21,99 €
Der zweite Band der Reihe Gestalt aktuell soll einen Einblick in das breite Spektrum der Integrativen Gestalttherapie ermöglichen und stellt eine Auswahl an Themen aus der Bandbreite des therapeutischen Vorgehens der Integrativen Gestalttherapie dar. Die 4 Beiträge beschäftigen sich mit den Schwerpunkten Menschenbild und therapeutische Haltung, Körper und Leib, Innere Bilder und Innere Räume, Sprache und Sprechen. In den Arbeiten werden aus verschiedenen Blickwinkeln IGT-Konzepte wie Organismus/Umwelt-Feld, Kontaktgeschehen und Wachstum an der Grenze, Kommunikation und Begegnung als leiblich-ganzheitliches Geschehen, Kreativität als schöpferischer Prozess, etc. vorgestellt und in einen praxisnahen Bezugsrahmen gesetzt. Der Blick richtet sich dabei auf das „Dahinter“, auf die Konzepte, Denkweisen und Haltungen als Grundlage und Voraussetzung für eine ganzheitliche, integrativ-gestalttherapeutische Arbeitsweise.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 281
Veröffentlichungsjahr: 2022
Helene Neumayr, Petra Klampfl (Hg.)Spektrum der Integrativen GestalttherapieBand 2 der Reihe Gestalt aktuell
Zu den Herausgeberinnen
Mag.a Helene Neumayr
Studium der Erziehungswissenschaften und Interdisziplinären Frauenforschung; Psychotherapeutin (Integrative Gestalttherapie) in einer Suchtberatungsstelle und in freier Praxis; Lehrtherapeutin in der Fachsektion Integrative Gestalttherapie (ÖAGG)
Mag.a Petra Klampfl, MSc
Psychotherapeutin (Integrative Gestalttherapie) und Musiktherapeutin; therapeutische Tätigkeit im klinischen Bereich und in freier Praxis; Lehrende in der Fachsektion Integrative Gestalttherapie (ÖAGG)
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der DeutschenNationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.
Alle Angaben in diesem Fachbuch erfolgen trotz sorgfältiger Bearbeitung ohne Gewähr,eine Haftung des Autors oder des Verlages ist ausgeschlossen.
1. Auflage 2017
Copyright © 2017 Facultas Verlags- und Buchhandels AG
facultas Universitätsverlag, Stolberggasse 26, 1050 Wien, Österreich
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und der Verbreitung sowieder Übersetzung, sind vorbehalten.
Umschlagfoto: Gefühlsgewebe © Angela Hrouza
Korrektorat: Mag. Katharina Schindl, Wien
Satz: Wandl Multimedia-Agentur
Druck und Bindung: Facultas Verlags- und Buchhandels AG
Printed in Austria
ISBN: 978-3-7089-1538-3
E-ISBN: 978-3-99111-655-4
Geleitwort
Jedes Jahr werden im Rahmen der Ausbildung Integrative Gestalttherapie schriftliche Arbeiten eingereicht, die eine vertiefte Auseinandersetzung mit relevanten Themen zum Ziel haben oder der Beforschung einer speziellen Fragestellung dienen. Aus diesem Grund veröffentlicht das Fachspezifikum Integrative Gestalttherapie ausgewählte Masterthesen und Graduierungsarbeiten, damit diese Arbeiten einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden können.
Wir freuen uns, den zweiten Band der Reihe Gestalt aktuell vorlegen zu können. Der Titel Spektrum der Integrativen Gestalttherapie weist auf das Anliegen, das damit verfolgt wird: einen Einblick zu geben in die Breite des Ansatzes, in seine vielfältigen thematischen und methodischen Möglichkeiten.
Wie schon im ersten Band haben die Herausgeberinnen wieder eine Auswahl der Arbeiten getroffen und die Autorinnen waren bereit, diese für eine Veröffentlichung in Artikelform zu überarbeiten und zu kürzen. Wir danken den Autorinnen für ihre Bereitschaft zu diesem Unterfangen, das nicht nur zeitaufwendig, sondern auch eine besondere Herausforderung ist, bedeutet es doch, sich von einem Text zu trennen, den man mit großem Engagement so und nicht anders geschrieben hat, und etwas Neues, anderes daraus zu machen.
Wir danken auch den Herausgeberinnen, dass sie wieder bereit waren, die editorische Arbeit auf sich zu nehmen, die viel Fachwissen und Sorgfalt benötigt.
Wir wünschen dem Spektrum der Integrativen Gestalttherapie viele interessierte LeserInnen und den LeserInnen eine bereichernde Lektüre!
Wien, Juli 2017
Liselotte NausnerFachsektionsleiterinFachsektion Integrative Gestalttherapie/ÖAGG
Vorwort der Herausgeberinnen
Einleitung
Nach der positiven Resonanz auf das Projekt der Fachbuch-Reihe Gestalt aktuell und der erfolgreichen Herausgabe des ersten Bandes über Integrative Gestalttherapie im klinischen Feld ist eine solide Basis für eine positive Fortführung gelegt. Mit viel Motivation und Unterstützung durch die Fachsektionsleitung für Integrative Gestalttherapie im ÖAGG wurden die Vorarbeiten für Band zwei, Spektrum der Integrativen Gestalttherapie, im Herbst 2016 gestartet.
Anliegen war und ist weiterhin die Förderung und Unterstützung wissenschaftlichen Arbeitens in der Fachsektion grundsätzlich und die Möglichkeit zur Publikation von interessanten Masterthesen von (neu-) graduierten KollegInnen im Besonderen. In diesem Zusammenhang kann einmal mehr auf die Komplexität und Vielfältigkeit der wissenschaftlichen Fragestellungen von manchen aktuellen Masterthesen hingewiesen werden, welche einen ansprechenden Fundus darstellen, der möglichst gut zugänglich und nutzbar gemacht werden soll.
Nach dem klinischen Schwerpunkt des ersten Bandes soll diesmal der Fokus auf das breite Spektrum, die Vielfalt und Fülle in der Integrativen Gestalttherapie gelegt werden und dabei besonders die Auseinandersetzung mit Konzepten und Überlegungen „hinter“ dem methodischen Vorgehen im Blickpunkt stehen. Das Bestreben ist dabei, die thematischen Schwerpunktsetzungen der einzelnen Bände möglichst variantenreich und den verschiedenen Arbeitsfeldern entsprechend zu gestalten.
