Seinkampf - Martin B. Marhoefer - E-Book

Seinkampf E-Book

Martin B. Marhoefer

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Beschreibung

Der größte Verbrecher der Menschheitsgeschichte, ein Massenmörder und Vorgesetzter von Massenmördern schrieb ein Buch über seine Motive und Pläne. Ein Buch, das für das Verständnis Deutschlands unter nationalsozialistischer Herrschaft unentbehrlich ist. Aber auch ein Buch, das deutlich offenbart, zu welchem unvorstellbaren Leid Hass und Fanatismus führen. Damals wie heute. Die Aktualität des Themas lässt einen anlässlich der Ereignisse der letzten Zeit auf deutschen Straßen und in Internetforen erschauern. Die differenzierte Betrachtung des hier sogenannten UnBuches "Mein Kampf" von Adolf Hitler mit Blick auf die heutige Zeit vermittelt das Werk "Seinkampf". Ziel ist, das Thema einer breiten Leserschaft übersichtlich, verständlich, lebendig und spannend näher zu bringen. Ein Buch, das Antworten auf die Frage gibt: Wie konnte das passieren?

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Seitenzahl: 212

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Martin B. Marhoefer

Seinkampf

Hitlers „Mein Kampf“ – Eine Mahnung an die Gegenwart

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Einleitende Gedanken zur Gegenwart

Vorgeschichte - Das UnBuch

Kapitel 1 „Im Elternhaus“

Kapitel 2 „Wiener Lehr- und Leidensjahre“

„Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit“

Kapitel 4 „München“

Kapitel 5 „Der Weltkrieg“

Kapitel 6 „Kriegspropaganda“

Kapitel 7 „Die Revolution“

Kapitel 8 „Beginn meiner politischen Tätigkeit“

Kapitel 9 „Die ‚Deutsche Arbeiterpartei’ “

Kapitel 10 „Ursachen des Zusammenbruchs“

Kapitel 11 „Volk und Rasse“

„Die erste Entwicklungszeit der nationalsoz. Deutschen Arbeiterpartei“

Der zweite Band „Die Nationalsozialistische Bewegung“

Kapitel 1 „Weltanschauung und Partei“

Kapitel 2 „Der Staat“

Kapitel 3 „Staatsangehöriger und Staatsbürger“

Kapitel 4 „Persönlichkeit und völkischer Staatsgedanke“

Kapitel 5 „Weltanschauung und Organisation“

Kapitel 6 „Der Kampf der ersten Zeit – Die Bedeutung der Rede“

Kapitel 7 „Das Ringen mit der roten Front“

Kapitel 8 „Der Starke ist am mächtigsten allein“

Kapitel 9 „Grundgedanken über Sinn und Organisation der SA.“

Kapitel 10 „Der Föderalismus als Maske“

Kapitel 11 „Propaganda und Organisation“

Kapitel 12 „Die Gewerkschaftsfrage“

Kapitel 13 „Deutsche Bündnispolitik nach dem Kriege“

Kapitel 14 „Ostorientierung oder Ostpolitik“

Kapitel 15 „Notwehr als Recht“

„Schlusswort“

Anmerkungen zu einem Hitlerattentat:

Die Person Adolf Hitler

Eine Lehre für die Gegenwart?

Literatur

Impressum neobooks

Vorwort

Der größte Verbrecher der Menschheitsgeschichte, ein Massenmörder und Vorgesetzter von Massenmördern schrieb ein Buch über seine Motive und Pläne.

Ein Buch, das für das Verständnis Deutschlands unter nationalsozialistischer Herrschaft unentbehrlich ist. Aber auch ein Buch, das deutlich offenbart, zu welchem unvorstellbaren Leid Hass und Fanatismus führen. Damals wie heute. Die Aktualität des Themas lässt einen anlässlich der Ereignisse der letzten Zeit auf deutschen Straßen und in Internetforen erschauern.

Die Urheberrechte für „Mein Kampf“ lagen beim Freistaat Bayern als Erbe des NSDAP-Verlages Franz Eher, München, und liefen am 31.12.2015 aus. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Es ist kaum damit zu rechnen, dass 2016 der Originaltext neu aufgelegt werden darf, wohl aber von Historikern kommentierte Fassungen. Eine solche ist mit einem ungefähren Umfang von 2000 Seiten erschienen und beschäftigt sich im Detail mit Hitlers Schrift. Bei aller Notwendigkeit und Wertschätzung dieser Werke werden sie jedoch kaum eine breite Leserschaft erreichen. Hierzu bedarf es einer kompakteren Betrachtungsweise auf Augenhöhe des Lesers.

