Small Talk mit dem Unbewussten - Günter von Hummel - E-Book

Small Talk mit dem Unbewussten E-Book

Günter von Hummel

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Beschreibung

In der klassischen Psychoanalyse dominiert die Sprache (das Wort-Wirkende) das Unbewusste. Dass aber ebenfalls das Bild (das Erscheinungs-Wirkende) im Unbewussten bedeutsam ist, hat der französische Psychoanalytiker J. Lacan anhand der Topologie, der projektiven Geometrie, herausgestellt. Doch so fortschrittlich Lacans Lehre ist, der topologische Teil wirkt zu komplex und theoretisch. Stärkt man den erscheinungs-bild-wirkenden Teil mit Hilfe der Meditation, gelingt nicht nur ein besser verständlicher Überblick, auch die Praxis dieses nunmehr neuen Verfahrens lässt sich therapeutisch umfangreicher anwenden, als Psychoanalyse und Meditation alleine. Deren Verbindung ist kein Widerspruch, wie im Text ausführlich erklärt und wo auch ein Erlernen des neuen Verfahrens vermittelt wird.

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Seitenzahl: 137

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhaltsverzeichnis

1. Zuhause

2. Die Nicht-Blöden irren

3. Formel- und Pass-Worte

4. Vergleich mit der KI, oder: Warum das Unbewusste nicht digitalisiert werden kann

5. Die vier Diskurse

6. Paläoanthropologie

7. Anhang zum Verständnis der Praxis

Literaturverzeichnis

1. Zuhause

Dass man Psychoanalyse und Meditation zu einem eigenen, neuen Verfahren der Psychotherapie oder zu einer Selbstanalyse verbinden kann, ist nicht schwer zu verstehen. So muss der Psychoanalytiker beispielsweise mit einer „gleich schwebenden Aufmerksamkeit“, wie S. Freud es nannte, dem Patienten zuhören. Er darf sich dem Gespräch nicht so oberflächlich zuwenden, wie dies in den meisten alltäglichen Kommunikationen der Fall ist, sondern soll alle „eigenen Vorstellungen“ zurückdrängen und nur auf die Zwischenklänge des Gesprächs hören. Vereinfacht heißt das, dass er ein bisschen meditieren muss, sich nicht an bewusst-logischen Zusammenhängen orientieren und sich selbst seinem Unbewussten aussetzen soll.1 In diesem Zustand – so Freud – würde er eher empfänglich sein für die leichten Interruptionen und Hemmungen in der Rede des Patienten, aus denen er die Wahrheit heraushören kann. Ganz analog dazu wird auch das Verhalten des Patienten erläutert. Dieser soll nämlich spontan und ungehemmt, also „frei assoziierend“ seinem Sprechen lauf lassen, was ebenfalls mit einem meditativen Vorgang zu tun hat, nämlich völlig unkontrolliert und wie aus der Trance heraus „alles zu erzählen, was einem spontan in den Sinn kommt.“

Es handelt sich nicht gerade um eine Glossolalie, ein Zungenreden, aber um einen Ansatz davon. Idealerweise würden Therapeut und Patient sich „von Unbewussten zu Unbewussten“ miteinander austauschen.2 Diese direkte Kommunikation wird so allerdings kaum Realität, obwohl es um etwas geht, was dem Verfahren ähnelt, das ich in diesem Buch vorstellen will. Doch die Chancen stehen in meinem Fall besser. Es besteht vielleicht ein Gegensatz, aber absolut kein Widerspruch zwischen Psychoanalyse und Meditation, speziell wenn es sich um tiefliegende Gründe des menschlichen Seelenlebens handelt, wie ich es versuche. Auch mit dem Titel dieses Kapitels, dem Zuhause, möchte ich auf diese Gründe hinweisen, die belastend, aber auch wohlwollend sein können, wenn ich an die Kinder denke, die stets nach langen Spaziergängen oder Rückfahrten aus den Ferien jammerten: ‚Wann sind wir endlich wieder zuhause‘? So schön der Urlaub war, so strahlend hell leuchtet letztendlich das kuschelige Zuhause.

