Sklavenjagd und Menschenhandel - Jan Robert Weber - E-Book

Sklavenjagd und Menschenhandel E-Book

Jan Robert Weber

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Beschreibung

Unser Geschichtsbewusstsein verortet Sklavenjagd und Menschenhandel kaum je im mittelalterlichen Europa. Tatsächlich aber war das christliche Abendland im frühen Mittelalter ebenso wie das subsaharische Afrika das politisch-ökonomische Randgebiet einer Welt, die neben Byzanz vor allem vom Kalifat im Vorderen Orient sowie seinen Emiraten in Spanien und Nordafrika beherrscht wurde. Im Zuge des protoglobalen Fernhandels entstand unter dem islamischem Halbmond eine Raumordnung, in der sowohl Afrika als auch Europa zu Lieferzonen der Sklavenmärkte in Konstantinopel, Damaskus, Bagdad und Cordoba wurden. Nichtmuslimische Afrikaner und christliche Europäer wurden gleichermaßen massenhaft gefangen genommen, unterjocht und ausgebeutet – mit einem Wort: versklavt. Mit Blick fürs Detail folgt Jan Robert Weber den historischen Spuren des Sklavenhandels und erzählt die Geschichte der frühmittelalterlichen Slaving Zones mit zweierlei Ausgang: Während das sudanische Afrika dauerhaft zum größten Versklavungsraum der Weltgeschichte hinabsank, rettete sich das lateinische Europa im 10. Jahrhundert mittels Glaube und Gewalt.

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Seitenzahl: 302

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Sklavenjagd und Menschenhandel

Fröhliche Wissenschaft 268

Jan Robert Weber

Sklavenjagd undMenschenhandel

Europa und Afrika im Bann des Minotaurus

Inhalt

1. Prolog: Europa im Bann des Minotaurus

2. Jagdgründe 834–933

2.1 Hammaburg 845 oder das Ende der europäischen no-slaving zone

2.2 Víkingr und Wælwulfas: Nordischer Beutekrieg oder die Hydrarchie der Maritorien

2.3 Saraceni et Mauri: Razzienkriege im mediterranen dār al-harb

2.4 Huni: Magyarische raids ins Christenland

3. Rettung: Gewalt und Glaube

3.1 Riade 933

3.2 Koblenz 922

4. Nekrolog: Afrika im Bann des Minotaurus (900–1591)

Ausgewählte Literatur und Quellen

Anmerkungen

1. Prolog: Europa im Bann des Minotaurus

»Die Geschichten vieler Betroffener sind noch nicht erzählt.«

Undine Ott, Europas Sklavinnen und Sklaven im Mittelalter (2014)

Der griechische Mythos vom Minotaurus erzählt eine Geschichte der Befreiung aus grausamer Knechtschaft: Im Krieg durch den kretischen König Minos unterworfen, muss die Stadt Athen alle neun Jahre sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen an Kreta ausliefern, wo sie in einem Labyrinth einem stierköpfigen Ungeheuer geopfert werden. Als die blutige Abgabe zum dritten Mal geleistet wird, ist der athenische Prinz Theseus unter den Ausgewählten. Ihm gelingt mit der Hilfe von Minos’ Tochter Ariadne die Heldentat: Bewaffnet mit Schwert und Faden bezwingt er das mächtige Monster und findet aus dem Labyrinth, woraufhin ein Erdbeben den Palast des Minos zerstört. Im Triumph kehrt Theseus nach Athen zurück – als Befreier vom kretischen Joch wird er bei seiner Ankunft zum König gekrönt.

Was uns heute sagenhaft erscheint, enthält einen weltgeschichtlichen Kern: Von prähistorischen Zeiten

an wurden verlorene Kriege nicht nur mit Gold und Silber bezahlt, sondern auch mit Menschen. Den fälligen Tribut leistete der Unterworfene durch die Lieferung von Sklaven. Das besiegte Land wurde langfristig zur Lieferzone des Siegers. Ihm sicherte der minotaurische Vertrag die errungene Macht nicht nur dauerhaft nach außen, indem er die Unterlegenen der kostbarsten Ressource – ihrer Menschen – beraubte, sondern auch nach innen: Der stete Zufluss vollkommen verfügbarer Arbeitskräfte war die die Grundlage prosperierender Wirtschaft, solider Herrschaft und blühender Kultur.

Doch die Sage erzählt mehr. Nehmen wir Theseus’ mythische Tat als historisches Muster ernst, so ist die Gründung einer souveränen, selbstbestimmten und freien Herrschaft gleichbedeutend mit der Schaffung eines versklavungsfreien Raums. Ein versklavungsfreier Raum ist der Anfang souveräner Staatlichkeit. Tatsächlich waren von alters her alle Reichsgründungen gleichbedeutend mit der Bildung versklavungsfreier Räume. Imperien waren stets Herrschaftsgebiete, in denen die eigene Bevölkerung vor Überfällen fremder Mächte beschützt wurde.

* * *

Sklaverei ist so alt wie die Weltgeschichte. Fast alle historischen Hochkulturen und urbanen Zivilisationen waren Sklavenhaltergesellschaften oder zumindest Gemeinwesen mit Sklaverei. Denn von frühgeschichtlichen Zeiten an bis in die industrielle Moderne hatte jedes Gemeinwesen das Problem der Unterbevölkerung bei einem gleichzeitigem Überbedarf an Land und Arbeit zu lösen. Eine Lösung war die massenhafte Versklavung benachbarter Bevölkerungsgruppen durch Krieg oder Razzia, also indem man fremde Menschen jenseits der eigenen Grenzen regelrecht erbeutete und gezielt verschleppte. Im Krieg oder auf Beutezug Versklavte garantierten als Arbeitskräfte Wohlstand, versprachen als Handelsware Reichtum, bedeuteten blankes Kapital, zunächst für die politisch-militärische Elite, dann auch für die Händler, Handwerker und freien Untertanen eines Reichs.

Und dennoch ist »die Sklaverei nicht [nur] auf die ökologischen oder demographischen Bedingungen zurückzuführen«, sondern ergibt sich auch aus den »Vorstellungen von einer richtigen Gesellschaftsordnung«.1 Schon zu Beginn der Menschheitsgeschichte gab es andere Lösungen als die Verknechtung von vermeintlich andersartigen, rangniederen Menschen durch angeblich höherstehende, wie am Beispiel der frühgeschichtlichen Potlatch-Kultur der amerikanischen Nordwestküste – einer geradezu typischen aristokratischen Walfang- und Sklavenjägergesellschaft – und den Stämmen Kaliforniens – die einem eigenartigen Gleichheitsideal sowie einem strengen Arbeitsethos folgten – deutlich wird.

