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Mit "So geht's auch" legt die Alsfelder Autorin und Kolumnistin bereits den fünften Band ihrer Kolumensammlung vor. Wieder geht es um die Tücke des Alltags, das Zwischenmenschliche und alles drumherum. Traudi Schlitt würzt ihre Alltagsfundstücke mit Sprachwitz und Geistesblitzen und teilt mit ihren Leserinnen und Lesern die Freude an den kleinen, schrägen Dingen, die die Momente des Lebens unverwechselbar machen.
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Seitenzahl: 296
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Für alle, die sich jeden Tag wieder im Chaos tummeln.
„So geht’s auch!“ – Der Titel meiner inzwischen fünften Kolumnensammlung ist ein wenig der Tatsache geschuldet, dass „Echt jetzt?“ und „Geht’s noch?“ literarisch schon so überstrapaziert sind. Außerdem haben sie so eine leicht negative Konnotation, die mir, wie ihr sicher wisst, völlig fremd ist. Nach wie vor tummele ich mich (zumindest die meiste Zeit) unter den unverbesserlichen Optimisten und mag einfach nicht daran glauben, dass um uns herum alles irgendwie den Bach runtergeht.
Ein Grund, warum ich immer noch vor mich hinschreibe und meine Texte so gerne mich euch teile. Manchmal hilft es ja schon, dem Irrsinn einmal kurz ins Auge zu blicken, ihn beim Namen zu nennen und dann wieder in einem der vielen unaufgeräumten Hinterstübchen wegzusperren. Und festzustellen: So geht’s auch. Denn es geht ja immer irgendwie, wenn auch oft anders als gedacht.
So schön es auch immer ist, meine Kolumnen aus den letzten Jahren für meine Bücher zu sortieren, so unglaublich ist es, dass schon wieder vier Jahre vergangen sind, seit ich die letzte Sammlung veröffentlicht habe. Mit großer Überraschung habe ich festgestellt, dass sogar noch kleine Pandemie-Ausläufer dabei sind. Lasst euch davon nicht die Laune verderben, ihr Lieben. Wir wissen ja heute, dass der Wahnsinn ungebremst weiterging, wenn auch in anderer Form und dazu auch noch menschengemacht.
Was mich ebenfalls überrascht hat, als ich meine Sammlung zusammenstellte, war, dass sich die Rubrik „Lebenshilfe“ geradezu aufdrängte. Wahrscheinlich ist das mit der Altersweisheit schon weiter fortgeschritten, als ich wahrhaben wollte. Und natürlich frage ich mich und euch an dieser Stelle: Ist das jetzt gut oder schlecht? Wie auch immer: Das Alter (und die damit einhergehenden Erkenntnisse bzw. Defizite) führen dazu, dass ich dieses Mal eine andere Schriftart und einen Punkt größer gewählt habe. Ich hoffe, ihr profitiert alle davon!
Und als ich so schön am Zusammenstellen war, fielen mir meine Texte mit dem Heiligenschein in die Hände. Die veröffentliche ich immer dann, wenn aus meinen kirchlichen Kreisen (für die ich arbeite, wie ihr vielleicht wisst), keiner mit geistlicher Qualifikation für die wöchentliche Andacht in der Zeitung liefert. Dann setze ich immer mal kurz meine Wahnsinnskappe ab, schalte den Heiligenschein an und schreibe etwas, das ich immer ein wenig despektierlich „halbheilig“ nenne. Schaut einfach mal, ob ihr damit was anfangen könnt. Falls es mit der Erleuchtung nicht klappt, macht euch keine Gedanken! Es geht auch so.
Ja, alles andere zu meinen Texten überlasse ich euch und wünsche euch wie immer viel Spaß beim Lesen.
Schön, dass ihr mein Buch vor euch liegen habt und schön, dass ihr alle da seid!
Bis die Tage, und nicht vergessen: So geht’s auch!
Eure Traudi Schlitt
ALLTAGSWAHNSINN
Danke, Wiedi (2021)
Wenn der Postmann ... (2021)
Déjà-vu (2022)
Grusel-Welt (2022)
Very special WM (2022)
Mein Schönstes (2023)
Digitales Neuland (2023)
Nachspielzeit (2024)
Schachmatt in Albany (2024)
Was wir nehmen sollen … (2024)
FRAUEN
Traudi, Energie! (2022)
Finale, ooooh! (2022)
Von Fräuleins und Damen (2022)
Mei, mei, die Layla (2022)
Nicht lustig (2022)
Alles Lüge (2023)
Bond-Girl (2023)
Alte Dampflok Mama (2023)
Wir Frauen (2023)
Cavewoman (2023)
Winkeärmchen (2023)
Frauengold (2024)
Die Krönung (2024)
Von Monologen … (2024)
Du Arschloch! (2025)
Voll der Durchblick (2025)
Samstagstaumel (2025)
Yes, we can! (2025)
MÄNNER
Weltmännertag (2023)
Eine Frage der Zentimeter (2024)
Ver-rückt – oder: So geht’s auch (2025)
Ei, ei, ei, Eggcitement (2025)
WARME JAHRESZEITEN
Frühling mit Paarhufern (2023)
Reisehunger (2022)
Sommerduft (2022)
No Pants (2023)
Sommerschön (2023)
Holy Aperoli (2024)
Super-Sommer-Göttin (2024)
Planlos im Sommer (2024)
Sommergold (2025)
WEIHNACHTEN & CO.
