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Die Familie Belling könnte sehr gemütlich auf Bellings leben und ihren vielfältigen Interessen nachgehen, wenn da nicht einige recht anstrengende Nachbarn wären, die nahezu täglich zur Besuchszeit auftauchen, wirre Ansichten über das angemessene Benehmen junger Ladys äußern und auch durch Hinausweisung nicht auf Dauer abzuschrecken sind. Der einzige Trost für Minerva, Cassandra und Aphrodite (Hector wird in seinem Stall nicht belästigt) ist die Tatsache, dass es auch seit Kurzem zwei junge, freundliche und vernünftige Nachbarn gibt, die sich mit den drei jungen Ladys darüber den Kopf zu zerbrechen beginnen, wovon diese lästigern Besucher eigentlich leben - um die Güter, deren Erben sie doch sind, kümmern sie sich jedenfalls nie, das überlassen sie offenbar vollständig ihren zum Teil schon sehr betagten Müttern. Mit vereinten Kräften forschen die jungen Nachbarn mit den jungen Ladys nach und entdecken schließlich ein Verbrechen. Angenehmer Nebeneffekt: Minnie und Cassie finden dabei auch ihr Glück - und Affie plant, einen Gespensterroman zu schreiben...
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Seitenzahl: 308
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Imprint
Seltsame Nachbarn. Historischer Roman
Der Salon in Bellings House strahlte etwas undefinierbar Gemütliches aus, auch wenn er leicht verwohnt wirkte. Vielleicht machte gerade das diese Gemütlichkeit aus?
In einer Ecke befand sich eine Runde aus Sofas und Sesseln, mit einem Teetisch in der Mitte, wie es sich für einen herrschaftlichen Salon auch gehörte. In einer anderen Ecke stand ein großer Arbeitstisch, bedeckt mit Papieren in Stapeln und teils aufgeschlagenen Büchern. Lexika der antiken Sprachen und ein großer Atlas vervollständigten das Chaos.
An einer Seite dieses Arbeitstisches saß Seine Lordschaft, Charles Belling, siebter Baron Belling, über einen Text gebeugt und schnaufte in kurzen Abständen immer wieder empört auf. An der anderen Seite saß seine mittlere Tochter, die Ehrenwerte Cassandra Belling, und schrieb eifrig. Ab und zu sah sie auf: „Papa, ist dieser Artikel denn so furchtbar?“
Der so Angesprochene winkte verächtlich ab. „Haltloser Schwachsinn! Das werden wir zügig widerlegen, nicht wahr, Cassie?“
„Natürlich. Vielleicht passt ja das, was ich hier übersetzt habe, auch genau dazu?“
„Patroklos?“
„Ganz recht.“
Auf einem der Sofas lag die jüngste Tochter, Aphrodite Belling, Affie genannt, hingegossen und las gebannt einen neuen Roman – der im Übrigen nichts mit dem trojanischen Krieg zu tun hatte. Der wurde nach Affies Minderheitsmeinung doch schon arg überschätzt! Mit der Gegenwart hatte er wenigstens rein überhaupt nichts zu tun.
„Wo ist Minnie eigentlich?“, fragte Cassie, die in ihrer Übersetzung wieder einmal festhing.
„Im Arbeitszimmer“, antwortete Seine Lordschaft etwas abwesend, weil er gerade eine neue unerhört dumme Schlussfolgerung lesen musste. „Wegen der Verkäufe. Da brauchen wir wohl auch noch einen Rechtsanwalt, aber Minnie stellt gerade die offenen Fragen zusammen und entwirft den Vertrag.“
Cassie nickte, aber dafür sah Affie von ihrem Roman auf – er war wohl doch nicht so unerhört spannend, wie sie bisher behauptet hatte, überlegte Cassie.
„Und was macht Hector?“
„Ist im Stall“, antwortete ihr Vater. „Oh – na, das ist ja wohl völliger Unsinn! Und das will ein Gelehrter sein? Da kann man ja nur lachen!“
Cassie sah auf. „Papa, du wirst aber deine Kritik nicht in diesen Worten veröffentlichen? Du bekommst nur wieder böse Briefe! Und wenn ein anderer Forscher denkt, so böse Worte müsse man wohl nicht ernst nehmen, nimmt er möglicherweise deine Ergebnisse und deine fundierten Theorien auch nicht so recht ernst?“
„Übertreib nicht, Cassie, die anderen pöbeln doch genauso herum!“
„Tatsächlich? Bezeichnen sie deine Erkenntnisse auch als Schwachsinn?“
„Aber nein, was stellst du dir denn da vor?“
„Dann tu das doch bitte auch nicht, Papa! Oder möchtest du als Wüterich verrufen sein?“
Seine Lordschaft brummelte vor sich hin, widersprach aber nicht.
„Immerhin bist du doch ein Gentleman, Charles, nicht wahr?“ Lady Belling war leise eingetreten.
„Liebe Mädchen, ihr denkt daran, dass gleich die Besuchszeit beginnt? Möchtet ihr euch noch etwas – äh – gepflegter herrichten?“
„Ist es so schlimm?“, fragte Affie erschrocken.
„Glaube ich nicht“, kommentierte Cassie, während sie sich glättend über die aufgesteckten Locken fuhr und sich noch, ohne hinzusehen, eine Locke vor
dem Ohr um den Finger drehte.
„Sehr talentiert, Cassie, aber was machst du mit deinen Tintenfingern?“ Ihre Mutter lächelte etwas hämisch.