Es scheint, dass in den teils verschieden monotheistischen, teils noch paganen, jedenfalls »geteilten Welten«2 des Mittelalters nicht nur religiöse Wege neu beschritten wurden, sondern sich dabei auch gesellschaftspolitische Perspektiven jenseits der Sklaverei eröffneten. Nach dem Ende der Antike entwickelten sich ab dem 7. Jahrhundert im islamischen Weltreich und ab dem 10. Jahrhundert im christlich-lateinischen Europa versklavungsfreie Räume, und zwar weniger aus ökonomischen, vielmehr aus religiösen, das heißt ethisch-moralischen Motiven. Doch während sich das Kalifat als perfect no-slaving zone zur größten Sklavenhaltergesellschaft des Mittelalters ausbildete, ging das christliche Europa Mitte des 8. Jahrhunderts noch einen Schritt weiter, indem es bereits unter Charlemagne die sklavistische Güterproduktion in eine grundherrschaftliche Produktionsweise zu entwickeln begann. Mochte während des Frühmittelalters der Sklavenhandel im armen Europa ein fünfmal weniger lohnendes Geschäft sein als in Afrika und im reichen Orient – die Ächtung von Versklavung und Sklaverei von Christen geschah in erster Linie aus weltanschaulichen Gründen und war eine bewusste Entscheidung der christlichen Eliten Europas.

* * *

Slaving zones,3 Versklavungsräume: Das waren zu allen Zeiten Gebiete, in denen gezielt Menschen gefangen, in denen Sklaven produziert wurden, Räume der Angst, Gebiete der Ohnmacht ihrer Bewohner, Orte ihres sozialen Sterbens. Wo aus Menschen Sklaven gemacht wurden, rechtlose Werkzeuge, willenlose Wesen, das Eigentum anderer, da gab es weder Recht noch Regeln noch Gesetz außer das des Stärkeren. Dort gab es entweder noch keinen Staat oder keine politische Ordnung mehr. Slaving zones waren Regionen kollabierter oder unzureichender politischer Ordnung, jedenfalls Regionen einer wehrunfähigen Bevölkerung.

Strukturell betrachtet zeigt die Geschichte von frühester Zeit an eine sklavistische Raumordnung von Zentrum und Peripherie, von no-slaving zones und slaving zones, von Räumen der Sklavenhalter und Regionen der Versklavung, zwischen denen der brutale Handel mit Menschen vollzogen wurde. Von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit lebte der Sklavenhandel vor allem von der systematischen Sklavenjagd in Regionen, die in Ermangelung funktionierender staatlicher Strukturen für Razzienkrieger oder militante Menschenhändler zugänglich und ihnen gegenüber wehrlos waren. Das Zentrum versorgte sich auf dem Sklavenmarkt mit Menschen, die zuvor an seiner Peripherie von eigenen, gedungenen oder selbstständigen Sklavenjägern gefangen wurden.

Umgekehrt reagierten die Sklavenmärkte auf die Nachfrage imperialer Zivilisationen, indem sie mit Briganten oder Chiefs angrenzender, weniger entwickelter Regionen Menschenhandel trieben. Denn die Märkte stillten ihren Hunger nicht immer nur mit den Opfern imperialer Kriegs- und Versklavungsfeldzüge. Für gewöhnlich überließen sie die Menschenjagd den vermeintlichen Barbaren selbst. So bewirkte jede auf Sklaverei gründende, imperiale Gesellschaft jenseits ihrer Grenzen allein durch die Nachfrage nach leistungsfähigen Körpern die Entwicklung von Versklavungsräumen, nämlich dort, wo nur einfache politische Ordnungen und primitive ökonomische, zumeist subsistenzwirtschaftliche Strukturen bestanden. Dort lag die Macht in den Händen von heidnischen Kleinkönigen, Stammesfürsten, Häuptlingen, Warlords. Wenn diese lokalen Eliten in der Lage waren, nicht nur ihre Nachbarn oder Landsleute zu versklaven, sondern sich auch gegen ihre regionalen Konkurrenten und örtlichen Rivalen zu behaupten, dann garantierte der Menschenhandel ihnen Prestige, Reichtum und Einfluss. Neben gezielten slaving raids bot ihnen jeder Kleinkrieg, jedes Scharmützel die Gelegenheit zur Sklavenjagd in ihrer Umgebung und damit die Chance, vom lukrativen Menschenhandel zu profitieren.

Die Gefangenen wiederum erlitten im Moment ihrer Gefangennahme den »sozialen Tod«, wurden plötzlich rechtlos, verloren mit einem Schlag ihre soziokulturelle Bindung, ihren Status und Besitz sowie alle verwandtschaftlichen Beziehungen.4 Vom Augenblick der Versklavung an verfügten Menschenjäger, raiders, Razzienkrieger willkürlich über die Versklavten. Gefangene Männer, Frauen und Kinder konnten von ihren neuen Herren nach Belieben entweder als Arbeitskräfte oder Lustobjekte ausgebeutet oder auch wie Vieh oder kostbare Luxusartikel verkauft werden. Im Frühmittelalter lag der Wert eines Menschen auf dem europäischen Sklavenmarkt schätzungsweise zwischen 25 und 50 Gramm Gold (was damals dem Wert eines Pferdes entsprach und damit dem heutigen Preis eines Automobils ähnlich ist) – im Kalifat konnten die außerhalb der muslimischen Welt erbeuteten weißen und schwarzen Sklaven dem Händler mindestens das Fünffache, um 900 sogar das 25-Fache an Gold einbringen.5

* * *

Im Gegensatz zur Geschichte der Sklaverei der Frühen Neuzeit, aber auch der Antike hat die mittelalterliche Sklaverei in unserem kollektiven Gedächtnis, in unserer Erinnerungskultur keinen Platz gefunden. Das gilt für Afrika, aber mehr noch für Europa. Sklavereihistorisch sind die Jahrhunderte zwischen dem Untergang Roms und der Entdeckung Amerikas dark ages, bilden sowohl Afrika als auch Europa leere Erinnerungsräume, Orte kollektiven Gedächtnisverlusts.

