise mal die emotionale Seite des Captains zeigst, aber musst du gleich einen Softporno aufführen?«

Er lachte vergnügt und legte einen Arm um mich. »Du solltest eigentlich wissen, dass das noch gar nichts war.«

»Für die Schaulustigen war es genug.« Ich brummte, schmiegte mich dabei jedoch bereitwillig an ihn, während wir in einen Schlendergang verfielen. »Wenn du vorhattest, ein klares Statement zu setzen, dann geht dein Plan auf. Das Mädel da vorne filmt uns gerade zweifellos mit ihrem Handy.«

»Das klare Statement hast du doch längst gesetzt. Zumindest wirst du fleißig in den Medien zitiert.« Er hob seine Stimme, um mich nachzumachen. »Leannán Aherra und ich führen eine Beziehung. Mehr sage ich dazu nicht!«

»Gott! So höre ich mich bestimmt nicht an!«

Wir alberten auf dem gesamten Weg durch die Bahnhofshalle herum. Einerseits waren mir die vielen Gaffer weiterhin unangenehm, andererseits war die kleine Demonstration unserer Beziehung schon auch irgendwie toll. Vielleicht war es so was wie das Authentifizierungssiegel eines VIP-Profils auf Flashcom: Sieh her, Welt, das sind keine Fake News! Friss das, Gedelski!

Na ja, so in der Art eben.

Richtig entspannen konnte ich allerdings erst, als wir in der Tiefgarage in Lees Wagen gestiegen waren. Während er ausparkte, nahm ich meine Verkleidung ab, packte sie in meinen Rucksack und kämmte mir mit den Fingern notdürftig durchs Haar. Dann lehnte ich mich zufrieden zurück. Ab jetzt brauchte ich mich nicht mehr zu verstecken. Ich war daheim.

Ich schaute zu Lee hinüber und musterte ihn ausführlich. Obwohl ich genau fünf Nächte fort gewesen war, wir täglich telefoniert und darüber hinaus ständig Nachrichten ausgetauscht hatten, kam es mir vor, als hätte ich ihn seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. »Ich hab dich vermisst.«

»Ich dich auch.« Er nahm meine Hand und hauchte einen Kuss darauf. »Ich liebe dich.«

»Und ich dich.«

Unsere verschlungenen Hände ruhten auf der Mittelkonsole, während Lee den Wagen durch das unterirdische Verkehrssystem von Avalon lotste. Die Tunnelbeleuchtung ließ seine Augen rhythmisch aufblitzen. Genauso das Rangabzeichen des Captains unter dem Logo der Agency auf seiner Brust.

»Hör mal«, begann ich vorsichtig. »Ich weiß, du meinst es nur gut, aber wenn du im Dienst bist, brauchst du mich nicht extra abzuholen. Was, wenn ihr jetzt zu einem Einsatz gerufen werdet?«

»Wir sind kurz abgemeldet«, erklärte er schlicht.

»Schon klar. Trotzdem ist es nicht korrekt, dass du deinen privaten Interessen Vorrang gibst.«

Lee runzelte belustigt die Stirn. »Bei Danu, seit wann ist dir denn das strikte Einhalten von Regeln so wichtig?«

Ich ging nicht auf seine Worte ein und betrachtete ihn ernst. »Du bist nicht für mein Leben verantwortlich, Lee.«

Seine Hand krampfte sich leicht zusammen. Er blickte starr geradeaus und antwortete erst nach einer Weile. »Das sehe ich anders.«

»Ja, und genau das macht mir Sorgen. Ich will nicht, dass unsere Beziehung ständig von Verlustangst überschattet wird.«

»Natürlich nicht«, erwiderte er und warf mir einen weichen Blick zu. »Und keine Sorge, ich habe meine Angst um dich im Griff. Denn hätte ich das nicht, wärst du schon seit Wochen in Schutzhaft.«

Nun, das stimmte wohl. Aber ob er seine Angst wirklich im Griff hatte? Ich war immer noch sauer, dass er heimlich Personenschützer für mich abgestellt hatte. Für mich kam das Bevormundung gleich und normalerweise ließ ich so etwas nicht mit mir machen. Allerdings war mir klar geworden, dass diese Agenten weniger mich schützten, sondern vielmehr Lee. Sie schützten ihn davor, völlig am Rad zu drehen. Einzig darum akzeptierte ich es und wollte die Sache auch gar nicht weiter ausdiskutieren.

