Wer hat den schlechtesten Sex? - Rainer Moritz - E-Book

Wer hat den schlechtesten Sex? E-Book

Rainer Moritz

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Beschreibung

Eine einzigartige Geschichte von Wahnsinns-Höhepunkten in der Literatur – zum Totlachen, fremdschämen, Mitzittern und Genießen

Die schönste Sache der Welt. Die Glücklichen unter uns kommen hin und wieder in ihren Genuss, die meisten aber haben Probleme mit dem Kommen, dem Nicht-Können, dem zu heftigen Wollen. Die größten Probleme jedoch haben Schriftsteller, denn die richtigen Worte für die körperliche Liebe zu finden: das ist eine Kunst.

Früher ging es in der Literatur meist züchtig zu und der Geschlechtsakt wurde mit einem »Am nächsten Morgen« dezent übersprungen, aber ein Gegenwartsroman scheint ohne Fellatio und Cunnilingus kaum mehr vorstellbar zu sein. Rainer Moritz begibt sich auf Stellensuche – vor allem in der deutschsprachigen Literatur der vergangenen Jahrzehnte. Es geht um peinliche Verrenkungen, tierische Vergleiche, um das Non-Verbale, um die »Angstblüten« des Alterssex und um Spielarten, die die Generation seiner Eltern nicht dem Sexualleben Mitteleuropas zugeordnet hätte. Stöhnend kommen u. a. Elfriede Jelinek, Clemens J. Setz, Peter Härtling, Sibylle Berg, Martin Walser, Michael Kleeberg, Andreas Altmann und Karen Duve zu Wort. Keine Frage, dieses an- und aufregende Buch ist eine Stellenbeschreibung der besonderen Art.

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Seitenzahl: 220

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RAINER MORITZ

Wer hat den schlechtesten Sex?

EINE LITERARISCHE STELLENSUCHE

Deutsche Verlags-Anstalt

Dieses Buch wollte niemand gewidmet bekommen.

»Er schien weniger geneigt, unser Gespräch in eine Diskussion über den Stellenwert von Schmutz in der Literatur ausarten zu lassen. ›Für mich, wissen Sie, steckte da zu viel Sex in Ihnen‹, fuhr er fort, ›aber nun ja, die Rüge betraf eine Frage, die wohl relativ ist. Wie viel Sex ist zu viel Sex?‹

›So viel, wie man halt nicht lesen will‹, sagte ich.

›Aber man will doch gar keinen lesen.‹«

HOWARD JACOBSON, Im Zoo

INHALT

1 Mit Hesse im Heuschober SEX, PERSÖNLICH

2Erotik, Sex, Pornografie SEX, DEFINITORISCH-HISTORISCH

3Die Schwierigkeit, gut über Sex zu schreiben SEX, TECHNISCH

4Gedankenstriche SEX, ÜBERSPRUNGEN

5Sie rissen sich die Kleider vom Leib SEX, ENT- UND BEKLEIDET

6Kommen wie ein trinkendes Pferd SEX, ANIMALISCH

7Aufgeplatzte Feigen, wuchernde KürbisseSEX, BOTANISCH

8Tiefer! Tiefer! Tiefer! SEX, (NON)VERBAL

9Matratzendesaster SEX, (KOMISCH) SCHEITERND

10Das große Fressen SEX, KULINARISCH

11Intellektuelle Nummern SEX, REFLEKTIERT

12Bleiben Sie am Apparat! SEX, TELEFONISCH

13Scheiden schlämmen SEX, EKLIG

14Harte Sachen SEX, GRENZÜBERSCHREITEND

15Wenn der Kaktus blüht SEX, SYMBOLISCH … UND DIE ERSCHÖPFUNG DANACH

Anhang

Dank

Literaturverzeichnis

Namenregister

Mit Hesse im HeuschoberSEX, PERSÖNLICH

Vor der Praxis steht meist die Theorie, vor der Erfüllung die Neugier, die Sehnsucht, die Erwartung. Wenn es um Sex geht, kommen die wenigsten gleich zur Sache. Wenn es um Sex geht und wenn man wie ich in den 1960er- und 1970er-Jahren in der nordwürttembergischen Provinz aufgewachsen ist – also in einer Region, die von den sexuellen Revolutionen und den Umtrieben studentischer Kommunen nicht zentral berührt war –, dann ergeben sich Probleme, wenn man danach strebt, erwachende erotische Begierden umstandslos umzusetzen.

