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Spazierklänge ist ein fortschreitendes Projekt von Holger Maik Mertin und Volker Kühl, in welchem wir Spaziergänge und Klangexperimente miteinander verweben. Wälder, Parks, aber auch urbane Räume und sogar ein militärischer Ort werden zu Percussioninstrumenten. So betreten, bespielen, durchschreiten, durschschlendern und eignen wir uns die Räume an. Die Themen wie auch Percussion-Pattern folgen unserer Inspiration oder Assoziation. Zunächst unter dem Eindruck des ersten Lockdowns der Corona-Pandemie in Deutschland entstanden, wirkt das Projekt weiterhin in uns nach. So nutzten wir zunächst die politisch angeordnete Stille als Reflexionsfläche und Kulisse. Wir bemerkten, dass unsere eigenen Geräusche (Gehen, Sprechen, Atmen) jetzt viel präsenter und greifbarer waren - und unser Zuhören und künstlerisches Handeln sich intensivierte. Aus der kontemplativen, expansiven und forschenden Form des Gehens sind Texte entstanden, die gesellschaftliche Kontexte reflektieren. Wie eine Kleckerburg werfen sich diese übereinander, fließen ineinander: Aktionismus, Eleganz, Langsamkeit, Musik, Kapitalismus, Raum, Klang, Minimalismus, Performance, gesellschaftliche Bewegung und Transformation. Die Themen sprudeln beim Eintauchen in unser Umfeld hervor. Wir loten dabei seine Möglichkeiten aus, versuchen, dessen Gestalt zu verstehen, dessen Infrastrukturen zu entdecken und zu erspüren. Die Unbegrenztheit der Spazierklänge sollte der spürbaren Fülle entsprechen. Die Form der Texte musste der Essay sein, da Essays die vielfältigen thematischen wie auch stilistisch freien Gedanken auffangen können, die offen, assoziativ, tiefgehend, intensiv, frei, in Rhythmus und Klang variabel sind. Außerdem spiegeln sie die Unabgeschlossenheit unseres Projektes wider. So sind sie manchmal grüblerisch und figurativ und dann auch theoretisch analytisch. Sowohl die thematische Auseinandersetzung als auch die eigentlichen Spazierklänge haben unsere jeweilige Lebensveränderung grundlegend beeinflusst. Sie sind uns zu einem Lebensprinzip und einer Methode geworden. Wir bewegen uns anders. Wir planen anders. Gesellschaftliche und individuelle Prozesse wie Getriebenheit, Kurzweiligkeit, Wahrnehmungskultur, Räume, Emotionalität, Entfremdung von der Natur, maschinelle Durchwirkung der Lebenspraxis gestalten wir so für uns neu.
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Seitenzahl: 258
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Spazierklänge ist ein fortschreitendes Projekt von Holger Maik Mertin und Volker Kühl, in welchem wir Spaziergänge und Klangexperimente miteinander verweben. Wälder, Parks, aber auch urbane Räume und sogar ein militärischer Ort werden zu Percussioninstrumenten. So betreten, bespielen, durchschreiten, durchschlendern und eignen wir uns die Räume an. Unsere Spazierklänge sind zeitlich und örtlich unbegrenzt. Die Themen wie auch Percussion-Pattern folgen unserer Inspiration oder Assoziation.
Zunächst unter dem Eindruck des ersten Lockdowns der Corona-Pandemie in Deutschland entstanden, wirkt das Projekt weiterhin in uns nach. So nutzten wir zunächst die politisch angeordnete Stille als Reflexionsfläche und Kulisse. Wir bemerkten, dass unsere eigenen Geräusche – Gehen, Sprechen, Atmen – jetzt viel präsenter und greifbarer waren - und unser Zuhören und künstlerisches Handeln sich intensivierte. In den Lockdowns bewegten wir uns stets im Rahmen der vorgegebenen politischen Beschränkungen meist zu zweit.
Aus der kontemplativen, expansiven und forschenden Form des Gehens sind Texte entstanden, die gesellschaftliche Kontexte reflektieren. Wie eine Kleckerburg werfen sich diese übereinander, fließen ineinander: Aktionismus, Eleganz, Langsamkeit, Musik, Kapitalismus, Raum, Klang, Minimalismus, Performance, Klang, gesellschaftliche Bewegung und Transformation. Die Themen sprudeln beim Eintauchen in unser Umfeld hervor. Wir loten dabei seine Möglichkeiten aus, versuchen, dessen Gestalt zu verstehen, dessen Infrastrukturen zu entdecken und zu erspüren. Die Unbegrenztheit der Spazierklänge sollte der spürbaren Fülle entsprechen.
Die Form der Texte musste der Essay sein, da Essays die vielfältigen thematischen wie auch stilistisch freien Gedanken auffangen können, die offen, assoziativ, tiefgehend, intensiv, frei, in Rhythmus und Klang variabel sind. Außerdem spiegeln sie die Unabgeschlossenheit unseres Projektes wider. So sind sie manchmal grüblerisch und figurativ und dann auch theoretisch analytisch.
Sowohl die thematische Auseinandersetzung als auch die eigentlichen Spazierklänge haben unsere jeweilige Lebensveränderung grundlegend beeinflusst. Sie sind uns zu einem Lebensprinzip und einer Methode geworden. Wir bewegen uns anders. Wir planen anders. Gesellschaftliche und individuelle Prozesse wie Getriebenheit, Kurzweiligkeit, Wahrnehmungskultur, Räume, Emotionalität, Entfremdung von der Natur, maschinelle Durchwirkung der Lebenspraxis gestalten wir so für uns neu.