Glühweinabend (2021)
Überraschung (2021)
Ja, ist denn jetzt schon … (2022)
Christmas Pickle (2023)
Menschen des Jahres (2023)
Let it be (2022)
LEBENSHILFE
Mehr Katzenpuzzles (2022)
Niksen (2022)
Kleine Freuden (2022)
Umbaupausen (2022)
Glücksbotin (2023)
Liebesmodus (2024)
Ruhe und Stille (2025)
DIES UND DAS UND ÜBERHAUPT
Dorfkind (2023)
Sweet Sixty (2023)
Lebenswerk (2024)
Mein Jahr mit Maddie (2025)
Mehr Konfetti (2025)
Scharfmacher (2025)
GESCHICHTEN MIT HEILIGENSCHEIN
Kreuz und quer (2021)
In der Ruhe liegt die Kraft (2021)
Auf das Leben (2021)
Geh aus, mein Herz (2021)
Weitersagen (2021)
Dankbar (2021)
Hilfe geben (2022)
Danke dafür (2022)
Was von der Reise übrigbleibt (2023)
Was ist dein Talent? (2024)
Letzte Male (2024)
Good News (2025)
Eigentlich leide ich unter chronischem Informations-Overkill. Ungefragte Ratschläge, Klolektüre, Insider-Infos aus dem Arbeitsleben, Interviewtermine, WhatsApps, E-Mails, Push-Nachrichten und natürlich die Nachrichten-App des ZDF, die mich mehrmals am Tag per „ZDFheute Eilmeldung“ über die wichtigsten Dinge informiert, die ich dann schlagzeilengroß konsumiere und am Abend keineswegs mehr in den Nachrichtensendungen vertiefen möchte. Erstens, weil es einfach zu viele sind, und zweitens, weil es fast ausschließlich schlechte Nachrichten sind, die aufploppen: Ungeachtet der weltweit schaurigen Gemengelage hat hierzulande leider wieder das C-Virus die Oberhand gewonnen. Stündlich gibt es neue Horrormeldungen, Zahlen, Einordnungen, Ankündigungen, Mutmaßungen und nichts davon ist dazu angetan, einen fröhlich oder zuversichtlich zu stimmen. Und so schaue ich manchmal am liebsten gar nicht sofort hin, wenn sich mit dem schönen Dreiklang der WhatsApp-Nachrichten auch das ZDF mit den latest News zu Wort meldet. Doch diese Woche war alles anders:
Am Donnerstag bimmelte es, ich schaute missmutig und in Erwartung neuer Höchstinzidenzen hin und las: „Der Wiedehopf ist Vogel des Jahres.“ Nun war ich bisher keine ausgesprochene Freundin des Wiedehopfs. Außer dass er bei der Vogelhochzeit der Braut den Blumentopf bringt, wusste ich über ihn nur noch, dass man stinken kann wie er, aber sonst wusste ich nichts über ihn. Doch jetzt, jetzt ist er der Vogel des Jahres. Was für eine Nachricht! Schon allein, weil sie so schön unschlecht ist, so unaufgeregt und irgendwie auch ein bisschen egal, habe ich sie in dem Moment gefeiert. Und ich freute mich für den Vogel, der sich in einer öffentlichen Wahl, an der sage und schreibe 142 798 Menschen teilgenommen haben, gegen die Mehlschwalbe, den Bluthänfling, den Feldsperling und den Steinschmätzer durchgesetzt hat. Nun muss ich der Ehrlichkeit halber sagen: Mir wären sie alle als Sieger recht gewesen, schon allein, weil die Nachricht, dass wir einen Vogel des Jahres haben, so schön easy ist. Obwohl der Wiedehopf sich natürlich mit seinem Super-Paarungsruf „Up-up-up“ deutlich von der Konkurrenz abhebt, wie ich einem spontanen Anfall von Informationsbedarf las. Und auch mit seinem orangeroten Gefieder und seiner markanten Federhaube sieht er deutlich besser aus als die anderen Aspiranten. Und einen coolen Wahlkampfslogan hatte er auch: „Gift ist keine Lösung“ propagierte er. Der BUND meint zwar, der Wiedehopf wolle damit mitteilen, dass er insektenreiche Landschaften brauche und damit gegen die Verwendung jeglichen Insektengiftes ist, aber ich denke, man kann ein Geschöpf seines Ranges auch auf eine metaphysische Ebene heben und ihn als Botschafter gegen Giftmord und gegen Giftselbstmord sehen. Das wäre doch mal eine Botschaft in diesen trüben Tagen.
Apropos trübe Tage: Die kann man sich jetzt mit einem schönen Accessoire aus der Reihe „Upupa epops“, wie der Wiedehopf auf wissenschaftlich heißt, verschönern: Es gibt Wiedehopf-T-Shirts, Wiedehopf-Deko für drinnen und draußen (durchaus für jeden Geschmack), Wiedehopf-Hoodies, Wiedehopf-Tassen und -Teller, Wiedehopf-Kinderspielzeug und das unverzichtbare Standardwerk „Ein Mantel für den Wiedehopf“, das gerade in der kalten Jahreszeit große Relevanz hat. Natürlich gibt es den Wiedehopf bei www.kugelrausch.de auch als Christbaumkugel. Kostet zwar 26,95 Euro, aber was soll’s? Hey, er ist der Vogel des Jahres! Und ganz ehrlich: Seit ich gelesen habe, dass er nicht nur „Up-up-up“ ruft, wenn er sich paaren will, sondern auch versucht, das Weibchen mit Futtergaben zu beeindrucken, ist mein Freund Wiedi auch die nächsten Jahre mein heißer Favourite für das Amt des Vogels des Jahres. Auch wenn er nur für eine Brutsaison monogam ist.
Also, ich wähle ihn trotzdem. Und ihr?
Das waren noch Zeiten, oder! Als der Postmann geklingelt hat. Sogar zweimal! Nicht, dass Sie jetzt so Assoziationen bekommen, die mit dem Filmplakat zusammenhängen, auf dem Jack Nicholson und Jessica Lange zusammen auf dem Küchentisch – Sie wissen schon. Also, so was gab’s zwischen mir und keinem Postmann jemals, ich schwöre. Zumal ich mir jetzt auch gar nicht sicher bin, ob in dem Film überhaupt ein Postmann vorkommt. Vielmehr geht der Titel wohl auf die englische Redensart zurück „The Postman Always Rings Twice“, was so viel bedeutet wie „Es gibt immer eine zweite Chance“ oder „Man sieht sich immer zweimal“, was aber wiederum in unserem Kontext auch von Bedeutung ist. Denn: Der Postmann klingelt nicht mehr.
