Spieglein, Spieglein - Sandra Grauer - E-Book

Spieglein, Spieglein E-Book

Sandra Grauer

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Beschreibung

Ein schicksalhafter Fall stellt die Friedrichshafener Kommissarin Katharina Danninger auf eine harte Probe. Während ein Model-Casting in einer Luxusvilla in Meersburg auf Hochtouren läuft, wird ihre Zwillingsschwester Katja, das Gesicht der Show, Opfer eines Giftanschlags. Für Katharina steht schnell fest: Der Täter stammt aus dem direkten Umfeld der Produktion. Hinter dem schönen Schein zwischen Bodenseeufer und Altstadtgassen brodeln Eifersucht, Intrigen und dunkle Geheimnisse. Um die Wahrheit ans Licht zu bringen, wagt Katharina ein riskantes Spiel …

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Seitenzahl: 377

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Sandra Grauer

Spieglein, Spieglein

Ein Bodensee-Krimi

Zum Buch

Showdown Ein schicksalhafter Fall stellt das Leben der Friedrichshafener Kriminalkommissarin Katharina Danninger auf den Kopf: Eigentlich wollte sie nur ihre Tochter Emily zu einem regionalen Model-Casting begleiten – doch dann wird ihre Zwillingsschwester Katja, ein international bekanntes Model und das Gesicht der Show, Opfer eines heimtückischen Giftanschlags. Katharina übernimmt die Ermittlungen und vermutet den Täter im direkten Umfeld der luxuriösen Modelvilla in Meersburg, wo sie auf ein Netz aus Eifersucht, Neid und Intrigen stößt. Hinter den glänzenden Fassaden am Bodenseeufer lauern Täuschung und dunkle Geheimnisse, die tief in die Vergangenheit reichen. Je weiter Katharina in diese glitzernde Scheinwelt vordringt, desto deutlicher wird: Niemand ist, wer er zu sein vorgibt. Und je näher sie der Wahrheit kommt, desto gefährlicher wird ihre Suche.

Sandra Grauer, Jahrgang 1983, arbeitete als Diplom-Übersetzerin, PR-Redakteurin und Journalistin, bevor sie sich vollständig der Schriftstellerei verschrieben hat. Seitdem sind von ihr mehrere erfolgreiche Jugendbücher und Liebesromane erschienen. Während sie zehn Jahre in Baden-Württemberg lebte, schloss sie insbesondere den Bodensee in ihr Herz und machte ihn zum Schauplatz ihrer atmosphärischen Krimireihe rund um Kriminalkommissarin Katharina Danninger.

Impressum

Dieses Werk wurde vermittelt durch die litmedia.agency, Germany.

Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Ricarda Dück

Satz/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Volker Loche / stock.adobe.com

ISBN 978-3-7349-3636-4

Widmung

Für Christian, ohne den ich dieses Buch nicht hätte schreiben können

Für Betty und Niklas

Prolog

Samstag, 14. April

»Sorpresa!«, rief Simona und stieß die Tür zu seinem Büro auf.

Es war schon spät am Samstagabend, und er musste arbeiten. Die Firma wollte einen großen Marketing-Auftrag an Land ziehen – Genaueres durfte er ihr leider noch nicht verraten, auch wenn sie so eine Ahnung hatte –, und seine Aufgabe war es, für Montag die Präsentation vorzubereiten. Wie immer war er zu spät dran, doch ausnahmsweise einmal störte es sie nicht, denn sie war ohnehin mit ihrer Freundin Giuliana in Heidelberg verabredet. Simona wollte nur schnell auf einen Sprung vorbeischauen und ihm etwas zu essen bringen. So, wie sie ihn kannte, hatte er sich nicht die Zeit genommen, um sich etwas zu organisieren.

Im Büro war es dunkel, und Simona brauchte einen Moment, bis sich ihre Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnten und sahen, was ihr Verstand anhand der eindeutigen Geräusche längst wahrgenommen hatte: Er stand nackt hinter seinem Schreibtisch und befummelte seine Vorzimmerdame, die ebenfalls nackt über dem Tisch lehnte. Nun stoben sie auseinander. Seine Sekretärin schnappte sich ihre auf dem Boden verteilten Klamotten und hastete mit einer gemurmelten Entschuldigung an Simona vorbei aus dem Büro. Simona stand da und starrte ihren nackten Freund an, der sich hastig seine dunkle Anzughose überstreifte.

»Was machst du denn hier? Habe ich dir nicht gesagt, dass ich arbeiten muss?«

Simonas Starre löste sich und verwandelte sich in Wut, und dieses Mal versuchte sie gar nicht erst, das Temperament, das sie von ihrer italienischen Mutter geerbt hatte, zu unterdrücken. Mit voller Wucht schleuderte sie die Pappschachtel vom Chinesen nach ihm. Er duckte sich, und die Schachtel flog gegen die große Fensterfront, durch die man den Rhein und die beleuchtete Skyline von Mannheim sehen konnte. Mit einem schmatzenden Geräusch landete das Essen auf dem teuren Parkett, nur einige gebratene Nudeln blieben an der Glasscheibe kleben.

»Arbeiten? Willst du mich verarschen?«, schrie Simona ihn an.

Er zuckte weder zusammen, noch blickte er schuldbewusst drein. »Reiß dich bitte zusammen, Simona. Wir können das Ganze doch wohl wie zwei zivilisierte Menschen besprechen.«

Rasend vor Wut sah sie sich nach weiteren Gegenständen um, die sie nach ihm werfen konnte. Unterdessen war er zu ihr gekommen und packte sie an beiden Schultern.

»Denk nicht mal dran, Liebling, oder ich werde dich vom Sicherheitsdienst aus dem Gebäude schmeißen lassen müssen.«

»Du willst mich rausschmeißen?«, fragte sie herausfordernd.

»Von Wollen kann nicht die Rede sein, aber wenn du mir keine andere Wahl lässt … Du hörst wie immer nicht richtig zu, mein Herz. Wir haben zum Beispiel nie darüber geredet, dass das zwischen uns exklusiv ist.«

»Ist das dein Ernst?«, brüllte sie und trommelte mit ihren Händen auf seine Brust ein, woraufhin er ihre Handgelenke fest zwischen seine nahm.