Holger und ich haben unterschiedliche Geschichten, die unterschiedliche Stimmen hervorbringen. Die Spazierklänge gemeinsam erfahren zu dürfen, war für uns beide wie eine Offenbarung. Da trafen zwei sehr enge Freunde aufeinander, von denen der eine eher aus der performativen, klangschaffenden, aktivistischen Praxis kommt, während der andere eher auf eine schriftstellerische, philosophische wie auch sportliche Erfahrung zugreifen kann.
Volker Kühl: Volker - ein philosophierender Sport-Freak, leidenschaftlicher Musik&Kunst Connoisseur, aktivistischer Veganer und aktiver Menschenfreund. Er studierte Philosophie und Deutsch in Berlin… da kommt er auch her. Und dann arbeitete er als alles Mögliche… Vor Allem für circa fünf Jahre in Italien und einer spanischen Insel als Gymnasial-Lehrer. Danach unterrichtete er hauptsächlich in Nordrhein-Westfalen. In 2021 ließ er das deutsche Schulsystem und seinen Beamtenstaus hinter sich und zog mit seiner Partnerin von Köln ins spanische Tarragona.
Volker, ein großer Fußball-Fan, fühlt sich von dem Geldgeprägten, Ungleichheit produzierenden „großen” Sport abgestoßen und hat daher vor allem dem von UEFA und FIFA gestalteten Erstliga-Fußball den Rücken zugedreht. Er lebt ein Leben, das Minimalismus-Aspekte und Nachhaltigkeits-Aspekte zusammenbringt und schreibt darüber. Zwei abgefahrene Experimental-Romane hat er übrigens auch schon veröffentlicht!
Veröffentlichungen: „Stille“, „Palimpsest“
In Vorbereitung: „der schaukelnde Peperinello“
Holger Maik Mertin: Holger hat in Köln Musikethnologie studiert und ist dann lange als freiberuflicher Musiker unterwegs gewesen. Ferner hat er als Kolumnist, Dozent und Musiklehrer nahezu immer im interdisziplinären Raum gearbeitet.
Heute würde ich ihn vornehmlich als Klangkünstler und Klangexperimenteur beschreiben. Dabei geht er in seinen Performances wie auch in seiner Lebensführung an die Schnittstelle der Utopiebildung wie auch der
Nachhaltigkeitsforschung beziehungsweise des Nachhaltigkeitsaktionismus, ohne sich in feste Rahmen gießen zu lassen. Seine Performances sind intensiv und empfindungsstark, manchmal verstörend, manchmal auf dem Punkt und meistens fragend.
Für Recherche- und Aktionsarbeiten hat er seinen festen Wohnort in Deutschland aufgegeben und ist seit Oktober 2020 mit leichtem Gepäck unterwegs. So zog er unter anderem nach Istanbul, Pristina, Kapstadt. Holger erforscht dabei soziale Zusammenhänge, geschichtliches Erbe sowie traumatische Beziehungen. Die Orte werden dabei selbst zum Instrument, indem er sie transformiert, bespielt, interpretiert oder hörbar macht.
Zu Veröffentlichungen von Holger siehe, bitte: https://www.holger-maik-mertin.com/
Bei
: Olpe - Neuanfang
Spazierklänge
Infrastruktur
Improvisation
Langsamkeit
Bei
: Nörvenich - Krach
Minimalismus
Klang
Projekt
Wo beginnt
Bei
: Raketenstation - Für
Meditation zu Bruce Lee
Sport
Eleganz
Unterrichten
Dedikation
Visibilität
Bei
: Niehler Hafen - wirr
Raum
Unser Ich
Zuhören
Spiel und Relevanz
Opposition
Bei
: Mühlheim - Regen
Ein kurzes Schlüsseldrehen und der Motor stoppt. Ein leichtes Sirren flirrt noch durch den Raum, dann wird es still.
Wir schalten das Auto aus. Wir haben nur leicht abseits der Landstraße geparkt.
Unser Gespräch endet. Gerade noch hatten wir relativ flüssig, wenn man so sagen kann, über Jazz, hier im Speziellen mit besonderem Akzent auf den Stil New Yorker Jazzer, gesprochen. Aber mit der CD schweigen nun auch wir. Ich weiß noch, wie ich mich beschwert habe, dass man für den Bassisten extra Raum schaffen muss, damit er als Solist gelten kann. Das blieb in der Luft hängen.
Die Sonne scheint durch das Gehölz, unter dem wir im Auto sitzend, stehen. Es wirft leichte Muster durch die Windschutzscheibe. Sanft bewegen sie sich. Es sind geschmeidige Bewegungen, nur ein leichtes Hin und Her. Das Geräusch der Blätter wird genauso sanft sein. Stelle ich mir vor. Das helle sich überlagernde Grün der Blätter wird dieses Geräusch auffangen und umschmeicheln. Es gleitet leicht durcheinander, deutet ein Anschmiegen und eine besondere Form der Symmetrie oder Entsprechung an.