Aktive Auseinandersetzung statt Verbergen ist ein erfreulicher, anspruchsvoller Ansatz. Hier sind die Historiker gefragt.

Was aber, wenn einem Durchschnittsbürger das Buch in die Hände fällt?

Einleitende Gedanken zur Gegenwart

So wie der Arzt auf einen Patienten anders blickt als der medizinische Laie, so sieht auch der Experte die Geschichte mit anderen Augen als der Durchschnittsbürger. Beide Sichtweisen sind wertvoll und tragen zum Verständnis bei. In vorliegendem Buch schaut ein Arzt auf die Geschichte und kommt zu ebenso interessanten wie nachvollziehbaren Diagnosen, Therapien und Vorbeugemaßnahmen.

Bei der Auseinandersetzung mit Hitlers „Mein Kampf“ geht es einerseits um die deutsche Vergangenheit. Andererseits aber um deren Relevanz für unsere heutige Zeit. Es fallen deutliche Parallelen zur Gegenwart auf. Hitlers Hass, seine fanatische Weltanschauung, seine Gewaltbereitschaft ähneln aktuellen Entwicklungen in unseren Gesellschaften weltweit, in Europa, in Deutschland.

Ideologien und Feindbilder sind dabei austauschbar.

Heute sieht sich die Welt einer neuen Dimension von Gewalt und Extremismus ausgesetzt. Die dahinter stehenden Motive mögen ideologisch, religiös, geopolitisch oder ökonomisch sein. Das Ergebnis ist immer das gleiche:

Elend und Zerstörung.

Vor rund 100 Jahren begann der erste Weltkrieg, vor ca. 75 Jahren der zweite, heute Kriege in der Ukraine, Syrien, Irak, Gaza, Jemen und in Teilen Afrikas ohnehin. Terrorismus überall auf der Welt.

Große Teile Europas leben seit 70 Jahren in Frieden. Nur noch wenige Menschen haben selbst einen Krieg erlebt. Die meisten aber sind daran gewöhnt, dass man sich in vielen Teilen der Welt immer wieder mit Waffengewalt begegnet. In der heutigen Zeit häufiger, brutaler, näher. Beunruhigend ist, mit welcher Leichtigkeit der Einsatz von Militär als politisches Mittel wieder erwogen wird. Auch von deutschen Politikern.

NSU Prozess in München mit bitteren Erkenntnissen über die rechtsäugige Blindheit der deutschen Sicherheitsorgane. Bei Protesten gegen Israel wegen der aggressiven Politik im Gazastreifen ertönen ewig gestrige Parolen gegen Juden auf deutschen Straßen. Deutsche Staatsbürger lassen sich zu islamistischen Terroristen ausbilden und befürworten Enthauptungen von Andersdenkenden. Staaten greifen mit gierigen Fingern nach Regionen, in denen sie nichts zu suchen haben. Rechtspopulistisches Denken in deutschen Köpfen lässt ebensolche Parteien und Gruppierungen entstehen und bei Wahlen erfolgreich sein, wobei sie alles Rechtsideologische scharf von sich weisen und doch gegenteilig handeln. Wieder brennen Flüchtlingsheime in Deutschland. Ein NPD Verbot ist erneut in Arbeit. Viel entscheidender wäre das Verschwinden nationalsozialistischen Gedankenguts aus den Hirnen und Chatrooms.

Menschen gehen auf die Straße und protestieren gegen vermeintliche Feinde der abendländischen Kultur.

Rechtes Denken in Deutschland ist weit verbreitet. Es ist beängstigend mit welcher Leichtfertigkeit das Kreuz auf dem Wahlzettel bei einer Partei gemacht wird, die völkisches und rassistisches Gedankengut verbreitet und deren Ziele im Unklaren sind.

Gefahr einer erneuten Gewaltherrschaft? Wohl kaum.

Viele Faktoren müssen zusammenkommen, damit der Nährboden entsteht, der eine Diktatur gedeihen lässt. Davon sind wir weit entfernt, die heutige Bundesrepublik ist nicht vergleichbar mit der Weimarer Republik.

Die Deutschen dachten damals trotz wirtschaftlichem und politischem Chaos nicht an Krieg und Gewaltherrschaft, obwohl Hitler seine Pläne in „Mein Kampf“ veröffentlicht hatte.

Man nahm ihn nicht ernst.

Viele Bürger meinen heute, die Aufbereitung der NS Zeit sei abgeschlossen, wobei vielleicht diese erst jetzt mit großem zeitlichen Abstand umfassend möglich ist!