»Denk doch mal nach, Simona. Hast du wirklich geglaubt, ich würde dich irgendwann meinen Geschäftspartnern vorstellen? Du bist ein Erstsemester!« Er sagte es, als wäre es ein Schimpfwort. »Dank mir hast du viele Annehmlichkeiten erfahren – die teuren Restaurants, die Kurztrips an den Lago Maggiore und nach Venedig. Und darf ich dich an das Valentino-Kleid erinnern, das du dir ohne mich gar nicht hättest leisten können? Also, sei zufrieden oder verschwinde aus diesem Büro und aus meinem Leben.«

»Porca miseria! Ich lass mich doch von dir nicht wie eine Hure behandeln!« Simona riss sich los und stieß ihn von sich. »Pass lieber auf, was du sagst, denn ich weiß einiges über dich, was dein Boss sicher nicht so gern hören würde. Schlechte PR gibt es ja angeblich nicht, aber ich glaube kaum, dass ein Mitarbeiter mit einer Vorliebe für perverse Pornos gut fürs Geschäft ist.«

Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. »Droh mir nicht, Simona, oder du wirst es bereuen. Das schwöre ich dir. Wenn du meine Karriere ruinierst, ruiniere ich dich!«

»Stronzo! Versuch es doch. Im Gegensatz zu dir habe ich mir nie was zuschulden kommen lassen.«

Simona machte auf dem Absatz kehrt und ließ ihn und sein Büro hinter sich. Sie drehte sich nicht mehr um, und er rief ihr keine wüsten Beschimpfungen hinterher. Das war nicht sein Stil. Er fand andere Wege und Mittel, wenn ihm etwas nicht passte.

Der Mann am Empfang verabschiedete sie freundlich, doch sie lief einfach weiter und stieß die Eingangstür auf. In den wenigen Minuten, in denen sie drinnen gewesen war, hatte es zu regnen begonnen, und sie rannte zu ihrem Auto. Sie setzte sich hinein und nahm ein paar tiefe Atemzüge, bevor sie das Fenster ein Stück weit öffnete und das Radio ausschaltete, weil ihr das Gedudel auf die Nerven ging. Sie schickte eine Sprachnachricht an Giuliana, in der sie ihr abgehackt berichtete, was passiert war, dann fuhr sie los. Kaum hatte sie das Mannheimer Ortsschild passiert, kamen die Tränen; gleichzeitig stieg sie aufs Gas. Die Umgebung raste an ihr vorbei, und ihre Gedanken und Gefühle spielten verrückt. Sie wollte nicht an ihn denken. Deshalb kurbelte Simona das Fenster noch weiter herunter, woraufhin ihr kalte Nachtluft zusammen mit dicken Regentropfen ins Gesicht peitschte, und deshalb schaltete sie auch das Radio wieder ein. Ein alter Song von Nena lief, zu dem sie zusammen mit Giuliana schon oft im Schwimmbadmusikclub getanzt hatte. Simona schaltete das Radio noch lauter, um sich abzulenken, doch sie konnte weder aufhören, an ihn zu denken, noch die Tränen zurückhalten, die ihr weiterhin über das Gesicht liefen. Sie hasste sich dafür. Er war es nicht wert, dass sie um ihn weinte. Wütend wischte sie sich mit dem Handrücken über die Augen und hinterließ eine Spur aus verlaufener Wimperntusche.

Wie konnte er ihr das antun? Sie hatte geglaubt, er würde sie lieben. Er hatte gesagt, dass er sie liebte. Eine Woche war es erst her, dass er sie in ein schickes Restaurant ausgeführt und vor den Kellnern damit geprahlt hatte, dass seine Freundin die schönste im ganzen Land sei. Niemals hätte sie geglaubt, dass sie nur sieben Tage später würde mitansehen müssen, wie er seine Vorzimmerdame befummelte, die vom Aussehen her nicht nur einer jungen Heidi Klum ähnelte, sondern zu allem Überfluss auch noch sehr nett und intelligent war.

Giuliana hatte Simona gleich gewarnt, sie solle sich nicht auf ihn einlassen. Er war viel älter als sie und verkehrte in ganz anderen Kreisen, doch sie hatte ja mal wieder nicht hören wollen. Und nun bekam sie die Quittung für ihre Besserwisserei, mit der sie ihre Mutter schon zu Kinderzeiten auf die Palme gebracht hatte. Simona schluchzte laut auf. Tränen verschleierten ihr die Sicht, und gleichzeitig trommelte der Regen immer heftiger auf die Windschutzscheibe, sodass sie den Scheibenwischer höher einstellen musste. Das Fenster kurbelte sie wieder nach oben, sodass nur noch ein kleiner Spalt offen blieb. Sie fuhr gerade an Schwetzingen vorbei, es war also zum Glück nicht mehr weit bis nach Kirchheim, dem Stadtteil in Heidelberg, in dem Giuliana in einer Studenten-WG wohnte.

Plötzlich geriet der Renault Twingo auf der nassen Landstraße ins Schlingern. Simonas Herz hämmerte wild gegen ihren Brustkorb. Fast schon schmerzvoll klammerte sie sich ans Lenkrad, um den Twingo gerade zu halten, und der Wagen beruhigte sich wieder. Ihr Herz brauchte länger, um zurück zu seinem Rhythmus zu finden. Simona drosselte das Tempo, denn sie hatte keine Lust, seinetwegen von einem Baum gekratzt werden zu müssen. Er war es nicht wert.

Ein Auto näherte sich mit rasender Geschwindigkeit von hinten und bremste für Simonas Geschmack viel zu spät ab. Mit Lichthupe gab der Fahrer des schwarzen Audi ihr zu verstehen, was er von ihr hielt, bevor er sie überholte.

»Cretino!«, rief sie ihm hinterher und drückte ein paar Mal auf die Hupe.

Der Fahrer störte sich nicht daran, und der Audi verschwand in der Dunkelheit, als gehörte die Straße ihm allein. Simona schüttelte den Kopf und behielt ihr Tempo bei. So weit kam es noch, dass sie sich diktieren ließ, wie sie zu fahren hatte. Bei den Wetterverhältnissen war es Wahnsinn, so zu rasen, auch wenn die Bundesstraße an dieser Stelle keine großen Schlenker machte. Aber ihr Auto war immerhin schon etwas älter als der Audi, der sie überholt hatte. Der Twingo ging schon fast als Oldtimer durch.

Simona wurde erneut überholt, dieses Mal von einem blauen Renault und ohne großes Tamtam. Sie überlegte gerade, ihre Mutter anzurufen, als der Wagen vor ihr plötzlich abrupt bremste. Simona stieg ebenfalls auf die Bremse und verlor erneut die Kontrolle über das Fahrzeug. Dieses Mal gelang es ihr nicht, den Wagen abzufangen. Er kam von der Straße ab und raste auf einen Baum zu.

Dio mio!, war das Letzte, das Simona durch den Kopf schoss.

Sechs Tage vorher

Kapitel 1

Sonntag, 8. April

Katharina spürte Übelkeit aufsteigen und drosselte das Tempo. Möglicherweise hatte sie es mit dem Joggen oder dem Endspurt etwas übertrieben. Oder sie hatte zu wenig getrunken, denn für Anfang April schien die Sonne bereits ziemlich kräftig vom Himmel, und dabei war es noch früh am Vormittag.

Ihr Haus kam in Sicht, es waren nur noch ein paar Meter, und Katharina zog das Tempo wieder an. Das schaffe ich jetzt auch noch, sagte sie sich und sprintete über die Straße. Doch kaum hatte sie die andere Seite erreicht, wurde ihr schummerig vor Augen. Die Übelkeit erreichte ihren Höhepunkt, und Katharina schaffte es mit letzter Mühe gerade noch zum akkurat angelegten Geranienbeet ihrer Mutter, bevor sie sich übergeben musste. Zittrig ließ sie sich auf der Mauer nieder, die den Vorgarten ihrer Mutter von ihrem eigenen Vorgarten abtrennte, in dem Tulpen, Hyazinthen und Osterglocken wild durcheinander wuchsen. Immerhin das Unkraut hatte Emily erst am Vortag herausgerupft, was absolut untypisch für Katharinas Tochter war.