Dafür gab es noch ein anderes unliebsames Thema, das ich nicht am Telefon hatte besprechen wollen. Als der Wagen aus dem künstlichen Licht des Tunnelsystems hinaus in den Sonnenschein fuhr, gab ich mir innerlich einen Ruck.

»Lee, ich habe mich morgen Nachmittag mit Colin verabredet.«

Jetzt krampfte sich seine Hand so heftig zusammen, dass er mir meine Finger kurz quetschte. Ich ließ es stillschweigend über mich ergehen und wartete ab, bis er die Information verdaut hatte.

»Verabredet«, wiederholte er abfällig. »Eine nette Umschreibung für ein Treffen im Verhörraum des Hochsicherheitstraktes mit einem verurteilten Straftäter.«

»Beschreib es, wie du willst. Ich wollte es dich nur wissen lassen. Dass du damit nicht einverstanden bist, war mir schon klar.« Er wollte seine Hand wegziehen, doch ich hielt sie fest und schaute Lee eindringlich an. »Ich erwarte nicht, dass du mich verstehst. Oder gar, dass du Colin auch irgendwann verzeihen kannst. Aber ich wünsche mir, dass du meine Freundschaft zu ihm wenigstens akzeptierst. Kannst du mir diesen Gefallen tun?«

Lee kaute eine Weile unschlüssig auf der Innenseite seiner Wange herum. Als sich sein Griff um das Lenkrad lockerte, wusste ich, dass er mir meinen Wunsch gewähren würde. Darüber konnte auch sein leises Schnauben nicht hinwegtäuschen. »Ich hasse es, wenn du mit Vernunft und Diplomatie um die Ecke kommst, während ich eigentlich sauer sein will.«

Ich lachte auf. »O ja, ich weiß genau, wie kacke sich das anfühlt. Das kannst du nämlich auch ganz gut.«

»Wenn das so weitergeht, werden wir uns irgendwann gar nicht mehr streiten.«

»Das will ich mal stark anzweifeln«, meinte ich und grinste neckisch. »Da würde uns beiden auch irgendwas fehlen, oder?«

***

Später betraten Lee und ich die Kantine im Hauptgebäude der Agency. Ich hatte nur kurz in meinem Apartment vorbeigeschaut, um mir meine Uniform anzuziehen. Weil Lee mir unbedingt beim Umziehen hatte helfen wollen, hatte das Ganze eben ein wenig länger gedauert.

Wie war das vorhin mit den privaten Interessen gewesen? Na ja, was sollte ich sagen. Es stimmte, dass ich grundsätzlich die Letzte war, die sich strikt an Regeln hielt. Vor allem, wenn dieser Regelverstoß eine solch süße Sünde alias Captain Aherra beinhaltete. Ich war eben ein Genussmensch. Da konnte man nix machen.

Und weil ich ein Genussmensch war und darüber hinaus einiges an Energie aufzuholen hatte, belud ich mein Tablett an der Essensausgabe mit allerhand Köstlichkeiten. Lee schmunzelte, als ich wagemutig neben ihn an die Kühltheke mit den Desserts sprang, um ihm den letzten Schokopudding vor der Nase wegzuschnappen. Bevor ihm ein frecher Spruch über die Lippen kommen konnte, trug ich meine Errungenschaft bereits stolz davon.

Ich balancierte mein Tablett zu einem der gemütlichen Holztische in der Nähe der Fensterfront des chic eingerichteten Speisesaals. Der Rest von Team 8 saß dort auf den bequemen Ledersesseln. Vermutlich schon seit einer Weile, denn ihre Teller waren fast leer. Nur das Tablett von Joe hatte noch einiges zu bieten, weil er grundsätzlich für drei aß. Seine Muskelmassen wollten eben gefüttert werden.