In der Entstehung des vorliegenden Bandes war die bewährte Zusammenarbeit der beiden Herausgeberinnen mit ihren einander ergänzenden Zugängen wieder wesentliche Grundlage und sehr bereichernd und erfreulich. Die Dynamik von Entstehungsprozessen spiegelte sich auch in der Entstehung dieses Bandes und erforderte ein differenziertes Aufgreifen und Anpassen aktueller Fragestellungen und Herausforderungen, was stets in guter Abstimmung möglich war.
Das Spezifische und das Gemeinsame der Beiträge
Die vorliegenden Beiträge der vier Autorinnen zeichnen sich – neben sehr interessanten inhaltlichen Untersuchungen und Darstellungen – auch durch die jeweils individuelle und besondere Herangehensweise und Gestaltung der Autorinnen aus. Dennoch dokumentieren alle Beiträge, im Sinne eines gemeinsamen Nenners, die hohe Bedeutung der philosophischen Konzepte und theoretischen Grundlagen als Hintergrund und Basis jeglichen methodischen Angebotes.
Der erste Artikel „Vom Menschenbild zur psychotherapeutischen Haltung“ von Felicitas Thiel ist drei sehr grundsätzlichen und weitreichenden Fragen gewidmet. Die Autorin untersucht:
•Welche Bedeutung haben Menschenbilder in der und für die Psychotherapie?
•In welchem Zusammenhang stehen Menschenbilder mit der psychotherapeutischen Haltung?
•Welche Position nimmt die Integrative Gestalttherapie ein?
Die Autorin geht davon aus, dass Menschenbilder persönliche Konstruktionen der Welt sind und auf verschiedenen Sozialisationseinflüssen basieren. Nach grundsätzlichen Erläuterungen zum Thema stellt Felicitas Thiel ausgewählte Aspekte zu historischen, kulturellen und persönlichen Einflüssen auf das integrativ-gestalttherapeutische Menschenbild dar. In einem zweiten Schritt setzt die Autorin den Aspekt der prägenden Sozialisationserfahrungen mit der Frage der psychotherapeutischen Haltung in Verbindung und arbeitet schließlich die Haltung in der Integrativen Gestalttherapie als „Philosophie“ und als Grundlage von Methodik und Technik heraus.
Ingeborg Netzer beschäftigt sich im Artikel „Körperlichkeit als Quelle subjektiven Sinns“ mit gestalttherapeutischen Zugängen auf dem Hintergrund leibphilosophischer Überlegungen. Schwerpunkte des Beitrags sind:
•Leibphilosophische Überlegungen und ihre gesellschaftliche Bedeutung
•Leibphilosophische Erkenntnisse im Konzept der Integrativen Gestalttherapie
•Körperbezogenes Arbeiten in der (Integrativen) Gestalttherapie
Ausgehend von leibphilosophisch-phänomenologischen Überlegungen stellt die Autorin Körperlichkeit bzw. Leiblichkeit in ihrer fundamentalen Wichtigkeit dar und setzt sie in Verbindung mit gesellschaftlichen Aspekten, z. B. mit der Tendenz zur Spaltung zwischen Körper und Psyche sowie zwischen Person und Umwelt. In einem zweiten Schritt untersucht Ingeborg Netzer leibphilosophische Erkenntnisse im Konzept der Integrativen Gestalttherapie und zeigt dabei auf, inwieweit diese Spaltungen dadurch von Anfang an überwunden werden konnten und geht schließlich differenziert auf leibphilosophische Erkenntnisse in der therapeutischen Arbeit verschiedener VertreterInnen des Verfahrens ein. In diesem dritten Abschnitt werden sowohl die Zugangsweisen von Fritz und Lore Perls untersucht, als auch Weiterentwicklungen körperbezogenen Arbeitens (z. B. durch Ruella Frank und James Kepner) in der Integrativen Gestalttherapie dargestellt.
Im dritten Beitrag „Innere Bilder – Innere Räume und das ihnen innewohnende kreative schöpferische Potential“ von Angela Hrouza beschreibt die Autorin die Bedeutung und die Möglichkeiten von Inneren Bildern im therapeutischen Kontext. Sie untersucht:
•Aspekte zu Inneren Bildern aus unterschiedlichen Perspektiven (z. B. Hirnforschung und Säuglingsforschung)
•Annäherungen an die Begriffe Bild, Innere Räume und Kreativität aus phänomenologischer und philosophischer Sicht
•Therapeutische Beziehung und die Arbeit mit Inneren Bildern
Die Verfasserin nähert sich in ihrem Beitrag dem Begriff Bild und Innerer Raum aus der Entwicklungsperspektive, um sich in einem zweiten Schritt mit einer phänomenologischen Perspektive mit dem Sichtbaren und Unsichtbaren in der Auseinandersetzung mit Bildern zu beschäftigen. Nach und nach webt Angela Hrouza schließlich therapeutische Aspekte und Konzepte zum philosophischen Hintergrund in ihre Überlegungen ein, um sich zuletzt besonders mit dem Beziehungsaspekt und dem kokreativen Prozess in der therapeutischen Arbeit mit Inneren Bilden zu beschäftigen.
Monika Sange untersucht im vierten Beitrag dieses Bandes „Kontaktvolle Kommunikation – Sprache und Sprechen“. Sie setzt sich in diesem Zusammenhang konkret mit folgenden Fragen auseinander:
•Wie läuft gesprochene Kommunikation ab?
•Welche Probleme können in der Kommunikation entstehen?
•Was bedeuten diese Erkenntnisse für die (gestalt-)therapeutische Arbeit?
Die Autorin beschreibt in ihrer Arbeit die Komplexität verbaler Kommunikation anhand von kommunikationswissenschaftlichen und gestalttherapeutischen Konzepten. Sie setzt sich dabei mit möglichen Schwierigkeiten im Kommunikationsgeschehen auseinander und geht der Frage nach, welche therapeutischen Möglichkeiten sich aus gestalttherapeutischer Perspektive entwickeln lassen. Ausgehend von grundsätzlichen Begriffsklärungen und Zuordnungsmöglichkeiten verschränkt Monika Sange integrativ-gestalttherapeutische und kommunikationswissenschaftliche Konzepte miteinander und konzentriert sich dabei vor allem auf den Aspekt der kontaktvollen Kommunikation und einer damit verbundenen therapeutischen Haltung.