Mehr als einmal schon musste ich das schmerzlich erfahren, als ich im Briefkasten Abholnotizen wegen Unzustellbarkeit aufgrund von Abwesenheit gefunden habe, die definitiv nicht stattgefunden hat, die Abwesenheit, meine ich. Als wir beispielsweise in Quarantäne waren und nachweislich fünf Personen bei uns im Haus waren, konstatierte mitunter der eine oder andere Paketbote, dass wir nicht zuhause seien. Natürlich wäre es jetzt kein Vergnügen gewesen, mit uns Corona-Positiven Kontakt zu haben, aber wir hatten nicht mal die Chance, hinter den Fenstern ein Zeichen zu geben, da wir gar nicht wussten, dass der Postmann was von uns wollte. Nun muss man dazu sagen, dass unser Hund dem Postmann (und der Postfrau genauso wie dem Paketboten oder der Paketbotin) nicht sonderlich wohlgesonnen ist und dieser wiederum verständlicherweise nicht immer Lust hat, sich einer möglichen Gefahr auszusetzten, aber unser Hund ist halt auch oft drin und eigentlich macht er auch gar nichts…
Wie dem auch sei, schon das allein ist schade, zumal wir als Verbraucher ja jetzt fast immer die Möglichkeit haben, unsere Sendung live zu verfolgen: Wenn man das einmal eingegeben hat, kriegt man pro Lieferung am Zustellungstag fünf bis sechs Mails, die fast halbstündig über den Verbleib der Lieferung informieren, alles, dass nicht noch die Pausen- und anderen Zeiten des Fahrers angegeben werden. Nicht selten konnten wir dabei als letzte Meldung sehen, dass die Sendung nicht zustellbar war und sozusagen live an uns vorbeifuhr. Und schon hatten wir Gelegenheit, die oben genannte zweite Chance zu ergreifen: nämlich am nächsten Tag an der Abholstation.
Aber all das ist jetzt Schnee von gestern, denn die Post und vielleicht auch die anderen Zustelldienste haben – vermutlich coronamäßig – umdisponiert auf die kontaktlose Zustellung. Das fiel mir diese Woche auf, als ich händeringend auf meine zweihundert neuen Bücher gewartet habe und mich mangels automatisierter E-Mail-Benachrichtigung selbst in den Live-Verfolgungsmodus erst beim Verlag und dann bei der Post begeben habe. Und was soll ich sagen: Es tat sich NICHTS. Also, lange Zeit so gut wie nichts. Meine Pakete blieben andauernd in einem nichtssagenden Vorbereitungsmodus – erst zum Druck, dann zur Auslieferung, und als ich schon wieder irgendwo anrufen wollte, um zu fragen, ob das noch was wird vor Weihnachten, rief mein Mann von zuhause an und sagte, meine Bücher seien da. Und das, obwohl an dem Morgen nachweislich niemand zuhause war. Ich war perplex und machte erneut die Paketverfolgung auf und prompt bekam ich zu lesen: „Die Sendung wurde im Rahmen der kontaktlosen Zustellung zugestellt.“ Vielen Dank dafür, lieber Postmann, liebe Postfrau. Es freut mich sehr. Allerdings ist es auch schade, dass es nun wieder einen Kontakt weniger gibt, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass diese schnelle Art der Zustellung wieder aufgehoben wird.
Manchmal werde ich nostalgisch, wenn ich daran denke, wie wir in meiner Jugend, wollten wir eine Bestellung aufgeben, noch eine Postkarte, beispielsweise des Quelle-Katalogs, ausfüllten, mit einer Briefmarke versahen und hofften, dass daraufhin irgendwann in den nächsten vier Wochen die freundliche Postbotin – in meinem Heimatdorf übrigens meistens eine meiner Tanten - ein Päckchen vorbeibringen und es kontaktfreudig abgeben würde, zur Not auch nebenan. Wir erlebten diese Zeit live, in Echtzeit sozusagen. Schön war’s auch und lang, lang ist’s her. Natürlich haben wir uns an das Tempo der heutigen Zeit längst gewöhnt, genauer gesagt, haben wir es mitgestaltet, und natürlich ist es toll, wenn etwas, das gestern bestellt wurde, heute schon da ist. Aber anstrengend ist diese Geschwindigkeit auch. Besonders für die Postleute. Wann immer wir welche dieser scheu werdenden Spezies zu Gesicht kriegen, lassen Sie uns freundlich sein.
Denn wir wissen ja: Der Postmann klingelt immer zweimal. Und die Postfrau auch. Hoffentlich.
Als ich vor wenigen Jahren einen an sich gutaussehenden Mann mit einem Schnurrbart sah, rieb ich mir kurz die Augen und fühlte mich zurückkatapultiert in die langen Jahrzehnte der Siebziger- bis Mitte der Neunzigerjahre, als viele, sehr viele Männer einen Schnurrbart trugen. Später waren es dann nur noch wenige, die dem Trend zum Abrasieren trotzten, u. a. Rudi Völler und mein Onkel Gerhard. Sie konnten das aber auch tragen, ehrlich. Selbst mein Mann, den ich trotz seiner mitunter despektierlich „Pornobalken“ genannten Oberlippenbehaarung ehelichte, was meine Kinder später beim Anblick unseres Hochzeitsbildes zu der Feststellung veranlasste „Du hast ein Brautkleid getragen und der Papa einen Schnurrbart“, nahm das Teil nach intensiven und sehr langwierigen Beratungen mit der Friseurin seines Vertrauens irgendwann ab.
