Sozialpädagogische Familien- und Erziehungshilfe - Marga Rothe - E-Book

Sozialpädagogische Familien- und Erziehungshilfe E-Book

Marga Rothe

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Beschreibung

Diese praxisbezogene Handlungsanleitung richtet sich sowohl an den Mitarbeiter in der sozialpädagogischen Familien- und Erziehungshilfe als auch an den Anstellungsträger. Sie bietet ein konkretes Handlungskonzept, das eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Familienhelfer, Familie und Jugendamt ermöglicht und Wege zum Verstehen in Familie und Partnerschaft aufzeigt. Eine Fülle von Übungen, die mit den Familien gemeinsam durchgeführt werden können, erleichtern eine praxisnahe Umsetzung. Berichtsraster, Selbsthilfepläne und Übungen sind von vielen Familienhelfern in langen Jahren praktischer Arbeit erprobt und ausgewählt.

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Diese praxisbezogene Handlungsanleitung richtet sich sowohl an den Mitarbeiter in der sozialpädagogischen Familien- und Erziehungshilfe als auch an den Anstellungsträger. Sie bietet ein konkretes Handlungskonzept, das eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Familienhelfer, Familie und Jugendamt ermöglicht und Wege zum Verstehen in Familie und Partnerschaft aufzeigt. Eine Fülle von Übungen, die mit den Familien gemeinsam durchgeführt werden können, erleichtern eine praxisnahe Umsetzung. Berichtsraster, Selbsthilfepläne und Übungen sind von vielen Familienhelfern in langen Jahren praktischer Arbeit erprobt und ausgewählt.

Prof. Dr. Marga Rothe (1932 - 2012) hat die Arbeitsgemeinschaft zur Förderung von Kindern und Jugendlichen e.V. Heidelberg gegründet, in der seit mehr als zwei Jahrzehnten sozialpädagogische Familien- und Erziehungshilfe praktiziert wird.

Marga Rothe

Sozialpädagogische Familien- und Erziehungshilfe

Eine Handlungsanleitung

8. Auflage

8. Auflage 2017

Alle Rechte vorbehalten © 1990 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart Printed in Germany

ISBN 978-3-17-031995-0

E-Book-Formate

pdf:

978-3-17-031996-7

epub:

978-3-17-031997-4

mobi:

978-3-17-031998-1

„Man muss ins Gelingen verliebt sein, nicht ins Scheitern.“

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einführung

1 Wo kann Familien- und Erziehungshilfe geleistet werden?

1.1 Bei welchen Anstellungsträgern?

1.2 Anstellungsformen und Rahmenbedingungen

1.3 In welchen Familien, bei welchen Jugendlichen?

2 Wer kann Familien- und Erziehungshilfe leisten?

2.1 Anforderungen an die Qualifikation

2.1.1 Berufserfahrene Fachkräfte mit Zusatzqualifikation (siehe Anhang 1 „Fortbildungsprogramm“)

2.1.2 Fachkräfte ohne Zusatzqualifikationen bzw. Berufsanfänger

2.1.3 Ehrenamtliche Fachkräfte

2.1.4 Ehrenamtliche Laienkräfte

2.2 Anforderungen an die Persönlichkeit

2.2.1 Beziehungsfähigkeit

2.2.2 Vorbild und Identifikation: Lernen am Modell

2.2.3 Geduld und Zuverlässigkeit

2.2.4 Kooperationsbereitschaft

2.2.5 Der Familienhelfer als Wegbegleiter

3 Wie kann Familien- und Erziehungshilfe geleistet werden?

3.1 Handlungsleitende Theorien

3.1.1 Der systemische Ansatz

3.1.2 Die Initiatische Therapie

3.1.3 Die Logotherapie

3.1.4 Die Positive Psychotherapie

4 Das diagnostische Instrumentarium

4.1 Professionelle Balance zwischen Nähe und Distanz

4.2 Das Familiensystem – Die Familieninteraktion

4.3 Der Familienlageplan, das Soziogramm

4.4 Gruppenspiel zu Erinnerungen und Erwartungen

4.5 Das Familienspiel für die Familienhelfer-Runde oder zum Rollentausch in Familien

4.6 Grundfähigkeiten – Aktualfähigkeiten

4.7 Interessenverteilung – Energieverteilung

4.8 Individueller Aufforderungscharakter

4.9 Konfliktverarbeitung – Ängste

4.10 Netzwerkintervention

5 Berichte und Reflexionsinstrumentarium

5.1 Der Übergabebericht

5.2 Der Selbsthilfeplan

5.2.1 Zielfindung und Strukturierung des Selbsthilfeplans

5.2.2 Muster eines Selbsthilfeplans

5.2.3 Der Selbsthilfeplan als Vertragsgrundlage: Aufgabenkatalog

5.2.4 Der Selbsthilfeplan als Berichtsgrundlage: Auswertungsfragen

5.2.5 Einzelne Handlungssequenzen

5.3 Der Abschlussbericht

6 Das umfeldorientierte Modell: „Integration statt Isolation“

6.1 Das Soziotop

6.1.1 Die Gliederung des Soziotops

6.1.2 Die Soziotopanalyse von Familie H.

6.2 Das umfeldorientierte Modell

6.2.1 Anwendung des umfeldorientierten Modells

6.2.2 Schema des umfeldorientierten Modells

6.2.3 Raster zur Anwendung des umfeldorientierten Modells

Schlussgedanken

Literaturverzeichnis

Anhang

Vorwort

Wir freuen uns sehr, dass eine 6. Auflage unseres Buches notwendig geworden ist. Dies ist ein Beweis für die Bedeutung der familienorientierten Hilfen, deren hoher Wert für unsere Gesellschaft zunehmend erkannt wird.

Bei der gründlichen und umfassenden Vorbereitung dieser neuen Auflage bin ich wesentlich von zwei Mitarbeiterinnen der Regionalgruppe Heidelberg, Claudia Hippe und Beatrix Kowalski, unterstützt worden. Ihnen möchte ich an dieser Stelle herzlich danken.

Die Sozialpädagogische Familienhilfe und die Familienorientierte Schülerhilfe des Heidelberger Modells gewinnen immer mehr Anhänger. Das zeigt sich auch in der großen Zahl an Fortbildungen, die in allen Teilen Deutschlands stattgefunden haben und an der immer noch steigenden Zahl an Anfragen für zukünftige Fortbildungen. Die vorliegende Handlungsanleitung gibt Familien und Familienhelfern Sicherheit auf dem gemeinsamen Weg einer verantwortungsbewussten und erfolgreichen Lebensgestaltung unabhängig von öffentlicher Hilfe.

Dies ist besonders bedeutsam für das Hineinwachsen von Kindern und Jugendlichen in ein selbständiges Leben. Das Vorbild nichtarbeitender Eltern führt leider viele dieser Kinder in eine dauerhafte Abhängigkeit. Diesen Teufelskreis zu durchbrechen durch die grundlegende Verbesserung der familiären und schulischen Voraussetzungen – das ist eine der Aufgaben der Sozialpädagogischen Familienhilfe und der Familienorientierten Schülerhilfe.

Die vorliegende Handlungsanleitung, vor mehr als 20 Jahren erstmalig formuliert, wurde in der Zwischenzeit von vielen Familienhelfern erprobt. Die praktische Umsetzung hat gezeigt, dass zum Beispiel Themen wie Nähe und Distanz oder der systemische Ansatz in der sozialpädagogischen Familienhilfe wichtig sind. Die neue Auflage wurde deshalb überarbeitet und um entsprechende Abschnitte ergänzt.

Da sich seit der Erstveröffentlichung weder die Lebenssituationen, in denen sich die begleiteten Familien befinden, noch der Unterstützungsbedarf wesentlich geändert haben, bleiben die Fallbeispiele mit den Begrifflichkeiten aus dieser Zeit bestehen.

Wichtige Ergänzungen für die praktische Umsetzung haben wir zusätzlich in folgendem Buch zusammengefasst:

„Heidelberger Modell der Sozialpädagogischen Familien- und Erziehungshilfe – von der Alltagsbewältigung zur Integration“.

Auf der dort beiliegenden DVD befinden sich erprobte Fragebögen und Berichtsraster, die die Dokumentation und Strukturierung der Arbeit erleichtern und die Effizienzkontrolle möglich machen (siehe Anhang).