Das Zuhause steht für die Mutter, auch für die sogenannte Mutter-Imago, die unbewusste frühe, ‚urverdrängte‘ Mutter, deren geheimnisvolles Wesen als Ehepartnerin des Vaters, als Mutter der Kinder und als eigene Person, als originäre Frau, in allen Zimmern wohnt. Der Vater sitzt im Arbeitszimmer, die Kinder in dem oder den ihrigen, aber die Frau ist überall zu Hause. Wie, wo, warum, weiß man nicht und deswegen wurde sie zum nicht erklärbaren Zentrum der Psychoanalyse. Allerdings schreibt der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan dazu Folgendes: „Dass die Frauen in dem Kreislauf der Diskurse [der Art und sich konkret sprachlich auszudrücken] weniger eingeschlossen sind als ihre Partner, ist kein Zufall. Der Mann, das Männliche, das Virile, so wie wir es kennen, ist eine Schöpfung des Diskurses – zumindest lässt sich nichts von dem, was durch ihn analysiert wird, auf andere Weise definieren. Soviel kann man von der Frau nicht sagen. Nichtsdestoweniger ist jeder Dialog nur dadurch möglich, dass man sich auf der Ebene des Diskurses situiert.“3

Und weiter: „Deshalb könnte, bevor sie erschaudert, die Frau, die von der revolutionären Tugend der Analyse beseelt wird, sich sagen, dass sie, viel mehr als der Mann, Vorteil zu ziehen hat aus dem, was wir eine gewisse Kultur des Diskurses nennen. Nicht, dass sie dafür nicht begabt wäre, ganz im Gegenteil. Und wenn sie davon beseelt wird, dann wird sie in diesem Kreislauf zu einem hervorragenden Führer.“ Dies hat auch damit zu tun, dass die Frau, wie Lacan an anderer Stelle vermerkt, der symbolischen Ordnung buchstäblich unterworfen sei.4 Buchstäblicher als der Mann, sozusagen, obwohl ja beide im alltäglichen, verbalsprachlichen Diskurs eingebettet sind. Aber was heißt das?

Das heißt, dass auf der Ebene der Sprache, des Wort-Wirkenden, der symbolischen Ordnung, die Dinge nicht so einfach gelöst werden können. Der Mann, der sich auf dieser Ebene mehr zu Hause sieht, obwohl die Frau dort eigentlich das Sagen hat, müsste – so wieder Lacan – zu einem Gott von Mann werden, um so etwas wie einer Ehe, dieser seit Jahrtausenden bestehenden seltsamen Institution, eine Festigkeit und Klarheit zu geben. „Mit anderen Worten, wenn in der ursprünglichen Form der Ehe die Frau nicht einem Gott, nicht etwas Transzendentem gegeben wird und sich gibt, dann unterliegt die grundlegende Beziehung allen möglichen Formen imaginären Verfalls, und das ist das, was geschieht, denn wir sind, und zwar seit langem, nicht Manns genug, Götter zu verkörpern.“2

Dass die Sprache, die man doch ständig verwendet und die auch noch im Traum das Geschehen dominiert, wie Freud es in seiner ‚Traumdeutung‘ konstatierte, so schwierig, so ungenau komplex, so fluide funktioniert, klingt seltsam. Die Sprache allein würde Es, das Freud‘sche Es, das Unbewusste, nicht erreichen, betonte Lacan ausdrücklich. In seinem 24sten Seminar behauptete er sogar, dass die Sprache, wie sie üblicherweise verwendet wird, misslungen sei. Sie sei „unpassend, um irgendetwas zu sagen“.5 Vor allem nutze man die Sprache mehr zur Verschlüsselung innerer Strebungen und tiefliegender Begehren, als zur Enthüllung und Klärung, wozu sie eigentlich da sei.6

Anders betrachtet und auf Grund ihrer der Sprache zu unterworfenen Position besteht ein Hauptproblem der Frau darin, dass sie sich zwar bestens mit anderen Frauen unterhalten und verstehen, sich aber nicht so gut mit ihnen in einer größeren Gemeinschaft solidarisieren kann, obwohl sie also im Unbewussten gerade dafür zu stehen scheint. Jedenfalls versucht die Soziologin, Feministin und FLINTA*- Mitglied Franziska Schutzbach in ihrem neuesten Buch solch eine bisher fehlende weibliche Solidargemeinschaft herzustellen.7 FLINTA*, das heißt: Feminin, Lesbisch, Intersex, Non-binär, Transund A-gender, etc., etc., denn, so die Autorin, das Sternchen (*) bedeutet, es werden noch viele weitere Personen und auch ‚Gender-Queere‘ Menschen dazukommen. Zu was? Zu einer queeren, aber Top-Frauenkommune?