Die Gründe dafür sind einerseits in der traditionellen, eurozentrischen Geschichtsschreibung zu suchen. Dass das christlich-lateinische Europa einst ein politisch-wirtschaftliches Randgebiet darstellte, eine Versklavungs- und Transitzone des protoglobalen Sklavenhandels außereuropäischer Reiche oder nichtchristlicher Akteure, wurde in Zeiten des eigenen kolonialen Imperialismus und der Nationalstaatsbildung ebenso verdrängt wie die Tatsache, dass das subsaharische Afrika nicht von jeher eine Lieferzone außerafrikanischer Mächte war. Andererseits scheint im Zuge postkolonialer Geschichtsschreibung, die in den letzten Jahrzehnten die antike wie frühneuzeitliche Geschichte der Sklaverei ins Gedächtnis der westlichen Welt gerufen hat und bis heute ins historische Bewusstsein der ehemaligen Sklavenhaltergesellschaften Amerikas und vormaligen Kolonialmächte Europas rückt, die Tatsache nicht immer unbewusst übersehen worden zu sein, dass das heutige Europa im ersten Jahrtausend nach Christus die allermeiste Zeit eine Lieferzone seiner nördlichen, östlichen und südlichen Nachbarn war.

* * *

Bis ins 4. Jahrhundert n. Chr. hatte das Imperium Romanum in geradezu mustergültiger Weise eine sklavistische Raumordnung von Zentrum und Peripherie in Europa etabliert. Das Reich befriedigte seinen Bedarf an Sklaven nämlich mit den Germanen, die jenseits des Limes siedelten und die ihm germanische Fürsten und Kleinkönige von dort lieferten. Diese Anführer von Stammeskriegern konkurrierten wiederum untereinander um Anteile am Geschäft der römischen Sklaverei, indem sie sich gegenseitig bekämpften und versklavten. Doch die Migration germanischer Stämme infolge der Invasion der Hunnen – die sogenannte Völkerwanderung – hob die sklavistische Raumordnung zwischen Imperium Romanum und Barbaricum auf. Anfängliche Beutezüge germanischer raiders über den Limes gingen bald in kaum steuerbare Migrationen landsuchender Stämme, bald in gewaltsame Einfälle bewaffneter Verbände über, die schließlich zur Landnahme ganzer Provinzen durch die barbarischen Eliten führten. Dabei widerfuhr der römischen Bevölkerung mit der gewaltsamen Einwanderung gleichsam das Schicksal später Rache, wurde sie doch just von jenen Barbaren unterworfen und geknechtet, deren Vorfahren dem Imperium jahrhundertelang als Sklaven hatten dienen müssen.

Mit dem Fall Roms ging auch die antike sklavistische Teilung Europas unter. Allerdings schwanden nur die versklavungsfreien Räume. Denn nach dem Zusammenbruch des Römischen Reichs verkam der gesamte europäische Kontinent insofern zu einer vollkommenen Zone der Versklavung, als sich das slaving nicht nur in Mitteleuropa radikalisierte, sondern sich auch auf die Gebiete Süd- und Westeuropas ausdehnte, die vor dem Kollaps des Imperiums als römische Provinzen nahezu versklavungsfreie Distrikte gewesen waren.

Der Rückfall in die barbarische Praxis gegenseitiger Versklavung dauerte vom 5. bis ins 8. Jahrhundert – nicht nur, weil sich mit dem Einfall der Awaren ins Karpatenbecken und der auch dadurch verursachten Einwanderung militanter Stämme der Slawen nach Mittelosteuropa weitere Akteure (und Opfer) des slaving auf dem Kontinent festsetzten, sondern auch, weil die eingewanderten germanischen Kleinkönige und ihre Gefolgschaften nach der Landnahme Macht und Ansehen dadurch mehrten, dass sie sowohl die alte ortsansässige Bevölkerung als auch die neu angesiedelten benachbarten Stämme versklavten – ein Geschäft, das ihnen andere Stammesfürsten wiederum streitig machten. Der andauernde Konkurrenzkampf um Land und Leute mündete in einen dauerhaften Kriegszustand mit permanenten slaving raids. Es ist daher kaum verwunderlich, dass alle germanischen Nachfolgereiche auf ehemals weströmischem Terrain von einer grotesken Instabilität gezeichnet waren. Rascher Aufstieg und jäher Fall folgten stets unmittelbar aufeinander. Das gilt für Attilas Herrschaft im Karpatenbecken ebenso wie für die Vandalen in Nordafrika oder Theoderichs Goten in Italien und auch noch für das Frankenreich der Merowinger. Das frühmittelalterliche Kontinentaleuropa der hunnischen und christlich-germanischen failed statesbildete auf diese Weise jahrhundertelang eine Lieferzone mediterraner und vorderasiatischer Imperien und ihrer Märkte.

Die wohl am häufigsten gehandelte Ware, die Europäer auf den orientalischen Märkten anbieten konnten, waren Europäer, die von Europäern auf dem ganzen Kontinent gejagt und gefangen wurden – um sie dann als Sklaven in den Osten zu verkaufen. Ihr Vorteil lag nicht nur in ihrem hohen Wert, sondern auch darin, dass ihre Transportkosten sehr überschaubar waren, denn sie transportierten sich selbst von einem Ort zum nächsten. Tatsächlich konnte man sie sogar zwingen, noch zusätzliche Waren wie Pelze oder fränkische Schwerter mitzunehmen.6

Der frühmittelalterliche Fernhandel zeigt unmissverständlich das eklatante Macht- und Wohlstandsgefälle zwischen Orient und Okzident, das sich im europäischen Sklavenexport manifestierte. Kontinentaleuropa war »eine der vielen Peripherien der Weltgeschichte«, sowohl im germanischen Westen als auch im slawischen Osten, ein »Liefer- und Exportterritorium menschlicher Körper«,7 insbesondere für die großen Handelszentren in Nordafrika und Vorderasien.

* * *

Eine welthistorische Wende in der Geschichte der Sklaverei trat allerdings Mitte des 7. Jahrhunderts ein. Um 650 hatte sich im Zuge der islamischen Expansion eine Sklavenhaltergesellschaft im Orient und an den südlichen Mittelmeerküsten ausgebildet, in der die eigenen Glaubensbrüder und -schwestern sowie die unterworfenen Schutzbefohlenen nicht mehr versklavt werden durften. Es war also mit dem Kalifat eine perfect no-slaving zone entstanden, da im mamlakat al-islām prinzipiell jede Versklavung der Untertanen – sowohl durch Krieg und Razzia als auch durch Strafjustiz, Selbstversklavung oder Geburt – ausgeschlossen wurde. Dieses religiöse Tabu führte zu einer nie dagewesenen Nachfrage nach Sklaven an der gesamten Peripherie des islamischen Weltreichs, die vom nach wie vor bestehenden Bedarf des oströmischen Byzanz noch verstärkt wurde. Überall an den Rändern des mamlakat al-islām und der byzantinischen Einflusszone entstanden in den folgenden Jahrhunderten neue Lieferzonen, intensivierte sich in den alten Versklavungsgebieten das slaving, verwandelten sich bereits leidlich stabile Herrschaften erneut in fragile Räume.

