Spielen - Karl Ove Knausgård - E-Book

Spielen E-Book

Karl Ove Knausgård

4,9
9,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Das literarische Abenteuer aus Norwegen, das autobiographische Projekt von Karl Ove Knausgård geht weiter: Nach Sterben und Lieben nun Spielen – ein Roman über eine Kindheit, der eine Welt beschreibt, in der Kinder und Erwachsene parallele Leben führen, die sich nie begegnen. Alles beginnt mit einer traditionellen Familie: Vater, Mutter und zwei Jungen, die nach Südnorwegen ziehen, in ein neues Haus in einer neuen Siedlung. Es sind die frühen Siebzigerjahre, die Kinder sind klein, die Eltern jung, die Zukunft scheint offen und verheißungsvoll. Aber irgendwann beginnt sie sich zu schließen, irgendwann wird das, was mit großen Hoffnungen begann, klein und festgelegt. Was ist passiert? Wie konnte es dazu kommen?

»An einem milden und bewölkten Tag im August 1969 fuhr auf einer schmalen Straße am äußeren Ende einer südnorwegischen Insel, zwischen Wiesen und Felsen, Weiden und Wäldchen, ein Bus. Er gehörte der Arendal-Dampfschifffahrtsgesellschaft und war wie alle Busse des Unternehmens hell- und dunkelbraun. Er fuhr über eine Brücke, an einer schmalen Bucht entlang, blinkte rechts und hielt. Die Tür ging auf, eine kleine Familie stieg aus. Der Vater, ein großer und schlanker Mann in einem weißen Hemd und einer hellen Polyesterhose, trug zwei Koffer. Die Mutter, in einem beigen Mantel und mit einem hellblauen Kopftuch, das um die langen Haare geschlungen war, hielt an der einen Hand einen Kinderwagen und an der anderen einen kleinen Jungen. Als der Bus weitergefahren war, hing seine dicke, graue Abgaswolke noch für einen Moment über dem Asphalt.«

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 822

Bewertungen
4,9 (18 Bewertungen)
17
1
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



KARL OVE KNAUSGÅRD

Spielen

ROMAN

Aus dem Norwegischen von Paul Berf

Luchterhand

Die norwegische Originalausgabe erschien 2009

unter dem Titel »Min Kamp 3« im Verlag Oktober, Oslo

Die Übersetzung wurde von NORLA, Oslo, gefördert.

Der Verlag bedankt sich dafür.

1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2009

Forlaget Oktober as, Oslo

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013

Luchterhand Literaturverlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Lektorat: Regina Kammerer

Herstellung: hag

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-10206-7

www.luchterhand-literaturverlag.de

Bitte besuchen Sie unseren LiteraturBlog

www.transatlantik.de

AN EINEM MILDEN UND WOLKENVERHANGENEN TAG im August 1969 fuhr auf einer schmalen Straße am äußeren Ende einer südnorwegischen Insel, zwischen Wiesen und Felsen, Weiden und Wäldchen, kleine Hügel hinauf und hinunter, durch enge Kurven, mal mit Bäumen zu beiden Seiten wie in einem Tunnel, mal mit dem Meer gleich nebenan, ein Bus. Er gehörte der Arendal-Dampfschifffahrtsgesellschaft und war wie alle Busse des Unternehmens hell- und dunkelbraun. Er fuhr über eine Brücke, an einer schmalen Bucht entlang, blinkte rechts und hielt. Die Tür ging auf, eine kleine Familie stieg aus. Der Vater, ein großer und schlanker Mann in einem weißen Hemd und einer hellen Polyesterhose, trug zwei Koffer. Die Mutter, in einem beigen Mantel und mit einem hellblauen Kopftuch, das um ihre langen Haare geschlungen war, hielt an der einen Hand einen Kinderwagen und an der anderen einen kleinen Jungen. Als der Bus weitergefahren war, hing seine dicke, graue Abgaswolke noch kurz über dem Asphalt.

»Wir müssen noch ein bisschen gehen«, sagte der Vater.