Über Petting (so sagte man damals), Geschlechtsverkehr und andere Dinge, die einen Pubertierenden stärker als Vektorrechnung oder Annette von Droste-Hülshoffs Judenbuche interessieren, wurde in meinem bürgerlich soliden Elternhaus nicht gesprochen, und ich bin mir sicher, mit solchen Erfahrungen der Themenumgehung nicht allein dazustehen. Die Freizügigkeit, die bald den streng gehüteten, wenn auch selten offen angesprochenen Sittenkodex einer guten, anständigen deutschen Familie erschütterte, brauchte eine Weile, bis sie nach Heilbronn am Neckar kam. Ich hatte davon nichts mehr und musste mich anderweitig behelfen. Denn auch von den Eltern war keine Hilfestellung zu erwarten. Wurde ich jemals im Gespräch »aufgeklärt«? Von meinem Vater, der Heikles gern delegierte, sicher nicht, und meine pragmatische Mutter setzte darauf, dass mir die Schule und der Sportverein en passant die nötigen Basisinformationen lieferten, suchte lieber Unterstützung im Schriftlichen und schob mir irgendwann ein Büchlein über den Tisch, das mir frühes Anschauungsmaterial zum Themenfeld »Literatur & Sex« lieferte.

Lies das mal, sagte Mutter. Und wenn du Fragen hast, frag nur. Woher kommen die kleinen Buben und Mädchen?, hieß das schmale, typografisch schlicht aufgemachte Werk, geschrieben von einem Kurt Seelmann, der Erziehungsberater und Psychotherapeut war. So also begann die elterliche Einweisung, ich hatte darauf gewartet, und diese distanzierte Form erschien mir angenehmer, als wenn sich Vater oder Mutter mit mir an den Tisch gesetzt und über Fortpflanzung gesprochen hätten. Herr Seelmann jedoch war mir in seiner Onkelhaftigkeit nicht angenehm. Sein Duzen und seine Anrede »Meine junge Leserin! Mein junger Leser« gingen mir auf die Nerven. Fotos gab es in seinem Buch keine, stattdessen dezent gehaltene (Ali-Mitgutsch-)Zeichnungen von Kleinkindern, stillenden Müttern und Unterleibsanordnungen. Und von Blüten, die befruchtet wurden. Es dauerte ewig, bis Kurt Seelmann Fahrt aufnahm. Offensichtlich meinte er, ausschweifend über alles sprechen zu müssen, über Höflichkeit gegenüber den Eltern, Reifezeit, Körpergrößen, bis er zur Sache kam. Oder doch nicht, denn die entscheidende Frage, wie man es miteinander machte, beantwortete er auf Umwegen. Als er sich im vorletzten Kapitel dem Akt näherte, klang das wie eine Gebrauchsanweisung und strahlte kaum mehr Sinnlichkeit als eine Bonanza-Folge aus: »Wenn Vater und Mutter ein Kind zeugen wollen, dann wird das Glied steif und dringt in die Scheide ein. Die Hoden geben ihre Samenfäden ab und schicken sie auf den Weg.«

Dieser Seelmann war der Ansicht, dass nur bei verheirateten Paaren Sex vorkommen sollte, was Männern schwerer falle, denn deren Geschlechtstrieb sei drängender und heftiger. Ich legte das Buch rasch zur Seite. In einem halben Jahr, sagte Erziehungsberater Seelmann, möge ich es nochmals zur Hand nehmen. Das würde ich mit Gewinn tun.

