SOG - Yrsa Sigurdardóttir - E-Book
9,99 €

Beschreibung

»Ein ausgefallener, kluger Thriller, der mitten ins Herz trift.« Arne Dahl

Zwei abgetrennte Hände, ein perfider Mord, kurz darauf ein weiterer. Was hat die unheimliche Botschafte eines Kindes mit den Toten zu tun? Ein Fall für Kommissar Huldar, der sich beweisen muss: von seinen Leitungsaufgaben entbunden, wird er von den meisten seiner früheren Untergegebenen gemieden, die Beziehung zur Kinderpsychologin Freyja ist ebenfalls ruiniert, was er zu reparieren hofft, indem er sie in die jetzigen Ermittlungen mit einbezieht ...

Der zweite Band der Erfolgsreihe um Kommissar Huldar und Psychologin Freyja.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 582




Zum Buch

Zwölf Jahre nach dem Tod und der Vergewaltigung eines Mädchens wird eine Zeitkapsel in Reykjavík gehoben. Darin enthalten: 10 Jahre alte Briefe von Schülern, die beschreiben, wie sie sich Island im Jahre 2016 vorstellen. Darunter findet sich noch etwas anderes: eine unheimliche Botschaft, die akribisch genau die Initialen von zukünftigen Mordopfern auflistet. Kurz danach werden zwei abgetrennte Hände in einem Hot Tub treibend gefunden. Doch noch hat keiner eine Vermisstenanzeige bei der Polizei gestellt. Schon bald taucht eine Leiche auf, dicht gefolgt von einer zweiten, und es ist klar, dass die Botschaft aus der Zeitkapsel ernst zu nehmen ist.

Ein Fall für Kommissar Huldar, der sich beweisen muss: Von seinen Leitungsaufgaben entbunden, wird er von den meisten seiner früheren Untergebenen gemieden, die Beziehung zur Kinderpsychologin Freyja ist ebenfalls ruiniert, was er zu reparieren hofft, indem er sie in die jetzigen Ermittlungen miteinbezieht ...

Zur Autorin

YRSA SIGURDARDÓTTIR, geboren 1963, ist eine vielfach ausgezeichnete Bestsellerautorin, deren Spannungsromane in über 30 Ländern erscheinen. Sie zählt zu den »besten Kriminalautoren der Welt« (Times Literary Supplement). Sigurdardóttir lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Reykjavík. Sie debütierte 2005 mit »Das letzte Ritual«, einer Folge von Kriminalromanen um die Rechtsanwältin Dóra Gudmundsdóttir. »SOG« ist nach »DNA« der zweite Roman um die Psychologin Freyja und Kommissar Huldar von der Kripo Reykjavík.

Yrsa Sigurdardóttir

SOG

Thriller

Aus dem Isländischenvon Tina Flecken

Dieses Buch ist Mjása und Pilla gewidmet.

Yrsa

PROLOG, SEPTEMBER 2004

Die Schule warf einen eiskalten Schatten auf den menschenleeren Schulhof. In einiger Entfernung wurden die wenigen Passanten noch von der Sonne gewärmt, doch sobald sie in den Schatten traten, wickelten sie ihre Jacken und Mäntel fester um sich und beschleunigten ihren Schritt. Eigentlich war es windstill, nur auf dem Schulhof wehte eine frische Brise und brachte die Schaukeln in der Ecke in Bewegung. Sie schwangen leicht vor und zurück, als säßen unsichtbare Kinder darauf und würden sich langweilen. Wie Vaka. Wobei die Langeweile nicht so schlimm war wie die Kälte, die ihr in die Wangen stach. Die Zehen waren eiskalt, sie war völlig durchgefroren und saß bibbernd auf den Stufen der kalten Treppe. Der neue Anorak ging ihr nicht bis über den Po, und sie bereute es, nicht auf ihre Mutter gehört und sich für den längeren entschieden zu haben. Aber der war nur in Dunkelblau da gewesen und der kürzere in Rot. Vaka rückte den Schulranzen auf dem Rücken zurecht und überlegte, ob sie nicht lieber in die Sonne gehen sollte. Da könnte sie sich zumindest ein bisschen aufwärmen, solange sie noch warten musste. Doch der Schatten nahm fast den ganzen Schulhof ein, und wenn sie aus ihm herausträte, würde ihr Vater sie womöglich nicht sehen und wieder fahren. Nein, dann lieber frieren.

Ein Auto in derselben Farbe wie das ihres Vaters kam angefahren, aber dann erkannte sie, dass es ein ganz anderer Wagen und ein ganz anderer Mann waren, und wurde wieder trübsinnig. Hatte er sie vergessen? Es war der erste Tag in der neuen Schule, und er hatte vielleicht gedacht, sie würde zu Fuß nach Hause gehen, so wie früher. Zum hundertsten Mal spürte sie eine schmerzliche Sehnsucht nach ihrem alten Zuhause. Das Einzige, was an dem neuen Ort besser war, war ihr Zimmer; das war größer und schöner als das in der alten Wohnung. Alles andere hatte sich verschlechtert, auch die Schule und vor allem ihre Mitschüler. Vaka kannte niemanden, und niemand kannte sie. In ihrer alten Klasse hatte sie gewusst, wie alle hießen, und sogar die Namen der Haustiere der Mädchen gewusst. Jetzt schwirrte ihr der Kopf vor lauter neuen Gesichtern, die sie sich nicht merken konnte. Es war wie bei Memory – da gewann sie auch nur, wenn Mama sie gewinnen ließ.

Vaka zog die Nase hoch. Wann würde ihrem Vater einfallen, dass er sie abholen musste? Sie drehte sich um und blickte an dem Schulgebäude nach oben, in der Hoffnung, jemanden in den Fenstern zu sehen, aber die waren genauso dunkel wie der kalte Schatten, und nichts rührte sich. Eine Windböe fuhr ihr übers Gesicht, und sie erschauerte. Sie stand auf und ging die Treppe hinauf zum Eingang. Irgendein Erwachsener musste doch noch in der Schule sein. Jemand, der sie hereinlassen würde, damit sie zu Hause anrufen konnte. Aber die Tür war fest verschlossen. Anklopfen würde bei dem dicken Holz nichts bringen. Vaka ließ die Hand sinken und starrte die hohe Tür an, als würde sie davon aufgehen. Doch nichts geschah, und sie beschloss, sich wieder zu setzen. Hoffentlich war die Treppe nicht mehr so kalt wie vorhin.

Als sie sich umdrehte, war die Kälte plötzlich vergessen. Auf der untersten Stufe stand ein Mädchen aus ihrer neuen Klasse. Vaka hatte sie gar nicht kommen hören. Vielleicht hatte sie sich angeschlichen, aber warum hätte sie das tun sollen? Vaka würde sie ja nicht gleich beißen. Sie kannten sich überhaupt nicht, obwohl Vaka sich gut an das Mädchen erinnern konnte. Kein Wunder, denn an einer Hand fehlten ihm zwei Finger. Der kleine Finger und der Ringfinger. Sie hatte alleine in der ersten Reihe gesessen und war sehr schüchtern gewesen. Erst hatte Vaka gedacht, es sei auch ihr erster Tag in der neuen Schule, aber der Lehrer hatte sie nicht vorgestellt, deshalb hatte sie mit dieser Vermutung wohl falschgelegen. Als sie im Unterricht Gruppenarbeit machen sollten, hatte das Mädchen kein Wort gesagt, auch mit den anderen Kindern hatte es nicht gesprochen. In der Pause hatte sie abseits gesessen und vor sich hin gestarrt, so wie Vaka vorhin auf der Treppe. Sie hatte keine Miene verzogen, noch nicht einmal, als zwei Jungen sie mit einer Zeile aus einem Kinderreim aufgezogen hatten. Vakas Großmutter hatte den Reim früher auch manchmal aufgesagt: »Kleiner Finger, kleiner Finger, wo bist du? Ringfinger, Ringfinger, wo bist du?« Vaka fand das vorhin total gemein, aber die anderen hatten sich nicht darum gekümmert. Am Ende hatte sie woandershin geschaut und sich nicht getraut, sich einzumischen. Sie war ja die Neue.

»Es ist schon abgeschlossen.« Das Mädchen lächelte vorsichtig, wurde aber sofort wieder ernst. Vielleicht hatte Vaka sich auch nur verguckt, aber ein Bild von einem hübschen Gesicht blieb in ihrem Kopf haften. »Sie schließen nach der Schule immer ab.«

»Oh.« Vaka blieb unschlüssig auf der obersten Stufe stehen und wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie hatte sich schon immer schwer damit getan, andere Kinder kennenzulernen oder mit Fremden zu reden, und der ganze Tag heute war vorbeigegangen, ohne dass jemand versucht hatte, sie aus ihrem Schneckenhaus zu locken. »Ich wollte nur fragen, ob ich mal telefonieren kann.«

»Vielleicht kannst du vom Kiosk aus telefonieren. Der ist direkt da drüben.« Das Mädchen zeigte zum anderen Ende der Straße. Sie trug Fäustlinge, um ihre missgestaltete Hand zu verstecken.

Vaka schluckte und antwortete verlegen: »Ich hab kein Geld dabei.« Mama sollte ihr eigentlich jeden Freitag Taschengeld geben, vergaß es aber immer. Meistens war das nicht so schlimm, aber manchmal eben doch. So wie jetzt. Genauso schlimm, wie dass Papa vergessen hatte, sie abzuholen. Erwachsene waren immer so unzuverlässig.