Die Autorin steht politisch links und kämpft dafür, dass Frauen sich viel mehr zusammentun und verbünden müssten, doch sollten diese Freundschaften nicht aus Konversation betreibenden Plaudertaschen bestehen, sondern eine feminine Revolte vorantreiben, um eben die verrohten Männer aus dem Patriarchat zu vertreiben. FLINTA* klingt so ein bisschen nach Flinte, doch die ist nicht gemeint, wenn es um die Verfolgung dieser Männer geht, obwohl sie sicher effektvoller wäre, als der reine Kampf mit Worten. Ich glaube allerdings, dass die angeblichen Patriarchate, also die Vaterherrschaften, nur Andriarchate, Männerherrschaften, sind, und dass man das alles anders ausdrücken müsste.

Es geht also um die Relation der Geschlechter, hinsichtlich der Lacan auch behauptet, dass die Frauen ihren Schwerpunkt statt aufs Begehren mehr auf die Liebe verlegt haben, die hochsublimiertes, vergeistigtes, verfeinertes Begehren und Genießen darstellt, aber damit schwerer zu definieren ist. Somit ließe sich allein damit, also mit der Emotionalität der Liebe, eine Frauenbewegung ebenfalls nicht so leicht erstellen. Es braucht guten Feminismus, nicht nur Niedermachung des Patriarchats, sondern ‚Gemeinschaftsmachung‘ für die Frauen selbst. Doch wozu brauchen sie – wie Schutzbach fordert – „die lesbischen Feministinnen,“ die – wie Lacan kühnbetont – verleugnen, dass der ‚Phallus‘ ein Signifikant ist, dass also versteckt Erotisches, unterdrückt Sexuales, verschwiegen männlich Intimes in allem Reden und Beteuern, Sagen und Erklären unbewusst mitschwingt.

Dass der Mann also aus ‚Sex‘ (Sex in Anführungszeichen, verschleiert, verhüllt, und als Liebe getarnt) Logik macht oder zu machen versucht. Demgegenüber würden die Feministinnen diesem Signifikanten, diesem Bedeutungsträger mitten im Fluiden der Sprache nur skeptisch gegenüberstehen. Sie wollen nicht akzeptieren, dass ‚Sex‘ – nicht das Sexuelle, sondern das ‚Sexuale‘ (wie der Psychoanalytiker Laplanche es heißt), das erotisch Wahrhafte (M, Foucault), die unbewusste Triebkraft (Lacan), das Übertragungs-Objekt ‚Sex‘, der Ausgangspunkt des Begehrens als eines ‚sexuierten‘, eine der wirksamsten Metapher als solche ist.

Die Übertragung spielt in der Psychoanalyse eine bedeutende Rolle. Man überträgt in der analytischen Therapie Bedeutungen aus früheren oder aktuellen anderen Beziehungen auf den Therapeuten, woraus dieser Schlüsse bezüglich der ja inadäquaten Relation, fehlerhaft und phantasmatisch unterstellten Beziehung, ziehen kann, denn er ist ja nicht selbst gemeint, sondern speziell Objekt – und das ist auch etwas Reales – dieser Übertragung. Bekanntlich nannte Freud seine Lehre eine ‚Sexualtheorie‘, doch der Sex (jetzt ohne Anführungszeichen) kam darin – im Gegensatz zur generellen Auffassung – ganz schlecht weg. Er galt als die „allgemeinste Erniedrigung des Liebes-lebens“.8 Lacan behauptete gar, dass der Sex gar nicht existiere, weil sich nichts von ihm gesichert, definitiv, logisch, effektiv und real sagen lässt. Dagegen ist mit ‚Sex‘ das grundlegende Begehren als Symptom gemeint, als das drängend Strebende, als der Trieb, der einen Sexual-Charakter hat, aber in der Realität, als sexuelle Tatsache, immer daneben geht. ‚Sex‘ jedoch besteht daraus, eine metaphorische, ausdruckbare Stärke zu erreichen, die in Verbindung mit einem Geschehen, einem psychischen ‚Objekt‘, einem realen Komplex zu einer Lösung, einer Befriedigung führt. Freud hat dies vor allem dem Männlichen abgeschaut, aber behauptet, es gelte für beide Geschlechter von Kindheit an.9

Doch wie könnte man die Frauen auf einen besser definierten weiblichen Nenner bringen? Das einzige, was zählt – so nochmals Lacan – sei ihr Sagen.10 Ihr – hinsichtlich ihrer Beziehung – bedeutendes Sagen, das nicht dem Klang der Stimme, nicht dem Wesen der Argumente, nicht dem Tonfall, nicht der Mitteiligkeit oder der Emotionalität zugehört, sondern lediglich der eigenen Struktur entspricht, wäre die Lösung. Im wahrhaften und anschaulichen Sagen, in dieser Kombination des Imaginären mit dem Realen als einem schöpferischen Sagen, entscheidet sich die Beziehung für beide Geschlechter, insofern es von der Frau her bestimmt wird, die – so gesehen – die „Stunde der Wahrheit für den Mann ist“, so er bereit dazu ist. Denn die müsste man ihm erst erklären, damit sein Sagen sich in der Kombination des Symbolischen mit dem Realen vermitteln kann.11