Samira wurde von der Sonne angeleuchtet, wodurch ihr blonder Zopf glitzerte. Sie sah auf und blickte mir erfreut entgegen – mit einem Lächeln, das noch heller strahlte als ihr Haar. Auch Ivan freute sich mich zu sehen, wie ich an der Reihe aufblitzender Katzenzähnchen in seinem beigefarbenen Pelzgesicht erkennen konnte.

Da waren sie also. Meine Freunde, meine besondere Familie, die ich jeden Tag in Galega schmerzlichst vermisste. Team 8.

Und Chiara …

Als mein Blick auf ihr perfektes Gesicht fiel, verdüsterte sich automatisch meine Miene. Ebenso wie die ihre, als sie mich entdeckte. Und doch schafften wir beide es gekonnt, dass niemand außer uns diese Reaktion bemerkte.

Ich war genau einmal auf ihre Taktik hereingefallen und hatte mich vor Lee wie eine hysterische Ziege benommen, während Chiara wunderbar als Unschuldslamm dagestanden hatte. Doch das würde nicht wieder vorkommen. Jetzt hatte ich durchschaut, nach welchen Regeln sie spielte. Das oberste Gebot lautete dabei, in Anwesenheit von Team 8 gegenseitige Akzeptanz vorzugaukeln und Professionalität zu wahren. Weil wir ja schließlich keine irren Weiber waren, die mit gewetzten Fingernägeln einen erbitterten Revierkampf ausfochten. Wir waren vernünftige, erwachsene Frauen, die einen geheimen Krieg in beachtlicher Subtilität zu führen wussten.

Okay, so wirklich wusste ich noch nicht, wie man ein Gefecht dieser Art ausfocht. Ich befand mich hierbei auf echtem Neuland, da ich doch eher direkt veranlagt war. Und handfest, könnte man sagen. Vielleicht nicht mehr ganz so rabiat wie früher, aber ich konnte nicht abstreiten, dass ich gerade nur zu gern an Chiaras kackperfekter Victoria’s-Secret-Welle gerupft hätte.

Stattdessen riss ich mich zusammen, zwang meine Aufmerksamkeit zum Rest des Teams und sofort verdrängte meine Wiedersehensfreude jegliche unerwünschte Ex-Freundin aus meiner Wahrnehmung.

»Hey, Leute«, grüßte ich in die Runde, bevor ich mich neben Joe setzte.

»Das hat aber gedauert«, meinte er sogleich mit zweideutigem Grinsen. »Lee hat sich doch nicht etwa verfahren?«

Ich erwiderte gelassen seinen Blick. »Nein, er war sehr zielstrebig.«

Joe lachte dreckig und nickte Lee beglückwünschend zu, der in dieser Sekunde den Tisch erreichte. Das Augenrollen von Samira verriet ihm vermutlich den prekären Hintergrund des Lobes, darum ging er gar nicht erst darauf ein.

»Wir sind wieder angemeldet«, teilte Lee dem Team mit, während er Platz nahm. »Laut Zentrale war ohnehin nichts los.«

»Bei uns war vielleicht nichts los«, korrigierte Joe. »Bei dir hingegen …«

Lee hob eine Braue, verschränkte die Hände und neigte sich ihm entgegen. »Wie alt bist du? Zwölf?«

Vergnügt zog ich mein Tablett heran. Ich nahm mein Besteck und sah entzückt auf meinen Teller hinunter. Auberginenauflauf. Mit so richtig viel Käse. Ein Traum. Voller Freude schob ich mir die erste Gabel in den Mund und schwelgte im Genuss.