»Schaffst du das, Yngve?«, fragte die Mutter und schaute auf den Jungen hinunter, der daraufhin nickte.

»Na klar«, antwortete er.

Er war viereinhalb Jahre alt, hatte hellblonde, fast weiße Haare und war nach einem langen Sommer in der Sonne braungebrannt. Sein Bruder, knapp acht Monate alt, lag im Kinderwagen und starrte zum Himmel hinauf, ohne zu wissen, wo sie waren oder wohin sie wollten.

Langsam gingen sie die Straße hinunter, eine unbefestigte Schotterpiste, in der Regenfälle kleine und große Schlaglöcher hinterlassen hatten. Zu beiden Seiten lagen Felder. Hinter einem ebenen, ungefähr fünfhundert Meter langen Abschnitt begann ein Wald, der zu den Geröllufern hinunterführte und von niedrigem Wuchs war, als habe ihn der Wind vom Meer flachgedrückt.

Auf der rechten Seite stand, kürzlich erbaut, ein Haus. Weitere Gebäude waren nicht zu sehen.

Die großen Sprungfedern des Kinderwagens quietschten. Das Baby in ihm schloss, von der herrlich schaukelnden Bewegung in den Schlaf gewiegt, nach einer Weile die Augen. Der Vater, der kurze, dunkle Haare und einen dichten schwarzen Bart hatte, stellte einen Koffer ab, um sich mit der freien Hand den Schweiß von der Stirn zu wischen.

»Ganz schön schwül heute«, sagte er.

»Ja«, stimmte sie ihm zu, »aber vielleicht ist es am Wasser kühler.«

»Wir wollen es hoffen«, sagte er und hob den Koffer wieder an.

Diese in jeder Hinsicht durchschnittliche Familie, in der die Eltern so jung waren, wie fast alle Eltern damals jung waren, und zu der zwei Kinder gehörten, wie fast alle damals zwei Kinder hatten, war aus Oslo, wo sie in unmittelbarer Nähe des Bislett-Stadions in der Thereses gate gewohnt hatten, auf die Insel Tromøya gezogen, auf der in einem Neubaugebiet ein Haus für sie errichtet wurde. Bis es fertiggestellt war, würden sie in ein anderes, altes Haus auf dem Gelände des ehemaligen Militärstützpunktes Hove ziehen. In Oslo hatte er tagsüber Englisch und Norwegisch studiert und nachts als Nachtwächter gearbeitet, während sie die Fachschule für Krankenpflege Ullevål besucht hatte. Obwohl seine Ausbildung noch nicht abgeschlossen war, hatte er sich um eine Stelle als Lehrer an der Gesamtschule Roligheden beworben und sie auch bekommen, während sie im Sanatorium für Nervenschwache Kokkeplassen arbeiten würde. Als sie siebzehn waren, hatten sie sich in Kristiansand kennengelernt, mit neunzehn war sie schwanger geworden, und mit zwanzig hatten sie auf dem westnorwegischen Kleinbauernhof, auf dem sie aufgewachsen war, geheiratet. Von seiner Familie kam niemand zur Hochzeit, und obwohl er auf allen Bildern, die damals gemacht wurden, lächelt, umgibt ihn eine Aura von Einsamkeit, und man sieht, dass er zwischen all ihren Brüdern und Schwestern, Tanten und Onkeln, Cousins und Cousinen nicht wirklich dazugehört.

Inzwischen sind sie vierundzwanzig Jahre alt, und vor ihnen liegt das richtige Leben. Eigene Jobs, ein eigenes Haus, eigene Kinder. Es geht um sie beide, und die Zukunft, der sie entgegengehen, gehört ihnen.

Aber trifft das auch wirklich zu?