Allen vier Beiträgen gemeinsam ist die differenzierte Auseinandersetzung mit grundlegenden Konzepten und philosophischen Aspekten der Integrativen Gestalttherapie, welche als Ausgangspunkt und wesentlicher Hintergrund für die Gestaltung der therapeutischen Beziehung und als entsprechendes methodisch-technisches Vorgehen im Vordergrund verstanden werden (vergleichbar dem Figur-Grund-Verständnis). Weiters spiegelt sich in der Vielfalt der Zugangsmöglichkeiten, welche in den Beiträgen dargestellt werden, das breite Spektrum des Verfahrens und die wesentliche Bedeutung der Verbindung von Körpererleben, Symbolisierung (im kreativen Geschehen) und Versprachlichung. Obwohl die Autorinnen die jeweils anderen Beiträge im Vorfeld nicht kannten, zeigen sich beeindruckende Verbindungen und Anknüpfungspunkte zwischen den Texten, was wiederum das Gemeinsame im Individuellen bestätigt.
Theoretische Überlegungen und Aspekte zu Begrifflichkeiten
Das Spektrum der Beiträge dokumentiert einen kleinen Ausschnitt der Vielfalt des integrativ-gestalttherapeutischen Ansatzes. Gemeinsam ist diesen Beiträgen das Anliegen, einen Blick „hinter“ methodisches Vorgehen zu werfen und dabei sowohl grundlegende Konzepte näher zu beleuchten als auch den Zugang der Gründerpersönlichkeiten näher in den Blickpunkt zu rücken, ohne dabei die Verbindung zu Weiterentwicklungen innerhalb des Verfahrens zu verlieren. Die Herangehensweisen und persönlichen Zugänge von Lore und Fritz Perls und Paul Goodman erfahren damit ebenso Anerkennung und Wertschätzung wie auch Weiterentwicklungen und Differenzierungen von VertreterInnen der nächsten Generationen.
Besondere Beachtung wird dabei phänomenologischen und philosophischen Überlegungen geschenkt, allen voran den Arbeiten von Maurice Merleau-Ponty, aber auch der Dialogphilosophie von Martin Buber. Grundlagen, wie das Menschenbild in der Integrativen Gestalttherapie, aber auch die wiederholte Betonung des Ganzheitsprinzips und das Verständnis von Regulationsprozessen, werden in einem Figur-Grund-Verständnis mit Kontaktprozessen, Beziehungsgeschehen und methodischen Differenzierungen verschränkt und dabei das „Zwischen“, der Begegnungs- und Beziehungsraum, anschaulich dargestellt.
In den Beiträgen der Autorinnen haben sich im Umgang mit konkreten Begrifflichkeiten bzw. Bezeichnungen allerdings auch Fragestellungen ergeben, auf die an dieser Stelle gesondert Bezug genommen werden soll:
•Integrative Gestalttherapie – Gestalttherapie
In der Auseinandersetzung mit Literatur zum Verfahren stellen sich für AutorInnen immer wieder ähnliche Fragen in Zusammenhang mit Unterscheidungen bzw. Gleichsetzungen der Bezeichnungen „Gestalttherapie“ und „Integrative Gestalttherapie“. In dieser Buchreihe werden Beiträge zur „Integrativen Gestalttherapie“ in Österreich veröffentlicht. In diesen Beiträgen wurden und werden selbstverständlich auch (internationale) Quellen aus unterschiedlichen Entwicklungsperioden des Verfahrens einbezogen, die sich auf „Gestalttherapie“ beziehen und daher mit dieser Bezeichnung referenziert werden. Es werden daher in den Beiträgen immer wieder beide Bezeichnungen zur Verwendung kommen, je nachdem, worauf sich die Autorinnen an der jeweiligen Stelle vor allem bezogen haben.
•Organismus/Umwelt-Feld
Ein weiteres Beispiel für unterschiedliche Begrifflichkeiten bzw. Schreibweisen ist der Begriff „Organismus/Umwelt-Feld“. „Organismus/Umwelt-Feld“ ist ein Begriff aus der Feldtheorie und besagt, dass Organismus und Umwelt ein einheitliches Feld bilden und nicht als voneinander getrennt verstanden werden. In der Literatur finden sich dazu auch andere Schreibweisen und inhaltliche Interpretationen. Wir haben uns hier auf die Bezeichnung „Organismus/Umwelt-Feld“ verständigt, sofern die Bezugsquellen nicht zwingend eine andere Schreibweise vorgegeben haben.
Dank und Ausblick
Der Entstehungsprozess des vorliegenden Bandes hat etwas mehr als ein Jahr umfasst, mit unterschiedlichen Phasen und wechselndem Arbeitsaufwand bei allen Beteiligten. Wir konnten als Herausgeberinnen wieder viel dazulernen und blicken bereichert auf diese intensive Zeit zurück.
Ein ganz besonderer Dank gilt den vier Autorinnen dieses Bandes! Es ist keine Selbstverständlichkeit, sich neben allen laufenden Verpflichtungen auf solch ein Arbeitsprojekt einzulassen. Es ist eine große Herausforderung und braucht eine besondere Bereitschaft, sich nach Abschluss der (meist aufwendigen und umfangreichen) Masterthesis auf einen neuen Schreibprozess in der Überarbeitung und Kürzung der Arbeit für einen Fachartikel einzulassen. Es gilt dabei, sich von Bestehendem teilweise zu trennen und Neues entstehen zu lassen und trotzdem zentrale Aspekte zu sichern und nachvollziehbar zu machen. In diesen Überarbeitungsprozessen stellen sich auch Fragen, wie viel Zeit seit dem Verfassen der Masterthesis vergangen ist und wie viel inhaltliche Weiterentwicklung vielleicht auch in der Zwischenzeit möglich war, was sich unter Umständen in der Artikelbearbeitung niederschlägt.
Herausfordernd in diesem Prozess war auch, wie viel Individualität in der Beitragsgestaltung – mit Blick auf das große Ganze – den einzelnen Autorinnen ermöglicht werden konnte, ohne das Gesamtprojekt aus dem Blick zu verlieren. Einen gesonderten Dank wollen wir an Angela Hrouza richten. Sie hat ihre Darstellung „Gefühlsgewebe“ aus der Masterthesis für die Covergestaltung des Buches zur Verfügung gestellt und damit neben ihrem fachlichen Text auch noch einen sehr wichtigen kreativen Beitrag geleistet.