Sowohl im christlich-lateinischen Okzident als auch im subsaharisch-paganen Afrika entstanden in der Folge erneut slaving zones, obwohl sich dort zuvor erste Imperien, ebenso souveräne wie sakrale Königsherrschaften gebildet hatten, nämlich in Europa im 8. Jahrhundert das Reich der Karolinger sowie im Sudan ein Jahrhundert später das Reich von Ġhāna. Sowohl das kontinentale Kerneuropa als auch das westsudanische Afrika lagen an der Peripherie mehrerer imperialer Zentren der mittelalterlichen Welt und entwickelten sich im 9. beziehungsweise 11. Jahrhundert erneut zu deren Lieferzonen. Vorausgegangen war jeweils ein politisch-militärischer Kollaps: In Europa brach die karolingische Herrschaft im 9. Jahrhundert zusammen, im subsaharischen Afrika fiel Ġhāna rund 100 Jahre später als hegemoniale Macht. Neben dem oströmischen Reich Byzanz mit seiner Hauptstadt Konstantinopel bildete vor allem das arabisch-muslimische Weltreich – zunächst das umayyadische Kalifat von Damaskus, dann ab 750 das abbasidische Kalifat von Bagdad – jene ökonomisch-politischen Zentren aus, in deren sklavistischen Sog Westeuropa und Westafrika vom 8. Jahrhundert an gerieten. Denn die armed brutes der Menschenjagd – Saraceni, víkingr, ungari (wie sie in den lateinischen Quellen oft genannt werden) – beantworteten letztlich jene enorme Nachfrage byzantinischer und muslimischer Sklavenmärkte, die wiederum den Bedarf ihrer urbanen Zivilisationen an Arbeitskräften in Haus und Hof, Bergbau und Landwirtschaft, Militär und Verwaltung befriedigten. Konstantinopel, Damaskus, Bagdad, Cordoba – um nur vier Hauptstädte zu nennen – waren Metropolen mit Hunderttausenden Einwohnern, immenser Kaufkraft und einem Heißhunger auf menschliche Körper, der nur mit fremden Menschen gestillt werden durfte und konnte.

Vor dem Hintergrund dieser welthistorischen Wendung erscheint das fränkische Karolingerreich Karls des Großen als ein hoffnungsloser Aufhalter in einem langen letzten Gefecht. Doch verdient eine Tatsache festgehalten zu werden: Der Aufstieg des Frankenreichs zur Hegemonialmacht im abendländischen Europa unter Karolus Magnus ging mit einer Tabuisierung der Sklaverei christlicher Untertanen Hand in Hand. Damit war das karolingische Kaiserreich der erste – unzulängliche – Versuch, eine perfect no-slaving zone im Okzident zu gründen.

* * *

Ein Blick auf die Landkarte der slaving raids im christlich-lateinischen Europa offenbart das ganze Ausmaß der Katastrophe, die sich im 9. und 10. Jahrhundert ereignete: Während von Süden die Fangarme muslimischer Emirate die christlichen Kulturlandschaften der Méditerranée betasten, schlingt gleichzeitig von Norden der wikingische Polyp seine Tentakeln einmal um den gesamten Erdteil und greift über die großen Flüsse tief ins Landesinnere, bis bald darauf von Südosten die Magyaren ihre mobilen Fangapparate ins Herz des Kontinents vorschnellen lassen. Die Invasionen der Normannen, Araber und Ungarn geschahen – auf ein Jahrhundert gesehen – gleichzeitig oder in unmittelbarer Abfolge.

Wie im sudanischen Afrika ab dem 11. Jahrhundert, so trug auch das slaving gegen das lateinische Europa genozidale Züge. Es dauerte rund 100 Jahre. Vorsichtige Schätzungen gehen von durchschnittlich 5000 Menschen pro Jahr aus, die in die islamische Welt, nach Skandinavien, Osteuropa oder nach Byzanz deportiert wurden. Das heißt: Von 834 bis 933 wurden ungefähr 500 000 Menschen aus dem christlichen Europa versklavt und verschleppt, unterjocht, gehandelt und ausgebeutet. Und weil die slaving raids nicht nur Gefangennahme und Verschleppung bedeuteten, sondern mit massenhaften Tötungen einhergingen, dürfte innerhalb eines Jahrhunderts mehr als eine Million Europäer den Razzien und Versklavungsfeldzügen zum Opfer gefallen sein. Bei insgesamt vier Millionen Untertanen des Frankenreichs eine gewaltige Zahl.

Dessen ungeachtet hat man über 120 vollständig zerstörte Städte gezählt. Viele davon wurden für immer vernichtet. Die beiden größten Handels- und Finanzplätze des Frankenreichs – Dorestad und Quentovic – mussten aufgegeben werden. Ein kaum abschätzbarer Verlust. Daneben traf es Gotteshäuser und Klöster, Pfalzen und Burgen, die immer wieder überfallen, geplündert und gebrandschatzt wurden – die Angriffe hinterließen zerschmetterte Landschaften, die nun (wehrloser denn je) Menschenfängern und Sklavenhändlern offenstanden.

Neben den geraubten und getöteten Menschen, den zerstörten Städten und Klöstern spricht auch die Höhe der geleisteten Tribute eine deutliche Sprache: Nach quellenbasierter Schätzung summierte sich der wirtschaftliche Schaden, den allein die gezahlten Schutzgelder an die Wikinger zwischen 834 und 892 im Frankenreich verursachten, auf mindestens 15 Tonnen Silber. Das entsprach dem Wert von 7 Millionen fränkischen Denaren, von denen im gesamten Jahrhundert circa 50 Millionen im Frankenreich hergestellt wurden. Mit anderen Worten: Allein mit den Schutzgeldern schöpften die Nortmanni 14 Prozent der Jahrhundertproduktion an Münzen im christlich-lateinischen Europa ab.8

Was auf den Feldzügen an landwirtschaftlichen Produkten wie Getreide, Vieh und Wein requiriert, was an Alltagsgütern und Dingen des täglichen Bedarfs konfisziert, wie viele Waren und Produkte, kostbare Stoffe, Schmuck oder religiöse Kultgegenstände erpresst und geraubt wurden, lässt sich kaum seriös schätzen. Der volkswirtschaftliche Schaden war jedenfalls beispiellos. Alles in allem nimmt es kaum wunder, dass das 9. Jahrhundert als eine Epoche großer Hungerkrisen, demografischer Stagnation und kulturellen Niedergangs in die europäischen Geschichtsbücher eingegangen ist.