Sie waren im selben Jahr geboren, 1944, und gehörten der ersten Nachkriegsgeneration an, die nicht zuletzt deshalb für etwas Neues stand, weil ihre Lebensläufe sich zum ersten Mal in ihrem Land in einer Gesellschaft abspielten, die in einem großen Maßstab geplant wurde. Die fünfziger Jahre waren die Zeit, in der die verschiedenen Wesen – das Schulwesen, das Gesundheitswesen, das Sozialwesen, das Verkehrswesen – und die mächtigen Behörden und Ämter in einer großangelegten zentralen Aktion entstanden, die binnen bemerkenswert kurzer Zeit Konsequenzen für die Lebensweise der Menschen hatte. Ihr Vater, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts geboren, stammte von dem Hof, auf dem sie aufgewachsen war, in Sørbøvåg in Ytre Sogn, und hatte keine Ausbildung. Ihr Großvater stammte wie sein Vater und dessen Vater wahrscheinlich auch von einer der vorgelagerten Inseln. Ihre Mutter stammte von einem Bauernhof in Jølster, etwa hundert Kilometer entfernt, und hatte ebenfalls keine Ausbildung. Ihre Familie ließ sich an ihrem Wohnort bis ins sechzehnte Jahrhundert zurückverfolgen. Seine Familie stand dagegen gesellschaftlich eine Stufe höher, da sowohl sein Vater als auch sein Großvater bereits Akademiker gewesen waren. Doch auch sie wohnten noch im selben Ort wie ihre Eltern, in Kristiansand. Seine Mutter, die keine Ausbildung hatte, stammte aus Åsgårdstrand, ihr Vater war Lotse gewesen, ansonsten hatte es in ihrer Familie auch noch Polizisten gegeben. Als sie ihren Mann kennenlernte, zog sie mit ihm in seine Heimatstadt. So sah der Regelfall aus. Die Veränderungen der fünfziger und sechziger Jahre bildeten eine Revolution, jedoch ohne die bei Revolutionen sonst übliche Gewalt und Irrationalität. Die Kinder von Fischern und Kleinbauern, Industriearbeitern und Verkäuferinnen absolvierten nicht nur ein Universitätsstudium und wurden Lehrer und Psychologen, Historiker und Sozialarbeiter, viele von ihnen ließen sich zudem an Orten nieder, die von den Gegenden, aus denen ihre Familien stammten, weit entfernt lagen. Die Tatsache, dass sie dies alles mit der größten Selbstverständlichkeit taten, sagt uns etwas über die Macht des Zeitgeistes. Der Zeitgeist kommt von außen, entfaltet seine Wirkung jedoch nach innen. Vor ihm sind alle gleich, aber für ihn ist niemand gleich. Für die junge Mutter in den sechziger Jahren wäre der Gedanke absurd gewesen, einen Burschen von einem der Nachbarhöfe zu heiraten und den Rest ihres Lebens dort zu verbringen. Sie wollte doch in die Welt hinaus! Sie wollte doch ihr eigenes Leben führen! Gleiches galt für ihre Brüder und Schwestern, und genauso verhielt es sich in Familien im ganzen Land. Aber warum wollten sie das? Woher rührte diese mächtige Überzeugung? Ja, woher kam das Neue? In ihrer Familie gab es dafür keine Vorbilder; der Einzige, der seine Heimatregion jemals verlassen hatte, war Magnus gewesen, der Bruder ihres Vaters, und er war wegen der Armut daheim nach Amerika ausgewandert, und das Leben, das er dort geführt hatte, war dem Leben, das er in Westnorwegen geführt hatte, lange zum Verwechseln ähnlich gewesen. Für den jungen Vater in den sechziger Jahren sah die Sache ein wenig anders aus, in seiner Familie wurde von ihm erwartet, eine höhere Ausbildung anzustreben, vielleicht jedoch weniger, dass er die Tochter eines Kleinbauern aus Westnorwegen heiratete, um sich in einem Neubaugebiet in der Nähe einer kleinen südnorwegischen Stadt niederzulassen.