Wir bedanken uns beim Facultas Verlag und dabei speziell bei Frau Victoria Tatzreiter und Frau Sigrid Nindl für die freundliche und kompetente Begleitung und Unterstützung. Schließlich gilt unser Dank der Fachsektion Integrative Gestalttherapie für die Bereitschaft, die Druckkosten für dieses Buch zu finanzieren und besonders Frau Liselotte Nausner als wichtige Mentorin dieses Projekts.
Mit dem breiteren Thema des Spektrums der Integrativen Gestalttherapie hoffen wir, wieder interessierte KollegInnen ansprechen und inhaltliche Anregungen bieten zu können. Wir freuen uns, wenn wir mit diesem und hoffentlich weiteren Bänden fachliche Auseinandersetzung und Diskussion über Theorie und Praxis der Integrativen Gestalttherapie anstoßen und das Interesse an wissenschaftlichem Arbeiten anregen und erhalten können.
Tulln, Juli 2017
Petra Klampfl und Helene NeumayrHerausgeberinnen
Inhaltsverzeichnis
Geleitwort
Vorwort der Herausgeberinnen
Vom Menschenbild zur psychotherapeutischen Haltung
Felicitas Thiel
Körperlichkeit als Quelle subjektiven SinnsGestalttherapeutische Zugänge auf dem Hintergrund leibphilosophischer Überlegungen
Ingeborg Netzer
Innere Bilder − Innere Räume und das ihnen innewohnende kreative schöpferische Potential
Angela Hrouza
Kontaktvolle Kommunikation – Sprache und Sprechen
Monika Sange
Autorinnenverzeichnis
Vom Menschenbild zur psychotherapeutischen Haltung
Felicitas Thiel
Einleitung
Was ist das Kernstück meines psychotherapeutischen Handelns? Welches Menschenbild wohnt mir – und der psychotherapeutischen Schule, die ich gewählt habe – inne? Was macht meine psychotherapeutische Haltung aus und wie habe ich sie erlernt? Und in welchem Zusammenhang stehen Menschenbilder und die psychotherapeutische Haltung? Diese Fragen sind für das psychotherapeutische Arbeiten hoch relevant und werden in diesem Artikel diskutiert. Dahinter liegt die Annahme, dass Menschenbilder immer persönliche Konstruktionen der Welt sind und auf verschiedenen Sozialisationseinflüssen basieren. Wenn dem so ist, erfordert dies u. a. den Blick auf die Biografien der SchulengründerInnen sowie auf historische und soziokulturelle Gegebenheiten zu Zeiten der Schulengründung. Die Kenntnis dieser prägenden Einflüsse auf Theorien und Grundlagen der jeweiligen Psychotherapieschulen ist einerseits Voraussetzung für ein grundlegendes Verständnis von Theorien und andererseits Basis für einen differenzierten und kritischen Blick auf Theorien wie Schulen. Sie zeigt auch, dass PsychotherapeutInnen die eigenen prägenden Sozialisationserfahrungen vor allem im Hinblick auf die Entwicklung einer therapeutischen Haltung immer wieder gut reflektieren müssen. Dies erscheint auch deshalb wichtig, wenn die zweite Annahme im Hintergrund lautet, dass das Menschenbild die Grundlage der psychotherapeutischen Haltung ist und in dieser sichtbar wird. Die Haltung wird in diesem Artikel als eine Art „Philosophie“ skizziert und herausgearbeitet, welche Rolle sie hinsichtlich einer Methodik und des konkreten therapeutischen Handelns einnimmt. Folgende Fragen sollen am Beispiel der Integrativen Gestalttherapie diskutiert werden: Welche Bedeutung haben Menschenbilder in der und für die Psychotherapie? Was versteht man unter psychotherapeutischer Haltung und welche nimmt die Integrative Gestalttherapie ein?
Menschenbilder
Die Fragen, nicht die Antworten
machen das Wesen des Menschen aus.
(Erich Fromm)
Was sind Menschenbilder? Welche Relevanz haben sie in der und für die Psychotherapie? Wenn Menschenbilder die Grundlage einer psychotherapeutischen Haltung sind und in dieser sichtbar werden, bedarf es am Beginn eines näheren Blickes auf ebendiese.
Menschenbilder: Entstehung, Aufgaben, Funktion
Jochen Fahrenberg (2012) bezeichnet das Menschenbild als die „…Gesamtheit der Annahmen und Überzeugungen, was der Mensch von Natur aus ist, wie er in seinem sozialen und materiellen Umfeld lebt und welche Werte und Ziele sein Leben hat oder haben sollte“ (S. 93). Es umfasst weiters das Selbstbild und Bild von anderen Personen oder von Menschen im Allgemeinen. Das Menschenbild wird von jedem Einzelnen entwickelt, enthält jedoch vieles, was auch für die Auffassung anderer Menschen typisch ist, es enthält Traditionen der Kultur und Gesellschaft, Wertorientierungen und Antworten auf Grundfragen des Lebens. Viele dieser Ansichten, so Fahrenberg (2012), lassen sich auf fundamentale Überzeugungen zurückführen: „Menschenbilder enthalten Überzeugungen, die eine hohe persönliche Gültigkeit haben und sind aus der individuellen Lebenserfahrung entstandene persönliche Konstruktionen und Interpretationen der Welt“ (S. 93). Diese Überzeugungen unterscheiden sich von anderen Einstellungen durch ihre systematische Bedeutung, gedanklich den Grund zu legen, und durch ihre persönlich empfundene Gültigkeit, durch ihre Gewissheit und Wichtigkeit. Das Menschenbild ist somit „eine subjektive Theorie, die einen wesentlichen Teil der persönlichen Alltagstheorie und Weltanschauung ausmacht“ (Fahrenberg, 2012, S. 93). Diese Grundüberzeugungen, die unterschiedliche Inhalte haben und ein individuelles Muster mit Kern- und Randthemen bilden, beinhalten oft den religiösen Glauben, den Glauben an Gott und eine geistige Existenz nach dem Tod, die Spiritualität, Freiheit des Willens, Prinzipien der Ethik, soziale Verantwortung und generell Werte.