* * *

Während das sudanische Afrika in der Epochenscheide vom Mittelalter zur Neuzeit dauerhaft zur Lieferzone par excellence gemacht wurde, zunächst für die islamischen Emirate und Sultanate und ihre Karawanenhändler im afrikanischen Norden, auf der arabischen Halbinsel und im Vorderen Orient, ab dem 15. Jahrhundert zusätzlich für die Kaufleute, Reeder und Handelsgesellschaften europäischer Monarchien sowie deren Kolonien, das heißt die nord- und südamerikanischen Sklavenhaltergesellschaften, konnte sich das christliche Europa bereits im 10. Jahrhundert aus dem Griff der Sklaverei und ihrer Fangapparate befreien.

Tatsächlich waren es zwei Mittel, mit denen sich das lateinische Europa rettete: Gewalt und Glaube. Während der Einsatz massiver militärischer Gewalt kurzfristig half, wirkte das kirchliche Verbot der Versklavung von Christen langfristig. Menschenhandel und Menschenjagd zu ächten, garantierte die vorherige brutale Selbstbefreiung, wie denn auch ohne die kompromisslose Verteidigung eine Tabuisierung der Sklaverei nicht dauerhaft hätte wirksam werden können. Es brauchte also einerseits äußerste Gewalt, um die vormalige, kurzlebige versklavungsfreie Zone im christlichen Abendland wiederherzustellen, andererseits war die christliche Moral nötig, um das Tabu des Versklavens und der Sklavenhaltung (von Christen) zunächst soziokulturell, danach auch politisch auf Dauer durchzusetzen.

2. Jagdgründe 834–933

»Es geschah auch, dass Karl […] in eine Seestadt des narbonensischen Gallien kam. Während er […] beim Frühstück saß, machten normannische Seeräuber einen Überfall auf den Hafen dieser Stadt.Während nun die einen, als man die Schiffe sah, erklärten, es seien jüdische, andere aber, es seien afrikanische oder bretonische Kaufleute, schloss der weise Karl […], dass es sich nicht um Kaufleute, sondern Feinde handelte. […] Als die Seinen das hörten, eilten sie […] zu den Schiffen. Aber umsonst: die Normannen hatten erfahren, dass […] Karl […] dort sei, und damit nicht alle ihre Waffen an ihm stumpf oder in kleinste Stücke zerschmettert würden, entzogen sie sich in unvergleichlich rascher Flucht nicht bloß den Schwertern, sondern auch den Augen ihrer Verfolger. Der fromme, gerechte und gottesfürchtige Karl aber stand von der Tafel auf und trat ans Fenster gegen Osten. Hier vergoss er unzählige Tränen […]. Schließlich sagte er […]:Wisst ihr, meine Getreuen, warum ich so sehr geweint habe? Ich fürchte nicht, dass diese Nichtse und Nullen mir schaden könnten, aber ich bin sehr betrübt darüber, dass sie es zu meinen Lebzeiten gewagt haben, diese Küste zu betreten. Und es quält mich großer Schmerz, weil ich voraussehe, welche Leiden sie über meine Nachfahren und deren Untertanen bringen werden.«

Notkeri gesta Karoli II, 14

2.1 Hammaburg 845 oder das Ende der europäischen no-slaving zone

Im Jahr 845 überfielen Wikinger – vermutlich mehrere hundert Krieger – die Hammaburg, das heutige Hamburg. Die 1000 Einwohner zählende Hafenstadt stand damals in ihrer ersten Blüte. Verkehrsgünstig auf einem Geestrücken in den ebenen Marschen zwischen Alstermündung und Elbe am wichtigen Handelsweg Ossenpad gelegen, prosperierte Hammaburg nicht nur zu Lande als Handelsplatz und Zollstation für den gesamten heutigen norddeutschen Raum bis hoch nach Dänemark, sondern auch als Tor zur Nordsee.

25 Jahre zuvor war ein neuer Hafen an einem Fleet der Alster angelegt worden. Zahlreiche Kaufleute und Handwerker hatten sich in der Vorstadt niedergelassen. Hier konnte man sein Glück machen. Über allem stand die Hammaburg, auch sie erst kürzlich, um 820, als Ringwallanlage strategisch günstig auf einem Geestsporn nahe einer Alsterfurt errichtet. Eine Burgmannschaft unterstand Graf Bernard, dem königlichen Amtsträger. Der junge sächsisch-fränkische Handelsknotenpunkt sollte gegen seine nordostwärts der Elbe siedelnden heidnischen Nachbarn – Slawen und Dänen – gut geschützt sein.

Die Hammaburg war ein Ort militärischer Grenzsicherung und zugleich ein Handelsplatz. Stadt und Burg waren aber nicht nur ein wirtschafts- und machtpolitisches Prestigeobjekt, sondern auch ein Missionsprojekt ersten Ranges. Deshalb entsandte der fränkische König und Kaiser Ludwig der Fromme (778–840), Sohn Karls des Großen (748–814), den Benediktinermönch Ansgar (801–865) aus dem Wesertaler Kloster Corvey 834 als Missionsbischof an die Elbe. Damit avancierte Hammaburg zur jüngsten und zugleich ambitioniertesten Diözese der lateinischen Christenheit. Von dort sollte die Christianisierung der Gebiete nordöstlich der Elbe, ja ganz Skandinaviens ausgehen. Gleich nach seiner Ankunft ließ Bischof Ansgar eine Schule, ein Kloster und die hölzerne dreischiffige Marienkirche bauen, gemäß dem Vorbild seines Stammklosters Corvey, das eine Generation zuvor – nach den Sachsenkriegen Karls des Großen – zum Ausgangspunkt der Christianisierung Westfalens gemacht worden war.