Cassie sah erschrocken nach unten und erhob sich. „Ich bin gleich wieder zurück!“
Immerhin stellte sie, als sie sich die Hände gründlich schrubbte, fest, dass ihre Frisur durchaus annehmbar wirkte. Die Hände waren fast makellos – na, hoffentlich kamen die beiden lästigen Gentlemen nicht auf die Idee, ihr die Hand zu küssen. Auftauchen würden sie bestimmt, wie nahezu täglich! Einen Moment lang stellte sie sich vor, sie hätte sich ihre Tintenfinger gar nicht gewaschen, Coulthard oder Gibbons küsste ihr die bloße Hand (das konnte sie ohnehin nicht leiden) und hatte danach Tinte im Gesicht… hübsche Vorstellung! Vor allem die Kommentare der Umstehenden…
Nun, jetzt war es zu spät – aber Handschuhe sollte sie tragen, falls einer der beiden unerwünschten Verehrer ihr wieder einmal zu nahe zu treten versuchte. Sie konnte gar nicht entscheiden, wer von den beiden ihr stärker auf die Nerven fiel – Coulthard mit seiner väterlich-nachsichtigen Art, der stets bemüht war, dem dummen kleinen Mädchen die Welt zu erklären, soweit er es für angemessen hielt. Die meisten Themen hielt er ohnehin für Männersachen, die eine Frau rein gar nichts angingen. Wahrscheinlich war ihr Gehirn für so etwas viel zu klein, ärgerte sie sich beim Durchsuchen ihrer Handschuh-Kiste im Kleiderschrank. Und der sinnlos verliebte Gibbons war mindestens genauso anstrengend!
Die waren gut, fand sie und hielt ein Paar cremefarbener Handschuhe hoch – ohne Spitzenbesatz und sicherlich schmutzunempfindlich. Nun, und wenn nicht? So schön waren sie auch nicht, dann wurden sie eben gewaschen oder im schlimmsten Fall weggeworfen!
Und wenn sie auch noch das Kleid wechselte? Um möglichst streng und gar nicht verführerisch zu erscheinen? Gute Idee!
Und in das hellbraune Vormittagskleid mit dem sehr kleinen Ausschnitt kam sie auch ohne Hilfe hinein, weil es auf der Vorderseite geknöpft war. Danach besah sie sich im Spiegel: Hm. Sah sie so nicht aus wie eine Haushälterin? Wirkte das nicht vielleicht so, als strebe sie nur diese Rolle an? Die sorgende Hausfrau? Coulthard gefiel das womöglich noch? Aber der junge Gibbons wäre gewiss enttäuscht von dieser langweiligen Aufmachung! Nun, auch nicht schlecht…
Einigermaßen zufrieden kehrte sie, die Handschuhe in der Hand, zum Salon zurück, wo Mama stickte, Papa weiterhin diesen Artikel halblaut anpöbelte und Affie ungerührt schmökerte. Minnie war wohl immer noch mit den Aspekten dieses Kaufvertrags beschäftigt. Und wenn sie klug war (was sie war), konnte sie das bis zum Ende der Besuchszeit hinauszögern!
Vor dem Salon zog sie ihre Handschuhe an – sicher war sicher! Dann trat sie ein – und tatsächlich, Mama zog ein recht gelangweiltes Gesicht, während sie weiterstickte und dabei das, was Mr Coulthard erhabenen Tones vortrug, gelegentlich mit Wie interessant oder Tatsächlich? kommentierte. Offenbar genügte ihm das als weiblicher Beitrag zum Gespräch. Cassie setzte sich in einen Sessel und begrüßte Mr Coulthard einigermaßen höflich, was ihn aber nicht besonders in seine Schranken zu weisen schien.
Er sprang nämlich auf, soweit es seine recht fortgeschritteneren Jahre und seine füllige Gestalt erlaubten, eilte zu ihr und haschte nach ihrer Hand. Sie erhob sich entsprechend. Er starrte auf ihre Hand. „Sie tragen Handschuhe? Im Haus?“
„Keine Sorge“, antwortete sie süß, „nach der Besuchszeit kann ich sie wieder ablegen.“
Ein leises Prusten kam von Lady Belling.
„Ich verstehe nicht?“, stammelte Coulthard, „Wie meinen Sie das?“
„Ich möchte keine Handküsse, wenn meine Hände dabei nicht geschützt sind, das ist doch nicht so schwer zu verstehen?“
„Aber – aber – ich bin doch nicht irgendwer! Wenn Sie keine Handküsse von Dick, Tom und Harry empfangen wollen, leuchtet es ja ein – aber von mir?“
„Wie kommen Sie darauf, dass Sie sich von den übrigen Besuchern unterscheiden?“, versuchte Cassie deutlicher zu werden, ohne gleich zu deutlich zu sprechen.
„Aber Cassie!“
„Ich heiße Miss Cassandra – und das habe ich Ihnen auch schon mehrfach eingeschärft! Hören Sie mir eigentlich nicht zu? Ist es Ihnen gleichgültig, was ich sage? Nehmen Sie die Realität überhaupt noch wahr?““
Er lachte leise und weich, auf eine Art, die sie die Fäuste ballen ließ. „Aber meine Liebe!“
„Mr Coulthard, ich muss doch sehr bitten!“, ließ sich Lady Belling vernehmen, mit leiser, kalter Stimme. Das konnte sie gut, musste Cassie zugeben. Sie selbst beherrschte das noch nicht, sie geriet zu schnell in Wut.
„Wenn Sie hier weiterhin empfangen werden möchten, dann halten Sie sich doch bitte an die Gebote der Höflichkeit und unterlassen Sie alle diese unangenehmen Vertraulichkeiten, die Miss Cassandra auch nicht schätzt!“
„Mylady, Sie sprechen Ihre Tochter als Miss Cassandra an?“ Er glotzte, anders konnte man es nicht nennen. Jetzt war es an Cassie, ein Prusten zu unterdrücken.
„Mr Coulthard, ich wollte ihnen vermitteln, wie Sie meine Tochter anzusprechen haben. Ihre Wortwahl lässt sonst befürchten, dass Sie sich schon fast für ein Familienmitglied halten. Und das muss ich ablehnen!“
„Aber ich würde Ihre Tochter – Cassie – wirklich gerne heiraten!“
„Da sei Gott vor!“, rief Cassie entsetzt.
„Aber meine Liebe!“
Lady Belling hatte genug, also läutete sie und bat den Butler, Mr Coulthard zur Tür zu bringen. Der Butler öffnete die Tür etwas weiter und verbeugte sich einladend. Stumm eilte der Gast hinaus.
„Bilde ich es mir nur ein oder wird er von Mal zu Mal schrecklicher?“, klagte Cassie. „Ich hasse Männer, die Frauen nicht ernst nehmen! Er ist so fürchterlich altmodisch. Und warum lernt er eigentlich nichts daraus, dass er mindestens jedes zweite Mal hinausgewiesen wird?“
„Er glaubt wohl, dass wir uns davor schützen müssen, in einen Liebestaumel zu verfallen, weil er doch so unglaublich begehrenswert ist“, assistierte Affie, die die Szene wohl doch spannender gefunden hatte als ihren Roman, und blätterte um.