Dass es sich bei Menschenbildern immer um subjektive und somit auch veränderbare Konstrukte handelt, betonen auch Peter Berger und Thomas Luckmann (2013): Die Gegenständlichkeit der institutionalisierten Welt ist immer „von Menschen gemachte konstruierte Objektivität“ (S. 64). Diese konstruierte Wirklichkeit wird meist nicht als solche dargestellt, sondern erhält den Status eines manifest gültigen Menschenbildes, das oft mit der Kritik anderer Menschenbilder einhergeht. Menschenbilder dienen aber auch der Orientierung und geben Sicherheit. Ein Sichidentifizieren-Können ist die Basis für die soziale Verankerung der individuellen Rolle. „Wir sind immer nur das, wozu wir uns verstehen, als was wir uns verkörpern, womit wir uns identifizieren“ (Dreitzel, 1998, S. 102). Vor allem die Wiederholung und die Lernerfahrung bestärken eine Rollen-Identität. Die Kontinuitätsgewissheit ist mit Hans Peter Dreitzel (vgl. 1998, S. 103) auch der selbstverständliche Hintergrund unserer Kontakte. Auf die Frage nach dem „Wer bist du?“ antworten Menschen mit Identifikation und auch Abgrenzung zu anderen – einerlei ob in Gruppen oder, wie hier verstanden, zu anderen Menschenbildern. Diese sind „von prinzipieller Bedeutung, weil sie immer schon Abgrenzungen mit enthalten, während umgekehrt Abgrenzungen die möglichen Identifikationen zwar einschränken, aber noch nicht festlegen“ (Dreitzel, 1998, S. 103).
Stephan Grätzel (2012) definiert das Menschenbild als die Vorstellung, die der Mensch von sich hat oder die er sich gibt. Die Möglichkeiten der Zuordnung unterschiedlicher Vorstellungen, Deutungen und Interpretationen setzen ein Konzept von Freiheit voraus, das erst seit der Philosophie und Anthropologie der Renaissance möglich ist (vgl. Grätzel, 2012, S. 41). Voraussetzung dafür ist die prinzipielle Handlungsfähigkeit des Menschen. Arnold Gehlen, einer der Hauptvertreter der Philosophischen Anthropologie, benennt die Konsequenzen der terminologischen Festlegung eines Menschenbildes. Dieses prägt als Grundbild und Paradigma die Art und Weise, wie sich der Mensch sieht: Er sieht sich so, wie er sich in und auch mithilfe seines Menschenbildes sehen möchte (vgl. Gehlen, zitiert nach Grätzel, 2012, S. 52). Das Bedürfnis nach Selbsterkenntnis ist ein zentrales und stellt ein theoretisches wie praktisches Interesse dar, das den Charakter einer Rechtfertigung hat. Dem zugrunde liegt ein existentielles Bedürfnis nach Feststellung. Dies betrifft nicht nur das Individuum in seinem Verhalten, sondern prägt u. a. auch die Wissenschaft und Forschung und somit generell Herangehensweisen und Haltungen. Grätzel (2012) fasst zusammen:
Das Menschenbild prägt also nicht nur das Forschen und Fragen, sondern, über die Forschung hinausgehend, das Verhalten zu und den Umgang mit sich selbst und mit anderen Menschen … Theorie schlägt hier nicht nur in Praxis um, sondern ist vielmehr notwendigerweise immer schon Praxis des Umgangs des Menschen mit sich und anderen. (Grätzel, 2012, S. 52)
Als bahnbrechendes medizinisch-therapeutisches Beispiel für die Veränderbarkeit und deren Auswirkung auf das Menschenbild nennt Grätzel (vgl. 2012, S. 53) Sigmund Freud. Seine Überlegungen zum sekundären Krankheitsgewinn (es sei besser krank zu werden, als sich oder anderen Schuld und Scham einzugestehen) waren ausschlaggebend, ein Menschenbild zu gestalten, „bei dem die Krankheit eines Menschen nicht als bloßer Defekt einer Maschine gesehen wird. Das hat nicht nur dazu beigetragen, die Krankheit zu humanisieren, es hat auch weitreichende Anregungen für die Behandlung und Therapieformen gegeben und das psychosomatische Menschenbild gefördert“ (Grätzel, 2012, S. 53). Dies gilt bis heute als zündender Gedanke für einen damals beginnenden philosophisch-medizinischen Dialog, verbunden mit Namen wie Viktor von Weizsäcker, Maurice Merleau-Ponty oder Michel Foucault. Dadurch wird sichtbar, welchen Einfluss Menschenbilder auf Sichtweisen und Haltungen in der Wissenschaft und darüber hinaus einnehmen.
Grätzel (vgl. 2012, S. 54) warnt daher auch vor den Gefahren, ein zugrunde liegendes Menschenbild nicht explizit darzulegen und bewusst zu reflektieren, was sich insbesondere in der Medizin und heilenden Verfahren zeige, da hier oft massive wirtschaftliche Interessen maßgeblich seien. So resümiert er kritisch, dass die wertvollen Errungenschaften der Philosophischen Anthropologie für Medizin und Psychotherapie nicht dazu geführt hätten, dass ihre Position zwischen den ideologischen Fronten „im Kampf um das Menschenbild“ gehalten werden konnte. Er nennt die politisch gewordene Diskussion um das Menschenbild als Grund: „Nicht mehr wissenschaftliche Forschung und Argumentation, sondern Meinungsbildung mit wissenschaftspolitischem Kader ist das Ziel dieses Schlagabtauschs“ (Grätzel, 2012, S. 55). Das Menschenbild und seine Prägung sei die Währung, die zwischen politischen und wirtschaftlichen Parteien gehandelt würde.
Menschenbild und Sozialisation
Welche Rolle spielt die Sozialisation in Bezug auf Menschenbilder? Sozialisation ist der Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt (vgl. Hurrelmann, 2008, S. 19). Thematisch vorrangig dabei ist, wie sich der Mensch zu einem gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekt bildet. Im Zentrum des Sozialisationsprozesses steht für Klaus-Jürgen Tillmann (2010) die Entwicklung und Veränderung der Persönlichkeit: „Menschen sind nicht Opfer ihrer Sozialisation, sondern sie wirken auf sich und ihre Umwelt immer auch selbst ein und entwickeln sich auf diese Weise zum handlungsfähigen Wesen, zu einem Subjekt“ (S. 17). Peter Berger und Thomas Luckmann (2013) unterscheiden zwischen primärer und sekundärer Sozialisation. Dabei wird die frühe Sozialisation allein in der Familie (primär) von der nachfolgenden Sozialisation in Familie, Schule und Altersgruppe (sekundär) unterschieden. Das, was an Welt in der primären Sozialisation internalisiert wird, ist viel fester im Bewusstsein verankert als Welten, die auf dem Wege sekundärer Sozialisation internalisiert werden (vgl. Berger & Luckmann, 2013, S. 145). Je länger ein Individuum in eine Subwelt eingebunden ist und je anhaltender die Erfahrungen sind, die es dort macht, desto stärker festigen sich diese als Gewissheiten, die die Weltsicht bestimmen. „Alles menschliche Tun ist dem Gesetz der Gewöhnung unterworfen. Jede Handlung, die man häufig wiederholt, verfestigt sich zu einem Modell, welches … reproduziert werden kann“ (Berger & Luckmann, 2013, S. 56).