So etwas passiert nie wieder!

Was eigentlich?

Ist heutzutage jedem klar und bewusst, was damals geschehen ist – und warum? Und wie das Erstarken radikaler Kräfte in Zeiten der Krise vermieden werden kann?

Da es zu den genannten Entwicklungen kommt, darf dies bezweifelt werden. Es ist zunächst unerheblich, welche Ideologie hinter der Gewalt steht, und ob sie von innen oder von außen kommt.

Müssen sich Grausamkeiten der Geschichte immer wiederholen? Reicht es nicht, dass sich alle mit der Geschichte beschäftigen und erkennen, dass Gewalt und Krieg nie Lösung sind, sondern immer größtes Leid und Elend verursachen, die dunkelsten Seiten des Menschen aktivieren?

Aber so einfach ist das nicht.

In der heutigen sehr komplexen Zeit sind viele Menschen verunsichert. Sie haben das Gefühl, die vielfachen Einflüsse, die ihr Leben bestimmen, nicht mehr im Griff zu haben. Einige von ihnen machen denselben Fehler, der auch von früheren Generationen gemacht wurde. Wegen diffusen Existenzängsten sucht man sich einen Sündenbock und verfällt dem Hass. In den vergangenen Monaten richtete sich der Hass gegen Islamisten; und friedliche Muslime wurden sogleich mit in einen Topf geworfen.

Viele Menschen in Deutschland verstehen den Islam nicht. Statt sich mit dieser Kultur auseinander zu setzen, entwickeln sie lieber eine lähmende Angst.

Es sind sehr komplexe, vielschichtige und unübersichtliche Zeiten. Globale Einflüsse bestimmen unser Leben. Was tun?

Einfache Lösungen für schwierige gesellschaftliche Herausforderungen gibt es nicht. Erstaunlich, dass doch viele Menschen danach streben.

Ein Blick nach innen, ein Innehalten wäre ein Anfang.

Die Geschichte zeigt, dass raffinierte Manipulatoren Individuen und vor allem Massen in beliebige Richtungen steuern können. Insbesondere in Krisenzeiten! Dazu lieferte Hitler ausführliche Hinweise und ‚Techniken’. Es hilft aber der gesunde Menschenverstand, um dem Widerstand zu bieten. Ebenso die Verantwortung des Einzelnen für sich, seine Lieben und die Gesellschaft. Skrupellose Menschenfänger arbeiten nicht nur mit plumpen Parolen, sie versuchen das Unbewusste anzusprechen und Emotionen zu erzeugen. Gut, wenn man vorbereitet ist und seinen Standpunkt in einer gerechten und friedlichen Welt, die Hass und Ausgrenzung keine Chance bietet, gefestigt hat. Dann ist es unmöglich für einen Hetzer, das Böse zu aktivieren.

Man braucht eigentlich nur darüber nachzudenken.

Ein Massenmörder, der größte Verbrecher, der sich an der Menschheit vergangen hat, ein skrupelloser Diktator schrieb über seine Motive ein Buch, bevor er zuschlug.

Eine historische Rarität mit der sich ein jeder beschäftigen sollte.

Vorgeschichte - Das UnBuch

Wie kam ich zu „Mein Kampf“, dem UnBuch?

An einem wunderschönen Frühlingsmorgen vor vielen Jahren schlenderte ich über einen Flohmarkt irgendwo in Österreich. Ich erinnere mich nicht mehr, wo es war. Seltsamerweise ist mir der Geruch dieses Frühlingssamstages noch in der Nase, als wenn es gestern gewesen wäre. Die Geräusche des Marktes, die Farben der Waren, der Geschmack der frischen Luft, die Stimmen der Menschen, alles ist präsent. Aber der Ort bleibt wie gelöscht. Ein breiter Fluss ist mir im Gedächtnis geblieben. Es musste die Donau gewesen sein, wobei es sich nicht um Wien handelte. Es kommen viele Städte in Frage. Eigentlich ist der Ort unerheblich, aber irgendwie zermartert man sich gerne das Hirn, wenn einem einfache Begriffe nicht einfallen. Manchmal gehe ich dann das Alphabet durch und habe bei dem entsprechenden Anfangsbuchstaben eine Eingebung. Oder die Erinnerung kommt wieder, wenn man nicht mehr darüber grübelt. In diesem Fall funktioniert beides nicht. Wie gesagt, der Ort ist nicht das Entscheidende.