Dennoch befanden sie sich an diesem schwülwarmen und grauen Tag im August 1969 nun dort und waren zu Fuß auf dem Weg zu ihrem neuen Zuhause, er zwei schwere Koffer schleppend, vollgestopft mit Sechzigerjahreklamotten, sie einen Sechzigerjahrekinderwagen schiebend, in dem ein Baby in Sechzigerjahrebabykleidung lag, will sagen, weiß und voller Spitze, und zwischen ihnen, hin und her wippend, fröhlich und neugierig, gespannt und erwartungsvoll, ihr ältester Sohn Yngve. Über die Ebene gingen sie, durch den kleinen Streifen Wald bis zu dem offen stehenden Tor des großen Stützpunktgeländes. Rechts lag eine Autowerkstatt, die einem gewissen Vraaldsen gehörte, links standen große, rote Baracken um einen offenen Kiesplatz gruppiert und hinter diesem ein Kiefernwald.

Einen Kilometer weiter östlich lag die Tromøy-Kirche, ein steinerner Bau aus dem Jahre 1150, aber Teile von ihr waren sogar noch älter, so dass sie wahrscheinlich eine der ältesten Kirchen im ganzen Land war. Sie stand auf einer kleinen Anhöhe, war seit ewigen Zeiten von vorbeifahrenden Schiffen als Landmarke benutzt worden und auf allen Seekarten verzeichnet. Auf Mærdø, einer kleinen Insel in den vorgelagerten Schären, stand ein alter Kapitänshof und erinnerte an die Blütezeit der Region, das achtzehnte und neunzehnte Jahrhundert, als der Handel mit anderen Ländern, vor allem mit Holz, floriert hatte. Auf Schulausflügen ins Aust-Agder-Provinzmuseum wurden den Schulklassen alte niederländische und chinesische Gegenstände gezeigt, die aus jener Epoche und noch älteren Zeiten stammten. Auf Tromøya wuchsen ungewöhnliche und fremde Pflanzen, die mit den Schiffen dorthin gelangt waren, die ihr Ballastwasser abließen. Außerdem lernte man in der Schule, dass auf der Insel die ersten Kartoffeln im ganzen Land angebaut worden waren. In Snorris Königssagas wurde die Insel mehrfach erwähnt, im Erdreich von Wiesen und Feldern konnte man Pfeilspitzen aus der Steinzeit finden, zwischen den runden Steinen der langgestreckten Geröllufer lagen Fossilien.

Doch als die zugezogene Kleinfamilie mit ihrer Habe langsam das offene Gelände durchquerte, hatte weder das zehnte noch das zwölfte, weder das siebzehnte noch das neunzehnte Jahrhundert ihre Umgebung entscheidend geprägt, sondern der Zweite Weltkrieg. Das Areal war im Krieg von den Deutschen genutzt worden; sie hatten die Baracken und viele der Häuser erbauen lassen. Im Wald lagen flache Backsteinbunker, die noch völlig intakt waren, und auf den Kuppen der Uferböschungen befanden sich mehrere Artilleriestellungen. Sogar einen alten deutschen Flugplatz für Kleinflugzeuge gab es in der Nähe.

Das Haus, in dem sie das nächste Jahr über wohnen sollten, lag ein wenig abseits mitten im Wald. Es war rot gestrichen und hatte weiße Fensterrahmen. Vom Meer, das nicht zu sehen war, aber nur etwa hundert Meter unterhalb des Hauses lag, schallte gleichmäßiges Rauschen herauf. Es roch nach Salzwasser und Wald.

Der Vater setzte die Koffer ab, suchte den Schlüssel heraus und schloss die Tür auf. Hinter dieser gab es einen Flur, eine Küche, ein Wohnzimmer mit einem Holzofen, eine Kombination aus Badezimmer und Waschküche und in der oberen Etage drei Schlafzimmer. Die Wände waren nicht isoliert, die Küche war einfach eingerichtet. Kein Telefon, keine Geschirrspülmaschine, keine Waschmaschine, kein Fernsehapparat.

»Da sind wir«, sagte der Vater und trug die Koffer ins Schlafzimmer, während Yngve von Fenster zu Fenster lief und hinausschaute und die Mutter den Wagen mit dem schlafenden Kind auf dem Absatz vor der Tür abstellte.