Da Sozialisation aber nie abgeschlossen ist, braucht eine Gesellschaft, die überleben will, Möglichkeiten, die subjektive Wirklichkeit zu bewahren, um eine Symmetrie zwischen ihr und der objektiven Wirklichkeit zu sichern. Durch die neuen starken gesellschaftlichen Unsicherheiten in familiärer, politischer, beruflicher und individueller Hinsicht sucht das Individuum Sicherheiten, an die es sich halten kann (vgl. Herbst, 2010, S. 103). Anthony Giddens (vgl. 1996, S. 139–140) nennt es Wiederholungszwang: Das, was durch den Familienkontext in der Kindheit vermittelt wurde, wiederhole sich in nachfolgenden Generationen immer wieder. Dies sei kein passiver Prozess, sondern ein weitgehend unbewusstes, jedoch rekonstruktives Verhalten: „Wiederholung gibt uns die Möglichkeit, in der einzigen uns bekannten Welt zu bleiben und verhindert, dass wir mit fremden Werten oder Lebensformen konfrontiert werden“ (Giddens, 1996, S. 139). Gerade in einer postmodernen Welt, in der Traditionen eben nicht statisch seien, müssten diese von jeder Generation neu erfunden werden. Die Sehnsucht nach Sicherheit und Stabilität, wie sie in der primären Sozialisation im Sinne „der ersten und einzig wahren Lebensweise“ (Giddens, 1995, S. 53) erfahren werde, bleibe oft ein Leben lang aufrecht. Mit Zygmunt Bauman (1995) ist es eine „schockierende Entdeckung“ (S. 10), dass Veränderungen in der Geschichte immer Instabilität erzeugen, die vom Individuum mit dem Bestreben enden, eine Ordnung zu schaffen und diese stabil und verbindlich zu etablieren. Bauman (1995) konstatiert, dass dem Verschwinden von Wahrheiten, die universelle Gültigkeit hätten, ein „allgemeines Chaos“ (S. 18) folgen müsse. Das erklärt auch, warum Menschenbilder eine so wichtige stabilisierende Rolle haben – und gleichzeitig hoch idealisierungsanfällig sind. Und es macht auch deutlich, dass Sozialisation nie abgeschlossen ist und der Mensch seine Sichtweise erweitern und kritisch reflektieren kann. Dies gilt für die und den Einzelnen, aber auch für Psychotherapieschulen generell. Die eingangs formulierte Annahme, Menschenbilder sind persönliche Konstruktionen der Welt und basieren auf verschiedenen Sozialisationseinflüssen, kann somit bestätigt werden.
Menschenbild in der Psychotherapie
Seit der Auseinandersetzung um Freuds Menschenbild gibt es fortdauernde Diskussionen über das Verständnis des Menschen, über humane Werte und Ethik in der Psychotherapie. Aktuell werden in Österreich 23 psychotherapeutische Methoden, aufgeteilt in vier Orientierungslinien, gesetzlich anerkannt (vgl. Internetquelle 1): tiefenpsychologisch-psychodynamische Orientierung, humanistisch-existenzielle Orientierung, systemische Orientierung, verhaltenstherapeutische Orientierung. Innerhalb der jeweiligen Orientierungslinie gibt es mehr oder weniger verbindende gültige Werte, die als gemeinsamer Nenner der unterschiedlichen Schulen gesehen werden. Das Menschenbild einer Psychotherapierichtung trägt maßgeblich zur Entscheidung bei, zu welcher der vier Grundorientierungen sie sich zuordnen lässt. Dennoch existiert für jede Psychotherapierichtung ein eigenes Menschenbild, aus dem sich die jeweiligen Werte, Arbeitsweisen, Haltungen etc. ableiten. „Die verschiedenen Menschenbilder der Psychotherapierichtungen können als Leitbilder des professionellen Handelns verstanden werden“, so Fahrenberg (2012, S. 100).
Warum benötigt eine Psychotherapieschule ein Menschenbild? Diese Frage wird meist am Beginn einer Psychotherapieausbildung gestellt. „Das Thema der Menschenbilder ist für jede Richtung der Psychotherapie … von zentraler Bedeutung, wirken doch die expliziten und impliziten Vorstellungen über den Menschen handlungsleitend bis hin in die konkreten behandlungs- und beratungsmethodischen Interventionen und kommen in der Beziehungsgestaltung zum Tragen“ (Petzold, 2012, S. 15). Hilarion Petzold ist der Ansicht, dass ohne solide anthropologische Grundlagen eine wissenschaftlich fundierte, heilende wie helfende und fördernde therapeutische Arbeit mit Menschen nicht durchführbar sei. Die Deklarierung des jeweiligen Menschenbildes ist Basis für therapeutische Interventionen und für die Beziehungsgestaltung – somit auch für die Haltung, die sich aus einem Menschenbild ergibt.
Wie kommt es, dass ich über die Welt so denke, wie ich denke? Dass ich über einen Menschen so denke, wie ich denke? Dass ich über eine Klientin oder einen Klienten so denke, wie ich denke? Petzold (2012) fragt: „Wo sind die Quellen meines Denkens und die Quellen hinter diesen Quellen – oder: bin ich tatsächlich ein Mensch, der meinem Menschenbild entspricht?“ (S. 37). Daraus abgeleitet ergeben sich auch Fragen danach, ob ich Menschen, Angehörige, Freunde und auch KlientInnen so behandle, wie es mein Menschenbild erfordert.