Ein typischer Flohmarkt, viel Ramsch, ein paar wirklich bemerkenswerte Antiquitäten, auch billige Jeans, wer weiß woher, wurden angeboten. Und Schallplatten! Schon längst hatte die CD die schwarzen Scheiben verdrängt, aber Liebhaber wollen nie auf den typischen Klang von in Vinyl gepresster Musik verzichten. Ich schaute mir die bunten Hüllen an. Alles war dabei, von Abba bis Zappa, und ich dachte wohlig an meine Jugend. Damals waren wir begeistert von den Bands, die in den Siebzigern Rockgeschichte schrieben.

„Mogst a Scheibn heern?“, fragte der Verkäufer in breitem Wienerisch. Er sah selbst aus wie aus den Siebzigern, lange Haare, buntes Hemd, Parka, Schlaghosen.

„I hob an Plottnspüiler und Strom hob i a!“ (Der Leser aus Wien möge mir diese Schreibweise verzeihen).

„Ja, gerne, spiel mal die von Uriah Heep.“

„Do, host an Headphone!“

Ich ließ mir die harten Klänge in den Kopf dröhnen. Mit einigem Gekratze zwar aber extrem cool.

„Danke, leider habe ich keinen Plattenspieler mehr.“

„Konn i Dir a verkaufn,“ war seine prompte Antwort.

„Nein danke, lass mal, bin mit den CDs ganz zufrieden.“

Heute habe ich wieder einen Plattenspieler.

Es waren die neunziger Jahre. Aus beruflichen Gründen lebte ich im schönen Wien. Ich wunderte mich jeden Tag mehr, wie sehr Österreich auch für einen Piefke Ausland war. Als ich in die Alpenrepublik kam, war ich von der Illusion beseelt, aufgrund zahlreicher Skiurlaube und der gemeinsamen deutschen Sprache auf alles vorbereitet zu sein. Weit gefehlt! Mit der Sprache konnte man zwar die Tageszeitungen verstehen, aber wenn der Einheimische es darauf anlegte, egal ob Wiener, Tiroler oder Kärntner, hatte man keine Chance. Aber meistens waren sie nett und höflich und bemühten sich, dass ich sie verstand. Dennoch waren sie irgendwie anders. Ich hatte das Gefühl, sie nahmen bei aller Melancholie das Leben leichter. Sie stießen niemanden vor den Kopf, gingen aber dennoch ihren eigenen Weg. Durchaus bewundernswert.

Ich schlenderte langsam weiter. Kaufte mir bei einer sehr alten Frau einen Kaffee aus der Thermoskanne und genoss die behagliche Atmosphäre des Flohmarktes.

Elektrogeräte aller Art für Küche, Werkstatt und Badezimmer interessierten mich nicht so sehr. Ebenso wenig die Klamotten. Bei den Möbeln sah es schon anders aus. Wunderschöne Schränke und Kommoden, gut erhalten, preislich eher am oberen Ende. Es war aber nicht der richtige Tag für einen Möbelkauf, dachte ich.

Dann erspähte ich mehrere Telefonapparate in verschiedenen Farben mit Wählscheibe und ein paar Schreibmaschinen. Schön nostalgisch, aber benutzen will man so etwas doch nicht mehr. Obwohl die Schreibmaschine heute eine Renaissance erleben soll. Da e-mails von jedem Verfassungsorgan beliebig mitgelesen werden, muss das gute alte Briefgeheimnis wieder her. Ein mit Schreibmaschine geschriebenes Dokument im verschlossenen Briefumschlag darf selbstverständlich nicht geöffnet werden. Da wäre die NSA ganz schön aufgeschmissen!

So ging ich weiter ohne Ziel, meinen Kaffee aus dem Pappbecher schlürfend und kam an einen Bücherstand. Alt lag neben fast neu. Taschenbuch neben Ledereinband. Romane, Erzählungen, Reiseführer, Koch- und Kinderbücher, Comics, die Bibel neben... was war das? Ein roter Einband, Format wie ein Gebetbuch, das ich noch aus meiner Kindheit als Messdiener kannte. Es war schon reichlich abgegriffen, die Ränder der Seiten vergilbt. In verblassten goldenen Lettern waren zwei Worte auf dem Einband zu lesen: Mein Kampf.

Wow! Das verbotene Buch. Jeder kennt es, keiner hat es im Bücherschrank und wenn, hat er es nicht gelesen. Der Autor der größte Verbrecher der Menschheitsgeschichte, ein Massenmörder. Der Verkäufer versicherte mir fast begeistert, dass es ein Original wäre, Tornisterausgabe für Soldaten, beide Bände in einem. „Damit niemand an der Front vergaß, wer ihn in den Tod geschickt hat“, meinte er sarkastisch.

