Sozial-Klima in der Krise - Karl Heiner Moaré - E-Book

Sozial-Klima in der Krise E-Book

Karl Heiner Moaré

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Beschreibung

Durch eine kurze geschichtliche Spurensuche im Vorgestern, dem Gestern und Heute nähert sich der Autor den jeweils unterschiedlichen Sinngehalten von Respekt. Daraufhin seziert er das Verhalten der Öffentlichkeit nach etymologischen, soziologischen, psychologischen und pädagogischen Gesichtspunkten in Hinblick auf heutiges Respektsverständnis. Besonderheiten werden hervorgehoben. So zum Beispiel die allgegenwärtige Schamlosigkeit in Wort und Bild und deren Erscheinungen in der Öffentlichkeit. Ebenso werden die »unpädagogisch« negativen Einflüsse von Presse, Fernsehen und vor allem des Internets aufs Korn genommen. Dieser vorgefundenen Wirklichkeit setzt der Autor Beziehungswelten entgegen, die geeignet erscheinen ein respektvolleres Klima herzustellen: Partnerschaften, Familien, Freundeskreise, KollegInnen, Nachbarschaften auch Vereine und Parteien bergen Chancen zur Verbesserung »der sozialklimatischen Lage der Nation«. Abschließend zeigt er an ausgewählten Beziehungskonstellationen konkrete Potentiale zur Erneuerung von Anstand und Respekt auf. So wird z.B., aufgrund der Erfahrungen von »Fridays for Future«, auf den Veränderungswillen der Jugend gesetzt. Aber auch dem Willen zu: mehr Erziehung, mehr Zivilcourage, Zivilisierung des Internets, echten Offline-Freundschaften und zur Gründung von gemeinnützigen Gemeinschaften wird Veränderungskraft zugesprochen. Seine Überzeugung lautet: Mit Anstand, Höflichkeit und Respekt kommt man besser durchs Leben und jeder einzelne trägt damit entscheidend zur Verbesserung des Sozialklimas bei!

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Seitenzahl: 388

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Inhalt

EINLEITUNG

Erlebte Geschichte

Meine Generalthese

Leitfragen

TEIL I

BETRACHTUNGEN ÜBER ANSTAND UND RESPEKT

Eigene Betroffenheit

Respektsbegriffe im Laufe der Zeit

Vorgestern

Zusammenfassung

Gestern

Zusammenfassung

Heute

Respekt in der pluralistischen Gesellschaft

Reflexion

Anthropologische Betrachtung

Die Würde des Menschen ist unantastbar

Scham und Schamlos

Respekt zwischen Liebe und Hass

Respekt in situativ-funktioneller Betrachtung

Versuch einer situativ-funktionellen Begriffsmatrix

Resümee über Anstand und Respekt

TEIL II

DESPEKTIERLICHE WIRKLICHKEITEN

Gedanken über respektloses Verhalten

Kommunikationstheoretischer Exkurs

Gedankenlose Respektlosigkeiten

Was soll's denn sein, Junger Mann?

Will noch jemand Kaffee?

Scham und Respektlosigkeit

Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit

Bindeglieder zwischen Familie und Öffentlichkeit

Meins und Deins im Kindergarten

Aus dem Kindergartenalltag

Der Kampf um die vorderen Plätze

Lehrer- Schüler-Verhältnisse

Probleme einer Großstadtschule

Schüler-Schüler-Beziehungen

Öffentlichkeits-Verschmutzung

Groteske Erscheinungsformen

Über (un)guten Geschmack

Ein soziologischer Exkurs

Meine eigenen »philosophischen« Gedanken über Geschmack

Des Kaisers neue Kleider

Tatü Tata Tattoo

Missbrauch des Demonstrationsrechts

Ende von Normalität?

Zur Wirklichkeit idealer Normen

Zum Verständnis statistischer Norm

Sexuelle Orientierung

Mann, Frau, Diverse

Und, was hat das alles nun mit Respekt zu tun?

Öffentliches Interesse

Vermittler öffentlichen Interesses

Die Presse

Narrenfreie Presse?

Das Fernsehen

Political Correctness und Tabus

Die Leugnung des Holocaust

Zum Begriff konservativ

Vermachtete Öffentlichkeit

Polizei und Jurisprudenz

Tatort Straßenverkehr

Polizisten-Bashing

Tod einer Jugendrichterin

Zusammenfassung

Unterhaltungswelten

Film im Fernsehen

Das Internet

Internetionale Respektlosigkeit

Institutionalisierte, intentionale Respektlosigkeit

Der Hofnarr

Karneval

Kabarett und Satire

Was eigentlich darf Satire?

Meinungsäußerungsfreiheit versus Persönlichkeitsrechte

Wettlauf der Geschmacklosigkeiten

PEGIDA und AfD

Die heute-show

Eigene Eindrücke

Wischmeyers Logbuch der Bekloppten und Bescheuerten

Nachbetrachtung despektierlicher Wirklichkeiten

TEIL III

RESPEKT FORDERNDE UND FÖRDERNDE BEZIEHUNGSWELTEN

Partnerschaft und Familie

Die Partnerschaft

Die Familie als primärer Regel-Lernort

Kindespflichten

Elternpflichten

Zur sprachlichen Sozialisation

Kurze Zwischenbilanz zur sprachlichen Sozialisation

Zur emotionalen Entwicklung

Respektables Ich, respektwürdiges Du

Kränkungsresistente und empfindsame Persönlichkeiten

Zwischenbilanz zur emotionalen Entwicklung

Zur Entwicklung des Sozialverhaltens

Schlussbetrachtungen zu Partnerschaft und Familie

Freundschaften und Bekanntschaften

Der Freundeskreis

Kurzes Fazit

Kollegen, Kolleginnen und Vorgesetzte

Rahmenbedingungen der Arbeitswelt

Freundschaftliche Zusammenarbeit?

Kurzes Fazit

Nachbarschaften

Kurzes Fazit

In Vereinen und Parteien

Vereine

Zwischenbilanz

Parteien

Beziehungsfazit

TEIL IV

ZUR ERNEUERUNG VON ANSTAND UND RESPEKT

Familie, Keimzelle der Gesellschaft

Balance zwischen Fordern und Fördern

Wenn die Kinder kommen

Wege aus der Kindergartenmisere

Schule und Lebenswelt verbinden

Lehrpläne

Die Lehrerpersönlichkeit

Methodik

Respekt als Unterrichtsprinzip

Verantwortung der Medien

Kultivierbares Fernsehen?

Zähmbare Printmedien?

Kontrollierbares Internet?

Die Macht der Masse

Parteien und Staat sind gefordert

Abschließende Ermutigungen

Anmerkungen

Einleitung

Erlebte Geschichte

Dieses Buch ist aus meiner beträchtlichen Betroffenheit über rüde, rüpelhafte, hasserfüllte, respektlose Umgangsformen in unserer heutigen Gesellschaft entstanden.

Sicher: es gab zu bestimmten Zeiten und Gesellschaftsordnungen immer schon Leute, die sich über allgemein anerkannte Verhaltensregeln hinwegsetzten und nur ihr Ego als beachtenswert ansahen. Und eine solche, für Egoisten günstige Gesellschaftsordnung, scheint sich aus der Nachkriegsgeschichte heraus, über das Wirtschaftswunder hinweg, entwickelt zu haben.

Gemeint ist: unsere global-marktwirtschaftlich-kapitalistisch organisierte Gesellschaft, in der die Konkurrenz aller gegen alle nahezu jeden Lebensbereich dominiert.

Auch die Zeit, einige Jahre vor und nochmals 3 Jahre nach meiner Geburt, bot solchen Leuten sicherlich einen sehr hilfreichen Rahmen, um ihre dissozialen Neigungen auszuleben und für sich auszunutzen: Herrenmenschen bekamen die Oberhand! Und so beherrschten entsprechende machtgierige Individuen, mit Hilfe ihrer Mitläufer und deren unsäglichen Rechtsbrüchen die »anständigen« Leute.

Ich aber, bei anständigen Leuten geboren und aufgewachsen, empfand das (schreckliche) Geschehen um mich herum wohl eher wie einen unwirklichen Film, in dem es für mich »Gute« gab, wie etwa den »Onkel« in brauner Uniform und »Böse«, die in der Luft über uns hinweg brausten und uns in die Luftschutzbunker zwangen. Aber daran habe ich glücklicherweise keine Erinnerung.