Um das Lesen zu vereinfachen, wurde die männliche Form gewählt, obwohl in der sozialpädagogischen Familienhilfe viel mehr Frauen als Männer tätig sind.

Heidelberg, im Januar 2011

Marga Rothe

Einführung

„Nur wer Ehrfurcht vor dem geistigen Wesen anderer hat, kann andern wirklich etwas sein.“ (Albert Schweitzer)

Die sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) hat sich zu einem wichtigen ambulanten Angebot im System der Erziehungshilfen entwickelt. Die folgenden Ausführungen sind entstanden auf den Grundlagen einer mehr als 30-jährigen Erfahrung der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung von Kindern und Jugendlichen (AGFJ) in Heidelberg. Die AGFJ arbeitet eng mit drei Jugendämtern aus Stadt und Landkreisen zusammen. Hierdurch ist es möglich, Vergleiche zu ziehen, erstens im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit den einzelnen Ämtern und zweitens im Hinblick auf die unterschiedlichen Lebensbedingungen und Lebenszusammenhänge von Familien und Jugendlichen. Die Möglichkeiten einer in der Stadt lebenden Familie unterscheiden sich erfahrungsgemäß von der einer Familie im Dorf oder im Notwohngebiet einer Kleinstadt. Das Wissen um diese Unterschiedlichkeit ist eingeflossen in ein Konzept, in dem die Einzigartigkeit jedes Familienmitglieds und jedes Familienhelfers und die Einmaligkeit jeder Situation geachtet werden. Aus diesem Grund wird auch keine für die Familienhilfe allgemeingültige Methode empfohlen.

Der hier vorliegende Handlungsleitfaden ist inzwischen auch durch die bundesweit angebotene Weiterbildung (siehe Anhang 1) als „Heidelberger Modell der Sozialpädagogischen Familien- und Erziehungshilfe“ bekannt geworden.

Der Familienhelfer geht mit der Familie auf die Suche nach ihrem Ziel, er versucht, verschüttete Fähigkeiten aufzudecken und bewusst zu machen. Hierbei orientieren sich beide nicht an den Defiziten, sondern an den vorhandenen Ressourcen. Der Familienhelfer ist Wegbegleiter auf dem Weg zu dem Ziel, das die Familie oder der Jugendliche als das ihre erkannt haben und das einen hohen Wert für die Betroffenen haben soll. Er vermittelt Vertrauen in die in jeder Familie und in jedem einzelnen schlummernden Möglichkeiten und Kräfte und ist ein Mittler zwischen dem vertrauten sozialen Umfeld und der so oft als feindlich erlebten „Außenwelt“, deren andere Sprache und Kommunikationsregeln den Familien und Jugendlichen häufig Angst machen.

Angst erzeugt Aggression, Aggression erzeugt Abwehr bei vielen Vertretern von Schulen, Ämtern, Berufsbildung etc. Abgewehrt zu werden führt zu Minderwertigkeitsgefühlen bei Familien und Jugendlichen. Minderwertigkeitsgefühle schwächen das Vertrauen in die eigenen inneren Kräfte und Fähigkeiten. Aus diesem Teufelskreis kann und muss der Familienhelfer behutsam heraushelfen, indem er Mut macht und Vertrauen gibt, aber nicht, indem er selber macht.

Die logische Konsequenz aus einer solchen Haltung sind die Selbsthilfepläne, die auch als Berichtsgrundlage dienen. Sie verhindern, dass über andere Menschen berichtet wird, über ihre Probleme und ihr Versagen. So wird die Würde des Menschen geachtet! Die Selbsthilfepläne stehen unter dem Motto „Hinkommen zum Ziel statt Wegkommen vom Problem“. Sie orientieren sich an den Fähigkeiten der Person und an den Möglichkeiten der Situation.

Halten eine Familie oder ein Jugendlicher den gemeinsam erarbeiteten Selbsthilfeplan trotzt angemessener Hilfestellung und vorhandener Rahmenbedingungen nicht ein, ist zusammen mit der Familie und dem zuständigen Kollegen des ASD zu prüfen:

ob die genannten Ziele die wirklichen Ziele sind,

ob die Familie sich andere Rahmenbedingungen wünscht,

ob die Familie im Grunde nicht bereit ist zu notwendigen Veränderungen.