Diesem Rat folgte ich selbstverständlich nicht, und mit Kurt Seelmanns Aufklärungsbestseller, der schon 1968 in der 14. Auflage (386.–496. Tausend) vorlag, hatte ich ein erstes Beispiel in Händen, das mir zeigte, wir mühsam es ist, sexuelle Vorgänge sprachlich wiederzugeben. Vielleicht tat ich Kurt Seelmann (1900–1987) sogar Unrecht, denn der umtriebige Münchner Jugendpsychologe war damals – so ein Artikel Peter Brügges im Spiegel von 1968 – ein gern gesehener Gast, wenn es galt, der unterentwickelten Sexualaufklärungskompetenz der Deutschen auf die Sprünge zu helfen: »Als einer der wenigen Stegreifredner, die vor Deutschen aller Altersstufen behaglich über Lust und Liebe referieren können, hat Seelmann in weniger als fünf Jahren tausend Vorträge gehalten. Von der Humanistischen Union, die in München Jugendliche unter Ausschluss Erwachsener zum Preise von 4,50 Mark restlos aufklärt, wird dieser krampflösende Senior ebenso um Mitwirkung gebeten wie von bayerischen Landfrauen, von denen er einen ganzen Bierkeller voll in die Geschlechtserziehung einführte.«

Kurt Seelmann & Co. also konnten mir nicht weiterhelfen, Vater, Mutter, Schwester und Bruder auch nicht, und so blieb allein die Möglichkeit, andernorts auf Spuren- und Stellensuche zu gehen. In den Bravo-Heften zum Beispiel, die mir Frau Müller vom Schreibwarenladen an der Schule zum Lesen gab, wenn ich bei ihr eine Cola trank und einen Fleischsalatlaugenweck aß. Oder in der Stadtbücherei etwa, deren Angestellte – Frauen in farblosen Kleidern mit praktischen Kurzhaarfrisuren – sich alle ähnlich sahen. Manche setzten strenge Mienen auf, wenn man die Bücher zu spät zurückbrachte, Seiten umgeknickt oder sich etwas angestrichen hatte. Argwöhnisch gingen sie durch die Regalreihen, befürchteten, dass man die Bücher, städtisches Eigentum immerhin, nicht sorgsam genug behandelte. Ich hielt die Augen auf, wenn ich mir einen Lexikonband herausgriff und mich an einen der hinteren Tische zurückzog. Keiner sollte merken, wie ich nachschlug, was ich zu Hause, im kleinen Brockhaus, nicht fand. Wie das mit dem anderen Geschlecht war. Wo und wie man alles einzuführen hatte. Sehr aussagekräftig und fotoreich waren die Nachschlagewerke in der Stadtbücherei nicht, es handelte sich meist um seriöse Lexika.

Leichter war es, sich literarisch zu tarnen, Hinweisen zu folgen, die ich aufschnappte, und so trug ich Daniel Defoes 1722 erschienenen Prostituiertenroman Moll Flanders nach Hause und durchsuchte ihn nach »Stellen« – ein unverfängliches Verfahren, denn einen in der seriösen Hanser-Ausgabe seriös anmutenden Roman mit einem Titel, der klang wie Effi Briest oder Anna Karenina, den konnte man, ohne Verdacht zu erregen, sogar zu Hause auf dem Wohnzimmertisch liegen lassen.

Sich auf diese Weise erotisch prickelnde Prosa zusammenzusuchen ist ein – keineswegs nur unter jungen Menschen – weit verbreitetes Phänomen und beschränkt sich nicht auf die Sozialisation in der Bundesrepublik der 1970er-Jahre. Auch in Südostbulgarien ging es früher wie in Heilbronn zu. Georgi Gospodinov, Jahrgang 1968, erzählt davon in seinem Roman Physik der Schwermut (2014). Sein autobiografisch grundierter Held greift nicht auf Kurt Seelmann zurück, sondern auf Siegfried Schnabl und dessen unter anderem im Ost-Berliner VEB Verlag Volk und Gesundheit erschienenes Werk Mann und Frau intim. Fragen des gesunden und des gestörten Geschlechtslebens (zuerst 1969): »Wir lasen es heimlich. Es war gleichzeitig ein praktisches Handbuch, intimer Arzt und erotische Literatur.« Zur eigentlichen sexuellen Initialzündung für Gospodinovs Protagonisten und zur »Taufe einer ganzen Generation« wird indes Mario Puzos Der Pate (1969). Dessen »mythische Seite 28« wird sorgsam mit der Hand abgeschrieben und wirkt als »Offenbarung«:

»Als sie jetzt die Treppe emporeilte, durchfuhr die Begierde ihren Körper wie ein gewaltiger Blitz. Oben nahm Sonny sie bei der Hand und zog sie über den Flur bis zu einem leeren Schlafzimmer. Als sich die Tür hinter ihnen schloss, wurden ihr die Knie weich. Sie fühlte Sonnys Mund auf dem ihren, den bitteren Geschmack nach verbranntem Tabak auf den Lippen. Sie öffnete ihren Mund. In diesem Augenblick merkte sie, wie seine Hand unter ihrem langen Kleid nach oben glitt, hörte das Rascheln des Stoffes, fühlte, wie seine große, warme Hand zwischen ihren Beinen das Seidenhöschen beiseite schob und sie streichelte. Sie legte ihm die Arme um den Hals und hängte sich an ihn, während er seine Hose öffnete. Dann legte er ihr beide Hände unter das nackte Hinterteil und hob sie hoch. Sie machte einen kleinen Hopser, so dass ihre Beine sich um seine Oberschenkel schlingen konnten. Seine Zunge war in ihrem Mund, und sie saugte an ihr. Er stieß mit wilder Begierde zu, so kräftig, dass ihr Kopf gegen die Türfüllung schlug. Sie spürte etwas brennend Heißes zwischen den Schenkeln, löste die rechte Hand von seinem Hals und griff hinunter, um ihn zu führen. Ihre Hand schloss sich um eine ungeheure, blutgeschwollene Muskelmasse, die in ihren Fingern pulste wie ein Tier. Fast weinend vor dankbarer Ekstase lenkte sie ihn.«

So anregend Puzos Türschwellennummer auf die bulgarische Jugend wirkte, so offensichtlich ist, dass die Beschreibung von Sex bei Lesern eine gewisse Nachdenklichkeit hervorzurufen vermag, ja, möglicherweise hemmenden Leistungsdruck nach sich zieht. Georgi Gospodinovs Held kommt prompt ins Grübeln: »Sex schien eine komplizierte akrobatische Nummer zu sein, es wurde gesprungen, gefangen, hochgehoben, gestoßen, die eine Hand, die Zunge, die andere … Ich würde es nie lernen.«

So heftig wie in Puzos Mafiosiroman, wo Frauenschädel gegen Türpfosten knallen, ging es in meinen ersten Begegnungen mit erotisch geprägter Weltliteratur nicht zu. Angeleitet durch die Lektüre von Hermann Hesses 1919 veröffentlichtem Demian im Religionsunterricht, vertieften wir uns in das Werk des im Schwäbischen ohnehin populären Autors, lasen Unterm Rad, den Steppenwolf … und Narziss und Goldmund (1930). Denn in diesem Roman, so hatte mir ein Mitschüler zugeraunt, gebe es eindeutige Passagen, die in einem Heuschober spielten. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und saugte auf, was der »Frauenverführer« Goldmund in der fast freien Natur erlebte.

Heute, gut vierzig Jahre später, bedarf es – gestählt, wie wir durch die sexuelle Massenproduktion in der Literatur mittlerweile sind – geduldigen Nachschlagens, um jene ungeheuerlichen Seiten wiederzufinden, die mich als Jugendlichen so anregten. Mitten in Gottes unverdorbener Natur sieht ein »Weib in einem verblichenen blauen Rock« den »hübschen, schlafenden Jüngling« Goldmund und kommt ohne Umschweife zur Sache:

»Aber der Kuss war noch nicht zu Ende. Der Frauenmund verweilte an dem seinen, spielte weiter, neckte und lockte und ergriff zuletzt seine Lippen mit Gewalt und Gier, ergriff sein Blut und weckte es auf bis ins Innerste, und im langen stummen Spiel gab die braune Frau, ihn sacht belehrend, sich dem Knaben hin, ließ ihn suchen und finden, ließ ihn erglühen und stillte die Glut. Die holde kurze Seligkeit der Liebe wölbte sich über ihm, glühte golden und brennend auf, neigte sich und erlosch.«

Sehr detailliert und aussagekräftig ist das, seien wir ehrlich, nicht. Ein paar Seiten später finden sich Goldmund und seine Lise im süß duftenden Heu wieder:

»Langsam nur ließ er sich vom Duft und der Wärme seiner Geliebten anziehen und bezaubern, erwiderte je und je das Streicheln ihrer Hände und fühlte beglückt, wie sie neben ihm allmählich zu erglühen begann und sich näher und näher zu ihm schob. Nein, hier waren weder Worte noch Gedanken vonnöten. (…) Still ließ er die Ströme durch sich hingehen, glücklich empfand er das lautlose still wachsende Feuer, das in ihnen beiden lebendig war und das ihre kleine Lagerstätte zur atmenden und glühenden Mitte der ganzen schweigenden Nacht machte.«

Kurz darauf, als der Akt (um einen solchen scheint es sich bei aller Dürftigkeit der Beschreibung ja gehandelt zu haben) vorüber ist, steigt der Mond über dem Wald auf und lässt sein »weißes sanftes Licht über ihre Stirn und Wangen fließen«.

Das ist Kitsch, keine Frage. Vermutlich sind es die Nachwirkungen dieser glutvollen Prosa, die mich dazu brachten, das vorliegende Buch zu schreiben. Früh begriff ich, dass es den meisten Autorinnen und Autoren leichter fällt, einen menschenleeren Strand, ein abstoßendes Einkaufscenter oder einen blutrünstigen Mordfall zu beschreiben als den sexuellen Akt. Wie immer sich die Libertinage der vergangenen fünfzig Jahre in der Gesellschaft und in der Kunst widerspiegelt und wie sehr eine sich wandelnde Sexualmoral die Rezeption von »Stellen« verändert – es ist auffällig, wie oft Schriftsteller hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben, wie sie Fragen der Technik nicht zu lösen verstehen, sobald es um die Beschreibung von sexuellen Praktiken geht, ja, wie sie dabei jämmerlich versagen.

So ist dieses keinesfalls um Vollständigkeit bemühte Buch eine Stellensuche – vor allem in der deutschsprachigen Literatur der vergangenen Jahrzehnte, mit gelegentlichen Seitenblicken auf die Tradition und auf die Literatur anderer Länder. Es geht – auf den Spuren von Mario Puzo und Hermann Hesse – um missratene Stellungsspiele, um peinliche Verrenkungen, tierische Vergleiche, um das Verbale und Non-Verbale, um die »Angstblüten« des Alterssex, um Spielarten, die die Generation meiner Eltern nicht dem Sexualleben Mitteleuropas zugeordnet hätte, und um aufblühende Kakteen. Die gleichgeschlechtliche Liebe – das sei freimütig eingeräumt – kommt dabei entschieden zu kurz. Ebenso wie die aufschlussreiche Anthologie The Big Book of Lesbian Horse Stories von Monica Nola und Alisa Surkis (2002). Man kann sich nicht überall auskennen.

Es geht um Sex-Stellen, um ein Wort, das, so der Literaturwissenschaftler Thomas Hecken in seiner Doktorarbeit Gestalten des Eros (1997), für eine »besondere Dringlichkeit« einstehe, denn »entsprechende Komposita, die darauf hinweisen, dass innerhalb eines Buches oder Filmes von Gartenarbeiten oder vom Autofahren gehandelt wird, gibt es nicht«. Es geht um eindeutige Sex-Stellen, die schamlos aus dem Zusammenhang gerissen werden und oft genug zeigen, welche Desiderate die deutschsprachige Gegenwartsliteratur wirklich hat.

Ich wünsche eine anregende Lektüre.

Erotik, Sex, PornografieSEX, DEFINITORISCH-HISTORISCH

Tun wir am besten erst einmal das, war wir in Phasen der Unsicherheit schon während des literaturwissenschaftlichen Grundstudiums taten. Greifen wir zu den einschlägigen Fachlexika und setzen darauf, dass sich auf diesem Weg definitorische Klarheit herstellen lässt. Gero von Wilperts 1955 erstmals erschienenes Sachwörterbuch der Literatur spiegelt in seinen zahlreichen Auflagen die Wandlungen des Zeitgeistes trefflich wider. Um eine Grenzziehung zwischen Erotik und Pornografie in der Literatur ist Wilpert auch in der Ausgabe von 2001 nicht verlegen. Demnach sei erotische Literatur eine »thematische Sammelbezeichnung für Werke aller literarischen Gattungen mit stärkerer Betonung des Körperlich-Sinnlichen und Sexuellen in den Geschlechtsbeziehungen jeder Art«, wohingegen Pornografie eine »gesteigerte Form der erotischen Literatur« darstelle »mit ästhetisch, kompositorisch, stilistisch und literarisch wertlosen, ausführlichen Beschreibungen geschlechtlicher Vorgänge (Geschlechtsverkehr, Sexualpraktiken, Perversionen), ohne jeden qualifizierten Kunstanspruch mit der zentralen und ausschließlichen Wirkungsabsicht sexueller Stimulierung und daher stets unoriginell, monoton in Wiederholung und Steigerung und das schickliche Maß des noch vertretbaren Geschmacks zum Obszönen hin übersteigernd«.

Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Tröpfchen – so leicht wie Gero von Wilpert noch Anfang des 21. Jahrhunderts meint, das feinsinnig Erotische vom plump Pornografischen unterscheiden zu können, so wenig hilft das weiter, um dem Spektrum der Gegenwartsliteratur gerecht zu werden. Die Bestimmung des künstlerisch Wertlosen, des Unoriginellen oder Monotonen ist strittig geworden, und das »schickliche Maß«, mit dem von Wilpert argumentiert, mag allenfalls noch in den 1950er-Jahren als Argument vertretbar gewesen sein.

Dass die Darstellung sexueller Details hinnehmbar sei, sofern sie auf einem künstlerischen Anspruch beruhe, gehört zu den wiederkehrenden Argumenten, um Kunst und Literatur vor der Indizierung zu bewahren. So werden bis heute Germanisten vor Gericht zitiert, um in ausführlichen Gutachten resistenten Juristen zu erklären, warum ein verklagtes Werk als künstlerisch wertvoll zu erachten sei. Das als pornografisch (oder gewalttätig) Eingestufte muss ästhetisch gerettet werden; dann darf es pornografisch (oder gewalttätig) bleiben. Wer Glück hat wie Boccaccio (Das Dekameron), Friedrich Schlegel (Lucinde), George Sand (Lelia), Arthur Schnitzler (Traumnovelle), Henry Miller (Sexus) oder Benoîte Groult (Salz auf unserer Haut) steigt zum erotischen Höhenkamm auf, nachzulesen in Barbara Sichtermanns und Joachim Scholls 50 Klassiker: Erotische Literatur (2011). Wer Pech hat, muss manchmal sehr lange warten, bis sich der Zeitgeistwind dreht, sich die akzeptieren Wert- und Obszönitätsvorstellungen wandeln und die Gesellschaft neu definiert, was sie an Freizügigkeit tolerieren mag.

Es genügt, einen Blick auf die Anfänge der Bundesrepublik zu werfen, als 1954 die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften ihre Arbeit aufnahm und den Sittenkodex der Adenauer-Ära zu verteidigen suchte. Indiziert wurde damals viel und vor allem viel sexuell Verdächtiges. Manche Werke wie Felix Saltens Dirnengeschichte Josefine Mutzenbacher (1906) wurden mehrfach vor Gericht verhandelt. 1997 entschied das Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen erneut, dass sie als jugendgefährdendes Werk anzusehen sei: »Der Roman erschöpft sich nahezu – nur wenige Seiten sind hiervon ausgenommen – in einer Aneinanderreihung pornografischer Episoden, an denen Kinder und Jugendliche stets maßgeblich beteiligt sind. Die Hauptfigur der Josefine Mutzenbacher agiert dabei im Alter zwischen sieben und dreizehn Jahren. Detailreich werden inzestuöse Szenen zwischen Geschwistern sowie zwischen Kindern und ihren Eltern geschildert. Verführung in allen Varianten, gelegentlich aber auch Gewalt, Erpressung und Demütigung durch überlegene Geschlechtspartner (Eltern, Hausbewohner, Soldaten, den Beichtvater, den Katecheten, den Lehrer usw.) gehören zum Alltäglichen des auf das Sexuelle konzentrierten Kinderdaseins. All diese dargestellten Widerfahrnisse und ihr Ergebnis – der Status des Dirnenlebens der Titelfigur – werden stilistisch und inhaltlich in einer Weise gutgeheißen, die Kindern und Jugendlichen kaum ermöglicht, kritische Distanz zu gewinnen.« Immerhin schlossen sich die Nicht-Juristen Barbara Sichtermann und Joachim Scholl dem Urteil an und halten das Werk »zu weiten Teilen für schändlichste Kinderpornografie«.