Die Regeln, nach denen »im Großen« gelebt, gekämpft und gestorben wurde, waren mir noch nicht einsichtig. In meiner kleinen Welt gab es eine schöne (rechte) und eine schlechte (linke) Hand, die man den Erwachsenen nicht geben durfte. In dieser Welt musste ich still sein, wenn die Erwachsenen redeten. Ich hatte zu essen, was auf den Tisch kam, und wenn meine Eltern ihre Ruhe haben wollten, war Bettgehzeit für mich angesagt.

Ich lernte eben langsam, »was sich gehört«! Und, dass es aber auch Unterschiede gab, nämlich: Was die einen durften war anderen strikt verboten.

Der Anfang der folgenden Nachkriegszeit war zuerst bestimmt durch Hunger, Arbeitssuche und Wohnungsnot. Oft ging es dabei ums nackte Überleben. Da fielen schon so manche Benimm- und Moralregeln. Denn wie Bertold Brecht konstatiert: »Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.«

Der Schwarzmarkt boomte. Die noch etwas hatten (Kartoffeln oder Butter etwa), beuteten damit die Anderen aus. Mancher, sich vormals immer als ehrlich verstehender Bürger, schreckte auch nicht vor Mundraub und Schmuggel zurück. Unrechtmäßiges Tun wurde zur Schläue umgemünzt. Und von solch einem schlauen Bürger wurde z.B. meiner ehrlichen Oma ihre vierstöckige Wohnhausruine für ein paar Reichs-Mark abgeluchst, die schnell in Butter, Zigaretten oder Kaffee umgewandelt waren.

Zur Normalisierung des Lebens in dieser »neuen« Zeit war Umdenken und Umlernen gefordert. Viele, von den Gewinnern auferlegte, gesellschaftlich-systemische und politische Neuorientierungen mussten umgesetzt werden. Ein Grundgesetz wurde erfunden, das jedes Individuum mit hehren Rechten versah, damit nie wieder eine »satanische« Staatsmacht die totale Macht über den Menschen erlange.

Der immer wieder zitierte Grundsatz: »Die Würde des Menschen ist unantastbar«1 , sollte die »wunderbarste« Erkenntnis aus der jüngsten Vergangenheit sein und als Gegenwehr dienen, damit »so etwas« nie wieder geschehen könne.

Für mich als Kind spielten solche Rechte natürlich noch keine wesentliche Rolle. Denn zuerst einmal sollte ich langsam erwachsen werden. Und ich hatte das (Grund-)Recht zur Schule gehen zu dürfen.

Die bisherigen, hauptsächlich auf die Kleinfamilie und deren Kleingruppenumfeld bezogenen »Benimmregeln« mussten nun erweitert werden im Sinne größerer zusammenwirkender Gruppen, wie etwa die Schulklasse. Zum Beispiel wurden die Grenzen der eigenen Freiheit und des ichbezogenen Wollens enger. Im Schulalltag erfuhr ich dann auch, dass der Herr Lehrer auf alle Fälle immer Recht hatte, auch wenn er mir mit dem Rohrstock auf die Hände schlug.

Ein neues »Feindbild« entstand: Wie die im Krieg hoch über uns brummenden, Bomben werfenden »bösen Fieger«2 begegneten mir nun schreiende, schlagende »böse« (Nazi-)Lehrer.

Von solchen Kriegsveteranen (nicht aber von meinen Eltern) erfuhr ich dann nach und nach, dass schreckliche Dinge geschehen sein sollten, während ich wohlig an meiner Milchflasche saugte. Ich dagegen genoss die »Gnade der späten Geburt«, hatte weder Erinnerung noch Teilhabe an diesem Geschehen. Somit hatte ich, nach meinem auch heute noch bestehenden persönlichen Empfinden, dafür keine direkte Verantwortung mit zu übernehmen.

Die Frage ist aber: Fühlten sich meine Eltern, ganz entgegen meiner Unbekümmertheit, einer kollektiven Verantwortung und Scham für die begangenen Gräueltaten verpflichtet? Entsprechend einem kollektiven »mea culpa«, das von »neudemokratischen« heuchlerischen politischen Wendehälsen zelebriert und von der ganzen Nation gefordert wurde?

Wir haben darüber nie gesprochen!?

Aber ich nehme wohl mit Recht an, dass dem nicht so war. Waren sie denn nicht immer »anständige Leute« gewesen, die wussten, was sich gehört; die keinem Menschen jemals etwas Böses zugefügt hatten; die den verschiedensten Obrigkeiten immer Respekt entgegen brachten; und nicht nur diesen, sondern auch ihren gleichgestellten Gegenübern mit Anstand begegneten?

Schon ihre Eltern, meine Großeltern also, wussten nämlich immer, was sich gehörte und was nicht. Und das hatten diese von meinen Urgroßeltern mitgegeben bekommen und die wiederum von ihren Eltern und davor natürlich von deren und so weiter und so fort. Was sich gehört, beruhte eben auf Tradition, und die wurde weitergetragen durch gesellschaftliche Übereinkünfte, bzw. häufiger: durch gesellschaftlichen bzw. herrschaftlichen Zwang.

Aber waren nun diese »bewährten« deutschen Tugenden und das daran gemessene traditionelle Verhalten, auch nach diesem diktatorischen Herrschaftssystem und dem davon ausgelösten schrecklichen Weltkrieg immer noch gültig? Waren sie nicht durch diesen Auswuchs an Deutschtum international in Misskredit gekommen?

Sicher, schon: aber bestimmt konnte das nicht für alle gelten! Denn: auf Pünktlichkeit z.B. oder Ordnung konnte man für den Neuaufbau eines Gemeinwesens aus Schutt und Asche sicher nicht ganz verzichten. Auch Rechtschaffenheit und Verlässlichkeit konnten für eine ordentlich laufende wiederzubelebende Wirtschaft nicht von Nachteil sein.

Nun gibt es aber zu vielen dieser Tugenden weichere, auch etwas »abwertende« und härtere »heroisierende« Varianten, bzw. Synonyme: Rechtschaffenheit kann z.B. weich als Redlichkeit oder Biederkeit aber auch als Ehrenhaftigkeit oder Männlichkeit heroischer daherkommen.

Wogegen sich z.B. für Gehorsamkeit aus der Sicht der »Gehorsamen« ausschließlich sehr weiche Synonyme wie etwa Bravheit, Gefügigkeit bis Unterwerfung finden lassen. Und gerade dieser »Tugend« bedienen sich eben totalitäre Systeme wie das Dritte Reich, um ihre Vorstellung von Macht durchzusetzen.

Wie auch immer: In geschichtlicher Betrachtungsweise haben alle Tugenden in gewisser Weise unterschiedlich wichtige Funktionen zum Erhalt eines geordneten gesellschaftlichen Zusammenlebens unter bestimmten ökonomischen Verhältnissen und den sie zu verteidigenden Machtstrukturen.

So gesehen hatten in der Nachkriegszeit bestimmt einige der totalitären Gesellschaftsordnung zuträglichen Tugenden, für den Aufbau eines neuen, als demokratisch geplanten, freiheitlichen Staates, aber weniger entwicklungsfördernden Wert. Oder zumindest waren sie weniger hilfreich wie z.B. die angeführte Gehorsamkeit oder Treue im Sinne von gehorsamer Pflichterfüllung.

In einem völkisch organisierten Staatsgebilde, mit einem Führer und einer Kritik tabuisierenden Führungsclique, zählt das einzelne untertänige Individuum wenig. Dagegen die Masse, das Volk alles. Insofern werden Tugenden gefördert, die der Anpassung und Unterordnung jedes Einzelnen unter den von Oben verordneten »Volkswillen« und den ideologisch propagierten Zielen zuträglich sind.

Gleichschaltung der individuellen Lebensplanungen, der moralischen Verhaltensweisen, der kulturell-künstlerischen Ansichten und Wünsche usw. ist die alles bestimmende Staatdevise. Denn eine freie, pluralistische, in alle Richtungen strebende Gesellschaft, ist schwerer zentraldiktatorisch zu führen, aber eben auch leichter zu verführen.

Die nach 1945 aufzubauende neue Nachkriegsgesellschaft sollte, nach dem Willen der Siegermächte, aber demokratisch-freiheitlich-pluralistisch verfasst sein und noch dazu unter global-kapitalistischen Marktverhältnissen. Somit bedurfte es einer Neuorientierung der Tugenden. Denn in einer derartig organisierten Gesellschaft spielt das freie, kreative Individuum unter einer flexiblen Machtausübung eine höchst wichtige Rolle.