„Ich werde ihm mitteilen, dass wir dich, wenn du ihn heiraten solltest, enterben und aus der Familie ausschließen werden“, versprach Seine Lordschaft. „Und ich spreche mit seiner Mutter!“, drohte Ihre Ladyschaft. „Gleich morgen!“
„Huh, welch finstere Drohung“, musste Cassie nun doch kichern. Der Blick auf die Kaminuhr ließ ihre Heiterkeit aber wieder vergehen: „Es ist ja erst halb elf! Ach du Schande, dann taucht jetzt bestimmt noch das Jüngelchen auf und fällt mir lästig!“
Sie kehrte an den großen Tisch zurück und ging wieder an die Arbeit, hatte aber ihren Artikel über Patroklos noch nicht annähernd fertig, als Lansing, der Butler, Mr Gibbons meldete.
Cassie gab einen unlustigen Laut von sich, den Mr Gibbons aber offensichtlich Affie zuschrieb, denn er stürzte sofort auf Cassie los, die ihn gerade noch aufhalten konnte: „Bleiben Sie bitte zurück, Sie bringen hier nur alles durcheinander!“
„Was ist das denn? Schreiben Sie so viele Briefe? Oh, Miss Cassandra, ich habe Sie eine Ewigkeit nicht mehr gesehen! Endlich!!“
„Waren Sie nicht gestern erst hier?“, erkundigte sich Affie in betont gelangweiltem Ton.
„Eine Ewigkeit! So kam es mir jedenfalls vor!“ Er legte, um das noch zu unterstreichen, eine Hand auf sein Herz – oder eher dorthin, wo er wohl sein Herz vermutete.
„Haben Sie so viele Schulfreundinnen?“
„Bitte?“ Cassie verstand die Frage nicht. „Und möchten Sie nicht zuerst einmal meine Mutter und meinen Vater begrüßen? Aber bitte mit Abstand zum Tisch!“
Gibbons verneigte sich schnell in beide Richtungen und wandte sich dann wieder Cassie zu: „Ich meinte doch nur, weil Sie so viele Briefe schreiben?“
„Wie kommen Sie auf Briefe?“
„Nun, was sollten Sie denn sonst schon schreiben – Gedichte?“
„Lieber Gott, nein. Ich lese antike Texte und schreibe meine Erkenntnisse dazu nieder. Ab und zu muss ich auch die Übersetzungen überprüfen – wenn mir einige Schlussfolgerungen nicht recht logisch erscheinen. Mein Vater arbeitet an einer Geschichte des Trojanischen Krieges – nach wissenschaftlichen Kriterien – und ich liefere auch Beiträge dazu.“
„Aha…“
Cassie lächelte in sich hinein, verzichtete aber darauf, ihn zu fragen, ob er von diesem Krieg überhaupt schon einmal gehört hatte. Dass er in der Schule nicht besonders erfolgreich gewesen war, wusste sie schließlich schon von seiner Mutter.
„Und was machen Sie so den ganzen Tag, Mr Gibbons? Unterstützen Sie Ihren Vater?“
Das fragte sie ihn öfter, durchaus zu seinem Missvergnügen – aber zum Geier, er erbte doch eines Tages den Besitz! Und so reich war das Gut nicht, dass er einen Verwalter einstellen und selbst auf der faulen Haut liegen konnte.
„Äh – ja, Miss Cassandra. Ich helfe meinem Vater bei den Abrechnungen und führe Buch über die An- und Verkäufe von Vieh und Pferden, nicht wahr? Möchten Sie, dass ich Ihnen dies näher erkläre, Miss Cassandra?“
„Nein, danke, Mr Gibbons.“
„Oh, ich verstehe, das ist für junge Ladys nicht so interessant, nicht wahr?“
„Doch, durchaus, aber ich habe alles vollkommen verstanden. Es handelt sich also um die Aufgaben, die hier auf Bellings meine Schwester Minerva übernommen hat. Die Finanzen eines Besitzes sind ja eminent wichtig, nicht wahr?“
„Äh, ja, Miss Cassandra.“ Gibbons verbeugte sich verlegen. „Aber wollen wir uns nicht über etwas Angenehmeres unterhalten?“
„Pflichterfüllung in der Gutsverwaltung halten Sie für unangenehm?“
„Äh, nein! Nicht doch, Miss Cassandra! Aber so etwas kann doch eine Lady nicht interessieren?“
„Meine Schwester ist also keine Lady?“ Cassie hoffte, dass der scharfe Unterton, den sie beabsichtigt hatte, auch bei Gibbons angekommen war. Ein gutes Gespür für so etwas hatte er ja nicht, der arme Tropf.
„Äh, doch!“
„Mr Gibbons, vielleicht bemühen Sie sich, sich etwas weniger missverständlich auszudrücken?“
„Ich verstehe nicht…?“
„Ja, das merkt man. Aber warum habe ich auch geglaubt, Sie hätten Verstand!“
„Wie bitte? Miss Bellings, das ist doch beleidigend!“
„Nur die Wahrheit!“
„Das stimmt“, warf Lord Belling ein, „allerdings hat meine Tochter es sehr deutlich formuliert – nicht wahr, Cassandra?“
Ein milder Tadel, wenn er sich darauf beschränkte, ihren vollen Namen zu verwenden! „Papa, helfen Sie mir, wie hätte ich es besser formulieren können?“
„Du hättest von sehr altmodischer Denkweise sprechen können – nur ein Vorschlag, natürlich.“
„Nun gut. Mr Gibbons, für Ihre jugendlichen Jahre zeigen Sie eine außerordentlich altmodische Denkweise. Ist es so recht, Papa?“
Belling deutete Applaus an, bevor er sich wieder seinem Text zuwandte.
Mr Gibbons ließ seinen ratlosen Blick zwischen Cassie und ihrem Vater hin und her wandern, zuckte dann die Achseln unter seinem nagelneuen Reitrock und verbeugte sich eckig, bevor er sich verabschiedete.