Nicht viel besser erging es Günter Grass. Nachdem dieser mit der Blechtrommel (1959) das Sittlichkeitsempfinden konservativer Kreise tief verletzt hatte, empörte seine zwei Jahre später erschienene Novelle Katz und Maus einen Beamten des hessischen Ministeriums für Arbeit, Volkswohlfahrt und Gesundheitswesen derart, dass er bei der Bundesprüfstelle einen Antrag stellte, Grass’ Buch als jugendgefährdende Schrift einzustufen. Auslöser der Erregung war eine Passage, die als Onanierolympiade in die Literaturgeschichte einging.

Hauptfigur Mahlke entledigt sich seiner Badehose, legt Hand an sich, bis sein Schwanz, das »Stehaufmännchen«, so »sperrig« steht, »dass die Eichel aus dem Schatten des Kompasshäuschens herauswuchs und Sonne bekam«. So gerüstet, kann Mahlke in den Wettbewerb eintreten:

»Er hatte es uns wieder einmal gezeigt und zeigte es uns gleich darauf noch einmal, indem er sich zweimal nacheinander etwas – wie wir es nannten – von der Palme lockte. Mit nicht ganz durchgedrückten Knien stand Mahlke knapp vor der verbogenen Reling hinter dem Kompasshäuschen, guckte starr in Richtung Ansteuerungstonne Neufahrwasser, war etwa dem flachen Rauch des schwindenden Hochseeschleppers hinterdrein, ließ sich durch ein auslaufendes Torpedoboot der Möwe-Klasse nicht ablenken und gab, von den leicht über Bord ragenden Zehen bis zur Wasserscheide der Scheitellinie, sein Profil zur Ansicht: bemerkenswerterweise hob die Länge seines Geschlechtsteiles das sonst auffällige Hervortreten seines Adamsapfels auf und erlaubte einer, wenn auch bizarren, dennoch ausgewogenen Harmonie, seinen Körper zu ordnen.

Kaum hatte Mahlke die erste Ladung über die Reling gespritzt, begann er sogleich wieder von vorne. Winter stoppte die Zeit mit seiner wasserdichten Armbanduhr: etwa so viele Sekunden, wie das auslaufende Torpedoboot von der Molenspitze zur Ansteuerungstonne benötigte, benötigte auch Mahlke; er wurde, als das Boot die Tonne passierte, genauso viel los wie beim erstenmal: wir lachten überdreht, als sich die Möwen auf jenes, in den glatten, nur selten krausen See schlingernde Zeug stürzten und nach mehr schrien.«

Ein viriler junger Mann, dieser Mahlke, und sein Autor nicht minder. Bis hin zu seinen Altersgedichten Letzte Tänze (2003) zeigt Grass Freude daran, seine Leser mit kraftvoller Erotik zu erfreuen. Auf die Betonung seiner kaum getrübten Potenz, wie sie Grass mit über achtzig Jahren öffentlich äußerte, hätte man indes vielleicht verzichten können.

Die Masturbationsanleitung in Katz und Maus zeugt von ungetrübtem Wohlgefallen am eigenen Fortpflanzungsorgan, wenngleich die Wendung »sich etwas von der Palme locken« nicht mehr sehr geläufig ist. Späte Reflexe finden sich immerhin in Wolfgang Herrndorfs Tschick (2010) – »… und wedelte sich einen von der Palme« – und in Clemens Meyers im Prostituiertenmilieu angesiedelten Roman Im Stein (2013): »Keiner macht auf. Weil sie plötzlich Schiss gekriegt haben und sich einen von der Palme gewedelt oder was weiß ich.«

ENDE DER LESEPROBE

1. AuflageCopyright © 2015 by Deutsche Verlags-Anstalt, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbHAlle Rechte vorbehaltenGestaltung und Satz: DVA/Brigitte MüllerGesetzt aus der GaramondISBN 978-3-641-13310-8www.dva.de