Nicht Kollektivismus, sondern Individualismus, nicht Nationalismus, sondern Internationalismus, nicht Sozialismus, sondern Kapitalismus, nicht Zentralismus, sondern Föderalismus und nicht Zwang, sondern Freiheit wurden die staatstragenden Ideologien der neuen Bundesrepublik.

Aber bitteschön: Wo sollten nun aus dem Stand all die Politiker und Staatssekretäre herkommen, die Erfahrungen mit solch freiheitlichen Weltanschauungselementen haben könnten? Selbst die von den Alliierten angekurbelte Entnazifizierung scheiterte an den fehlenden aufrechten Demokraten mit globaler ökonomischer Weitsicht. Selbst auf den Lehrstühlen der Universitäten saßen oft noch engstirnige national(sozial)istisch denkende Philosophen und Ökonomen.

Um den neuen Staatsapparat ans Laufen zu bekommen, musste man jedoch auf im Regierungsgeschäft erfahrene Kräfte, also dienstbereite Nazis zurückgreifen. Auch im unteren Staatsmachtbereich, wie Lehrern und Polizisten mussten noch aus dem Krieg weitgehend unversehrt zurückgekommene Kräfte eingesetzt werden. Natürlich tradierte sich somit, gerade im Erziehungs- und Bildungsbereich, erst einmal eine Vielzahl alter Tugenden. Und auf eine ganz wesentliche alte Tugend konnte in bestimmten Gruppensituationen und schon aus sachlichen Gründen auf keinen Fall verzichtet werden: Disziplin!

Über disziplinierten Unterricht sollte nun Freiheit erlernt, eingeübt und erprobt werden. Und dazu hätte es auch entsprechender Vorbedingungen, räumlicher wie auch ideeller, bedurft. Jedoch: In Gemeinschaftsklassen von mindestens 5 parallelen Jahrgangsstufen in einem Klassenraum, und das bei nicht unter 50-60 Kindern, konnte kein Lehrer, keine Lehrerin einen einigermaßen sinnvollen Unterricht ohne die beiden Schlüsseltugenden Disziplin und Gehorsam durchführen.

Die Freiheit musste sich noch ein wenig gedulden.

Aber auch in weniger problematischen Situationen, etwa bei einem Behördenbesuch, konnte man auf alte Tugenden stoßen, wie etwa Untertänigkeit und Respekt vor der Obrigkeit auf der einen Seite und auf herrschsüchtigen Standesdünkel mit Gehorsamkeitserwartungen auf der anderen Seite.

Nachdem die kargen Jahre sich langsam zu Wirtschaftswunderjahren mauserten und den Leuten es immer besser ging, änderte sich das etwas depressive Lebensgefühl dementsprechend hin zu mehr aufatmendem Optimismus und sogar Freiheitsideen. So wuchs mit dem allgemeinen Erfolg auch so etwas wie ein neues Selbstbewusstsein in breiteren Schichten der Bevölkerung. Allen voraus zuerst bei Gruppen junger Studenten der geisteswissenschaftlichen Fakultäten. Sie wendeten sich gegen traditionelle Herrschaftsstrukturen: zuletzt überkommen aus dem »Tausendjährigen Reich«. Demgemäß wurde ein eingängiger Kampfreim »Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren« entworfen, mit dem man sich gegen elitäre Strukturen und überholte fragwürdige Traditionslinien der Universitätspolitik wendete. Gefordert wurden deren Demokratisierung und die Mitbestimmung der Studentenschaft.

Dieser in progressiven Hamburger Studentenkreisen gezündete Funke griff aber ebenso schnell auf andere gesellschaftliche Bereiche wie Schulen, staatliche Verwaltungen oder politische Parteien über. Es ging ganz allgemein um eine Art Respektsverweigerung gegen einschränkende Herrschaftsstrukturen jeglicher Art.

In diesem Zusammenhang wird heute von der 68er Generation gesprochen deren Respektlosigkeiten3 gegen Institutionen und deren Repräsentanten durchaus eine gewisse berechtigende politische Funktion hatten. Wollten sie doch damit Verkrustungen im Bildungswesen, in Institutionen und gesellschaftlichen Strukturen aufbrechen.

Diese Befreiungsbewegungen hatten aber nur scheinbar eine der kantschen Moral-Aufklärung verpflichtete Motivation. Sie stand in Wirklichkeit der neoliberalen kapitalistischen Wirtschaftsideologie gegenüber in der Pflicht, die dem Individuum alles, dem Staat aber nichts zutraut.

Die kreativen Impulse im Dienste des utilitaristischen4 Gewinnstrebens einzelner, sollte die Gesellschaft im Sinne einer immer mehr und mehr wachsenden Ökonomie voranbringen.

Das zu durchschauen war von mir, damals ein völlig unpolitischer Ingenieurstudent, nicht zu erwarten. Aber auch ich, als junger Mensch, hatte an den Frechheiten und Unverschämtheiten eines Rainer Langhans oder Fritz Teufel tatsächlich meine wahre Freude. Denn welcher Heranwachsende hätte mit Autoritäten (allem voran die des Vaters) keine Probleme. So positiv sich der Verlust von Unterwürfigkeit vor sogenannten »Autoritäten« auch auf die Entwicklung unserer Demokratie und den bürgerlichen Mitbestimmungsrechten auswirkte, so ungut schnell hatte sich daraus eine Respektlosigkeit gegen alle und alles entwickelt, wie am gesellschaftlichen Niedergang des anständigen Umgangs miteinander seit den 68er Jahren zu beobachten ist.

In der Gründungsgeschichte der Partei Die Grünen während der 70er Jahre, institutionalisierte sich quasi die Infragestellung hierarchischer Gesellschaftsstrukturen, die sich durchaus auch in Äußerlichkeiten des Erscheinungsbildes ihrer Mitglieder zeigte: Legerer Rollkragenpulli anstatt Kragen und Krawatte. Zerknautschter Hippierock entgegen elegantem Kostüm. Das heißt: Selbst traditionelle Kleiderordnungen wurden ebenso abgelehnt, wie bestimmte Umgangsformen.

Es überraschte aber, dass selbst anfangs der achtziger Jahre, der Auftritt des ersten grünen Ministers Joschka Fischer bei seiner Vereidigung, im legeren Sakko und Turnschuhen, immerhin noch eine gewisse Empörung auslöste.

Einige Monate später jedoch wurde bereits eine gegen Bundestagspräsidenten Richard Stücklen gewendete Entgegnung: »Mit Verlaub, Herr Präsident, sie sind ein Arschloch« von weiten Kreisen der Bevölkerung belächelnd und als »grüner Lapsus« schulterzuckend hingenommen. In der Presse wurde diese, eigentlich den Straftatbestand der Beamtenbeleidigung5 erfüllende Beschimpfung, verniedlichend als »Ausrutscher« betitelt und auch die Gesellschaft schien diese ungeheuerliche Respektlosigkeit bereits als normal und als den Vorfällen im Plenarsaal6 angemessen zu tolerieren.

Gut: Auch Franz Josef Strauß löste schon früher durch anzügliche Formulierungen immer wieder Unwillen aber ebenso Heiterkeit in Parlament und Öffentlichkeit aus.

Jedoch dieser Fauxpas Fischers darf bis heute m.E. als Höhepunkt parlamentarischer Entgleisung gelten.

Um es vorwegzunehmen: Es geht mir nicht um die Respektlosigkeit gegenüber einer Amts-Person und deren Beleidigung, sondern allgemein um die von natürlichen Personen auch in »Ausübung ihres Amtes«, wie es im Beleidigungsparagraphen7 ausdrücklich festgelegt ist.

Im Fall der öffentlichen Demontierung im Jahre 2012, des nur ein gutes Jahr amtierenden Bundespräsidenten Wulf, wurde hauptsächlich von »Beschädigung des Amtes« geschrieben und gesprochen. Was der natürlichen Person Wulf damit angetan wurde interessierte höchstens die sogenannte Regenbogenpresse am Rande. Und wenn, dann mit spürbarer Häme.

Ebenso schlug dem frühzeitig zurückgetretenen Bundespräsidenten Köhler Unverständnis und geradezu Spott über seine, wohl aus Gekränktheit getroffene, Rücktrittsentscheidung entgegen. Denn scheinbar hat sich die allgegenwärtige Respektlosigkeit im gesellschaftlichen Bewusstsein schon so weit als normal etabliert, dass jener als Mimose oder Weichei gilt, der auf Beleidigungen oder, allgemein ausgedrückt, auf Respektlosigkeit überhaupt noch irgendwie betroffen reagiert.8

Selbstbewusstsein und Ichstärke, bis hin zur Arroganz, sind gefragt und daher ist zurückschlagen schon eher angesagt!