Es gibt nichts zu sagen. Dieser Moment wirkt wie eine Zäsur. Beide folgen wir der Stille. Dabei wäre es gelogen, dass es still ist. Vielmehr drängt eine Fülle auf uns ein, die wir noch nicht fassen können, oder die uns noch entgleitet, in die wir noch nicht eintauchen, obschon sie uns umspült. Still ist es nicht. Auch schweigen tun wir nicht. Wir lauschen, aber es finden viele Geschichten gleichzeitig statt. Gespräche, die nur teilweise genauso gehalten wurden, bewegen sich auf uns zu und in uns. Vielleicht sogar über New Yorker Jazzer, aber sicherlich über Meinungen, Utopien, Bücher, Philosophie, Musik und Klang und Stille, Lautstärke und Krach, lernen und lehren, Aufbruch und Bewahrung, Macht, Gemeinsamkeit und Abgeschiedenheit und natürlich über Liebe. Wir sind nicht dialektisch unterwegs, sondern stets vorsichtig – manchmal aber auch radikal, entschieden, kompromisslos – abwägend auf einer Leiste der Zwischentöne. Wir versuchen uns in selbstbewusster Demut. Dabei verschieben wir Regler von links nach rechts oder so. Am Ende suchen wir. Wir suchen nach Sprache, aber auch suchen wir danach, die Sprache abzulegen. Wir suchen nach Tönen. Wir suchen nach Stille. Oder blicken auf die Töne in der Stille und umgekehrt.
„Los?“
„Los!“
Holger und ich steigen aus. Die Autotüren klacken, klappen. Das zweifache Geräusch ist in seiner Dumpfheit definitiv, wird aber durch eine Gummilitze gedämpft. Dennoch ist es ein Standpunkt, den man setzt, oder eine Verlautbarung, eine Klarstellung. Obschon das Auto leicht wackelt, ist die Resonanz stumpf und kurz. Auf gewisses Weise ist es furchtbar bekannt.
Schritte
Die ersten Schritte kreisen noch um das Auto, lassen uns unsere Taschen nehmen. Die Heckklappe wird geöffnet. Dann fällt sie wieder zu. Wir greifen auch noch etwas vom Rücksitz. Alles ist festes und definitives Zupacken. Dann klickt die Verriegelung des Autos.
Der Boden ist sandig, durchzogen von einzelnen kleinen Steinen. Der Staub macht gewiss auch ein leichtes Geräusch, wenn er wieder auf den Boden gleitet. Kann ein Käfer das hören?
Nur einmal knackt ein dünner Ast unterm Schuh.
Jetzt trägt uns der Wind den leichten Klang der Blätter zu. Wir vernehmen ein grobes Rauschen wie auch ein leichtes Flattern. Weiterhin brummen die Autobahn und die Landstraße in unterschiedlichen Intervallen wie auch Frequenzen.
Das Gehen erzeugt ein Schaben, dass gleichsam gleichmäßig, getragen durch unsere Schrittfrequenz, aber auch mit jedem Schritt unterschiedlich, durch die unregelmäßige Bodenstruktur, ist. Sandwölkchen stieben auf, kleine Steine kollern. Bisweilen spielen wir auch mit diesem Kollern. Aber die Klänge sind in einem punktuellen akzentuierten musikalischen Sinne kaum intendiert. Performance sind sie sowieso.
Der Weg schlängelt sich zunächst an ungestalteten Rasenflächen vorbei, bis wir in ein Waldstück eintreten. Hier nun befinden sich mehr Laub sowie weitere Äste und Tannenzapfen auf dem Weg. Wir versuchen, dem Autogeräusch etwas zu entkommen, folgen dem Weg also weiter in den Wald, bis wir zu einer interessanten Ansammlung an gesunden wie auch kaputten und toten Bäumen kommen. Die Struktur spricht uns im Besonderen an, weil die Bäume zum Teil schräg oder auch plan liegen. Sie erinnern uns entfernt an Musikinstrumente. Später sollte uns diese Erinnerung immer mehr stören, denn genau davon wollten wir uns ja befreien. Wir wollten mit einem jungfräulichen Auge durch die Natur gehen. Auch von Werbephantasien wollten wir uns frei machen und ablösen.
Wir spielen nicht gleich los. Wir sitzen. Wir reden über Utopie, glaube ich.
Ich befühlte die Rinde eines schief in einem anderen Baum verkeilten Baumes, die unterschiedlich stark abgeblättert war, mit meinen Fingern. Der Baum war leicht mit Moos bewachsen. Hier und dort gab es Fährten von Insekten, die sich an ihm gütlich getan hatten. Meine Finger erzeugten ein rauchiges, stumpfes Krächzen und Klopfen. Holger war in seine Gedanken vertieft und schaute mir zu. Ich mochte es, wie sich der Baum anfühlte. Er war geduldig, wippte leicht unter meinen Berührungen. Ein bisschen Staub fiel von ihm ab. Auch ein bisschen Moos.
Ich nahm mir Holzrods (glaube ich) und versuchte, frei drauf loszuspielen. Ich weiß nicht mehr, was ich gespielt habe, nehme mir das gemachte Video. Ich versuchte, mich von den alten Mustern, den Sachen, die ich „immer“ spiele, loszumachen, ich versuchte, zunächst tatsächlich keine Muster auftauchen zu lassen. Sticktechnik, Haltung, Rhythmus, Zusammenhang sollten sich wieder neu finden. Und gleichzeitig war ich mir bewusst, dass das gerade Gespielte hier bleiben würde. Der Baum würde es schlucken. Dann versuchte ich verschiedene Sticks aus. Die schönsten waren die leisesten. Es waren Gong-Sticks, die Holger mitbrachte. Die Töne verschwanden hinter den Bewegungen.
Es tat sich vor mir ein riesiges Feld auf, das ich bei weitem nicht auszuloten wusste. Aber es war wundervoll, wie kindlich ich mich diesem nähern konnte und in ihm herumtapsen konnte. Die Erwartungshaltung fiel von mir ab. Blicke ließen mich unberührt. Aufgespannt zwischen Tempo, Kontrolle, Artikulation, Zufall, Intention, Spiel, Feinheiten, Lautstärke, Toneigenschaften, Geschwindigkeiten, Aussagen, Räumlichkeiten. Aber ich spürte auch Holger und mich dort. Unsere Geschichte. Die Wege, die uns verbinden und trennen. Die Autobahn in meinem Rücken, die mich lautlich umwölkte. Jeder Schlag wurde für mich zu einem schwangeren Wunderwerk und war mir gleichsam unmöglich und wundervoll leicht. Mit der Zeit kann ich beim Trommeln wie in die Umgebung eintauchen. Es wird meditativ. Das gelingt mir nicht immer. Holger sagt, dass auch das eine Form der instrumentalen Technik ist. Er würde das allerdings anders ausdrücken.