An diese Zeit kann ich mich naturgemäß nicht erinnern. Es ist mir völlig unmöglich, mich mit dem Kleinkind zu identifizieren, von dem meine Eltern Fotos machten, ja, es fällt mir so schwer, dass es beinahe verrückt erscheint, für dieses Baby das Wort »Ich« zu benutzen, zum Beispiel, wenn es mit ungewöhnlich roter Haut, abgespreizten Armen und Beinen und zu einem Schrei verzerrten Gesicht auf der Wickelkommode liegt, an dessen Grund sich niemand mehr erinnert, oder auf einer Felldecke auf dem Fußboden liegt, in einem weißen Pyjama, immer noch rot im Gesicht und mit großen, dunklen Augen, die ein wenig schielen. Ist dieses Geschöpf identisch mit dem Menschen, der hier in Malmö diese Zeilen schreibt? Und wird dieses Geschöpf, das vierzigjährig diese Zeilen schreibt, an einem bewölkten Septembertag in einem Zimmer, das von Verkehrslärm und einem Herbstwind erfüllt ist, der durch die altmodische Lüftungsanlage heult, derselbe sein wie der grauhaarige und gekrümmte Greis, der in vierzig Jahren vielleicht irgendwo in einem Altersheim in den schwedischen Wäldern hockt und zittert und sabbert? Ganz zu schweigen von dem Leib, der eines Tages in einer Leichenhalle aufgebahrt liegen wird? Man wird ihn weiter »Karl Ove« nennen. Und ist es nicht eigentlich unglaublich, dass ein einzelner Name dies alles abdecken soll? Den Fötus im Bauch, den Säugling auf der Wickelkommode, den Vierzigjährigen am Computer, den Greis auf seinem Stuhl, die Leiche auf der Bahre? Wäre es nicht natürlicher, unterschiedliche Namen zu verwenden, da ihre Identität und ihr Selbstverständnis sich so immens voneinander unterscheiden? So könnte der Fötus Jens Ove heißen, das Kleinkind Nils Ove, der Fünf- bis Zehnjährige Per Ove, der Zehn- bis Zwölfjährige Geir Ove, der Dreizehn- bis Siebzehnjährige Kurt Ove, der Siebzehn- bis Dreiundzwanzigjährige John Ove, der Dreiundzwanzig- bis Dreißigjährige Tor Ove, der Dreißig- bis Sechsundvierzigjährige Karl Ove – und so weiter und so fort? Dann würde der Vorname das Einzigartige am jeweiligen Alter verkörpern, der mittlere Name für Kontinuität stehen und der Nachname für die Familienzugehörigkeit.