Somit sind es wohl schon 100tausende die sich zu einem fiktiven »Verein zur Verwahrlosung der Sitten und Gebräuche e.V.« zusammengeschlossen haben, deren Devise »Kante statt Kant« ist. 9

Und so entwickelte sich, ganz im Sinne einer kapitalistisch organisierten Marktwirtschaft, gemäß einem modernen Werbeslogan: »Unterm Strich zähl Ich«, langsam eine Mehrheiten-Gesellschaft kreativ aufmüpfiger, selbstbewusst fordernder Egoisten, deren Eigennutz vor Gemeinnutz steht. Im Kampf um die vordersten Plätze etablierten sich respektlose, übergriffige, beleidigende, unverschämte Einlassungen gegenüber dem »Sozialfeind«.

Und so signalisiert mir mein Empfinden: Dieser heutigen Art von Respektlosigkeit ist ihre – früher oft »gutmütig« gemeinte – funktionell positiv gesellschaftsverändernde Absicht abhandengekommen. Sondern im Gegenteil, sie »dient« nur noch der Herabwürdigung von in Konkurrenz stehenden Personen oder gesellschaftlichen Gruppen ja: der Negation der Gesellschaft überhaupt.10

Dieses »bedrohliche« Gefühl belastet mich in einer Weise, dass ich ihm dadurch begegnen möchte, mir Klarheit darüber zu verschaffen ob es tatsächlich nur ein Gefühl aus meiner besonderen persönlichen Sensibilität heraus darstellt, oder ob objektive Fakten dagegen oder dafür stimmen. Sollte sich mein Gefühl objektivieren lassen, schließt sich die Frage an, wie oder wodurch dieser Respektlosigkeit im allumfassenden Sinn korrigierend begegnet werden könnte.

Meine Generalthese

Eine Gesellschaft, deren öffentlicher Raum von Massenmedien, Fernsehfilmen, Internetauftritten, politischen Schlammschlachten mit Respektlosigkeiten aller Art permanent »verschmutzt«11 wird, verroht. Auch läuft sie damit Gefahr, in allen Gesellschaftsbereichen, bis in die Familie hinein, von den Bazillen der Rücksichtslosigkeit gegenüber den Gefühlen und Bedürfnissen Anderer, der gegenseitigen Missachtung bis Verachtung, kurz: von einer genüsslich, bis hasserfüllt zelebrierten Respektlosigkeit, infiziert zu werden.

Leitfragen

Aus meiner Sicht der Dinge möchte ich an einigen aktuellen Beispielen bedrohliche Folgen für unsere heutige Gesellschaft anführen, die durch öffentlich eingeprägte Respektlosigkeit ausgelöst werden können:

Welcher intelligente, engagierte junge Mensch möchte sich noch gerne für einen Beruf durch langjähriges Studium qualifizieren, dessen Mitglieder von höchsten Regierungspersonen als »

faule Säcke«

12

bezeichnet werden?

Möglicherweise dann doch nur noch solche, die mehr oder weniger einen als bequem, kündigungssicher und als gut dotiert erscheinenden Beruf ergreifen wollen, aber nicht um der Verbesserung des Bildungssystems oder der Chancen der jungen Menschen willen.

Welche ausländische qualifizierte und sogar von der Wirtschaft dringend benötigte Fachkraft möchte gerne in einem Land arbeiten, in dem Zuwanderer pauschal dem

Sozialschmarotzertum

verdächtigt oder gar bezichtigt wird?

Doch möglicherweise nur solche Zuwanderer, auf die das unterstellte Verhalten durchaus zuträfe.

Welcher hochkarätige, mit Spezialwissen ausgerüsteter Wirtschaftsmanager oder auch Handwerksmeister möchte sich noch mit

ehrlichem

Anliegen in der politischen Arbeit engagieren und sich bei den geringsten Pannen der

respektlosen Häme der Medien

, insbesondere der des sich als politisch verstehenden Kabaretts aussetzen?

Doch nur solche sicherlich, denen es hauptsächlich um ihre persönliche Karriere und der Befriedigung ihres Geltungsbedürfnisses geht, aber weniger um die Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Wie mag sich das gesellschaftliche Zugehörigkeitsgefühl und das Selbstwertgefühl eines mit z.B. 55 Jahren

unverschuldet

in die Arbeitslosigkeit geratenen Angestellten oder auch Facharbeiters entwickeln, wenn er unbesehen dem Pauschalurteil unterliegt, sich mit »

spätrömischer Dekadenz

«

13

doch nur in der »

sozialen Hängematte

« ausruhen zu wollen, anstatt sich um eine »

zumutbare

« Arbeit zu bemühen?

Wie fühlt sich ein Jugendlicher der plötzlich spürt, dass man hinter seinem Rücken lacht, tuschelt und munkelt und der die Ursache darin erkennen muss, dass in respektlosester Weise einige seiner

privatesten Angelegenheiten mit verletzender Absicht im Internet veröffentlicht

wurden?

Ich werde in diesem Buch versuchen Ursachen und Hintergründe für solche und ähnliche Problemlagen aufzuspüren, zu beschreiben, zu kommentieren und Ansätze zu einer eventuellen Wiedergewinnung eines besseren Umgangs mit Achtung und Respekt entwerfen.

Zu diesem Unterfangen werde ich mich zuerst in einem ersten Teil: »Betrachtungen über Anstand und Respekt« mit deren theoretischen und praktischen Sinninhalten befassen.

In einem zweiten Teil: »Despektierliche Wirklichkeiten« suche ich gesellschaftliche Problemfelder auf, um an Beispielen immanenter Respektlosigkeit nachzuspüren.

In einem dritten Teil: »Respekt fordernde und fördernde Beziehungswelten« skizziere ich Beziehungsumgebungen innerhalb deren respektvolle Verhaltensdispositionen entwickelt werden können und sollen. Und im vierten und letzten Teil: »Zur Wiedergewinnung von Anstand und Respekt« werde ich versuchen in verschiedenen Gesellschaftsbereichen Chancen zur Zivilisierung des Umgangs aufzuspüren.

TEIL I

Betrachtungen über Anstand und Respekt

Na klar: Jeder weiß doch was Anstand ist! Es geht einfach darum, sich so zu verhalten »wie es sich gehört«. Wozu gibt es denn Regeln und Gesetze? Man spuckt einfach anderen Leuten nicht vor die Füße oder lärmt in öffentlichen Räumen unflätig herum. Man steht auf, wenn eine Dame den Raum betritt und bietet älteren Menschen seinen Sitzplatz an usw.

Wirklich?

Weiß heute auch wirklich jeder noch oder schon14, was sich im situativen Zusammenhang betrachtet, gehört? Und wieso soll man sich denn so und nicht anders verhalten? Ist heute nicht jeder sein eigener Chairman, selbstverantwortlich und zur Individualität nahezu verpflichtet, um gesellschaftlich, oder zumindest in seiner unmittelbaren sozialen Bezugsgruppe anerkannt zu werden? Die wiederum aber auch ihre eigenen sozialen Benimmregeln und Normen hochhält.

Und zu unseren kultureigenen Individualitäten und zur allgemeinen Pluralität kommen nun auch noch in sehr großer Zahl, vor Tod und Terror geflohene Menschen aus anderen Kulturkreisen zu uns, die hier Zuflucht suchen und sicher noch nicht so recht wissen, was sich bei uns »gehört«.

Ein sehr aktuelles Zeugnis dafür stellen die Bemühungen einer kleinen Flüchtlingsaufnahme-Gemeinde dar, ihren Neuankömmlingen einige wichtige Verhaltensregeln vorzustellen:

»Liebe fremde Frau, lieber fremder Mann!

Willkommen in Deutschland, willkommen in Hardheim. Viele von Ihnen haben Schreckliches durchgemacht. Krieg, Lebensgefahr, eine gefährliche Flucht durch die halbe Welt. Das ist nun vorbei. Sie sind jetzt in Deutschland.

Deutschland ist ein friedliches Land. Nun liegt es an Ihnen, dass Sie nicht fremd bleiben in unserem Land, sondern ein Zusammenleben zwischen Flüchtlingen und Einwohnern erleichtert wird. Eine Bitte zu Beginn: Lernen Sie so schnell wie möglich die deutsche Sprache, damit wir uns verständigen können und auch Sie ihre Bedürfnisse zum Ausdruck bringen können.

