Sophie fährt in die Berge - Rainer Moritz - E-Book

Sophie fährt in die Berge E-Book

Rainer Moritz

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Beschreibung

Sophie Hauffe macht einen Ausflug in die Berge. Sie steigt in einem abgeschiedenen Südtiroler Berghotel ab, um dem Durcheinander in ihrem Kopf endlich ein Ende zu setzen. Vielleicht muss sie Markus ja sogar dankbar sein, dass er nicht erst in zehn Jahren mit ihr Schluss gemacht hat. Ihr Körperhat ein wenig an Perfektion verloren, möglicherweise, aber attraktiv ist sie immer noch. Jetzt plant sie das Leben ohne ihn, den Bescheidwisser, denWichtigtuer, und die bodenständige Atmosphäre des Berghotels ist wie geschaffen für große Entscheidungen, die einem niemand abnehmen kann. Und dann begegnet sie dem Südtiroler Stefano, der sich um Konventionen nicht kümmert. In der wohltuenden Sicherheit jahrzehnte alter Hotelrituale und inmitten einer höchst ungewöhnlichen Urlaubsgesellschaft sucht Sophie die Antwort auf die Frage, ob sie in ihr altes Leben zurückkehren wird …

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Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Taschenbuchausgabe

1. Auflage 2014

ISBN 978-3-492-95850-9

© 2012 Piper Verlag GmbH, München Umschlaggestaltung: Cornelia Niere, München Umschlagmotiv: Pete Saloutos/Image Source Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

»In der Liebe aber ist es leichter,

auf ein Gefühl zu verzichten,

als eine Gewohnheit abzulegen.«

Marcel Proust,

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 5:

1

Silvestereinladungen misstraute sie. Wann immer sie in den letzten Jahren versucht hatte, aufgekratzt ins neue Jahr hinüberzurutschen, stellte sich der Misserfolg zwangsläufig ein. Mal stürzte sie heillos ab, mal ging sie in der U-Bahn am Fehrbelliner Platz ein betrunkener Rentner mit dem Stock an, und mal geriet sie sich mit den Gastgebern beim Raclette in die Haare, wegen eines politischen Themas, an das sie sich beim besten Willen nicht mehr erinnern konnte. Dieses Jahr, das hatte sie sich schon im September vorgenommen, würde sie sich tot stellen und allen Freunden weismachen, den Jahreswechsel irgendwo in der Karibik oder bei einer pflegebedürftigen Tante im Sauerland zu verbringen.

Sophie starrte auf die Einladung einer Studienfreundin, der sie nie geantwortet hatte. Für eine »Mottoparty« kam sie sich mit ihren fünfundvierzig Jahren zu alt vor. Sie verspürte keine Lust, sich als Figur aus einem Lieblingsfilm zu verkleiden und sich verzweifelt zu bemühen, die Kostümierungen der anderen Gäste zu erraten.

Kurz spielte sie mit dem Gedanken, als Phyllis Dietrichson aufzutreten, als jene wunderbar böse Frau in Billy Wilders »Frau ohne Gewissen«, doch dann scheute sie die Mühe, eine Perücke aufzutreiben, um ihr halblanges, undefinierbar braunes Haar in Barbara Stanwycks blonde Locken zu verwandeln.

Die Weihnachtstage hatte sie bei kinderlosen Freunden in Leipzig hinter sich gebracht, ohne anstrengende Rührseligkeit, und nun würde sie bis Anfang Januar abtauchen, um das Durcheinander in ihrem Kopf zu entwirren. Wenn das denn gelänge. Sie setzte sich auf den Küchenstuhl und blickte hinüber zu den Häusern auf der anderen Seite der Zähringerstraße. Kaum jemand zeigte sich an den Fenstern, die meisten Berliner schienen die Stadt verlassen zu haben, wanderten in wattierte Jacken gehüllt die Ostseestrände entlang oder wohnten ihre Wochenendhäuser im Umland ab. Sophie besaß keine Datsche, und sie wusste auch nicht, wozu sie eine hätte besitzen sollen. Wo sie ohnehin unsicher war, wie lange sie es in Berlin noch aushalten würde.