Nach und nach wurde mir bewusst, dass alle meine Bewegungen Teil des Instruments waren. Meine Schritte, meine Hose machten auch einen Sound, der sich natürlich hinzufügte. Um diese unhörbar zu machen, musste ich stillstehen. Doch diese Form der Stille wollte ich gerade nicht. Also spielte unter anderem das Laub mit. Spielte ich die Gongschlägel mit ihrem Kopf, war das Laub sogar das einzig wirklich hörbare Instrument. In der Videoaufnahme hört man auch den Wind und Holgers Schritte.
Später an diesem Tag sollten wir uns daraus einen Spaß machen, indem wir uns einen laubübersäten Hang hinuntertreiben ließen.
Das Ende meiner Performance war für mich schwierig, zu finden. Dann war es schließlich eine Mischung aus einer gewissen Erschöpftheit mit einem einhergehen Gefühl des Ausgespieltseins (Ich hatte den Baumstamm wie die Turner am Seitpferd einmal auf- und abgespielt.) und der einsetzenden redundanten Wiederholung.
Ich setzte mich zu Holger auf den Boden. Wir betrachteten den Baum und sein Leben. Der Baumstamm erzählte Geschichten. Auch ohne uns.
Holger entdeckte einen Ast mit mehreren heraufragenden kleineren Ästchen, auf denen er mit verschiedenen Holzsticks spielt. Er entlockt dem Ast eine Million verschiedene Töne, bringt sie in eine Reihenfolge, um sie daraufhin wieder aufzubrechen. Laub raschelt. Er lässt die Sticks pendeln, rutschen, streichen, schlägt seitwärts, aufwärts, abwärts. Sein Körper spielt mit. Es zeigt sich Liebe, Freude, zu dem was ihn umgibt. Aber es zeigt sich auch Wut. Die Schläge werden firmer, härter, abgehackter. Der Ast bebt. Ich bin total fasziniert. Holgers Spiel ist gleichzeitig Experiment und Aussage.
Er beendet nach vielen Minuten seine Performance mit einem tiefen Ausatmen. Hat er die ganze Zeit die Luft angehalten? Er lächelt, weil er mich als Freund mit ihm dort sieht. Die Natur hebt unsere Freundschaft auf ein neues Niveau.
Seine Performance wird diesen Ort nicht verlassen. Ich bin super froh, dies gesehen und gehört zu haben. Es ehrt mich, sein einziger Zuschauer zu sein.
Als Lehrer sagte Holger häufiger zu mir: „Sei dir klar, was du sagen möchtest.“ Ich habe nicht immer eine Antwort. Ich erinnere mich an einen Autor aus einem meiner Romane, der sagt: „Ich will genau das sagen.“ Aber klar, mein Trommeln ist oft Kauderwelsch. Man spürt meine Unsicherheit, meine Ungeschliffenheit.
Unseren Klangausflug beendeten wir (Wir fuhren danach noch Eis essen.) auf einer größeren Wiese, auf der ich laufend Kreise zog, die Holger nicht hören konnte. Für mich fühlten sie sich stimmig an und ich hörte das leichte Rauschen an meinen Beinen, spürte die Vibrationen meiner Schritte natürlich im Körper. Aber vielmehr bildete sich die Musik in meinem Kopf. Natürlich wollte ich auch wissen, wie es für Holger war. Ohne etwas zu hören, sagte er, fühlte es sich dennoch stimmig an.
Abschließend schrien wir aus Leibeskräften, wie man so schön sagt. Es war phantastisch! Aber leider auch eine Überwindung. Und anstrengend. Ich hatte direkt Angst, meine Stimme zu verlieren.
Unser Projekt-Name „Spazierklänge“ ist schnell erklärt: Es ist die Kombination aus zwei gleichermaßen aktiven wie auch passiven Zugängen zu unserer Umgebung: Unsere Idee war es, zu Fuß unterwegs zu sein. Dabei wollten wir Klänge aktiv wie auch passiv erlebend spüren und erkunden.
Wir hatten vor, in erster Linie die Natur aber auch unsere Umgebung insgesamt neu für uns zu erfahren.
Für uns wurde daraus viel mehr, als das Dutzend Spaziergänge, die wir gemeinsam realisieren konnten. Das Projekt ist für uns zu einem „Lebensmotto“ geworden oder eine Form von Einstellung. Es hat so viel in unser Bewusstsein gehoben, dass es immer anwesend ist: In unseren Aktionen, Büchern, Performances, Ansichten, Diskussionen, Gesprächen, in unserer Lebensführung hat es seinen Teil.