Als »Legat des Apostolischen Stuhls zu den noch im Heidentum befangenen Schweden, Dänen, Slawen und sonstigen Völkern des Nordens«,9 wie es in der hagiografischen Vita Anskarii heißt, bald auch vom Papst eingesetzt, verlor der Benediktiner bei der Missionierung des Nordens keine Zeit. Schon 829 hatte ihn eine erste Mission ins schwedische Birka geführt. Nach »ehrenvoller Aufnahme durch König und Volk begann er dort sogleich mit dem einmütigen Einverständnis aller eine Kirche zu bauen und die Gottesbotschaft zu verkündigen«.10 Von Hammaburg aus zogen christliche Missionare in den folgenden Jahren unter Führung oder auf Geheiß des fränkischen Apostels in den heidnischen Norden, vor allem nach Dänemark und Schweden. Angeblich wuchs dort »die Zahl der Gläubigen […] von Tag zu Tag«.11 Ein Teil des Missionswerks bestand offenbar im Loskauf von Sklaven. Ansgar löste in den 830er-Jahren zahlreiche Slawen und Dänen aus, »um sie zum Dienste Gottes zu erziehen«:12 Die Männer, die Ansgar aus den Fesseln der nordischen Knechtschaft befreite, traten denn auch ausnahmslos in den Dienst der Ordensgemeinschaft in Hammaburg oder in die des flandrischen Klosters Turholt ein, wie die Quellen berichten.

Obwohl der Hamburger Kirchenfürst mit »Eifer […] unter großen Mühen […] Gottes Wort bei allen Völkern der Slawen und Dänen oder Normannen ausgesät« hatte, blieb ihm ein nachhaltiger Erfolg verwehrt: »Kriegsstürme« verhinderten die Bekehrung.13 Der Wikingerüberfall Anno Domini 845 bewirkte einen jähen Zusammenbruch: »Die herrliche Stadt ging in Raub und Brand völlig unter. Da wurde die Kirche vernichtet, da das Kloster, da die mit großem Fleiß zusammengetragene Bibliothek«,14 heißt es in der Gesta Hammaburgensis ecclesiae Pontificum knapp. Von einer »völligen Zerstörung« spricht auch Helmolds Slawenchronik: »Der berühmte Ort und der neue Kirchenbau gingen ganz in Flammen auf«.15 Ausführlich berichtet Bischof Rimbert (830–888), Ansgars Nachfolger, von der Vernichtung des hamburgischen Missionsbistums. Er war vermutlich Augenzeuge des Untergangs:

Da wurde die unter Leitung des Herrn Bischofs errichtete kunstreiche Kirche und der prächtige Klosterbau von den Flammen verzehrt. Da ging mit zahlreichen anderen Büchern die unserem Vater vom erlauchten Kaiser geschenkte Prachtbibel im Feuer zugrunde. Alles, was Ansgar dort an Kirchengerät und anderen Vermögenswerten besessen hatte, wurde bei dem feindlichen Überfall durch Raub und Brand ebenfalls vernichtet; ihm blieb nur das nackte Leben. […] Fast alles, was er seit seiner Erhebung zum Bischof zusammengebracht […] hatte, war mit einem Schlage dahin.16

Einhellig sprechen die Quellen nicht nur von einer gründlichen Vernichtung der Missionskirche, sondern auch vom Ende des Bistumssitzes. So stark sei »die Macht des Bösen« gewesen, dass »der Herr Bischof und die Seinen in große Not und Trübsal« gerieten: »die Brüder des Klosters mussten sich […] bald hier, bald dort einen Unterschlupf suchen, hatten sie doch nirgends mehr einen festen Wohnsitz«.17 Hammaburg »verödete fast völlig«, »die Missionslegation erlahmte«.18 Stadt und Hafen waren so schwer verwüstet, dass es Jahrzehnte brauchte, bis Handel und Gewerbe wieder prosperierten. Mehr als ein halbes Jahrhundert dauerte es, bis der Wiederaufbau der Burg gelang. König Ludwig (806–876), seit dem Tod Kaiser Ludwigs, seines Vaters, und dem Vertrag von Verdun 843 Herrscher über den ostfränkischen Reichsteil (deswegen später »der Deutsche« genannt), »suchte […], den Verlust der hamburgischen Kirche zu ersetzen«, indem er Ansgar das Bistum Bremen verlieh:

Er fügte den Bremer Stuhl […] zur hamburgischen Kirche hinzu; sie sollten nicht mehr zwei, sondern ein Sprengel sein. Weil nämlich beide Bischofssitze wegen der Seeräubereinfälle sehr gefährdet waren, erschien es zweckmäßig, dass die Hilfe des einen den anderen aufrichtete und sie sich gegenseitig unterstützten. Als in der Sache Anweisung vom Apostolischen Stuhl empfangen war, wurde alles durchgeführt, was der fromme Fürst im Geiste entworfen hatte: die bremische Kirche wurde mit der hamburgischen vereinigt und der heilige Ansgar bekam beide zu leiten; sie wurden eine Herde unter einem Hirten.19

Exakt 50 Jahre nach seiner Zerstörung bestätigte Papst Formosus (816–896) die Neugründung des Erzbistums Bremen und Hamburg, allerdings mit Sitz in Bremen, sodass Hamburg nur als privilegiertes Domkapitel fortbestehen konnte.

Auch wenn die christlichen Chronisten nicht müde werden, Ansgars beharrlichen Eifer in der Mission Skandinaviens auch für die weiteren 20 Jahre seiner bischöflichen Amtszeit zu betonen, kann kein Zweifel daran bestehen, dass das skandinavische Missionsprojekt mit dem Überfall der Wikinger katastrophal gescheitert war. Die um 850 einsetzende Vertreibung der Missionare aus Skandinavien stand im direkten Zusammenhang mit dem Wikingerüberfall auf die Hammaburg. Im Laufe der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts wurden die ambitionierten Pläne, den Norden von dort aus zu bekehren, praktisch aufgegeben. Für die folgenden 100 Jahre kann jedenfalls von einer erfolgreichen Christianisierung Nordeuropas nicht gesprochen werden.

Es liegt daher nahe, die Zerstörung Hammaburgs als ein Ereignis unter vielen im historischen Konflikt zwischen skandinavischem Heidentum und lateinischem Christentum zu betrachten. Demnach wäre auf die beginnende geistliche Eroberung der heidnische Gegenschlag erfolgt, also dumpfe, brutale Gewalt als letztes, mithin verzweifeltes Mittel eingesetzt worden, um die dem paganen Norden fremde Christianisierung abzuwehren, die mit friedlicher Verkündung der Frohen Botschaft sowie frommen Werken erfolgreich das Volk Odins, Freyas und Thors bekehrte. War der Überfall die kriegerische Antwort auf eine erfolgreiche friedliche Mission?