Im letzteren Fall müsste die Maßnahme beendet und die Familie über eventuelle Konsequenzen informiert werden.

Das vorliegende Handlungskonzept basiert auf den gedanklichen Grundlagen:

der initiatischen Therapie (Karlfried Graf Dürckheim),

der Logotherapie (Viktor Frankl),

der positiven Psychotherapie (Nossrat Peseschkian),

der systemorientierten Familienarbeit (N. Selvini-Palazzoli u.a.).

Für den Erfolg der SPFH sind sowohl methodisches Vorgehen als auch die Persönlichkeit des Familienhelfers ausschlaggebend, sein Einfühlungsvermögen, sein Engagement und sein Respekt vor der Andersartigkeit, aber Gleichwertigkeit der Familienmitglieder, d. h. vor Menschen, die häufig den Glauben an die eigene Zukunft verloren haben und an ihre Fähigkeit, das Leben selbständig gestalten zu können.

1

Wo kann Familien- und Erziehungshilfe geleistet werden?

1.1 Bei welchen Anstellungsträgern?

Als Anstellungsträger kommen aus unserer Sicht alle freien Träger der Jugendhilfe in Frage. Sie müssen die Gewähr für eine fachlich fundierte Familien- und Erziehungshilfe geben können. Dazu gehören:

eine seriöse Auswahl der Familien- und Erziehungshelfer in Bezug auf persönliche, lebenspraktische und fachliche Kompetenz;

eine qualifizierte Praxisanleitung und Fortbildung;

ein tragfähiges Konzept zur Arbeit mit den Familien.

Jugend-, Sozial- und Gesundheitsämter sind nur bedingt als Anstellungsträger zu empfehlen. In der Familienhilfe sind vorwiegend Entwicklungsdefizite zu kompensieren, deren Ursache in der Regel in einem Mangel an sozialer Nähe und/oder sozialer Verantwortung in Familie und Gemeinwesen liegen. Der Familienhelfer muss sich auf eine Beziehung zur Familie einlassen, die in größerer Unabhängigkeit von einer Leistungs- und Eingriffsverwaltung besser herzustellen ist. Aufgrund der Gesamtverantwortung des öffentlichen Trägers muss jedoch eine enge Kooperation zwischen Familienhilfe und Ämtern bestehen.

1.2 Anstellungsformen und Rahmenbedingungen

Die Anstellungsform variiert von fest angestellten Kräften über Mitarbeiter mit geringfügiger Beschäftigung bis hin zu Honorarkräften. Für die Begleitung einer Familie sind im Durchschnitt je zehn Stunden wöchentliche Arbeitszeit pro Familie anzusetzen. Diese Zeit beinhaltet Vis-a-vis-Kontakte, Supervisionen, Teamsitzungen, Gespräche mit Kooperationspartnern, Zeiten für Verwaltungstätigkeiten und Fahrzeiten.

Ein Familienhelfer mit einer vollen Stelle begleitet in der Regel vier bis fünf Familien, mehr ist emotional und organisatorisch kaum zu bewältigen.

Geringfügig beschäftigt werden können Fachkräfte, die aus persönlichen Gründen nicht mehr als 10 Stunden in der Woche arbeiten möchten. Auch hat es sich für das anspruchsvolle Arbeitsfeld der sozialpädagogischen Familienhilfe als sinnvoll erwiesen, das Arbeitsvolumen allmählich zu steigern, so dass der Familienhelfer nach und nach die Begleitung weiterer Familien übernimmt.

In Familien mit psychischen Erkrankungen und einem besonderen Bedarf hat es sich als hilfreich herausgestellt, zwei Fachkräfte einzusetzen.

In Familien mit einem speziellen Unterstützungsbedarf kann eine Fachkraft mit einer besonderen Qualifikation zusätzlich auf Honorarbasis für einen begrenzten Zeitraum eingesetzt werden.