Wir sind also spaziert. Mir gefällt es mal wieder in die Etymologie zu schauen: lat. spatium ‘Raum, Zwischenraum, Bahn’. Der Raum wird aber nicht durchmessen, abgemessen, vermessen, abgesteckt, beschränkt. Der Raum des Spaziergangs ist ungerichtet und unbegrenzt und in gewisser Weise amorph. Wir folgen in gewisser Hinsicht auch dem Zufall. Und haben damit schon wundervolle Klänge gefunden. Daher gehen wir ja auch zumeist an Orte, die wir niemals vorher gesehen haben. Plötzlich liegt da ein Stamm auf dem Boden, da steht ein Papierkorb, ein Baum, ist eine besondere Wand. Schlendern und streunen können wir für „spazieren“ einsetzen und ich finde es geradezu wunderbar. Streunen klingt kreativ, frech und hinterlässt ein produktiv spielerisches Gefühl. Leider ist es durch die Konnotation des Vagabundierens in Verruf geraten. Schlendern ist so phantastisch ungerichtet, gedankenlos, beschaulich (Siehe www.dwds.de). Gegen die beiden Begriffe klingt „spazieren“ fast sperrig. Aber es enthält wie gerade gesehen den Raum. Der Raum ist noch ungestaltet, auch wenn die Infrastruktur gelegt ist. Auch verändert das Spazieren ihn nicht. Spazieren ist nicht invasiv. Dennoch ist es eindrücklich. Eigentlich müssen wir sagen: Kann es eindrücklich sein. Es ist wie ein Schwebzustand des Bewusstseins.
Auf unseren Spaziergängen waren unabhängig vom Ort bestimmte Klänge nahezu immer zugegen. So die Laute von Autos. Immer wieder auch andere Transportgeräusche, die allerdings in ihrer Intensität nicht so stark waren. Natürlich ist ein Flugzeug verdammt laut, aber in seiner Anzahl (Wir sprechen hier auch aus dem Lockdown heraus.) bei weitem nicht so hoch wie dies beim Auto ist. Ebenso ist dies mit Zügen, obwohl die in ihrer Präsenz näher sind, aber dennoch nicht so intensiv wirken wie dies Flugzeuggeräusche tun. Autos hingegen schaffen in unserer Lebensumgebung eine beständige Lautpräsenz. Somit stehen andere Töne und Klänge immer im Verhältnis zu den Autos. Es war nicht einfach, Stille zu finden. Die Berge sind gut hierfür.
Es ist mittlerweile eine Binsenweisheit, dass wir immer von akustischen Reizen umgeben sind. Aber man müsste genauer sein und im Sinn John Cages sagen, es ist niemals still (Siehe Cage: Silence). Aber was umgibt uns? Trägt das uns Umgebende immer eine Information? Und: Ist das, was da ist, tatsächlich auch ein „Umgeben“? Vielmehr ist es doch ein Wechselspiel aus Durchdringen, Umgeben, Vorbeifliehen, Vorbeirauschen, Eindringen, Überwältigen, Einschmeicheln. Akustische Wellen.
Klangsphäre, deren äußere Begrenzung zunächst nur mit Hilfe des Sehens verstanden werden kann. Später entwickelt sich daraus auch ein akustisches Verständnis, das ferner akustische Signal in Außen und Innen unterscheiden kann. Jedes dieser Signale weist eine Vielzahl an Charakteristika auf, die ihrerseits Information bedeuten. Die Interpretation dieser lässt schlussendlich eine Orientierung zu. In Folge wird dann bewertend von den Eigenschaften gesprochen: Krach, Geräusch, Laut, Rauschen, Klang, Ton.
Dabei ist jedes mutmaßliche Einzelphänomen immer im Verbund zu betrachten. Daher der Begriff Sphäre. Die Eigenschaften ergeben sich also nicht in einem absoluten Raum, sondern in Kombination Abhebung, Kontrastierung. Es gibt Signale, die kontrastiv oder gar komplementär sind. Das Signal da herauszulösen, wird weder ihm noch der Klangsphäre gerecht. Selbst im diagnostischen Sinne stoßen wir auf diese Weise an unsere Grenzen bzw. verzerren unser Untersuchungsergebnis.
Unsere Spazierklänge versuchen ganz besonders dieser Struktur Respekt zu erweisen, indem wir versuchen, die Sphäre zu erspüren, sinnlich zu durchdringen, aufzunehmen und zu gestalten. Jedes Signal ist uns ein wertzuschätzender Klang oder gar ein Ton im musikalischen Kontext. Es ist ein Spiel, dass das Vorbeirauschen verhindert, als schlichen wir uns in ein intuitives Orchester ein, um bald hier bald dort selbst Akzente zu gestalten.
Durch das Spazieren erhält dieses Spiel eine, wenn auch diffuse, räumliche Komponente, die den Aspekt unintentionaler Geräusche und Klänge verstärkt. Andersherum bereichern die Klänge den Spaziergang, unterfüttern ihn mit einer Ebene, die doch oft in ihrer Alltäglichkeit festklebt. Die räumliche Erfahrung wird nunmehr explizit akustisch erfahrbar. In jedem Bezug auf die akustischen Signale zeigen sich Zugänge von Nähe und Ferne. Jedes Spiel hinterfragt ferner Konzepte von Richtung, Lautstärke, Intentionalität, Gestaltung und Zufall. Im wahrsten Sinne ist hier der Gang gleichsam das Ziel (Der Begriff löst sich damit aus seiner Umklammerung des Behördengangs oder des Flurs oder gar des Stuhlgangs, „Jeder Gang macht schlank“, „Gang und Gäbe“.).
Das (Vorwärts-)Schreiten ist gleichsam Modulation der Klangsphäre. Es ist dabei selbst multidimensionaler Klang.
Das Spazieren haben wir auch gewählt, da es eine innerliche Freiheit ausstrahlt und daher anders klanglich durchzogen ist. Es hebt aus dem Alltag heraus, ist auf seine Weise still. Es ist eine Bewegung in einem nahezu zufälligen Ambiente akustischer Signale, die aber selbst weitestgehend tonlos ist. Spazieren ist friedlich.