Katharina wischte sich mit dem Handrücken die Schweißperlen von der Stirn und überlegte, wie sie das Ganze ihrer Mutter erklären sollte, als diese plötzlich die Tür zu ihrem Haus öffnete und nach draußen trat.

Maria hatte sich wie jeden Sonntag besonders hübsch zurechtgemacht. Sie trug eine hellblaue Schluppenbluse zu einer cremefarbenen Hose und dazu passenden Pumps. An ihrem Arm baumelte eine Handtasche in elegantem Schwarz, die ihr fast zu Boden glitt, als sie das Malheur in ihrem Blumenbeet entdeckte. Einen Moment entgleisten ihr die Gesichtszüge, als sie zu Katharina blickte, doch sie hatte sich schnell wieder unter Kontrolle.

»Das heißt dann wohl, dass du mich wieder mal nicht zum Gottesdienst begleitest. Eine Schande. Pfarrer Peters’ Predigt ist äußerst gelungen.«

»Heute wird leider nichts daraus«, stimmte Katharina zu. Zwar ging die Übelkeit schlagartig zurück, doch jetzt stand ihr der Sinn überhaupt nicht nach Kirche. Sie hatte bisher weder geduscht noch gefrühstückt, und außerdem war heute Emilys letzter freier Tag, bevor morgen die Schule wieder losgehen würde.

Maria atmete übertrieben laut aus. »Na, wenigstens seid ihr an Ostern mitgegangen. Weißt du, Katharina, das wird langsam wirklich unangenehm für mich, immerhin wohnst du nun schon fast ein Jahr wieder hier am See. Und wie oft warst du in den letzten Monaten in der Kirche? Anfangs habe ich es ja noch verstanden, wenn du stattdessen lieber das Haus eingerichtet hast, und dann seid du und Hubert auch noch von einem Fall in den nächsten gestolpert. Aber momentan hast du weder einen Fall noch eine Ausrede.«

»Entschuldige, Mutter, vielleicht ist es dir entgangen, aber ich habe mich gerade in dein Blumenbeet übergeben. Außerdem möchte ich zusammen mit meiner Tochter einen schönen letzten Ferientag verbringen.«

»Es gibt keinen Grund, warum Emily nicht ebenfalls mitkommen sollte. Hannelores Tochter begleitet sie jeden Sonntag zum Gottesdienst, und sogar die gerade einmal fünfjährige Enkelin ist dabei. Und nein, mir ist nicht entgangen, was du mit meinen Geranien angestellt hast.« Maria rümpfte die Nase.

Seufzend schob sich Katharina von der Mauer. »Es tut mir leid, das war keine Absicht. Und was den sonntäglichen Kirchgang angeht: Du weißt, wie ich dazu stehe. Bestell Pfarrer Peters schöne Grüße.« Um sich auf keine weitere Diskussion einzulassen, stieg Katharina schnell die Stufen zu ihrem Haus nach oben und verschwand im Inneren.

Als ihr Vater vor elf Jahren gestorben war, hatten ihre Zwillingsschwester Katja, sie selbst und ihre Mutter völlig unterschiedlich auf die Tragödie reagiert. Maria war schon immer gläubig gewesen, und der Glaube an Gott hatte ihr geholfen, diese schwere Zeit zu überstehen. Damals hatte sie damit angefangen, dem Pfarrer beim Schreiben seiner Predigten zu helfen. Sie hatte sich mehr denn je bei den Landfrauen engagiert, Kirchenbasare organisiert und den Garten völlig neu angelegt. Katharina und ihre Schwester hatten sich zwar ebenfalls in die Arbeit gestürzt, aber Katharinas Glaube an Gott war erschüttert worden. Innerhalb eines Jahres hatte sie ihren Vater und ihren Ehemann verloren. Ihr Vater war bei einem Routineeinsatz von einem Junkie erschossen worden, und Daniel hatte sie mit einer anderen betrogen, als sie ihn am dringendsten gebraucht hätte. Dazu kam das Leid, das sie Tag für Tag während ihrer Arbeit mitansehen musste. Das brachte ihr Beruf nun einmal mit sich, und abgesehen davon war ihr Gerechtigkeitssinn schon in jungen Jahren extrem ausgeprägt gewesen. Wie sollte sie unter diesen Umständen noch an eine höhere Macht glauben?

Aus der Küche drang Lachen zu ihr in den Flur. Emily und Daniel schienen inzwischen aufgestanden zu sein und herumzualbern. Ein warmes Gefühl breitete sich in Katharinas Bauch aus und vertrieb nun endgültig die Übelkeit. Sie war froh, dass sie es endlich geschafft hatte, Daniel zu verzeihen. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, musste sie sich eingestehen, dass sie in all den Jahren nie aufgehört hatte, ihn zu lieben. Und er machte nicht nur sie glücklich, sondern auch Emily. Sie war viel umgänglicher geworden, seit ihr Vater wieder eine größere Rolle in ihrem Leben eingenommen hatte, und Katharina bereute nicht zum ersten Mal, dass sie ihre Tochter in so jungen Jahren aus ihrem Umfeld herausgerissen hatte. Damals war es ihr richtig vorgekommen, ihre Heimat zu verlassen und nach Mannheim zu ziehen, doch im Nachhinein fragte sie sich oft, ob es nicht besser gewesen wäre, mit Emily am See zu bleiben. Weglaufen war selten die richtige Entscheidung.

Katharina stieß sich von der Haustür ab, gegen die sie sich kurz gelehnt hatte, und verschwand im Gäste-WC, um sich Hände und Gesicht zu waschen und den Mund auszuspülen. Anschließend machte sie sich auf den Weg Richtung Küche, doch auf halbem Weg blieb sie überrascht stehen: Der Esszimmertisch im Wohnzimmer war für ein ausgiebiges Frühstück gedeckt. Es gab Brötchen und Croissants, diverse Aufstriche und Säfte, Joghurt und frisches Obst. Dazu war der Tisch mit dem Porzellan für feierliche Anlässe eingedeckt, es gab ein Tischtuch mit Blumendekor, und in der Mitte stand ein riesiger Blumenstrauß. Katharina schmunzelte, denn sie war sich sicher, die Blumen gestern noch im Garten gesehen zu haben.

Sie wollte in die Küche gehen, aus der es herrlich nach Rührei und Kaffee duftete, als Emily und Daniel zu ihr ins Wohnzimmer kamen. Emily trug die Kaffeekanne, Daniel die Schüssel mit dem Rührei, das mit Schnittlauch und Petersilie aus Marias Kräutergarten garniert war.

