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Unwillig verzieht Isabel das Gesicht. Scheußlich, wie freundlich ihre Tante zu diesem Banker ist. Andererseits müssen sie natürlich froh sein, dass überhaupt jemand bereit ist, ihnen den benötigten Kredit zu gewähren. Sonst können sie das Gut abschreiben, und zwar bald!
Isabel wirft ihrem Gegenüber einen vorsichtigen Blick zu. Wie klug er aussieht, dieser Mann, und dazu noch so attraktiv! Doch das darf sie nicht beeindrucken.
"Schießen Sie mal los", fordert sie betont burschikos. "Sie wollten doch noch etwas wegen des Kredits sagen."
Robert von Barrenberg lächelt. "So ist es. Es gibt da nämlich eine Bedingung", beginnt er lässig, und je länger seine Ausführungen dauern, desto größer werden Isabels Augen.
"Nein!", stößt sie plötzlich hervor. "Nein! Das kommt nicht infrage!"
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Seitenzahl: 106
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cover
Keine Frau wie alle anderen
Vorschau
Impressum
Keine Frau wie alle anderen
So schnell lässt sich Isabel nicht von ihrem Glücksplan abbringen
Von Katrin Korff
Unwillig verzieht Isabel das Gesicht. Scheußlich, wie freundlich ihre Tante zu diesem Banker ist. Andererseits müssen sie natürlich froh sein, dass überhaupt jemand bereit ist, ihnen den benötigten Kredit zu gewähren. Sonst können sie das Gut abschreiben, und zwar bald!
Isabel wirft ihrem Gegenüber einen vorsichtigen Blick zu. Wie klug er aussieht, dieser Mann, und dazu noch so attraktiv! Doch das darf sie nicht beeindrucken.
»Schießen Sie mal los«, fordert sie betont burschikos. »Sie wollten doch noch etwas wegen des Kredits sagen.«
Christian von Barrenberg lächelt. »So ist es. Es gibt da nämlich eine Bedingung«, beginnt er lässig, und je länger seine Ausführungen dauern, desto größer werden Isabels Augen.
»Nein!«, stößt sie plötzlich hervor. »Nein! Das kommt nicht infrage!«
»Geschieden! Endlich geschieden!« Isabel rannte quer über den Flur des Amtsgerichts und fiel ihrer Tante Katharina um den Hals. »Ich bin frei! Wirklich und wahrhaftig frei!«, sprudelte sie mit einer an ihr ganz ungewohnten Lebhaftigkeit hervor. »Und ich heiße wieder wie früher, Isabel Fabricius, nicht mehr Schneider, und den Namen will ich so schnell wie möglich vergessen, Tante Kattchen.«
Sie umarmte die alte Dame mit Inbrunst, sodass Katharina Fabricius vor lauter Rührung erst einmal schlucken musste.
»Ich freue mich mit dir, mein liebes Kind! Ich kann dir gar nichts sagen, wie sehr ich mich für dich freue, dass heute alles glattgegangen ist. Komm, Isabel, wir wollen rasch nach Hause fahren.«
»Ja, nach Hause. Sofort, Tante Kattchen. Ich muss nur noch einmal schnell mit meiner Rechtsanwältin sprechen. Dort kommt sie schon! Geh du vor zum Auto, ja?«
Katharina Fabricius nickte, drehte sich auf der Stelle um und schritt ruhig die vielen Stufen des Gerichtsgebäudes hinunter.
Als sie diese Stufen vor ungefähr zwei Stunden hinaufgegangen war, da war ihr nicht so leicht zumute gewesen wie jetzt. Bis zum letzten Augenblick hatte sie befürchtet, dass der Scheidungstermin erneut verschoben werden würde, wie das schon einige Male vorher geschehen war.
Gilbert Schneider hatte immer wieder einen Weg gefunden, die endgültige Trennung von seiner Frau hinauszuzögern, weil er sich letztlich wohl gar nicht scheiden lassen wollte. Was konnte für ihn bequemer sein als seine fleißige junge Frau, die auf dem Gutshof das Geld erwirtschaftete, das er dann mit leichter Hand und in noch leichterer Gesellschaft wieder ausgeben konnte?