In Deutschland leben die Menschen mit vielen Freiheiten nebeneinander und miteinander: Es gilt Religionsfreiheit für alle. Frauen dürfen ein selbstbestimmtes Leben führen und haben dieselben Rechte wie die Männer. Man behandelt Frauen mit Respekt.

In Deutschland respektiert man das Eigentum der anderen. Man betritt kein Privatgrundstück, keine Gärten, Scheunen und andere Gebäude und erntet auch kein Obst und Gemüse, das einem nicht gehört.

Deutschland ist ein sauberes Land und das soll es auch bleiben! Den Müll oder Abfall entsorgt man in dafür vorgesehenen Mülltonnen oder Abfalleimer. Wenn man unterwegs ist, nimmt man seinen Müll mit zum nächsten Mülleimer und wirft ihn nicht einfach weg.

In Deutschland bezahlt man erst die Ware im Supermarkt, bevor man sie öffnet.

In Deutschland wird Wasser zum Kochen, Waschen, Putzen verwendet. Auch wird es hier für die Toilettenspülungen benutzt. Es gibt bei uns öffentliche Toiletten, die für jeden zugänglich sind. Wenn man solche Toiletten benutzt, ist es hier zu Lande üblich, diese sauber zu hinterlassen.

In Deutschland gilt ab 22.00 Uhr die Nachtruhe. Nach 22.00 Uhr verhält man sich dementsprechend ruhig, um seine Mitmenschen nicht zu stören.

Auch für Fahrradfahrer gibt es bei uns Regeln, um selbst sicher zu fahren, aber auch keine anderen zu gefährden. (Nicht auf Gehwegen fahren, nicht zu dritt ein Rad benutzen, kaputte Bremsen reparieren und nicht mit den Füßen bremsen). Fußgänger benutzen bei uns die Fußwege oder gehen, wenn keiner vorhanden, hintereinander am Straßenrand, nicht auf der Straße und schon gar nicht nebeneinander.

Unsere Notdurft verrichten wir ausschließlich auf Toiletten, nicht in Gärten und Parks, auch nicht an Hecken und hinter Büschen. …«

Dieser Apell wurde in der FAZ.Net am 18. Oktober 201515 abgedruckt und bezüglich der Notdurft-Verrichtung auch noch folgendermaßen kommentiert:

» … Dass dem – leider – nicht so ist, kann man etwa auf Partymeilen oder nach Fußballspielen nur zu oft beobachten.«

Und unsere eigene alltägliche Erfahrung zeigt uns, dass sich dieses Problem nicht nur auf die Notdurftverrichtung beschränkt, sondern z.B. auch eindrücklich durch abfallgarnierte Straßenränder belegt wird. Und nicht wenige deutsche Fahrradfahrer haben auch mich schon auf Trottoirs bedrängt bis gefährdet.

Im Kanon der von der Aufnahmegemeinde vorgeschlagenen Verhaltensregeln geht es dann abschließend weiter:

»Mädchen und junge Frauen fühlen sich durch Ansprache und Erbitte von Handy-Nr. und Facebook-Kontakt belästigt. Bitte dieses deshalb nicht tun!«

Sicher, die Zuflucht suchenden Neuankömmlinge wissen so manches nicht. Haben sie möglicherweise z.B. noch nie eine Toilettenschüssel mit Wasserspülung gesehen, oder ihre »Straßen« hatten überhaupt keine ausgewiesenen Gehsteige. Nun müssten sie diese Wissenslücken, um sich den hiesigen »allgemeinen« Gepflogenheiten anpassen zu können, schließen.

Aber wäre Wissen darüber schon genug, um sich angepasst, also unauffällig zu verhalten? Offensichtlich nicht, denn wie die Erfahrung zeigt, wird eben doch, trotz besseren Wissens der Alteingesessenen, den eigentlich bekannten Regeln zuwidergehandelt.

Also bedarf es nicht nur der Kenntnis über Regeln, sondern insbesondere deren Anerkennung, Verinnerlichung und als Folge ein davon kontrolliertes Verhalten.

Aber, wenn eine Vielzahl von Menschen bewusst oder auch unbewusst – also mehr automatisch – solchen bisher geltenden »Normalitäten« des Zusammenlebens zuwiderhandelt, wird es schwer, diese, ob nun von Heranwachsenden oder von Zugewanderten zu erlernenden Regeln, auch noch zu internalisieren.

Aber nicht nur Fremdhinzugekommene haben ihre eigenen, kulturbestimmten Vorstellungen davon, was sich gehört und was nicht. Nein, auch innerhalb unserer eigenen vermeintlichen »Einheits-Kultur« haben unterschiedliche subkulturelle Gruppen ihre eigenen Vorstellungen, was geil und uncool16 ist.

Die verwendeten Begriffe weisen z.B. auf jugendliche Gruppen hin, in denen durchaus akzeptiert wird, dass einzelne coole Typen sich damit »Respekt« verschaffen, indem sie schwächere Gruppenmitglieder unterdrücken und evtl. sogar finanziell ausbeuten.

Gesamtgesellschaftlich betrachtet, läuft dies bestimmt oft ebenso, wenn auch subtiler. Aber auch innerhalb sozial »höherstehender« Gruppen geschehen durchaus unschöne Dinge die insgeheim toleriert werden, welche aber nach allgemein menschlichen, moralischen Gesichtspunkten inakzeptabel sein müssten. So zum Beispiel unwahre, üble Nachrede, um einen »Karrieregefährder« aus dem Felde zu schlagen.

Ganz sicher ist: Es gab immer schon unterschiedliche Moralen für die Herrschenden und die Beherrschten.

Aber in unserer heutigen vielschichtigen pluralistischen Gesellschaft stellt sich die Problematik von Anstand und Sitte doch noch etwas verschärfter dar.

Zusammengefasst wäre also Anstand ein ganzer Kanon von verschiedensten aber auch verschieden anerkannten Verhaltensmustern, die über Erziehung, bzw. durch Sozialisation erlernt werden müssen. Sie sind quasi »Werkzeuge« zur Befriedigung menschlich sozialer Bedürfnisse und Befriedung des Zusammenlebens.

Ähnlich wie geltende Moral durch Ethik begründet wird, kann das, was als anständig gelten soll, ganz allgemein mit Achtungvor den Bedürfnissen der Mitmenschen – oder sogar mit Achtung gegenüber Sachen – begründet werden.

Ist nun, durch die Nähe zum Begriff Achtung, »Anstand als Steigbügelhalter für Respekt« anzusehen, insoweit er dazu dient, anderen Menschen durch gutes Benehmen wenigstens das Gefühl zu geben, akzeptiert bzw. in ihrer Würde geachtet zu sein?

Eigene Betroffenheit

Als ich meinem kleinen privaten Diskutierzirkel von meinem Vorhaben erzählte, mich mit der Respektsproblematik in unserer heutigen Gesellschaft zu beschäftigen, waren wir uns rasch darüber einig, dass erst einmal geklärt werden müsse, wovon wir beim Gebrauch dieses Begriffes überhaupt reden. Deshalb bat ich dann auch meine Diskutanten, mit mir gemeinsam ein Brainstorming durchzuführen, um einmal zu sehen, was so jedem dazu einfällt. Aus diesem »Gedankensturm« wurde dann allerdings ein abendfüllendes Programm.

Hier Ergebnisse des Brainstormings, ungeordnet und unhinterfragt:

Ehrfurcht

Achtung
Anstand

Scham

Benehmen

Rücksicht

Distanzen

wahren

Machtverhältnisse

Wertschätzung
Toleranz
Autorität
Anerkennung
Schadenfreude
Missachtung
Angst
Diskretion
Hierarchie
Bewunderung
Normen

beachten

Würde
Ungebührlichkeit

Einig waren wir uns auch sehr schnell darüber, dass es bei Respekt, nach unserem »naiven« Verständnis, um Empfindungen anderen Menschen oder Dingen gegenüber geht.

Was immer man unter dem Begriff genauer verstehen mag, vielleicht Achtung oder Anerkennung, es geht immer um ein Verhältnis zwischen mir und anderen Menschen, Menschengruppen, Ereignissen, Symbolen oder sogar auch Dingen.

Jemand empfängt Respekt, ein anderer zollt ihn, oder eben gerade auch nicht! Und erst da beginnt eigentlich das Thema bewusst zum Problem zu werden und eventuell sogar gesamtgesellschaftlich.

Darin liegt, wie schon angedeutet, meine Motivation, mich mit dem Thema eingehender zu beschäftigen.