So geht es hin und her. Ich bemühe mich das Problem aus der Perspektive eines ursprünglichsten ‚Zuhause‘ zu lösen, das aus der Beziehung von Mann und Frau heraus anscheinend nicht so richtig gelingt, obwohl diese Beziehung doch für den Fortbestand der Menschheit so wichtig ist. Und die Stunde der Wahrheit müsste doch hilfreich sein. Ist sie auch, aber anscheinend nicht weit und tief genug, weil bis heute nicht geklärt und weil es eben nicht genügend oder ausreichend durchgreifende Solidargemeinschaften der Frauen gibt, die wie politische oder andere Gesinnungs-Parteien wirken. Stets gibt es mehr Männer-Bünde, -Gruppenbildungen, -Vereine, -Stammtische und Wissenschaftsgruppierungen als solche von Frauen. Das heißt nicht, das die Frauen sich nicht untereinander eins sind. Aber sie bilden keine Rudeln, keinen Groß-Schwarm, keine zusammengeschweißte Horde, keine Truppe.

Nun könnte man sagen, dass es nicht so vordergründig um die Vereinsmeierei gehen muss und die Frauen solche Äußerlichkeiten wie eine Rudelbildung zu Recht nicht schätzen. Die Suffragetten oder ähnliche Gruppierungen waren und sind die Ausnahme. Und sie gelten eher als nicht erfolgreich, wohl aber sind die Frauen als Politikerinnen, Schriftstellerinnen und Wissenschaftlerinnen ohne diesen Bündnis-, Truppen- und Vereins-Charakter durchaus angesehen. So z. B. Anne Applebaum mit ihrem preisgekrönten Buch ‚Die Achse der Autokraten‘, in dem die Autorin präzise nachweist, wie radikal und rücksichtslos die aus Männern bestehenden Autokraten weltweit vorgehen. Obwohl dieses Buch groß Furore machte, hat es nur wenig bewegt, eben weil keine machtvolle Frauenorganisation dahintersteht, von der man sagen könnte: hier und nicht im Männer-Rudel ist die Menschheit zu Hause.

Freilich ist man unter den Männerorganisationen noch viel weniger zu Hause, da in diesen oft Gewalt- und Machtkämpfe dominieren. Trotzdem würde ich sagen, dass beispielsweise die Psychoanalyse eine Organisation und Solidargemeinschaft ist, die anfänglich zwar auch von Männern dominiert war (Freud, Jung, Abraham, Fenichel, Ferenzci, Adler und etliche andere), wobei Melanie Klein und Salome Lou-Andreas und später viele andere Frauen herausragten. Die Situation hat sich weiter gebessert, doch dann kam Lacan, der bis heute als der nach Freud am meisten rezipierte Psychoanalytiker gilt. Er stellte manchmal die Psychoanalyse als einen Autismus zu zweit dar, also etwas Ähnliches wie die Ehe?

Doch daran hielt er nicht lange fest. Mit seinem häufig geäußerten Statement, dass die ‚sexuelle Beziehung immer fehl- und daneben-geht, kurz: eine Freud’sche Fehlleistung ist, weil sie eine hell-strahlende Angelegenheit, aber keine wirkliche Beziehung sei, konstatierte er auch, dass sich nichts davon in einen Dialog einbringen ließe oder real wäre. Real heißt, immer am gleichen Platz erscheinen oder mit seinen Doubles (und das bedeutet hier Mann und Frau, männlich und weiblich) identisch sein, wie es der Philosoph C. Rosset als Übung zu seelischer Ganzheit empfahl. Ich beziehe mich hier auf die Äußerung dieses Philosophen, der wie Freud – und auch wie der Philosoph L. Wittgenstein – davon ausging, dass der Mensch in sich zwiegespalten ist, und dass das Reale (hauptsächlich das psychisch Reale), das ganz und einheitlich ist, nur dann zum Vorschein kommt, wenn man seine Doubles kennt und mit ihnen einig werden kann.12