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Die Verbreitung des christlichen Glaubens gehörte zweifellos zu den vornehmsten Aufgaben der karolingischen Herrscher. Im Zeichen des Kreuzes standen letztlich alle Kriege Karls des Großen. Ihm galten seine Eroberungen als Seelenrettung der Unterworfenen, als eine ihm, den Seinen wie den Besiegten Heil verbürgende Tat angesichts des kommenden Jüngsten Tags. Politisch gesprochen, führte die Dynastie der Karolinger ihre Monarchie auch deswegen zu kontinentaler Vorherrschaft, weil sie dank des Bündnisses mit dem Papst ihre militärischen Expansionen religiös zu legitimieren vermochte.

Schon Mitte des 8. Jahrhunderts war das fränkische Königtum zur Schutzmacht der katholischen Kirche aufgestiegen, die ihr ihrerseits universalen Nimbus wie sakrale Aura verlieh. Angesichts der bevorstehenden Kaiserkrönung am Weihnachtstag 800 zu Rom erklärte der fränkische König Karl der Große Papst Leo III. (750–816) unmissverständlich das symbolisch wechselseitige, machtpolitisch aber einseitige Verhältnis von geistlicher und weltlicher Macht:

Unsere Aufgabe ist es, mit Hilfe des göttlichen Erbarmens die heilige Kirche Christi allenthalben vor dem Überfall der Heiden und vor der Zerstörung durch Ungläubige mit den Waffen nach außen zu verteidigen und nach innen mit der Erkenntnis des katholischen Glaubens zu festigen. Eure Aufgabe, heiligster Vater, besteht darin, wie Moses die Hände zu Gott zu erheben und somit unserem Kampf zu helfen, damit auf eure Bitten hin das christliche Volk unter der Führung Gottes über die Feinde seines heiligen Namens überall den Sieg erringt und der Name unseres Herrn Jesu Christi im ganzen Erdkreis erstrahlt.20

Diesen weltordnenden Worten waren Taten vorangegangen. Das Amt des obersten Schutzherrn der lateinischen Christenheit hatte sich der große Franke als überaus erfolgreicher Kriegsherr und Eroberer gewissermaßen erworben.

Mit dem frühen Ableben seines Bruders und Mitregenten Karlmann (751–771) war für Karl der seltene Glücksfall eingetreten, allein über das Frankenreich zu gebieten. Er hatte damit die nötigen politischen und militärischen Mittel in die Hand bekommen, um eine wahrhaft imperiale Expansionspolitik umzusetzen. Des Frankenreichs »Volk in Waffen«, ein Heer von bis zu 10 000 Kriegern, bestehend aus Panzerreitern, leichter Kavallerie und einem großen Kontingent Fußtruppen, kurzum: die »schlagkräftigste Armee des Abendlandes«,21 hörte nun allein auf sein Kommando!

Wie zuvor König Pippin (714–768) wurde auch Karl vom Papst, nämlich von Hadrian I. († 795), um militärischen Schutz vor den Langobarden gebeten. Wie dem Vater gelang es dem Sohn, den König der Langobarden militärisch zu schlagen. Und gleich ihm empfing er als treuer Beschützer der Kirche die Schlüssel der Stadt Rom aus den Händen des Heiligen Vaters. Aber Karl ging noch einen Schritt weiter: Als siegreicher Heerkönig setzte er sich die langobardische Krone aufs Haupt. Damit wurde der fränkische König 774 als patricius Romanorum und rex Langobardorum zum Herrn Nord- und Mittelitaliens. Und wie sein Vater Pippin vor ihm, so erhielt Karl all diese Macht verheißenden Titel um den Preis von Territorien in Italien, hatte er doch dem Apostolischen Stuhl die vormaligen Landschenkungen, die »Pippinsche Schenkung«, bestätigen müssen, was zugleich bedeutete, künftig für den militärischen Schutz des damit entstandenen Kirchenstaats zu sorgen.

Der letzte Akt des gigantischen Gabentauschs zwischen weltlicher und geistlicher Macht vollzog sich mit der bereits erwähnten Kaiserkrönung selbst: Der vom römischen Stadtadel zunächst bedrohte, bald gekidnappte Papst Leo III. floh – angeblich geblendet und mit verstümmelter Zunge – zu Karl, um dann unter dessen Schutz in die Ewige Stadt zurückzukehren. Dem karolingischen Strafgericht gegen die Widersacher des Papstes folgte Karls Kaiserkrönung in Rom: Aus dem fränkischen König war der römische Kaiser geworden. Die Übertragung des Römischen Reichs auf den König der Franken rechtfertigte nachträglich alle zuvor errungenen Siege. Karls Kriege erschienen nun im eschatologischen Glanz heilsgeschichtlichen Geschehens.

Und dennoch wäre es zu kurz gegriffen, Karls Expansionspolitik auf das sakrale Amt für die katholische Kirche zu reduzieren. Denn ganz offensichtlich gehörte es ebenso zum Auftrag des Königs und Kaisers, den existenziellen Schutz aller Christen im Reich real zu gewährleisten und praktisch umzusetzen. Und das hieß, die Grenzen des Imperiums entweder vor seinen heidnischen oder muslimischen Nachbarn zu schützen oder gar missionarisch zu verschieben.

Dahinter standen teils religiöse, teils profane Motive: Als Erstes ging es um die Ausbreitung des lateinischen Christentums am ebenso befürchteten wie herbeigesehnten Ende aller Zeiten: Heilige Kriege, wenn man so will, die unter Charlemagne zur Christianisierung der benachbarten heidnischen Sachsen und Awaren führten. Zweitens scheint die Idee einer restauratio imperii ein handlungsleitender Beweggrund gewesen zu sein: Rom und die westlichen Kaiserstädte wurden ebenso zurückerobert wie die einst römischen Provinzen Norditaliens, Sachsens, Bayerns, Karantaniens und Pannoniens. Drittens musste der fränkische Heerkönig seine Gefolgschaft belohnen und versorgen, um Macht und Einfluss zu erhalten. Denn nur die Aussicht auf Beute und ihre freigebige Verteilung garantierten dem König und Kaiser die beständige Loyalität und Waffenhilfe seiner Vasallen und Gefolgsleute. Je großzügiger der siegreiche Feldherr, desto sicherer war seine königlich-kaiserliche Herrschaft vor innerdynastischen Konkurrenten und gentilen Rivalen im Reich. Somit war Karl »zum Erobern verdammt«22– wie jeder mittelalterliche Fürst, aber als »heiliger Barbar«23 führte er seine Kriege, um den wahren Glauben in der Welt durchzusetzen.