1.3 In welchen Familien, bei welchen Jugendlichen?

Generelle Ausschluss-Kriterien für die Auswahl von Familien und Jugendlichen aufzustellen ist nicht sinnvoll. Zunächst hoffnungslos erscheinende Familien sind zum Ende einer Betreuungszeit oftmals die, in denen Eltern, Kinder und Jugendliche erstaunliche Entwicklungsschritte gemacht haben. Es gibt jedoch Familien und Jugendliche, die sich besonders für den Einsatz eines Familien- und Erziehungshelfers eignen und solche, bei denen der Einsatz weniger Aussicht auf Änderung verspricht. Besonders geeignet sind Familien, bei denen die Eltern oder der alleinerziehende Elternteil aufgrund von akuten Belastungen (zum Beispiel Trennung, Scheidung, Verlust der Arbeit, Krankheit) vorübergehend nicht in der Lage sind, die Erziehung der Kinder emotional zugewandt und in der für die positive Entwicklung der Kinder notwendigen Zuverlässigkeit zu leisten. In diesem Fall können Eltern aufgrund ihrer Belastungssituation mit den Aufgaben des Alltags und der gleichzeitig notwendigen Erziehung alleine überfordert sein. Hier kann der Familienhelfer sowohl auf der Eltern- als auch auf der Kindebene entlasten und dazu beitragen, dass den Eltern eine Neuorientierung gelingt.

Die Praxis zeigt jedoch, dass in den letzten Jahren zunehmend Familien begleitet werden, in denen die Eltern nicht nur durch zeitlich befristete Lebenskrisen belastet sind, sondern durch traumatisierende Ereignisse in ihrer eigenen Lebensgeschichte. Der Unterstützungsbedarf in diesen Familien geht über den oben beschriebenen hinaus. Die Begleitung im Rahmen der SPFH ist wesentlich intensiver, die Zeit länger und die Entwicklung abhängig davon, inwieweit die betroffenen Eltern bereit und in der Lage sind, sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinander zu setzen und eine neue Struktur für ihr Leben zu finden.

Prinzipiell lohnt es sich, mit jeder Familie, die dazu bereit ist, Familienhilfe anzufangen. Im Verlauf der ersten drei Monate – wenn Familie und Familienhelfer sich kennenlernen, eine Vertrauensbasis entwickeln und die Ziele der Familie noch deutlicher werden – stellt sich meistens heraus, ob eine Familie tatsächlich bereit ist, sich auf einen Veränderungsprozess einzulassen.

Bei Familien oder Jugendlichen mit einer starken Alkohol- oder Drogenproblematik ohne Bereitschaft zu einem vorausgehenden oder parallelen Entzug wird sich im Verlauf der ersten Monate herausstellen, dass eine Begleitung durch sozialpädagogische Familienhilfe nicht sinnvoll ist.

Auch Familien, bei denen sich im Verlauf der ersten Monate eine fehlende Bereitschaft zur Mitarbeit herausstellt, ist eine Unterstützung zu dem Zeitpunkt nicht möglich.

2

Wer kann Familien- und Erziehungshilfe leisten?

„Es ist mit einem Humanismus, der nicht über sich selbst hinausweist, wie mit einer abgeschnittenen Blume, man weiß nicht, wie lange sie hält.“ (Golo Mann)

2.1 Anforderungen an die Qualifikation

2.1.1 Berufserfahrene Fachkräfte mit Zusatzqualifikation

(siehe Anhang 1 „Fortbildungsprogramm“)

Hierzu zählen Sozialarbeiter/Sozialpädagogen, Pädagogen, Psychologen und Erzieher mit Erfahrung in der Familien- und Erziehungshilfe. Sie eignen sich bei hoher fachlicher und persönlicher Kompetenz für die Arbeit mit großen Familien, die eine komplexe Problematik aufweisen.

2.1.2 Fachkräfte ohne Zusatzqualifikationen bzw. Berufsanfänger

Diese Mitarbeiter eignen sich besonders für die Arbeit mit jüngeren Familien mit weniger Familienmitgliedern und einer weniger komplexen Problematik bzw. für die Begleitung von allein lebenden Jugendlichen, denen sie Identifikation und Orientierung bieten können. Sie bedürfen in besonderem Maße der intensiven fachlichen Anleitung. Berufsanfänger arbeiten erfahrungsgemäß auch sehr gut in ergänzender Funktion zu einem Familienhelfer im Rahmen von lebenspraktischer Hilfe, Freizeitgestaltung und familienorientierter Schülerhilfe (vgl. dazu Rothe, Familienorientierte Schülerhilfe, 1990).

