Kapitel 1
Einleitung – Wer bin ich?
Unter jenen Eigenschaften, die uns Menschen kennzeichnen, befindet sich die Fähigkeit, Fragen bezüglich des eigenen Seins zu stellen: »Wer bin ich?«, »Was kann ich wissen?«, »Gibt es einen Sinn des Lebens?«, »Hat jemand uns geschaffen?«, »Was ist das Leben überhaupt?« Nach den Antworten wurde auf verschiedentlichsten religiösen, philosophischen, kulturellen und wissenschaftlichen Wegen gesucht. Im Namen
der unterschiedlichen Antworten führten wir heilige Kriege, lebten ein glückliches oder quälendes Leben und empfanden andere Menschen als Seelenverwandte oder Feinde oder
als unergründlich. Auf der Suche nach Antworten zerfetzten wir den Stoff des Lebens und des
Seins und riskierten die eigene Vernichtung.
Das vorliegende Buch handelt vom ›Selbst‹ und nimmt diesbezüglich einen speziellen Blickwinkel ein. Ihn fasse ich hier in der Aussage
zusammen, dass die Erfahrung, auf die der Begriff des eigenen ›Selbst‹ sich stützt und durch die sich das wandelt, was als ›Selbst‹ erfahren wird, in den unterschiedlichen Kontakten mit der Welt gründet, in der man lebt, also mit der Andersheit anstatt mit ›innerer‹ Erfahrung. Einfach gesagt erfahre ich mich als jemanden, der die Sonne durch
das Fenster scheinen sieht, der seine Familie liebt, der auf dem Computer
schreibt. Mein Interesse gilt dem Fenster, der Familie, dem Computer, nicht dem
Sehen, dem Lieben oder dem Wunsch zu schreiben. Während ich mich vom Computer ab und meinem Sohn zuwende, verändert sich die Erfahrung meines Selbst so wie die seine.
Wenn das Selbst auf diese Weise gedacht wird, besteht seine Haupteigenschaft im
Fließen und in der Begegnung. Ein von Stabilität und Unabhängigkeit bestimmtes ›inneres‹ Selbst wirft Fragen auf wie: »Wie verändert sich das Selbst?« Und: »Wie begegnet das Selbst der Welt?« Das Selbst aus der Begegnung hervorgehen zu lassen, wirft dagegen folgende
Frage auf: »Wie stabilisiert sich das Selbst?«
Themen, die mit dem Selbst in Zusammenhang stehen, sind meist von Philosophen,
Theologen sowie Psychotherapeuten oder Beratern verschiedenster Richtungen
behandelt worden. Das vorliegende Buch nimmt die schwierige Aufgabe in Angriff,
von zweien dieser Perspektiven auszugehen: Philosophie und Psychotherapie.
Meine Hoffnungen setze ich darauf, dass die Leser, die eher an der
therapeutischen Seite des Gestalt-Ansatzes interessiert sind, die Philosophie
interessant und klärend mit Hinblick darauf finden, was sie in der Therapie machen; und dass die
Leser, die eher an der Philosophie interessiert sind, diese durch die
Diskussion der therapeutischen Schlüsse geklärt sehen.
An das Ende des Buches (Kapitel 14) habe ich das gesetzt, was ich die ›Landkarte‹ der Gestalttherapie nenne. Solche Landkarten, die die Wechselbeziehung zwischen
verschiedenen Begriffen (zum Beispiel Zwiesprache, Experiment, Figur-Grund,
Gewahrsein) skizzieren, finde ich wesentlich, um zu verhindern, dass die
Therapie ein zusammenhangloser ›Werkzeugkoffer‹ wird. Für jene, die bereits an Gestalttherapie interessiert sind, mag es nützlich sein, dieses Kapitel als Überblick über meinen Zugang zur Therapie zuerst zu lesen. Es handelt sich allerdings um
eine vereinfachte Version dessen, was ich im vorliegenden Buch entwickle.
Ein schneller und naiver Überblick über die Philosophien des Selbst
Philosophen sind auf verschiedene Weise an den Begriff des Selbst herangegangen.
Plato [428-347 v.Chr.]1 betrachtete das Selbst als das ›Wesen‹ der Person, das unabhängig von der körperlichen Person existiere, genauso wie er glaubte, das ›Rotseins‹ habe ein Wesen unabhängig von einem individuellen roten Ball. Diesen Ansatz nennt man ›Dualismus‹, weil es ihm zufolge zwei Formen des Daseins gibt: das Selbst, das Ich, der
Geist auf der einen und der physische Körper auf der anderen Seite. Der Dualismus lässt sich als eine einfache Antwort auf das Problem betrachten und er wurde ausdrücklich oder stillschweigend übernommen im Verständnis des ›gesunden Menschenverstands‹ und in den verschiedensten religiösen Bekenntnissen. Schwierig wird es, wenn die Frage auftaucht: »Wie beeinflusst der Verstand den Körper?« Der Ansatz, den ich im vorliegenden Buch darlege, versucht, ein
nicht-dualistisches Verständnis des Selbst zu entwickeln, ohne in das Gegenteil zu verfallen, den
Reduktionismus. (Dazu mehr weiter unten [auf dieser Seite].)
Auch [René] Descartes [1596-1650] sprach dem Verstand/ Selbst ein getrenntes Dasein zu und
war sich dessen Dasein gewisser als des Daseins der körperlichen Welt. Denn was ich von der körperlichen Welt sehe, könnte eine Illusion sein, während sich, indem ich an ihr zweifle, mein Dasein bestätigt: »Ich denke, also bin ich.« Unglücklicherweise ist das ein Zirkelschluss, der damit beginnt, dass ein Handelnder
(ein ›Ich‹) angenommen wird, der denkt oder zweifelt; und dann wird diese Annahme benutzt,
um das Dasein des Handelnden zu beweisen. (Später kommen wir zu einer anderen Sorte Zirkelschluss, der besser funktioniert
[vgl. S. 32].)
[David] Hume [1711-1776] meinte, das ›Ich‹ bestehe nur aus dem Strom der Erfahrung. Wir verfügen über kein Gewahrsein eines getrennten Selbst, welches den Erfahrungsstrom macht. Diese Ansicht würde von der Gestalttherapie unterstützt werden.
Existenzialistische Philosophen (wie zum Beispiel [Jean-Paul] Sartre [1905-1980]
und [Søren] Kierkegaard [1813-1855]) wollten den Dualismus von Plato überwinden und betonten die Ursprünglichkeit der Erfahrung vom Leben und Sterben. Diese Betonung ist eine der
Grundlagen der Gestalttherapie.
Reduktionistische Philosophen fassen den ›Verstand‹ und das ›Selbst‹ als physiologische Gehirntätigkeiten auf, die ihren eigenen Charakter haben, der aber am besten dann
begriffen werde, wenn es einen besseren Einblick in den Kopf gibt. Die Annahme,
die ich nicht teile, lautet, dass die Regeln eines Vorgangs von höherer Komplexität wie etwa des Gewahrseins aus den Regeln grundlegenderer Vorgänge wie etwa der Chemie der Neurotransmitter erschlossen werden können. (Ich werde weiter unten zeigen, dass die moderne Wissenschaft keineswegs
dieser Denkweise folgt [vgl. S. 13ff].)
Östliche Denker, zum Beispiel Lao Tse [†533 v.Chr.] und Gautama Buddha [563-483 v.Chr.], betrachten das ›Ego‹ als eine Illusion, die nur Leiden verursache. Durch Meditation können wir über das Ego hinaus gelangen. Es gibt starke Einflüsse dieser Philosophien auf den Gestaltansatz.