„Papa, ich schlage vor, dass wir die Morgenbesuche auf einen Tag in der Woche reduzieren“, seufzte Cassie. Das fand Affie auch gut: „Ja, am besten am Montag, dann haben wir es gleich wieder überstanden!“
„Aphrodite!“, mahnte ihre Mutter gelassen, während sie weiter stickte. „Das ist etwas unhöflich! Allerdings auch nachvollziehbar…“ Sie sah auf und zwinkerte ihrem Gemahl zu.
Der lächelte ihr zu und las dann weiter, zuweilen kopfschüttelnd und dann etwas mit der Feder markierend. Auch Cassie vertiefte sich wieder in ihre Abhandlung über Patroklos, den guten Freund des Achilles. Eine wirklich gute Freundin hätte sie auch gerne, überlegte sie und rief sich im Stillen zur Ordnung. Zwei weitere Sätze schaffte sie, dann schweiften ihre Gedanken wieder ab. Wie gerne würde sie hier mit den Eltern und Geschwistern leben – und mit einem großen Schild am Tor: Keine Besuche!
Nun, vernünftige Leute durften nach Voranmeldung natürlich gerne kommen – aber für Gibbons und Coulthard gab es ebenso natürlich striktes Besuchsverbot: einer dümmer als der andere, obwohl der eine ganz leicht der Vater des anderen hätte sein können, wenigstens, was das Alter betraf. Lady Gibbons wollte sie da natürlich nichts unterstellen!
Immerhin kam jetzt Minerva in den Salon und sah sich lächelnd um. „Ich glaube, dieser – äh – Allzweckraum verwirrt Cassies lästige Verehrer ganz besonders, nicht wahr?“
„Das kannst du laut sagen, Minnie!“, seufzte Cassie sofort. „Du meinst, weil hier auch gearbeitet wird? Anstatt mit einer Stickerei und frommer Miene nur auf dem Sofa zu sitzen?“
„Ganz genau. Vor allem weiß ich ja, wie du stickst - und Affie ist kaum besser! Das kann man doch niemandem vorzeigen?“
„Als ob du es besser könntest!“, warf Affie ein.
„Das behaupte ich ja auch gar nicht. Aber jemand fehlt hier noch, finde ich.“
„Hector?“, schlug Cassie vor. „Er könnte dort in der Ecke vielleicht die beiden mutterlosen Zicklein großziehen, dann hätten wir alle Aspekte unseres Landlebens in diesem einen Raum versammelt. Wie ein romantisches Gemälde über die Landwirtschaft. Bauernfamilie am Abend oder so ähnlich.“
Seine Lordschaft lachte kurz auf und fasste dann seine älteste Tochter ins Auge. „Minnie, wie kommst du mit den Kaufverträgen voran?“
„Sehr gut. Ich habe die Liste aller Punkte, die wir unbedingt ansprechen sollen, zusammengestellt, hier! Und man hat mir einen (hoffentlich) guten Anwalt hier in der Gegend versprochen, er wird morgen – vermutlich – hier vorsprechen und Notizen machen, um den Entwurf dann in einen Vertrag zu verwandeln.“
„Hast du schon einen Namen gehört?“
„Ja, ich glaube, er heißt de Vere – den Vornamen weiß ich nicht. Sagt dir dieser Name etwas? Ich habe ihn jedenfalls noch nie gehört, glaube ich wenigstens.“
„De Vere“, sinnierte Lord Belling, „de Vere? Eine entsprechende Familie gibt es, da bin ich sicher…“ Er verfiel ins Nachdenken, dann lächelte er Cassie und Minnie an. „Sobald es mir wieder einfällt, sage ich es euch!“
Bevor es so weit war, meldete der Butler Sir Paul Gibbons.
Lord Belling erhob sich höflich und ging dem Nachbarn entgegen. „Sir Paul, welch seltener Besuch! Was kann ich denn für Sie tun?“
Sir Paul wirkte leicht verlegen. „Es handelt sich um meinen Sohn Theodore, Euer Lordschaft. Zunächst möchte ich mich für sein zweifelhaftes Benehmen entschuldigen. Ich hörte, er hat sich hier gelegentlich im Ton vergriffen?“
„Er ist ja noch sehr jung, nicht wahr, Sir Paul?“, warf Cassie ein. „Da kann man sich im Ton schon einmal vertun, vermute ich. Deshalb mussten wir ihn bitten, mich nicht mit meinem Vornamen anzusprechen, aber ich glaube, das hat er nun gelernt – also, alles vergeben und vergessen!“
„Natürlich wäre es aber schön, wenn er so etwas auch selbst vorbringen könnte, anstand seinen Vater zu schicken“, gab Lady Belling zu bedenken. „So könnte er lernen, selbst für sich einzustehen, davon hätte im weiteren Leben noch mehr Nutzen.“
Sir Paul verneigte sich zustimmend und etwas deprimiert. „Ich werde ihn entsprechend, instruieren, Mylady, Sie haben natürlich völlig recht. Mylord, ich würde ich mich noch gerne kurz mit Ihnen unter vier Augen besprechen.“
Cassie war leicht erstaunt, als ihre Mutter nur aufsah und freundlich nickte. Danach führte ihr Papa den Gast ins Arbeitszimmer. Nun, vielleicht war es ja etwas, was nur unter Gentlemen zu besprechen war und die Damen nichts anging. Oder womöglich auf die Damen schockierend wirken konnte? Was immer das sein konnte…
Die Lektüre antiker Texte aber härtete auch die Damen da eindeutig ab, freilich ohne dass man unangebrachte Einzelheiten erfuhr. Mama hatte ja einmal zu bedenken gegeben, dass die Mädchen da vielleicht ihren mädchenhaften Schmelz verlieren könnten, aber Papa fand das albern. Cassie musste zugeben, dass es ihr genauso ging – lag dieser Schmelz etwa in genereller Ahnungslosigkeit?
Nach einer Viertelstunde etwa kehrte Lord Bellings in den Salon zurück, leicht den Kopf schüttelnd.