Die Anthropologie als Lehre und Wissenschaft vom Menschen ist zentral für jede Psychotherapieschule und jede Schule muss sich am Anfang mit anthropologischen Grundlagen befassen und diese benennen. Liselotte Nausner (2004) betrachtet die Anthropologie als „theoretisches Kernstück“ (S. 37), das im Rahmen der Wissensstruktur für ein psychotherapeutisches Verfahren gefordert ist. Die Psychotherapie hat mit dem Menschen, seinem Selbst- und Welterleben, der Geschichte und Vorstellung des Menschen zu tun: „Das Menschenbild, das einem psychotherapeutischen Verfahren zugrunde liegt, prägt z. B. in entscheidender Weise die Sicht auf Krankheit und Gesundheit, auf die Ziele einer Therapie, die Methoden und Techniken, die im therapeutischen Prozess verwendet werden, wie diese verwendet werden und vieles mehr“ (Nausner, 2004, S. 37).
Welche Funktion haben nun die Menschenbilder, die den jeweiligen Psychotherapieschulen zugrunde liegen? Die das Menschenbild konstituierenden Sätze sind mit Axiomen vergleichbar, die direkt oder indirekt gewählt und festgelegt werden. Mit Herzog (1984) bilden sie die Basis, auf der Theorien entwickelt werden und haben daher regulative Funktionen: „Sie beeinflussen die Sprache, in der ihre Anhänger über Psychisches sprechen, die Theorien, in denen sie Psychisches erklären und die Methoden, mittels derer sie Psychisches erforschen“ (Herzog, 1984, zitiert nach Hagehülsmann, 1984, S. 14). Darüber hinaus beeinflussen Menschenbilder die Wahl und Priorität bestimmter Problemsichten sowie das Ausmaß, in dem konkrete Theorien für den Menschen und die Gesellschaft relevant werden. Sie treten als „Leitlinie für die Praxis“ auf und können, so Heinrich Hagehülsmann (1984), „auch aus bestimmten Merkmalen der Praxis erschlossen werden“ (S. 14). Psychotherapeutische Menschenbilder beinhalten mit Hagehülsmann (vgl. 1984, S. 22–32) Grundannahmen aus verschiedenen Bereichen:
•Grundverständnis der Person: Persönlichkeit
•Grundausstattung der Person: z. B. Genetik vs. Sozialisation/Erziehung
•Entwicklungstheorien
•Persönlichkeit des gestörten Menschen
•Spezifische Bedingungen des therapeutischen Feldes: wissenschaftstheoretische Analyse
•Ziele, Inhalte und Dimensionen therapeutischer Behandlung
•Diagnostische Konzepte
•Spezifische Krankheitslehre
•Praxeologie: Behandlungsmethodik
•Therapeutische Beziehung
•Therapeutisches Setting
•Spezifische Formen und Techniken
Die Aussagen zu den Grundannahmen der jeweiligen Menschenbilder können mit Hagehülsmann (1984, S. 14) auch als „Modelle des Menschen“ oder „Menschenmodelle“ verstanden werden, die unser Verhalten als Mensch und PsychotherapeutIn steuern. Herzog (1984, zitiert nach Hagehülsmann, 1984, S. 14–17), spricht von folgenden Funktionen von Modellen: Sie sind erkenntnisleitend und nicht begründend; sie haben eine repräsentierende, heuristische, illustrierende und konstituierende Funktion und lassen sich empirisch nicht belegen, weshalb man sie nur im Vergleich zu anderen Modellen infrage stellen kann – und dies auch Merkmal einer kritischen Reflexion im Sinne einer Überprüfung ist.
Menschenbild in der Integrativen Gestalttherapie
„Keine Theorie entspringt voll ausgereift dem Kopf ihres Schöpfers, und Gestalttherapie macht da keine Ausnahme“ (Polster & Polster, 2002, S. 101). Wie bereits herausgearbeitet, enthalten Menschenbilder Überzeugungen, die eine hohe persönliche Gültigkeit haben und aus der individuellen Lebenserfahrung entstandene persönliche Konstruktionen und Interpretationen der Welt sind (vgl. Fahrenberg, 2012, S. 93). Wenn wir von Menschenbildern in der Psychotherapie sprechen, stehen dahinter immer Menschen, von denen diese Bilder ursprünglich entwickelt, geprägt und später auch wieder verändert wurden, deshalb richtet sich der Blick – bevor das Menschenbild der Integrativen Gestalttherapie skizziert wird – auf die Sozialisationsbedingungen und Biografien der SchulengründerInnen.
Historische, kulturelle und persönliche Einflüsse auf das integrativgestalttherapeutische Menschenbild
Die jeweiligen Sozialisations- und Lebenserfahrungen im gesellschaftlichhistorischen Kontext von SchulengründerInnen prägen immer auch das Zustandekommen eines Menschenbildes in der Psychotherapie: Viele Überzeugungen und Werte haben dort ihren Ursprung. Daher erscheint es wichtig, sich mit den Biografien und Sozialisationsbedingungen der SchulengründerInnen zu befassen und diese immer wieder kritisch zu hinterfragen, zu diskutieren und gegebenenfalls zu modifizieren. „Wie jeder Mensch, wissenschaftliche Forscher und Praktiker hat auch der Begründer einer Theorie- oder Therapierichtung ein privates Menschenbild, das seine eigene Theoriegenese … beeinflusst“ (Hagehülsmann, 1984, S. 38). Dieses persönliche Menschenbild ist von seinen unbewussten und/ oder bewussten Werthaltungen, erkenntnisleitenden Interessen, vor allem aber seinen Lebenszielen und seinem Lebensplan abhängig, die letztlich auch über sein wissenschaftliches Handeln entscheiden. Damit entpuppt sich die Biografie eines Begründers als erste wesentliche Erkenntnisquelle (Hagehülsmann, 1984). Neben den wissenschaftlichen Fakten werden Theorien auch von „persönlichen Faktoren, vom Zeitgeist sowie von philosophischen Strömungen, die charakteristisch für die jeweilige Kultur sind geprägt“ (Pervin, 2000, S. 36). Hagehülsmann (vgl. 1984, S. 22) betont auch, dass die verschiedenen psychotherapeutischen Modellentwicklungen in den jeweiligen historischen, regionalen, gesellschaftspolitischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und religiösen Kontext eingebunden sind: „Zudem haben wissenschaftliche (philosophische, psychologische, soziologische etc.) Aussagen über den Menschen auch deswegen immer eine politische Dimension, weil sie die bestehenden Verhältnisse entweder zu bestätigen oder zu verändern suchen“ (Hagehülsmann, 1984, S. 22).