»Ach, du bist ja schon zurück.« Daniel stellte die Schüssel auf dem Tisch ab und kam zu ihr, um ihr einen Kuss zu geben. »Warum hast du mich nicht geweckt? Ich wäre doch mit dir gelaufen. Ein bisschen Bewegung könnte mir auch nicht schaden.«

Katharina biss sich auf die Lippe, um nicht zu sagen, dass sie letzte Nacht eigentlich genug Bewegung gehabt hatten. Vor Emily musste das nun wirklich nicht sein. »Du hast noch so friedlich geschlafen, deshalb habe ich es nicht übers Herz gebracht. Außerdem hätte ich dann auf dieses herrliche Frühstück verzichten müssen. Danke, das sieht wunderbar aus.«

Daniel hob abwehrend die Hände. »Ich würde ja gern die Lorbeeren dafür einheimsen, aber da darfst du dich einzig und allein bei unserer Tochter bedanken. Sie hatte schon alles so gut wie fertig, als ich aus dem Bad nach unten kam.«

Katharina sah überrascht zu Emily, die verlegen lächelte. »Wirklich? Womit habe ich das verdient? Muttertag ist doch erst in ein paar Wochen.«

»Na hör mal. Kann ich meiner Mama nicht einfach mal was Gutes tun, so zum Abschluss der Ferien?« Emily stellte die Kaffeekanne auf dem Tisch ab und nahm Platz.

»Erwartest du eine ehrliche Antwort?« Katharina ging hinüber zur großen Fensterfront, um die Terrassentür aufzuschieben. Eine angenehme Brise wehte herein und brachte die hellen Vorhänge zum Flattern. »Sei mir nicht böse, Schatz, aber erst das Unkrautzupfen und jetzt dieses besondere Frühstück … Das ist sonst eher nicht deine Art, also verzeih mir, wenn ich dahinter etwas vermute.«

Emily sah hilfesuchend zu Daniel, der mit den Schultern zuckte. »Schau mich nicht so an, Motte. Deine Mutter ist Kriminalkommissarin. Es war klar, dass sie den Braten sofort riecht.«

Katharina zog die Augenbrauen hoch und ging zurück zu den beiden. »Was ist hier eigentlich los?«

Nervös spielte Emily an ihren Fingernägeln herum. »Ich hatte eigentlich gehofft, dass wir erst mal in Ruhe essen können, damit deine Laune besser wird. Ich weiß ja, wie du bist, wenn du Hunger hast.«

Katharina verkniff sich jeden Kommentar, denn ganz unrecht hatte ihre Tochter nicht, und in den letzten Wochen war es noch schlimmer gewesen als sonst. Sobald ihr Blutzuckerspiegel sank, ging auch ihre Laune in den Keller, und dabei gab es dafür gerade überhaupt keinen Grund. Alles schien perfekt zu sein. Okay, abgesehen von dem Verhältnis zu ihrer Mutter, das leider immer noch nicht besser geworden war. Aber mit der Zeit würde sich auch das hoffentlich regeln.

»Ist was passiert? Hast du was angestellt?«, fragte Katharina.

Emily schüttelte den Kopf. »Ich schwöre dir, es ist nichts Schlimmes.«

Katharina holte tief Luft, bevor sie sich ebenfalls an den Tisch setzte. »Gut, dann lasst uns erst mal essen. Ich hab einen Mordshunger.«

Emily wirkte erleichtert und schenkte allen Kaffee ein, während Daniel das Rührei verteilte und sich Katharina ein Körnerbrötchen nahm. Je länger sie beisammensaßen, desto mehr entspannte sie sich. Genau so hätte der Sonntagmorgen schon immer sein sollen, und es gab keinen Grund, ihn zu ruinieren, indem sie über etwas grübelte, das sie vermutlich ohnehin nicht würde ändern können – zumal sie ja nicht einmal wusste, worum es überhaupt ging.

Nachdem sie aufgegessen hatten, räumte Emily den Tisch ab und lehnte jede Hilfe ab. Nur die Blumen und den Kaffee ließ sie stehen. Schließlich setzte sie sich zurück zu ihren Eltern und überreichte ihrer Mutter einen Umschlag, den sie aus der Küche mitgebracht hatte.

»Der ist gestern gekommen. Bitte, sag nicht gleich Nein.«

Neugierig holte Katharina den Brief heraus und faltete ihn auseinander. Schon ein kurzer Blick darauf genügte, um zu wissen, was los war. Daher wehte also der Wind. Katharina seufzte.

»Bevor du etwas sagst«, begann Daniel einfühlsam. »Ich bin dafür, dass wir es Emily erlauben.«

Katharina antwortete nicht sofort, obwohl sie wusste, dass sie aus der Nummer nicht mehr herauskam. Bereits Anfang des Jahres hatten sie eine lange Diskussion über das Für und Wider der ganzen Sache geführt. Zu dem Zeitpunkt hatte der überdimensionierte Weihnachtsbaum noch im Wohnzimmer gestanden, und draußen war alles mit einer dicken Schneeschicht bedeckt gewesen.

Katharina war von Anfang an dagegen gewesen, dass Emily bei der Sache mitmachte, doch nachdem die ganze Familie auf sie eingeredet hatte und Emily am Ende die Du-hast-mich-zweimal-aus-meinem-kompletten-Umfeld-gerissen-Karte ausgespielt hatte, war Katharina eingeknickt. Ehrlich gesagt hatte sie gehofft, dass Emilys Bewerbung aussortiert werden würde oder es Bedenken von Seiten der Veranstalter gab, weil Emilys Tante ebenfalls involviert sein würde. Dann hätte sich das Ganze von allein erledigt, doch nun hielt sie die Zusage in der Hand. Bereits in zwei Wochen startete die Model-Casting-Show, die ein regionaler Fernsehsender am Bodensee veranstaltete und bei der Katharinas Schwester Katja als Gesicht der Show und Mentorin für die Nachwuchsmodels fungieren würde. Und Emily hatte die Chance, eines dieser Models zu sein.

»Bitte, Mama«, sagte Emily flehend, und allein diese Worte reichten, um Katharina zur Zustimmung zu bewegen. Noch vor wenigen Monaten hätte Emily trotzig reagiert und wäre sofort in Angriffsstellung gegangen, doch sie hatte sich verändert. Der Umzug und der neue Freundeskreis, die Sache mit ihrer Freundin Franziska im letzten Herbst, die beinahe einem Loverboy zum Opfer gefallen wäre, oder der neu erwachte Kontakt zu ihrem Vater – was auch immer der Auslöser war, Emily war nicht länger dieselbe. Mit ihren sechzehneinhalb Jahren fing sie an, erwachsen zu werden.

»Okay«, sagte Katharina also, doch Emily redete einfach weiter.