Nein, ich erinnere mich an nichts aus jener Zeit, ich weiß nicht einmal, in welchem Haus wir wohnten, obwohl mein Vater es mir einmal gezeigt hat. Alles, was ich über diese Zeit weiß, stammt aus dem, was meine Eltern mir erzählt haben, und den Bildern, die ich gesehen habe. In jenem Winter lag der Schnee mehrere Meter hoch, wie es in Südnorwegen zuweilen vorkommt, und der Weg zum Haus glich einer schmalen Klamm. Da kommt Yngve und schiebt einen Wagen, in dem ich liege, da steht er auf seinen kurzen Skiern und lächelt den Fotografen an. Im Haus steht er, zeigt auf mich und lacht, oder ich stehe alleine und halte mich am Gitterbettchen fest. Ich nannte ihn »Aua«, es war mein erstes Wort. Er war im Übrigen der Einzige, der verstand, was ich sagte, wie man mir später erzählt hat, und meine Worte den Eltern übersetzte. Außerdem weiß ich, dass Yngve an jedem Haus klingelte, um zu fragen, ob dort Kinder lebten, denn diese Anekdote erzählte meine Großmutter später oft. »Wohnt hier ein Kind?«, sagte sie mit Kinderstimme und lachte. Und ich weiß, dass ich selbst die Treppe herunterfiel und eine Art Schock erlitt, ich atmete nicht mehr, lief blau an und bekam Krämpfe, und meine Mutter lief mit mir im Arm zum nächstgelegenen Haus mit Telefon. Sie dachte, es sei Epilepsie, aber das war es nicht, es war nichts. Außerdem weiß ich, dass mein Vater seine Arbeit als Lehrer mochte, dass er ein guter Pädagoge war und in diesen Jahren mit seiner Klasse einen Ausflug in die Berge machte. Es gibt Bilder von dieser Fahrt, auf jedem sieht er jung und gut gelaunt aus und wird von Jugendlichen umringt, die in den für die ersten Jahre der Siebziger typischen Klamotten stecken. Strickpullover, weite Hosen, Gummistiefel. Sie hatten üppige Haare, nicht üppig und hochgesteckt wie in den Sechzigern, sondern üppig und weich und in ihre sanften, jugendlichen Gesichter fallend. Meine Mutter meinte einmal, er sei später vielleicht nie mehr so glücklich gewesen wie damals. Dann gibt es noch Bilder von Großmutter, Yngve und mir – zwei sind vor einem eisbedeckten Gewässer aufgenommen worden, Yngve und ich tragen große Wolljacken, beide von Großmutter gestrickt, meine ist senfgelb und braun – und zwei, die auf der Veranda ihres Hauses in Kristiansand entstanden sind. Auf dem einen hat sie ihre Wange an meine gelegt, es ist Herbst, der Himmel ist blau, die Sonne steht tief, wir schauen auf die Stadt hinaus, ich bin ungefähr zwei oder drei Jahre alt.

Man könnte sich vorstellen, dass diese Fotografien eine Art Gedächtnis verkörpern, eine Art Erinnerungen bilden, nur ohne das »Ich«, von dem die Erinnerungen normalerweise ausgehen, und daraufhin stellt sich natürlich die Frage, was sie bedeuten. Ich habe von den Familien von Freunden und Geliebten unzählige Bilder aus jener Zeit gesehen, die sich ausnahmslos zum Verwechseln ähnlich sehen. Die gleichen Farben, die gleichen Kleider, die gleichen Zimmer, die gleichen Tätigkeiten. Mit diesen Fotos verbinde ich jedoch nichts, sie sind in gewisser Weise sinnlos, ein Aspekt, der noch offensichtlicher wird, wenn ich Aufnahmen von der vorherigen Generation betrachte. Es handelt sich nur um eine Ansammlung von Menschen, die in fremdartige Kleider gehüllt dabei sind, irgendetwas mir gänzlich Unergründliches zu tun. Wir machen Bilder von der Zeit, nicht von den Menschen in ihr, sie lassen sich nicht einfangen. Für die Menschen in meinem engsten Umfeld galt das Gleiche. Wer war die Frau, die vor dem Herd in der Wohnung in der Thereses gate posierte, in einem hellblauen Kleid, ein Knie gegen das andere gelegt und die Beine getrennt, in dieser für die sechziger Jahre so typischen Pose? Die Frau mit den hochgesteckten Haaren? Den blauen Augen und dem sanften Lächeln, das so sanft ist, dass es schon fast kein Lächeln mehr ist? Sie, deren eine Hand um den Griff der glänzenden Kaffeekanne mit dem roten Deckel geschlossen ist? Nun ja, das war natürlich meine Mutter, meine Mama, aber wer war sie? Woran dachte sie? Wie sah ihr Leben aus, das sie bis dahin gelebt hatte, und wie das, das vor ihr lag? Das weiß nur sie allein, und darüber sagt das Bild nichts aus. Eine fremde Frau in einem fremden Zimmer, das ist alles. Und der Mann, der zehn Jahre später auf einem Berg sitzt und Kaffee aus demselben roten Deckel trinkt, weil er vor seinem Aufbruch vergessen hat, Kaffeetassen einzupacken, wer war er? Der Mann mit dem gepflegten schwarzen Bart und den dichten schwarzen Haaren? Der Mann mit den empfindsamen Lippen und den heiteren Augen? Ach ja, genau, das war ja mein Vater, Papa höchstpersönlich. Aber wer er für sich selbst war, in diesem Moment wie in allen anderen Momenten, weiß niemand mehr. Und so verhält es sich mit all diesen Bildern, auch mit den Fotos von mir selbst. Sie sind vollkommen leer, die einzige Bedeutung, die sich aus ihnen ablesen lässt, hat die Zeit hineingelegt. Trotzdem sind diese Aufnahmen ein Teil von mir und meiner intimsten Geschichte, wie die Bilder anderer ein Teil ihrer Geschichte sind. Sinnvoll, sinnlos, sinnvoll, sinnlos, das ist die Welle, die durch unser Leben rollt und seine grundlegende Spannung bildet. Alles, woran ich mich aus den ersten sechs Jahren meines Lebens erinnere, und alles, was es an Bildern und Gegenständen aus jener Zeit gibt, nehme ich an, sie bilden einen wichtigen Teil meiner Identität, füllen die ansonsten leere und erinnerungslose Randzone dieses »Ichs« mit Sinn und Kontinuität. Von all diesen Teilen und Bruchstücken ausgehend habe ich einen Karl Ove, einen Yngve, eine Mutter und einen Vater, ein Haus in Hove und ein Haus in Tybakken, Großeltern mütterlicher- und väterlicherseits, eine Nachbarschaft und einen Haufen Kinder errichtet.