Ohne Kenntnis der Geschichte kann es mit Hagehülsmann (1984) „allzu leicht passieren, dass die Gegenwart in einer verzerrten Perspektive gesehen wird, alte Tatsachen und Ansichten für neue gehalten werden und die Bedeutung neuerer Strömungen und Methoden nicht ermessen wird“ (S. 38). Die Biografien von BegründerInnen erteilen auch Auskunft über die sozialen, gesellschaftlichen und politischen Bedingungen, in die sie oder er hineingeboren wurde und die ihren oder seinen Lebensplan mitgeprägt haben: „Sie bilden sozusagen den Figur-Hintergrund späterer Ideen und Werthaltungen“ (Hagehülsmann, 1984, S. 39). Dies analysieren auch George Atwood und Robert Stolorow (1993). Sie skizzieren die Biografien, Sozialisationseinflüsse und Ambivalenzen sowie deren Einfluss auf die Theorien, die SchulengründerInnen entworfen haben und die viele Psychotherapieschulen bis heute prägen. Anhand von Freud, Jung, Reich und Rank wird dargestellt, wie prägend die Sozialisationseinflüsse auf deren Theorie- und Therapieentwicklung (bis heute) wirken: Das jeweilige Verständnis menschlichen Verhaltens gehe immer mit den eigenen begrenzten Erfahrungen einher, daher würden TheoretikerInnen dazu neigen, ihrem eigenen Leben als Hauptquelle für empirisches Material zu vertrauen. Sie würden keine Aussagen entwerfen, die nicht mit den eigenen Lebenserfahrungen einhergingen und an diesen überprüft würden. Eva Jaeggi (vgl. 2011, S. 8) spricht ebenfalls die persönliche Involviertheit jeder in der Wissenschaft tätigen Person an: Die meisten der ernstzunehmenden Bücher seien der Versuch der Autorin oder des Autors, mit einem wichtigen Lebensproblem zurande zu kommen.
Daher muss das Menschenbild der Integrativen Gestalttherapie, wie das jeder anderen Schule, auch im Kontext ihrer Entstehung und der kulturellen, historischen sowie persönlichen Erfahrungen der SchulengründerInnen gesehen werden. Widerstand und Rebellion gegen die Psychoanalyse und das Establishment, traumatische Erfahrungen und persönliche Begegnungen beeinflussten Laura Perls, Fritz Perls und Paul Goodman, wie in aller gebotenen Kürze folgendes Blitzlicht zeigen soll. Interpretationen dieser Sozialisationserfahrungen und deren Einfluss auf die Entwicklung der Integrativen Gestalttherapie bleiben an dieser Stelle aus, weil dazu ein umfassenderes Bild gezeichnet werden müsste, um der Komplexität möglicher Zusammenhänge gerecht zu werden – viele dieser Ausschnitte sprechen aber für sich.
•Fritz und Laura Perls wurden geistig und politisch geprägt durch die „schockartigen Umbrüche, die der erste Weltkrieg und die Weimarer Zeit hervorriefen. Reiche brachen zusammen und mit ihnen die geistigen Legitimationen eines Herrschaftssystems, das auf ererbten Privilegien beruhte. Traditionelle und neu entstandene Ansprüche auf die Gestaltung der Staaten prallten aufeinander“ (Höll, 1999, S. 520).
•Fritz Perls wurde 1893 in Berlin geboren. Sein Vater, ein aus der „unteren Schicht“ stammender Händler für persische Weine, verstand sich als assimilierter Jude, schämte sich seiner Herkunft, trank viel, pflegte Geheimliebschaften und kümmerte sich kaum um seine Familie. Zu Fritz „verhielt sich der Vater, von einigen wenigen freundlichen Intermezzi abgesehen, vorwiegend grob und nannte ihn die meiste Zeit ‚ein Stück Scheiße‘“ (Sreckovic, 1999, S. 19).
•Perls meldete sich 1916 als Sanitätsoffizier beim deutschen Heer, zu diesem Zeitpunkt war er „eher unpolitisch desorientiert“ (S. 20), was sich durch die Erlebnisse im Krieg radikal ändern sollte: „Als Zeuge vieler sinnloser Tötungen, als Zielscheibe faschistisch-antisemitischer Tiraden seiner Vorgesetzten … sowie wegen des Todes seines besten Freundes … begann F. S. Perls ein politisches Bewusstsein zu entwickeln“ (S. 21).
•Im Exil in Südafrika, wo Fritz als Arzt und Psychoanalytiker tätig war, schrieb er mit Laura an einer Erweiterung der Freud‘schen Widerstandstheorie: Sigmund Freud reagierte abweisend, was Fritz schwer enttäuschte. Seine tiefe Betroffenheit verarbeitete Fritz, in dem er sein Unbehagen an der Psychoanalyse in eine systematische Form zu bringen versuchte (vgl. Blankertz & Doubrawa, 2005, S. 202).
•Laura Perls wurde als Lore Posner 1905 in Pforzheim geboren und wuchs in einer jüdischen Juweliersfamilie auf. Ihre Mutter beschrieb Laura als eine sehr gebildete Frau:
Obwohl wir dieselben Interessen und Neigungen hatten … empfand ich eine Menge Geringschätzung für sie, fast Verachtung. Ich denke, das hat damit zu tun, dass sie diesen Hang zum Rückzug hatte. Sie stand nie wirklich für sich selbst ein und machte nicht viel aus ihrer Begabung. Meinem Vater gegenüber, den ich sehr verehrte, spielte sie immer die zweite Geige – wenn überhaupt. (Perls, 1997, S. 29–30)
•In einem Kolloquium lernte Laura Fritz Perls kennen: „Sie folgt ihm auf seinen verschlungenen Lebenspfaden, hält sich jedoch stets im Hintergrund“ (Blankertz & Doubrawa, 2005, S. 212). Ihr Einfluss auf die Theorieentwicklung war enorm, obwohl sie mehrmals darauf verzichtete, als Autorin in Erscheinung zu treten.
•Paul Goodman war jüdischer Abstammung und wurde 1911 in New York geboren. Seinen Lehrerposten an der University of Chicago und weiteren Institutionen verlor er, weil er seine Bisexualität als sein Recht und als pädagogisch sinnvoll proklamierte (vgl. Blankertz & Doubrawa, 2005, S. 131).
•Blankertz und Doubrawa (2005) schreiben über Paul Goodman:
Aus den Elementen Literatur, akademische Bildung und Erfahrung als Deklassierter