»Weißt du, du musst mir auch einfach mal vertrauen. Ich werde weder magersüchtig noch größenwahnsinnig. Mir ist klar, dass dir das Modeln keinen Spaß gemacht hat, und das ist auch in Ordnung, aber ich würde es wirklich, wirklich gern probieren. Bitte, Mama. Ich verspreche dir, dass die Schule und meine anderen Pflichten nicht darunter leiden werden. Und im besten Fall …«

»Emily, es ist okay«, sagte Katharina erneut. »Du darfst mitmachen.«

Emily starrte ihre Mutter an. »Ist das dein Ernst? Du sagst nicht Nein?«

»Ich gebe dir meinen Segen, aber …«

»Hab ich’s doch gewusst«, murmelte Emily und verschränkte nun doch die Arme vor der Brust. »Jetzt kommst du mit irgendwas, was ich niemals werde erfüllen können.«

Katharina schmunzelte. »Ich glaube nicht, dass das ein Problem darstellen wird. Meine einzige Bedingung ist, dass wir uns einen schönen Tag am See machen und ich dich am Ende zu einer Pizza und einem kleinen Eisbecher einladen darf.«

Emily sah zu ihrem Vater, der ihr zunickte. »Glückwunsch, Motte, ich bin stolz auf dich. Und ich hab dir doch gesagt, dass deine Mutter nicht widersprechen wird, wenn du ihr ein bisschen was Gutes tust.«

Katharina verdrehte die Augen. Schon hatten sich Vater und Tochter gegen sie verbündet, doch sie konnte den beiden nicht böse sein, und nun schien auch Emily zu begreifen, dass sie bald tatsächlich Modelerfahrung würde sammeln können. Sie stieß einen Freudenschrei aus, lief um den Tisch herum und fiel ihrer Mutter um den Hals.

»Danke, Mama. Bei der Pizza bin ich gern dabei, aber was den Nachtisch angeht …«

Emily redete nicht weiter, und Katharina unterdrückte ein Seufzen. Schon fing das Mädchen an, auf die Figur zu achten. »Was ist damit?«

»Ich hätte gern einen großen Eisbecher mit extra viel Schokoladensoße.«

Katharina lachte. »Das ist meine Tochter.«

*

Montag, 9. April

Hubert betrachtete seine Patentochter überrascht. Wie immer trug er Hosenträger, und eine Wolke Pfeifenrauch umgab ihn, obwohl die Fenster sperrangelweit offenstanden. »Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt. Du hast wirklich Ja gesagt?«

Katharina nickte und sah nur kurz von den Akten auf, die sie seit Tagen sortierte. Da sie momentan nichts zu tun hatten, blieb Zeit für den ganzen Papierkram, den sie allesamt sonst gern vor sich herschoben. Auch Katharina hasste diese Art der Arbeit, sie war lieber auf der Straße unterwegs, aber sie sah durchaus das Positive an der ganzen Sache. Schließlich war es gut, dass sie derzeit keinen Mörder zu jagen hatten.

»Dann heißt es wohl in zwei Wochen: Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?« Hubert lachte.

»Findest du das etwa lustig?«

»Du nicht? Warum hast du es Emily dann erlaubt?«

»Weil sie es mir nie verziehen hätte, wenn ich ihr diese Chance vermasselt hätte, und das kann ich auch verstehen.«

»Dann hast du deine Meinung zu dem ganzen Modethema also nicht geändert? Der plötzliche Sinneswandel hätte mich auch gewundert.« Hubert marschierte zur Kaffeemaschine, um sich eine weitere Tasse einzuschenken. Es war bereits die dritte, die er allein innerhalb dieser vier Wände trank, und es war gerade einmal zwölf Uhr.

Katharina zuckte mit den Schultern. »Es ist nach wie vor nicht meine Welt, war es nie, und dort lauern auch viel zu viele Gefahren für ein junges Mädchen. Essstörungen und Drogensucht, um nur zwei Beispiele zu nennen. Außerdem soll Emily lernen, sich so zu akzeptieren, wie sie ist, und nicht ständig einem Schönheitsideal hinterherlaufen.«

»Also entschuldige, wenn ich dich unterbreche, aber hat sich das nicht alles geändert? Mittlerweile gibt es doch auch zu klein geratene Models, Models mit Pigmentstörungen und sogar dicke Models.«

Katharina verdrehte die Augen. »Curvy Modelsheißt das. Und seit wann hast du Ahnung von dem Business?«

Hubert zuckte mit den Schultern. »Lebe ich hinter dem Mond? Das kriegt man doch mit, sobald man den Fernseher einschaltet.«

»Das stimmt allerdings, und vielleicht hast du recht. Möglicherweise ist jetzt die beste Gelegenheit für Emily, um das Ganze auszuprobieren. Mir behagt bloß der Gedanke nicht, dass sie für die Zeit der Show in eine Modelvilla in Meersburg ziehen muss. Mädchen in dem Alter können untereinander sehr grausam sein, und wenn es dann noch um Konkurrenzdenken geht …«

Hubert winkte ab und ging zurück zu seinem Schreibtisch, wo er sich auf seinen Stuhl plumpsen ließ. »Ach, Katja wird schon ein Auge auf ihre Nichte haben, und Emily ist nun wirklich keins der Mädchen, die sich alles gefallen lassen. Also mach dir keinen Kopf.«

Katharina nickte. Sicher hatte ihr Chef auch in dem Punkt recht. Katja würde nicht zulassen, dass sich die Mädchen gegenseitig fertigmachten, und sie würde Emily beschützen, als wäre sie ihre eigene Tochter. Daran bestand kein Zweifel. Demnach gab es wirklich keinen Grund, sich verrückt zu machen.

Katharina klappte den Aktenordner vor sich zu, nachdem sie den letzten Ausdruck eingeheftet hatte, und wollte ihn gerade zurück in den Schrank stellen, als Nina Baum das Büro betrat. Beide Frauen blieben stehen; Nina biss sich auf die Unterlippe. Ihre Haare trug sie inzwischen schulterlang, auch wenn sie diese heute zu einem unordentlichen Pferdeschwanz zusammengenommen hatte. Es sah süß aus, doch jetzt, wo sie Katharina erblickte, schien sie sich damit unwohl zu fühlen. Unsicher strich sie sich über die Haare.

Katharina unterdrückte ein Seufzen. Es war ihre Schuld, dass die Stimmung zwischen ihnen beiden so seltsam war. Nina und Daniel hatten etwas miteinander angefangen, nachdem Katharina beiden gesagt hatte, dass die Sache zwischen ihr und Daniel ein für alle Mal vorbei sei. Und dann war sie doch dazwischengegrätscht und hatte sich ihren Exmann zurückgeholt. Die Beziehung zwischen ihm und Nina war zwar erst in den Anfängen gewesen, doch Nina war schon länger in Daniel verknallt, weshalb sie das alles ziemlich mitgenommen hatte. Nach außen hin versuchte sie, sich stark und unbeteiligt zu geben, doch damit konnte sie Katharina nicht täuschen.

»Mahlzeit! Was können wir für dich tun?«, fragte Hubert in die Stille hinein.