Praktische Philosophen, Psychotherapeuten genannt, stehen ebenfalls Fragen zum
Selbst gegenüber. »Wie wird jemand zu der Person, die er ist?« »Was ist psychologische Gesundheit oder Krankheit, und wie kommt es zu ihnen?« »Was verlangt es vom Therapeuten, einen Klienten gesund zu machen oder sich auf
eine andere Weise zu erleben?«
[Sigmund] Freud [1856-1939] und die Psychoanalytiker erblicken im Selbst eine
wachsende Struktur; d.h. eine Person durchlaufe eine Abfolge von
Entwicklungsstufen, die durch schlechte Elternschaft gestört werden können. Das Ziel Freuds bestand darin zu entdecken, wie die Entwicklung vor sich
gegangen ist, und dann dem Patienten die Entdeckung mitzuteilen.
Psychoanalytische Forscher, besonders [Margaret] Mahler [1897-1985], arbeiteten
die genauen beteiligten Entwicklungsstufen aus und das, was daraus folge, falls
sie nicht abschließend durchlaufen werden. Einige Neo-Freudianer wie [Wilhelm] Reich [1897-1956]
versuchten, die volle Funktionstüchtigkeit des Selbst wiederherzustellen, indem sie eher an dem körperlichen Vorgang der Störung arbeiteten. Andere wie [Heinz] Kohut [1913-1981] wollten, dass der
Therapeut dem Klienten die Erfahrung der Beelterung ermöglicht, die er entbehrte. [C.G.] Jung [1875-1961] betonte die Herkunft des
Individuums aus (und seine Verbindung mit) den Mythen sowie den Vorgängen in der Menschheit als einer Gesamtheit. Die analytischen Therapien teilen
mit der Gestalttherapie den Nachdruck auf Erforschung anstelle der Festlegung
auf ein ›Problem‹. Allerdings sucht die Gestalttherapie, wie ich sie verstehe, nicht nach Lösungen in der Vergangenheit oder via Regression.
Behavioristen (beispielsweise [B.F.] Skinner [1904-1990]) verstehen die Tätigkeiten des Selbst als rein reflexhafte Reaktionen auf Reize. Sie wollen die
Beschäftigung mit ›meta-physischen‹ Vorstellungen vermeiden und verstehen die Rolle des Therapeuten so, dass er
jene Reize bereitstelle, von denen die Wissenschaft herausgefunden habe, dass
sie die erforderlichen Reflexe hervorbringen. Heute gibt es tatsächlich nur noch wenige strikte Behavioristen. Die Gestalttherapie teilt mit dem
behavioristischen Ansatz den Nachdruck auf das beobachtbare Verhalten des
Klienten, ohne zu behaupten, dass es darüber hinaus nichts gäbe.
Humanistische Therapeuten (beispielweise [Abraham] Maslow [1908-1970]) betreten
einen unsicheren Pfad, wenn sie Therapie definieren als Wiederentdeckung des ›wirklichen (inneren) Selbst‹, ohne hierdurch Dualisten werden zu wollen. Wie dem auch sei, mit der
Gestalttherapie teilen sie einen Nachdruck auf die Beziehung von Angesicht und
Angesicht zwischen dem Therapeuten und dem Klienten.
Einige Psychiater folgen dem reduktionistischen Modell und glauben, der beste
Weg, die Funktion des Selbst zu beeinflussen, bestehe darin, die Probleme als körperliche zu betrachten, die in den Neurotransmittern liegen und darum mit
Medikamenten zu behandeln seien. Andere Psychiater sind offener für eine Psychotherapie, die die medizinische Behandlung begleitet.
Moderne Wissenschaft
Wir alle, Philosophen, Psychotherapeuten und Theologen, befinden uns in einer
befremdlichen Situation. Die Menschheit schlittert von einer Struktur der
Materie, die einfach und festgefügt schien, in eine Situation, die zunehmend verwirrend und ›esoterisch‹ geworden ist. Angesichts der wissenschaftlichen Theorien der Relativität und der Quantenphysik haben Vorstellungen, die untrennbar sind von unserem
alltäglichen Verständnis des Selbst wie Raum, Zeit und Materie, ihre alltägliche Bedeutung verloren. Wenn jedwede Materie als eine Möglichkeitskurve betrachtet werden kann, in welcher jedes ›Teilchen‹ eine potenzielle Verbindung mit anderen, auch räumlich und zeitlich entfernten ›Teilchen‹ hat, wird die einfache Gleichung »das Ich befindet sich in meiner Haut, das Nicht-Ich liegt außerhalb« weniger befriedigend.
Das zentrale Bild, das nach meiner Überzeugung zu diesen Theorien passt, ist die einer Wechselwirkung entspringende Handfestigkeit. Ich bin nicht, wie es früher galt, geworfen in das vorgefertigte Dasein einer feststehenden Welt. Vielmehr beeinflusst meine Wechselwirkung, wie sich die Welt um mich
herum verfestigt. Mehr noch, es handelt sich nicht um eine Einbahnstraße. Die Wechselwirkung geht von beiden Seiten aus und ich verfestigte mich, aus
dem Blickwinkel meiner Umgebung,2 durch meine Wechselwirkung mit ihr. Der wissenschaftliche Begriff für diesen Vorgang ist ›Emergenz‹,3 und Emergenz ist das durchgängige Thema in dem vorliegenden Buch. Eine ›emergente‹ Wirklichkeit passt zu den Regeln des Zusammenhangs, aus welchem sie hervorgeht
(beispielsweise Neurobiologie), entwickelt jedoch ebenso auch ihre eigenen Vorgänge (Schreiben eines Buches), die aus jenen Regeln nicht ableitbar sind. In
gleicher Weise erwächst mein Selbst aus dem körperlichen Kontakt mit meiner körperlichen Umgebung, ohne dass dabei die körperlichen Regeln dieses Kontakts verletzt werden (ich kann nicht durch Wände gehe), aber zugleich gibt es auch eigene psychische Vorgänge, die nicht auf Physik zurückgeführt werden können (z.B. Verbindlichkeit und Entscheidung).
Auch die Psychotherapie muss Wege finden, mit der Emergenz zurande zu kommen.
Was heißt es, psychotherapeutisch mit einem emergenten Selbst in einer emergenten Welt
zu arbeiten? Dies ist eine möglicherweise aufregende Frage, da sie eher orthodoxe Herangehensweisen auf den
Kopf stellt. Anstatt sich auf den Wandel zu konzentrieren, konzentrieren wir
uns darauf, welche Wechselwirkung die Stabilität eines speziellen Selbst aufrecht erhält, obzwar diese Art des Selbst-Seins zerstörerische Folgen zeitigt. Der Therapeut ist dann kein striktes ›Mittel zum Wandel‹ (mit all der ganzen Machtfrage, die damit verbunden ist), sondern ein
Mit-Erkunder, der dem Klienten dabei hilft zu entdecken, was er erkunden will
und was nicht. Von diesem Herangehen können wir eine große Kraft zum Wandel erwarten, während die harte Arbeit darin besteht, auch das dauerhafte Selbst im Blick zu
behalten. Das vorliegende Buch ist aus der Perspektive der Gestalttherapie
geschrieben, die sich dieser Aufgabe gewidmet hat. Ich versuche den schmalen
Pfad zwischen Philosophie und Psychotherapie zu gehen und zu zeigen, wie das
philosophische Herangehen der Gestalttherapie Wege weist, so zu arbeiten, dass
Wandel eine fortwährende Möglichkeit darstellt.