Viel länger als der erwähnte Langobardenfeldzug in Italien dauerte die Unterwerfung der Sachsen. Fast 33 Jahre währte der Krieg gegen die heidnischen Germanen zwischen Rhein und Elbe. Unter dem Schlachtruf »Tod oder Taufe!« führte Charlemagne von 772 bis 804 Feldzug auf Feldzug, um den beharrlichen Widerstand des schier unbeugsamen heidnisch-germanischen Stammes zu brechen, der mit Beutezügen ins Frankenreich seinerseits Vergeltung übte. In die Knie gingen die Sachsen schließlich vor einem brutalen Christianisierungsregime: Drakonische Strafen gegen ihre religiösen Riten und Bräuche, die Taktik verbrannter Erde, Tausende von Hinrichtungen und Umsiedlungen – all das ließ Karl ebenso erbarmungslos exekutieren, wie er die Zwangstaufe ungezählter Sachsen durchzusetzen wusste. Versklaven ließ er die Sachsen nicht, auch wenn das immer wieder behauptet wird. Im Gegenteil, letzten Endes ging es darum, das Seelenheil der sächsischen pagani zu retten, die als barbari eine religiös-germanische Kultgemeinschaft mit den skandinavischen Stämmen und Völkern bildeten.

In den Augen seines Biografen Einhard trachtete Karl danach, endlich die umkämpfte Ostgrenze des Reichs zu befrieden: Denn »hier nahm[en] denn Totschlag, Raub und Brandstiftung auf beiden Seiten kein Ende«.24 Demnach war der Sachsenkrieg auch ein Mittel, um den Schutz der Christen im Frankenreich zu gewährleisten. Mit anderen Worten: Neben der Mission galt es, an der Ostgrenze des fränkischen Reichs ein für alle Mal einen versklavungsfreien Raum, das heißt eine vor Überfällen heidnischer Menschenjäger sichere Zone zu schaffen. Den wiederkehrenden Raubzügen sächsischer raiders sollte endgültig Einhalt geboten werden. Einhard lässt uns in knappen Worten wissen, dass die ständigen Angriffe der Sachsen – die immer auch Menschenjagden waren – die Franken so sehr erbitterten, »dass sie nicht Gleiches mit Gleichem heimgeben, sondern offen Krieg mit ihnen führen wollten«.25 In den Augen der Kirche bedeutete die karolingische Schwertmission nichts weniger als den Sieg der gottgefälligen Ordnung – und das hieß auch: die Schaffung eines Friedensraums des Glaubens, in dem das Versklaven der christlichen Bevölkerung ein Ende nahm.

Offensichtlicher noch als in den Sachsenkriegen ging es beim Feldzug gegen die Awaren um einen offensiv geführten Verteidigungskrieg, der nach der gewaltsamen Eingliederung Bayerns in die karolingische Herrschaft nötig geworden war. Denn das Frankenreich grenzte nun unmittelbar an das Einflussgebiet des awarischen Khaganats, eine predatorische Stammesherrschaft, die ganz wesentlich vom Menschenhandel lebte. Für Einhard war dieser neunjährige Feldzug der »bedeutendste Krieg von allen«:

»Wieviel Schlachten« gegen die »Awaren oder Hunnen« geschlagen, »wieviel Blut vergossen wurde, wird dadurch bewiesen, daß Pannonien ganz unbevölkert ist, und der Ort, wo vormals des Kagans Königsburg war, jetzt ganz verödet liegt, daß keine Spur menschlicher Behausung auf ihm zu entdecken ist«.

Der gesamte Adel der Hunnen kam in diesem Kriege um, ihr ganzer Ruhm ging unter. Alles Geld und die seit langer Zeit angehäuften Schätze fielen in die Hände der Franken, kein Krieg, soweit Menschengedenken reicht, brachte diesen soviel Reichtum und Macht. Denn [es] fand nun sich in der Königsburg eine solche Masse Gold und Silber, und in den Schlachten fiel so kostbare Beute an, daß man mit Recht glauben durfte, die Franken hätten gerechterweise den Hunnen das geraubt, was diese früher anderen Völkern ungerechterweise geraubt hatten.26

15 vierspännige Ochsenkarren voller Gold, Silber und Edelsteinen erreichten bald Aachen. Den Schatz des Khan, den man kurzerhand erschlagen hatte, aus dem Ring der Awaren verteilte Karl als nun mächtigster König des Abendlands großzügig und freigebig an den Heiligen Stuhl, die Kirchen und Klöster im Reich, natürlich auch an seine Vasallen und Gefolgsleute und schließlich an andere christliche Fürsten und Könige Europas. Das schmutzige Gold der awarischen Razzienkrieger, das befleckte Silber aus ihrem Menschenhandel floss größtenteils in die abendländischen Gotteshäuser, um dort gewissermaßen gereinigt und geläutert der Verkündigung der göttlichen Botschaft und dem Lobpreis des Herrn zu dienen.

Tatsächlich waren die avares, die in den Quellen bezeichnenderweise oft auch huni genannt werden, ein seit Jahrhunderten gefürchtetes Reitervolk, das im 6. Jahrhundert aus der asiatischen Steppe zunächst in Ost- und Mitteleuropa eingefallen und dann eingewandert war – wie zwei Jahrhunderte vor ihnen die völkerwanderungszeitlichen Hunnen. Damals hatte das schätzungsweise 10 000 Krieger umfassende Heer der Awaren das oströmische Reich bedroht, dann Norditalien heimgesucht und schließlich die slawischen Stämme in Pannonien, in den östlichen Alpen, in Böhmen und im heutigen östlichen Mitteldeutschland gepeinigt, tributpflichtig gemacht und schließlich dauerhaft unterjocht.

Ihr Leben war der Krieg. Lange Zeit galten ihre gepanzerten Reiter, bewaffnet mit Kompositbogen, Schwert und Lanze, als unbesiegbar. Jahrhundertelang raubten und plünderten die Awaren, beuteten die unterworfenen Stämme und Völker aus, was hieß, regelmäßig slaving raids in alle Himmelsrichtungen zu unternehmen. Militärische Angriffe waren stets Raubzüge und dienten der Menschenjagd. Frieden schlossen die Awaren nicht, sondern nur vorübergehende Waffenstillstände gegen regelmäßige Tributzahlungen, kurzum: minotaurische Verträge.

Ende der 780er-Jahre hatten die Awaren erstmals wieder Norditalien, danach die bayerischen Gebiete des Reichs überfallen, vermutlich in der Annahme, dass der gleichzeitige innerfränkische Konflikt Karls mit dem bayerischen Herzog das Frankenreich geschwächt habe. 791 folgte der Gegenschlag des fränkischen Reichsheeres. »Es war der Kampf gegen die Heiden und die Feinde Gottes«27