Bis mein Blick zufällig auf Chiaras Teller fiel. Salat. War ja klar. Und keine Nachspeise auf dem Tablett. Da konnte man ehrlich Mitleid bekommen. Dabei war sie Italienerin und dort gehörte das Schlemmen doch praktisch zur Kultur, oder nicht? Allerdings passte dieses Herumgestochere im Grünzeug natürlich viel besser zum Klischee ihrer Topmodeloptik.

Wie aufs Stichwort wanderten ihre Augen zu meinem überfüllten Tablett und anschließend hoch zu mir. Ihre Mundwinkel zuckten in überheblicher Belustigung. Frei übersetzt hieß das: Jaja, mach ruhig so weiter, Pummelchen.

Meine Antwort folgte umgehend. Ich belud meine Gabel aufs Maximum, sah Chiara direkt in die Augen und schob mir den Auflauf in den Mund, nicht ohne dabei noch einen genüsslichen Laut von mir zu geben. Du kannst mich mal, Size Zero.

Miss bella Italia rümpfte die Nase und wandte sich pikiert ab.

Ha!

Zufrieden bemühte ich mich den viel zu großen Happen in meinem Mund zu bewältigen. Ivan verputzte gerade den letzten Rest seines Essens. Ebenfalls Auflauf, wie nicht nur an seinem Teller, sondern auch an seinen Schnurrhaaren zu erkennen war. Er gab sich bei Tisch zwar stets Mühe, die Knigge-Vorschriften einzuhalten, aber er war halt eben doch nur ein Kater, dessen Anatomie nicht zur Benutzung von Besteck vorgesehen war.

»Ist deine Diät abgeschlossen?«, fragte ich ihn.

»Das war keine Diät«, erwiderte er. »Es war eine Detox-Kur, und ja, die ist inzwischen abgeschlossen. Mit Erfolg, wohlgemerkt.«

Ich nickte. »Auf jeden Fall. Dein Fell glänzt noch mehr als sonst.«

Der Kater wuchs umgehend ein Stückchen in die Höhe. »Danke, Jay. Wie schön, dass es dir aufgefallen ist.«

Er leckte sich eine Pfote und putzte sich damit sein pelziges Näschen.

Joe sah zwischen mir und Ivan hin und her, bevor er hustete. Der Huster klang verdächtig nach »Schleimerin«, aber ich antwortete bloß mit einem Flunsch darauf. Der Kater war gewiss kein Schmusekätzchen, doch er liebte es eben, wenn hin und wieder sein Ego gestreichelt wurde.

»Wie läuft es eigentlich mit Cassandra?«, wollte ich von Ivan wissen.

»Hervorragend.«

»Oh! Dann seid ihr jetzt also zusammen?«

Empört ließ er seine Pfote sinken und starrte mich brüskiert mit seinen bernsteinfarbenen Augen an. »Natürlich nicht! Eine Felidae Linguae lässt sich doch nicht an die Kette legen. Unsere Natur verlangt nach Freiheit!«

»Ach so.«

Ich verließ mich einfach mal darauf, dass nach den Regeln für Liebesbeziehungen seiner Art wirklich alles hervorragend verlief. Es hatte zumindest ehrlich geklungen und als er sich wieder seiner Putzerei zuwandte, schaute er überaus gelassen drein, darum würde schon alles passen.

Für mich passte in diesem Moment auch alles. Die nervöse Unkonzentriertheit, die mich die ganze Woche begleitet hatte, war verschwunden und wohltuende Ruhe hatte sich in mir breitgemacht. Ich war zu Hause, umgeben von den Leuten, bei denen ich mich am wohlsten fühlte.

Den unliebsamen italienischen Zaungast konnte ich dabei erfolgreich ausblenden.

***

Am nächsten Vormittag war ich alleine im Mannschaftsraum von Team 8. Ich stand an der Stirnseite des langen Tisches, hatte beide Hände auf der Kante abgestützt, und starrte das Hologramm an, das sich träge vor mir in der Luft drehte.