Bevor ich fortfahre zu schauen, wie die Gestalttherapie mit diesen Fragen
umgeht, möchte ich einen kleinen Umweg einschlagen und skizzieren, wie andere
Herangehensweisen mit ihnen fertig geworden sind, oder, meist, sie verdrängt haben. Ich hoffe, dass dies es erleichtert zu verstehen, was ich sagen will
(was die Gestalttherapie sagt).
Im Angesicht der Revolution der Vorstellungswelt, mit der uns die moderne
Wissenschaft konfrontiert, haben viele aufgehört, die schwierigen Fragen zu stellen. In der Mathematik sind die Formalisten
nur noch an den formalen Eigenschaften axiomatischer Systeme interessiert,
anstatt sie auf die Welt anzuwenden. In der Psychologie behandeln reine
Behavioristen die Menschen als das, was Wissenschaftler eine ›Black Box‹ nennen. Sie interessieren sich nicht für das, was ›innen‹ vor sich geht, sondern bloß dafür, äußeres Verhalten zu verändern. Die orthodoxen freudianischen Analytiker auf der anderen Seite behandeln
die äußere Welt als vergleichsweise unwichtig gemessen an dem inneren Schauspiel der
psychischen Kräfte. Schließlich betrachten ›konstruktivistische‹ Therapien wie das Neurolinguistische Programmieren (NLP) die Welt dem Wesen
nach als unsere Konstruktion, die wir willkürlich dadurch ändern können, indem wir sie anders ansehen.
Diese Herangehensweisen haben formal etwas gemeinsam: was auch immer geschieht,
es geschieht innerhalb des Systems. Man tut A hinein und B kommt heraus. Wie B
aus A wird, bestimmt das System. A wird meist Ursache und B Wirkung genannt. Für den Formalisten verursachen die Axiome die Theoreme. Für den Behavioristen verursacht der Reiz die Reaktion. Für den Analytiker verursacht das Trauma die Neurose. Nirgends gibt es einen Raum
für Rückkopplung. Es gibt kein Zwiegespräch, keine Vermittlung zwischen, sagen wir, den Axiomen und den Theoremen. Reize
und Reaktionen erscheinen wie Ketten, nicht wie Kreise.
Dennoch ist Rückkopplung eine der zentralen Wirklichkeiten unserer Erfahrung. Ob es das Gespräch mit einem Freund oder eine Radtour ist, meine Handlungen werden ständig durch Antworten meines Freundes oder des Fahrrands oder der Straße beeinflusst. Tatsächlich läuft es noch weniger linear ab. In Systemen der Wirklichkeit gibt es keine
Trennung zwischen Handelndem und Behandeltem: eine Tatsache, die seit dem
zweiten newtonschen Gesetz bekannt ist – »Jede Handlung zieht eine gleiche und entgegengesetzte Reaktion nach sich.«4
Gefahren des Konstruktivismus
»Was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an
seiner Seele?« (Markus 8:36)5
Für den Konstruktivisten ›verursachen‹ unsere Erzählungen über die Welt deren Dasein. Rückkopplung gibt es zwar auch in konstruktivistischen Theorien, aber mit einer
raffinierten Wendung: Normalerweise besteht ihr Ziel darin, unseren Umkreis zu
kontrollieren, nicht mit ihm in Zwiesprache zu treten.
Der Unterscheidung der Gestalttherapie, wie ich sie vorstelle, von
konstruktivistischen Theorien, besonders dem Neuro-Linguistischen Programmieren
(NLP), widme ich einige Aufmerksamkeit, da es verhältnismäßig leicht fällt, zwischen den beiden hin und her zu springen.6 Hierzu habe ich das Bild der Gestalttherapie, die auf einem schwindelerregenden
konzeptionellen Seil tanzt und in Gefahr steht, nach verschiedenen Richtungen
hin das Gleichgewicht zu verlieren. Dabei bemerken wir nicht, wie alle Sätze ihren Sinn geändert haben, so dass das, was ähnlich klingt, jetzt etwas ganz anderes bedeutet.
»Die Bedeutung der Kommunikation ist ihre Wirkung.« Dieser Satz aus einer NLP-Broschüre enthält für mich den konstruktivistischen Blick auf Rückkopplung. Unter diesem Blickwinkel findet keine Kommunikation im Vakuum statt.
Wie jemand etwas kommuniziert, beeinflusst damit die Antwort. Man kann wissen,
wie die verschiedenen Arten der Kommunikation vermutlich wirken. Der Weg der
Kommunikation, den ich wähle – nämlich einen Weg, auf dem ich vermutlich bekomme, was ich will, oder einen Weg,
auf dem das vermutlich nicht passiert –, ist Teil davon, was Kommunikation bedeutet.
Oberflächlich betrachtet sieht dies vernünftig aus, liegt auch scheinbar einer Linie mit dem Nachdruck auf Begegnung, den
ich im vorliegenden Buch lege. Was hier jedoch passiert, ist, dass ich mein
Selbst-Sein und mein Empfinden, ein Handelnder zu sein, in andere Menschen
hinein verlängere. Ein gutes Beispiel dafür geschieht unter Hypnose, wenn das ›Subjekt‹ den Widerstand aufgibt, von einem ›Operator‹ beeinflusst zu werden. Es gibt ein weites Feld von ausgesprochenen Überschneidungen zwischen NLP und Hypnose. Der Leser mag selber urteilen über die Ethik, den Einfluss des Hypnotiseurs auf das alltägliche Geschehen auszudehnen. Meine Position ist eindeutig: Ich mag das nicht.
Schauen wir uns nun die andere Seite der Gleichung an: die Wirkung auf den ›Operator‹. Jemand, der einen Anderen introjiziert oder mit ihm konfluent wird, um
Kontrolle auszuüben, wird seinerseits durch die Erfordernisse jenes Kontrollierens und jenes
Introjizierens kontrolliert. (Darum das Bibelzitat eingangs.) Ich glaube, dass
die Geisteshaltung, die dieser Wunsch nach Kontrolle erfordert, tückisch und zerstörerisch ist. Sie zehrt von der Unsicherheit und gleichzeitig verstärkt sie jene Unsicherheit, indem sie wahren Kontakt unmöglich macht. Sie führt weg von der Gestalt-Haltung, dass ich, wenn ich in gutem Kontakt mit meiner
Umgebung bin, eher meine Wünsche und Bedürfnisse befriedigen kann, hin zu der Position, dass das Erreichen dieser Wünsche und Bedürfnisse Vorrang davor habe, in Kontakt zu treten.
Es ist befremdlich, dass wir hiermit zurückkehren zu einer ziemlich extremen Form der Unterdrückung von Gefühlen, aber jetzt werden die Gefühle durch Pseudo-Gefühle ersetzt (anstatt wie früher durch offene Selbstkontrolle).
Humanistische Psychologie
Eine weitere wesentliche Strömung des psychologischen Denkens ist das Feld der humanistischen Psychologie,
ein uneinheitliches Feld, mit dem die Gestalttherapie oft in Zusammenhang
gebracht wird. Gewiss, beide betonen ein holistisches (ganzheitliches) Herangehen, bei dem man Geist und Körper als Aspekte einer Wirklichkeit betrachtet. Es gibt allerdings wesentliche
Unterschiede, die ich zentral in ihrem Bezug auf den (und Verständnis von dem) Begriff Selbstverwirklichung7 verorte.