Wie kommt man von Istanbul nach Südafrika? Transportmittel, Wege, Möglichkeiten, Gebiete, Länderkunde, Sprachen, Erfahrungen …
Man fliegt. Mit dem Fliegen ist man scheinbar auf der richtigen Seite, zieht man Holgers hoffnungslose Suche nach anderen Verkehrsmitteln in Betracht. Jeder andere Weg wird als unbequem, gefährlich, unmachbar, unrealistisch, dumm angesehen. Damit wird er wie entmöglicht. Was dazu führt, dass man auch kaum Informationen hierzu findet. Hinweise gibt es allerorten, aber sie sind gespickt mit Unwägbarkeiten. Dann wird man auf Blogs, Internet-Foren etc. zurückgeworfen. Da klingelt schnell eine Aussteigermentalität auf. Es brüllt einem ins Gesicht: Du bist nicht normal. Das wäre ok, wenn nicht eine moralische Wertung mitschwingen würde. Und so möchte man zurückrufen: Dann lasst es uns normal werden lassen.
Die Diskussionen über den Versuch, einen anderen Weg einzuschlagen, entsprechen denen, die über das Essen von Tieren, der Benutzung des Autos, der Müllvermeidung, des Alkoholverzichtes und so weiter geführt werden. Es werden zum Beispiel folgende Sätze bemüht: Man könne doch mal eine Ausnahme machen, wird gesagt, „einmal ist keinmal“, „das machen doch alle so“, man solle sich nicht so haben, warum könne man nicht einmal das machen, was alle machen, was sei denn schon dabei, warum wolle man immer andere überzeugen, ...
Das Flugzeug ist heutzutage das schnellste und scheinbar ökonomistische Transportmittel (Die Berechnungen gehen allerdings an der Realität vorbei, weil nur selten der Transport zum Flughafen und dem Ausgangs- beziehungsweise Bestimmungsort in Rechnung genommen wird. Ferner werden andere Kosten nicht in Kauf genommen, die durch die Legung der Infrastruktur im Sinne der Bereitstellung, Entsorgung, ökologischer Folgekosten et cetera entstehen.).
Nehmen wir also einmal an, – nur so – als wäre es eine echte Utopie, man würde sich ohne Flugzeug oder Auto (Vom Auto wird einem ja sowieso auch abgeraten.) auf den Weg machen. Von Istanbul bis nach Kapstadt sind es nahezu 11.444 km. Zu Fuß sind das folglich 2.202 Stunden (Das habe ich gegoogelt. Google gehört auch zur Infrastruktur – Google ist sogar momentan die wohl wichtigste Plattform für infrastrukturelle Fragen der allgemeinen Nutzung. Das Militär verwendet gewiss andere Möglichkeiten.), also 183,5 Tage (ein halbes Jahr) sollte man pro Tag 12 Stunden gehen. Man durchquert je nach Route eine große Vielzahl an Ländern. Jedes Land hat eigene Visa-Berechtigungen und verschiedene Rechte für die Durchreise wie auch den Aufenthalt sowie die Aufenthaltsdauer (und auch für Corona). Man durchreist Länder, die andere Währungen verwenden. Die Umtauschkurse sind wacklig, ebenso wie Einkaufsgewohnheiten und Verfügbarkeiten.
Bei den Reiseplanungen greifen die Menschen also wegen all dieser Unwägbarkeiten wie auch der mathematischen Berechnungen zum Flugzeug. Mit dieser Wahl betreten sie einen Ort, mit dem sie sich nicht „wirklich“ auseinandersetzen müssen. Eine Auseinandersetzung prallt gleichsam an der Sterilität der Abfertigungen bei Flugreisen ab. Bereits die Flughäfen wie auch die sich um sie drehenden Straßensysteme zwingen die Handlungen der Gäste in eine eiserne Choreografie.
Das gilt ebenso für das Verhalten in der Flugzeugkabine.
Selbst der Ticketverkauf unterliegen dem Gesetz der Abfertigung. Die „Onlinisierung“ steigert dies. Es führt zu einer Kluft der Entpersonalisierung, in der Plastikkarten realer sind als Personen. Augè, Marc: Der Nicht-Ort ist gestaltet durch Regulierungen.
Das erzeugt beim zweiten Hinsehen bei vielen Menschen eine Unruhe und sogar Angst. Die Choreografie nimmt einem die Kontrolle, bis hin zur Kontrolle über sich selbst: Das Gepäck, seine Bewegungsrechte, die Intimität bis zur körperlichen Integrität, Umgangsformen, die Kontrolle über die eigene Fortbewegung. Man ist nun vielmehr dem Flugzeug oder der Pilot*in ausgesetzt. Die Zeit, die bei der Abfertigung vergeht, ist wie eine Lücke im Leben der Menschen. Der Flug ist es zumeist auch. Die Tätigkeiten an Bord sind ja eher Übergangs- oder Übersprungshandlungen.
Die Zeit kondensiert sich im Ankommen. Das Wort ist falsch: Ankommen. Man kann im Flug die Distanz nicht spüren. Nur knapp kann man sie erahnen. Wie ist das Leben der Menschen, die man überflogen hat? (Was steckt hinter der Faszination, einen Ort von oben zu sehen? Ist das eine Machbarkeitsfaszination?) Welche Kulturen, Rituale, Sprachen, Hygieneregeln und -gewohnheiten, Individuen, Konflikte, Kriege, Feiern hat man unten liegen lassen? Wie ist die Natur? Wie begegnen die Menschen ihr? Wie bewegen sie sich in ihr?