»Ich wollte eigentlich nur fragen, ob ihr mich noch braucht, ansonsten würde ich ein paar Überstunden abbauen, statt in die Pause zu gehen. Ich finde beim besten Willen nichts mehr, um Zeit totzuschlagen.« Sie machte ein erschrockenes Gesicht, als ihr aufging, was sie gerade gesagt hatte. »Wobei das natürlich nicht heißen soll, dass ich in den letzten Tagen nichts Sinnvolles getan hätte. Es ist nur …«

Schmunzelnd winkte Hubert ab. »Schon gut, geh nur. Der nächste Fall kommt bestimmt, und dann dürfen wir alle wieder Überstunden ohne Ende schieben.«

»Das lenkt wenigstens ab. Ich meine …« Nina fuchtelte mit den Händen vor ihrem Gesicht herum, als würde sie eine Fliege vertreiben wollen. »Ich bin dann mal weg. Frohes Schaffen noch.«

Katharina sah ihr hinterher, bevor sie sich selbst wieder in Bewegung setzte. Es tat ihr leid, dass Nina in ihrer Gegenwart jedes Mal so unsicher wurde. Vor Selbstbewusstsein gestrotzt hatte die Kollegin zwar noch nie, aber jetzt wirkte sie beinahe verschüchtert – und das schien allein Katharinas Schuld zu sein. Mehrfach schon hatte sie sich bei Nina entschuldigt, doch den gewünschten Effekt zeigte es nicht. Seufzend schob Katharina den Aktenordner in den Schrank und drehte sich zu Hubert um, der sie unverhohlen anstarrte.

»Was?« Sie verschränkte die Arme vor der Brust, ehe sie sich daran hindern konnte, und fühlte sich prompt in ihre Teenagerzeit zurückversetzt. Na super, jetzt reagierte sie schon wie Emily, nur dass Emily inzwischen um einiges vernünftiger geworden war.

Hubert schüttelte den Kopf. »Ich habe überhaupt nichts gesagt, Katrinchen.«

Katharina unterdrückte ein Stöhnen. Würde sie ihrem Patenonkel diesen blöden Spitznamen eigentlich nie abgewöhnen können? Aber es würde nichts bringen, ihn erneut darauf hinzuweisen, denn auf dem Ohr schien er taub zu sein. »Blicke sagen mehr als tausend Worte, mein lieber Hubert.«

»Ja, ja. Ich frage mich bloß, wie lange das noch so gehen soll zwischen dir und Nina. Der nächste Fall wird kommen, und dann müsst ihr einander vertrauen können.«

»Ich glaube, das hat nichts mit Vertrauen zu tun, und die Arbeit wird nicht darunter leiden. Hat sie in den letzten Monaten auch nicht.« Schließlich ging das Ganze schon seit Herbst so, wobei Katharina selbst gehofft hatte, dass es langsam mal besser werden würde.

Hubert zuckte nur mit den Schultern und trank einen Schluck aus seiner Tasse. »Dein Kaffee ist übrigens viel trinkbarer geworden, seit du wieder mit Daniel zusammen bist.«

Katharina verdrehte die Augen und legte den neuen Aktenordner, nach dem sie gerade erst gegriffen hatte, einer spontanen Eingebung folgend wieder zurück auf den Schreibtisch. »Bin gleich zurück.«

Rasch verließ sie das Büro und hastete den Flur hinunter. Der Teppich dämpfte ihre Schritte, und der penetrante Geruch von Teppichschaum stieg ihr in die Nase. Auch das Reinigungspersonal hatte mehr Zeit als sonst, da viele Kollegen spontan Urlaub genommen hatten oder Überstunden abbauten. Es war ungewöhnlich ruhig in der Polizeidirektion Friedrichshafen. So leise war es hier sonst nur zu später Stunde.

Katharina näherte sich Ninas Büro, und auf einmal wurde ihr schlecht. Sie stützte sich an der weißgestrichenen Wand ab, schloss für einen Moment die Augen und konzentrierte sich auf ihre Atmung. Nie hätte sie für möglich gehalten, dass ihr die Sache mit Nina unbewusst derart zusetzen würde. Nur gut, dass sie spontan beschlossen hatte, einen weiteren Versuch zu starten, um das Ganze ein für alle Mal vom Tisch zu bringen. Sie straffte die Schultern, ging noch ein paar Schritte und klopfte an den Türrahmen. Die Tür stand offen, Nina fuhr gerade ihren Computer herunter. Sie drehte sich um und blickte Katharina überrascht an. In den wenigen Minuten, seit sie das Büro am anderen Ende des Flurs verlassen hatte, hatte sie das Gummi aus ihren Haaren gelöst, die sie nun offen trug.

»Sag mir nicht, ihr habt eine Leiche. Das alte Ding hier braucht eine Weile, bis es wieder hochgefahren ist.« Sie klopfte mit der Hand auf das Gehäuse des Röhrenbildschirms.

»Keine Leiche. Ich möchte mich noch einmal bei dir entschuldigen.«

Die Stimmung kippte sofort, auch wenn Nina wie jedes Mal versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Doch ihr leicht verzogener Mund zeigte mehr als deutlich, dass ihr das Thema unangenehm war. Sie schaltete den Bildschirm aus und rollte mit Schwung ihren Schreibtischstuhl zurück, bevor sie aufstand und nach ihrer Tasche griff. »Das ist wirklich nicht nötig, du hast dich schon oft genug …«

»Doch, das ist es«, unterbrach Katharina sie. »Mir ist klar, dass Daniel und ich dir sehr wehgetan haben.«

»Ich bin ja selbst schuld«, platzte es aus Nina heraus. »Wie konnte ich auch glauben, ich könnte mit dir konkurrieren? Ich meine, sieh dich doch an, und dann sieh mich an.« Sie deutete auf ihre Jeans, die schon ein wenig dünn an den Knien war, und auf die Sneaker, denen man deutlich ansah, dass sie zu ihren Lieblingsschuhen gehörten.

Katharina biss sich auf die Lippe. Sie hatte schon länger die Befürchtung, dass Ninas Selbstwertgefühl durch die ganze Sache in Mitleidenschaft gezogen worden war. Nun sah sie sich darin bestätigt. »Red nicht so einen Blödsinn, du bist eine wunderschöne Frau.« Nina schnaubte, und Katharina schüttelte frustriert den Kopf. »Natürlich bist du das. Dass Daniel Schluss gemacht hat, hat doch nichts mit deinem Aussehen zu tun, und im Übrigen auch nichts mit deinem Charakter. Daniel und ich kennen uns von Kindesbeinen an. Wir sind nicht nur zusammen aufgewachsen, wir waren auch seit unserer Teenagerzeit zusammen und haben eine gemeinsame Tochter. Das alles kann man nicht einfach wegwerfen, auch wenn ich es versucht habe. Und glaub mir, ich habe es wirklich versucht.«

Sie machte eine kurze Pause. Es fiel ihr nicht leicht, Nina einzuweihen, und sie wollte auch nicht, dass Nina jetzt schlecht über Daniel dachte, aber Katharina musste der Kollegin erklären, warum sie vor einem halben Jahr plötzlich beschlossen hatte, doch wieder mit ihrem Exmann zusammen sein zu wollen, obwohl sie kurz vorher noch das Gegenteil behauptet hatte. Sonst würde Nina nie damit aufhören, sich selbst ständig in Zweifel zu ziehen.