Diesen Begriff hat ursprünglich der stark von Gestaltpsychologen beeinflusste Arzt Kurt Goldstein
[1878-1965] geprägt, der [nach dem Ersten Weltkrieg] mit gehirngeschädigten deutschen Soldaten gearbeitet hat. Interessanterweise war damals sein
Laborassistent ein junger deutscher Arzt namens Fritz Perls [1893-1970], der später die Gestalttherapie mit-begründete. Goldstein meinte mit »Selbstverwirklichung« die Schöpfung des Selbst aus der Wechselwirkung. Als solcher ist sie ein beschreibender
Begriff, der das kennzeichnet, was geschieht.
Den Begriff hat einer der Gründungsväter der humanistischen Psychologie adaptiert, Abraham Maslow, dessen Bedeutung
jedoch verändert. Nun bezeichnet er ein Ziel, nämlich das, das ›wahre Selbst‹ zu finden. Maslow (1968) spricht von »sich selbst verwirklichenden Menschen«, die »ihr Leben der Suche nach dem widmen, was ich die ›Seins‹-Werte genannt habe«.8 Das sei ein höheres, spirituelleres Dasein und alle, die in dieses Stadium eintreten, sind
sowohl moralisch besser als auch glücklicher als jene, die sich nicht ›selbstverwirklicht‹ haben. Auf diese Weise richtet sich die humanistische Psychologie auf ein
spirituelles Ziel mit benennbaren Merkmalen, wogegen die Gestalttherapie die
Verwirklichung des Selbst untersucht, die aus dem gegenwärtigen Augenblick hervorgeht. Später werde ich mehr darüber sagen, in wiefern es auch in der Gestalttherapie das Verständnis eines ›wirklichen‹ und eines ›falschen‹ Selbst gibt [vgl. S. 49f]; hier reicht es jetzt aus zu sagen, dass es nicht in
den Begriffen spiritueller oder moralischer Errungenschaften beschrieben wird.
Emergenz
Zu Beginn der Einleitung habe ich von dem großen Wandel in den modernen physikalischen Theorien gesprochen, die Welt zu
denken. Dieser Wandel fügt sich nicht einfach darin ein, wie wir alltäglich die Welt sehen. Beispielsweise beschreiben wir Eigenschaften, als ob sie
den Gegenständen angehören, und das spiegelt sich in der englischen9 Sprache in den das Hauptwort beschreibenden Eigenschaftsworten. Wenn wir sagen, »der Ball ist grün«, wird das Grünsein gesehen als eine Eigenschaft des Balls.
Dagegen legt die moderne Wissenschaft ihr Augenmerk auf die aus einer Beziehung hervorgehenden emergenten Eigenschaften. Relativ gesehen haben Raum und Zeit keine absolute Bedeutung,
sondern gehen aus dem relativen Verhältnis zwischen Beobachter und Beobachtetem hervor. Auf der molekularen,
sub-molekularen und Quanten-Ebene existieren keine makroskopischen ›Gegenstände‹. Elektronen tauschen sich aus.
So betrachtet ist alles das, was existiert – alles Leben und alle Materie –, ein fortwährender Austausch. Ich esse, atme, kote, wachse, schwitze. Auf einer
physikalischen Ebene bin ich Teil eines holistischen Universums und nicht durch
eine wirkliche Grenze abgetrennt. Auf der Quanten-Ebene stellen die Dinge sich
noch verworrener dar. Der Physiker David Peat [1938- 2017] (1994 [S. 31]) sagt
es so: »Die Quantenphysik malt die materielle Welt als äußeres Erscheinungsbild der Muster (also der Gestalten), Formen, Gleichgewichte und Beziehungen von Energie.«10
Materie/Partikel sind zugleich Wellen, was von der Messmethode abhängt. In der Quantenphysik geht die Materie selber aus einem Feld der Möglichkeiten im Zusammenspiel mit unseren Augen und unserem Gehirn hervor.
Dasselbe ›Paket von Wellen‹ lässt sich durch andere Instrumente als Partikel messen, die Druck ausüben, wenn sie auf das Gerät der Beobachtung treffen. Der grüne Ball ändert seine Farbe, wenn sie uns von ihm entfernen. Der ›Retinex‹-Theorie der Farbwahrnehmung ([Edwin] Land [1909-1991], 1977) nach wird eine
Farbe bloß sichtbar in Beziehung zum gesamten Sichtfeld, sodass Grün nur unter gewissen Lichtverhältnissen Grün aussieht.
Darum versucht das vorliegende Buch mit – anstatt gegen – diesen wissenschaftlichen Trend zu gehen und das ›Ding‹, das ›Selbst‹ genannt wird, als eine Einheit der Beziehung zu betrachten anstatt als ein ›Ding in mir‹.11 Meine Ausgangsbasis ist die Theorie der Gestalttherapie, wie sie skizziert ist
in [Fritz] Perls, [Ralph] Hefferline und [Paul] Goodman [1951]: Gestalt Therapy: Excitement and Growth in the Human Per-sonality. (Ich beziehe mich auf dies Buch als ›PHG‹.) Einige der sichtbareren Auffälligkeiten jener Therapie verdunkeln die Tatsache, dass der Teil 2 (in der
letzten Ausgabe [1994] Teil 1) dieser Arbeit eine Pionierleistung im Bereich
der Philosophie des Selbst darstellt. Die hier formulierten Ansätze sind bereits an sich spannend und führen obendrein zu einer ebenso spannenden wie wirksamen Psychotherapie.
Von besonderem Interesse für mich ist die tiefschürfende Art, in welcher die Gestalttherapie anerkennt, dass wir die Welt
vermittels unserer Wahrnehmung filtern, während sie zugleich kurz vor dem Konstruktivismus stoppt, der, wie ich sagte,
eine zerstörerische Philosophie ist. Obwohl das vorliegende Buch über Gestalttherapie handelt, handelt es auch darüber, wie das Leben, das menschliche Leben im Besonderen, aus der
Vielschichtigkeit des Universums hervorgeht. Den frühen Gestaltisten – Fritz [1893-1970] und Laura [1905-1990] Perls, Paul Goodman [1911-1972] sowie
Paul Weisz [†1965] – ist zu verdanken, dass diese beiden Themen so einfach miteinander da sein und
sich gegenseitig unterstützen können. Ich hoffe, dass sowohl Therapeuten als auch Philosophen vieles finden, was
sie interessiert, während sie beiseite lassen mögen, was für sie nichtssagend ist.
An verschiedenen Stellen im vorliegenden Buch finden sich Anregungen für Gewahrseinsübungen, welche hoffentlich die Theorie illustrieren. Es gibt auch Abschnitte aus
der Arbeit mit einer Klientin: sie ist erfunden, die Zwiesprachen aber sind von
der Art, wie ich sie in der Therapie oft erlebe. Die Klientin lässt sich deshalb betrachten als zusammengesetzt aus einer Reihe von Leuten. Ich
füge auch ein spekulatives Kapitel über die frühe Entwicklung dieser Klientin bei, was der Theorie, wie ich hoffe, noch mehr Körper verleiht. Ebenso füge ich als Anhang (mit ihrer Erlaubnis) das Schreiben einer Klientin bei, das
etwas Einblick gibt darin, wie solch eine Therapie aus ihrem Blickwinkel
aussieht.