Den allgemeinen Anstandsregeln entsprechend, empfangener oder empfundener Respekt braucht im Normalfall nicht thematisiert zu werden. In bestimmten Fällen, etwa bei einer Laudatio oder einer Dienstverabschiedung, wo »respektvolle« Reden geschwungen werden, kommt bei dem »Gelobten« ein gutes, wohliges, freudiges Gefühl auf. Aber im alltäglichen, normalen respektvollen Umgang miteinander denkt wohl kaum jemand darüber nach, etwa in der Form:

»Oh, wie freundlich und respektvoll gehen die Leute mit mir um! «

So wird das auch in einem Aufsatz, den ich bei meinen Recherchen fand, festgestellt:

»Weniger der gelebte als vielmehr der verfehlte Respekt ist es, der uns aufhorchen lässt, der uns für das Thema sensibilisiert. Erst der Verlust verdeutlicht den Wert.«17

Praktisch bedeutet das: Pöbelt mich jemand in der Straßenbahn oder bei anderen Gelegenheiten an, oder ignoriert er meine Meinung, meine Bedürfnisse, da kommt Ärger, ja oft sogar Wut auf.

Aber auch aus distanzierter Beobachtung, selbst gar nicht unmittelbar betroffen, empfindet man18 respektlosen Umgang als Ärgernis.

Zumindest mag das noch zu meiner Jugendzeit so gewesen sein, denn wie oft erlebte ich, dass sich andere Passanten oder zum Beispiel Straßenbahnmitfahrer durchaus einmischten, wenn etwa ein älterer Mensch, vielleicht durch einen Jugendlichen oder auch durch einen anderen »rüpelhaften« Mitfahrer, Missachtung erfuhr.

Während der letzten nahezu dreißig Jahre meines Berufslebens war ich als Berufsschullehrer mit den Fächern Metalltechnik und Ev. Religion unmittelbar und hautnah, nicht etwa nur theoretisch im Religionsunterricht, sondern sehr praktisch im Schulalltag mit dem Problemfeld Respekt und Respektlosigkeit aus zweierlei Perspektiven konfrontiert.

Erstens auf persönlicher Ebene: Durch unmittelbaren Umgang mit Schülern, zu deren defizitärem Sozialverhalten auch Respektlosigkeit vor Jedem und Allem gehörte.

Zweitens auf gesellschaftlicher Ebene: Durch das scheinbar allgemein anerkannte Vorurteil gegenüber Lehrern als Berufsgruppe: sie hätten grundsätzlich nur wegen der langen Ferien diesen Beruf ergriffen. Sie wären »faule Säcke«.19

Oder wie sich der frühere Rheinlandpfälzische Ministerpräsident ausdrückte: »Das Wochenpensum eines Lehrers habe ich schon am Dienstagabend abgeleistet!«20 Faule Säcke eben!

Die Liste der vorurteilsgelenkten Diffamierungen könnte nahezu endlos fortgesetzt werden.21 Auch über den folgenden Lehrer-Witz wird immer wieder gerne gelacht: »Wenn jemand weiß wie es geht, es aber nicht kann, dann wird er Lehrer!« Also: auch noch unqualifiziert, möglicherweise ein wenig unterbelichtet und eigentlich zu nichts Gescheitem zu gebrauchen?

Hätte ich diesen Beruf vor geschätzten 50 Jahren ausgeübt, wäre ich sicherlich nicht mit solchen Vorurteilen und der daraus resultierenden Missachtung unseres Berufsstandes durch Schüler, Eltern und der Gesellschaft im Ganzen konfrontiert gewesen. Ich hätte unter dem Schutz eines generellen »Amtsrespekts« gestanden.

Zwar möchte ich diese Art von Respekt nicht wieder heraufbeschwören. Denn, meine Persönlichkeit mit all ihren Schwächen und Empfindsamkeiten, aber auch mit ihren Stärken hinter einer »verordneten« Achtung zu verstecken, führte sicher nicht zu einem zufriedeneren Selbstwertgefühl.

Während einer langjährigen Auslandstätigkeit als Berater in Sachen Berufsausbildung, habe ich erfahren dürfen, dass in anderen Kulturkreisen22 gegenüber Lehrern eine völlig andere gesellschaftliche Einstellung herrscht. Lehrer sollen nicht nur Vorbilder sein, nein sie werden auch als solche behandelt. Nur die »Besten« können, sollen oder dürfen überhaupt Lehrer werden und so wird ihnen auch meist noch begegnet. Zwar ist das wirkliche Leben auch dort immer etwas anders, aber ein derartiger respektvollerer Umgang aus Tradition und rücksichtsvollem Benehmen heraus, gestaltet die Arbeit eines Lehrers23 wesentlich entspannter und damit vielleicht auch etwas erfolgreicher.

Dennoch vertrete ich nicht die Meinung, jeder Mensch hätte ein bedingungsloses Recht auf Respekt und Achtung.

Eine angebotene Bereitschaft, ihn mit seinem menschlichen Bedürfnis nach Anerkennung24ernst zu nehmen schon, aber die Achtung und den Respekt im alltagssprachlichen Sinne, muss sich jedes Gesellschaftsmitglied, ob im kleinen oder großen Rahmen, »verdienen«.

Aus meiner Biographie heraus konnte ich bislang auch nicht anders denken, denn schon als Jugendlicher hatte ich im Elternhaus Probleme, meinen Vater aufgrund nur seines Vaterseins25 zu respektieren, denn er hatte diesen in meinen Augen durch Handlungen, mir und auch meiner Mutter gegenüber, schon öfters verspielt. Meiner Mutter dagegen konnte ich einen »natürlichen« Respekt entgegenbringen, denn sie war meine moralische Instanz und lebte diese Moral auch.

Oder, vor einem meiner ersten prügelnden Lehrer musste ich zwar duckmäusern, aber respektieren konnte ich ihn wegen seines gewalttätigen Charakters nie. Hinter seinem Rücken hassten wir ihn alle.

Mit falschen Vorgesetzten, die nach oben buckelten und nach unten traten, oder von oben Anerkennung einheimsten, die eigentlich meiner Leistung zustand, ging es mir nicht besser.

Interessanter Weise habe ich bei meinen Recherchen die gleiche Motivation, die mich zum Schreiben dieses Buches bewegt, ebenso bei Prof. Dr. Niels van Quaquebeke26 gefunden. Er hat sich nämlich ebenfalls aus eigener Betroffenheit heraus als Respektforscher etabliert und sich, gemeinsam mit Kollegen innerhalb ihrer im Jahre 2003 gegründeten RespectResearchGroup27, hochwissenschaftlich mit dieser Thematik auseinandergesetzt. Er antwortete in einem Interview zu Fragen nach seinen Antrieben mit den Worten:

»Da war viel persönliche Betroffenheit im Spiel. Uns haben die eigenen Erfahrungen mit Respekt und Respektlosigkeit in unserem Studien- und Arbeitsumfeld angetrieben. Aber man forscht ja sowieso am besten in einem Feld, mit dem man selbst ein Problem hat.«28

Nun möchte ich hier nicht lamentieren und jammern, wie sehr ich ganz persönlich unter der mir zeitweise entgegengebrachten Respektlosigkeit gelitten hätte. Zwar gab es Situationen, wo ich mir dachte:

»Muss ich mir das eigentlich bieten lassen?« und habe auch entsprechend brüsk darauf reagiert, aber im Wesentlichen gewann ich doch meist wieder die Fassung im »Kampf« um meine Selbstachtung.

Gegen die gesellschaftlich immer wieder vorgebrachte, verallgemeinernde, vorurteilsbehaftete Lehrerschelte und die generelle Missachtung unserer gesellschaftlich eigentlich doch so wichtigen Aufgabe29, kann man sich als Einzelperson kaum wehren.

Und so zehrt es doch ziemlich an der Einsatzfreudigkeit und Motivation vieler Kolleginnen und Kollegen. Aber der nächste Unterrichtstag kommt mit Sicherheit, und man muss vor der Klasse wieder »seinen Mann« 30 stehen, um nicht völlig unterzugehen.

Zwar erwarte ich als Mensch eine gewisse Grundachtung31, aber den Respekt32, der nötig ist um z.B. 30 Individuen in einer Klasse an das Unterrichtsgeschehen zu binden33, muss man sich hart, wie oben schon einmal erwähnt, »verdienen«! Dazu in den konkreteren Ausführungen mehr.