Vor bald einem Jahr hatte ihr Mann das Weite gesucht, und der Sommer hatte … nein, ihr Leben hatte er nicht verändert. Der Sommer in Südtirol und der Herbst danach hatten Zweifel gesät, an ihrem Alltag, an ihrem Beruf, an ihrem Lebenstempo. An allem, hätte sie beinahe gedacht, doch mit der für sie typischen Entschlossenheit rief sie sich zur Räson und verbat sich Verallgemeinerungen. Wie ihr Menschen zuwider waren, die alles in Bausch und Bogen verdammten oder lobten. Würde sie an allem zweifeln, hätte sie der Stadt längst den Rücken gekehrt und sich der Schafzucht in Neuseeland gewidmet. Sie goss sich Kaffee ein und fuhr mit der Hand über den Ärmel ihres Pullovers. Schafwolle? Zählten Alpakas zu den Schafen? Oder waren das Kamele? Kamelwolle zu tragen wäre ihr unangenehm.

Sie würde wenig tun in den nächsten Tagen, keinen Winterspaziergang im Grunewald unternehmen, keine Museen – das sowieso nicht! – besuchen, ihre E-Mails ignorieren oder höchstens einmal am Tag durchsehen. Ab und zu vielleicht in einem Buch blättern. Den Kühlschrank hatte sie aufgefüllt mit dem wenigen, was eine alleinlebende Frau benötigt. Im Tiefkühlfach schlummerten sicher unverhoffte Schätze. Glaubte sie. Und der Gemüsehändler unten im Haus hatte sie mit Äpfeln, Orangen und Kohlrabi versorgt. Sie stellte sich einen Berg vor, der sich aus ihrem Lieblingsgemüse zusammensetzte, liebevoll aufgeschichtet, einen stuhlhohen Kohlrabiberg. Seitdem sie von Köln nach Berlin gekommen war und den Gemüsemann ihres Vertrauens gefunden hatte, verzehrte sie Unmengen von Kohlrabi. Gegen einen Kohlrabi, roh oder gedünstet, ließ sich nichts sagen. Erdal, ihren treuen türkischen Gesundheitszuträger, verdächtigte sie seit Längerem, die besten Knollen für sie zurückzulegen. Unvorstellbar, wenn sie mit einem Mal auf Fenchel oder Zucchini umstiege. Das konnte sie dem Mann nicht antun.

Sophie beschloss, die nächsten Tage von der Welt nichts wissen zu wollen und die Südtiroler Tage heraufzubeschwören. So wie bisher weiterzuleben und zu warten, bis andere, bis ein anderer ihr die Entscheidung abnähme, damit musste Schluss sein. Danach, spätestens am Neujahrstag würde sie klarer sehen. Sicher.

Draußen zog sich der Himmel zusammen. Berliner Dezemberdunkelgrau. Schneeschauer waren angekündigt.

2

Das Regenwasser stand in den tiefen Furchen, die sich über den ganzen Parkplatz ausbreiteten. Wie immer im Sommer drängten sich die Autos hinter dem Unterbalwitter Hof dicht aneinander. Sophie war erleichtert, ihr Ziel unbeschadet erreicht und sogar die Haarnadelkurven hinauf nach Barbian überstanden zu haben. Als Beifahrerin wäre ihr sicher kotzübel geworden, wie früher, als sie in Vaters Audi 80 die Verwandten in der fränkischen Schweiz besuchten und ihr schon nach wenigen Kilometern Landstraße auf Knopfdruck schlecht wurde. Wochenlang hielt sich der Gestank des Erbrochenen im Wagen, und Vaters Laune hätte nicht frostiger sein können, als sie endlich bei Tante Anneliese in Pommersfelden ankamen.

Sophie sah sich um, studierte die Autokennzeichen, die ihr eine erste Ahnung davon gaben, mit wem sie die nächsten zwei Wochen verbringen würde. Berliner wie sie natürlich, aber auch Hamburger und Düsseldorfer und zwei britische Wagen.

Sophie wuchtete ihr Gepäck aus dem Kofferraum, sorgsam darauf bedacht, das gänzlich unpassende Schuhwerk nicht in eine der Lachen zu setzen. Heute Abend erst würde sie sich in eine Bergziege verwandeln, denn nichts fand sie peinlicher als naturliebende Großstädter, die sich in lächerlichen Latschen Gipfeln nähern wollten. Sie hatte vorgesorgt und in einem Outdoor-Laden schicke, rotschwarze Wanderschuhe erstanden, die jetzt Trekkingschuhe hießen und sich für jeden steinigen Grat eigneten.