»Ach so.« Das Mädchen schaute sie mitfühlend an. »Ich auch nicht.« Sie öffnete den Mund, als wollte sie noch etwas sagen, ließ es dann aber bleiben und presste die Lippen aufeinander. Im Gegensatz zu Vaka, die in ihren neuen Anorak noch hineinwachsen musste, war die Jacke des Mädchens schon viel zu klein; die Ärmel waren zu kurz, und der Reißverschluss schien nicht mehr richtig zuzugehen. Sie hatte keine Mütze auf, und ihre ungekämmten Haare wurden vom Wind durcheinandergeweht. Obwohl es trocken war, trug sie alte, ausgeblichene Gummistiefel. Nur ihre hübschen bunten Handschuhe waren relativ neu und sauber.

»Ist schon okay. Ich warte einfach noch ein bisschen.« Vaka bemühte sich zu lächeln, doch es misslang ihr. Sie wollte nicht weiter in dieser Ungewissheit ausharren. Ihr war kalt, und sie hatte Hunger. Wenn ihr Vater pünktlich gekommen wäre, würde sie jetzt in der neuen Küche sitzen und Toastbrot essen. Vaka hatte den Geschmack von geschmolzener Butter und Marmelade auf der Zunge, wodurch der Hunger noch größer wurde.

Das Mädchen stand unten an der Treppe und fragte zögernd: »Soll ich mit dir warten?« Sie schaute Vaka dabei nicht an, sondern hatte den Kopf abgewandt und starrte auf den leeren Schulhof. »Kann ich ruhig machen, wenn du willst.«

Vaka hatte nicht sofort eine Antwort parat. Was wäre besser? Alleine dazusitzen und zu frieren oder zusammen mit einem Mädchen hierzubleiben, dessen Namen sie nicht kannte, und nicht zu wissen, worüber man reden sollte. Und auch wenn sie erst acht Jahre alt war, wusste sie doch, dass es auf manche Fragen nur eine richtige Antwort gab: »Ja, gerne. Wenn du Lust hast.« Als das Mädchen sich schnell zu ihr drehte und breit lächelte, fügte sie hinzu: »Aber wenn mein Papa mich holen kommt, muss ich sofort gehen.«

Das Lächeln verschwand, und das Gesicht des Mädchens wurde wieder ausdruckslos. »Ja, klar.«

Vaka versuchte, die Situation zu retten, denn sie erinnerte sich an die Hänseleien der Jungen, und wie einsam das Mädchen gewirkt hatte. »Vielleicht kann er dich ja auch nach Hause fahren.« Sofort bereute sie ihre Worte, denn sie hatte ihre Eltern oft darüber reden hören, wie teuer das Benzin sei. Vaka wollte ihren Vater nicht bitten, einen Umweg zu machen, denn sie hatten nicht mehr viel Geld, seit sie das neue Haus gekauft hatten. Deshalb war ihr Anorak zu groß, und ihre neuen Schuhe hatten reichlich Zehenfreiheit. »Wohnst du weit weg?«

»Nein. Ich wohne direkt dahinter.« Das Mädchen zeigte auf die Schule und meinte vermutlich die Häuserreihe, die Vaka in der Pause gesehen hatte, als sie die Rückseite des Schulhofs inspiziert hatte. Zwischen den Häusern und der Schule stand ein hoher Zaun, hinter dem sich jede Menge Müll angesammelt hatte: verblichene und zerrissene Verpackungen, Papierreste, Plastiktüten und welkes Laub. Vaka hatte sich vor dem Abfall geekelt, doch da dies eine der wenigen Stellen auf dem Schulgrundstück war, an denen man den hämischen Singsang der Jungen nicht hören konnte, war sie trotzdem zu dem Zaun gegangen und hatte hindurchgespäht, an dem Müll vorbei.

Den gedämpften Lärm der spielenden Kinder in den Ohren, hatte sie den Blick über die Häuser und Gärten schweifen lassen, dankbar, dass ihre Eltern nicht hier eins gekauft hatten. Die Häuser sahen genauso schäbig und verdreckt aus wie der Zaun, schlecht gestrichen und mit Gärten wie Urwälder. An einer Stelle ragte ein rostiger Grill aus dem hohen Unkraut heraus, und wenn Vaka nicht alles täuschte, wucherte es bereits durch einen kleinen Spalt in der Abdeckung. Vor den schmutzigen Fenstern hingen dazu passende schiefe, fleckige Vorhänge. Einige Fenster waren mit Decken zugehängt, andere mit Zeitungen und Pappe. Vaka fand die Häuser so unheimlich, dass sie sich von dem Zaun abwandte und zurück zu den anderen Kindern ging, die so taten, als wäre sie Luft.

Einen Vorteil hatte dieses Viertel immerhin. Es lag nah bei der Schule. Vielleicht konnte sie ja bei dem Mädchen telefonieren? Man wäre in ein paar Minuten bei ihr, und falls Papa in der Zwischenzeit kommen würde, wäre er noch in der Nähe. Vaka nahm all ihren Mut zusammen und sagte: »Meinst du, ich könnte mal bei dir telefonieren?«

Vaka erschrak, als sie das entsetzte Gesicht des Mädchens sah. »Bei mir?« Das Mädchen schluckte und wich Vakas Blick aus. Sie starrte auf ihre Handschuhe und nestelte an ihrer lädierten Hand herum. »Sollen wir nicht lieber hier warten? Dein Papa kommt bestimmt gleich.«

»Hm.« Vaka rückte den Ranzen auf ihrem Rücken zurecht. Er schien mit jeder Minute, die sie wartete, schwerer zu werden. »Aber wenn ich bei euch telefonieren darf, kannst du nachher mit zu uns zum Spielen kommen.« Vaka nahm an, dass sich das Mädchen darüber freuen würde, nicht zu Hause sein zu müssen, wenn sich ihr Zimmer in einem dieser Häuser befand. Vielleicht hatte sie sich deshalb so erschrocken. Vielleicht wollte sie nicht, dass Vaka sah, wo sie wohnte. Hastig fügte Vaka hinzu, es sei ihr piepegal, wie es bei ihr zu Hause aussähe.

Das Mädchen schien unsicher zu sein, was sie darauf antworten sollte. »Na gut, aber nur, wenn du dich beeilst. Und wenn wir danach zu dir zum Spielen gehen. Und du musst ganz leise sein. Mein Papa schläft bestimmt.«

Vaka nickte zufrieden, sowohl über die Antwort als auch darüber, dass sie eine Klassenkameradin kennengelernt hatte. Sie hatte zwar gehofft, sich mit den anderen Mädchen anzufreunden, vor allem mit denen, die am nettesten und beliebtesten wirkten, aber die hatten sie ignoriert und brauchten anscheinend keine neuen Freundinnen. Vielleicht war dieses Mädchen das Beste, was sie kriegen konnte, und vielleicht war sie ja ganz nett, auch wenn ihr zwei Finger fehlten. Sie war zumindest nicht unfreundlich. Doch als sie losgingen, kamen Vaka Zweifel. Sie hatte die heruntergekommenen Häuser wieder vor Augen, und plötzlich wollte sie lieber keins davon betreten. Sie hätte besser auf der kalten Treppe gewartet. Aber nun war es zu spät. Sie hatten den Schulhof bereits verlassen, waren unterwegs zu dem kleinen Wohngebiet, immerhin liefen sie jetzt in der Sonne.

Doch Vaka wurde trotzdem nicht warm. Sie fror nur noch mehr.

Fieberhaft suchte sie nach einem Vorwand, um umzukehren, ohne das Mädchen zu verletzen. Ihre neue Freundin schwieg den ganzen Weg über, als wäre sie sich genauso bewusst darüber wie Vaka, dass jeder Schritt sie dem Ziel näherbrachte. Sie hatten kein Wort miteinander gewechselt, als sie endlich auf den gesprungenen Platten des Gehwegs vor einem der Häuser stehen blieben, die Vaka am Morgen betrachtet hatte. Verstohlen musterte Vaka die Fassade. So weit sie sehen konnte, handelte es sich um das baufälligste Haus in der ganzen Straße.

Es hatte zwei Etagen und war mit rostigen Wellblechplatten verkleidet, die bestimmt seit Jahren nicht mehr gestrichen worden waren. Der Vorgarten war im selben Zustand wie die Hintergärten, die Vaka am Morgen gesehen hatte. Zwischen Löwenzahn, Sternmiere und krüppeligen Büschen lag ein verrostetes Dreirad. Die Fensterscheiben hatten Risse, und niemand hatte sich bemüht, sie auf der Straßenseite mit hübschen Gardinen zu kaschieren. Zu allem Überfluss war auch noch die Haustür schief. Das war ein schlimmer Ort.

Vaka versuchte verzweifelt, sich etwas einfallen zu lassen, damit sie umkehren konnten, aber es war zu spät. Das Mädchen schaute sie mit finsterer Miene an und sagte: »Komm mit, hier wohne ich. Sei leise und beeil dich. Danach gehen wir zu dir nach Hause zum Spielen, ja?« Freudige Erwartung blitzte in ihren trostlosen Augen auf, und Vaka nickte automatisch.

Sie folgte dem Mädchen ins Haus. Es war, als wäre ihr Schulranzen voller Steine, und ihre Brust wurde eng. Jeder Schritt kostete sie große Überwindung, und sie fühlte sich, wie wenn man etwas machte, von dem man wusste, dass es übel ausgehen würde. Wie damals, als sie bei einer Party ihrer Eltern den Tisch decken wollte, zu viele Teller auf einmal getragen hatte und ihr alle aus der Hand gerutscht waren. Schon in dem Moment, als sie den Tellerstapel hochgehoben hatte, hatte sie gewusst, dass er zu schwer war. Aber sie hatte trotzdem weitergemacht. Und jeder einzelne Teller war zerbrochen. Jetzt fühlte sie sich genauso.

Das Mädchen stand vor der Tür, die Hand auf der Klinke. »Komm, denk dran, du musst dich beeilen.« Sie flüsterte fast, als befände sich im Haus ein Ungeheuer, das sie nicht reizen dürften.

Vaka nickte verzagt und machte den letzten Schritt zur Tür. Dann trat sie ins Haus. Aus der Sonne in die Dunkelheit. Der Geruch von Zigaretten und etwas Saurem schlug ihr entgegen, und sie rümpfte die Nase. Das Mädchen zog hinter ihnen die Tür zu, und die Dunkelheit wurde noch schwärzer. Was vielleicht auch besser war, weil die Unordnung, die in diesem Haus herrschte, dadurch nicht so auffiel, und das Mädchen Vakas erschrockenen Gesichtsausdruck nicht sehen konnte.

»Das Telefon ist oben. Komm mit!«, wisperte das Mädchen kaum hörbar und mit flackerndem Blick. Als Vaka nicht sofort reagierte, winkte sie ungeduldig. Sie hatte den Anorak ausgezogen, aber nur einen Handschuh.

Vaka löste den Blick von dem anderen Handschuh, der die fehlenden Finger verbarg, und trat vorsichtig über die Türschwelle aus dem Flur. Im selben Moment knarrte im Obergeschoss eine Bodendiele. Der Kopf des Mädchens zuckte zurück, als sie nach oben schaute. Ihr Gesicht war vor Angst verzerrt.

Vaka versteifte sich und spürte, wie ihre Augenlider anfingen zu brennen, als müsste sie gleich in Tränen ausbrechen. Was machte sie hier? Ein leises Stöhnen entfuhr ihr, und trotz der Stille im Haus wirkte es kraftlos. Das war ein schrecklicher Fehler. Schlimmer als die Teller. Panik überkam sie, sodass sie keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Bis auf den, dass sie noch nicht einmal wusste, wie das Mädchen hieß.

– – –

Vermisst wird Vaka Orradóttir. Vaka ist acht Jahre alt, hat schulterlange, dunkelblonde Haare, ist schlank und zierlich. Sie trägt einen roten Anorak, eine rote Mütze, Jeans und rosafarbene Turnschuhe. Vaka wurde zuletzt heute um fünfzehn Uhr gesehen, als sie ihre Schule in Hafnarfjörður verließ. Die Polizei geht davon aus, dass sie sich noch in der Stadt aufhält. Wer Vaka gesehen hat, wird gebeten, die Polizei in Hafnarfjörður unter der Rufnummer 5253300 zu kontaktieren.

2016

1. KAPITEL

Huldar knallte einen Stapel Kopien, die er in der Schule bekommen hatte, auf seinen Schreibtisch. Bis auf diverse halbvolle Kaffeetassen, die sich dort angesammelt hatten, war der Tisch fast leer. Inzwischen bekam er nur noch Aufgaben übertragen, für die sich seine Kollegen zu schade waren. Wie diese Sache mit der Schule. Über die würden sie sich im Kommissariat bestimmt wieder lustig machen, genau wie über ihn – den Vorgesetzten, der in Ungnade gefallen und abgesetzt worden war. Er saß jetzt am äußersten Ende des Großraumbüros, von wo aus er sein altes Einzelbüro kaum noch sehen konnte.

Er vermied es so gut wie möglich, in diese Richtung zu schauen. Im Grunde war es ihm egal, dass er im Ansehen seiner Vorgesetzten gesunken war, viel schlimmer fand er, dass seine ehemaligen Mitarbeiter ihn behandelten, als wäre sein Absturz ansteckend. Er hatte gedacht, das Verhältnis zu den Kollegen würde wieder genauso sein wie vor seiner Beförderung, aber da hatte er sich getäuscht. Ihr Schweigen, wenn er ins Büro kam, und ihr Flüstern, sobald er wieder ging, waren so unerträglich, dass er sich sogar manchmal wünschte, er würde die Abteilung noch leiten.

Diese Momente währten jedoch nie lange, weil ihm früher oder später wieder einfiel, wie beschissen er sich in dieser Position gefühlt hatte. Ständig Formulare, Berichte, Meetings, der ganze sinnlose Papierkram – wenn ihm vorher jemand erzählt hätte, worin diese Arbeit bestand, hätte er die Beförderung niemals angenommen. Doch leider hatte es nicht viele Erklärungen gegeben, sondern lediglich einen Satz, bestehend aus vier Worten: Wollen Sie Abteilungsleiter werden? Die Polizeidirektion hatte es eilig gehabt, weil eine Reihe von Skandalen dazu geführt hatte, dass die meisten Abteilungsleiter abtreten mussten, und die Wahl war auf Huldar gefallen, völlig willkürlich. Da die Polizeiarbeit nicht auf Universitätsabschlüssen oder anderen Kenntnissen beruht, die man normalerweise für eine Führungsposition vorweisen muss, berief man sich auf das Naheliegende: das Alter oder die Berufszugehörigkeit. Dabei musste man lediglich Zahlen abgleichen, allerdings vermutete Huldar, dass seine Vorgesetzten nach dem Chaos im Zuge der Skandale als zusätzliches Kriterium noch die Körpergröße hinzugezogen hatten. Er war sich nämlich ganz sicher, dass sein Kopf aus der Gruppe herausgeragt hatte, als sie sich nach einem neuen Chef umgeschaut hatten. Er hätte sich wohl besser hingesetzt oder geduckt. Dann hätte er jetzt noch denselben Job wie vorher und befände sich im mittleren Bereich der Hierarchie. Nicht auf der untersten Stufe.

Aber Huldar machte niemandem Vorwürfe. Er hätte den Job ja ablehnen können. Er war auch nicht sauer, dass er degradiert worden war. Es wäre nie gut gegangen, wenn er weiter in vorderster Reihe gestanden hätte. Er hatte eine Mordermittlung dermaßen vermasselt, dass ihm das so leicht keiner nachmachen würde. Als er einer seiner Schwestern die Sache erklären wollte, war ihm als Vergleich nur ein Chirurg eingefallen, der mit gezücktem Messer in den OP rannte, um eine Notoperation zu machen, dabei ausrutschte und dem Patienten den Kopf abschnitt.

Das Schlimmste war, dass er Freyja, die ehemalige Leiterin des Kinderhauses, mit ins Verderben gerissen hatte. Die Verantwortlichen beim Jugendamt konnten es ihr nicht durchgehen lassen, dass sie im Kinderhaus einen Mann erschossen hatte, weshalb sie dort nur noch als normale Psychologin angestellt war.

Im Grunde konnten sie beide dankbar sein, dass sie sich keinen neuen Job suchen mussten.

Dankbarkeit schien Freyja jedoch fernzuliegen. Wenn sie sich nach dem verhängnisvollen Ereignis im Kinderhaus überhaupt mal begegnet waren, hatte sie ihn kaum eines Blickes gewürdigt. Sie war stinksauer, und zwar auf ihn. Huldar runzelte die Stirn, als er daran dachte. Er hatte gehofft, dass Freyja und er trotz des unrühmlichen Anfangs, des holprigen Zwischenspiels und der desaströsen Schlussszene zusammenkämen. Aber er war selbst schuld; ihre erste Begegnung hatte den Ton gesetzt, und es war ein Wunder, dass es ihm überhaupt gelungen war, Freyja wieder näherzukommen, obwohl ihre Bekanntschaft dann ja auch nur von kurzer Dauer gewesen war. Gebrandmarkt von seinen bisherigen Erfahrungen mit Frauen, hatte er sich bei ihrem ersten Kennenlernen als Tischler ausgegeben und unter Vorspiegelung falscher Tatsachen die Nacht mit ihr verbracht. Seine Erfahrung war nämlich die, dass die wenigsten Frauen auf Polizisten standen. Zu allem Überfluss hatte er sich auch noch mit seinem Zweitnamen, Jónas, vorgestellt. Als sie sich dann im Zusammenhang mit dem Mordfall, der später ihre beiden Karrieren jäh beenden sollte, wiederbegegnet waren, war alles aufgeflogen. Der Tischler Jónas war gezwungen gewesen, sich als Kommissar Huldar zu outen.

Doch was einmal passiert war, konnte sich ja durchaus wiederholen. Vielleicht bekam er eine zweite Chance. Der Gedanke stimmte ihn zuversichtlich.

Er lächelte dem jungen Polizisten zu, der ihm gegenübersaß. Der Kollege erwiderte sein Lächeln unsicher und starrte dann weiter auf den Computerbildschirm. Da konnte es nichts Besonderes zu sehen geben, denn er war erst so kurz bei der Kripo, dass er in der Hackordnung sogar noch unter Huldar stand.

»Viel zu tun?« Huldar bemühte sich, nicht ironisch zu klingen, denn der Knabe war furchtbar empfindlich. Er würde sich noch ein dickeres Fell zulegen müssen, aber es war nicht Huldars Aufgabe, dafür Sorge zu tragen. Er musste sich um andere Dinge kümmern als um einen verklemmten Möchtegernpolizisten.

»Ja. Nee.« Die Stirn über dem Bildschirm wurde feuerrot.

»Was denn jetzt? Ja oder nein?«

»Nein. Nicht besonders viel. Aber trotzdem genug.«

»Du weißt doch, dass es gewissermaßen positiv ist, wenn wir nicht viel zu tun haben. Zumindest in den Augen der Bürger.« Huldar setzte sich und zog die Papiere heran. Je früher er diesen Quatsch abhakte, desto besser. Er verkniff sich ein Seufzen, als er den kindlichen, handgeschriebenen Text auf der ersten Seite überflog. Im Jahr 2016 werden Autos überflüssig sein. Stattdessen gibt es kleine Hubschrauber, die mit Solarbatterien betrieben werden. Krebs und alle anderen schlimmen Krankheiten sind heilbar. Man wird mindestens hundertdreißig Jahre alt. Island ist immer noch das beste Land der Welt! Elín, 9 C. Neben dem Namen waren zwei Herzchen und zwei Smileys gemalt. Er konnte sich nicht erinnern, im Kontext der Arbeit schon mal einen Smiley gesehen zu haben.

»Würdest du den Dienstwagen gegen einen solarbetriebenen Hubschrauber eintauschen?« Huldar schob zwei Lamellen der Jalousie auseinander und schaute hinaus. Das gräuliche Winterlicht würde wohl kaum ausreichen, um einen solchen Hubschrauber zu starten, geschweige denn, ihn in der Luft zu halten.

»Äh, was?« Seiner Stimme nach zu urteilen, schien der junge Kollege das für eine Testfrage zu halten.

»Ach, nichts.« Huldar war zu müde, um ihm die Sache zu erklären. Er war am Abend zuvor mit ein paar Kumpels in der Kneipe gewesen und zu spät ins Bett gegangen, ein paar Bier zu viel intus. Der Junge hatte offenbar noch nichts von dem Fall gehört, den Huldar übernommen hatte, oder er war zu dämlich, um zwei und zwei zusammenzuzählen.

»Steht uns ein Hubschrauber zur Verfügung?«

»Klar.« Huldar bereute seine vorschnelle Antwort sofort und korrigierte sich. »Nein. Wir haben keinen Hubschrauber. Ich lese mir gerade durch, wie sich Schulkinder vor zehn Jahren unsere Gegenwart vorgestellt haben. Ein Kind schreibt, wir würden uns mit solarbetriebenen Hubschraubern fortbewegen. Bestimmt nicht das Dümmste von dem, was ich noch durchackern muss.«

Der junge Kollege rollte auf seinem Stuhl ein Stück zur Seite, damit er Huldars Gesicht sehen konnte. Er hieß Guðlaugur und wurde im Kommissariat immer nur Gulli genannt, obwohl er ständig versuchte, den Spitznamen wieder loszuwerden. Wahrscheinlich würde man ihn so lange Gulli nennen, bis er sich innerhalb des Teams bewiesen hatte. Falls das jemals geschehen würde. In diesem Job schaffte es nicht jeder, sich durchzubeißen.

»Warum machst du das?«

»In einem der Aufsätze ist man auf fragwürdige Vorhersagen gestoßen, der Schulleiter hat uns kontaktiert.« Huldar gab Gulli die Kopie des Hubschrauber-Aufsatzes. »Die Schule hatte damals eine amerikanische Partnerschule, und es gab ein Projekt, bei dem man eine Zeitkapsel mit Aufsätzen auf dem Schulgelände vergraben hat. Zehn Jahre später wurde sie wieder ausgegraben und die Zukunftsvisionen der Kinder aus den beiden Ländern miteinander verglichen. Alle Neuntklässler sollten damals aufschreiben, wie sie sich Island in zehn Jahren vorstellen, anschließend wurden die Blätter in die Hülse gesteckt. So weit, so gut, doch einer der isländischen Schüler nutzte die Gelegenheit und sagte Morde vorher. Ich muss diesen Schüler ausfindig machen, damit psychologisch untersucht werden kann, ob er heute als Erwachsener womöglich gefährlich ist. Ich bezweifle es zwar, aber wir müssen es überprüfen.«

»Wen will er denn ermorden?«

»Nicht nur einen. Er nennt sechs Personen. Allerdings nicht ihre Namen, sondern nur ihre Initialen. In zwei Fällen auch nur einen Buchstaben.« Huldar suchte in dem Stapel nach dem betreffenden Aufsatz. In der Schule hatte man ihm von allen Aufsätzen Kopien ausgehändigt, von diesem jedoch das Original. Die Schulsekretärin hatte ihm das Blatt mit angewiderter Miene übergeben und erleichtert gewirkt, dass die Sache nun nicht mehr ihr Problem war.

Guðlaugur verfolgte gespannt, wie er den Stapel durchblätterte. Huldar musste sich eingestehen, dass es ein gutes Gefühl war, dass sich ein Kollege für seine Arbeit interessierte. Das war schon lange nicht mehr passiert. Nur blöd, dass der Fall so banal war.

»Warum sprecht ihr nicht einfach mit diesem Schüler? Es kann doch nicht so kompliziert sein, ihn zu finden.«

»Der Aufsatz ist anonym.«

»Und was sollst du jetzt machen? Herausfinden, wessen Name aus der neunten Klasse in dieser Zeitkapsel fehlt? Die Handschrift mit alten Schulaufsätzen vergleichen?«

»So was in der Richtung. Es gibt einen Aufsatz mehr als damals Schüler in der neunten Klasse waren. Der Betreffende hat vermutlich zwei Aufsätze abgegeben. Ich muss den Mordaufsatz also mit den anderen Aufsätzen in der Hülse abgleichen. Leider schreiben die Kinder alle ziemlich unleserlich. Zumindest die Jungs.«

»Ist es ein Junge?«

»Ja. Oder ein Mädchen, das mit links geschrieben hat.«

»Fingerabdrücke?«

Huldar lachte. »Ja, klar. Ich krieg bestimmt die Erlaubnis, die Fingerabdrücke von fünfundsechzig Aufsätzen von Schulkindern ins Labor zu schicken.« Er nahm den Hubschrauber-Aufsatz wieder an sich und legte ihn zu den anderen. »Dafür bräuchte ich mindestens eine Leiche. Am besten alle sechs.« Er zog den mysteriösen Aufsatz heraus und las ihn noch einmal leise. Im Jahr 2016 werden folgende Menschen getötet: K, SG, BT, JJ, VL und I. Niemand wird sie vermissen. Am allerwenigsten ich. Ich kann es kaum erwarten. Darunter standen weder Smileys noch Herzchen.

»Du glaubst also, dass diese Leute alle noch leben?«

»Höchstwahrscheinlich, aber da ich nur die Initialen oder sogar nur einen Buchstaben ihrer Namen kenne, ist das natürlich nicht hundertprozentig sicher.« Huldar reichte Guðlaugur den Aufsatz. »Die Schulsekretärin behauptet zumindest, dass niemand mit diesen Initialen in den letzten zehn Jahren ermordet wurde. Allerdings sei ein Mann, dessen Name mit K beginnt, 2013 getötet worden, aber der Mörder wurde verurteilt und war weder Schüler an der Schule noch im richtigen Alter. Ich muss das natürlich überprüfen, aber selbst die Sekretärin sollte in der Lage sein, die wenigen Mordopfer der letzten Jahre hierzulande zu recherchieren.«

Guðlaugur schwieg, während er den Aufsatz las. Dann hob er den Kopf und schaute Huldar mit unergründlicher Miene an. Seine Gesichtszüge waren weich, Nase und Wangen voller Sommersprossen, und kein Anflug von Bartstoppeln, obwohl es schon ziemlich spät am Tag war. Er musste Ende zwanzig sein, kaum älter als der namenlose Aufsatzschreiber heute. »Da gibt’s einen Wikipedia-Eintrag.« Guðlaugur wurde schon wieder rot und wirkte dadurch noch jünger. »Über alle isländischen Morde.«

Huldar hob die Augenbrauen. »Hast du den etwa geschrieben?«

»Nein. Nur so ’n Tipp. Wenn du die Namen damit abgleichst, sparst du dir Zeit.«

Huldar bereute es, unfreundlich zu dem jungen Mann gewesen zu sein. Vielleicht sollte er sich mit ihm anfreunden, ein paar Verbündete am Arbeitsplatz konnte er gut gebrauchen. Doch Huldar bekam keine Gelegenheit, seinen guten Vorsatz in die Tat umzusetzen, denn er sah Erla aus dem Augenwinkel auf sie zustürmen, im Anorak. Er hoffte inständig, dass sie ihn nicht mit nach draußen schleppen wollte, er war gerade erst reingekommen, und das angekündigte Unwetter hatte bereits seine Klauen ausgestreckt. Aber er hatte Pech.

– – –

Es war das fünfundvierzigste Tief, das in diesem Winter über das Land zog. Die Tiefs schienen immer heftiger zu werden, stürmischer und wütender. Es war, als führten die Wettergötter eine Gewaltbeziehung mit Island – sie genossen es, das Land zu peitschen, und waren nicht zu bändigen. Wie um diese Gedanken wegzufegen, klatschte ein Windstoß ein nasses Laubblatt in Huldars Gesicht. Es klebte an seiner Wange, schleimig und kalt. Als er sich mit steifen Fingern durchs Gesicht fuhr, blieb das Blatt an seiner Hand kleben. Er schüttelte sie kräftig, bis das Blatt in den Garten davonstob.

»Hast du was gefunden?« Erla kämpfte neben ihm mit dem Gleichgewicht. Der lange, schwarze Polizei-Anorak wirkte wie ein Segel, und Erla drehte sich mit der Seite dem Wind entgegen. Verständlicherweise wollte sie nicht direkt vor seinen Augen umkippen. Seit er degradiert worden war und sie seinen Job übernommen hatte, war ihr Verhältnis angespannt und verkrampft. Dabei hatte er die Teamleitung nur so kurz innegehabt, dass er kaum wusste, was er daran vermissen sollte. Die Unsicherheit ging vor allem von Erla aus, denn ihm war die Veränderung völlig egal, und er machte sie kein bisschen dafür verantwortlich. Irgendwer musste den Job ja machen, warum also nicht sie? Sie hatte zwar für seinen Geschmack eine etwas zu derbe Ausdrucksweise und gab sich ruppiger als nötig, aber vielleicht hatte man sich ja genau deshalb für sie entschieden. Innerhalb der Polizei bestand zudem ein gewisser Druck, Frauen zu fördern, und mit Erla bekam man quasi zwei in einem: eine Frau, die sich wie ein Chauvi verhielt.

»Nein. Hier ist nichts. Nichts Ungewöhnliches zumindest. Scheint ein ganz normaler Garten mit dem üblichen Kram zu sein.« Er nickte in Richtung des lädierten Trampolins, das am äußersten Ende des Gartens am Zaun festgezurrt war. Es schien schon eine Weile her zu sein, seit Kinder darauf gesprungen waren, denn es hatte keine Sprungmatte mehr, und nur das Stahlgerüst und ein paar Federn waren noch übrig. Huldar klopfte gegen den rostigen Grill auf der Terrasse und sparte es sich, Erla auf den Hot Tub hinzuweisen, ein ganz normaler, aus Holz, ziemlich verwittert, darin hatte sicher schon länger niemand mehr gebadet. Das war auch nicht nötig. Jeder konnte sehen, wie gewöhnlich der Garten war. »Ob das ein Scherz war?«

»Ein Scherz?« Erla ließ den Blick durch den Garten schweifen und vermied es, Huldar in die Augen zu schauen. Unter ihrer Kapuze hervor beobachtete sie, wie Guðlaugur mit einem Stock in einem kahlen Busch herumstocherte und nach etwas suchte, von dem sie alle nicht wussten, was es eigentlich sein sollte. Welke Blätter wie jenes, das Huldar ins Gesicht geflogen war, wirbelten hoch. Erla drehte sich wieder zu ihm, blickte jedoch auf sein Kinn, statt in seine Augen. »Was soll das denn für ’n scheiß Humor sein?«

Huldar zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung.« Es war schwer, es witzig zu finden, in dieses Wetter hinausgelockt zu werden, deshalb waren sie dem Absender des Briefs alles andere als freundlich gesinnt. Auf dem Weg hatte Erla den Männern ausführlich von dem Schreiben erzählt, das gegen Mittag eingegangen und an sie adressiert gewesen war. Darin stand, dass sich in diesem Garten etwas polizeilich Relevantes befinde. Der Brief war anonym, und es gab keine näheren Hinweise, die ihnen die Suche erleichterte. »Sollen wir es nicht gut sein lassen?«

Endlich erwiderte Erla seinen Blick, und Huldar merkte, dass er besser den Mund gehalten hätte. »Nein. Schwingt eure Ärsche und sucht weiter.«

»Okay, schon gut.« Huldar zwang sich zu einem Lächeln, das jedoch schnell wieder verschwand, und sah Erla hinterher. Sie schwankte im Wind, offenbar fest entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Er wandte sich wieder der Terrasse zu und schaute sich nach möglichen Verstecken um. Es hätte die Arbeit erheblich erleichtert, wenn sie gewusst hätten, wonach sie suchen mussten.

Vom Hot Tub drang Lärm zu ihm, und Huldar sah, wie sich die schwere Abdeckung ein Stück hob, dann runterknallte und wieder aufflog. Durch das Stürmen des Windes hörte er die Halterung knarren, mit der die Abdeckung unten gehalten wurde. Außen am Hot Tub befand sich eine Luke, die er vorhin noch nicht aufgemacht hatte, also ging er dorthin, verfolgt von den wachsamen Blicken des Hausbesitzers in der oberen Etage des Hauses. Der Mann, er hieß Benedikt, war ihnen gegenüber ziemlich unfreundlich gewesen, zumal er nicht richtig begriff, was eigentlich los war. Nichts deutete darauf hin, dass er etwas mit der Sache zu tun hatte, und seine Verwunderung wirkte authentisch. Da Erla nichts über ihn gesagt hatte, wusste Huldar nicht, wer der Mann war. Er sah aus, als wäre er kürzlich in Rente gegangen, und seinem Auftreten nach zu urteilen, war er ein typischer Profilneurotiker, der es gewohnt war, dass man auf ihn hörte. Einer von denen, die sich nicht damit abfinden konnten, dass ihre große Zeit vorbei war.

Huldar winkte dem Mann lächelnd zu. Zum Dank erntete er nur eine Grimasse und ein paar undeutliche Gesten, die vermutlich bedeuteten, dass er den Hot Tub in Ruhe lassen sollte. Da der Mann wohl kaum damit rechnete, dass Huldar sich hineinschwingen wollte, sorgte er sich wahrscheinlich um die Abdeckung, falls Huldar sich an der Halterung zu schaffen machen würde. Aber das war nicht Huldars Absicht, und er nickte dem Mann kurz zu, in der Hoffnung, dass die Botschaft bei ihm ankam.

Hinter der Luke befanden sich eine Pumpe und mehrere Leitungen. Huldar leuchtete mit einer kleinen Taschenlampe hinein, sah aber nur Staub. Als er genauer in die Luke schaute, um sich zu vergewissern, dass sich hinter dem Wirrwarr von Leitungen nichts verbarg, stieß er sich den Kopf an, und die Holzverkleidung knarrte. Was für eine frustrierende Angelegenheit. Wenn er den Absender des anonymen Briefs in die Finger bekäme, müsste er sich beherrschen, ihm nicht eine ebensolche Beule zu verpassen wie die, die sich gerade an seinem Scheitel bildete. Ein Schlag an der richtigen Stelle konnte bestimmt nicht schaden. Sein Ansehen bei der Polizei war ohnehin schon ruiniert.

Huldar schloss die Luke und richtete sich auf. Er massierte seinen schmerzenden Hinterkopf und ließ den Blick durch den dämmerigen Garten schweifen. Sie hatten ihn intensiv durchgekämmt, besser als den Vorgarten. Hoffentlich kam Erla nicht auf die Schnapsidee, noch einmal von vorne anzufangen. Der Mann hatte die ganze Zeit am Fenster gestanden und in regelmäßigen Abständen gebrüllt, sie sollten auf die Bepflanzung aufpassen. Ziemlich lächerlich angesichts der Jahreszeit. Die wenigen Pflanzen, die man sah, waren kahl und verwelkt.

Huldar strich sich die Haare zurück. Der Wind reagierte prompt und blies sie ihm wieder in die Stirn. Genauso sinnlos wie alles andere an dieser Aktion. Wo sollte er als Nächstes suchen? Er wanderte durch den Garten und versuchte, geeignete Verstecke aufzuspüren. Erla und der junge Kollege irrten genauso planlos umher. Guðlaugur immer noch mit erhobenem Stock. Schließlich lehnte Huldar sich an den Hot Tub und genoss die Wärme des Dampfes, der durch den Spalt in der Abdeckung hinausdrang.

In diesem Garten war nichts zu holen.

Der Brief war ein schlechter Scherz. Es sei denn, jemand war ihnen zuvorgekommen und hatte entfernt, wonach sie suchten. Vielleicht hatten Eltern bei ihrem pubertierenden Nachwuchs Drogen gefunden und wollten sie der Polizei zukommen lassen, ohne dass ihr Kind Schwierigkeiten bekommen würde. Womöglich war ihnen der Jugendliche gefolgt und hatte sich den Stoff wiedergeholt, bevor sie hergekommen waren. Abwegig. Sehr abwegig. Es wäre für Eltern viel leichter, den Stoff ins Klo zu spülen, als so ein Theater zu veranstalten.

Plötzlich legte sich der Wind, und der heiße Dampf stieg neben Huldar nach oben, bis er schließlich sein Gesicht umspielte. Die dicken Schwaden trugen einen Geruch mit sich, der Huldar bekannt vorkam. Der eisenartige Geruch von Blut. Er zuckte zusammen und löste die Abdeckung. Oben wurde das Klopfen gegen die Fensterscheibe lauter.

Huldar brauchte einen Moment, bis er kapierte, was in dem Hot Tub schwamm. Nachdem sein Gehirn die merkwürdige Botschaft verarbeitet hatte, wich er instinktiv einen Schritt zurück und ließ die schwere Abdeckung fallen. Augenblicklich nutzte der Wind die Gelegenheit und warf sich mit Wucht dagegen, sodass die Scharniere nachgaben. Die Abdeckung baumelte nur noch an einer Halterung und knallte auf die Terrasse. Huldar blickte nach oben, um die Reaktion des Hauseigentümers sehen zu können. Sein Gesichtsausdruck war nicht mehr wütend, sondern erstaunt.

Erstaunt und angeekelt.

Hastig griff Huldar nach der Abdeckung und versuchte, sie im Kampf gegen den Wind wieder an ihren Platz zu bugsieren. Er rief nach Erla und Guðlaugur und bat sie, ihm zu helfen. Da erfasste ein Windstoß die Abdeckung, und Huldar meinte, seine Oberarmmuskeln stünden in Flammen. Dennoch konnte er den Blick nicht von dem abwenden, was in dem Hot Tub schwamm. Er vermisste den kleinen, unbedeutenden Schulfall. In dem rot gefärbten Wasser schwammen zwei abgeschnittene Hände.

2. KAPITEL

Wie immer in letzter Zeit war es ruhig im Kinderhaus. Die Eingangstür war nicht mehr aufgegangen, seit Freyja am Morgen eingetroffen war, und das Telefon am Empfang hatte noch kein einziges Mal geklingelt. Als hätte das Wetter alle Täter, die Gewalt an Kindern ausübten, in Lethargie versetzt, und obwohl Freyja von diesem unbeständigen Winter die Nase voll hatte, würde sie sich mit ihm abfinden, falls das wirklich stimmte. Sie hatte schon zu viele traumatisierte Kinder erlebt und zu vielen Missbrauchsopfern zugehört, um einen solchen Pakt abzulehnen. Dann dürften sämtliche Orkane dieser Welt ruhig über sie hinwegfegen. Ein heftiger Windstoß ließ ein Fenster knarren, als wollte das Wetter ihr Angebot unverzüglich annehmen. Freyja seufzte. Sie hatte jetzt schon Bammel davor, nach der Arbeit das Auto freischaufeln zu müssen, leise Stoßgebete sendend, dass die Heizung in dieser Schrottkarre angehen möge. Schon bei dem Gedanken fröstelte sie. Zum Trost rief sie sich die Vorteile dieser Jahreszeit ins Gedächtnis. Solange das Wetter sich so gebärdete, hatte sie zum Beispiel wenigstens Ruhe vor ihren Freundinnen, die sie immer auf irgendwelche Gewaltmärsche zu mindestens zehn Stunden entfernten Hügeln mitschleppen wollten. Das Frösteln verschwand, und die Trägheit, mit der sie zurzeit andauernd zu kämpfen hatte, befiel sie wieder.

»Freyja, ich glaube, du bekommst Besuch.« Elsa, die neue Chefin der Einrichtung, stand in der Tür zu dem Kabuff, das Freyja zugewiesen worden war, nachdem man sie als Chefin abgesetzt hatte. Elsa war um die fünfzig und Abteilungsleiterin beim Jugendamt gewesen. Nach dem tragischen Vorfall hatte sie Freyjas Job übernommen, da es als inakzeptabel galt, einer Frau, die jemanden erschossen hatte, weiterhin die Leitung der Einrichtung zu überlassen. Selbst wenn es Notwehr gewesen war. Man konnte nie wissen, wie die Medien das aufnehmen würden – gut möglich, dass man sie für ungeeignet für diesen Job halten würde, zumal ihr Bruder Baldur im Gefängnis saß. Zum Glück hatte die Presse nicht reagiert wie befürchtet, aber ihren alten Job war sie trotzdem los. Sie fröstelte wieder.

»Wie? Was meinst du?« Für einen Moment zog sich Verwunderung über ihr apathisches Gesicht, aber die würde nicht lange andauern. Gleich würde sie wieder mit leerem Blick auf den Bildschirm starren und sich den Kopf darüber zerbrechen, wie es so weit hatte kommen können. Würde ihr Leben von nun an immer so aussehen? War es ihr Schicksal, als kleines Rädchen in der Maschinerie des Jugendamts zu funktionieren, das im Grunde genommen sowieso überflüssig war? Wobei sie eigentlich noch nicht einmal mehr ein Rädchen war, eher ein Zähnchen in einem Zahnrad. Aber ihre Sorgen und ihre miese Stimmung hatten nichts mit Elsa zu tun. Die war in Ordnung und machte ihren Job vorbildlich. Nein, Freyja fühlte sich einfach ausgebremst, und zwar auf einer niedrigeren Stufe, als ihr lieb war. Der Schuss, den sie im Kinderhaus abgefeuert hatte, würde noch jahrelang durch die Flure der Behörde hallen. Letztens hatte Freyja sogar darüber nachgedacht, noch einmal zu studieren und sich in einem anderen Bereich zu etablieren, aber wo? Sie sah sich nicht als Geologin oder Steuerberaterin. Ihre Stärke lag darin, sich in die Gedankenwelt von Kindern und Jugendlichen einzufühlen, nicht in Zahlen oder Gesteinsarten.

»Er hat gerade vor dem Haus geparkt. Dein Freund. Der vom Pech verfolgte Polizist.«

»Huldar?« Freyja verzog instinktiv das Gesicht. »Der ist nicht mein Freund. Weit davon entfernt. Der will bestimmt zu jemand anderem.«

Elsa winkte ab. »Das bezweifle ich.« Sie zeigte mit ihrer überschlanken Hand zum Fenster. »Ist er das nicht?« Die Frau wog höchstens fünfzig Kilo und hatte keine Fettreserven, die ihre Mimik abmildern oder verbergen konnten. Deshalb war ihr Gesicht ungewöhnlich lebendig, und jeder bekam ihre Gefühlsregungen mit. Ihren dünnen Körper verbarg sie unter weiten, hippieartigen Kleidern, die sich manchmal an sie anschmiegten und ihre Figur preisgaben. Durch die extrem kurzen Haare sah sie noch mehr aus wie eine Gefangene im Hungerstreik. Besonders, wenn sie Orange trug, was manchmal vorkam.

Freyja spähte aus dem Fenster. Draußen kämpfte Huldar damit, im Sturm die Tür des Streifenwagens zuzumachen. »Oh Gott. Ich will nicht mit ihm reden.«

»Wenn er zu dir will, bleibt dir nichts anderes übrig. Zumindest nicht, wenn er beruflich hier ist. Du weißt doch, wie wichtig unsere Zusammenarbeit mit der Polizei ist.«

Elsa ging, ohne dass Freyja noch etwas erwidern konnte. Sie blieb alleine zurück und betete leise, dass Huldar zu jemand anderem wollte. Dann hörte sie die Haustür aufgehen und den Klang von Elsas und Huldars Stimmen. Sie kamen näher, und bevor Freyja ihr Stoßgebet beendet hatte, standen sie schon in der Türöffnung, die Chefin wie eine winzige Spielfigur neben dem muskulösen Polizisten. Er sah noch genauso aus wie beim letzten Mal, müde und abgekämpft. Das Seltsame war, dass ihm das ziemlich gut stand. Freyja kannte ihn inzwischen gut genug, um zu wissen, dass das sein normaler Zustand war: erschöpft und zerstreut. Selbst im Gerichtssaal, als er einen Anzug getragen hatte, bei dessen Auswahl ihm laut eigener Aussage seine Schwester geholfen hatte, sah er aus, als müsste er schnellstens nach Hause, sich aufs Ohr hauen.

Augenringe, Dreitagebart und verwuschelte Haare.

Freyja mochte sich nicht eingestehen, dass sie das attraktiv fand, diesen Look des abgekämpften, unbeugsamen Polizisten, der im Bett alles andere als langweilig war. Das wusste sie aus eigener Erfahrung, auch wenn die Testfahrt nur aus einer einzigen netten Nacht bestanden hatte. Aber das lag nur daran, dass er ein Arschloch war. Ein Arschloch, aber ziemlich gut im Bett. Bevor diese Gedanken Freyja wieder in eine Krise stürzten, erinnerte sie sich daran, dass er schuld an dem Schlamassel war, in dem sie jetzt steckte. Er hatte den Fall geleitet, der am Ende dazu geführt hatte, dass sie degradiert worden war. »Ich muss euch ja nicht vorstellen. Freyja, würdest du ihm bitte behilflich sein?« Ohne weitere Worte über Huldars Anliegen zu verlieren, machte Elsa auf dem Absatz kehrt und verschwand.

Huldar lächelte Freyja verlegen an. Er war weit weniger sauer auf sie als sie auf ihn. Anscheinend war er überhaupt nicht sauer, angesichts seiner ständigen Versuche, wieder Kontakt zu ihr zu knüpfen. Ihre Wege hatten sich, nachdem sie den Schuss abgefeuert hatte, wesentlich öfter gekreuzt, als ihr lieb war. Wegen des Mannes, den Freyja erschossen hatte, mussten sie beide als Zeugen in dem Mordfall aussagen, und danach noch einmal in einem wesentlich kürzeren Prozess ihres Bruders Baldur, der wegen Besitzes einer unregistrierten Waffe angeklagt war. Er hatte zwölf Monate zusätzlich zu der Haftstrafe bekommen, die er gerade absaß, und das schmerzte Freyja am meisten. Baldur regte sich hingegen nicht groß darüber auf und nahm das Urteil mit stoischer Ruhe hin. »Dann hab ich halt mehr Zeit zum Nachdenken«, hatte er zu ihr gesagt, als das Urteil feststand. Worüber er nachdachte, wollte Freyja lieber nicht wissen. Vielleicht war Baldur deshalb nicht wütend auf sie, weil sie zumindest versucht hatte, die Herkunft der Pistole zu verschleiern, und ausgesagt hatte, sie habe sie irgendwo gefunden. Huldar, dieser Arsch, hatte ihre Aussage gestützt und behauptet, er habe keine Ahnung, woher die Waffe stamme und wie Freyja sie in die Hände bekommen habe. Dabei kannte er die Wahrheit. Da das alles letztendlich nichts gebracht hatte, war Freyja sauer, weil sie nun in Huldars Schuld stand. Baldurs Fingerabdrücke auf der Waffe hatten ihn schließlich überführt, und Freyja war gerade noch um eine Anklage wegen Falschaussage herumgekommen. Wobei die mit Sicherheit auch ein Grund für ihre Degradierung gewesen war. »Darf ich reinkommen?«

»Ja, bitte sehr«, sagte sie trocken.

»Darf ich mich vielleicht auch setzen?« Huldar griff nach der Rückenlehne des Gästestuhls vor dem Schreibtisch.

»Ja, bitte sehr.« Wieder im selben Ton. Freyja beobachtete, wie er es sich auf dem Stuhl bequem machte. »Was kann ich für dich tun?«

»Tja, gute Frage.« Huldar legte ein Blatt Papier auf den Tisch. Soweit Freyja sehen konnte, handelte es sich um einen ausgesprochen krakelig geschriebenen Text. Es überraschte sie nicht, dass Huldars Handschrift so schlecht war. »Ich brauche die Meinung eines Psychologen oder einer Psychologin bei einem Fall, den ich untersuche.« Er lächelte wieder sein schiefes Lächeln. »Und ich kenne niemanden außer dir.«

»Aha.« Freyja beließ es dabei. Je weniger sie sagte, desto besser. Er sollte bloß nicht denken, sie wäre zu Smalltalk aufgelegt.

»Tja, bevor ich damit anfange … wie geht’s dir denn so?« Er starrte ihr in die Augen, ohne zu blinzeln. Ein Großteil seines Charmes bestand darin, sie auf diese Art anzuschauen, als würde er ihr seine volle Aufmerksamkeit schenken. Und dabei wirkte er auf einmal gar nicht mehr zerstreut. Aber das machte er bestimmt bei allen Frauen so.

»Gut. Super.« Sie tat ihm nicht den Gefallen, zurückzufragen.

»Und deinem Bruder?«

»Gut. Super. Was willst du?«

Ihre knappen Antworten schienen Huldar nicht zu stören. Er lächelte wieder und fuhr einfach fort. »Ich hab hier einen Aufsatz von einem Vierzehnjährigen, wahrscheinlich ein Junge. Ich muss wissen, ob uns das Sorgen bereiten sollte.«

»Lass mich mal sehen.«

Huldar reichte ihr das Blatt, sie las es und gab es ihm dann zurück. »Wo und wann wurde das geschrieben?«

»Vor fast genau zehn Jahren.« Er erzählte ihr von dem Projekt mit der Zeitkapsel. Freyja musterte ihn desinteressiert.

»Da kann ich dir leider nicht helfen. Dafür ist das zu wenig. Aber ich glaube, dass es einem keine schlaflosen Nächte bereiten sollte. Das sind bestimmt Leute, die der Junge damals nicht leiden konnte. Viele Jugendliche haben solche Tötungsfantasien, und nur sehr wenige setzen ihre Vorsätze in die Tat um. Man müsste mehr über die Vorgeschichte wissen – wie hat sich der oder die Jugendliche gefühlt, als er oder sie das geschrieben hat? War er oder sie wütend auf jemanden von der Liste wegen etwas, das am selben Tag passiert ist? Wenn dem so ist, dann gibt es keinen Grund zur Besorgnis. Dann handelt es sich um einen kurzen Wutanfall. Aber falls es ein lange gehegter Hass ist, gibt es möglicherweise doch Grund zur Sorge. Andererseits aber auch nicht. Es muss schon einiges geschehen, um einen solchen Hass zehn Jahre lang aufrechtzuerhalten. Verdammt viel.«

»Dann besteht also Hoffnung, dass du mir irgendwann verzeihst?« Huldar lächelte trübsinnig.

»Ich sagte, es muss einiges geschehen – nicht, dass es ausgeschlossen ist.« Sein Lächeln verschwand, und Freyja bereute ihre harsche Entgegnung. Es war gar nicht so leicht, feindselig gestimmt zu sein, wenn der Betreffende direkt vor einem saß. Das funktionierte viel besser, wenn man alleine und frustriert war. »An deiner Stelle würde ich die Person trotzdem aufsuchen. Das führt zwar wahrscheinlich zu nichts, aber dann kannst du die Sache abhaken und dich wichtigeren Dingen zuwenden. Ihr habt ja bei der Polizei bestimmt genug zu tun.«

»Na ja, nicht wirklich. Bei diesem Wetter passieren nicht viele Verbrechen. Wir haben einen großen, mysteriösen Fall, aber ich bin nicht mit im Team. Ich hab den Anfang zwar mitgekriegt, aber nur zufällig. Man vertraut mir nichts Wichtiges mehr an.« Wieder lächelte Huldar, diesmal, um zu signalisieren, dass ihm das scheißegal war. Doch sein Lächeln war immer noch trübsinnig, und er konnte seine Unzufriedenheit über den Lauf der Dinge nicht verbergen.

Freyja kannte das aus eigener Erfahrung, sagte aber nichts. Wenn sie ihm den kleinen Finger reichen würde, würde er sofort die ganze Hand nehmen. Sie sehnte sich nach einer Schulter zum Anlehnen, nach einem Zuhörer, bei dem sie sich darüber ausheulen konnte, dass sie ihren Job verloren hatte, und der ihr Verständnis entgegenbrachte. Vor ihr saß dieser Mann. Bei diesem Thema waren ihre Freundinnen nicht zu gebrauchen, sie heuchelten Anteilnahme, doch sobald sie den Mund aufmachten, entlarvten sie sich. Sie waren der Meinung, sie sei selbst schuld. Sie hatte mit dem Tischler Jónas geschlafen, der sich später als Polizist Huldar entpuppt hatte, sie hatte sich entgegen aller Vernunft mit ihm angefreundet, sie hatte die Pistole mit zur Arbeit genommen, um sie ihm zu geben, und sie hatte abgedrückt. Keiner außer ihr hatte diese Entscheidungen getroffen. Deshalb sollte sie sich gefälligst mit ihrer Situation abfinden, aufhören zu jammern und mit ihnen zum Hot Yoga gehen. Der Einzige, der ihr Selbstmitleid ertragen würde, war ihr Bruder Baldur, und der würde auch nicht so dämliche Vorschläge machen. Aber sie wollte ihm nichts vorheulen, das war einfach unpassend, auch wenn sein Schicksal hausgemacht war. Baldurs Hündin Mollý war im Grunde Freyjas beste Zuhörerin. Sie gähnte und schmatzte zwar mitten im Satz und drehte sich auch manchmal weg, sagte aber nie etwas Dummes oder schimpfte mit ihr.

Bevor Freyja sich dazu hinreißen ließ, ihm ihr Herz auszuschütten, ergriff Huldar wieder das Wort. »Aber das interessiert dich bestimmt nicht, deshalb bleibe ich lieber beim Thema.« Freyja musste grinsen. Er hatte die einzige Chance während des gesamten Besuchs verpasst, wieder mit ihr anzubandeln. Sie würde nämlich dafür sorgen, dass er keine zweite bekam. »Ich hab noch einen Aufsatz, der aussieht, als wäre er in derselben Handschrift geschrieben. Ich würde gerne deine Meinung dazu hören. Glaubst du, dass es sich um denselben Jugendlichen handelt?« Er reichte ihr ein anderes Blatt, ähnlich wie das erste.

»Die Schrift ist ähnlich, der Inhalt nicht. Dazu kann ich nichts sagen. Habt ihr keine Handschriftenexperten?«

»Doch, schon. Ich hatte nur gehofft, du würdest an den Formulierungen etwas erkennen, das darauf hinweist, dass es sich um denselben Jungen handelt.«

Freyja überflog den krakelig geschriebenen Text noch einmal. Im Jahr 2016 gibt es einen Atomkrieg. In Island wird es kälter sein, aber nicht so schlimm wie in anderen Ländern, wo alle sterben. Gefangene schickt man nicht ins Gefängnis, sondern ins Ausland. Da werden sie auch sterben. Þröstur, 9 B. »Könnte derselbe Verfasser sein. Der Text ist jedenfalls ähnlich pessimistisch. Waren die Aufsätze der anderen Kinder auch so negativ?«

»Nein. Ein paar schon, aber nichts im Vergleich dazu. Viele meinten, Island würde Handball-Weltmeister, einige beschrieben futuristische Fahrzeuge, und es ging häufiger um grüne Energie und so. Auch ziemlich viel darum, wie man sich in der Zukunft ernährt, aber zum Glück hat sich das bisher nicht bewahrheitet. Ich stehe nicht besonders auf Insekten und Seetang.«

»Hast du dich schon in der Schule nach dem Schüler erkundigt?«

»Nein. Noch nicht. Ich wollte erst deine Meinung hören. Ich wollte keine Panik in der Schule verbreiten, indem ich ihnen zu verstehen gebe, dass ein ehemaliger Schüler in den nächsten Monaten zum Massenmörder werden könnte. Es gibt also keinen Grund zur Sorge?«

»Nein, ich denke nicht. Falls es sich um ein und denselben Schüler handelt, ging es dem armen Jungen einfach nicht besonders gut, als er den Aufsatz abgegeben hat. Das erklärt den Pessimismus. Viel mehr sollte da nicht dran sein.«

»Gut.« Huldar machte keine Anstalten, aufzubrechen, obwohl das Gespräch eigentlich beendet war. »Das ist gut.«

»Ja, ist es.« Freyja grinste breit und hoffte, dass es ironisch wirkte. Sie hatte sich eigentlich vorgenommen, nichts mehr zu sagen, doch eine Frage ging ihr noch durch den Kopf, und sie hatte sich nicht unter Kontrolle. »Du hast sicher schon überprüft, ob jemand mit diesen Initialen auf unnatürliche Weise umgekommen ist?«

»Ja, habe ich. Das Jahr ist zwar noch jung, aber bis jetzt ist nichts Derartiges passiert.« Er zog die Blätter zu sich und rollte sie fest zusammen. »Aber 2016 hat ja gerade erst angefangen. Wer weiß, was noch auf uns zukommt?« Er stand auf. »Hoffentlich kein Atomkrieg. Danke für deine Hilfe.« Er lächelte wieder dieses Lächeln und verabschiedete sich.

Freyja schaute ihm nach und verspürte ein gewisses Bedauern, was ihr überhaupt nicht in den Kram passte. Sie hatte hier nichts zu tun, und Huldar hatte immerhin ihren trüben Alltag aufgehellt. Als er sich auf der Türschwelle noch einmal umdrehte, versuchte sie, jegliche Gefühlsregung aus ihrem Gesicht zu verbannen und so zu wirken, als wäre sie froh, dass er sich vom Acker machte. »Ist noch was?«

»Ja. Wärst du bereit, mich zu einem Treffen mit dem Verfasser des Aufsatzes zu begleiten, sobald ich weiß, wer er ist? Wenn er immer noch labil ist, kannst du das besser einschätzen als ich.«

»Ja, ich überleg es mir«, rutschte es Freyja heraus.

Huldar war hocherfreut über ihre Reaktion, und Freyja stellte fest, dass ihr die Energie fehlte, jemandem zehn Jahre lang böse zu sein. Bevor sie diese Eingebung richtig verdaut hatte, platzte Huldar mit einer weiteren Frage heraus. »Was ist das für ein Mensch, der seinem Opfer die Hände abschneidet?«

»Was?« Die Frage kam so überraschend, dass sie meinte, sich verhört zu haben.

»Wer bringt es fertig, einem anderen Menschen die Hände abzuschneiden?«

»Tot oder lebendig?«

»Wahrscheinlich lebendig.« Jegliche Heiterkeit war aus seinem Gesicht gewichen.

Freyja antwortete intuitiv. Sie hatte ohnehin keine wissenschaftliche Untersuchung, auf die sie sich stützen konnte. »Ein Verrückter. Ein total Verrückter.«

3. KAPITEL

Diesmal war die E-Mail leer und hatte nur einen Anhang mit dem Namen verrat.jpg. Der Absender war derselbe, der ihn schon seit dem Jahreswechsel nervte: [email protected] Die erste Mail war in der Neujahrsnacht kurz nach Mitternacht eingegangen. Zweifelsfrei von einem Isländer. Die Mails waren kurz und knapp, konnten aber nicht maschinell übersetzt worden sein. Bei jeder Mail bekam Þorvaldur einen Kloß im Hals, der selbst mit einem doppelten Gin Tonic nicht zu bekämpfen war. Auch nicht mit zwei oder drei. Er hatte es versucht.

Bereits die erste Mail hatte ihn geschockt, obwohl er zu dem Zeitpunkt noch von einem Versehen ausgegangen war. Haben Sie Ihr Testament schon gemacht? Der erste Satz klang wie aus einer Spammail. Er hatte in den letzten Jahren viele solcher Nachrichten bekommen und sich immer darüber gewundert, wie man auf so etwas anspringen konnte. Doch dann hatte er weitergelesen: Sie haben gerade Ihr letztes Feuerwerk gesehen. Stoßen Sie ruhig noch einmal mit Champagner auf das neue Jahr an. Im Sarg ist das nicht mehr möglich.

Natürlich hatte er längst keinen Champagner mehr getrunken, als er die Mail an Neujahr verkatert angeklickt hatte.

Die nächsten Mails waren ähnlich. Ankündigungen seines bevorstehenden Todes. Eines verfrühten Todes, wie er fand. Er war erst achtunddreißig und noch nicht einmal bei der Hälfte seines Lebens angelangt. Jedenfalls hatte er noch nicht vor, zu sterben. Im Grunde war es lächerlich, dass dieser Unsinn ihn so irritierte und ihn eine Gänsehaut bekommen ließ. Das kannte er gar nicht von sich. Normalerweise war er die Coolness in Person, gruselte sich nicht im Kino, vergoss nie über irgendetwas eine Träne und konnte mit jeder Achterbahn fahren, ohne dass sein Puls anstieg.

Doch genau da lag der Hund begraben. Er hatte es zugelassen, dass dieser Quatsch ihn nicht kaltließ, und das reichte schon, um sein Unbehagen zu verstärken. Mit Angstgefühlen konnte er nicht umgehen. Wenn er die erste Mail mit klarem Kopf geöffnet hätte, säße er jetzt nicht hier, beunruhigt wegen dieses Schwachsinns, unfähig, die Mail samt Anhang zu löschen. Der verdammte Kater war an allem schuld.

Es war nur ein kleiner Trost, dass der Absender nicht wusste, welchen Einfluss seine Mails auf ihn hatten. Þorvaldur hatte der Versuchung widerstanden, darauf zu antworten, obwohl er den Absender liebend gerne zur Schnecke gemacht hätte.

Abrechnung. Das musste ein Hinweis sein. Aber er hatte niemandem etwas getan. Jedenfalls nicht persönlich. Sein Beruf als Staatsanwalt brachte es natürlich mit sich, dass sich schon mal jemand angegriffen fühlte. Das kam, genau genommen, öfter vor. Dabei war dieses Pack für seine Probleme doch nun wirklich selbst verantwortlich.

Die Mails wirkten jedoch nicht so, als kämen sie von einem aktuell oder ehemals Inhaftierten. Nichts wies darauf hin, dass es um ein Gerichtsverfahren ging. In seiner zwölfjährigen Berufslaufbahn hatte Þorvaldur außerdem gelernt, dass sich die Wut der Verurteilten in der Regel nicht gegen den Staatsanwalt richtete. Sie waren sauer auf ihre Mittäter, Zeugen, Polizisten und Richter. Staatsanwälte führten ein recht unbehelligtes Leben. Als wäre den Verbrechern gar nicht klar, welch große Macht man in diesem Beruf besaß. Die Macht, jemanden anzuklagen oder nicht anzuklagen. Und über die jeweils passenden Paragrafen zu entscheiden. Ob jemand wegen Körperverletzung nur pro forma verurteilt wurde oder für einen Mordversuch eine jahrelange Gefängnisstrafe bekam. Wer als Hauptschuldiger und wer als Nebentäter angeklagt wurde.

Konnten die Mails von jemandem stammen, der das begriffen hatte? Von jemandem, der sich aufgrund von Þorvaldurs Amtsausübung um sein Recht betrogen sah?

Nein. Eher nicht. Für diejenigen, die hinter Schloss und Riegel saßen, war er nur ein unbedeutender Vasall der Strafjustiz. Das war zwar weit von der Realität entfernt, aber für ihn ein willkommenes Missverständnis.

»Müssten Sie nicht schon im Gericht sein?« Einer der Mitarbeiter steckte den Kopf durch den Türspalt. Ein junger Mann, der ihm schon öfter assistiert hatte, dessen Namen er sich aber unmöglich merken konnte.

Þorvaldur bemühte sich, ganz normal und relaxed zu wirken. Er wollte auf keinen Fall, dass sich im Büro herumsprach, er sei angespannt. Schließlich war er dafür bekannt, sich durch nichts aus der Ruhe bringen zu lassen, und das sollte auch so bleiben. Er räusperte sich und musterte den jungen Mann auf seine gewohnte abschätzige Art. »Es gab einen Ausfall. Die Verhandlung wurde verschoben, weil der Richter krank ist. Er hat mich heute Morgen angerufen und abbestellt.«

»Wow. Der Richter persönlich?«

»Na und?« Þorvaldur versuchte gar nicht zu verbergen, dass der Mann ihn nervte.

»Na ja, ich dachte, dafür hätten die ihre Sekretärinnen.«

»Kommt drauf an, wen sie erreichen müssen. Sie sollten jedenfalls nicht mit einem solchen Anruf rechnen.« Þorvaldur schaute den jungen Mann beim letzten Satz gar nicht an. Seinetwegen konnte er in Ruhe rot werden. »Würden Sie bitte die Tür schließen? Ich muss arbeiten.«

Die Tür fiel übertrieben laut ins Schloss, aber immer noch zu leise, als dass es unhöflich wäre. Der Mitarbeiter war kein Dummkopf, auch wenn er wenig Erfahrung hatte.

Die Mail prangte immer noch auf dem Bildschirm. Ebenso wie der Anhang, die Bilddatei mit dem beunruhigenden Namen verrat.jpg. War die Mail von einer ehemaligen Geliebten, die er schlecht behandelt hatte? Oder von seiner Ex? Wohl kaum. Er behandelte Frauen normalerweise nicht schlecht und hatte ohnehin kaum Gelegenheit, welche kennenzulernen. Nach der Trennung von Æsa, der Mutter seiner Kinder, hatte er sich in die Arbeit gestürzt und es nicht auf neue Bekanntschaften angelegt. Es war eigentlich unter seinem Niveau, durch die Kneipen zu ziehen und mit angetrunkenen, lallenden Flittchen mit glasigen Augen anzubandeln. Wenn er bei einer solchen Gelegenheit doch mal eine Frau kennenlernte, die ihm gefiel, war das Interesse nie gegenseitig. Wegen des Lärms verstand sie nicht, was er sagte, sodass es sinnlos war, sich in Szene zu setzen und sie glauben zu machen, sein mangelnder Sexappeal ließe sich durch Reichtum kompensieren. Trotzdem hatte er die Hoffnung noch nicht aufgegeben, irgendwann der Richtigen zu begegnen. Doch diese Hoffnung war während des letzten Jahres, seit Æsa ihn verlassen hatte, ein wenig verblasst.