Zu dieser ganz persönlichen Betroffenheit kommt noch das andauernde Miterleben von Respektlosigkeiten, Missachtungen, Vorverurteilungen bis hin zu unverschämten Verleumdungen und Beleidigungen, die sich gewisse Medien tagtäglich gegenüber öffentlichen Personen und gesellschaftlichen Gruppen erlauben.

Sicherlich, Fehltritte oder gar Unrechtmäßigkeiten von im öffentlichen Leben stehenden Personen, müssen aufgedeckt und dürfen auch der Öffentlichkeit bekannt gegeben und entsprechend abgeurteilt werden. Aber bitte unter Beachtung der Unschuldsannahme und nicht vor rechtmäßiger Feststellung der Schuld, und dann aber auch ohne Spott und Häme bzw. Verunglimpfung, bis hin zur völligen »Vernichtung« der Persönlichkeit.

Entgegen des Rechtsgrundsatzes: »Im Zweifel für den Angeklagten« nimmt heute die Berichterstattung in den Medien jedoch nicht selten die Verurteilung vorweg. Oft zu Unrecht! Der hochtrabende Begriff für derartigen Journalismus heißt, den oft dahinterstehenden Voyeurismus bemäntelnd: »investigativ«.

Da angeblich der Leser ein »Recht« auf allumfassende Information habe, scheut man nicht zurück im Konkurrenzkampf um die neuesten Nachrichten, vage »Wahrheiten« zu verbreiten.

Meist bleibt eine beschädigte Persönlichkeit, trotz gerichtlich erwiesener Unschuld, zurück.

Als ein Beispiel kann der Fall des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff gelten, wie die Presse34 sich auf seine »Vergehen« stürzte und sich eine Vorverurteilung in Bausch und Bogen erlaubte.

Sogar die Justiz schien von dieser Hetze infiziert worden zu sein, wie das Beharren der Staatsanwaltschaft auf längst nicht erwiesene Anschuldigungen vermuten lässt. Wenn die Presse beginnt, die Justiz zu beeinflussen und somit die gerechte Rechtsprechung gefährdet, sollten die Alarmglocken in einem Rechtsstaat läuten.

Auch: Beiträge von sogenannten (neudeutsch) Comedians in sogenannten Kabarettshows sind in ihrer beleidigenden Plumpheit oft so peinlich, dass bei mir vor dem Fernseher, vom aufgeheizten Studioklima nicht infiziert, Fernscham35 für den Akteur empfunden wird.

Herabwürdigende Betitelungen wie Idiot, Stinktier, Arschloch, Gangster usw. sind offensichtlich sprachliche Normalität. Und an den Haaren herbeigezogene Vergleiche, wie z.B. »… der pennälerartige Kontrapunkt zu einem Schönheitswettbewerb« oder »der … die klangliche Ausstrahlung eines Klopapierrollenhalters … besitzt.«36 sollen als witzig »rüberkommen«.

Humor sollte ja nach der Volksmeinung jener haben, »der trotzdem lacht«.

Es tut mir leid: Sollte diese Volksweisheit stimmen, dann wäre ich völlig humorlos. Denn wegen dieser Unverschämt- und Plattheiten kann ich nicht lachen, und trotz ihrer schon überhaupt nicht!

So betrachtet, stellt sich mir auch die Frage nach guten und schlechten Witzen und der Primitivisierung, »Fäkalisierung« und »Verschamlosung«37 der Sprache.

Diese von mir vorerst »empfundene« gesellschaftliche Gemengelage von Vorurteilen, Missachtung und Verachtung, medialer Verleumdung, Misstrauen, Neid, und Aggression kann dem Bestand und der Weiterentwicklung einer Gesellschaft dauerhaft nicht zuträglich sein.

Was aber ist nun DER Respekt?

Nach meinem naiven Sprachverständnis ist DerRespekt, wie auch andere Verhaltensbegriffe38, kein Ding, kein Subjekt an sich, wie das Substantiv unterstellt und vor allem keine veräußerliche oder käufliche Ware,39 sondern er steht immer in einem Handlungszusammenhang.

So gesehen, verbirgt sich hinter diesem einen einzigen Wort ein ganzer Beziehungskosmos.

Respekt ereignet sich zwischen Individuen oder (zweitrangig) gegenüber Sachen. Er hat immer zwei Aspekte: die des Gebens und Nehmens. Als respektieren oder ignorieren kommt er als Verb, als respektvoll oder respektlos als Adjektiv daher.

Dennoch wird von dem Respekt substanziell etwa in der Form: »Er hat vor nichts Respekt, oder er, sie, es verdient keinenRespekt!«, gesprochen.

Was aber konkret inhaltlich bzw. funktionell damit beschrieben werden soll, ist nicht zeitlos konstant. Wem Respekt und warum entgegengebracht werden soll oder sogar muss, hängt von der geschichtlich sozialen Situation der jeweiligen Gesellschaft ab. Deshalb: im Weiteren eine kurze Begriffs- bzw. Funktionsgeschichte von Respekt.

Respektsbegriffe im Laufe der Zeit

Vorgestern

»Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.«

Wer kennt es nicht, dieses dem griechischen Philosophen Sokrates (470-399 v.Chr.) zugeschriebene Zitat. Er selbst hinterließ nämlich keine einzige geschriebene Zeile, sodass auch die Bedeutsamkeit der angeblichen Jugendschelte nicht überprüft werden kann. Ganz im Gegenteil wäre zu vermuten, dass er auf Seiten der Jugend stand. Wahrscheinlich könnte er selbst sogar als Verursacher dieser angeprangerten Respektlosigkeit anzusehen sein: Er brachte sie nämlich durch Aufklärung gegen die Alten auf, wofür er dann auch letztlich wegen Hetze gegen Glauben und Hergebrachtes zum Tode verurteilt wurde.

Wie dem auch sei, so möchte ich behaupten, dass das ohne Zweifel vorhandene, partiell unfeine, unhöfliche, aufmüpfige, kurz: respektloseAuftreten »der« Jugend, weder damals noch heute, kein für die Gesellschaft bedrohliches Problem darstellt.

Möglicherweise ging es zu diesen Zeiten einfach um unanständiges Benehmen. Also ein Verhalten, das gegen »das, was sich gehört« verstieß.

Erst im späten 16. oder frühen 17. Jahrhundert wurde der Begriff vom französischen Wort respect ins Deutsche übernommen. Dieses wiederum geht auf die lateinischen Begriffe respectus bzw. respicere zurück im Sinne von: »Rücksicht nehmen, sich nach etwas umsehen, zurücksehen.«40

Bei meiner weitergehenden Suche in einem altgriechischen Wörterbuch 41 auf meine sinngemäße Frage: welche Bedeutung dem heutigen Begriff von Respekt im Altertum zugeschrieben werden könnte? keine passende Antwort.

Sehr wohl aber fand ich für Achtung und Missachtung gleich mehrere Angebote, nämlich: ἐπίστασις (epistasis), ἐπιστροϕή (epistrophe) und ἐπιμέλεια (epimeleia) für Achtung. Für Missachtung bzw. Nichtbeachtung oder Geringschätzung fand sich ὑπεροράω (yperorao).

Einen anderen Begriff, nämlich εὐλάβεια (eylabeia) entdeckte ich, der für Ehrfurcht, Verehrung, Pietät und Frömmigkeit steht. Der zuletzt genannte Begriff Frömmigkeit scheint darauf hin zu deuten, dass vor allem den Göttern Achtung und Ehrfurcht entgegenzubringen waren.

Dafür spricht auch noch ein anderer Begriff ἀσέβεια (asebeia), der nämlich Pietätlosigkeit und Gottlosigkeit bedeutet.

Auch Anstand kannte man im alten Griechenland, der Wiege des Abendlandes, denn ich fand dafür das Wort αἰδώς (aidos). Quasi ein Universalwort für Eigenschaften, die allesamt mit gutem, anständigem Benehmen zu tun hatte, wie: Sittsamkeit, Mäßigkeit, Genügsamkeit, Bescheidenheit, Einfachheit aber auch Tiefstapelei. Der Eindruck entsteht dabei, dass es sich um Eigenschaften handelt, die den braven, unauffälligen, dienlichen Untertan beschreiben.

Anders werden aber auch in einem Text neuzeitlicher Übersetzung bestimmte gesellschaftliche Umstände im alten Sparta beschrieben, woraus angenommen werden kann, dass mit »respektsynonymen« Begriffen in erster Linie unterwürfiger Gehorsam gegenüber Amtsträgern gemeint sein könnte.