Katharina holte tief Luft und sagte leise: »Daniel hat mich damals betrogen. Das war auch der Grund für unsere Trennung.«

Nina starrte Katharina ungläubig an. Sie war nicht die Erste, der es schwerfiel zu glauben, dass Daniel zu so etwas fähig war. Als Daniel Katharina vor elf Jahren seinen Seitensprung gebeichtet hatte, hatte sie es selbst kaum glauben können.

Sie verspürte das unbändige Bedürfnis, noch mehr zu Nina zu sagen. Es erschien ihr nicht fair, dieses private Detail über Daniel auszuplaudern und dann einfach so im Raum stehen zu lassen. Gleichzeitig wusste sie, dass Nina ein bisschen Zeit brauchte, um das Gesagte zu verdauen und eine Entscheidung zu treffen. Wenn sie jetzt bereit war, wieder einen Schritt auf Katharina zuzugehen, würden sie hoffentlich schon bald wieder normal miteinander umgehen können. Wenn nicht …

Schließlich ließ sich Nina zurück auf ihren Schreibtischstuhl plumpsen. »Unvorstellbar. Ich dachte immer, wenn es einen Mann gibt, der zu einhundert Prozent treu ist, dann ist es Daniel Danninger.«

Schulterzuckend lehnte sich Katharina mit der Rückseite gegen den Tisch, der Nina als Ablagefläche für allerlei Ordner und Papierkram diente. »Tja, das dachte ich auch. Deshalb hat es mich damals auch so aus der Bahn geworfen. Mein Vater war gerade erst gestorben, Daniels Geständnis kam also zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Ich habe mich doppelt betrogen gefühlt, weil ich ihn in dieser schweren Zeit so sehr gebraucht hätte.«

Nina ließ ihre Tasche auf den Boden fallen. »Verstehe ich. Es tut mir wirklich leid.«

Katharina schüttelte den Kopf. »Das muss es nicht, es ist lange her, und ich erzähle dir das Ganze auch nur, weil ich dich um Verzeihung bitten möchte. Es war alles andere als fair von mir, dir in Bezug auf Daniel grünes Licht zu geben und ihn dir dann doch kurz darauf wegzuschnappen. Weißt du, ich habe die ganze Geschichte mit ihm nie richtig verarbeitet. Stattdessen bin ich weggelaufen. Aber man kann vor seiner Vergangenheit nicht weglaufen. Sie hat mich eingeholt, als ich letzten Sommer zurück an den See gezogen bin. Ich stand an einem Scheideweg, musste mich entscheiden, ob ich Daniel verzeihen und noch eine Chance geben wollte oder nicht.« Seufzend strich sie sich eine Locke hinters Ohr. »Ich habe mich zuerst falsch entschieden, und es hat eine Weile gedauert, bis ich meinen Fehler eingesehen habe. Es war nie meine Absicht, dich in das ganze Drama hineinzuziehen.«

Nun stieß auch Nina ein Seufzen aus. »Das weiß ich, Kathi. Vergessen wir das Ganze einfach.«

Katharina zog die Augenbrauen hoch. »Sicher, dass du deinen Fluchtinstinkt kontrollieren kannst, der einsetzt, sobald du mich siehst?«

Nina brachte ein Lachen zustande. »So ist es nun auch wieder nicht. Keine Ahnung, in deiner Gegenwart fühle ich mich einfach irgendwie … unzulänglich. Das war schon immer so, und seit der Sache mit Daniel ist es natürlich nicht besser geworden.«

Katharina stieß sich vom Tisch ab und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Blödsinn, ich bin alles andere als perfekt.«

»Ja, ja, das würde ich an deiner Stelle jetzt auch behaupten«, erwiderte Nina, doch dabei grinste sie.

»Doch, wirklich, frag mal Daniel. Mit den Haaren, die ich im Bad verliere, kann man ein ganzes Perückengeschäft eröffnen. Wenn Child’s Anthemvon David Garrett läuft, darf mich niemand ansprechen, und dreckiges Geschirr räume ich nur selten in die Spülmaschine, sondern stapele es erst mal in der Spüle. Und wenn du mir immer noch nicht glaubst, erwähne mal meiner Mutter gegenüber, dass du mich für perfekt hältst. Sie nutzt jede Gelegenheit, um einen halbstündigen Monolog darüber zu halten, warum ich es nicht bin.«

Nina lachte erneut, und Katharina hätte vor Erleichterung beinahe mitgelacht. Die Chancen standen gut, dass sich jetzt zwischen ihnen langsam wieder so etwas wie Normalität entwickeln konnte, und das würde die Arbeit um einiges angenehmer machen. Sie lächelte Nina noch einmal zu und wollte das Büro verlassen, als Nina sich räusperte. Katharina drehte sich noch einmal zu ihr um.

»Ähm, du hast nicht zufällig Hunger?«

Katharinas Lächeln wurde noch breiter. »Wir treffen uns am Treppenabsatz. Ich sag nur schnell Hubert Bescheid, dass er noch etwas länger auf mich verzichten muss.«

Kapitel 2

Freitag, 20. April

»So, das ist der beste Champagner, den ich finden konnte«, sagte Sugar, als sie mit einer Flasche in der Hand an den Tisch zurückkehrte. Sie trug das Kleid mit den roten und lilafarbenen Pailletten, in dem Katharina sie bei ihrem ersten Mordfall am Bodensee kennengelernt hatte.

Sugar ließ den Korken knallen und schenkte allen bis auf Katharina ein, die lieber Sprite trank. Zum einen war ihr gerade überhaupt nicht nach Alkohol zumute, zum anderen musste jemand nüchtern bleiben, um später nach Hause fahren zu können.

Sie saß zusammen mit Daniel, Katja, Sugar, Marie und Oliver im Sugar & Spicein Konstanz, um zu feiern, dass Emily als Nachwuchsmodel für die Fernsehshow ausgewählt worden war. Emily war ebenfalls dabei, obwohl sie für einen Club wie diesen eigentlich noch viel zu jung war. Nur Hubert fehlte. Er musste am nächsten Morgen früh aufstehen, weil er zum Angeln wollte.

Sie hatten die Runde bewusst klein gehalten, denn immerhin war Oliver als Luna anwesend. Freitagabends hatte er seinen Auftritt im Sugar & Spice, und nur wenige Menschen kannten sein Geheimnis. Deshalb war auch Jonas, ein alter Schulfreund von Katharina und Daniel, nicht dabei.

Daniel hatte ziemlich cool reagiert, als er Oliver zum ersten Mal mit der blonden Perücke, dem smaragdgrünen Paillettenkleid und dem Make-up gesehen hatte, das im Gegensatz zu dem von anderen Travestiekünstlern allerdings eher dezent ausfiel.