Kapitel 2
Das Feld
»Wir sprechen vom Organismus, der zur Umgebung Kontakt aufnehme; der Kontakt aber
ist die einfachste und erste Wirklichkeit. […] Unser Ansatz […] ist ›ganzheitlich‹12 in dem Sinne, dass wir detailliert versuchen, jedes Problem als Vorkommnis eines sozialen, animalischen und physischen Feldes zu
betrachten.« (PHG.)13
Das Nichts14
Jean-Paul Sartre betitelte sein philosophisches Hauptwerk als »Das Sein und das Nichts«.15 Ich möchte zeigen, wie die gestalttherapeutische Theorie als eine Landkarte dienen
kann, die uns den Weg weist vom Nichts (d.h. dem Quanten-Feld mit seiner
Verwobenheit und seinem Fließen) zur Emergenz zunächst von erkennbaren Strukturen und ›Dingen‹, dann zur Selbsterkenntnis und schließlich den Weg, auf dem wir das Selbst festigen und uns als fortlaufend Seiende
erfahren.
Wir beginnen unsere Erkundung der Gestalttherapie sowie des Selbst mit dem
undifferenzierten Feld, dem Feld, von dem wir Teil sind und in dem (oder aus
dem oder aus dem heraus) die Welt, die wir wahrnehmen, ins Sein tritt. In
diesem Feld finden Vorgänge und Bewegungen statt. Es gibt keine ›Dinge‹. Einige Vorgänge werden zeitweilig zu relativ festen Mustern und können als Dinge, Einheiten und Strukturen betrachtet werden (falls es jemanden
gibt, der sie sehen kann). Darüber hinaus erhält der Begriff ›Zeit‹ einen Sinn erst in Beziehung zu diesen Mustern. Zeit lässt sich nämlich nur messen in der Beziehung zu den Regelmäßigkeiten im Feld: die Jahreszeiten, die Bewegungen der Sonne und des Mondes, ein
Pendel, die Schwingungen des Quarzkristalls, der Zerfall der Atom-Isotopen. Natürlich würde es ohne ein Formieren solch fester Muster keine Menschen geben, welche
Messungen vornehmen könnten.
Das Feld allerdings differenziert sich. Ein Beispiel für diese Entstehung beobachtbarer Strukturen aus dem Vorgang der Differenzierung
geben [Peter] Coveney und [Roger] Highfield (1991): Sie schreiben über die Muster, die sich formieren, wenn man Öl über den Punkt hinaus erhitzt, an dem Strömung stattfinden kann: »Eine dünne Schicht Flüssigkeit zwischen zwei Glasplättchen zu erhitzen, kann zu einem Wabenmuster hexagonaler Zellen aus fließender Flüssigkeit führen. […] Die Entfernung, über die sich dieses hexagonale Muster bildet, ist 100 Millionen mal größer als die Entfernung zwischen den einzelnen Molekülen« (S. 185f). Es ist hier nicht möglich zu sagen, das Muster sei eine Eigenschaft des Öls, des Glases oder der Hitze. Es ist eine emergente Eigenschaft aus dem ganzen
Feld dieses Zusammenhangs. Einen Faktor zu variieren, würde das ganze Muster verändern.
Dort, wo die Differenzierung stattfindet (in diesem Fall an der Grenze der
Hexagone), befindet sich nach Gestaltbegriffen eine Kontaktgrenze. Dies ist eine interessante Grenze. Sie ist nicht abgetrennt von dem, was die
jeweilige Seite ausmacht (sie ist nicht wie zum Beispiel ein Zaun, der zwei Gärten voneinander trennt), und kein ›Ding‹. Tatsächlich passiert sie als Vorgang, der an ihr stattfindet und hält die Differenzierung aufrecht. Die Kontaktgrenze verbindet ebenso wie sie
trennt und bleibt gleichwohl Teil des gleichen Feldes beider Seiten, woraus
auch immer sie bestehen.
Wir können die Formierung von Sternen und Planeten auch als Vorgang der Abkühlung von Gaswolken ansehen. Nocheinmal, wir blicken auf eine Organisation von
Molekülen über eine riesige Entfernung zu erkennbaren Bereichen mit klaren Kontaktgrenzen
in abnehmender Größenordnung: Planeten, Berge, Bäume, Pflanzen, Ameisen. Die Bereiche bleiben allerdings miteinander verwoben:
Ohne die Atmosphäre der Erde und ohne Material für den Bau und ohne Nahrung würde es keine Ameisen geben. Die Vorgänge an der Kontaktgrenze erhalten wiederum die Differenzierung aufrecht; die
Kontaktgrenze ihrerseits wird jedoch durch die gesamte Ökologie des Feldes aufrecht erhalten.
Die Gestalt-Feldtheorie beginnt mit dem Ganzen. Es sind nicht ›Dinge‹, die in Kontakt mit anderen ›Dingen‹ treten, sondern »Kontakt ist die einfachste und erste Wirklichkeit« (Perls, Hefferline & Goodman [1951], ab hier PHG).16 An der Grenze des Kontakts erhält ein lebender Organismus sowohl seine Getrenntheit von der Umgebung aufrecht,
als er auch Wege findet, sich zu nähren und in jener Umgebung zu überleben. Für uns am wichtigsten: Das, was ein menschliches Wesen definiert, ist nicht etwas
›Inneres‹, sondern der Kontakt im Feld von Person und Umgebung. Die Einzigartigkeit solch
eines Feldes besteht darin, dass das menschliche Wesen Entscheidungen trifft, im Feld kreativ handelt, um zu leben und zu wachsen. Der Vorgang der ›kreativen Anpassung‹ im Feld kreiert und definiert die Person zur gleichen Zeit, da die Person die
kreative Anpassung definiert.
Wenn wir auf die Welt schauen, erkennen wir die ›Dinge‹; solchen Dingen aber liegen Vorgänge zugrunde – Ereignisse, die das Feld neu organisieren. Wenn ich einen Stuhl sehe, geschieht
dies aufgrund eines Zusammenspiels von Licht in unserem sichtbaren Bereich, dem
Quantenereignis, das Stuhl genannt wird, dem Quantenereignis, das meine Augen
genannt wird, sowie dem Quantenereignis, das mein Gehirn
genannt wird. Auf einer anderen Ebene ist es eine Funktion der
Größenordnung: Wenn ich die Größe eines Planeten hätte, wäre es unwahrscheinlich, dass ich einen Stuhl sehen würde. Auf einer wieder anderen Ebene ist es eine Funktion meiner Kultur: Ein
Japaner des 17. Jahrhunderts würde keinen Stuhl erkennen. Auf noch einer anderen Ebene ist es eine Funktion der
menschlichen Physiologie: dort kann ich sitzen, dort fühle ich mich wohl. Für ein Pferd wäre ein Stuhl kein Stuhl! PHG geben eine wunderbare Beschreibung des Vorgangs ›Gegenwart‹: »In der Gegenwart erfährt man, wie sich die Besonderheit, zu der man geworden ist, in vielfältige sinnvolle Möglichkeiten auflöst, während aus diesen Möglichkeiten sich wiederum eine einzige neue greifbare Besonderheit umformt.«17 Solch vorgangshafte Herangehensweise besagt, dass die Ereignisse, aus denen
sich die Welt aufbaut, jenes sind, was Mathematiker ›Vektorquantitäten‹ nennen. Dies sind Quantitäten wie Geschwindigkeit und Entfernung, die sowohl Richtung als auch Größe haben. In gleicher Weise betreffen Ereignisse das Sein und das Werden (wie
[Martin] Buber [1878-1965] es ausdrücken würde).
Aufgrund der zentralen Bedeutung der Feldtheorie für meine Landkarte der Gestalttherapie möchte ich zu dem Thema etwas mehr sagen, angelehnt an einen Artikel von Malcolm
Parlett (1991). Parlett nennt fünf Prinzipien, die ich aufzähle und dann kommentiere.