Es war eine 3-D-Darstellung meines Angreifers. Rekonstruiert aus sämtlichem Bildmaterial, das der Agency von ihm vorlag. Lebensechter hätte die Projektion nicht sein können. Hätte er plötzlich angefangen, mit mir zu sprechen, wäre ich wahrscheinlich nicht einmal erschrocken.

Er bot schon eine beeindruckende Optik, dieser Hüne. Das braune Haar zu einem Knoten am Hinterkopf gebunden, der Bart zum Teil kunstvoll geflochten. Der grimmige Gesichtsausdruck war auch hervorragend eingefangen. Vollendet wurde das Bildnis eines wahrhaften Kriegers durch die obligatorische Rüstung. Ein Lederharnisch mit Metallverstärkungen. Dazu noch ein dunkelgraues Cape. Warum auch immer. So ein Umhang war doch total unpraktisch, oder? Es mochte ja wichtig aussehen, wenn er sich beim Gehen aufblähte oder der Wind ihn zum Schweben brachte. Aber der Kerl konnte ja nicht nur entgegen der Windrichtung laufen. Wäre interessant zu wissen, wie er den Vorhang bei Sturmwetter unter Kontrolle hielt.

Okay, im Vergleich zu allen anderen offenen Fragen, war das freilich nicht die interessanteste. Ich wusste bloß schon gar nicht mehr, worüber ich noch nachgrübeln sollte, da ich mich doch sowieso nur im Kreis drehte.

Das Keylana war auf der Darstellung nicht zu sehen. Es ruhte gut verborgen hinter seinem Harnisch. Ich hatte nicht ein einziges Mal auch bloß ein Kettenglied in dem gesammelten Bildmaterial durchblitzen sehen. Hätte ich das Amulett nicht in meiner eigenen Hand gehalten, würde ich vermutlich immer noch nicht glauben können, dass ein weiterer Träger existierte.

Verflucht, wo kam dieser Mann nur her? Von einem anderen Planeten? Einer entfernten Galaxie?

Doch warum hatte er dann behauptet, einen anderen Gott zu haben, wo doch Danu für das gesamte Universum zuständig war?

Sytarus … War das überhaupt der Name seiner angeblichen Gottheit? Immerhin hatte er den Begriff in einem erschrockenen Ausruf benutzt und in einen solchen konnte man ja generell viele Dinge verpacken. Den Himmel, den Herrn Gesangsverein, den lieben Schwan, das Donnerwetter … und so weiter.

Ruppig tippte ich auf ein Eck des Tisches und das Hologramm verschwand. Ich blieb noch eine Weile so stehen und ließ meinen Blick über die vielen geöffneten Dateien schweifen, die ich auf dem großen Touchscreen nebeneinandergelegt hatte. All diese Dokumente, Fotos und Videoaufzeichnungen waren von vorn bis hinten durchgekaut worden. Nicht nur von mir selbst. Mit diesem Hinweismaterial würde ich nicht weiterkommen. Ich brauchte einen vollkommen neuen Ansatz. Aber welchen? Wo sollte ich suchen?

Harsch wischte ich über das Display und schloss damit in einer einzigen Bewegung sämtlichen Dateien, bevor ich mit einem letzten Tippen das Gerät ausschaltete und zurück in einen klassischen Esstisch verwandelte. Dann dehnte ich mich erst mal ausführlich.

Mich überraschte selbst, dass ich trotz gleichbleibender Ahnungslosigkeit weitestgehend entspannt blieb. Vielleicht, weil ich ja schon die ganze Zeit wusste, dass die Ermittlungen in einer Sackgasse steckten, und ich mich langsam damit arrangierte. Darum störte es mich auch kaum, dass die anderen gerade in einer Besprechung saßen, um sich mit mehreren anderen Teams auf eine groß angelegte Razzia in einem völlig anderen Fall vorzubereiten. Der Alltag von Team 8 hatte wieder Einzug gehalten. Lee übernahm wochentags nebenbei den Pflanzenkundeunterricht der Agentenanwärter der Grundausbildung. Alles ging seinen gewohnten Gang.