Nachdem nun im neuen Jahrtausend zunächst die Vollbärte – meist in Kombination mit einem Man Bun, um nicht zu maskulin zu wirken – fröhliche Urständ feierten und vermutlich schon wieder ein wenig auf dem absteigenden Ast sind, haben die ersten trendsettenden Männer sich in Form des Schnauzers einer neuen Gesichtsverzierung besonnen, wahrscheinlich nur aus einem Grund: Weil sie es können. Über den optischen Gewinn will ich schweigen. Ich sag nur: „Es gibt nur ein‘ Rudi Völler.“ Vielleicht kann ich als Frau aber auch nur nicht verstehen, was die Magie des Oberlippenbartes ist.
Doch nicht nur der Schnurrbart drängt mit Macht aus den Untiefen der Geschichte wieder an die Sonne, sondern auch ein anderes Accessoire der Neunzigerjahre: Die weiße Tennissocke ist wieder da. Ehrlich. Stellenweise sah man die Teile schon im vergangenen Jahr, bei ganz besonders modebewussten Männern akkurat hochgezogen und getragen zu Shorts und Jeans. Ganz Mutige kombinieren sie völlig schmerzfrei mit Adiletten. Adiletten! Ich glaube es nicht.
Schön ist allerdings, dass endlich auch die Männer mal in den Genuss modischer Maximalverirrungen kommen, und so wurden in diesem Jahr auch wieder vermehrt Männer mit Handtaschen gesehen. Sie wissen schon, Herrenhandtaschen. (Nicht diese Unglücklichen, die mit den Handtaschen ihrer Frauen vor den Umkleidekabinen der Welt stehen.) Ich meine, ich kann’s verstehen: Ich könnte ohne Handtasche nicht leben und frage mich ständig, wie Männer das tun. Also, bei meinem Mann weiß ich es, denn der parkt einfach alles, was nicht in seine Arschtasche oder die fünf Taschen seiner Jacke passt, in meiner Handtasche. Und meine männlichen Kinder tun das mitunter auch – sogar heute noch. Es ist also ein großer Sprung zum einen in Richtung Unabhängigkeit, wenn Männer eine eigene Handtasche tragen, aber auch in Richtung optische Verbesserung, weil sie dann halt einfach nicht so ausgestopft und verbeult aussehen, die Guten.
In einschlägigen Zeitungsberichten, sogar in der guten alten OZ, war bereits von dem Trend zur Herrenhandtasche die Rede. Als Grund für das männliche Überwinden der „kulturell bedingten Berührungsängste“ mit der Handtasche nannten die Verfasser dieser Beiträge zum einen den Klimawandel, in dessen Folge Männer vermehrt ohne Jacke unterwegs sind, und das fortgeschrittene Tragen von Jogginghosen, die unter zu viel Last zu sehr ausbeulen. Das, würde ich sagen, ist eine andere Baustelle. Ansonsten: Nur Mut, Jungs, Handtaschen sind einfach geil! Aber: Sie sind Rudeltiere, müsst ihr wissen. Wenn ihr einmal damit anfangt, könnt ihr nicht mehr aufhören. Und für alle, die mitreden wollen: Die Dinger heißen „Murse“ von „Male purse“ oder „Men’s bags“. Ihre Vorläufer sind „Belt Bags“ oder „Cross-Over-Bags“. Ein bisschen 2022 muss halt sein. Auch bei Herrenhandtaschen.
Mit der Pilotenbrille wurde in diesem Sommer ein weiteres Relikt aus der Generation Top Gun wieder vermehrt gesichtet, dazu kamen Schulterpolster, Karottenhosen, Blousons aus Ballonseide – ich fürchte, wenn der Gewöhnungsprozess eingesetzt hat, werde ich dann auch das eine oder andere davon tragen. Bei Oversize-Sachen mache ich schon wieder ganz weit vorne mit. Sind auch einfach zu praktisch, die stylischen Sackwaren – gerade jetzt, wenn man zu Weihnachten und Silvester zwei-, dreimal zu häufig ans Buffett gegangen ist.
Apropos Déjà-vu: Ein Wiedersehen der ganz anderen, der maximal erfreulichen Art hatte ich vorgestern im guten alten Kreuz in Fulda: Proppenvoll war es, vorne auf der Bühne spielte eine der tollsten Big Bands der Region und ich war zusammen mit guten alten Freunden. Als ich so von hinten über den Saal auf etwa sechshundert Menschen blickte, war ich so glücklich, dass das wieder geht. Ich hatte echt Sorge, dass wir uns manche Dinge mit Corona abgewöhnt haben, und freue mich umso mehr über offene Grenzen, tolle Begegnungen und ja, auch den guten alten Händedruck.
Was ich im neuen Jahr gerne wieder mehr sehen würde, wurde mir gestern bewusst, als ich den Fuldaer Philosophen (das gibt’s wirklich) Dr. Christoph Quarch im Radio sprechen hörte. Er schafft es, der ganzen verqueren Lage eine Chance abzugewinnen, die wir, jetzt mal mit meinen wenigen und nicht ganz so philosophischen Worten wiedergegeben, selbst mitgestalten können: Wir sollten wieder mehr Gemeinsinn entwickeln, das Gemeinwesen pflegen, nicht mehr in erster Linie uns als Individuen sehen, sondern als Gemeinschaft von Menschen, die gemeinsam Herausforderungen zu lösen haben. Ein Versuch wär’s wert, denke ich, und hört sich auch gar nicht so schwierig an, oder?
Um jetzt nochmal die Kurve zum Anfang zu kriegen – was selbst für mich, die ich wirklich alles irgendwie verbinden kann, jetzt nicht so ganz auf der Hand liegt -, würde ich sagen, dass das mit dem Gemeinsinn ganz unabhängig von Schnurrbart oder Tennissocken funktioniert. Wenn wir nur ein wenig Empathie und Zuversicht aus unseren Handtäschchen holen.