Die Grenzen zwischen Räumen sind immer diffus. Das Fliegen schärft sie, indem es sie zu Ortsgrenzen macht. Räume gehen ineinander über, deswegen werden allerorten Mauern und Zäune gebaut. Man schafft damit Identitäten, verhindert ihren Wildwuchs. Sie werden fixiert und nicht erlebt. Dort wo der Mensch eingegriffen hat, entstehen Grenzen.
Mit dem Fliegen hat man das Potenzial zur Verräumlichung zumindest der Bewegung bereits liegenlassen. Nun verbinden der Zugang über die Flughäfen - zwei Nicht-Orte (Siehe Augè) - die Aufenthalte an zwei Orten, die man nicht immer zu Räumen machen kann. Das lässt das Fliegen stets virtuell bleiben. Daher haben viele Tourist*innen das Gefühl, dass ihre Urlaubspersönlichkeit von der eigentlichen Persönlichkeit getrennt werden kann. Ihre Taten bleiben am Urlaubsort, verändern jedoch weder ihre eigene Geschichte noch ihre Persönlichkeit. Ihnen ist der Ort egal. Daher kümmern sie sich nicht um seinen Erhalt, seine Ästhetik und um ihre eigene Einbindung beziehungsweise ihren eigenen Einfluss. Ihr Aufenthalt an diesem Ort hat keine Rückwirkung auf die Heimat der Reisenden. Dieses Netzwerk an systemischer Ignoranz entwertet die Räume, die die Menschen bisweilen in Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden geschaffen, gestaltet, gepflegt haben, zu Anschauungs-fassaden.
Anstatt dieses Erbe zu würdigen, werden Instant-Orte geschaffen, die wie Nicht-Orte funktionieren. Dazu gehören Fastfood-Ketten, internationale Modemarken, Touristen-Supermärkte, Strandshops, Touristeninfrastruktur et cetera. Die Wege bleiben nicht nur für den Neuling am Ort befestigt, sondern auch bekannt. Es bleibt daher wenig zu entdecken, zu erfinden, zu erspüren. Zumeist wird uns mit den Dingen das gewünschte Gefühl auch direkt mitgeliefert.
Das Zufußgehen hingegen erfordert Einlassen. Es ist nicht möglich, einfach durchzuziehen. Bisweilen gibt es kaum einen Weg. Man ist in gewisser Weise der Umgebung ausgeliefert, nimmt aber gleichsam an ihr teil, solange man keine Kolonisator*innen-Mentalität mit sich trägt (Inwiefern man nicht durch die Reise sowieso im bestimmten Sinne Kolonisator*in ist, haben wir für uns noch nicht geklärt.). Darin entäußert sich die Befragung des Eigenen. Man „riskiert“ – ermöglicht - eine Selbständerung.
Dieses Risiko - diese Ermöglichung - macht die Reise erst real. Das Reisen im Flugzeug (gesteigert dann, wenn es dicke Wolkendecken gibt) bleibt virtuell.
Das Flugzeug ist also nicht angebunden, sondern ist durch ein unpersönliches Anderes gestaltet. Zumeist gehört es ja gleichsam zu einer internationalen Firma (Konsortium?), die weder mit dem Abflugort noch mit dem Bestimmungsort etwas zu tun hat. Die bereisten Orte müssen den Reisenden daher bis zu einem gewissen Grad fremd bleiben. Darin gleicht das Fliegen dem Surfen im Internet, das ja keine Wellen kennt. Ebenso wie das Surfen auf Wasser geht es hier auch nur um ein hinübergleiten. Es hat kein Festhalten in sich. Je schneller das Transportmittel ist, desto weniger spielt der Weg eine Rolle. Es blitzen nur noch die Haltepunkte auf. Zumeist ist man schon über den Ort hinaus.
Aber von allen Reisemöglichkeiten ist das Fliegen am besten organisiert, wenn auch nicht reibungsfrei. Es wird stets als naheliegend, einfach inszeniert, ist super preiswert.
Nehmen wir dem entgegen das malerische Wort „Erfahren“. Das Entfalten dieses Wortes öffnet einen großen Kreis voll mit staubigen, matschigen, sonnigen Schritten, die nicht um eine Mitte kreisen.
Im Erfahren steckt der Zufall und eine anfängliche Unkenntnis. Aber auch eine Aneignung. Die Abläufe des Fliegens müssen einem fremd bleiben, da sie auch nur schwierig zu durchschauen sind, aber in keinem Fall kann man ihrer habhaft werden.
Im Laufen hingegen taucht die Umwelt detailliert wieder auf (Siehe Essay Spazierklänge). Sie wird sogar zum Teil der Reise selbst. Das Passieren erlangt Unmittelbarkeit. Die Sinneseindrücke machen aus den bereisten Gegenden Räume. Diese sind nunmehr miteinander verbunden, gehen ineinander über. Grenzen verwaschen. Die Vielzahl der Schritte wie auch deren Ungewöhnlichkeit bringen den Zufall ins Spiel.
Nun tauchen Fragen auf, die anders gelagert sind, als das Wohin.
Wie gestaltet man eine Veranstaltung? Konzept etc., Zuschauer*innen, Raum, Strom, Versorgung, Anfahrt - Abfahrt, Sicherheitskonzept, Garderobe, Backstage, Beginn – Ende, Werbung (offline, online)
Eine Veranstaltung möchte Resonanz. Die Gestalt dieser Resonanz bestimmt nicht nur die Veranstaltung selbst, sondern auch deren gesamtes Umfeld. dabei entsteht eine Kette an Abhängigkeiten, Verantwortlichkeiten und so weiter. Man stößt auf Gesetzes- und Regeltexte, aber auch auf einen traditionellen Kanon wie auch aktuelle Wege.