„Das darf in keinem Haushalt fehlen. Da lernst was über diesen Drecksnazi. Steht alles drin. 70 Schilling und kannst es haben.“ Seinen schwachen Dialekt konnte ich nicht einordnen. In den Neunzigern gab es noch die alten Währungen. 10 D-Mark, also etwa 5 Euro für ein Stück Geschichte. Mein Entschluss war schnell gefasst.

„60 Schilling.“ Man bezahlt auf dem Flohmarkt nie den ersten Preis. Allerdings akzeptiert auch kein Verkäufer sofort das Gegenangebot. Für 65 Schilling ließ ich das UnBuch schnell in meiner Jacke verschwinden. Es fühlte sich verboten an. Ich war mir allerdings ziemlich sicher, dass der Besitz des UnBuches nicht strafbar war. Ansonsten würde altes Recht immer noch gelten. Wäre absurd. Ich brannte darauf hineinzusehen. Konnte mir aber nicht vorstellen, mich in ein Straßencafé zu setzen und darin zu blättern. Mich überfiel ein schlechtes Gewissen. Jeder würde mich für einen Nazi halten, obwohl ich nicht so aussah. Damals liefen Neonazis noch in Springerstiefel und mit Glatze rum. Heute hat sich das teilweise geändert, und sie geben sich oft ein bürgerliches Aussehen, um gerade junge Leute besser verführen zu können. Ich bin von Nazis innerlich wie äußerlich meilenweit entfernt. Dennoch fühlte ich mich nicht gut mit der ‚heißen Ware’ in der Tasche. Das war seltsam. Wie als Jugendlicher, als ich ständig ein schlechtes Gewissen hatte, wenn ich einen Polizist sah, auch wenn aktuell mal nichts gegen mich vorlag, wie Mofa frisieren oder mit Papas Auto ohne Führerschein auf einem abgelegenen Parkplatz einparken üben. Gegen mich lag hinsichtlich Naziideologie nie etwas vor. Wirklich seltsam. Ich dachte kurz über das Thema Kollektivschuld nach.

Ich bin in der Bundesrepublik geboren und aufgewachsen, im Wirtschaftwunder. Die Trümmer des Krieges waren beseitigt, aber auf den Straßen sah man noch häufig arm- und beinamputierte Männer. Ich war einer der vielen Babyboomer mit Eltern und Großeltern, die keine Nazis waren. Eher das Gegenteil. Sie übten, so wurde mir berichtet, den passiven Widerstand aus, verweigerten den Hitlergruß soweit möglich, traten nicht in die Partei ein, halfen Juden. Wie viele andere auch.

Ich fuhr also voller Spannung nach Hause nach Wien. In der Wohnung angekommen, legte ich das Buch auf den Wohnzimmertisch. Wieder befiel mich dieses ungute Gefühl. Ich schaute es mir von allen Seiten an. Außen stand nur der Titel, sonst nichts, kein Name des Autors oder Verlages.

Zum ersten Mal schlug ich es von Anfang an auf. Auf dem Flohmarkt hatte ich es nur schnell durchgeblättert wie ein Daumenkino. Auf dem zweiten Blatt ist zu lesen: Adolf Hitler / Mein Kampf. Zwei Seiten weiter schaut man in das Antlitz des Autors in Form eines Porträtfotos. Typische Frisur, bekannter Oberlippenbart, ernster Gesichtsausdruck. Hemd, Krawatte. Darunter eine krakelige Unterschrift. Offensichtlich die der Person auf dem Foto. Es schauderte mich. Vielleicht hätte sein Vater den ursprünglichen Familiennamen nicht ändern sollen: Adolf Schicklgruber klingt weit weniger scheußlich.

Heil Schicklgruber! Möglicherweise wäre alles anders gekommen...