Unwillkürlich beschleunigte Tante Katharina den Schritt, als sie an Isabels geschiedenen Mann dachte. Dieser Gilbert Schneider war ihr vom ersten Moment an suspekt erschienen, aber leider hatte sich ihre Nichte Hals über Kopf in den flotten Draufgänger verliebt, der nicht einmal einem anständigen Beruf nachging. »Anlageberater« hatte er sich großspurig genannt und so getan, als jongliere er tagtäglich mit riesigen Summen und großen Namen. Und was war dahinter? Gar nichts!
Innerhalb weniger Wochen waren Isabel und Gilbert miteinander verheiratet gewesen, und von dem Tag an hatte sich der Ehemann keine Mühe mehr gegeben, weiterhin liebenswürdig zu Isabel zu sein. Ihm war es nur darum gegangen, angemessen versorgt zu sein. Seine Ehefrau fand er im höchsten Maße langweilig, so sehr Isabel sich auch darum bemüht hatte, ihrem Mann zu gefallen und alles recht zu machen.
Ganz in Gedanken schloss Katharina Fabricius die Türen des alten Wagens auf. Sie hob rasch den Kopf, als sie jemanden ihren Namen rufen hörte. Isabel trat gerade aus der Tür des Gerichtsgebäudes und winkte ihr kurz zu. Katharina winkte zurück und sah ihrer Nichte entgegen.
Isabel Fabricius war mittelgroß und, nach Meinung ihrer Tante, viel zu dünn. In ihrem Gesicht mit den großen grünblauen Augen traten die Wangenknochen stark hervor, sodass sie älter aussah, als sie mit ihren sechsundzwanzig Jahren war.
Sie hatte schönes, leicht gewelltes Haar von einer ganz seltenen honigblonden Farbe, aber meist steckte sie diese Haarpracht erbarmungslos am Hinterkopf zusammen und betonte damit noch die Konturen ihres schmalen Gesichtes. Nach Tante Katharinas Ansicht machte Isabel einfach zu wenig aus sich. Sie war viel hübscher, als sich auf den ersten Blick erkennen ließ.
»Nun, alles in Ordnung, mein Kind?«, fragte sie ihre Nichte, als sie beide im Auto saßen und sich anschnallten.
»Ja und nein«, entgegnete Isabel knapp und verdrehte den Kopf, um den Wagen aus der engen Parklücke zu rangieren. Sie fädelte sich geschickt in den nachmittäglichen Berufsverkehr der norddeutschen Kleinstadt ein. Erst dann beantwortete sie die Frage ihrer Tante.
»Meine Freude über meine gerade erfolgte Scheidung ist ein bisschen gedämpft worden, Tante Kattchen. Mein Exmann will an mein Vermögen.«
Katharina Fabricius atmete tief durch. Das hatte sie ja von Anfang an kommen sehen!
»Wie viel will er haben, Isabel?«
»Die Hälfte von allem steht ihm zu. Du weißt, dass wir keine gesetzliche Gütertrennung vereinbart hatten, obwohl du mir vor drei Jahren so dringend dazu geraten hast. Also bekommt er die Hälfte von allem, was ich besitze.« Mit einem kleinen Seufzer brachte Isabel das Auto vor einer roten Ampel zum Stehen und wandte sich ihrer Tante zu. »Natürlich steht mir auch die Hälfte von allem zu, was ihm gehört, aber er hat ja nichts außer dem, was er durch mich hat oder durch uns. Gut, nicht?«
Die Ampel sprang zurück auf Grün. Der Wagen rollte langsam wieder an.
»Nicht so gut, würde ich sagen.« Katharina Fabricius überlegte einige Augenblicke, dann fügte sie entschieden hinzu: »Aber damit werden wir fertig, mein Kind. Schließlich bin ich auch noch da, um dir zu helfen. Das darfst du nicht vergessen, Isabel.«
Die junge Frau strich einmal kurz mit ihrer rechten Hand über die abgearbeiteten Finger ihrer Tante.