Sie eignen sich für kreative Angebote in den Familien und für die Gestaltung von Gruppennachmittagen, die insbesondere der Förderung der Gruppenfähigkeit von verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen dienen. Berufsanfänger können nicht alleine arbeiten, sie gehören in ein Familienhelferteam. Hier sollten sie aber mit ihrer häufig optimistischen und kreativen Haltung offene Aufnahme finden. Sie sind in der Regel engagiert, leisten gute Arbeit und sind im Gegensatz zu manch „alten Hasen“ sehr gut in der Lage, die verborgenen Fähigkeiten bei Familien und Jugendlichen unvoreingenommen wahrzunehmen und zu fördern.

2.1.3 Ehrenamtliche Fachkräfte

Ehrenamtliche Fachkräfte sind zumeist Frauen mit länger zurückliegender sozial-orientierter Ausbildung, die sich nach einer Phase der Kindererziehung wieder engagieren, aber nicht vollberuflich tätig sein wollen. Sie verfügen in der Regel über lebenspraktische Erfahrung aus der eigenen Familie und sind in der Lage, ihre früher erworbene fachliche Qualifikation bei entsprechender Fort- und Weiterbildung wieder zu aktivieren. Ehrenamtliche Fachkräfte können wie Berufsanfänger in ergänzender Funktion zu einem Familienhelfer eingesetzt werden. Falls sie die Zusatzqualifikation erwerben, sind sie wie „berufserfahrene Fachkräfte mit Zusatzqualifikation“ im gesamten Bereich der Familien- und Erziehungshilfe einsetzbar und können auch in ein Anstellungsverhältnis übernommen werden.

2.1.4 Ehrenamtliche Laienkräfte

Ehrenamtliche Laienkräfte sind in erster Linie Frauen ohne vorherige sozialorientierte Berufsausbildung, die sich nach der Phase der Kindererziehung sozial betätigen wollen. Ihr Aufgabenschwerpunkt liegt in ergänzenden Funktionen im Rahmen von sozialpädagogischer Lernhilfe, Freizeitgestaltung oder als Bezugsperson für ein Kind, das im Rahmen einer Großfamilie emotional zu kurz kommt. Ehrenamtliche Laienkräfte haben es oftmals schwer, sich in die für sie fremden Lebensbedingungen und Denkstrukturen vieler Familien hineinzuversetzen. Wer dazu bereit ist, ist eine wertvolle Ergänzung im Team der Berufserfahrenen und der Berufsanfänger. Unabdingbar für den Einsatz ehrenamtlicher Laienkräfte ist eine enge Kooperation mit dem zuständigen Familienhelfer und die Bereitschaft, sich über einen längeren Zeitraum für eine bestimmte Aufgabe zuverlässig zu engagieren.

2.2 Anforderungen an die Persönlichkeit

2.2.1 Beziehungsfähigkeit

Der Familienhelfer muss fähig und willens sein, eine Beziehung zur Familie oder zum Jugendlichen einzugehen. Er darf nicht in einer elitären Expertenposition verharren. Er muss sich auf eine Ebene mit der Familie stellen und ihr Anders-Sein im Grundsätzlichen akzeptieren. Das bedeutet auch, dass er sich über die Schwierigkeiten klar werden muss, die diese Andersartigkeit mit sich bringt. Er muss Alkoholproblematik, Schmutz, Lügen, Stehlen, Unzuverlässigkeit etc. als Teil einer sich aus dem Kampf ums Überleben ergebenden Strategie betrachten können. Er ist dazu da, sich auf eine vertrauensvolle Beziehung einzulassen, die es ermöglicht, die dominierende Frage „Was haben wir vom Leben zu erwarten?“ umzukehren in die Frage „Was erwartet das Leben von uns?“ (vgl. V.E. Frankl).