1. Prinzip der Organisation
Das Prinzip der Organisation besagt, »Sinn ergibt sich daraus, dass man die ganze Situation anschaut, die Ganzheit der
zusammenspielenden Fakten betrachtet« (Parlett, 1991). Darum gibt es in der Gestalt-Feldtheorie nicht soetwas wie
eine rein ›innerpsychische‹ Handlung. Was wir denken, fühlen und tun – und wer wir sind – gründet in unserem Zusammenspiel mit unserer Umgebung zu einer gegebenen Zeit. Dies
ist ein zentraler Gesichtspunkt des Gestaltansatzes, den ich hier vorstelle.
Wir bekommen an der Kontaktgrenze nicht nur eine Empfindung von uns selbst: Der Vorgang an der Grenze ist tatsächlich die Grundlage, auf der die Erfahrung beruht, was wir ›dies bin ich‹ nennen und ›dies bin ich nicht‹.
Gleich betrachten wir die Emergenz des Selbst aus dem Feld näher [vgl. S. 29ff]. Hier möchte ich einen vorläufigen Eindruck vom Selbst vermitteln, das auf zweiter Ebene aus den
Zusammenwirkungen an der körperlichen Kontaktgrenze des Feldes hervorgeht (erste Ebene der Emergenz ist die
Kontaktgrenze selbst).
2. Prinzip der Gegenwart
Das Prinzip der Gegenwart ist das ›Hier und Jetzt‹ der Gestalttherapie. Es besagt, dass im Feld immer das Gegenwärtige entscheidet, und nicht jenes, was in der Vergangenheit oder Zukunft liegt.
Uns betrifft die Vergangenheit nicht, die nicht mehr da ist, auch nicht die
Zukunft, über die noch entschieden werden muss. Das, was wir ›Vergangenheit‹ und ›Zukunft‹ nennen, sind Verdinglichungen (also Vorgänge, die wie Dinge angeschaut werden) von Erinnerungen, Sprachhandlungen,
Erwartungen, Fantasien: All das sind gegenwärtige Ereignisse. Uns betreffen unsere Erinnerungen an Vergangenes (und wir wählen aus unseren unzähligen Erinnerungen die aus, die wir uns vergegenwärtigen, und wie wir sie erinnern) und die in der von uns erinnerten Erfahrung gründenden Erwartungen und Kenntnisse. Uns betreffen aber auch unsere Erwartungen,
Hoffnungen, Befürchtungen und Pläne, die wir ›die Zukunft‹ nennen. All dies hat Teil am gegenwärtigen Feld, genau wie alle Überbleibsel der Vergangenheit in der Umgebung (Menschen, Fotos und Situationen,
die in gewissen Hinsichten vergangenen Ereignissen gleichen) und alle Hinweise
auf die Zukunft (wie Verabredungen, Lotteriescheine, Hochzeitsdaten usw.).
Leute in Gestalttherapie verändern regelmäßig das Muster, nach dem sie sich erinnern, das Muster, nach dem sie sich zu
ihren Kindheitserinnerungen verhalten, und das Muster, nach dem sie sich auf
das zubewegen, das sie in Zukunft kreieren. Das ›Vergangene‹ und das ›Zukünftige‹ haben sich für sie verändert. Zu einer gestalttherapeutischen Theorie der Zeit werde ich später noch mehr sagen [S. 60ff].
3. Prinzip der Eigenart
»Jede Situation, sowie jedes Person-Situation-Feld, ist singulär« (Parlett, 1991). Als Gestalttherapeut sollte ich nicht nach einem
Standardverfahren mit den Klienten umgehen. Ich bin der Mitgestalter der
Therapie, um sie den Besonderheiten des Augenblicks anzumessen: ich als
Therapeut mit diesem Klienten in der gegenwärtigen Lebenssituation des Klienten. Darüber hinaus kreieren Therapeut und Klient in der therapeutischen Beziehung sich
selbst miteinander und gegenseitig. Alle Verallgemeinerungen sind vorläufig und Gegenstand der Veränderung, wenn das Feld sie verlangt. Es ist sehr wichtig zu be-merken, dass
dieses Prinzip meilenweit entfernt ist von jeder Theorie, die die
Psychotherapie als Wiederentdeckung eines ›inneren Kindes‹ definiert, das unschuldig und unberührt nur darauf wartet, zum Vorschein gebracht zu werden. ›Wer ich bin‹ ist ein Vorgang der Entfaltung, der niemals dorthin zurückkehrt, von wo er begonnen hat.
4. Prinzip der Veränderung
Das Prinzip der Veränderung folgt aus dem vorherigen Prinzip und besagt, dass das Feld sich beständig verändere. Auf diese Weise gehen in der Gestalttherapie Homöostase und Kreativität Hand in Hand. Ich muss irgendeine Art des Gleichgewichts mit meiner Umgebung
finden (Homöostase); dies kann aber nicht in dem konservierenden Akt bestehen, zu einem
vorherigen Gleichgewicht zurückkehren zu wollen, da das Feld sich verändert, und was früher funktioniert hat, wird heute meist nicht mehr funktionieren. Ich muss neue
Wege erfinden, um meine Bedürfnisse und Interessen mit den Möglichkeiten der Umgebung auszutarieren (Kreativität). Zur selben Zeit wird die Umgebung kreativ auf meine Handlungen antwortet,
sodass wir die Homöostase, die oft als eine konservierende Kraft angesehen wird, hier in
Wirklichkeit als die treibende Kraft hinter der Kreativität betrachten. Kreativität macht die Homöostase in einer sich wandelnden Welt möglich.
5. Prinzip maximierter Möglichkeiten
Das Prinzip maximierter Möglichkeiten besagt, dass jeder Teil des Feldes möglicherweise an dem Punkt Bedeutung erlangen kann, an welchem ich interessiert
bin, und dass jedes Teil möglicherweise angesprochen wird. In genau dem Sinne definierte Perls,
Gestalttherapie sei »Therapie des Offensichtlichen«. Ich erinnere mich, dass sich in einer Gruppe ein interessanter Vorgang ergeben
hat aus meiner Beobachtung, die Gruppenmitglieder würden eine große Menge an Toilettenpapier verbrauchen. Die Benutzung der Toilette wurde für die Gruppe bezeichnend, indem ich hieran Interesse signalisierte; daraufhin
erlangte alles um die Toilettennutzung herum eine größere Aufmerksamkeit. Das beeinflusste die Grenze und eröffnete neue Möglichkeiten. Solche Möglichkeiten konnten aus neuen Mustern der Nutzung von Toilettenpapier auch zu
Hause bei den Gruppenmitgliedern bestehen, aus einer Veränderung in der Art, wie die Gruppenmitglieder sich an mich erinnern, aus einer
größeren Bandbreite dessen, worüber sich in der Gruppe sprechen ließ, oder aus der Reaktion, dass Leute ihr eigenes Toilettenpapier mitbrachten.