Es heißt dort: 42

» … in Sparta dagegen zeigen die Mächtigsten den größten Respekt vor den Amtsträgern und brüsten sich damit, dass sie unterwürfig sind und dass sie, wenn sie gerufen werden, schnell, nicht aber gemächlich gehorchen, da sie glauben, dass, wenn sie selbst damit beginnen, entschlossen Gehorsam zu zeigen, auch die anderen nachfolgen werden;«

Welcher Originalbegriff dabei verwendet wurde, geht daraus jedoch nicht hervor. Möglicherweise auch ἀπορία (aporia) was dann aber eher Angst, Unbehagen oder Beklemmung bedeuten würde.

Ich möchte die Spekulationen über eine mögliche Bedeutungsentsprechung unseres heutigen Begriffs Respekt im Altertum mit folgendem Eindruck, der sich mir vermittelt hat, beenden.

Zusammenfassung

Bei meinen Recherchen43 fand ich weder von griechischen Philosophen noch von römischen Denkern oder Geschichtsschreibern Texte, die sich eingehend mit dem Thema Respekt und seiner gesellschaftlichen Relevanz auseinandergesetzt hätten. Die angeblich allseits angeführte Klage des Sokrates ist nicht tiefschürfender als die eines allzeitlich, alltäglich geführten Zechgespräches über die »verderbte« Jugend. Sie enthält weder eine Analyse des Problems noch eine Betrachtung über die dadurch mögliche Gefährdung des friedlichen Fortbestands der Gesellschaft. Das Zusammenleben war geregelt durch göttliche Gesetze und Tradition. Nur durch gottgefälliges Verhalten konnte der Fortbestand garantiert werden. Jede menschliche Handlung war göttergelenkt und somit unumstößlich und schicksalhaft. Ein freier Wille in heutigem Sinn44 war noch nicht im Bewusstsein.

Achtung und all ihre Synonyme bezogen sich entweder auf die Gottheiten oder aber auf hierarchische Obrigkeitsverhältnisse und die Tradition. Als Synonymbegriffe für damaligen, noch nicht begrifflich benannten »Respekt« erscheinen mir daher die Begriffe Unterwürfigkeit und Angst naheliegend.

Wogegen Anstand (αἰδώς) banale Alltagsregeln beinhaltet, die sich auf den braven, sozial funktionierenden Untertanen beziehen, und damit an ein Verhalten erinnert wird, »was sich gehört«.

Anständig sollte das gemeine Volk sein. Respektvoll war ein Begriff für die gebildeten höheren, herrschenden Schichten. Beim »Respekt« ging es um »höhere Ziele«, wie etwa Ehrfurcht, Verehrung, Pietät und Frömmigkeit, beim Anstand um das banale tägliche Miteinander.

Ob und wenn, wie überlieferte sich dieses Verständnis in die Neuzeit?

Gestern

Das folgende Dokument aus dem Ende des 19. Jahrhunderts prangert bereits ein über Jugendschelte viel weiter hinausreichendes, respektloses Verhalten innerhalb der gesamten Gesellschaft an: 45

Nehmen wir zuerst eine kurze Analyse des vorwilhelminischen Textes vor:

Von

mangelndem Respekt nach allen Richtungen

, innerhalb und wohl auch zwischen den unterschiedlichen gesellschaftlichen Klassen ist hier die Rede.

Dann, von

Verachtung

jedes

Verdienstes

und aller

Überlegenheit

gegenüber wird berichtet.

Insbesondere gäbe es

keine Ehrerbietung

mehr

gegenüber Autoritäten

wie erfahrenen

altergrauten

Menschen,

Vorgesetzten

im beruflichen, administrativen und militärischen Bereich, ja sogar der

Staatsmacht

gegenüber.

Vom

zerstörten Zauber

wird gesprochen, der erst die

Autorität gut, kräftig und segensreich

macht.

Und, eine unüberlegte, strafbare, freie aber

freche Presse

, ohne

Selbstachtung,

wird beklagt,

die

mit

zügelloser Sprache alles Erhabene

herabsetzt und damit im Herzen des Volkes

den Respekt tötet

.

Sicherlich erscheint uns aus heutigem Sprach- und Begriffsempfinden heraus der Text doch sehr pathetisch. Unter einem Zauber, der die Autorität gut, kräftig und segensreich mache, taucht in unserem Verständnis aus dem mythischen Dunkel, eine durch Gott oder Götter legitimierte bzw. begründete, unhinterfragbare Machtvollkommenheit auf. Und vor dem Hintergrund unserer geschichtlichen Erfahrung erweckt eine Ehrerbietung gegenüber Autoritäten eher ein Gefühl von kriecherischer Bewunderung nach Oben, Duckmäusertum und Kadavergehorsam.

Selbst Immanuel Kant, der große Philosoph der Aufklärung und Befreier aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, der den Mut hatte, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, zeigt in seinem Verhältnis zur Obrigkeit eine aus heutiger Sicht entwürdigende Unterwürfigkeit, wie sich z.B. an der Empfehlung an seine Mitbürger: »Seyd unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über Euch hat.«46, sowie insbesondere an der Schlussformel in Briefen an seinen Herrscher erkennen lässt:

»Ich ersterbe in devotestem Gehorsam

Ew. Königl. Majestät allerunterthänigster Knecht.«47

Er, der sich nahezu sein Leben lang mit der Würde und der Befreiung des Menschen aus geistiger Unterdrückung beschäftigte, war in die damaligen gesellschaftlichen Strukturen so eingebunden, dass die selbstbezogene Verwirklichung seiner Forderungen unweigerlich seine gesamte Existenz aufs Spiel gesetzt hätte.

Respekt war, durchaus im altertümlich griechischen Sinn, vor der Macht der Obrigkeit, bzw. deren gehorsame Anerkennung nicht aufzumucken. »Ruhig zu sein« war die »oberste Bürgerpflicht«!

Eine Erzählung eines älteren Kollegen aus der Zeit des aufkeimenden Nationalsozialismus kann dieses abverlangte Verhalten anschaulich darstellen:

»Ich kam zufällig in eine Menschenansammlung, die sich zu einer Kundgebung zusammengefunden hatte. Plötzlich wurde die deutsche Nationalhymne angestimmt. Natürlich mit dem alten anmaßenden Text von wegen Deutschland, Deutschland über alles. Bis ich mich‘s versah, schlug mir ein benachbarter Teilnehmer der Kundgebung meinen Hut vom Kopf und schrie mich an: „Sie unverschämter Lümmel, haben Sie überhaupt keinen Respekt im Leib?“«

Respekt also nicht nur vor Macht und Obrigkeit, sondern auch vor deren Symbolen?

Zusammenfassung

Respekt im Sinne von Ehrerbietung, Verehrung und Unterwürfigkeit wurde erwartet, und er sollte widerspruchslos erbracht werden, um das gesellschaftliche Gefüge von Oben und Unten in Ordnung bzw. im Gleichgewicht zu halten. Respekt hat also eine Haben- und eine Sollseite. Respekt wird den Oberen geschuldet. Und wird von den Unteren gezollt. So sollte es sein. Altgriechenland lässt grüßen!

Soll es immer noch so sein?

Nein, solch einen hierarchischen Respekt, wie im vorstehenden Erfahrungsbericht aus der Mitte des vorletzten Jahrhunderts geschildert, haben wir heute wirklich nicht mehr »im Leib«.

Die geforderte Unterwürfigkeit der Untertanen gehört der Vergangenheit an. Augenhöhe muss in einer ernst- und wehrhaften Demokratie auch sozialvertikal gelten. Respektbedürfnis sollte daher kein einseitiges Recht von Oben nach Unten sein, sondern als allgemeines, von der sozialen Stellung unabhängiges, Menschenrecht angesehen werden. Nicht aber unabhängig vom Sozialverhalten der autonomen Person.

Jedoch, die schon damals erwähnte »freche Presse« hat heute eine Vervielfachung durch Rundfunk, Fernsehen und vor allem durch das Internet, also durch die sogenannten Medien erfahren. Damit hat sich, durch die Freiheit der Medien garantiert, auch das Problem ihrer Frechheit bis hin zur Unverschämtheit potenziert.

Ich werde in der folgenden Betrachtung versuchen, aus heutiger gesellschaftlicher Sicht zu klären, inwieweit die Befriedigung eines allgemein legitimen Respektbedürfnisses verwirklicht ist und inwiefern durch Respektlosigkeit eine neue Gefährdung des sozialen Gefüges zu befürchten sein könnte. Denn: Unterwürfigkeit durch Respektlosigkeit den Führungsschichten gegenüber