»Ich vergesse es nicht, Tante Kattchen, niemals. Ich bin dir unendlich dankbar dafür, dass du trotz allem zu mir hältst. Und noch dankbarer bin ich dir dafür, dass du mir überhaupt keine Vorwürfe gemacht hast, nachdem ich auf Gilbert hereingefallen war.«
»Ach, Kind!« Die alten Hände legten für einige Augenblicke auf Isabels Arm. »Was hätte das genützt?«
»Wahrscheinlich nichts, aber nur wenige Menschen hätten darauf verzichtet, ›Siehste, ich hab's doch gewusst!‹ zu sagen!«
»So etwas bringt rein gar nichts, Isabel. Jetzt gilt es, das Beste aus der Situation zu machen, meinst du nicht auch?«
»Und ob! Es ist allerdings leichter gesagt als getan, denn Gilbert will natürlich so schnell wie möglich Bargeld sehen, und das bedeutet, dass er mich dazu zwingen will, das Gut zu verkaufen.«
»Wie bitte?!«
»Natürlich, Tantchen, hattest du etwas anderes gedacht?«
»Die Hälfte deines Vermögens hast du gesagt!«, wiederholte Katharina Fabricius fassungslos.
»Seit Vaters Tod gehört mir das Gut, und leider gehört es mir allein. Natürlich hat Gilbert den Wert des Besitzes gewaltig übertrieben, aber die Hälfte des Schätzwertes werde ich ihm auszahlen müssen, daran führt leider überhaupt kein Weg vorbei.«
»Meine Güte!«
Isabel wandte rasch den Blick und sah, dass ihrer Tante dicke Tränen die faltigen Wangen hinabliefen.
»Nicht weinen, Tante Kattchen, bitte nicht weinen! Ich weine ja auch nicht«, behauptete sie mit einer bedenklich nach unterdrückten Tränen klingenden Stimme.
»Ach, Isabel! Dass ich das noch erleben muss, dass unser altes Gut verkauft wird!«, schluchzte Tante Katharina in echter Verzweiflung.
Isabel biss die Zähne aufeinander und umklammerte mit aller Kraft das Lenkrad.
»Es wird nicht verkauft! Es wird nie und nimmer verkauft! Eher hungere ich und arbeite rund um die Uhr, aber es wird kein Krümel Boden vom Gutshof verkauft! Darauf kannst du dich verlassen!«
»Aber Kind! So viel Geld haben wir doch gar nicht! Da reicht auch mein Erspartes nicht«, wandte die Tante ein, aber immerhin versiegten bereits ihre Tränen.
»Wir werden uns das Geld eben leihen, Tantchen. Wir werden das tun, was die meisten Leute ohnehin längst getan haben.«
»Und das wäre?«
»Wir machen Schulden im ganz großen Stil!«, verkündete Isabel schwungvoll und schnitt gekonnt eine Kurve der engen Landstraße.
»Aber wer soll uns denn so viel Geld geben, Kind?«
»Jede Bank«, behauptete Isabel kühn und fuhr jetzt wieder etwas vorsichtiger. »Jede Bank wird sich nach den Zinsen für eine solche Summe die Finger lecken, Tante Kattchen. Du wirst sehen, die Banken werden sich darum reißen, mir das Geld zu leihen.«
»So viel?« Katharina Fabricius hatte zwar keinen blassen Schimmer, um welche horrende Summe sich es dabei handeln würde, aber sie bemerkte doch mit einer gesunden Skepsis: »Ich stellte mir das Ganze nicht so einfach vor, Isabel. Und überhaupt, wie willst du denn so viel Geld wieder zurückzahlen?«
Sie registrierte, dass ihre Nichte für diese Frage nur ein Schulterzucken übrig hatte. »Irgendwie werde ich es schon schaffen.«
»Aber Kind! Das würde ja bedeuten, dass du bis an dein Lebensende die Schulden abbezahlen musst!«
»Ja, und? Wäre das so schlimm?«, entgegnete Isabel mit einer Spur Angriffslust.
Katharina Fabricius nickte entschlossen.
»Und ob das schlimm wäre! Schließlich sollst du auch einmal wieder glücklich werden, eine Familie haben, und ich fände es schlimm, wenn dein zukünftiger Mann so eine Bürde mit dir tragen müsste.«
»Kannst du mir bitte verraten, von was du da redest?«
»Du brauchst gar nicht so böse zu reagieren, Kind. Ich stehe zu dem, was ich gesagt habe, und ich hoffe sehr, dass du noch einmal heiraten wirst, aber dieses Mal einen guten Mann!«
Isabel lachte ein hartes, unfrohes Lachen. Es klang nicht gut in Katharinas Ohren.