Feldtheorie des Selbst
Wie drückt sich dieser Feldansatz in der gestalttherapeutischen »Theorie des Selbst« aus? Ein Teil des Problems der Psychotherapie und des vorliegenden Buches
besteht darin, dass jede Kultur unausgesprochene, aber ziemlich festliegende
Vorstellungen darüber hat, was gemeint ist, wenn wir über das ›Selbst‹ sprechen. Kohut (1977 [S. xiv u.ö.]) sagte, der Begriff des Selbst sei »erfahrungsnah«. Auf der anderen Seite ist es lehrreich zu bemerken, dass unterschiedliche
Kulturen ziemlich verschiedene, aber gleichermaßen ›selbstverständliche‹ Verständnisse haben, die von den individualistischen west-lichen Ansichten reichen bis
zu den östlichen Ansichten, die das ›Selbst‹ als Facette des Ganzen betrachten. Diese Unterschiede liegen der Kunst, der
Sprache, der Religion, der Beziehung, der Politik und allen anderen Facetten
des Lebens derjenigen zugrunde, die an jener Kultur teilhaben. Dies erschwert
auch das gegenseitige Verständnis zwischen den verschiedenen Kulturen. Die Leute aus der einen Kultur sehen
die Leute aus einer anderen Kultur als leicht oder komplett verrückt an; es gibt sogar Fälle, in denen Leute für ein Verhalten eingesperrt wurden, das in ihrer eigenen Kultur als völlig normal galt.
Ein ähnliches Problem ergibt sich zwischen denen, die verschiedenen
psychotherapeutischen Richtungen angehören. Es gibt ein wachsendes Interesse daran, was ›übergreifende Psychotherapie‹18 genannt wird, die zum Mix aus verschieden Herangehensweisen ermuntert.
Gleichwohl eröffnen sich hier ebenso viele Gefahren der Verwirrung wie Möglichkeiten der gegenseitigen Befruchtung, weil verschiedene Psychotherapien die
gleichen Worte – wie etwa therapeutische Beziehung, Kontakt, Heilung, Selbst – mit unterschiedlichem Sinn verwenden. Wenn diese Unterschiedlichkeiten nicht in
Betracht gezogen werden, landen wir womöglich in einer Situation, wo der entscheidende Punkt einer besonderen
Herangehensweise durch die Pseudo-Integration mit einer anderen, für tatsächlich etwas ganz Anderes entwickelten therapeutischen Herangehensweise
abgeflacht statt geschärft wird. Wenn die Unterschiede respektiert werden, ergibt sich dagegen das
Potenzial, anregende neue Formen der Therapie zu entwickeln: Die
Gestalttherapie selber ist solch eine Entwicklung, die aus einer Integration
von Psychoanalyse, Gestaltpsychologie, Existenzialismus, Zen, Holismus,
Feldtheorie usw. hervorgeht. Aber sicherlich hat das, was entsteht, seine
eigene Charakteristik, welche für die Anhänger der jeweils herangezogenen Herangehensweisen unakzeptabel ist. So verhält es sich auch mit der Theorie des Selbst, die ich vorstelle: Sie hat ihre
Wurzeln in vielen verschiedenen Philosophien, aber auch ihre eigene
Charakteristik. Grundsätzlich geht jede Theorie der Psychotherapie oder Philosophie daraus hervor, wie
die Begründer ihre Erfahrung in Begriffe gefasst haben. Der Gestaltweg, auf das Selbst zu
schauen, passt gut zu der Erfahrung ihrer Begründer (Fritz und Laura Perls, der sozialkritische Philosoph und Aktivist Paul
Goodman sowie der Kreis, den sie in New York um sich geschart haben). Er passt
auch zu meiner Erfahrung. Dennoch ist es schwierig, darüber zu schreiben, und der Leser sollte sich Zeit nehmen, die eigene Erfahrung zu
Rate zu ziehen: Passt diese Herangehensweise zu Ihrer persönlichen Erfahrung und hilft sie Ihnen, ihr Sinn zu verleihen?
Das Selbst und das Andere
»Das ›Selbst‹ kann nicht anders als durch das Feld verstanden werden, genau wie der Tag nicht
ohne den Kontrast zur Nacht verständlich ist. […] Das ›Selbst‹ findet sich im Kontrast mit der Andersheit. Es gibt eine Grenze zwischen dem
Selbst und dem Anderen und diese Grenze ist das Wesen der Psychologie« (Perls, 1957).
Was bedeutet der Begriff ›Selbst‹ in einem holistischen Feld? Für die Gestalttherapie bedeutet er sehr wenig an sich, vielmehr handelt es sich
um eine Qualität, diedem ›Anderen‹ polar gegenübersteht, genauso wie ›groß‹ und ›klein‹ nur im Kontext bedeutsam sind, in Beziehung aufeinander. Dieser Polarität liegen zwei Vorgänge zugrunde, das Sich-Identi-fizieren und das Sich-Entfremden, die die ›Ego-Funktionen‹ des Selbst genannt werden. Ich identifiziere mich mit einigen Aspekten des
Feldes und zeichne sie als ›Selbst‹ aus; andere Aspekte entfremde ich und nenne sie das ›Fremde‹: das ›Andere‹. Aber die Form des Selbst ist unentwirrbar gebunden an die Form des Anderen und
umgekehrt. Der Weg, auf den ich mich selbst erfahre und konfiguriere, hängt davon ab, wie ich das konfiguriere, was das Nicht-Selbst oder das Andere ist
(wiederum gilt dies auch umgekehrt). Es ist sachdienlich, hier zu bemerken,
dass ich, wenn ich ›Konfiguration‹ schreibe, nicht vornehmlich sprachliche Begrifflichkeiten meine: vielmehr
verweise ich auf die Konfiguration hin, die in meinen Handlungen inbegriffen
ist. Zum Beispiel: Indem ich dies schreibe, konfiguriere ich mich selbst als
jemanden, der Lehrer ist, jemanden, der etwas zu sagen resp. zu schreiben hat …, und konfiguriere meinen Umkreis als Leser, Menschen mit Interesse (oder ohne
Interesse) an dem, was ich sage. Davor habe ich mit meiner Familie dort zu
Mittag gegessen, wo meine Frau arbeitet, und konfigurierte mich als
Familienvater, jemanden, der zu Mittag isst, und meinen Umkreis als Familie,
Nahrung … Ein Bild, das ich hilfreich finde, um diesen Ansatz zu veranschaulichen, ist
eine Zeichnung von [M.C.] Escher [1898-1972], auf der zwei Hände sich gegenseitig zeichnen.
Es ist auch wesentlich, an diesem Punkt eins zu klären. Man mag eine Zirkularität in meiner Diskussion des Selbst bemerkt haben: Wer ist dieses ›Ich‹ oder ›Mich‹, das diskutiert und in Kontakt tritt? Wie der Irrtum von Descartes’ »Ich denke, also bin ich«, der mit ›Ich denke‹ ein bedeutsames ›Ich‹ annimmt, um das ›Ich‹ zu beweisen, könnte ich als jemand betrachtet werden, der bereits annimmt, was ich dann
definiere. Allerdings beschreite ich hier den Weg auf die umgekehrte Weise wie
Descartes: dass nämlich das ›Ich‹ keine objektive Tatsache sei, vielmehr ein Feld-Ereignis. Der Kontakt an der
Grenze steht ursprünglich am Beginn, nicht ein ›Ich‹, das in Kontakt tritt. Die Zirkularität ist die gleiche Zirkularität wie bei den Hexagonen der erhitzten Flüssigkeit: der Vorgang kreiert die Grenze, die die Hexagone kreiert, die dann als
in sich selbst bestehende Dinge untersucht werden können, mit anderen Hexagonen in Beziehung stehen, mit den Glasplättchen usw.