Aber was wird daraus, wenn man auch die Veranstaltung selbst als integralen Bestandteil der künstlerischen Aussage versteht und nicht nur als rahmengebendes Zuwerk? Die kunstexternen Umstände (Der Begriff ist widersprüchlich und widerstrebt unserem Kunstverständnis der Spazierklänge. Er soll lediglich die Umstände benennen, die organisatorisch unumgänglich sind.) bleiben zunächst bestehen. Nun wird die Veranstaltung allerdings zu einer Reflektion ihrer selbst sowie jener Umstände. Gleichsam kann man sagen, dass die Veranstaltungen, die dies nicht berücksichtigen, eine Bestätigung des Status Quo darstellen. In diesem Fall rücken sie die Kunst in die äußerste Nähe des Marketings. Oder aber sie verletzen einen integralen Bestandteil der Kunst, der ein ständiges Hinterfragen und Nachbohren sein muss. Beim Fragen sollte es möglichst nicht bleiben. Die Kunst sollte gleichsam eine Umsetzungsstrategie inkorporieren sowie darreichen. So kann sie am Radius ihrer Wahrnehmung arbeiten, kann Medien neu definieren, kann Materialbenutzung neu bewerten, kann Ressourcen neu denken.
Holger hat dies öffentlich aufgeführt, als er in Istanbul „our analogue me“ aufführte. Dabei wurde keine Elektrizität verwendet. Daher gibt es keine Aufnahmen, keine Bilder. Er stieß schnell auf Unwägbarkeiten: Wie sollten zum Beispiel Plakate gedruckt werden, wie Flyer: wie sollte die Veranstaltung also beworben werden? Internetquellen fielen ja konzeptionell weg. Die Resonanz war also auf einen unmittelbaren Zuschauer*innenkreis „beschränkt“. Ich möchte nicht „beschränkt“ sagen. Denn genau diese Form der Resonanz war ja gewünscht. In unseren Gesprächen zur Planung poppten immer wieder Fragen auf, die auf die genannten alten Muster zurückführten. Das zeigte uns, wie fest die Infrastruktur Teil unserer eigenen künstlerischen Praxis sind. Gleichsam wissen wir, dass wir auf dem Weg sind. Diese Essays sollen unseren Weg aufzeigen.
In den Spazierklängen versuchen wir also alte Infrastrukturen neu zu interpretieren wie auch neu zu gestalten. Dies gilt sowohl für den künstlerischen Ausdruck, wie es Performances, Konzerte aber auch dieses Buch sind, also auch für unsere sonstige Lebensführung. Somit sind die Spazierklänge eine philosophische Praxis. Wir wollen lernen, uns von Vorgefertigtem zu lösen, dieses zu hinterfragen und wollen lernen, uns aktiv für alle Bereiche des Lebens zu entscheiden. Darin geht es nicht darum, all das niederzureißen, was es gibt, sondern darum, auch in der eigenen Aktivität zu spüren, dass vieles anders möglich ist. Es geht im guten antiken Sinne um das Maße halten. Daher verweisen wir auf bestimmte Pfade. Wir übernehmen auch bekannte Formen und interpretieren sie neu, ähnlich oder gleich. Jedes unserer Themen soll durchzogen sein von dem Gedanken über die beste Form. Wir fühlen uns wie um 100 Jahre zurückkatapultiert: Zum guten alten Nihilismus. Aber es soll uns nicht nur um Wertesysteme gehen, sondern um Lebensformen insgesamt. Natürlich haben wir einen besonderen Fokus auf das Kunst- und Kulturgeschehen und auf die Musik.
Das Schreiben ist hier auch die Möglichkeit, Praktisches zu verstehen und vorzubereiten.
Unsere Essays sind auch ein Weg dahin, diese Schritte zu gehen. Sie sind vielleicht auch ein Schritt, um eine neue Infrastruktur zu legen. Und ihr könnt uns bei unseren Überlegungen begleiten.
Praktisch haben wir in unseren ersten Spaziergängen ausgetretene Pfade der Klangerzeugung und Performance-Kunst verlassen, indem wir uns darauf beschränkt haben, auf Dinge zu stoßen. Im Sinne Holgers haben wir diese zu transformieren versucht, und im Anschluss auch uns selbst. Und im Größeren wussten wir, dass es auch den Raum um uns transformiert, das heißt seiner gesellschaftlich gesetzten Wirklichkeit enthebt.
Was müssen wir also im Sinne der Spazierklänge machen?
Wie gestaltet man eine Performance?
Wie gestaltet man ein Buch?
Wie gestaltet man politische Teilnahme?
Wie gestaltet man Widerstand?
Wie wird man Freunde?
Wie erhält man eine Freundschaft?
Wie führt man Beziehungen?
Wie wird man nachhaltig?
Wie lebt man nachhaltig?
Wie schafft man ein Gleichgewicht?
Wie schafft man es, Maß zu halten?
Wie geht man einkaufen?
Und wie kann man dies alles miteinander verbinden?
Improvisation heißt: aus dem Stegreif gestalten. „Stegreif“, welch wundervolles Wort. Es ist malerisch wie auch lyrisch. „Stegreif“ ist besetzt mit assoziativer Wucht. Allerdings habe ich das Wort zuvor immer mit „h“ geschrieben. Dabei heißt es „steigen“ und nicht „stehen“. Dabei steckt dahinter ein Steigbügel. Der Begriff wird wundervoll plastisch.
Aus dem Stegreif gestalten. Ein Reiter erledigt noch schnell etwas, ohne vom Pferd abzusteigen. Oder ohne zu zögern, direkt danach.