Nur so, käme man wirklich nach Hause, das heißt zu sich im Unbewussten, zu sich im Dialog mit sich selbst, und zwar so intensiv am stets gleichen Platz, als sei man mit sich verheiratet. Tatsächlich gab es Leute wie z. B. den Philosophen M. de Montaigne, der behauptete, dass man sich zwar notgedrungen an die äußeren Dinge zuhause, im Leben und in der Welt ausreichend anpassen soll, „vermählen sollte man sich aber nur mit sich selbst“. Damit wäre die Freud’sche ‚Sexualtheorie‘, hätte es sie damals schon gegeben, gelöst. Montaigne sagte zwar nicht, dass dies die wahre Ehe sei, aber so ein bisschen ging seine Lehre in diese Richtung. ‚Selbstheirat‘ ist neuerdings sogar ein zunehmendes Vorgehen nach gescheiterten Ehen geworden, hat aber etwas Skurriles an sich.13 Trotzdem, in dem von mir in diesem Buch anvisierten Verfahren, das ich Analytische Psychokatharsis (abgekürzt APK) genannt habe geht es genau um das, um das Gespräch mit dem eigenen Unbewussten, das ein bisschen so aussieht wie eine innige Verbindung des Ichs mit dem Anderen in einem selbst, mit dem Realen, das zu finden das Ziel der Psychoanalyse ist.

Denn weil es mit der innigen Verbindung von Mann und Frau kaum so richtig klappt, hat man sich schon immer einen Anderen gesucht, einen Gott zum Beispiel, der aber zu weit entfernt war, um wirklich Innerlichkeit, Katharsis oder völlige Verbundenheit zu erzeugen. Weil dies also nicht klappte, ist man auf die Sprache gekommen, auf die Dichtung wie bei Homer und auf die Philosophie wie bei Sokrates, Aristoteles und vielen weiteren, bei denen der/das Andere tief im Text eingewickelt war. Schließlich ist man – wiederum wegen des Mangels an zutreffender Innerlichkeit – an das Unbewusste geraten, wie es bei Freud und dann bei Lacan gelehrt und praktiziert wurde. Und auch da ist man jetzt an dem Kipppunkt der Innerlichkeit angelangt. Denn wo ist nun heutzutage der/das Andere in seiner realen Innerlichkeit zu finden?

Lacan definierte das Unbewusste als die „Sprache des Anderen“, nicht einer fremden, sondern eben anders aufgebauten Sprache. Es erinnert ein wenig an Camus‘ Begriff des Absurden. Doch der/das Andere stammt von den Menschen, die früher da waren als man selbst, was nicht absurd ist. Sind die Eltern für das kleine Kind nicht anfänglich total anders als es sich selbst wahrnimmt? Mit dem Anderen in sich selbst, den man also aus Aspekten, Bildern und Lauten, Tönen, Sprachklängen und Echos der frühen Umgebung zusammenstellt, kann man sich ein Leben lang auseinandersetzen – sollte man auch. Deswegen lässt der Therapeut seinen Patienten ja alles sagen, was ihm spontan einfällt bis hin zu Träumen und Phantasien, Affekten und Peinlichkeiten.

Indem er sich selbst zurückhält versucht der Psychoanalytiker seine Patienten sozusagen mittels des Schweigens zu behandeln und ihn auf den inneren Laut, Sprachklang, ‚Ton‘ – das Echo der Signifikanten – wieder zurück zu bringen. Normales Sprechen ist, wie ja mit Lacans ‚unpassend‘ erwähnt, viel zu ausufernd; Laute, Echos klingen viel direkter.14 Dadurch repräsentiert der Psychoanalytiker am besten den Anderen, wenn er so wenig wie möglich sagt. „Für die Skeptiker wie für uns,“ schreibt der Psychoanalytiker R. Nemitz, „gibt es davon zwei Arten: das Stillsein (lat. taceo) als Zurückhaltung gegenüber dem, was man nicht versteht, und das Schweigen, lat. sileo, als Wahrheitseffekt“.15 Denn je mehr nur der Patient sagt, desto näher kommt man der Wahrheit der unbewussten Sprachklänge und Echos. Eigenes Einbringen würde die Aussagen des Patienten nur verfälschen und stören.

Aber genügt dieser Andere für die erwähnte reale Innerlichkeit? Denn was bleibt, wenn die Psychoanalyse beendet ist? Gewiss bleiben dann Erkenntnis, Einsicht, Besserung der Symptome als Ergebnis bestehen. In einer anderen, früheren Veröffentlichung des von mir entwickelten Verfahrens der APK hatte ich im Untertitel mit dem genannten Begriff, nämlich dem eines direkten Gesprächs mit dem Unbewussten und dessen Anderen geworben.16