Auf der Seite rechts daneben werden Titel und Autor wiederholt, bestätigt, dass es sich um zwei Bände in einem Buch handelt und der Zentralverlag der NSDAP, Franz Eher, München, genannt. Nach nochmaligem Umschlagen sieht man, dass dies die 22. Auflage aus dem Jahr 1944 ist und insgesamt 10 590 000 deutsche Exemplare bis dahin aufgelegt waren. Über zehn Millionen Bücher! Da musste Hitler eine Menge Geld mit verdient haben. Wie viele Menschen das Werk gelesen hatten, ist nicht überliefert. Man nimmt allerdings an, dass es nicht sehr viele gewesen sein können, da das Buch als unlesbar gilt, weil es in einem fürchterlichen Stil geschrieben ist. Ein anderer Grund könnte sein, dass somit alle schon von den Gräueltaten gewusst hätten, die auf Deutschland, die Juden und die Welt zukommen würden und möglicherweise die Geschichte einen anderen Lauf genommen hätte. Es gibt aber Historiker, die behaupten, das Buch sei häufig gelesen worden. Dem mag so sein, darüber nachgedacht haben diese Leser dann wohl nicht. Aber dazu später mehr.

Auf dieser Seite erfährt man zudem, dass der erste Band 1925 und der zweite 1927 erschienen waren. Dann verweist das Inhaltsverzeichnis auf zwölf Kapitel und 406 Seiten im ersten Band („Eine Abrechnung“) und fünfzehn Kapitel und knapp 400 Seiten im zweiten („Die nationalsozialistische Bewegung“). Es beginnt ganz unverfänglich mit „Im Elternhaus“. Allerdings bleibt es nicht beim vermeintlich Harmlosen. Das nun auf zwanzig Seiten folgende Personen- und Sachverzeichnis vermittelt den irreführenden Anschein eines wissenschaftlichen Werkes. In Wirklichkeit untermauerte Hitler seine Aussagen fast nie mit handfesten Daten und nannte keine Quellen.

Der 1. April 1924 war ein geschichtsträchtiger Tag. Adolf Hitler trat seine Haftstrafe in Landsberg an, zu der er wegen des Putschversuches am 9. November 1923 verurteilt wurde. Er begann „Mein Kampf“ zu schreiben. Das Strafmaß sah fünf Jahre vor. Hier hätte die Ära Hitler zu Ende sein können, ja müssen. Das Gegenteil war der Fall. Zu Weihnachten desselben Jahres wurde er bereits entlassen. In der Haft, so kann man in der Hitlerbiographie von Ian Kershaw (1) nachlesen, wuchs er zu wahrer Größe heran. Er betitelte „Landsberg als meine Hochschule auf Staatskosten“. Die Leitung der Festungshaftanstalt hegte offenbar gewisse Sympathien für den späteren Diktator. Wie sonst wäre es erklärbar, dass er nicht nur eine geräumige Zelle mit Aussicht auf die bayerischen Alpen bewohnte, sondern unbegrenzten Zugang zu jeglicher Literatur hatte, die er sich wünschte? Wenn man von heutigen Insassen der Haftanstalt Landsberg hört, dass sie nur zwei Besuche pro Monat empfangen dürfen, so hatte es Hitler wesentlich angenehmer. Bei ihm war die Tür, zumindest in eine Richtung, immer offen. Er empfing Besuch, soviel er wollte, erhielt Lesestoff. Man darf sich nun nicht vorstellen, dass Hitler aus begierigem Interesse an deutscher und ausländischer Literatur die Bücher wälzte. Nach Kershaw suchte er lediglich nach Bestätigung seiner eigenen Vorurteile. Diese unterstrich er dadurch, dass er später angab die „Richtigkeit“ seiner „Anschauungen“ durch die Lektüre in Landsberg erkannt zu haben.

Ganz unverblümt schrieb er im Vorwort zu „Mein Kampf“ folgendes:

„...meine Festungshaft in Landsberg am Lech anzutreten. Damit bot sich mir nach Jahren ununterbrochener Arbeit zum ersten Male die Möglichkeit, an ein Werk heranzugehen, das von vielen gefordert und von mir als zweckmäßig für die Bewegung empfunden wurde.“

Wieder beschleicht mich ein unheimliches Gefühl, als ich die Worte des Massenmörders lese. Heute würde man vermuten, der Mann litt möglicherweise an einem Burnout, das seiner Selbstüberschätzung aber keinen Abbruch tat. Von nun an glaubte er, zum Schriftsteller gereift zu sein. Die schwachen Verkaufszahlen in der zweiten Hälfte der Zwanzigerjahre hätten ihm zu denken geben müssen. So waren bis 1929 vom ersten Band lediglich 23 000 und vom zweiten 16 000 verkauft worden. Nicht eben ein Bestseller, obwohl Hitler da bereits sehr bekannt war. Dies änderte sich freilich mit den Wahlerfolgen der NSDAP der frühen Dreißigerjahre und ganz massiv nach der Machtübernahme. 1933 wurden bereits eineinhalb Millionen Exemplare verkauft. Häufig geschah der Kauf nicht freiwillig. Ab 1936 bekam man es zur Hochzeit auf dem Standesamt geschenkt. Das bedeutete, dass die Gemeinden es vorher teuer einkaufen mussten.