In diesem Sinn: Let’s come together!
Da waren sie wieder, die Geister zu Halloween, die in den meisten Fällen gar nicht wissen, warum sie unterwegs sind und die mit ihren Masken, ihrer Deko und ihrem Ruf nach Süßem nur eine weitere clevere Industrie befördern, die – ähnlich wie zu anderen Anlässen, beispielsweise dem Valentinstag – auf uramerikanische Art und Weise über das Ziel hinausschießt. (Weihnachten lasse ich bei diesen Betrachtungen mal außen vor, weil ich da ja selbst mitmache und ich ja schlecht über mich selbst lästern kann.)
Wobei Halloween schon sehr speziell ist – denn warum sollte sich jemand mutwillig Angst machen? Also Angst im Sinne von Grusel? Grusel an sich wird in der Fachpresse ja eher nicht als Angst beschrieben, sondern als diffuses Gefühl, das sich in einem wohligen Schauer auflöst: Als „Ambivalenz der angstauslösenden Eindrücke bei gleichzeitig bekannter Sicherheit“ beschreibt der Hirnforscher Simon Eickhoff den Gruseleffekt. Hört sich nach dem zehnten Lesen ganz harmlos an, oder?
Ist mir aber egal, denn ob Sicherheit oder nicht – wobei Sicherheit an sich ja auch wieder sehr relativ mit Tendenz zu trügerisch sein kann: Ich finde schon lange, mein Leben ist aufregend genug, sodass ich auf künstlichen Grusel aller Art gerne verzichten kann. Das fängt schon beim Blick in den von mir – freundlich gesagt – mit Beschlag belegten Kellerraum an, den ich seit meiner Ankunft in Altenburg stetig fülle. Auch freundlich gesagt. Mitbewohner verwenden hier gerne das unschöne Wort zumüllen. Auch irgendwas mit „Messie“ habe ich in dem Zusammenhang schon gehört. Schon beim Betreten des Raumes, in dem ich mir inzwischen jeden Schritt zwischen Kisten, Tüten und freiumherliegenden Möbelstücken, alten Spielen und jeder Menge Seidenblumen mühsam erkämpfen muss, und mir mitunter wie Indiana Jones eine Machete zum Freischlagen wünsche, kommen sie und umschließen mich, ähnlich wie seinerseits den armen Ebenezer Scrooge, dessen große Zeit nun auch bald wieder schlägt: die Geister der Vergangenheit. Sie wabern aus Altkleidersäcken, zahllosen Kisten mit alten Zeitungsberichten, Bücherkartons, Kruschschatullen und eigentlich aus jeder einzelnen Ecke und Ritze. Uaaaaahhhh!
Und steckt nicht in jedem Haushalt – je nach Größe seiner Mitglieder – jede Menge Gruselpotenzial? Angefangen bei den Holzböcken des Hundes über die Flöhe der Kinder (im tatsächlichen wie im übertragenen Sinn), den unglaublichen Funden in den hinteren Ecken des Kühlschranks, der Vorstellung von vergrößerten Milben auf dem Kopfkissen und dem deutlich sichtbaren Mäusefraß samt -ausscheidungen in dem Stapel der Stuhlkissen, glücklicherweise im Gartenhaus? Was will mir das kleine Silberfischchen sagen, dass sich flink über die Badezimmerfliesen schlängelt? Und wo kommt eigentlich schon wieder die Spinne her, die mich morgens unvermittelt neben der Schlafzimmertür begrüßt. Halloween ist überall. Und ständig. Wenn dann noch Post vom Strom-, Gas-, oder Pelletlieferanten kommt, dann kann Freddy mit seinem Nightmare ganz schnell einpacken.
Doch der Grusel in meinem kleinen, unbedeutenden Alltag ist ja derzeit nichts gegen den Grusel in der Welt. Es herrschen Zustände, für die es keine Worte gibt. Es gruselt einen tagtäglich, wenn man nur die Nachrichten hört oder schaut: Die Welt ist voller Männer, gegen die Freddy Krueger glatt als der kleine Bruder von Mary Poppins durchgehen würde. Nur dass man Typen wie ihn eben einfach in einen Film, ein Computerspiel oder eine Geisterbahn stecken kann. Und wenn man keinen Bock mehr drauf hat, steigt man einfach aus und lässt die Jungs sich alleine weitergruseln. Schön wär’s oder? Wenn man einfach aussteigen könnte aus kleinen und riesigen Katastrophen. Wenn man die Monster der Welt mit Süßem besänftigen könnte …
Vielleicht hätte man auch die Magie des All Hallows’ Eve nutzen können, um die alten zündelnden Männer zu verzaubern! In was? Keine Ahnung – eine durchscheinende Elfe vielleicht, die – getreu dem wunderschönen Motto „Elfen helfen“ – durch die Gegend schweben und permanent Gutes tun würde, bis zum Ende ihrer Tage. Das würde sich auch fürs Karma echt gut machen.
Apropos Karma: Da sollte man die Herren vielleicht doch lieber in einen Wurm verzaubern. Heidi Klum hat’s ja grade vorgemacht und sich zu ihrer Halloween-Party tatsächlich als Wurm verkleidet und von ihrem als Angler gestylten Ehemann über den Boden ziehen lassen. Wem’s gefällt, sag‘ ich da nur – meins ist das ja nicht. Und um mich angelnderweise über den Boden zu ziehen, müsste man mit Blick auf die Angel auch ganz schön aufrüsten. Eher so was Hochseetaugliches. Allerdings ist Herr Klum ja auch noch viel jünger als mein Mann und hat bestimmt noch nicht Rücken. Aber ich will nicht abschweifen. Auf jeden Fall sollten wir Heidi Klum mal fragen, wie es war, als sie ihre Metamorphose durchlebt hat. Kennt sie jemand?
Wurm - also ich finde, das wäre für Kriegstreiber, Unterdrücker und Menschenschänder ein durchaus überdenkenswerter Zustand. (Entschuldigung, Herr Wurm.) Dumm nur, es bleibt eine Fantasie. Und wir können nur hoffen, dass die Welt irgendwann die Kurve kriegt. Bis dahin hole ich mir noch ein bisschen was Süßes.
Die Welt ist ja sauer genug.
Es gibt wahrscheinlich kaum etwas, das über die Weltmeisterschaft in diesem Jahr (2022) noch nicht gesagt wurde. Allerdings noch nicht von mir. Wobei ich zugeben muss: Das, was da passiert – jetzt mal abgesehen vom Sport – kann man sich weder ausdenken noch übertreiben noch schönreden. Gegen die Idee, in die Materie aus Money, Macht und Männern einzutauchen, ist die Büchse der Pandora ein besseres Überraschungsei. Und die Frage, was zuerst da war, die Schnapsidee (und das in einem Land, in dem Alkohol offiziell verboten ist) oder das Geld, das hin- und herfließen würde, sobald der Wahnsinnsplan, eine WM in einem Wüstenstaat ohne fußballerische Infrastruktur in die Weihnachtszeit (von der viele mitwirkende Nationen durchaus betroffen sind)– zu legen, in die Tat umgesetzt ist, stellt sich jetzt auch nicht mehr: Wer mag das schon so genau verfolgen und wen interessiert das eigentlich jetzt noch?
Zwölf Jahre und fünfhundert (nach offiziellen Angaben) bzw. sechstausendfünfhundert (nach Angaben der Heimatländer) tote Gastarbeiter nach der Vergabe war das Kind für viele Mitwirkende, Sportler und auch Fans schon längst in den Brunnen gefallen. Nun kann man von den Diskussionen um die Missachtung der Menschenrechte halten, was man möchte – Katar ist ja kein Einzelfall. Und wir als Konsum- und Energiejunkies treiben es ja ohnehin mit jedem, der uns was liefert. Auch mit Katar, wie wir wissen.
Aber man darf sich schon fragen, ob ein Ereignis, das angeblich für Freundschaft und Zusammenhalt, Völkerverständigung und Teamgeist steht, für Party und Spaß, in einem Land stattfinden muss, in dem unsere Innenministerin Sicherheitsgarantien für ganze Bevölkerungsgruppen einholen muss. In dem man die Frauen in den Stadien suchen muss, in dem Menschen, die ihre Meinung sagen, von Mikrofonen weggerissen werden. Und – und nun kommt der eigentliche Hammer – die Zusage mit dem Bier in Stadionnähe einseitig aufgekündigt wird. Das schlägt dem Fass den Boden aus, könnte man sagen, wäre da nicht das Ding mit der One-Love-Binde, das noch getoppt wurde von dem Ding mit dem Love-Wäscheschild der Belgier. Innen, wohlgemerkt, also nicht außen. Beide Male hat sich die Fifa als gelehriger Schüler eines autoritären Regimes erwiesen, und die Tatsache, dass Herr Infantino – dessen Name ja schon bestimmte Assoziationen zulässt – über keinerlei, aber auch gar kein Unrechtsbewusstsein verfügt, passt in alle schlechten Männerklischees, die ich kenne. Genauso wie die selbstzufriedene Mimik seines Vorgängers Blatter, als dieser die Entscheidung für Katar verkündete (und dabei möglicherweise an sein gutgefülltes Bankkonto dachte), an der neben Franz Beckenbauer noch einundzwanzig weitere Männer mitgewirkt hatten, die sich laut Guido Tognoni, dem früheren Medienchef der FIFA, fühlten wie die „Masters of the Universe“.
Natürlich könnte man hier eine meiner Lieblingsfragen stellen, die da lautet, ob die Welt eine bessere wäre, wenn das Geschlechterverhältnis der Entscheider genau andersherum wäre: Nur Frauen, wohin man schauen würde, und hier und da ein Mann, der Prosecco bringt. Man weiß es nicht. Macht korrumpiert halt einfach. Vermutlich auch Frauen.
Viel interessanter ist die Feststellung, dass hier bei dieser WM etwas passiert ist, was Frauen- und Männerfußball endlich, endlich mal auf eine Ebene bringt. Nein, soweit ich weiß, wurden die Gehälter der Spieler nicht denen der Spielerinnen angepasst, allerdings ist die öffentliche Aufmerksamkeit für die WM eindeutig auf Frauenfußballniveau angekommen. Also gesunken: Kein Merchandising, kein WM-Planer, kein Public Viewing. Fast könnte ich bei meiner Frauen-EM-Kolumne aus dem Sommer abschreiben, um die Defizite aufzuzählen, die mit diesem unglücklichen Austragungsort zu einer für andere Aktivitäten bekannten Jahreszeit einhergehen. Nimmt man die Aussagen, dass Frauen im Fußball weniger verdienen, weil drumherum weniger Geld reinkommt, ernst, so wäre dies tatsächlich ein Anlass, über die Gehälter der männlichen Spieler nachzudenken. (KIeiner Faktencheck, allein, weil ich es immer wieder interessant finde: Für ihren zweiten Platz bei der diesjährigen WM haben die Fußballfrauen 30 000 Euro bekommen. Schon allein mit einem Gruppensieg bei der WM hätten die Männer sie mit 50 000 Euro mehr als überholt. Hätten, wohlgemerkt.)
Das ist das eine. Das andere ist: Stéphanie Frappart. Sie hat als erste Frau ein Männer-WM-Spiel gepfiffen, noch dazu eines mit deutscher Beteiligung. Drei Frauen waren für die WM als Schiedsrichterinnen nominiert, doch die FIFA unter ihrem weltoffenen, zugewandten und empathischen Präsidenten mit dem goldigen Namen konnte sich lange nicht aufraffen, eine von ihnen einzusetzen. Lieber pfiff der eine oder andere Mann schon sein zweites Spiel. Das wird schon seine Gründe haben, oder? Man stelle sich mal vor: Eine Frau pfeift ein Spiel mit Beteiligung von Katar oder dem Iran. Da hätte bestimmt der eine oder andere Bakschisch-Rückfluss stattfinden müssen. Da warten wir lieber mal, bis die kritischen Länder alle rausgeflogen sind. Ist auch für die Frauen besser. (Ob nochmal eine der nominierten Referees bei der WM zur Pfeife greifen darf, war zum Schluss dieser Kolumne übrigens noch nicht bekannt.)
Apropos rausgeflogen. Sie wissen schon. Und Sie kennen die Nachrichten dazu: „Ein ganzes Land in Schockstarre“ oder so. Also, mein Schock hält sich in Grenzen. Mein Verhältnis zur deutschen Fußballnationalmannschaft, von der ich ohnehin nur noch Neuer, Müller und Götze spontan aufzählen kann, und vielleicht noch Rüdiger, war ohnehin von einer gewissen Distanz geprägt, da ich mich jetzt nicht so schnell in das Thema einarbeiten konnte. Wäre ja auch unnötig gewesen, wie man jetzt sieht. Unnötig werden mit dem frühen Ausscheiden der Mannschaft auch weitere Besuche von deutschen Politikerinnen und Politikern vor Ort, worüber diese vielleicht erfreuter sein werden als sie es über ein Weiterkommen der Nationalmannschaft gewesen wären. (Wohl vergleichbar mit der Freude der CDU, die letzten Wahl verloren zu haben, aber das nur am Rande.) Obwohl, man weiß es nicht. Vielleicht hätten sie die Reise nach Katar auch genutzt, um nochmal einen kleinen Energiedeal für unsere bedürftige Nation einzufädeln.
Vielleicht kann der freundliche Herr Infantino, der dem Vernehmen nach ja mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern nach Katar gezogen ist (warum nur?), ein gutes Wort bei seinen neuen Landsleuten für uns einlegen. Wir brauchen es!
Als ich in diesen Tagen des Jahresanfangschills frohen Mutes das Piepsen meines Weckers ignorieren, meine Decke mit einem geübten Beinschlag wenden, mich umdrehen und fröhlich weiterschlafen konnte, da wurde mir schlagartig klar: Das ist mein Schönstes.
Obwohl ich der Meinung bin, dass Morgenstund‘ Gold im Mund hat (ehrlich!) beziehungsweise der frühe Vogel den Wurm fängt (wirklich wahr!), ist es einfach soooo schön, mal nicht unbedingt sofort aufstehen zu müssen. Umdrehen. Weiterdösen. Erst recht, wenn der Mensch, der neben einem schläft, keinen Urlaub mehr hat und verschiedene Töne in der Reihenfolge seiner Morgenroutine aus dem Bad nebenan kommen. Der Arme! Und ich so: Ach, nochmal die Decke wenden, umdrehen, weiterdösen. Und dann doch irgendwann aufstehen. Weil das Zweitschönste dann auf dem Fuße folgt: Eine schöne warme Morgendusche. Ich weiß zwar, dass Wasser kostbar ist und warmes Wasser der absolute Luxus, daher fasse ich mich auch kurz und stelle das Wasser beim Einseifen ab. Aber ist es nicht herrlich, wenn es erst heiß, dann wieder etwas kühler und dann wieder heiß von oben herabperlt? Ich liebe es. Jedes Mal wieder. (Und waschen muss man sich ja ohnehin. Da kann es auch Freude machen.)
Und wenn ich dann mal über die Stränge schlagen will, gibt es, ausgeschlafen, frisch geduscht und mit einem Hauch von zitroniger Body Butter versehen, mein Drittliebstes: Nutella-Brötchen zum Kaffee. An manchen Tagen gibt es das genauso in dieser Reihenfolge und an diesen Tagen schätze ich mich schon morgens vor zehn Uhr als einen der glücklichsten Menschen der Welt. Einen Moment lang scheint es so, als könne mir der Tag nichts mehr anhaben.
Unsinn, ich weiß, denn früher oder später kommt der Tag und bringt mir Post vom Finanzamt oder gar von der Praxis meiner Wahl mit den Vorbereitungsutensilien für die Darmspiegelung. Die Wasserflasche fällt mir aus den Händen, an ganz besonders hinterhältigen Tagen die Ölflasche, der Trockner hat nicht getrocknet, weil ich wieder mal sein Rufen nach dem frischen Sockelfilter ignoriert habe, und im Supermarkt stehe ich ohne meinen über die Woche hinweg akribisch vervollständigten Einkaufszettel inmitten einer neuen Anordnung der Lebensmittel und weiß, dass ich wieder die Hälfte vergessen werde. Dann ist mein Schönstes vom Morgen längst vergessen, obwohl es ein Leichtes wäre, es sich wieder in Erinnerung zu rufen. Ärger mit dem Kollegen, den Kindern, dem Hund, dem Mann, dem Schornsteinfeger oder wem auch immer? Augenschließen, einatmen. Den Decken-Umdreh-Moment fühlen, die Wärme der heißen Dusche, den Geschmack des Nutella-Brötchens. Mmmmmh. Das Gefühl des Schönsten des Tages ist imstand, mich wie ein Superwoman-Kostüm zu umschließen. Wer wollte mich noch mal ärgern? Nimm dies, nimm meine Nutella-Brötchen-Power, du Ärgerling!
Schön wär’s, oder? Klappt nicht immer, ich weiß. Aber ich will dran arbeiten. Ich will die schönen Momente finden und sie als Bollwerk gegen Blödheit, Bosheit und Ärger einsetzen. Und zwischen so definierten Highlights wie den genannten Morgenfreuden bietet jeder Tag kleine oder große Momente, die zumindest den Alltagsärger neutralisieren können: Das nette Gespräch mit einer wildfremden Frau am Schalter eines Museums. Die Begegnung mit einem lieben Menschen, den man lange nicht gesehen hat. Oder vielleicht auch gestern erst. Die Freude eines Kindes, das in den Erlen ausgelassen mit einem anderen spielt. Das heimliche oder laute Lachen beim Lesen eines Buches. Die Dankbarkeit, wenn man feststellt, dass eine Schreiberin imstand ist, genau die Dinge zu formulieren, die man selber dachte, aber nicht in Worte fassen konnte. Der Kaffee, den meine Kinder mir mit einem lieben Wort servieren. Die Kette, die mir von meiner Mutter geblieben ist. Ein kleiner Fleck blauen Himmels an einem diesigen Regentag. Das Glück, neben den Hundehaufen getreten zu haben. Eine unerwartete Einladung zu einem schönen Abend.
Apropos schöner Abend. Jeden Abend, wenn ich schlafen gehe, freue ich mich auf und über mein Bett. Ich weiß nicht, wer es erfunden hat, aber ich bin diesen Personen, die sich irgendwann mal dachten, da muss es doch noch was Schöneres geben, als sich einfach auf den Boden zu knallen, unendlich dankbar. (Ein kurzer Seitenblick ins Netz fördert unglaubliches Bettenwissen zutage: Von den ersten Menschen, die auf Bäumen schliefen [OMG], über die verschiedensten Schlafstätten und Ruhemöbel bis hin zu Bettina von Cama, die im Jahr 907 in Spanien das Bett erfunden haben soll. War ja klar, dass diese grandiose Erfindung von einer Frau stammt. Obwohl: BETTina von CAMA klingt schon so ein bisschen an den Haaren herbeigezogen, Mr. Google. Ich weiß ja nicht.)
Ein Bett, mein Bett, ist nach einer seichten Fernsehrunde und einem schönen Glas Wein – abgesehen von den vielen unerwarteten Tageshighlights – mein Sechstschönstes und Letztliebstes des Tages. Und mit ein wenig Glück dann auch wieder das erste Schöne am nächsten Morgen. Ob und welche Highlights die Nachtstunden noch bereithalten, darüber möchte ich lieber schweigen, nur so viel:
Schöne Momente muss man nicht suchen, es reicht sie zu finden.
Ich brauche einen Reisepass. Der Brexit ist schuld – da ich nicht sonderlich weit reise, hatte ich die Existenz dieses bedeutenden Dokuments völlig vergessen. Aber jetzt ist es so weit. Der Beschaffung eines Reisepasses hat der Gesetzgeber die Beschaffung von Passfotos vorgeschaltet. Biometrischen Passfotos, wie Sie alle wissen, Fotos also, die mit voller Absicht so unvorteilhaft wie möglich aussehen sollen. Nichtsdestotrotz ging ich zur Fotografin meiner Wahl – die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.
Auch die Hoffnung darauf, dass die Bilder digital ans Bürgerbüro übermittelt werden können. Diese Möglichkeit gibt es tatsächlich NICHT. Das Internet ist für uns alle Neuland, sage ich nur. Bei welcher frischgebackenen Trägerin der höchstmöglichen deutschen Ehrenwürde ich das geklaut habe, überlasse ich jetzt mal dem historischen Wissen meiner Leserschaft. Damit ich Ihnen nichts Falsches erzähle, habe ich für diese Glosse extra nochmal gegoogelt: „Reisepass online beantragen“ – keine Chance. Dafür fand ich auf der Website des Bundesinnenministeriums die Seite „Moderne Verwaltung“, auf deren Unterseite wiederum „Digitale Themen verständlich erklärt“ werden. Das Modul 1 lautet „Einführung in neue Technologien“ und widmet sich in einem elfminütigen Video den Schlüsseltechnologien Big Data, Blockchain, Künstliche Intelligenz, Maschinelles Lernen und Kollektive Intelligenz sowie der Frage, wie diese sinnvoll in der öffentlichen Verwaltung eingesetzt werden können – offenbar ohne es zu tun. Vielleicht eignen sich diese Technologien auch gar nicht für die Beantragung eines Reisepasses. Ich sage nur: Überqualifiziert. Um dieses Dokument zu bekommen, verweist die Website auf das örtliche Bürgeramt. Da hatte ich ohnehin schon einen Termin ausgemacht. Sogar online. Jawohl!
Leider konnte ich die Passfotos nach dem Fotografieren nicht direkt mitnehmen, und da man sie nicht digital übermitteln kann, nahm ich gerne das Angebot meiner serviceorientierten Fotografin an, dass ich ja schon mal das Dokument beantragen könnte und sie die Bilder ins Bürgeramt bringt. Dann müsste das laut Website der Stadtverwaltung kompetente Personal die beiden Dinge nur noch zusammenbringen. Gute Idee, wäre da nicht das Problem mit dem Servicegedanken in öffentlichen Einrichtungen. Man kann dort nämlich nicht nur nicht online Bilder übermitteln, man kann dort auch nicht einen fertigen Antrag so lange liegen lassen, bis die Bilder physisch vorliegen. Das ist leider im Ablauf nicht vorgesehen. Ohne Bilder kein Antrag – da nutzten mir auch der schönste Online-Termin und die freundliche Dame am Schalter nichts, die mir gerne geholfen hätte, aber leider, leider gab es das System nicht her. Bei solchen Anlässen wird mir immer schmerzhaft bewusst, wer sowohl das Systems als auch das Salär seiner Menschen mithilfe von Steuern und Gebühren finanziert. Service wäre also durchaus eine Möglichkeit, um den Brötchengebern ein wenig Anerkennung zu zollen. So habe ich das auf jeden Fall in meinen verschiedenen Arbeitsverhältnissen vom Edeka-Laden über den Landgasthof bis hin zum Buchladen und verschiedenen Vertriebsabteilungen gelernt.