In zehn Minuten sei er bei ihr, hatte der Mann vom Taxidienst ins Handy gerufen, und die Leute aus Krefeld werde er auch in den Großraumwagen packen. Auf die Koffer käme es ja nicht an, die könne man zur Not zurücklassen, hatte er prustend hinzugefügt, ganz beglückt davon, die Sommerfrischler gleich mit einem gelungenen Scherz aufzuheitern.

Am hinteren Ende des Parkplatzes schlugen Autotüren zu. Sophie sah hinüber, das mussten die Krefelder sein, ein älteres Ehepaar mit einem überraschend kleinen Kind. Seit ein paar Jahren kamen ihr alle Leute ihres Alters älter als sie selbst vor. Empört reagierte sie, sobald sie mitbekam, dass sie Gleichaltrige vor sich hatte. Bewegte sie sich auch so schleppend? Stöhnte sie leise beim Treppensteigen und verzog unzufrieden ihr Gesicht? Das konnte heiter werden, in fünf oder zehn Jahren, wenn sie in die Wechseljahre käme. Wechseljahre – ein Wort, das sich nur ein Mann ausgedacht haben konnte, vermutlich ein finsterer Gynäkologe aus dem 19. Jahrhundert. Sie schlug die Kofferraumklappe zu und beschloss, diesen Gedanken nicht weiterzuverfolgen. In einer Frauenzeitschrift hatte sie gelesen, welche Symptome das Klimakterium üblicherweise mit sich brächte – eine Litanei, die eine Frau glatt dazu verleiten konnte, sich den Gnadenschuss zu geben. Es reichte ihr, an das zu denken, was ihr in den letzten Monaten widerfahren war.

Natürlich dauerte es fast eine halbe Stunde, bis sich das wuchtige Großraumtaxi auf den Parkplatz zwängte. Die Räder griffen kaum, pflügten sich durch den aufspritzenden Schlamm, bis der Wagen abrupt zum Stillstand kam. Der Schriftzug »Kastner-Taxi« zog sich in geschwungenen gelben Buchstaben über die Fahrer- und Beifahrertüren, und kaum stieg der Chauffeur aus, erkannte sie ihn wieder. Seinen blauen Schurz, sein Gesicht, noch wetterzerfurchter als bei ihrem letzten Aufenthalt, sein verschmitztes Lachen, sein skeptisch freundlicher Blick, der sofort erfasste, mit welcher Art von Gästen er es zu tun hatte. Überraschen konnte man ihn nicht mehr, seit zwei Jahrzehnten fuhren er und sein Sohn die Waldstrecke hinauf und hinunter, mehrmals am Tag, entweder nach Zweikapellen oder noch zweihundert Meter höher hinauf zum Sonnenhäusl. Der alte Kastner kannte die Stammgäste, und er hätte ohne Zögern Prognosen abgegeben, wer von den Ankömmlingen sich hierher verirrt hatte, verführt durch einen mit erlesenen Fotos garnierten Zeitschriftenartikel, der die Abgeschiedenheit des Berghotels pries.

Sie erkenne er wieder, rief er Sophie zu, drückte ihre Hand so kräftig, dass sie beinahe aufgeschrien hätte, und hievte ihren sperrigen Koffer auf die Ladefläche. Mit einer Freundin, einer Kurzhaarigen, sei sie heroben gewesen, vor sechs oder sieben Jahren, nicht? Sophie lächelte ihn staunend an, nicht nur, weil sich der Mann an sie erinnerte, sondern weil es ihr nicht schwerfiel, sein kehliges Deutsch zu verstehen. Das Ehepaar aus Krefeld – Lehmann heißen wir, und das ist unsere Julia – schien bereits an dieser ersten Aufgabe zu scheitern und starrte auf Kastners Mund, als ob sie diesen nur lange genug fixieren müssten, bis die Sätze in einer niederrheinischen Synchronfassung als Sprechblasen aufstiegen.

Alle drei nahmen in der zweiten Reihe des Siebensitzers Platz, Julia auf dem Schoß ihrer Mutter … oder handelte es sich doch um die Großmutter? Kastner ließ den Motor aufheulen, um den Städtern zu zeigen, was sein Allradantrieb leistete. Frau Lehmann – wir sind zum ersten Mal in der Gegend – klammerte sich an den Türgriff, während das Kind aufjuchzte und Kastner anfeuerte. Sophie sah aus dem Fenster, erinnerte sich mühelos an das Sägewerk und an die Waldwegkurven, die Kastner mit geschlossenen Augen hätte nehmen können. Schlaglöcher und hervortretende Baumwurzeln ließen den Wagen hin- und herschaukeln. Kastners Augen blitzten im Rückspiegel auf. Eine Autobahn sei das nicht, rief er seinen Gästen im Fond zu und beschleunigte, sodass der Wagen mit einem kleinen Sprung die nächste Bodenwelle nahm. Abstürzen tun wir selten, kein Grund zur Aufregung also.