Hinter dem Vorwort findet man eine schwarz umrandete Seite mit der Auflistung von sechzehn Personen, an die der Autor erinnert: „Am 9. November 1923, 12 Uhr 30 Minuten nachmittags, fielen vor der Feldherrnhalle sowie im Hofe des ehemaligen Kriegsministeriums zu München folgende Männer im treuen Glauben an die Wiederauferstehung ihres Volkes.“

Er widmet den Putschisten den ersten Band.

Kurioserweise beschäftigte ich mich ausgerechnet in Wien zum ersten Mal mit dem UnBuch. Ich gebe zu, dass ich damals über das Vorwort nicht wesentlich hinauskam. Es war eine Mischung aus historischem Unwohlsein und falscher Scham, nicht voll ausgeprägtem Interesse, Zeitmangel und natürlich der verworrenen Sprache und dem Inhalt des Textes.

Erst später kehrte ich zu der Thematik zurück und las eine Menge Sekundärliteratur, u.a. die Hitlerbiographie von Ian Kershaw, die 2009 neu aufgelegt wurde, und befragte Zeitzeugen. Anschließend begann ich mich mit dem UnBuch intensiv zu beschäftigen.

Der erste Band „Eine Abrechnung“

Die ersten Zeilen lesend ertappe ich mich dabei, unhörbar Hitlers diktatorische Stakkatostimme nachzuahmen. Ich komme innerlich außer Atem. Auch das ist seltsam, denn wenn ich ein Buch eines mir bekannten lebenden Autors lese, ahme ich nie dessen Stimme nach.

Kapitel 1 „Im Elternhaus“

Gleich zu Anfang berichtete Hitler, dass „die glückliche Bestimmung“ es wollte, dass er in Braunau am Inn geboren wurde.

„Dieses Städtchen an der Grenze jener zwei deutschen Staaten, deren Wiedervereinigung mindestens den Jüngeren als eine mit allen Mitteln durchzuführende Lebensaufgabe erscheint!“

Tatsächlich mit Ausrufezeichen.

In diesem ersten Absatz war bereits ein Ziel Hitlers klar formuliert. Auch die Methode wurde erläutert: „mit allen Mitteln“. Die Beschreibung dessen, was er als Lebensaufgabe begriff, setzte sich im weiteren Verlauf fort. Ein Beispiel folgte wenige Zeilen weiter, immer noch auf der ersten Seite:

„Erst wenn des Reiches Grenze auch den letzten Deutschen umschließt, ohne mehr die Sicherheit seiner Ernährung bieten zu können, entsteht aus der Not des eigenen Volkes das moralische Recht zur Erwerbung fremden Grund und Bodens.“ Dass damit nicht der rechtmäßige Erwerb gemeint war, erklärte der nächste Satz:

„Der Pflug ist dann das Schwert, und aus den Tränen des Krieges erwächst für die Nachwelt das tägliche Brot.“

Ich war etwas verblüfft über die klar geäußerten Absichten auf der ersten Seite. Damit hatte ich nicht gerechnet. Das hätte man doch alles nachlesen können... Oder man las nur das, was man lesen wollte. Die Bestätigung der eigenen Vorurteile fällt dem Menschen leichter als deren Widerlegung.

Seine Kindheit beschrieb Hitler als recht fröhlich. Ein pflichtgetreuer Vater und eine liebevolle Mutter ließen ihn „zu einem robusten Jungen“ heranwachsen, der bereits früh sein „rednerisches Talent“ entdeckte, das selbst der „Herr Vater aus begreiflichen Gründen nicht so zu schätzen vermochte, um aus ihnen etwa günstige Schlüsse für die Zukunft seines Sprösslings zu ziehen...“. Daher blieb ihm das Gymnasium verwehrt, und er fand sich auf der Realschule wieder. Es half ihm auch seine „ersichtliche Fähigkeit zum Zeichnen“ nicht. Hitler beschrieb hier eine Auseinandersetzung mit dem Vater, wie sie in vielen Familien vorkommt. Mitunter haben die Eltern über den Werdegang ihrer Kinder andere Vorstellungen als diese selbst. Sein Vater sah für ihn die Beamtenlaufbahn vor, er selbst strebte die Verwirklichung als Kunstmaler an. Seine Lieblingsfächer in der Schule waren angeblich Geographie und Weltgeschichte. Die verhängnisvolle Interpretation des Gelernten ließ ihn „Nationalist“ werden und die „Geschichte ihrem Sinne nach verstehen und begreifen“. Aus heutiger Sicht der fatale Beginn seiner ideologischen Prägung.