Mama sah auf, wie Cassie bemerkte, die Patroklos neugierig im Stich gelassen hatte: „Charles, sag nur, er wollte sich doch darüber beklagen, dass wir sein Söhnchen etwas auf den Arm genommen haben?“
„Nein, nein, meine Liebe! Offenbar hat Mr Gibbons ein wenig über die Stränge geschlagen und Schulden gemacht. Sir Paul hat sich etwas verlegen erkundigt, ob sein Sohn mich womöglich um ein kleines Darlehen gebeten habe. Aber das hat er ja gar nicht getan!“
„Vielleicht spielt er“, schlug Minnie vor.
Cassie lachte auf: „Mit seinem Taschengeld, ja? Viel wird das schon nicht sein.“
„Er wird genau deshalb Spielschulden gemacht haben“, vermutete Lady Belling. „Spielschulden, sagt man, sind ja Ehrenschulden, nicht wahr? Wer seine Verluste nicht begleichen kann, steht schnell als ehrlos da – nicht wahr, Charles?“
„Du hast wie immer völlig Recht, meine Liebe.“
„Wo kann man denn hier in dieser Einöde spielen und dabei nennenswert viel Geld verlieren?“, überlegte Cassie.
„Im Wirtshaus. Ein eher übel beleumundetes bietet sich da an. Fox and Hare zum Beispiel“, klärte Seine Lordschaft die Töchter auf.
„Es wäre ja interessant, das einmal zu sehen“, gab Affie zu, was Lady Belling sofort auffahren ließ: „Aphrodite! Eine Spielhölle? Oder auch nur ein Gasthaus Das kommt überhaupt nicht in Frage! Du wärst auf Lebenszeit ruiniert! Und das weißt du auch!“ Sie sah so böse wie möglich in die Runde: „Und für euch gilt das genauso, Cassie und Minnie!“
„Und Hector darf natürlich“, maulte Affie.
„Ist doch immer so“, fand Minnie.
„Übertreibt nicht“, mahnte ihr Vater. „Ihr dürft viel mehr und ihr seid auch an allen Aufgaben hier auf Bellings beteiligt. Ich habe Sir Paul geraten, seinen Sohn auch mehr in die Verwaltung des Besitzes einzubeziehen.“
Cassie grinste wenig damenhaft: „Da wird dir Mr Gibbons gewiss sehr dankbar sein!“ Minnie stimmte in ihr Kichern ein. „Mir erscheint er auch nicht so, als wollte er sich die Finger schmutzig machen und womöglich Frisur und Krawattentuch ruinieren!“
„Wenn sein Vater ihm das Vierteljahrsgeld streicht, wird er sich schon fügen“, behauptete ihr Vater. „Brüder hat er ja leider nicht, nach dem, was sein Vater vorhin beklagte.“
„Können wir dann davon ausgehen, dass Mr Gibbons deutlich seltener hier auftaucht und uns die Zeit stielt, weil er zu Hause im Stall oder wo immer er gebraucht wird, festhängt?“, hoffte Cassie. Ihr Vater zwinkerte ihr zu. „Hoffen kann man immer…“
Coulthard nahm die Besuchszeit natürlich täglich wahr und blieb hartnäckig, obwohl alle Mädchen sich eine gewisse Ungeduld anmerken ließen. Solange er aber nichts allzu Dummes äußerte, benahmen sie sich einigermaßen.
Als er aber feststellte, es sei doch eigentlich üblich, dass man Besuch im Salon empfange und nicht in einer Art Mehrzweckraum, weil man sich doch auf den Besuch konzentrieren sollte, war es mit der Rücksicht schlagartig vorbei; Cassie legte ihre Feder beiseite; Affie klappte mit großer Geste ihren Roman zu, nachdem sie sorgfältig ein Lesezeichen hineingelegt hatte, dann verdrehte sich nicht allzu diskret die Augen zur Zimmerdecke und setzte sich auf, voll frommer Ergebenheit…
„Sind Sie jetzt zufrieden, Mr Coulthard?“
„Nein!“
„Ach nein?“, erkundigte sich die Dame des Hauses. „Was missfällt Ihnen denn? Cassandra und Aphrodite haben ihre Tätigkeiten unterbrochen und sitzen aufmerksam da, um Ihren Ausführungen mit dem gebotenen Interesse zu lauschen. Was genügt Ihnen daran denn nicht?“
„Cassie widerspricht mir! Das gehört sich nicht!“
„Darf sie keine andere Meinung haben als Sie?“
„Eine Frau sollte sich von ihrem Gemahl führen lassen, so ist es schon seit Alters her.“
Seine Lordschaft sah auf. „Sehr veraltet. Und ich wüsste nicht, dass Sie, Mr Coulthard, Cassandras Gemahl wären.“
„Nicht schon wieder“, stöhnte Cassie auf. „Das Thema hatten wir doch schon? Ich würde Sie nicht heiraten, und wenn Sie der einzige Mann weit und breit wären!“
„Wenn schon, würde ich ja wohl Sie heiraten! So etwas obliegt doch schließlich dem Mann!“
Affie kicherte. „Was würde der Pfarrer da wohl sagen? Mr Coulthard bellt Ja! und der Pfarrer schaut dich an und du zuckst die Achseln und sagst Ich habe da nichts zu entscheiden. Wenn er gescheit ist, also der Pfarrer, dann weist er euch beide aus der Kirche.“
„Oder fragt, ob wir ihn auf den Arm nehmen wollen“, ergänzte Cassie. „Affie, du hast völlig recht. Warum werden die Frauen bei der Trauung denn überhaupt gefragt, wenn sie nicht mitzureden haben? Hm, Mr Coulthard?“
„Frechheit!“
Lord Belling erhob sich und baute sich vor dem Sofa auf, auf dem Coulthard saß und gekränkt dreinschaute. „Mr Coulthard, Sie haben jetzt meine Frau und meine Töchter beleidigt und ihnen jedes Recht abgesprochen, über ihr eigenes Leben zu entscheiden. Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind?“
„Ein Gentleman!“
„Darunter stelle ich mir einen wohlerzogenen Menschen vor. Ich glaube, es ist besser, Sir, wenn Sie uns jetzt verlassen und Ihre Besuche in Zukunft stark einschränken.“
„Ansonsten müsste ich wirklich einmal mit Lady Coulthard sprechen. Sie ist erfreulich vernünftig!“, warf Lady Belling ein, ohne die Augen von ihrer Stickerei zu wenden.
Mit einem Fauchen stürzte Coulthard aus dem Salon. Offenbar trat ihm draußen ein Diener in den Weg, der darauf beharrte, ihn zur Tür zu geleiten.
Cassie und Affie kicherten. „Am besten kommt er nie mehr wieder!“, seufzte Cassie dann. „Können nicht einmal andere Leute aus der Nachbarschaft vorsprechen? Welche, die uns nicht immerzu über Dinge belehren wollen, von denen sie gar nichts verstehen? Vielleicht einmal kluge Mädchen mit ihren ebenso klugen Müttern?“
Ihre Mutter sah auf: „Lady Coulthard? Die hat durchaus Verstand, das eben hatte ich ernst gemeint!“
„Sag doch mal, Mama, warum ist dieser Coulthard mit weit über fünfzig noch nicht verheiratet? Brauchen die keinen Erben?“
„Vielleicht war er vor langer, langer Zeit einmal verheiratet und die Frau ist ihm davongelaufen?“, schlug Affie vor, die angesichts dieses interessanten Themas ihren Liebesroman wieder zugeklappt hatte.
„Oder er hat schon drei Frauen begraben“, äußerte Cassie sich düster raunend.
„Cassie, bitte!“
„Das ist doch nur ein Gedankenspiel, Mama! Ich verbreite es bestimmt nicht in der Nachbarschaft.“ Nach einer kurzen Pause musste sie zugeben: „Obwohl es schon lustig wäre, zu beobachten, wie er darauf reagieren würde…“
Affie kicherte.
„Mädchen, ich dächte, wir hätten euch besser erzogen?!“
„Tja, Bildung ist eben nichts für Frauen, da werden sie nur frech und glauben, sie könnten denken“, spottete Cassie.
Ihr Vater prustete und bemühte sich schnell um eine strenge Miene: „Immer mit Stil, Cassie! Und Gerüchte zu verbreiten, ist stillos!“
Cassie nickte, mäßig zerknirscht, und begann mit Affie zu tuscheln, die wissen wollte, wie Coulthard seine drei Frauen umgebracht haben könnte. „Zu Tode gelangweilt“, schlug Cassie vor.
„Oder er hat Unfälle arrangiert, weil sie nicht genügend Respekt gezeigt haben?“, vermutete Affie.
„Das bezweifle ich. So etwas machen Männer, die immer wieder eine neue Mitgift brauchen, ich glaube, einen solchen Fall gab es erst vor Kurzem – irgendwo in der Nähe von London. In unserer friedlichen Gegend gibt es so etwas bestimmt nicht!“
„Ja, hier ist schon wenig los. Und so unterhaltsam sind Mr Coulthard und Mr Gibbons ja auch wieder nicht“, seufzte Affie. „Muss ich mir meine Aufregungen eben aus Romanen beschaffen – wenn der hier endlich einmal wirklich aufregend wird. Diese nächtliche Kutschfahrt zieht sich schon sehr in die Länge…“
„Hast du kein anderes Buch?“, fragte Minnie, die gerade eintrat. „Wundervoll still hier – wo sind denn die beiden Trottel?“
„Gibbons war gar nicht hier und den lästigen Coulthard hat Vater zu unserer Freude vor die Tür gesetzt“, erklärte Cassie und erhob sich. „Ich glaube, ich möchte einmal ausgiebig ausreiten. Wenn man immer nur hier sitzt, wird man ganz unbeweglich!“
Ihr Vater sah auf: „Gute Idee. Ich müsste ja auch wieder einmal nach dem Besitz und den Pächtern sehen – und dieser Artikel hier bringt mich nur immer mehr in Rage!“
„Was sagt er denn?“
„Troja ist seiner Ansicht nach nicht im Osmanischen Reich, sondern im Süden Russlands!“
„Auf der Halbinsel Krim, womöglich? Taurien?“
„Sehr gut!“, lobte Seine Lordschaft. „Woher weißt du das?“
„Hat nicht erst die Zarin Katharina diese Halbinsel im Schwarzen Meer erobert – besser: erobern lassen?“
„Durch Grigori Potemkin, sagt man. Wollen wir nach dem Lunch ein wenig ausreiten, Cassie? Deine Athena müsste doch schon ziemlich der Hafer stechen?“
Cassie lächelte: „Nein, ich reite jeden Morgen ein bisschen rund um Bellings, natürlich mit dem armen Toby. Das ist nichts Besonderes, aber es verschafft ihr etwas Bewegung. Ein richtig langer Ausritt wäre ihr aber bestimmt sehr willkommen! Und manchmal begleitet uns auch Minnie mit ihrer Andy. Warum Affie nie mitkommt, weiß ich auch nicht, wir haben doch genügend Pferde?“
Affie hatte nicht einmal von ihrem Roman aufgesehen – warum eigentlich, wenn die Geschichte sich so fürchterlich hinzog? Hatte sie wieder einmal keine Lust auf einen flotten Ausritt? Oder näherten sich auf der nächtlichen Kutschfahrt gerade Straßenräuber?
„Wir können zwischen den Nachbargütern entlangreiten, das ist eine hübsche Strecke“, schlug Cassie vor. Ihr Vater lächelte spöttisch: „Gewiss. Links Gibbons, rechts Coulthard?“
„Du lieber Himmel, nicht doch! Ich dachte an die Rasenflächen zwischen uns und Vere Grange, und dann weiter bis Merton Manor.“
„Und dann?“
„Wieder zurück! Eine Rundweg würde ja nahe an Coulthards vorbeiführen und dann glaubt dieser ältliche Dummkopf womöglich noch, ich wolle mich bei ihm entschuldigen.“
„Ja, das könnte zu ihm passen. Er ist eigentlich fast so alt wie ich, das ist doch wirklich abwegig!“
„Wir haben ja schon spekuliert, wie oft er schon verheiratet war, in seinem Alter“, gestand Cassie. „Also ich und Affie, meine ich – Minnie ist dafür wohl zu ernsthaft.“
„Minnie würde wohl eher spekulieren, wie es zum Coulthardschen Vermögen gekommen sein könnte. Andererseits gibt es da nicht viel Vermögen, fürchte ich. Nicht mehr, heißt das wohl. Lady Coulthard spart fleißig und kümmert sich gut um den bescheidenen Besitz, aber zaubern kann sie nun auch nicht. Sie hätte es wohl gerne, dass du in eine Ehe mit ihrem Sohn einwilligst…“
Cassie wedelte erschrocken mit den Händen.
„Keine Sorge, meine Liebe! Sie weiß selbst, dass du etwas Besseres finden könntest – und ich glaube, sie hält selbst nicht arg viel von ihrem Sprössling. Dumm nur, dass es keinen zweiten Sohn gibt, nicht wahr?“
„Papa! Wie meinst du das, bitte?“
„Eigentlich dachte ich nur, dass sie da in Versuchung kommen könnte, ihrem Ältesten etwas Unbekömmliches ins Essen zu praktizieren, um den Besitz in fähigere Hände gelangen zu lassen. Aber ich glaube andererseits, Lady Coulthard ist eine vernünftige Dame und zugleich eine gute Christin. Auch wenn sie ihren Sohn für allzu sehr von sich selbst überzeugt hält – und zugleich für eher beschränkt – täte sie ihm natürlich nichts an!“
„Natürlich nicht“, echote Cassie brav; sie überlegte aber doch, warum Coulthard seinen Besitz nicht selbst verwaltete, sondern diese Aufgabe einer Frau, also einem Wesen mit einem kleineren Gehirn, überließ. Musste man Mrs. Coulthard etwa nicht die Welt erklären?
Als sie nach dem Lunch auf der tänzelnden Athena saß, während Toby Minnie auf ihre Andy half und der Vater sich alleine in den Sattel schwang, überlegte sie wieder, warum Coulthard seiner Mutter die Verwaltung des Besitzes überließ. Sicher, Lady Coulthard war recht energisch, manchmal bis zur Unhöflichkeit, aber Coulthard hatte doch wohl keine Angst vor ihr? War er ein Feigling?
Oder ein Faulpelz? Wenn die Mama sich um alles kümmerte, hatte er ja genügend Zeit, sich auf den Nachbargütern herumzutreiben und den Leuten dort mit seinen Albernheiten auf die Nerven zu fallen! Was würde er tun, wenn seine Mutter eines Tages gestorben war? Wenn er sich selbst um alles kümmern musste, wovon er wahrscheinlich gar nichts verstand?
Minnie saß nun auch elegant im Sattel, der Schleier an ihrer Reitkappe wehte sehr schmeichelhaft um ihren Hals und sie lächelte Cassie zu. Minnie war eigentlich die beste von Papas Töchtern, fand Cassie bei diesem Anblick. Minnie könnte Bellings ohne Schwierigkeiten alleine verwalten, sie könnte einem Gemahl wirklich schön zur Seite stehen – oder ihm Arbeit abnehmen. Aber das sollte nicht alles sein, was ein Bewerber an Minnie zu schätzen wusste, denn sie war so hübsch und so liebenswert. Und so klug!
„Dann kommt, meine Lieben!“ Papa trieb seinen Hengst an; die beiden Stuten trabten sofort hinter ihm her. Cassie versuchte, ihre Gedanken zu verscheuchen und sich auf das Vergnügen des Reitens und den Genuss der Landschaft zu konzentrieren.
Sie galoppierten den öffentlichen Wiesenweg zwischen den Besitzungen de Veres und der Mertons entlang, als die Neugierde bei Cassie doch wieder übermächtig wurde: „Papa? Warum lässt Coulthard denn seine Mutter den Besitz verwalten, wenn er selbst doch alles besser weiß?“
Minnie prustete vergnügt.
„Cassie, da vorne an der großen Eiche endet der Galoppweg, im Trab kann ich deine Frage sehr viel besser beantworten – ohne Atemnot und ohne schreien zu müssen!“
„Vielleicht besser so“, kommentierte Minnie und zwinkerte ihrer Schwester zu. Nun kicherte Cassie.
Ab der Eiche zügelte Papa seinen Hengst bis zum leichten Trab und die beiden Töchter rahmten ihn ein. „Nun Papa? Was meinst du?“
„Ich finde Cassies Frage auch sehr wichtig“, sagte Minnie. „Warum will Coulthard denn nicht alles selbst tun, wenn er doch der größte Besserwisser der Gegend ist?“
„Dann müsste er doch auch alles selbst tun?“
„Ja, eben! Steckt das nicht schon in der Frage?“
„Ganz genau – aber es steckt eben auch in Coulthard – oder besser gesagt, auch wieder nicht…“
„Papa, du sprichst in Rätseln!“, tadelte Minnie. „Ist Coulthard zu faul oder zu unwissend?“
Lord Belling strahlte seine Älteste an. „Beides!“
Cassie ärgerte sich einen Moment lang – darauf hätte sie doch selbst kommen können? „Er versteht gar nichts von der Gutsverwaltung? Und dann wollte er sich bei uns immerzu einmischen? So ein Trottel…“
„Nun, Cassie, das ist doch auch keine überraschende Erkenntnis, oder? Du kannst ihn natürlich bei deiner Untersuchung zu Patroklos um Rat bitten, aber…“
„Aber er hat keine Ahnung, wer das war. Statt dessen wird er mir weitschweifig erklären, warum es sich für minderbemittelte Frauchen nicht gehört, sich mit historischen Kriegen zu befassen und womöglich dazu noch etwas zu veröffentlichen. Und dann ziehe ich ihm diese scheußliche Vase auf dem Kaminsims über den Kopf!“
„Sag Lansing, er soll ihm auf der Treppe hinunter in die Halle einen leichten Stoß geben. Das ist dann einfach ein Unfall…“, riet Minnie.
„Frauen sind wirklich brutaler als Männer“, seufzte der geplagte Vater. „Galoppieren wir noch einmal, damit es euch die Flausen aus den Köpfen weht!“
Da hatte er nicht so ganz unrecht, musste Cassie zugeben – aber gegen den schrecklichen Coulthard halfen wohl nur Gewaltphantasien!
„Einen Treppensturz oder Treppenstoß hat es in der englischen Geschichte schon einmal gegeben“, erklärte der Vater, als sie die Pferde wieder gezügelt hatten – Athena schnaubte allerdings eindeutig vorwurfsvoll, was Andy prusten ließ. Papas Hengst war über solche Äußerungen natürlich erhaben, er warf nur verächtlich den schwarz schimmernden Kopf hoch.
„Cassie?“
„Ja, einen Moment bitte – oh ja: Amy Robsart?“
„Sehr gut, Cassie! Ich bin eigentlich gesegnet mit meinen Kindern“, verkündete er dann recht feierlich, „Minnie ist meine beste Stütze bei der Gutsverwaltung, Cassie teilt meine Liebe zur Geschichte, Affie ist die Stütze ihrer Mutter und eine Expertin für zeitgenössische Literatur der unterhaltsamen Art“ – Minnie kicherte - “und Hector ist in den Stallungen sehr engagiert. Kann ein Vater es denn besser haben?“
„Wer war denn Amy Robsart?“, wollte Minnie wissen.
„Die Gemahlin von Robert Dudley, dem ersten Earl of Leicester. Er war der Favorit der Königin Elizabeth, aber als seine Frau eine Treppe hinabstürzte und starb, ging das Gerücht, ihr Gemahl habe sie hinuntergestürzt, damit er die Königin heiraten könnte. Genau deshalb kam das ja gar nicht Frage, wegen des Skandals.“
„Hat er das wirklich gemacht?“
„Vermutlich nicht, man weiß es nicht. Man weiß ja auch nicht, ob Richard III wirklich seine beiden kleinen Neffen im Tower hat ermorden lassen.“
„Gut für Historiker“, warf ihr Vater ein, „da können sie noch Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte lang darüber diskutieren, Quellen sichten und Abhandlungen schreiben.“
„Das hört sich an, als bräuchten die Historiker etwas, um ihre Zeit herumzubringen?“, spöttelte Minnie.
Cassie hatte noch eine andere Frage: „Papa, wer wohnt eigentlich auf diesen Gütern, an denen wir immer wieder vorbeireiten? Außer der alten und der jungen Nervensäge kennen wir hier niemanden, woran liegt das wohl?“
„Vermutlich sind das lauter Herzöge, die über uns turmhoch erhaben sind“, vermutete Minnie. „Das stört mich ehrlich gesagt auch nicht so sehr.“
„Mich auch nicht, aber ich bin eben neugierig“, gab Cassie zu. „Man sieht da ja auch nie jemanden, aber die Besitzungen können doch nicht leer stehen, dann müssten sie ja wohl verfallener aussehen – oder doch wenigstens vernachlässigter?“
„Das muss nicht sein“, korrigierte Minnie sofort. „Lass Merton tatsächlich einem Herzog gehören, der seinen Hauptsitz irgendwo anders hat und Merton nur geerbt hat (oder ein Vorfahre hat es geerbt) und hier einfach einen Verwalter eingesetzt hat? Dann könnte das Gut doch gepflegt wirken, ohne dass der hohe Herr jemals hier gewesen ist?“
„Merton gehört dem Viscount Sardant“, widersprach ihr Vater, „Herzöge gibt es hier nicht. Aber Sardant hat tatsächlich noch ein feineres Schloss, auch in Berkshire, da scheint er zu leben. Na, vielleicht hat er ja so etwas wie einen jüngeren Sohn und vererbt diesem dann Merton.“
„Papa, du meinst, dann wird die Gegend ungemein aufblühen?“
„Freche Krabbe!“, wurde Cassie getadelt. „Was sollte sich hier schon großartig ändern? Landwirtschaft ist Landwirtschaft, auf Bodenschätze ist hier wohl kaum zu hoffen.“
„Und wem gehört dieser andere Besitz? Zwischen Merton und uns?“
„Vere Grange?“, gab Seine Lordschaft brav Auskunft. „Die de Veres sind die Familie des Earl of Anthold. Aber auch die wohnen nicht hier, sondern auf einem größeren und neueren Besitz. Wir kommen auf dem Rückweg auch da vorbei und können einen näheren Blick darauf werfen. Aus der Tudorzeit.“
„An den Titel gebunden?“, erkundigte sich Minnie.
„Natürlich. Der neuere Besitz vermutlich aber nicht – nur eben viel komfortabler.“
„Eigenartiger Zufall“, murmelte Minnie; da sie gerade im Schritt gingen, um die Pferde nicht zu überfordern, was das gut zu verstehen, also fragte ihr Vater: „Was meinst du denn, Minnie?“
„Nun, morgen kommt doch der Anwalt, der den Kaufvertrag wegen der Ernte überprüfen möchte, nicht wahr? Ratet doch einmal, wie er heißt?“
Vater und Schwester sahen sie etwas ratlos an. „Na? Minnie, nun sag schon!“
„De Vere. Michael de Vere. Dein Rechtsberater hat ihn mir empfohlen und er hat den Besuch auch arrangiert! Meinst du, das ist tatsächlich ein Zufall?“
„Ich denke, wir reiten wieder nach Hause und beraten diese Frage in aller Ruhe. Wenn man sich gar nicht auf den schönen Ausritt konzentrieren kann, erholt man sich ja nicht wirklich.“
Cassie stimmte ihm zu. „Vielleicht gibt es aber noch einen kleinen Galopp? Nichts ist schöner als der Wind, der einem dabei ins Gesicht weht!“
„Ich reite voraus – und wenn ich langsamer werde, tut ihr es mir gleich, verstanden?“
So geschah es dann auch; Lord Bellings galoppierte einige Minuten und zügelte dann seinen Hengst bis zu leichtem Trab; seine Töchter taten es ihm gehorsam gleich, denn auf der letzten Strecke konnte es vereinzelte Kaninchenlöcher geben. Schließlich gingen sie im Schritt und bogen in den Gang zu den Stallungen ein, wo Toby und der junge Tommy schon auf sie warteten, um die Pferde zu versorgen.
Cassie und Minnie gingen sich umkleiden und neu frisieren zu lassen; im Reitkleid im Salon zu sitzen, hätte ihre Mutter wohl doch leicht befremdet, auch wenn der Bellingsche Salon eher unkonventionell wirkte.