Ist es weit bis zum Hotel? Herr Lehmann meldete sich erstmals zu Wort, sichtlich darum bemüht, Souveränität an den Tag zu legen. Kastner schwieg, grüßte zwei Wanderer, die sich an eine Böschung pressten.

Nur ein kurzes Stück, Herr Lehmann. Zu Fuß braucht man eine gute Dreiviertelstunde, wenn man sich an die Bergluft gewöhnt hat. Ich heiße übrigens Sophie Hauffe und komme aus Berlin.

Sophie wunderte sich über sich selbst. Wie leutselig sie mit diesen fremden Leuten sprach, wie hilfsbereit, obwohl sie wusste, dass man hier oben aufpassen musste, nicht zu früh Anschlussbereitschaft zu zeigen. Sie hatte nicht vor, die kommenden Wochen als Eremitin an einem Einzeltisch zu verbringen, aber zu früh die eigenen Lebenskarten auf den Tisch zu legen, war riskant. Sie reduzierte ihr Lächeln und bemerkte erleichtert, dass Herr Lehmann von der torkelnden Fahrt zu stark beansprucht war, um in Konversation zu brillieren. Seine Frau schwieg und starrte die Kopfstütze des Beifahrersitzes an. Die kleine Julia wackelte auf den Beinen ihrer Mutter herum und wollte den Himmel des Autos mit ihrem Haarreif erreichen.

Gleich würden sie die letzte Kurve nehmen, gleich würde sich der Blick auf den Gasthof auftun, dieses Holzhaus mit seinen drei Stockwerken, seiner tiefen Terrasse, seinen Anbauten, die sich in die Landschaft einfügten, als seien sie schon immer da gewesen. Den ganzen Tag über hatte sie sich auf diesen Anblick gefreut, auf dieses Versprechen, das in diesem Sommer mehr zu halten hatte als vor sechs Jahren, als sie mit ihrer Freundin Brigitte zum ersten Mal hier abgestiegen war. Kastner beugte sich vor, als wollte er dem beanspruchten Taxi Hilfestellung geben, und dann hatte Sophie ihr Ziel erreicht. Die Lehmanns auch, doch das interessierte sie nicht.

3

Ob es zum Hotelgewerbe gehörte, dass alle so taten, als würde man seine Gäste selbst nach Jahrzehnten mühelos wiedererkennen? Wahrscheinlich übten sich die Betreiber allabendlich darin, Gesichter zu memorieren, um für die Anreisezeremonie des kommenden Tages gewappnet zu sein. Vielleicht zogen sie das Internet zu Rate und glichen Fotos ab. Wenigstens hatte der junge Gruber nicht ausgerufen, dass sie sich überhaupt nicht verändert habe. Man musste als Hotelbesitzer glaubwürdig bleiben. Sophie wusste zu gut, wo und wie ihr Körper in den letzten Jahren an Perfektion verloren hatte. Die scharf gezeichneten Fältchen an den Augen, die sich beim Lachen wie Safranfäden ausbreiteten. Die braunen Punkte auf ihren Händen, die noch nicht wie Altersflecken aussahen, aber dennoch den ästhetischen Eindruck nicht verbesserten. Und natürlich die Fettpölsterchen an den Hüften, die sie trotz Halbpension in diesen Ferien bekämpfen würde. Vielleicht. Jeden Tag eine anstrengende Wanderung. Jeden Tag die planschenden Kinder im Pool nicht beachten und kräftige Schwimmzüge tun, am besten vor dem Frühstück, das überdies nicht jeden Tag mit Kräuterrührei angereichert werden musste. Und zu Hause würde sie im Herbst Disziplin üben und sich zum täglichen Jogging im Volkspark zwingen. Als plötzlich alleinstehende Frau musste man auf sich achten. Sie registrierte inzwischen die Blicke der Männer genauer, Blicke, die ihren Körper taxierten und sich Beischlafchancen ausrechneten. Wenn diese Blicke ausblieben und die Männeraugen sie als nicht mehr wettbewerbsfähig betrachteten, war das Rennen gelaufen. Vielleicht würde sie diese Ruhe dann genießen. Wahrscheinlich nicht.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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