»Darauf kannst du lange warten, weil das nie mehr geschehen wird! Nie mehr, das schwöre ich dir! Mit den Männern bin ich fertig, für immer und ewig! Und das, was sie Liebe nennen, das gefällt mir auch nicht. Das ist sowieso alles nur Lug und Trug und Gemeinheit! Schluss damit! Ich wünsche mir für mein Leben nur noch Arbeit und Ruhe, und das soll alles sein!«
♥♥♥
Leider hatte sich Isabel in einem Punkt gründlich geirrt. Es gab weit und breit nicht eine einzige Bank, die sich darum riss, ihr eine so hohe Summe zu leihen. Auch wenn der Schätzwert des Gutes, den ein neutraler Sachverständiger auf Isabels Auftrag hin ermittelt hatte, weit unter dem lag, den ihr geschiedener Mann veranschlagt hatte, so reichte die Summe doch aus, um alle Banken vorsichtig reagieren zu lassen.
»Der Kredit ist zu hoch, die Sicherheit zu gering, die Laufzeit zu lang.« Das waren die Bedenken, die Isabel immer wieder entgegengehalten wurden, zwar durchaus freundlich, aber gleichzeitig auch unmissverständlich.
In den folgenden Wochen wurde Isabel immer verzweifelter und niedergeschlagener.
Es ging auf Weihnachten zu, aber für sie gab es keine Adventszeit, keine Lichter und schon gar keine Weihnachtsvorbereitungen. Als Tante Katharina sie eines Tages fragte, welche Plätzchen sie denn in diesem Jahr backen solle, fuhr Isabel ihre arme Tante richtig grob an. Hinterher entschuldigte sie sich, denn sie wusste selber nur zu gut, dass ihr Nervenkostüm zerschlissen war. Viel würde sie nicht mehr durchhalten können.
Zum ersten Mal überlegte sie, ob sie nicht doch einen Teil der Felder und des Graslandes verkaufen sollte. Aber dann musste sie auch ihren langjährigen, treuen Verwalter entlassen, und das war undenkbar, denn Kalle Oltmann war auf dem Gutshof, solange sie denken konnte. Er hatte als ganz junger Mann schon bei ihrem verstorbenen Vater gearbeitet.
»Wenn du verkaufen musst, dann geht wohl kein Weg dran vorbei, Isabel. Dann musst du's tun. Aber ich gehe hier nicht weg. Ich bleibe hier bei euch.«
Das war alles, was Kalle auf Isabels Vorschlag, er solle sich möglichst bald eine bessere Arbeitsstelle suchen, geantwortet hatte.
»Danke, Kalle.« Isabel musste erst einmal schlucken, bevor sie weitersprechen konnte. »Ich wüsste auch gar nicht, wie ich ohne dich zurechtkommen sollte, Kalle, aber du musst trotzdem gehen. Es kann sein, dass ich bald dein Gehalt nicht mehr zahlen kann.«
Kalle Oltmann nickte. Er war mittelgroß, inzwischen ergraut und hatte strahlend blaue Augen. Er war durch und durch ein Friese und bestimmt der verlässlichste Mensch, den man sich denken konnte.
»Dann zahlst du mir eben wieder was, wenn es geht. Verhungern werd ich schon nicht. Da passt Kattchen auf.«
»Kalle! Ich scherze nicht! Bis zum Frühjahr muss ich das Geld auftreiben, und danach kann ich dich nicht mehr hierbehalten!«
»Na, dann warten wir doch erst mal bis zum Frühjahr, min Deern! Und dann sehen wir weiter! Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Geld!«
Isabel entschlüpfte ein klägliches Lachen. Das war typisch für ihren Verwalter! Sie hatte noch nie erlebt, dass ihn etwas aus der Ruhe bringen konnte.
»Geld kommt bestimmt nicht. Aber gut, warten wir eben, bis uns der Strick um den Hals gelegt wird.«
»Vielleicht kommt's gar nicht so weit. Irgendeine Bank wird dir das Geld für den feinen Herrn Schneider schon geben.«
Isabel schüttelte den Kopf.
»Was, keiner hat angebissen?«
Wieder ein resigniertes Kopfschütteln.
»Versteh ich nicht! Kommt da so'ne hübsche Deern und will'n paar Euro haben! Aber warte mal, Kattchen hat mir doch erzählt, dass ein Bankfritze aus Hamburg sich das überlegen wollte. Oder habe ich da was falsch verstanden?«
Erneutes Kopfschütteln von Isabel.