Bis der nächste Hinweis eintrudelte oder der Fremde gar wieder auftauchte, konnte ich auch nichts tun. Der Mann war weiterhin zur Fahndung ausgeschrieben. Die Gesichtserkennung war in beiden Welten aktiv, die Hotline für Augenzeugensichtungen ebenfalls noch offen, doch da kam aktuell überhaupt nichts Brauchbares mehr an. Was kein Wunder war, nachdem die Bevölkerung ja die Information bekommen hatte, dass die ehemalige Trägerin wieder in Sicherheit war.

In der Zwischenzeit konnte ich mich also auch mit etwas anderem beschäftigen und ich wusste schon womit. Es gab nämlich noch etwas, das ich schon seit geraumer Weile recherchieren wollte. Da ich mit meinem privaten Glassboard aus Sicherheitsgründen nur innerhalb des Geländes Zugriff auf das Intranet der Agency hatte, war es mir leider nicht möglich gewesen, das in Galega zu erledigen. Dabei hatte ich eigentlich vermeiden wollen, dass Lee etwas davon mitbekam, weil er sich nur wieder aufregen würde, und das wollte ich uns beiden ersparen.

Ich schnappte mir also mein GB und ging damit hinaus auf den Balkon. Der war von der Größe her eigentlich mehr eine Dachterrasse, mit steinerner Brüstung und einer Pracht aus Topfpflanzen, die dank Lees liebevoller Zuwendung einen wahrhaftigen botanischen Garten formten. Eigentlich verlief der Balkon durchgehend über die gesamte Etage, doch der von Team 8 wurde durch die Begrünung abgeschirmt wie ein eigenes kleines Tropenparadies. Inklusive Loungeecke und zwei Liegen unter einem Sonnenschirm. Der sommerliche Tag verstärkte das Urlaubsfeeling heute noch.

Im Schatten des aufgespannten Schirms lümmelte ich mich auf eine der Liegen, aktivierte den Zugang zum Intranet mit meinem Daumenabdruck und suchte mir die gewünschte Fallakte heraus: Colin White.

Recherche war eigentlich nicht der richtige Begriff für mein Vorhaben. Es war mehr eine Auffrischung, weil es schon eine Weile her war, dass ich diese Akte gelesen hatte.

Wie auch beim ersten Mal fand ich es furchtbar, dass ich während unserer Zusammenarbeit praktisch rein gar nichts von Colins Vergangenheit gewusst hatte. Mir war bloß bekannt gewesen, dass er einen Teil seiner Kindheit in der Dortwelt verbracht hatte. Mehr nicht. Weil ich ihn nie danach gefragt hatte. Dabei hätte er mir sicher die Wahrheit erzählt.

Der Lebenslauf, den die Agency seit Beginn seiner Grundausbildung von ihm hatte, war auch im Nachhinein für korrekt befunden wurden. Es gab nur einen einzigen Punkt, der darin nicht auftauchte und der doch alles veränderte.

Aber zunächst einmal von vorn.

Colin und sein jüngerer Bruder Andrew waren in Alaska geboren. Ihre Eltern, Harold und April White, betrieben am Rande des Denali-Nationalparks ein kleines Motel. Da Harold ein großer Kritiker der Andersweltregierung und der Agency im Allgemeinen war, pflegten er und seine Frau kaum Kontakt zu ihrer Heimat. April wiederum hasste das Leben in der Dortwelt und blieb nur da, weil sie sich nicht von ihrem Mann lösen konnte. Harold White war ein unangenehmer Zeitgenosse. Er hatte mehrere Verkehrsdelikte unter Alkoholeinfluss begangen, bis er letztlich seinen Führerschein ganz verlor. Zudem war er der Spielsucht verfallen und insgesamt arbeitete er hartnäckig daran, das Motel in den Ruin zu treiben. Seine Frau blieb trotzdem bei ihm und frönte einem Alltag voller Unzufriedenheit. Wenigstens schützte sie ihre Söhne weitestgehend davor, indem sie beide auf ein Internat in der Anderswelt schickte.