Es ist mühsam das Buch zu lesen. Wie erwähnt, ist der Stil unhandlich, verworren und verschachtelt. Aber vor allem bereitet der Inhalt Kopfschmerzen. Deutschtümelei der übelsten Art untermalt mit martialischer Terminologie. Wenigstens hat sich die Nachahmung des Hitlertonfalls gelegt.

Sein Vater starb, laut Hitler, an einem Schlaganfall als der Sohn dreizehn war. Bei Hitlerbiograph Kershaw ist nachzulesen, dass „der Vater am 3. Januar 1903 über dem morgendlichen Glas Wein im Gasthaus Wiesinger zusammenbrach und starb“.

Nun brauchte er sich nicht mehr dem Willen des Vaters zu beugen und verließ im Jahr 1905 unter einem fadenscheinigen gesundheitlichen Vorwand die Schule. Zwei Jahre später verstarb seine Mutter.

Verschwiegen hatte Hitler allerdings laut Kershaw, dass er in den zwei Jahren vom Schulabgang bis zum Tod der Mutter „das Leben eines schmarotzenden Faulenzers führte – finanziell abgesichert, umsorgt, verwöhnt und abgöttisch geliebt von der Mutter...“.

Regelrecht verarmt machte er sich im Jahr 1907 auf den Weg nach Wien. Die zuletzt erfolglose Behandlung der Krebserkrankung der Mutter hatte alle Geldreserven verschlungen.

Hitler war 18 Jahre alt.

Das erste Kapitel ist zu Ende. Es ist klar geworden, dass er durchaus kriegerische Mittel einsetzen wollte, um den Deutschen Lebensraum zu verschaffen. Sein extremer Nationalismus wurde bereits in jungen Jahren geprägt.

Ian Kershaw kann die Beschreibung einer normalen Kindheit übrigens nicht bestätigen. Er wertet Hitlers Ausführungen als „unzuverlässig und einseitig“. Es ist aber bekannt, dass es sich keineswegs um ein harmonisches und glückliches Familienleben handelte. Hitlers Vater war nach Kershaw „der Inbegriff eines provinziellen Beamten – ein Wichtigtuer, stolz auf seinen Status, streng, humorlos, sparsam, überpünktlich und pflichtbewusst. In der Gemeinde genoss er Respekt. Aber sein Missmut konnte sich ganz unvermittelt in Wutausbrüchen entladen“.

Seine Mutter hingegen wird als „eine einfache, bescheidene, liebenswürdige Frau“ charakterisiert. Mehrere ihrer Kinder starben in jungen Jahren und umso mehr „beschenkte sie die beiden überlebenden Kinder, Adolf und Paula, mit fürsorglicher Liebe und Hingabe“. Der autoritäre und herrschsüchtige Vater war der krasse Gegenpol. Erfahrungen mit körperlicher Gewalt des Vaters sind überliefert. Hitler selbst schrieb: „Ich hatte den Vater verehrt, die Mutter jedoch geliebt“. Eine der sehr seltenen Stellen in „Mein Kampf“, die menschliche Gefühlsregungen offenbarte, wobei man eher annehmen kann, dass er seinen Vater gefürchtet hat.

Kershaw kommt leider zu der Erkenntnis, dass „man sich mit der Tatsache abfinden muss, dass im Hinblick auf die für Psychologen und ‚Psychohistoriker’ wichtigen prägenden Jahre es nur wenige Anhaltspunkte gibt, die über reine Vermutungen hinausweisen“. Man kann es durchaus nachvollziehen, wenn unschöne Berichte über Hitlers Kindheit und Jugend vernichtet und Zeitzeugen mundtot gemacht wurden. Das UnBuch war auch ein Mittel zur Selbstvermarktung Hitlers, weshalb er darauf achtete, dass ihm nichts Negatives nachgesagt werden konnte.

Kapitel 2 „Wiener Lehr- und Leidensjahre“

Der junge Hitler wurde als Bewerber an der Kunstakademie Wien zu seiner großen Überraschung abgelehnt. Angeblich erkannte man weniger sein Talent in der Malerei als in der Architektur. Letztere wurde bekanntlich sein Steckenpferd, insbesondere aufgrund seiner Vorliebe für Monumentalbauten. Aber schon auf der dritten Seite dieses Kapitels hieß es: