Todesschiff - Yrsa Sigurdardóttir - E-Book

Todesschiff E-Book

Yrsa Sigurdardóttir

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Beschreibung

Düster, eiskalt, raffiniert - das große Finale der gefeierten Dóra-Gudmunsdóttir-Reihe

Eine Luxusjacht treibt führerlos in den Hafen von Reykjavík – ohne eine einzige Person an Bord. Was ist mit der Besatzung und der jungen Familie geschehen, die in Lissabon an Bord ging? Die Anwältin Dora Gudmundsdóttir wird von den Eltern des Vaters beauftragt, Nachforschungen anzustellen. Schon bald stößt sie auf Gerüchte über einen Fluch, der auf dem Schiff liegen soll. Und als sie die Jacht betritt, glaubt sie, eines der verschwundenen Zwillingskinder zu sehen. Wo steckt Karitas, die glamouröse Ehefrau des früheren Besitzers? Dann wird eine Leiche an der Küste angespült. Doch schnell wird klar, dass diese Person definitiv nicht im Wasser gestorben ist. Mit grandioser Island-Atmosphäre und nordisch-eiskalten Twists zeigt Yrsa Sigurdardóttir in ihrem letzten Band der Dóra-Gudmundsdóttir-Reihe ihr ganzes Können.

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Seitenzahl: 611

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Eine Luxusjacht treibt führerlos in den Hafen von Reykjavík – ohne eine einzige Person an Bord. Was ist mit der Besatzung und der jungen Familie geschehen, die in Lissabon an Bord ging? Die Anwältin Dora Guðmundsdóttir wird von den Eltern des Vaters beauftragt, Nachforschungen anzustellen. Schon bald stößt sie auf Gerüchte über einen Fluch, der auf dem Schiff liegen soll. Und als sie die Jacht betritt, glaubt sie, eines der verschwundenen Zwillingskinder zu sehen. Wo steckt Karitas, die glamouröse Ehefrau des früheren Besitzers? Dann wird eine Leiche an der Küste angespült. Doch schnell wird klar, dass diese Person definitiv nicht im Wasser gestorben ist. Mit grandioser Island-Atmosphäre und nordisch-eiskalten Twists zeigt Yrsa Sigurdardóttir in ihrem letzten Band der Dóra-Guðmundsdóttir-Reihe ihr ganzes Können.

Yrsa Sigurdardóttir, geboren 1963, ist eine vielfach ausgezeichnete Bestsellerautorin, deren Spannungsromane in über 30 Ländern erscheinen. Sie zählt zu den »besten Thrillerautoren der Welt« (The Times). Sigurdardóttir lebt mit ihrer Familie in Reykjavík. Sie debütierte 2005 mit »Das letzte Ritual«, der Beginn einer Reihe von Kriminalromanen um die Rechtsanwältin Dóra Guðmundsdóttir und begeisterte ebenso mit ihrer Serie um die Psychologin Freyja und Kommissar Huldar von der Kripo Reykjavík. Ihr Thriller »Schnee« verkaufte sich über 100 000 Mal und war monatelang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Auch ihre weiteren Thriller »Nacht«, »Rauch« und »Blut« waren gefeierte SPIEGEL-Bestseller.

Yrsa Sigurdardóttir

Todesschiff

Thriller

Aus dem Isländischen von Tina Flecken

Die isländische Originalausgabe erschien 2011

unter dem Titel Daudafar im Verlag Veröld, Reykjavík.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Wiederveröffentlichung Januar 2026

btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Copyright der Originalausgabe © Yrsa Sigurðardóttir 2011

Published by agreement with Salomonsson Agency

Erstmals auf Deutsch erschienen 2012 im S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main.

Covergestaltung: www.sempersmile.de unter Verwendung eines Motivs von Shutterstock.com

MA · Herstellung: han

ISBN 978-3-641-33427-7V001

www.btb-verlag.de

www.facebook.com/penguinbuecher

Dieses Buch widme ich meinem Großvater Þorsteinn Eyjólfsson, Kapitän (1906 – 2007).

Besonderer Dank an Michael Sheehan, der mir einiges über Jachten und die Seefahrt erklärte, Örn Haukur Ævarsson, Steuermann, für Erläuterungen zur Kommunikation auf See, zu Steuerinstrumenten und anderen Bereichen der Navigation und schließlich Kristján B. Thorlacius, Anwalt beim Obersten Gericht, für Informationen über die juristische Seite bei Vermisstenfällen. Gleichwohl trage ich die Verantwortung für mögliche Fehler bei diesen Themen.

Yrsa

Personen der Handlung

Dóra Guðmundsdóttir: Reykjavíker Anwältin und alleinerziehende Mutter

Matthias Reich: Dóras Freund aus Deutschland

Sóley und Gylfi: Dóras Kinder

Sigga: Gylfis Freundin

Orri: Dóras kleiner Enkel

Bragi: Dóras Partner in der Kanzlei

Bella: ihre Sekretärin

Auf der Jacht

Ægir: Vertreter des Auflösungsausschusses der Bank

Lára: seine Frau

Arna: seine Tochter

Bylgja: ihre Zwillingsschwester

Þráinn: Kapitän

Halldór (Halli): Schiffsmechaniker

Loftur: Steuermann

Weitere Personen

Sigríður & Margeir: Ægirs Eltern

Sigga Dögg: ihre kleine Enkelin

Snævar: verunglückter Seemann

Fannar: Ægirs Kollege

Karítas: Vorbesitzerin der Jacht

Begga: ihre Mutter

Aldís: ihre Assistentin

Prolog

Brynjar zog in der abendlichen Kälte seine Jacke fester zu. Er freute sich darauf, wieder ins Wächterhäuschen zu kommen, und überlegte, warum er eigentlich rausgegangen war. Vielleicht zeigte das ja nur, wie langweilig sein Job war – er nutzte jede Gelegenheit zur Abwechslung, selbst wenn er sich dem beißenden Wind aussetzte. Der Hafen, den er bewachen sollte, war wie ausgestorben, wie meistens spät abends und nachts, und plötzlich fiel ihm auf, dass er ihn gar nicht anders kannte. Er mied den Ort tagsüber, wenn er voller Leben war, und wollte ihn genau so haben: die schwarze Wasseroberfläche, die verlassenen Schiffe. Am liebsten wollte er gar nicht sehen, wie der Hafen in seiner Abwesenheit zum Leben erwachte, um nicht feststellen zu müssen, wie unwichtig er letztendlich war.

Brynjar beobachtete ein altes Ehepaar, das mit einem kleinen Mädchen an der Hand an der Hafenmole entlangspazierte. Kurz hinter ihnen humpelte ein junger Mann auf Krücken, der ihm ebenfalls merkwürdig vorkam. Er schaute auf die Uhr. Kurz vor Mitternacht. Obwohl er keine Kinder hatte, wusste er, dass das für ein höchstens zweijähriges Kind eine ungewöhnliche Zeit war, um draußen zu sein. Vielleicht hatten diese Leute dieselbe Absicht wie er: Sie trotzten der Kälte, um die berühmt-berüchtigte Jacht zu sehen, die jeden Moment erwartet wurde. Je länger er darüber nachdachte, desto sicherer war er sich, dass die Leute die Besatzung in Empfang nehmen wollten. Brynjar ging lieber nicht zu ihnen, falls er mit seiner Vermutung richtig lag. Sie hatten nämlich einen Anlass, während er von purer Neugier getrieben wurde. Natürlich konnte er ihnen vorflunkern, er hätte etwas zu erledigen, aber er war ein schlechter Lügner und fürchtete, sich dabei nur noch tiefer zu verstricken.

Um nicht tatenlos herumzustehen, ging er zu dem kleinen Lieferwagen mit dem Logo vom Zoll. Das Fahrzeug war vor einer halben Stunde aufs Hafengelände gefahren und parkte an einer Stelle, von der man den Hafen gut überblicken konnte. Vielleicht würden ihn die Zöllner in den Wagen lassen, dann müsste er nicht mehr frieren. Er klopfte auf der Fahrerseite an die Scheibe und wunderte sich, dass drei Zöllner in dem Auto saßen. Normalerweise kam nur einer, höchstens zwei. Die Scheibe glitt quietschend nach unten, wahrscheinlich war Sand im Fensterschlitz.

»Guten Abend«, sagte Brynjar.

»N’ Abend.« Der Mann am Steuer übernahm das Reden. Die anderen beobachteten aufmerksam den Hafen.

»Sind Sie wegen der Motorjacht hier?«, fragte Brynjar. Er bereute es bereits, zu ihnen gegangen zu sein, und seine Hoffnung, eingelassen zu werden, schwand.

»Ja.« Der Fahrer wandte seinen Blick von Brynjar ab und glotzte ebenfalls auf den Hafen. »Wir sind nicht wegen der Aussicht hier.«

»Warum sind Sie denn zu dritt?« Brynjars Worte wurden von kleinen Atemwölkchen begleitet, aber die Männer schenkten ihnen keine Beachtung.

»Da stimmt was nicht. Hoffentlich nichts Schlimmes, aber es war Anlass genug, uns loszuschicken.« Der Fahrer zog den Reißverschluss seines Anoraks hoch. »Sie haben nicht auf den Funkruf reagiert, vielleicht ist ihre Anlage kaputt, aber man kann ja nie wissen.«

Brynjar zeigte auf die Leute, die an der Hafenmole standen und warteten. Der ältere Herr hatte das Kind auf den Arm genommen, und der Typ mit den Krücken hatte sich auf einen Poller gesetzt.

»Ich glaube, die wollen die Mannschaft begrüßen. Soll ich mal rübergehen und nachfragen?«, sagte er.

»Wenn Sie wollen.« Dem Mann war offensichtlich egal, was Brynjar machte, solange er nicht weiter bei ihnen herumstand.

»Die sind bestimmt nicht hier, um Schmuggelware in Empfang zu nehmen. Wir haben sie kommen sehen, die würde man doch sogar im Rollstuhl einholen. Das sind irgendwelche Verwandte der Besatzung oder so.«

Brynjar nahm seinen Arm aus der Fensteröffnung und richtete sich auf.

»Ich gehe mal rüber. Kann ja nicht schaden.«

Zum Abschied hörte er nur das Quietschen der Fensterscheibe, die wieder hochfuhr wurde. Brynjar stellte seinen Kragen auf. Die Leute da hinten waren bestimmt freundlicher als die Zöllner, auch wenn sie ihn nicht in ein warmes Auto einladen konnten. Eine einzelne Möwe machte mit einem Kreischen auf sich aufmerksam und erhob sich von einer erloschenen Laterne zum Flug. Brynjar beschleunigte seine Schritte, während er der Möwe nachsah, die auf die schwarze Konzerthalle Harpa zuflog und dann verschwand.

»Hallo«, sagte er. Die Leute erwiderten seinen Gruß nur zögerlich. »Ich bin der Hafenwärter. Warten Sie auf jemanden?«

Trotz der Dunkelheit war die Erleichterung in den Gesichtern der beiden älteren Herrschaften nicht zu übersehen.

»Ja, unser Sohn und seine Familie müssten jeden Moment eintreffen. Und das hier ist ihre jüngste Tochter. Sie ist schon ganz aufgeregt, weil ihre Mama und ihr Papa wieder nach Hause kommen, deshalb haben wir beschlossen, sie als Überraschung abzuholen.« Der alte Mann lächelte verlegen. »Das ist doch in Ordnung, oder?«

»Ja, klar.« Brynjar lächelte der Kleinen zu, die schüchtern unter dem Schirm einer bunten Wollmütze hervorlugte und sich an ihren Opa kuschelte. »Ist Ihr Sohn auf der Motorjacht?«

»Ja«, antwortete die Frau verwundert. »Woher wissen Sie das?«

»Weil es das einzige Schiff ist, das erwartet wird.« Brynjar wandte sich dem jungen Mann zu. »Warten Sie auch auf jemanden von der Jacht?«

Der Mann nickte und rappelte sich hoch. Er schien sich darüber zu freuen, miteinbezogen zu werden, und humpelte zu ihnen herüber.

»Mein Freund ist Schiffsmechaniker an Bord. Ich bringe ihn nach Hause. Aber wenn ich gewusst hätte, wie schweinekalt es ist, hätte er sich ein Taxi nehmen können«, knurrte er und zog sich seine schwarze Mütze über die Ohren.

»Dann ist er Ihnen jedenfalls was schuldig.« Brynjar sah die Autotür der Zöllner aufgehen und blickte hinaus aufs Meer. »So, jetzt müssen Sie nicht mehr lange warten.«

Er bewunderte den schön geschwungenen, weißen Steven, der an der Hafenmündung auftauchte. Die Geschichten, die er beim Schichtwechsel über die Jacht gehört hatte, waren nicht übertrieben. Jetzt kam sie ganz ins Blickfeld. Man musste wirklich keine große Ahnung von Jachten haben, um zu erkennen, dass es sich um ein außergewöhnliches Schiff handelte, zumindest für isländische Verhältnisse.

»Wow«, rutschte es ihm heraus, und er war froh, nicht mehr in der Nähe der Zöllner zu sein. Fast drei komplette Stockwerke lagen oberhalb des Wasserspiegels, und das Boot schien mindestens vier Decks zu haben. Brynjar hatte zwar schon größere Jachten gesehen, aber nicht viele. Und diese war wesentlich schnittiger als alle anderen, die es schon mal nach Island verschlug. Sie war eindeutig nicht dafür gebaut worden, im Hafen von Reykjavík zu liegen oder überhaupt nördliche Regionen zu befahren, sondern eignete sich perfekt für wärmere Temperaturen und tiefblaues Meer.

»Nicht schlecht.«

Brynjar klappte den Mund zu und hob die Augenbrauen. War der Steuermann etwa betrunken? Die Jacht steuerte gefährlich nah am Hafendamm vorbei, fuhr ungewöhnlich schnell, und bevor Brynjar etwas sagen konnte, ertönte ein ohrenbetäubendes Quietschen. Es hielt lange an und verklang dann fast ganz.

»Was zum Teufel …« der junge Mann mit den Krücken glotzte die Jacht verdutzt an. Sie neigte sich zum Hafendamm, kam dann wieder in die Waagerechte und fuhr im selben Stil weiter. Die Zöllner liefen los, und das alte Ehepaar verfolgte die Ereignisse mit offenem Mund. So etwas hatte Brynjar in all den Jahren, in denen er den Hafen beaufsichtigt hatte, noch nicht erlebt. Am merkwürdigsten war jedoch, dass an Bord niemand zu sehen war. Hinter den großen Fenstern der Kommandobrücke war kein Mensch, und auf den Decks stand auch niemand. Brynjar sagte den Leuten hastig, sie sollten warten, er käme gleich wieder zu ihnen. Als er losrannte, fiel sein Blick auf das kleine Mädchen, das noch größere Augen machte als vorher, doch anstatt schüchtern zu wirken, sah es jetzt nur noch traurig aus.

Unsagbar traurig.

Als Brynjar endlich das andere Ende der Hafenmündung erreicht hatte, kam die Jacht an einer Landungsbrücke zum Halt. Er sah schon eine lange Nacht mit Berichteschreiben vor sich, als der massive Stahl gegen die Brücke krachte und der Lärm in den Ohren hallte. Trotzdem hörte er den Aufschrei aus der Richtung, aus der er gekommen war. Die Leute, die Zeugen dieses Vorfalls wurden, wohl wissend, dass sich ihre Freunde und Verwandten an Bord befanden, taten ihm leid. Was zum Teufel war da eigentlich los? Der Zöllner hatte von einem technischen Problem gesprochen, aber es musste doch möglich sein, eine defekte Jacht besser zu manövrieren, und wenn nicht – wie war der Kapitän dann auf die Idee gekommen, ein Anlegemanöver zu starten? Er hätte das Schiff doch genauso gut vor der Hafeneinfahrt treiben lassen und auf Hilfe warten können.

Die drei Zöllner waren genauso irritiert wie Brynjar und gingen misstrauisch über die Landungsbrücke auf die Jacht zu.

»Was ist los?«

Brynjar tippte dem hintersten Zöllner auf die Schulter.

»Verdammt noch mal, wie soll ich das denn wissen?« Seine Stimme klang unsicher und passte nicht zu seinen barschen Worten. »Der Kapitän muss besoffen sein. Oder bekifft.«

Schließlich erreichten sie das Ende der Landungsbrücke, gegen die die Jacht geprallt war. Ihr Bug war nicht mehr geschwungen und glänzend, sondern eingedellt und zerkratzt. Auf die Rufe der Zöllner hatte immer noch niemand geantwortet. Einer von ihnen telefonierte jetzt mit schroffer Stimme mit der Polizei. Dann starrte er auf den mächtigen Bug, der über ihnen aufragte.

»Wir gehen an Bord. Die Polizei ist unterwegs, aber wir sollten nicht auf sie warten. Die Sache gefällt mir nicht. Hol die Leiter, Stebbi«, befahl er.

Besagter Stebbi wirkte nicht gerade begeistert, drehte sich aber kommentarlos um und rannte zurück zum Wagen. Unterdessen sagte niemand etwas. Immer wieder riefen sie nach der Besatzung – ohne Erfolg. Brynjar fand es immer unheimlicher, dass ihre Rufe in der Stille verhallten, und war froh, als der Zöllner mit der Leiter zurückkam. Der älteste Zöllner, der vorausgegangen war, kletterte hinauf. Brynjar sollte die Leiter festhalten, und da stand er immer noch, als die drei Männer an Bord verschwunden waren und die Polizei eintraf. Er erklärte den kopfschüttelnden Polizisten, wer er war. Plötzlich lehnte sich ein Zöllner über die Reling und rief aufgeregt:

»Hier ist kein Mensch an Bord!«

»Was meinen Sie?«, entgegnete ein Polizist und machte Anstalten, die Leiter hinaufzuklettern. »Das ist doch völlig unmöglich.«

»Ich sage es doch. Hier ist niemand, keine Menschenseele!«

Der Polizist blieb auf der vierten Sprosse der Leiter stehen. Er lehnte seinen Oberkörper zurück und schaute dem Zöllner direkt ins Gesicht.

»Wie kann das sein?«

»Ich weiß es nicht. Aber hier ist niemand. Die Jacht ist verlassen.«

Niemand sagte etwas. Brynjar blickte zum Hafen und sah das ältere Ehepaar, das kleine Mädchen und den Mann mit den Krücken am Ende der Landungsbrücke stehen. Verständlicherweise wollten sie nicht auf der anderen Hafenseite warten. Die Polizisten hatten die Leute gar nicht bemerkt und beachteten sie nicht. Brynjar wollte sich um sie kümmern und beschleunigte seinen Schritt, als er sah, dass sie ihm entgegenkamen. Sie hatten nichts bei der Jacht verloren, obwohl ausgerechnet sie von allen Anwesenden am meisten betroffen waren. Aber die Polizei musste in Ruhe ihre Arbeit machen.

»Nicht näherkommen! Die Brücke könnte einstürzen!«, rief er ihnen zu, obwohl das ziemlich unwahrscheinlich war, aber ihm fiel nichts anderes ein, um sie zurückzuhalten.

»Was ist passiert? Warum hat der Mann gesagt, es wäre niemand an Bord?« Die Stimme der Frau zitterte. »Natürlich sind sie an Bord! Ægir, Lára und die Zwillinge sind auf dem Schiff. Die müssen nur richtig suchen!«

»Kommen Sie.« Brynjar wusste nicht, wohin er mit den Leuten gehen sollte, hier konnten sie jedenfalls nicht bleiben. »Das ist bestimmt nur ein Missverständnis, beruhigen Sie sich.« Er überlegte, ob sie alle ins Wächterhäuschen passen würden. Es war eng, aber immerhin hatte er Kaffee. »Sie sind bestimmt alle gesund und munter.«

Der junge Mann mit den Krücken starrte Brynjar in die Augen. Als er sprach, zitterte seine Stimme nicht weniger als die der alten Frau:

»Ich hätte an Bord sein sollen.«

Er schien weitersprechen zu wollen, verstummte aber, als er sah, dass das kleine Mädchen jedes Wort mitverfolgte.

»Mein Gott«, stöhnte er nur.

»Kommen Sie.« Brynjar musste dem alten Mann den Arm um die Schultern legen und ihn wegführen. Mit gebrochenen Augen starrte er auf den beschädigten Bug der Jacht, der spöttisch auf die kleine Gruppe hinuntergaffte. »Denken Sie an die Kleine.« Brynjar nickte in Richtung des Enkelkindes. »Es ist nicht gut, wenn sie hier ist, wir sollten sie wegbringen. Das klärt sich hoffentlich alles schnell.«

Aber es war zu spät, der Schaden war geschehen.

»Mama tot!« Die helle Kinderstimme war unangenehm klar. Das war das Letzte, was Brynjar und die anderen in diesem Moment hören wollten. »Papa tot!« Und es wurde noch schlimmer.

»Adda tot, Bygga tot!« Das Kind seufzte und umschlang das Bein seiner Großmutter. »Alle tot!«

Dann weinte es leise schluchzend.

1. Kapitel

Der Monteur kratzte sich am Hinterkopf, mit einem gleichermaßen missbilligenden wie verwunderten Gesichtsausdruck.

»Sagen Sie mir doch bitte noch mal, was eigentlich passiert ist.« Er klopfte mit einem kleinen Schraubenschlüssel auf die Abdeckung des Kopierers. »Ich habe mich schon mit unzähligen Geräten rumgeschlagen, aber das hier ist wirklich was Neues.«

Dóra lächelte dumpf.

»Ich weiß. Das sagten Sie bereits. Können Sie es nun reparieren oder nicht?«

Trotz des Gestanks, der von dem Kopierer ausging, widerstand sie der Versuchung, sich die Nase zuzuhalten. Es war zwar ziemlich waghalsig gewesen, in der Kanzlei eine Mitarbeiterparty abzuhalten, aber sie wäre trotzdem nie auf die Idee gekommen, dass jemand auf die Glasplatte des Kopierers kotzen und ihn anschließend ordentlich wieder zumachen würde.

»Vielleicht nehmen Sie das Gerät besser mit in die Werkstatt und reparieren es da«, schlug sie vor.

»Sie hätten Schlimmeres vermeiden können, wenn Sie mich direkt geholt hätten, anstatt den Kopierer übers Wochenende stehenzulassen«, entgegnete der Monteur.

Dóra wurde langsam sauer. Es reichte ihr schon, diesen ekelhaften Geruch in der Nase zu haben, da brauchte sie nicht auch noch Ermahnungen von irgendeinem dahergelaufenen Monteur.

»Das war keine Absicht, glauben Sie mir«, sagte sie und bereute es sofort, darauf eingegangen zu sein – unnötige Diskussionen hielten den Mann nur davon ab, sich sofort um die Sache zu kümmern. »Können Sie den Kopierer nicht einfach mitnehmen und woanders reparieren? Bei dem Gestank kann man ja kaum arbeiten.«

Ein widerwärtiger Geruch war ihnen an diesem trübgrauen Montagmorgen entgegengeschlagen. Eigentlich unfassbar, dass das bei der Party am Freitagabend niemand gerochen hatte, aber vielleicht sagte es nur etwas über den Zustand der Kollegen aus – Dóra inbegriffen.

»Das wäre wirklich am besten für uns. Wir können gut ein, zwei Tage auf das Gerät verzichten«, fügte sie hinzu. Das stimmte zwar nicht ganz, da es der einzige Kopierer und außerdem der Hauptdrucker in der Kanzlei war, aber in diesem Moment war Dóra bereit, einige Opfer zu bringen, um das Gerät mitsamt seinem Gestank loszuwerden. Ebenso wie den Monteur.

»Sie sind ja optimistisch. Das dauert länger als ein paar Tage. Kann gut sein, dass ich Ersatzteile bestellen muss, und dann sprechen wir von Wochen.«

»Ersatzteile?« Dóra hätte am liebsten laut aufgeschrien. »Wozu Ersatzteile? Der ist nicht kaputt. Er muss nur sauber gemacht werden.«

»Das sagen Sie.« Der Mann warf einen Blick auf den Kopierer und piekste mit dem Schraubenschlüssel in das eingetrocknete Erbrochene. »Man kann nicht wissen, welchen Schaden die Magensäure angerichtet hat. Das Zeug ist in das Gerät gelaufen, und da ist empfindliche Technik drin, meine Liebe.«

In Gedanken überflog Dóra die neuesten Umsatzzahlen der Kanzlei und überlegte, ob sie nicht einfach in einen neuen Kopierer investieren sollten. Im letzten halben Jahr war es gut gelaufen, und sie hatten mit den Mitarbeitern – inzwischen fünf, neben Dóra und ihrem Kompagnon Bragi – auf den Erfolg angestoßen.

»Was kostet ein neues Gerät?«

Der Monteur nannte eine Summe, die für Dóra ebenso gut der Kaufpreis für die Firma, in der er arbeitete, hätte sein können. Es lief zwar gut, aber sie war nicht bereit, so viel zu bezahlen, um sich von diesem Ärger freizukaufen.

Der Monteur las ihr die Gedanken vom Gesicht ab und kam ihr zu Hilfe:

»Es wäre dumm, wegen dieses Ungeschicks ein neues Gerät zu kaufen.« Er steckte den Schraubenschlüssel wieder in seinen Werkzeugkasten. »Wenn Sie eine Haftpflichtversicherung haben, kommt die vielleicht für die Reparatur auf.«

»Wie denn?« Dóra verstand nicht ganz, worauf er hinauswollte. »Der Kopierer gehört der Kanzlei.«

»Nein, so meinte ich das nicht.« Lachfältchen umspielten seine Lippen. »Das Erbrochene, Sie wissen schon. Ihre Haftpflichtversicherung übernimmt vielleicht den Schaden, den Sie verursacht haben, als Sie … Sie wissen schon …«

Dóra wurde feuerrot.

»Ich?« Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Wie kommen Sie denn auf die Idee, dass ich das war? Ich hab das Ding nicht angefasst!«

Dóra war völlig schleierhaft, wie der Mann darauf kam. Nichts, was sie gesagt hatte, ließ darauf schließen, dass sie irgendetwas mit der Sache zu tun hatte. Von den Kollegen hatte sich bisher noch niemand für schuldig erklärt, und es würde wahrscheinlich auch niemand tun.

Der Monteur wirkte erstaunt.

»Nein? Dann muss ich wohl was missverstanden haben. Die Dame am Empfang nannte in diesem Zusammenhang Ihren Namen. Vielleicht habe ich mich ja auch verhört.«

Dóra war fassungslos – zumal sie das eigentlich hätte wissen müssen. Bella! Natürlich.

»Ach ja?« Mehr fiel ihr dazu nicht ein, und sie wollte sich nicht mit dem Monteur streiten, der sich von dieser gehässigen Tippse beeinflussen ließ. Sie setzte ein freundliches Lächeln auf und unterdrückte das Verlangen, zum Empfang zu stürmen und Bella zu erwürgen.

»Ach, die darf man nicht so ernst nehmen, sie ist ein bisschen zurückgeblieben, wissen Sie, und es ist nicht das erste Mal, dass sie was durcheinanderbringt, die Arme.«

Dem Gesichtsausdruck des Monteurs nach zu urteilen, hielt er sie beide für ziemlich durchgeknallt.

»Ich glaube, ich gehe jetzt lieber und lasse das Gerät nachher abholen. Das ist wahrscheinlich die beste Lösung«, sagte er, nahm die Werkzeugkiste und schien es plötzlich eilig zu haben, sich um andere, traditionellere Aufgaben zu kümmern. Dóra konnte es ihm nicht verdenken.

Sie begleitete den Mann zum Ausgang, wo Bella am Empfangstresen saß und grinste. Dóra warf ihr einen bösen Blick zu und hoffte, dass Bella ihn richtig interpretierte, sah aber kein Zeichen von Angst oder Reue.

»Ach, Bella, ich hab ganz vergessen dir was auszurichten. Die Apotheke hat eben angerufen. Der Stomabeutel, den du bestellt hast, ist da. In XXL.«

Der Monteur stolperte hektisch über die Türschwelle und rannte dabei fast ein älteres Ehepaar um, das vor der Tür stand. Sie wirkten nervös, nahmen sofort die Schuld auf sich und baten den Mann einstimmig um Verzeihung. Dann blieben sie zögernd in der Türöffnung stehen, entweder, weil sie damit rechneten, dass ihnen noch jemand in die Arme lief, oder weil sie zu verschüchtert waren. Wenn Dóra sich nicht sofort lang und breit für den Zusammenstoß entschuldigt hätte, hätten sie den Vorfall wahrscheinlich zum Anlass genommen, sich wieder zu verdrücken. Dóra kannte diesen Gesichtsausdruck, den viele Klienten hatten, wenn sie zum ersten Mal in die Kanzlei kamen. Eine Mischung aus Verwunderung darüber, überhaupt einen Anwalt zu brauchen, und Angst, die Kanzlei mit einem verschämten Gefühl wieder verlassen zu müssen, wenn man auf die Kosten zu sprechen kam. Ganz gewöhnliche Leute in ungewöhnlichen Umständen.

Als die Verwirrung über den Abgang des Monteurs nachließ, fragte Dóra, ob sie behilflich sein könne, trat aber erst ein Stück beiseite, damit die beiden den Empfangstresen nicht sehen konnten. Dort saß Bella in einem schwarzen T-Shirt mit Satansmotiv und einem ordinären englischen Schimpfwort.

»Wir wollten fragen, ob wir mit einem Anwalt sprechen können«, sagte der Mann. Seine Stimme war genauso unaufdringlich wie sein gesamtes Auftreten, und falls er den üblen Geruch wahrnahm, ließ er sich nichts anmerken. Die beiden waren im Rentenalter. Die Frau klammerte sich an ihre kunstlederne Handtasche, die bereits Risse hatte. Durch die rotbraune Farbe leuchtete weißer Stoff. Auch die Hemdsärmel des Mannes, die aus seiner Jacke ragten, sahen abgetragen aus.

»Ich habe versucht, anzurufen, aber es geht nie jemand ran. Haben Sie denn überhaupt geöffnet?«

Anscheinend ging Bella davon aus, dass das Telefon am Empfang nicht dazu da war, um es zu beantworten, sondern um damit stundenlang mit Freunden zu schwatzen, die sich der Telefonrechnung nach häufig im Ausland aufhielten. Zwischendurch ließ sie es meistens klingeln, damit sie in aller Ruhe im Internet surfen konnte.

»Doch, doch, wir haben geöffnet. Unsere Telefonistin ist leider krank, deshalb antwortet niemand«, sagte Dóra. Das war höchstens eine Notlüge. Niemand konnte behaupten, dass Bella noch ganz dicht war, wobei es sich bei ihr um einen Dauerzustand handelte. »Gut, dass Sie vorbeigekommen sind. Ich heiße Dóra Guðmundsdóttir und bin Anwältin. Wir können gerne direkt miteinander reden.«

Sie reichte dem Ehepaar die Hand und erntete zwei schlaffe Händedrücke. Die beiden stellten sich als Margeir Karelsson und Sigríður Veturliðadóttir vor. Dóra sagten die Namen nichts. Als sie in ihr Büro gingen, fiel ihr auf, wie angeschlagen die beiden aussahen, und obwohl sie keine Fahne roch, ließ ihr Äußeres auf ein Alkoholproblem schließen. Wobei Dóra das natürlich nichts anging – jedenfalls noch nicht.

Die beiden wollten keinen Kaffee und kamen sofort zum Thema.

»Wir wissen auch nicht genau, warum wir hier sind«, übernahm Margeir das Gespräch.

»Das ist nicht ungewöhnlich«, log Dóra, damit die Leute sich ein wenig entspannten. Meistens wussten die Klienten genau, was sie von ihr wollten, wobei ihre Erwartungen häufig in keinem Zusammenhang mit der Realität standen. »Sind wir Ihnen empfohlen worden?«

»Eigentlich schon. Ein Freund von uns liefert Kaffee an Firmen aus und hat Sie empfohlen. Wir wollten nicht zu einer dieser großen, schicken Kanzleien. Die sind bestimmt viel zu teuer. Er meinte, Sie wären wohl etwas günstiger.«

Dóra presste ein höfliches Lächeln hervor. Die Ausstattung der Kanzlei hatte den Kaffeelieferanten offenbar nicht sehr beeindruckt, und sie hätte darauf gewettet, dass Bella ihren Teil dazu beigetragen hatte.

»Das ist richtig, wir sind günstiger als die großen Kanzleien. Aber möchten Sie mir nicht zuerst erzählen, was Ihr Problem ist? Dann kann ich Ihnen anschließend sagen, was wir tun können, und wie viel es kosten würde.«

Das Ehepaar starrte sie schweigend an. Schließlich ergriff die Frau die Initiative, nachdem sie ihre Handtasche auf ihrem Schoß zurechtgerückt hatte:

»Unser Sohn ist verschwunden. Seine Frau und seine beiden Zwillingstöchter auch. Wir brauchen Hilfe bei Formalitäten, mit denen wir einfach nicht zurande kommen. Wir haben schon genug damit zu tun, den Tag durchzustehen und das Allernötigste zu erledigen. Sie haben noch eine zweijährige Tochter, die bei uns ist …«

Sie waren keine Alkoholiker. Für die roten Flecken und aufgedunsenen Gesichter gab es einen anderen, traurigeren Grund.

»Ich verstehe.«

Dóra meinte zu wissen, worum es ging, obwohl sie nicht regelmäßig die Nachrichten verfolgte. In den letzten beiden Tagen war in den Medien über das mysteriöse Verschwinden der Mannschaft und der Passagiere einer Motorjacht berichtet worden, die in den Hafen von Reykjavík getrieben war. An Bord hatte sich auch eine Familie befunden, ein Ehepaar mit zwei Töchtern. Die ganze Nation hatte die Meldungen über den Fall verfolgt, da er höchst merkwürdig war. Trotzdem wusste Dóra nicht allzu viel darüber, nur, dass die Sache mit dem Auflösungsausschuss einer der alten Banken zusammenhing. Die hatte die Luxusjacht konfisziert, weil der Besitzer seinen Kredit nicht mehr bedienen konnte. Die Jacht sollte vom europäischen Festland nach Island überführt und anschließend auf dem internationalen Markt zum Kauf angeboten werden, was sich nun verzögerte. Sie musste repariert werden, denn sie war ohne Besatzung gegen eine Landungsbrücke im Reykjavíker Hafen geprallt. Es gab keine Hinweise, was mit den Leuten an Bord geschehen war. Das Verschwinden der sieben Personen hatte die Nation beunruhigt und zusätzlich Aufmerksamkeit erregt, weil der insolvente Eigentümer der Jacht mit einer jungen Isländerin verheiratet war, die regelmäßig auf den Klatschseiten der Zeitungen auftauchte. Die Journalisten hatten offenbar nicht viele Infos, ließen sich aber nicht daran hindern, Theorien über den Vorfall zu verbreiten. Bisher gab es vor allem Spekulationen darüber, dass die Leute bei einem Unwetter über Bord gegangen wären.

»Ist Ihr Sohn der Mitarbeiter des Auflösungsausschusses, der an Bord der Jacht war?«, fragte Dóra.

»Ja«, antwortete die Frau und schluckte. Sie schien ausweichen zu wollen, riss sich dann aber zusammen und fuhr fort.

»Bitte glauben Sie nicht, wir hätten alle Hoffnung, sie lebendig zu finden, aufgegeben, aber unsere Hoffnung schwindet, und das Wenige, was wir über die Untersuchung des Falls hören, gibt uns keinen Anlass zum Optimismus.«

»Nein, natürlich nicht.«

Dóra wusste nicht, ob es angemessen war, ihnen ihr Beileid auszusprechen, solange sie noch Hoffnung hatten, dass ihre Familie gesund gefunden würde. »Wir sind hier in der Kanzlei nicht auf Seerecht spezialisiert und haben keinen Schadensregulierer für Seeschäden. Ich weiß nicht, ob ich viel für Sie tun kann, falls es darum geht.«

Der Mann schüttelte den Kopf und sagte:

»Nein. Ich habe keine Ahnung von Schadensregulierung oder Seerecht, darum geht es nicht. Wir brauchen allgemeine Unterstützung, unter anderem dabei, einen Brief auf Englisch zu schreiben. Wir sind nicht gut in Fremdsprachen, und es ist besser, wenn das jemand übernimmt, der sich mit der Sprache und den Formalitäten auskennt. Wir bräuchten auch Hilfe beim Umgang mit den Behörden wegen unserer Enkeltochter. In unserer jetzigen Situation kommen wir einfach nicht gegen die an.«

»Wollen sie Ihnen das Kind wegnehmen?«

»Ja, sieht ganz so aus. Noch hält die große Unsicherheit sie davon ab. Wir passen erst mal einfach weiter auf sie auf, wie es mit ihren Eltern vor der Abfahrt vereinbart war. Aber die Behörden rüsten sich, und man hat Angst, dass sie jeden Moment mit irgendwelchen Papieren bei einem anklopfen.« Der Mann verstummte. »Ægir war unser einziger Sohn. Sigga Dögg ist das Einzige, was wir noch haben.«

Dóra kreuzte unter dem Schreibtisch die Finger. Es war nicht leicht, dem Ehepaar zu sagen, dass sie das Kind wahrscheinlich nicht behalten könnten. Dafür waren sie zu alt und wahrscheinlich finanziell zu schlecht gestellt.

»Ich möchte Sie nicht noch mehr verletzen, aber Sie sollten sich keine allzu großen Hoffnungen machen, Ihr Enkelkind behalten zu können, falls sich herausstellt, dass Ihr Sohn und Ihre Schwiegertochter tot sind. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Sie die Vormundschaft bekommen.« Als Dóra sah, dass die beiden protestieren wollten, fügte sie schnell hinzu: »Aber es ist noch zu früh, um darüber zu spekulieren. Wohnen Sie in Reykjavík?«

»Ja, nicht weit von hier. Wir sind zu Fuß gekommen.«

Es war wirklich bemerkenswert, worüber die Leute plötzlich redeten, wenn ihnen das eigentliche Thema unangenehm war. Als wollten sie Zeit schinden und sich eine kleine Verschnaufpause gönnen.

»Es ist ja immer noch recht kalt, obwohl die Sonne scheint«, sagte die Frau.

Dóra ließ sich nicht darauf ein, übers Wetter zu reden und fragte:

»Und das Kind? Hatten Ihr Sohn und seine Frau ihren Wohnsitz auch in Reykjavík?« Diesmal begnügten sich die beiden damit zu nicken. »Das ist wichtig für die Entscheidung des Jugendamts. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen helfen, ein Umgangsrecht oder – wenn das für das Kind wirklich das Beste ist – Ihre volle Vormundschaft zu erwirken. Aber ich wiederhole, dass Letzteres sehr, sehr schwierig ist.«

Margeir und Sigríður saßen wie erstarrt da.

»Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, unabhängig von aller Juristerei, dann würde ich an Ihrer Stelle versuchen, das erst einmal hinten anzustellen. Es gibt so Vieles, worüber Sie sich Gedanken machen müssen, und für die Kleine ist es im Moment wichtig, dass Sie nicht die Nerven verlieren. Gehen Sie die Probleme von Tag zu Tag an.«

»Ja.« Der Mann schaute auf. »Natürlich, das wissen wir.«

»Sie sprachen von einem Brief auf Englisch. Worum geht es dabei?«, fragte Dóra und hoffte, dass es sich dabei um ein weniger sensibles Thema handelte.

»Mein Sohn und seine Frau hatten eine Lebensversicherung bei einer ausländischen Versicherung. Er hat uns die Papiere vor der Abreise gegeben und erklärt, was wir machen müssen, falls etwas passiert. Wir verstehen nicht viel davon, aber wir müssen die Versicherung im Todesfall sofort informieren. Wir würden Sie gerne bitten, den Brief zu schreiben und die ganze Sache zu erklären.«

Dóra überlegte. Warum diese Eile?

»Ich nehme an, dass man eine solche Mitteilung erst schicken muss, wenn die Untersuchung des Falls abgeschlossen ist. Ihr Sohn und seine Frau werden ja noch vermisst.«

»Ich weiß. Und ich weiß auch, dass Sie glauben, dass die Geldgier uns verblendet, weil wir als Erstes an die Versicherungsprämie denken«, sagte Margeir und schaute Dóra fest in die Augen. Sie konnte nur hoffen, dass sie sich nicht verriet, denn genau das hatte sie gedacht. »Aber so ist es nicht. Wir haben nur eine Chance, Sigga Dögg zu behalten, wenn wir finanzielle Sicherheiten nachweisen können, und die hätten wir durch die Versicherungsprämie. Ich bekomme nur meine Rente, und Sigríður arbeitet halbtags in einer Kantine. Es wäre nicht leicht für uns, das Kind aufzuziehen. Das Geld würde unsere Verhandlungsposition verbessern.«

»Haben Sie die Versicherungsunterlagen dabei?«

Die Frau wühlte in ihrer Handtasche, zog eine mit Papieren vollgestopfte Klarsichthülle heraus und reichte sie Dóra.

»Die brauchen wir wieder zurück. Das sind die Originale. Oder möchten Sie vielleicht eine Kopie machen?«, sagte sie.

»Äh, nein, im Moment nicht, unser Kopierer ist kaputt. Vielleicht später.«

Dóra errötete leicht und vertiefte sich schnell in die Unterlagen. Es waren zwei Verträge: eine Lebensversicherung des Sohnes, Ægir, und eine weitere der Schwiegertochter, Lára. In Ægirs Fall war der Nutznießer Lára und umgekehrt. Ægirs Eltern waren als Ersatz eingetragen, falls der erste Nutznießer bereits verstorben war. Beide Policen wiesen dieselben Beträge aus, und Dóra machte große Augen, als sie die Zahlen sah. Zusammen war das Ehepaar mit zwei Millionen Euro versichert. Mit diesem Geld war es durchaus möglich, das Kind großzuziehen. Sie räusperte sich. »Darf ich Sie etwas fragen?« Ohne eine Antwort abzuwarten, sprach sie weiter: »Wie kommt es, dass Ihr Sohn und Ihre Schwiegertochter so hoch versichert waren? Hatten sie Schulden?«

»Haben das nicht alle?« Sigríður warf ihrem Mann einen Blick zu. »Weißt du was darüber?«

»Nein. Sie haben ein Reihenhaus, das sie noch abbezahlen müssen. Ich habe keine Ahnung, wie viel das noch ist, aber ich bezweifle, dass es über Wert belastet ist. Mein Sohn ist kein Angeber. Aber man kann nie wissen, vielleicht würde die ganze Versicherungssumme für den Verlust draufgehen, wenn das Haus verkauft wird. Wir leben in seltsamen Zeiten.«

»Ist Ihnen klar, dass zwei Millionen Euro ungefähr dreihundert Millionen Kronen sind? Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Sie so viel für ein Reihenhaus schulden.«

»Was?«, sagten beide gleichzeitig. Margeir starrte Dóra verständnislos an und legte den Kopf schief. »Haben Sie dreihundert Millionen gesagt? Ich hatte was mit dreißig oder so ausgerechnet.«

»Da haben Sie aber eine Null vergessen.«

Dóra reckte sich nach dem klobigen Taschenrechner und tippte die Zahlen ein. Dann drehte sie den Rechner um, damit die beiden die vielen Nullen sehen konnten. Vielleicht würden sie jetzt aufstehen und sich an eine der großen Kanzleien wenden. Aber erst einmal waren das nur Zahlen auf einem Display.

»Das ist eine hohe Summe.«

Nachdem diese Bombe geplatzt war, kam nicht mehr viel Wichtiges zutage. Das Ehepaar stand geradezu unter Schock. Sie erledigten die Formalitäten bezüglich Dóras Auftrag, und trotz des großen Vermögens, das ihnen womöglich in den Schoß fallen würde, bot Dóra ihnen den günstigsten Tarif an. Das Geld wäre für die Ausbildung des kleinen Mädchens besser angelegt. Außerdem klang der Auftrag ziemlich interessant, und Dóra wäre den Kotzegestank für ein paar Tage los. Bevor sie aufstanden, stellte sie noch eine Frage, von der sie nicht wusste, ob die beiden sie überhaupt beantworten konnten:

»Sie wissen nicht zufällig, warum Ihr Sohn und seine Frau Sie als Ersatz in die Versicherungsverträge mitaufgenommen haben? Es hätte doch nahe gelegen, die Töchter einzutragen.«

Die beiden tauschten einen Blick, und Margeir antwortete:

»Das ist eigentlich kein Geheimnis, nur ein bisschen unangenehm, um mit Fremden darüber zu reden.«

»Es bleibt unter uns.«

»Láras jüngerer Bruder trinkt und braucht ständig Geld, um seinen ausschweifenden Lebensstil zu finanzieren. Ægir hat geglaubt, dass er die Mädchen unter Druck setzen oder versuchen könnte, ihnen das Geld abspenstig zu machen, wenn es ihnen zufällt. Oder dass er sich sogar als ihr Finanzvormund aufspielen würde. Das klingt vielleicht absurd, aber Láras Bruder ist zu allem fähig. Ægir wusste, dass er uns trauen kann und dass wir das Geld für die Mädchen aufbewahren würden. Wir lassen uns von diesem Säufer nicht blenden, aber bei Láras Eltern ist das anders. Sie haben sich von ihrem Sohn bis aufs letzte Hemd ausnehmen lassen. Sie wären also nie als Ersatz infrage gekommen.«

»Ich verstehe. Das scheint eine vernünftige Entscheidung gewesen zu sein.«

Dóra begleitete die beiden zum Ausgang und bat sie, sofort Kontakt aufzunehmen, falls etwas passierte. In der Zwischenzeit wollte sie die Sachlage bezüglich der Lebensversicherung überprüfen.

Als sie in der Tür standen, kamen zwei Männer mit einem Rollwagen, auf dem der Kopierer stand, und versuchten, ihn um die Ecke zu schieben. Der Kotzegeruch war stärker als je zuvor.

»Wären Sie so nett, in einen Copyshop zu gehen und die Versicherungspolicen zu kopieren? Wie Sie sehen, muss unser Gerät in Reparatur. Ich kann die Kopien morgen früh bei Ihnen abholen, wenn Ihnen das recht ist«, bat Dóra.

»Ja, selbstverständlich. Sie haben ja unsere Adresse und Telefonnummer. Rufen Sie besser vorher an, aber wir sind eigentlich fast immer zu Hause.«

Das Ehepaar verabschiedete sich und ging eilig hinaus, bevor der Kopierer ihm den Ausgang versperren konnte. Dóra blieb nachdenklich stehen, wurde aber abrupt zurück in die Realität gerissen, als ihr der eine Monteur auf die Schulter tippte.

»Das würden Sie vielleicht gerne behalten.« Er hielt ihr ein A-4-Blatt hin. »War im Kopierer.«

Er grinste und blinzelte ihr zu, bevor er sich wieder umdrehte, um seinem Kollegen zu helfen. Dóra musterte das Blatt. Obwohl das Bild fast schwarz war, konnte man eindeutig erkennen, was der Kopierer abgelichtet hatte. Die Person, die sich übergeben hatte, hatte sich auf dem Gerät abgestützt und war genau im richtigen Moment an den Startknopf gekommen. Dóra inspizierte das unscharfe, dunkle Bild. Bella! Natürlich, wer sonst? Sie marschierte los und wollte sich auf die Sekretärin stürzen, aber die war spurlos verschwunden. Offenbar konnte sie sich doch schnell bewegen, wenn es nötig war.

Triumphierend stürmte Dóra mit dem Beweisstück in der Hand in ihr Büro. Eins war klar – wenn Bella zurückkam, konnte sie was erleben. Bis dahin musste Dóra versuchen, ein wenig zu arbeiten. Es war schwierig, sich auf die tägliche Arbeit zu konzentrieren. Die Geschichte mit der Jacht war äußerst merkwürdig, und die hohe Lebensversicherung machte das Ganze noch merkwürdiger. Schwere Regentropfen schlugen gegen das Bürofenster, und Dóra versuchte sich vorzustellen, was für ein Gefühl es wäre, bei Unwetter auf einem Schiff eingesperrt zu sein. Sie spürte, wie sich die Haare auf ihren Unterarmen aufrichteten. Man sprang von Bord und kämpfte mit dem Ertrinken, obwohl man wusste, dass keine Hilfe in Sicht war. Sie hoffte, dass die Leute irgendwo da draußen auf dem Meer lebend in einem Rettungsboot gefunden würden. Wenn nicht, waren sie zweifellos auf schreckliche Weise gestorben.

Dóra drehte sich zum Bildschirm. Ihre anderen Fälle konnten eine halbe Stunde warten. Sie wollte sich noch einmal die Meldungen über die Jacht anschauen. Während sie das Internet durchforstete, fiel ihr ein, dass sie vergessen hatte, dem Ehepaar eine wichtige Frage zu stellen: Warum hatte ihr Sohn diese Fahrt überhaupt gemacht und dazu noch seine Familie mitgenommen? Es war noch Winter, und Motorboot-Touren waren nicht besonders spannend, selbst wenn es sich um eine Luxusjacht handelte. Und warum ließ der Untersuchungsausschuss einen Mitarbeiter auf Kosten der Bank mit seiner Familie Urlaub machen? Da stimmte doch was nicht.

2. Kapitel

Es war nicht das erste Mal auf der Reise, dass Ægir das Gefühl hatte, am falschen Ort geboren zu sein – es musste ein Fehler sein, dass er sich die meiste Zeit seines Lebens gegen die isländische Kälte einmummeln musste. Obwohl es in Lissabon kühl war, ließ sich das nicht mit dem winterlichen Island vergleichen, und er genoss es, in dünner Kleidung durch die Straßen zu wandern. Unter seinen Füßen waren weiße Pflastersteine, wie auf allen Bürgersteigen der Stadt, und es war komischerweise angenehm, über den ungleichmäßigen Boden zu gehen. Seine Frau Lára würde ihm da wohl nicht zustimmen, denn sie stolperte auf hohen Absätzen neben ihm her und war vollauf damit beschäftigt, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Sie spazierten durch die engen, steilen Gassen der Altstadt, die lange vor der Zeit des Automobils entstanden war. Fast hätten sie sich verlaufen, aber sie wussten, dass sich der Platz, den sie suchten, unten am Fluss befand. Sie mussten nur hangabwärts gehen.

»Beeilt euch, Mädchen! Wir kommen zu spät. Ich bin in zehn Minuten mit dem Mann verabredet.«

Die beiden legten einen Schritt zu, aber für achtjährige Mädchen sind zehn Minuten eine Ewigkeit und kein Grund, in Hektik zu verfallen. Arna gab wie üblich den Ton an – sie war als Erste zur Welt gekommen. Obwohl es natürlich Zufall war, in welcher Reihenfolge Zwillinge geboren wurden, hatte Ægir oft den Eindruck, dass die beiden schon im Bauch ihrer Mutter eine Vereinbarung getroffen hatten. Arna ging meist forsch und neugierig voran, während Bylgja verschlossen und in sich gekehrt war. Sie hielt oft inne und begutachtete eine Situation ausgiebig, um nicht Gefahr zu laufen, in dieselben Schwierigkeiten zu geraten wie ihre Zwillingsschwester. Äußerlich waren sich die beiden jedoch zum Verwechseln ähnlich, und wenn Bylgja keine Brille getragen hätte, wäre es für Fremde nahezu unmöglich gewesen, sie auseinanderzuhalten.

»Wie viele Steine sind in diesem Bürgersteig, Papa?«, fragte Bylgja und schaute auf den Boden, während sie hinter ihrer Schwester herlief.

»Das weiß ich nicht, Schatz. Eine Million und sieben. So was in der Richtung.«

Ægir hätte die vielen Steine besser nicht erwähnt, als sie im Hotel losgegangen waren. Er hätte wissen müssen, dass seine Tochter sich darauf versteifen würde. Aber dass sie wirklich versuchen würde, die kleinen Pflastersteine zu zählen, hatte er nicht gedacht.

»He, da ist er!« Lára zeigte in eine Seitenstraße. »Es kann nicht so viele große Plätze in dieser Stadt geben.«

Die Mädchen trotteten los, als hätten sie nur auf diesen Moment gewartet. Sie waren ihrer Mutter unglaublich ähnlich. Dunkles, lockiges Haar, grünliche Augen, große Schneidezähne. Ihr Körperbau und sogar ihre Hände waren wie kleinere, zierlichere Ausgaben von Lára.

Plötzlich überkam Ægir Trauer – Trauer über etwas, das er nicht festmachen konnte, etwas, das hinter der nächsten Ecke lauerte, vielleicht auf dem imposanten Platz am Ende der Straße. Vielleicht war es auch nur die Gewissheit, dass das Leben in diesem Moment vollkommen war, dass es nicht mehr besser werden konnte und von nun an abwärts gehen würde. Er wollte diesen Augenblick nicht loslassen.

»Sollen wir es nicht einfach lassen?«, fragte er. »Was?«, entgegnete Lára mit verwundertem Gesicht. »Was meinst du?«

Ægir bereute seine Frage bereits. Und zugleich auch nicht.

»Ich meine, ob wir unseren Urlaub hier nicht einfach verlängern und uns nicht um diese Schiffstour kümmern sollen. Die brauchen mich im Grunde gar nicht. Das mit der Besatzung lässt sich auch anders regeln.«

Seine Stimme klang merkwürdig, und er wusste nicht, woher dieser Ton kam. Vor ein paar Minuten hatte er sich noch auf die Fahrt gefreut und sie für ein Geschenk des Himmels gehalten, doch jetzt sehnte er sich danach, weiter festen Boden unter den Füßen zu haben. Auch wenn die Jacht luxuriös war, gab es an Bord nur begrenzten Platz. Hier fühlten sie sich wohl, an jeder Ecke gab es kleine Restaurants und Cafés und zahllose Unterhaltungsmöglichkeiten. Was sollten sie auf der Jacht? Karten spielen? Er wollte diese helle Stadt, die von innen zu leuchten schien, nicht verlassen. Wohin man auch schaute, überall sah man helle, fröhliche Farben, die gute Laune machten. Geflieste Hauswände in Pastellfarben, die er sonst noch nirgendwo gesehen hatte. Hier konnte es einem doch eigentlich nur gut gehen. Draußen auf dem Meer würden sie vielleicht die ganze Zeit seekrank über der Reling hängen. Was hatte er sich nur dabei gedacht, sich zur Verfügung zu stellen, nachdem sich herausgestellt hatte, dass ein Mannschaftsmitglied ausfiel? Warum hatte er nicht einfach Nein gesagt und war nach Hause geflogen, wie ursprünglich geplant? Seine Frau und seine Töchter starrten ihn an. Er meinte, einen Hauch von Verständnis in Bylgjas Augen zu sehen, aber ihre Brille war wie üblich verschmiert, und er durfte diesen Glanz, den er zu sehen meinte, nicht so ernst nehmen. Sie wandte ihren Blick von ihm ab, schaute wieder auf den Boden und zählte weiter Steine.

»Willst du nicht mit dem Schiff fahren, Papa?«, fragte Arna und rümpfte die Nase. »Ich hab schon auf Facebook gepostet, dass wir mit dem Schiff nach Hause fahren.«

Als ob das ein Grund wäre, ihre Pläne nicht zu ändern.

»Ach, ich meine ja nur«, murmelte er.

Vielleicht fürchtete er sich davor, den Kapitän zu treffen. Ihr gestriges Telefonat war nicht gut verlaufen, da Ægir hellhörig geworden war, als er erfahren hatte, dass die Kosten für die Überführung der Jacht nach Island wesentlich höher ausfallen würden als geplant. Er trug die Verantwortung dafür und wollte seinem Chef nicht mitteilen müssen, dass man jetzt auch noch einen wesentlich teureren einheimischen Ersatzmann einstellen musste, weil ein Mannschaftsmitglied ausgefallen war. Er hatte sich aufgeregt, als er von den Gehaltsvorstellungen potenzieller Ersatzleute gehört hatte, aber der Kapitän hatte ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass die Leute in Portugal nicht Schlange stünden, um mal eben eine Tour in den Norden an den Arsch der Welt zu machen. Er konnte sich nicht mehr erinnern, zu welchem Zeitpunkt des Telefonats er vorgeschlagen hatte, selbst einzuspringen. Jedenfalls hatte er überhaupt nicht damit gerechnet, beim Wort genommen zu werden, obwohl er es halbwegs gehofft hatte. Der Kapitän war auf den Sportbootführerschein angesprungen, den Ægir besaß, und hatte dessen Versuche, sich doch wieder herauszureden, in den Wind geschlagen. Er hielt es für nebensächlich, dass Ægir bisher nur in der Nauthólsvík-Bucht vor den Toren von Reykjavík gefahren war, man brauche lediglich jemanden, um die Vorschriften über die Mannschaftsgröße zu erfüllen, der Schein habe sowieso nichts zu sagen und die fehlende Erfahrung auch nicht. Ægir sei ja schließlich nicht als Kapitän, Steuermann oder Schiffsmechaniker an Bord. Als Ægir sich durch den Sportbootführerschein gequält hatte, hatte er sich wirklich nicht vorgestellt, einmal Ersatzmann an Bord einer Motorjacht zu sein. Er träumte hingegen schon lange davon, sich an einem kleinen Segelboot zu beteiligen. Aber das musste warten, da ihre Gehälter immer nur bis zum Monatswechsel reichten. Sie hatten zwar ein bisschen gespart, aber das war für den spontanen gemeinsamen Winterurlaub in Lissabon draufgegangen. Und da war von einer Schiffstour noch keine Rede gewesen.

Dem Kapitän waren dann gewisse Zweifel gekommen, als er gehört hatte, dass Ægirs Familie dabei war. Doch zu dem Zeitpunkt war Ægir schon ganz begeistert von der Sache gewesen, da er kaum noch einmal die Gelegenheit bekommen würde, auf einer Luxusjacht über die Weltmeere zu schippern. Zudem löste die Fahrt gewisse Probleme, vor denen er sich gefürchtet hatte. Deshalb hatte er dem Kapitän als Bevollmächtigter des neuen Besitzers der Jacht verkündet, so würde es gemacht und damit basta.

In der Zwischenzeit hatte Ægir seinen Chef darüber informiert, dass er selbst dabei helfen würde, den Kahn nach Hause zu bringen. Der Mann war zwar ziemlich unkonzentriert gewesen, als er ihm grünes Licht gegeben hatte, und auf die finanzielle Seite der Sache gar nicht eingegangen, aber er war ja auch höhere Beträge gewohnt als diesen. Sie hatten nur ein paar Minuten miteinander telefoniert, offensichtlich warteten andere, dringendere Aufgaben auf seinen Chef, und er war überhaupt nur ans Telefon gegangen, weil er wissen wollte, wie es mit der Ummeldung der Jacht gelaufen sei. Er hatte Ægir mitten im Satz abgewürgt und gemurmelt, sie würden sich dann sehen, wenn er aus Spanien zurück sei. Er wusste also noch nicht mal, wo Ægir die Jacht abholte. Geschweige denn, dass er seine Frau und seine Töchter mitgenommen hatte.

Als Ægir an die Ignoranz seines Chefs dachte, verstärkte sich die merkwürdige Angst vor der Fahrt. Eigentlich sollte er sich darauf freuen, wie Arna. Gestern Abend waren sie beide ganz aufgeregt gewesen, während Lára und Bylgja die Neuigkeit gelassener aufgenommen hatten. Lára machte sich Sorgen darüber, dass sie nicht richtig schwimmen konnte, und Bylgja wollte nicht sagen, was sie von der Sache hielt. Doch am Ende hatte Lára sich mitreißen lassen und war jetzt die treibende Kraft für die Organisation der Tour. Sie wäre sehr enttäuscht, wenn nichts daraus werden würde. Ægir musste diese Angst überwinden, vor allem jetzt, wo er dem Kapitän persönlich gegenübertreten sollte. Er gab sich einen Ruck.

»Also dann, beeilen wir uns. Der Kapitän wartet bestimmt schon«, sagte er und erntete einen weiteren verwunderten Blick von seiner Frau und seinen Kindern wegen der schnellen Meinungsänderung. Aber sie sagten nichts und gingen los.

Als sie sich dem schönen Platz näherten, von dem Ægir gelesen hatte, er sei der größte in Europa, begrüßte sie ein warmer Windhauch. Er erinnerte an den Frühling, der in diesen Breitengraden kurz bevorstand, und Ægirs Zweifel verpufften. Vor ihm glänzte das unschuldige, glatte Meer und schien ihm zu versichern, dass alles in Ordnung sei. Was sollte schon passieren? Er musste lächeln – woran hatte er nur gedacht? Es würde ein Abenteuer werden, und er war schon mit cholerischeren Männern als diesem Kapitän klargekommen. Bei der Bank galt er als guter Vermittler, weshalb er auch hergeschickt worden war, um die Sache mit der Jacht abzuwickeln. Die letzten beiden Tage hatte er in verschiedenen portugiesischen Büros verbracht, um ausstehende Hafengebühren zu bezahlen, Genehmigungen zu beschaffen und Unterlagen zu übergeben, die den Besitzerwechsel bestätigten.

Jenseits des Flusses breitete Jesus Christus über der Stadt die Arme aus. Es handelte sich um eine Kopie der Statue in Rio, und obwohl sie kleinere Proportionen hatte, war sie durch ihren hohen Sockel ziemlich beeindruckend.

»Sieh mal, Papa! Da ist wieder Jesus«, rief Arna und zeigte auf die Statue.

Bylgja schirmte ihre Augen mit der Hand ab und betrachtete schweigend das Kunstwerk. Sie war ganz fasziniert gewesen, als ihre Mutter erzählt hatte, Jesus passe auf die Menschen und Tiere in der Stadt auf. Ægir war sich nicht sicher, ob seine Töchter an Gott glaubten. Lára und er waren nicht besonders gläubig und sprachen zu Hause nie über Religion. Seine Eltern waren hingegen sehr fromm, und er vertraute einfach darauf, dass sie mit den Mädchen über dieses Thema sprachen.

»Warum haben wir keinen Jesus, der auf Reykjavík aufpasst?« Arna zupfte ihren Vater am Ärmel und drängte auf eine Antwort.

»Ist das nicht dumm?«

»Ja, zweifellos«, antwortete Ægir gedankenlos und hielt Ausschau nach dem Café, das der Kapitän als Treffpunkt vorgeschlagen hatte.

In dem kleinen Lokal war es dunkel, und er brauchte einen Moment, um sich an das Licht zu gewöhnen. Der Kapitän saß alleine an einem Tisch und stand auf, als sie hereinkamen. Er stellte sich als Þráinn vor. Seine Handfläche war rau, und er schüttelte Ægir nur so lange die Hand, dass es nicht unhöflich wirkte.

Als Lára zur Theke gegangen war, um für die Mädchen Limonade zu bestellen, fragte Þráinn:

»Sind die Papiere jetzt in Ordnung?« Seine Stimme passte zu seinem Handschlag: rau und ziemlich schroff. »Ich will möglichst noch heute Abend auslaufen. Je früher wir den Hafen verlassen, desto eher sind wir zu Hause.«

»Es gibt nichts, worauf wir noch warten müssten. Ich habe alles Notwendige erledigt. Wenn doch noch was fehlt, müssen wir es eben darauf ankommen lassen.«

Ægir zog einen Stuhl zum Tisch. Eines der Stahlbeine, bei dem der Plastikaufsatz fehlte, quietschte auf dem gefliesten Boden.

»Könnt ihr um sechs Uhr an Bord sein?« Der Kapitän hatte Ægir immer noch nicht in die Augen geschaut. »Das ist eine gute Zeit, ich möchte am liebsten im Hellen losfahren. Zwischen sieben und acht wird es dunkel.«

»Ja, gut«, antwortete Ægir und versuchte, den Mann anzulächeln. Die Sache war einfacher, als er gedacht hatte. Falls der Kapitän vorgehabt hatte, sich weiter mit ihm zu streiten, so hatte er sich offenbar wieder eingekriegt. Vielleicht wollte er ihnen die Fahrt ja auch nicht vermiesen, weil die Mädchen dabei waren.

»Wir müssen nur noch Proviant kaufen. Sonst ist alles bereit.« Da Þráinn nichts dazu sagte, sprach Ægir einfach weiter. Lára wurde gerade bedient und würde gleich mit den Mädchen an den Tisch kommen. »Du hast also nichts dagegen, dass meine Frau und meine Töchter mitkommen?«

Der Kapitän verzog keine Miene, schaute nur geradeaus auf etwas hinter Ægir.

»Ich habe dir gesagt, was ich davon halte. Es gefällt mir gar nicht, auf dieser Strecke Kinder dabei zu haben. Man weiß nie, auf was für Ideen die kommen. Ich hätte lieber einen Einheimischen eingestellt.«

Lára und die Mädchen kamen heran. Die Zwillinge lächelten und achteten darauf, ihre Limonade nicht zu verschütten.

»Das weiß ich, aber wir passen auf sie auf. Die Mädchen stehen unter unserer Aufsicht. Es ist also in Ordnung?«, sagte Ægir.

Der Mann schnaubte.

»Habe ich was falsch verstanden? Gibt es etwa eine andere Möglichkeit?«, entgegnete er.

»Nein. Eigentlich nicht.«

Ægir nahm Bylgja die Limonade ab und stellte sie auf den Tisch. Arna stellte ihr Glas unvorsichtig ab, und auf dem Tisch bildete sich eine kleine, orangefarbene Pfütze. Lára wischte sie zum Glück sofort weg, wie um zu demonstrieren, dass sie sich auf der Jacht anständig benehmen würden.

»Ist denn auf dem Schiff genug Platz für uns, Þráinn?«, fragte sie den Kapitän freundlich lächelnd. Ægir hatte sich nicht dazu durchringen können, ihr von dem Streit zwischen ihnen zu erzählen. »Ich habe es noch nicht gesehen, aber Ægir sagt, es sei ein irres Teil.«

»Ja, ja, es gibt genug freie Kabinen, falls man das Kabinen nennen kann. Eigentlich sind es Suiten. Die Jungs und ich haben aus alter Gewohnheit die Kabinen genommen, die für die Mannschaft bestimmt sind, ihr könnt also zwischen mehreren Räumen wählen. Es wird euch an nichts fehlen.«

»Sind Jungs an Bord?«, fragte Arna und verzog das Gesicht, während sie den Strohhalm aus dem Mund gleiten ließ. Es würde noch lange dauern, bis die Mädchen ganz verrückt auf das andere Geschlecht wären.

»Für mich sind das Jungs. Für dich sind es wahrscheinlich Männer«, sagte der Kapitän und blinzelte Arna zu. Ægir fiel ein Stein vom Herzen. Die kleinen Anfangsschwierigkeiten waren bestimmt schnell vergessen, sobald sie auf dem Wasser wären.

»Sie sind knapp über zwanzig.« Er blinzelte Arna wieder zu.

»Ziemliche Dummköpfe eigentlich.«

»Oh.« Arna kicherte. »Wie heißen sie?«

»Der eine wird Halli genannt, das kommt wohl von Halldór, und der andere heißt Loftur. Wahrscheinlich von Löffel.«

Arna verstand den Witz nicht und runzelte die Stirn.

»Er macht einen Spaß, Schatz«, sagte Ægir und legte seiner Tochter den Arm um die Schultern. »Loftur heißt einfach nur Loftur, und weder er noch Halli sind wirklich Dummköpfe.«

Dabei hatte er keine Ahnung, ob der Kapitän scherzte. Vielleicht waren diese Jungs tatsächlich Idioten, obwohl er bezweifelte, dass die Bank sie dann engagiert hätte. Jedenfalls hatte Þráinn angeblich ausgezeichnete Referenzen. Ægir hatte sie nicht persönlich gesehen, weil er nichts mit Personalangelegenheiten zu tun hatte, aber für eine Fahrt mit so einer teuren Jacht wurden natürlich keine Laien eingestellt.

»Wie geht es dem Verletzten?«, fragte er.

Der Kapitän machte wieder ein ernstes Gesicht und sagte:

»Dem geht es wahrscheinlich dreckig, dem verdammten Mistkerl. Er hat sich das Bein gebrochen. Das ist bestimmt im Suff passiert, auch wenn sein Freund Halli es vehement bestreitet. Sobald diese Kerle im Ausland sind, lassen sie sich volllaufen. Soweit ich weiß, ist er auf dem Weg nach Hause, und du bist sein Ersatz.« Er lächelte ironisch. »Mit einer geschlossenen Front hinter dir.«

»Ja, da hast du Glück gehabt.« Ægir beherrschte sich, nicht noch mehr zu sagen. Er wollte nicht, dass die Mädchen Zeugen eines Streits wurden, auch wenn er nur mit Anspielungen ausgetragen wurde.

Bylgja saß still da und starrte den Kapitän an. Das Einzige, was man von ihr hörte, war ein dumpfes Schlürfen, wenn sie an ihrer Limo saugte. Ægir hätte gerne gewusst, was sie dachte. Sie hatte einen guten Blick für Menschen. Aber das musste warten.

Ægir und Lára waren zwar davon ausgegangen, dass sie genug Zeit für ihre Besorgungen hätten, aber das stellte sich als falsch heraus, und sie trafen erst eine halbe Stunde nach der vereinbarten Zeit am Hafen ein. Es war zu spät, die weiße Jacht von Land aus zu bewundern – Lára meinte nur, sie sei viel größer, als sie sie sich vorgestellt hätte. Halb laufend trugen sie den Proviant an Bord, wobei Lára wegen der Mädchen, die auf dem Steg herumturnten, so nervös war, dass sie nicht viel mithelfen konnte. Weder Þráinn noch die beiden jüngeren Männer machten Anstalten, auch nur einen Finger zu rühren. Sie lehnten träge am Steuerhaus und beobachteten grinsend das Geschehen. Als die letzte Kiste an Bord war, war Ægir völlig durchgeschwitzt und hätte am liebsten ihre Vorräte nach einem Bier durchwühlt. Doch angesichts der Miene des Kapitäns, als er Ægir eine Kiste Rotwein an Bord hatte tragen sehen, war das wohl nicht ratsam. Fürs Erste.

»Also dann.« Þráinn kam zu Ægir, der keuchend neben den Vorräten stand. Er fixierte die Kiste Wein, die zufällig vorne lag und unangenehm auffiel. »Es ist schon was anderes, Passagiere dabei zu haben, die sich eine schöne Zeit machen wollen. Ich hoffe, ihr geht nicht davon aus, dass wir euch hier bedienen.« Er nickte in Richtung Halli und Loftur, die keine Reaktion zeigten.

»Außerdem könnte es sein, dass du mal die eine oder andere Wache übernehmen musst. Dann kommt es nicht infrage, unter Alkoholeinfluss zu stehen.«

»Keine Sorge«, entgegnete Ægir. Er wollte sich nicht schon wieder über den Mann aufregen. »Das habe ich nicht vor, und wir kochen für uns selbst. Für euch natürlich auch, wenn ihr wollt.«

Hoffentlich würde der Kapitän etwas freundlicher werden. Sie hatten eine lange Überfahrt nach Island vor sich, und auch wenn die Jacht groß war, würde es in einer vergifteten Atmosphäre eng werden. Ægir beobachtete, wie sich Lára und die Zwillinge ins Boot tasteten. Als Arna auf das glänzende Deck sprang, erklang ein hohles Geräusch, als bestehe die Jacht nur aus einer Schale. Eine schöne Verpackung um einen riesigen Hohlkörper. Ægir wusste sehr gut, dass das nicht der Fall war, doch das Geräusch echote in seinem Kopf, und er konnte den Gedanken nicht verdrängen, dass die Jacht trotz all ihrer Pracht einer Nussschale glich. Wobei sich seine Erfahrungen mit Schiffstouren auf das kleine, abgenutzte Boot beschränkten, auf dem er seinen Führerschein gemacht hatte, und auf den kleinen Kahn seines Cousins.

Er half seiner Familie an Bord und war überrascht, wie feucht Láras Hand war, denn es war am Abend abgekühlt. Bylgjas Hände waren hingegen kalt und trocken.

»Das ist sie also«, sagte Lára und schaute sich breit lächelnd um. Sie gab Ægir die Aktentasche, auf die die Mädchen aufgepasst hatten, und küsste ihn auf die Wange. »Wow!«

Das Schiff wirkte von Bord aus noch größer und schicker als vom Steg. Ein Großteil der Möbel an Deck war mit weißem Segeltuch abgedeckt, doch die Formen zeichneten sich unter dem Tuch ab, und man konnte sich leicht vorstellen, wie es unter normalen Umständen hier aussah.

»Das ist ja unglaublich.«

Lára ging nach vorne zum Bug und hob eine Plane an. Darunter befanden sich ein Tisch und Bänke entlang der Seiten des Schiffs.

»Seht mal. Hier können wir essen«, sagte sie zu den Mädchen, die sich mit großen Augen umschauten. Arna war genauso aufgeregt wie ihre Mutter, während Bylgjas Gesichtsausdruck wegen der Brille schwer zu deuten war. Ægir hatte sich längst daran gewöhnt, dass er nie herausfinden konnte, was in ihrem Kopf vorging. Im Augenblick schien sie neugierig auf die Umgebung zu sein, was ein gutes Zeichen war. Oft war ihr Gesicht wie versteinert. Lára hatte es auch bemerkt und begann gut gelaunt, die Abdeckung wegzuziehen.

»Das wird toll!«, sagte sie.

»Ich weiß nicht, ob das vernünftig ist. Unterwegs wird es kalt, und man kann bestimmt nicht oft draußen sitzen oder essen«, sagte Þráinn, der jetzt in der Tür zum Steuerhaus stand. Bewundernswert, wie gut er die Gereiztheit in seiner Stimme verbergen konnte. »Es ist ziemlich schwierig, diese Abdeckungen richtig zu befestigen, also lasst das lieber.«

Lára schaute auf und lächelte ihn freundlich an.

»Keine Sorge, wir sind abgehärtet. Es ist bestimmt großartig, hier zu essen, auch wenn es ein bisschen kühl wird.« Sie zerrte weiter an der Plane und zog sie von dem großen, ovalen Tisch in der Bugmitte.

Ægir beobachtete Þráinn und hatte den Eindruck, es sei besser, seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken, bevor ihm etwas Unvorsichtiges herausrutschte. Lára konnte sehr nachtragend sein und wäre womöglich die ganze Fahrt über eingeschnappt.

»Ich befestige das nachher wieder. Die Mädchen helfen mir«, warf er ein, doch das Gesicht des Kapitäns wurde nicht freundlicher. Ægir blickte übers Meer und die tiefblaue Wasseroberfläche. »Sind wir dann soweit?«

»Wo sind Halli und Loftur?«, fragte Arna den Kapitän.

»Halli ist unten im Maschinenraum und bereitet die Abfahrt vor, und Loftur hilft ihm.« Þráinns Blick wanderte von Arna zu Ægir. »Die Jacht ist seit dem Ärger mit dem Vorbesitzer nicht richtig bewegt worden, deshalb habe ich den Motor noch sorgfältiger warten lassen als sonst. Wir wollen ja nicht mitten auf dem Meer einen Motorschaden haben, oder?« 

Die Frage klang völlig ernst.

»Nein, lieber nicht.«

Ægir schaute über die Reling. Eine Möwe erhob sich von der glatten Wasseroberfläche neben dem Schiff zum Flug. Sie breitete ihre Flügel aus und stieg gemächlich auf ihrem Weg durch den Hafen immer weiter auf. Ægir merkte, dass er immer noch die Aktentasche in der Hand hielt. Auf einmal fühlte er sich, als müsse er schnell ins Büro und hätte auf dem Schiff mit diesen harten Seebären nichts verloren. Er wollte die Tasche nicht aufs Deck stellen. Es war glatt, und man konnte nie wissen, ob sie nicht ins Meer rutschte.

»Das Internet und das Satellitentelefon funktionieren nicht. Wolltest du dich nicht darum kümmern? Mir wurde zumindest gesagt, dass du deswegen hier wärst«, sagte der Kapitän verdrossen. Er fixierte die Aktentasche, als sei sie daran schuld.

»Wir brauchen es zwar nicht unbedingt, aber besser wäre es schon.«