Was dies alles besagt, ist, dass eine Existenz kein isoliertes Ereignis sei. Das
›Ich‹ erlangt nur Bedeutung in Beziehung auf ein ›Nicht-Ich‹. Auf der gleichen Ebene liegt, dass ich bloß leben kann durch meine Beziehung zur Luft, die ich atme, der Sonne, die mir
Licht gibt, der Nahrung, die ich esse, dem Boden, auf dem ich gehe, den Eltern,
die mich geboren haben19 … Wie ich gesagt habe, ist das die einfache Ebene. Die komplexe Ebene ist: ›Ich‹ und ›Nicht-Ich‹ ist emergent aus – und wird aufrecht erhalten von – den Handlungen der Kontaktgrenze zwischen dem Peter-Organismus und seiner Umgebung. Das ›Selbst‹ ist nicht das gleiche wie der ›Organismus‹, sowie das ›Andere‹ dieser Theorie nach nicht gleichzusetzen ist mit der ›Umgebung‹. Die körperliche Grenze zwischen dem Organismus und seiner Umgebung ist die erste
Wirklichkeit, eine Grundlage, komplex genug, um die neue Ebene der Organisation
des Lebens zu ermöglichen, aus der das Selbst sowie das Bewusstsein hervorgehen.
Philosophisch bewegen wir uns im Bereich östlicher Philosophien, speziell des Taoismus und des Zen. Die schönste und philosophisch stimmigste Schrift mit dieser Weltanschauung ist das Tao Te King (Lao Tse, 1972). Ich zitiere aus dem zweiten Kapitel zur Illustration dessen,
was ich über ›Gestalt‹ sage (meine Hervorhebung):
Wenn die Leute etwas als schön ansehen,
wird das Andere hässlich.
Wenn die Leute etwas als gut ansehen,
wird das Andere schlecht.
Sein und Nicht-Sein kreieren einander.
Schwierig und Einfach unterstützen einander.
Lang und Kurz definieren einander.
Hoch und Tief hängen ab von einander.
Zuvor und Später folgen auf einander.20
Auf diese Weise handelt der Gestaltansatz nicht davon, das Selbstwertgefühl zu steigern, aber auch nicht davon, zu einem früheren Selbst zurückzukehren, vielmehr die fortwährende Entwicklung des Selbst in seiner Beziehung zum Therapeuten und zum ganzen
Umkreis zu fördern. PHG nennen das Selbst »den Lebenskünstler«21 und die Entwicklung des Selbst kann veranschaulicht werden als die Nutzung einer
größeren Palette von Farben und einer größeren Bandbreite an Leinwänden, um die Farbe dort aufzutragen: eine vielfältigere Kontaktgrenze. Diese Analogie ist auch nützlich, um zu betonen, dass der Künstler nicht alle Farben seiner Palette einsetzen muss; wenn er fortfährt, die Palette auf die Weise zu begrenzen, die seine Art des Malens
charakterisiert, geht das in Ordnung. Wenn nämlich andere Farben zur Hand sind, wird die Begrenzung als autonom gewählt erfahren, nicht als durch den Mangel an Auswahl aufgezwungen. Auf die
gleiche Art geht das Selbst in charakteristischer Weise vor (in Gestalt als ›Persönlichkeitsfunktion des Selbst‹ bezeichnet): Arten, in Kontakt zu treten oder Kontakt zu vermeiden, Arten,
wahrzunehmen oder das Gewahrsein zu begrenzen, Arten, Dinge zu tun. Das geht in
Ordnung, und die gestalttherapeutische Frage lautet: Identifiziere ich mich mit
dieser Persönlichkeit und erlebe ich sie als gewählt oder entfremde ich sie mir und erlebe sie als mir aufgezwungen? Halte ich
das Gefühl, eine Entscheidung zu treffen, aufrecht oder gebe ich es auf (ein Vorgang,
den die gestalttherapeutische Theorie als ›Verlust der Ego-Funktionen‹ bezeichnet und mit der Neurose gleichsetzt)?
So zum Beispiel: Wenn ich es verdränge, ärgerlich zu werden, weil ich diesen Weg der Verdrängung bereits oft beschritten habe, kann das drei Gründe haben:
1. Ich wollte in spezifischen Situationen die Folgen des Ärgerlichwerdens vermeiden, oder handele
2. in Übereinstimmung mit meinen eigenen ethischen Überzeugungen, oder aber ich habe, um die Angst zu vermeiden, welche die Möglichkeit in mir weckt, ärgerlich zu werden,
3. aus meinem Verständnis der Welt sogar jede Möglichkeit entfremdet, ärgerlich zu werden.
Eigenschaften des menschlichen Feldes
Was ich soeben diskutiert habe, ist eine allgemeine Aussage über die Feldtheorie. Wenn wir dazu übergehen, Bewusstsein, Selbst und Lebendigkeit zu betrachten, in anderen Worten:
das menschliche Feld, sprechen wir von Vorgängen, die in einem speziellen Feld auftreten. Dieses Feld funktioniert auf hoher
Ebene der Komplexität, und ich möchte drei besondere Eigenschaften eines solchen Feldes betrachten:
Vorhersagbarkeit, Unvorhersagbarkeit und Komplexität. Jede von diesen Eigenschaften verbindet sich mit den entsprechenden
menschlichen Merkmalen.
1. Das Feld ist, in gewissem Sinne, vorhersagbar.
Ich weiß, dass mein Bleistift sich nicht in eine Topfpflanze verwandeln, dass er nicht
verschwinden oder auch nur die Farbe wechseln wird. Meinem Gegenüber werden die beiden erstgenannten Dinge ebensowenig widerfahren, möglicherweise wird seine Gesichtsfarbe sich jedoch ein bisschen ändern. Entsprechende menschliche Merkmale:
— Erinnerungen
— Verhaltensmuster
— Homöostase
Für Kontaktgrenzen im vorhersagbaren Universum schließt dies ein, dass es Grenzen geben kann, an denen es zu beobachtbaren,
vorhersagbaren und erinnerbaren Ereignissen, Mustern und Regelmäßigkeiten kommt. Wir könnten sagen, dies sei ein ›gesetzmäßiger‹ Lauf der Dinge. Das Zugabteil, in dem ich dies schreibe, bewegt sich mit mir, während es die Landschaft draußen nicht tut. Dass es diese Regelmäßigkeiten gibt, ist eine gute Basis für eine Kontaktgrenze, aber sie schafft an sich noch keine Grundlage für die Unterscheidung zwischen dem Selbst und dem Anderen. Isaac Newton
[1643-1727] beschrieb mit seinen mechanistischen Theorien das Universum als
vorhersagbar. In solch einem maschinellen Universum gibt es allerdings nicht
wirklich einen Raum für Entscheidung, Bewusstsein und Selbst.
Die Bedeutung des ›Ich‹ schließt ein vorhersagbares, stabiles und gegenständliches Universum ein, in Beziehung auf das es handelt und mit welchem es ein
Gleichgewicht (Homöostase) findet. Meine Handlung jetzt, schreiben, hängt ab von einem dauerhaften Dasein des Stiftes, des Papiers und des Tisches
und, auf einer anderen Ebene, von der Anregung durch vorangegangene Gespräche über das Thema ›Selbst‹ mit, unter anderen, Hunter Beaumont und Sylvia Fleming Crocker. Wie regelmäßig das Universum auch sein mag, keine dieser Regelmäßigkeiten könnte mich veranlassen, mich als ein in der Welt handelndes Agens zu empfinden,
ohne die entsprechenden Kennzeichen der Erinnerung sowie der Fähigkeit, in meinem wahrnehmbaren, gedanklichen Universum Muster und Regelmäßigkeiten wahrzunehmen.
2.