»Grün steht dir hervorragend«, hatte er zu Oliver gesagt und ihn freundschaftlich in eine halbe Umarmung geschlossen.

Das war kurz vor Weihnachten gewesen, während der internen Weihnachtsfeier in Sugars Laden, zu der natürlich auch Katharina eingeladen gewesen war. Nachdem sie wieder mit Daniel zusammengekommen war, wollte sie keine Geheimnisse vor ihm haben und ihn gern einweihen, und Oliver war einverstanden gewesen. Inzwischen wusste bis auf Maria die ganze Danninger-Familie Bescheid.

Emily leerte ihr Colaglas und hielt es hoch. »Darf ich auch einen Schluck Champagner haben? Bitte! Wir stoßen doch auf mich an.«

Katharina und Daniel wechselten einen Blick. »Also schön, aber nur eine Pfütze«, antwortete Katharina.

Daraufhin goss Sugar auch Emily etwas ein und hob ihr eigenes Glas in die Höhe. »Auf Emily! Auf dass sie das nächste Topmodel wird.«

»Na, bei den Genen«, meinte Daniel und küsste Katharina flüchtig auf die Wange. Die Champagnerflöten klirrten, als sie miteinander anstießen.

»Wie stehen denn ihre Chancen?«, fragte Sugar an Katja gewandt.

Diese zuckte mit den Schultern. »Das kann ich nicht sagen. Die Jury bezieht mich in den Entscheidungsprozess nicht mit ein, und ich habe auch keinerlei Einfluss darauf, welches Mädchen am Ende die Show gewinnt. Dann hätte Emily nämlich gar nicht teilnehmen dürfen.«

Sugar beugte sich verschwörerisch über den Tisch. »Aber du hast doch sicher schon die Konkurrenz begutachtet.«

Katja schmunzelte. »Das schon, und natürlich ist keine so schön wie meine Nichte.«

Emily wurde ein bisschen rot. »Ich habe die Mädchen heute Nachmittag kennengelernt, und sie sind alle wunderschön. Ehrlich gesagt, rechne ich mir keine großen Chancen aus.«

Bevor Katharina etwas dazu sagen konnte, schnalzte Sugar mit der Zunge. »Na, also so schon mal gar nicht, Schätzchen. Selbstbewusstsein ist das A und O. Wie sollen andere dich schön finden, wenn du dich selbst nicht so akzeptierst, wie du bist?«

»Ich habe ja nicht gesagt, dass ich mich hässlich finde«, protestierte Emily, doch Sugar hörte gar nicht hin.

»Los, aufstehen.« Sie erhob sich selbst von ihrem Stuhl. Dank ihrer High Heels hatte sie eine beeindruckende Größe und zog sämtliche Blicke auf sich. Sie überragte Emily um zwei Köpfe. »Hand in die Hüfte«, befahl sie.

Emily zögerte, doch dann tat sie, worum Sugar sie gebeten hatte. »So?«

Sugar schüttelte den Kopf. »Nichts für ungut, Schätzchen, aber du siehst aus, als würdest du auf den nächsten Bus warten. Ein bisschen mehr Pep bitte. Po rein, Brust raus, und vergiss das Hohlkreuz nicht.« Sie machte es Emily vor. »Und immer schön dran denken: Erst wenn es sich unbequem anfühlt, sieht es toll aus.«

Katja nickte. »Das ist der beste Tipp von allen. Man selber denkt, dass man sich total verrenkt und es auf den Fotos affig aussehen muss, aber das ist nicht der Fall. Also hör auf Sugar. Die Frau weiß Bescheid.«

Sugar warf Katja einen Luftkuss zu und übte mit Emily weitere Posen, während Oliver alias Luna den Kopf schüttelte. »Was bin ich froh, dass meine Tochter für den ganzen Zirkus noch nicht alt genug ist. Sie wäre sofort Feuer und Flamme dafür, sieht sie sich mit ihren gerade mal neun Jahren jetzt schon diese grässliche Modelshow im Fernsehen an. Ist das zu fassen?«

»Für Träume ist man nie zu jung«, meinte Marie. »Ich wusste schon mit fünf, dass ich eines Tages Tänzerin werden will.«

»Schon, aber muss es ausgerechnet das Modeln sein?«, grummelte Oliver.

»Wäre es dir lieber, wenn dein Mädchen Burlesque-Tänzerin werden wollen würde?«, fragte Katharina grinsend.

»Ich kann ihr gern was beibringen«, bot Marie an, die regelmäßig im Sugar & Spicemit ihrer Burlesque-Nummer auftrat. Sie und Katharina lachten und klatschten sich ab.

»Dass ausgerechnet ihr zwei mir in den Rücken fallen müsst.« Oliver leerte sein Glas und stand auf. »Meine Pause ist um, ich muss wieder auf die Bühne.«

»Nicht böse sein, Luna«, rief Katharina ihm hinterher. »Wir lieben dich, das weißt du, oder?«

Oliver schüttelte erneut den Kopf, doch auf seine Lippen stahl sich ein Lächeln. »Das weiß ich, Süße.«

Er ging zurück auf die Bühne, schnappte sich das Mikrofon und stimmte Non, je ne regrette rienvon Edith Piaf an, nachdem er das Publikum ein bisschen angeheizt hatte.

Unter dem Tisch griff Daniel nach Katharinas Hand und beugte sich hinüber zu ihr. »So so, du bist also in Oli verknallt. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.«

Katharina zuckte mit den Schultern. »Tja, was soll ich sagen? Er sieht einfach zu gut aus in diesem Kleid.«

Katja nickte. »Unverschämt gut. Ich glaube nicht, dass ich so ein Glitzerkleid tragen könnte.«

Sugar, die offenbar mit halbem Ohr zugehört hatte, atmete theatralisch laut aus. »Man merkt, dass ihr Zwillinge seid. Katharina hat genau das Gleiche gesagt, als sie Luna bei ihrem ersten Auftritt gesehen hat.«

»Wenn es doch so ist«, erwiderte Katharina. »Glitzer und Pailletten stehen mir nicht besonders, mal ganz davon abgesehen, dass mir das auch viel zu mädchenhaft ist.«

»Na und? Du bist ein Mädchen!«, meinte Sugar. Sie nahm Katharinas und Katjas Hand und zog sie hoch. »Antraben, ihr zwei könnt auch ein bisschen Selbstbewusstseinstraining vertragen.«

Lachend machte Katharina sich los. »Hey, ich hab schon mit Marie zusammen auf der Bühne gestanden, okay? Außerdem muss ich mal dringend wohin.«

Sie stahl sich in Richtung Toiletten davon, doch an der Ecke blieb sie stehen und beobachtete noch eine Weile ihre Tochter und Schwester, die zusammen mit Sugar einen Riesenspaß hatten. Inzwischen stahlen sie dem armen Oliver schon fast die Show, doch der nahm es gelassen und posierte auf der Bühne einfach mit, während er mit seiner unvergleichlichen Stimme weiterhin Lieder von Edith Piaf sang.