Dieses slumhüttenähnliche Provisorium nenne ich meine Kindheit.

Das Gedächtnis ist keine verlässliche Größe im Leben, aus dem einfachen Grund, dass für das Gedächtnis nicht die Wahrheit am wichtigsten ist. Niemals ist der Wahrheitsanspruch entscheidend dafür, ob das Gedächtnis ein Ereignis richtig oder falsch wiedergibt. Entscheidend ist der Eigennutz. Das Gedächtnis ist pragmatisch, hinterhältig und listig, allerdings nicht in feindseliger oder boshafter Weise; es tut im Gegenteil alles, um seinen Wirt zufriedenzustellen. Manches verschiebt es ins leere Nichts des Vergessens, manches verdreht es bis zur Unkenntlichkeit, manches versteht es galant falsch, manches, und dieses manche ist so gut wie nichts, manches bleibt ihm scharf, glasklar und korrekt in Erinnerung. Doch zu entscheiden, was korrekt in Erinnerung bleiben soll, ist dir niemals vergönnt.

Was mich betrifft, so habe ich an meine ersten sechs Lebensjahre praktisch keine Erinnerungen. Mir ist so gut wie nichts im Gedächtnis haften geblieben. Ich habe keine Ahnung, wer auf mich aufpasste, was ich tat, mit wem ich spielte, das alles ist wie weggeblasen, die Jahre 1968 bis 1974 sind ein großes, leeres Nichts in meinem Leben. Das wenige, was mir einfällt, ist nicht der Rede wert: Ich stehe auf einer Holzbrücke in einem fast hochgebirgsartig lichten Wald, unter mir rauscht ein großer Bach, das Wasser ist grün und weiß, ich hüpfe auf und ab, die Brücke schaukelt, und ich lache. Neben mir steht Geir Prestbakmo, der Nachbarjunge, auch er springt lachend auf und ab. Ich sitze auf der Rückbank eines Autos, wir halten an einer Ampel, Vater dreht sich zu mir um und sagt, dass wir in Mjøndalen sind. Wir sind auf dem Weg zu einem Fußballspiel, hat man mir erzählt, aber ich entsinne mich weder der Fahrt dorthin, des Spiels noch der Heimfahrt. Ich gehe den Anstieg vor dem Haus hinauf und schiebe einen großen Plastiklastwagen vor mir her, er ist gelb und grün und schenkt mir ein wirklich fantastisches Gefühl von Reichtum und Wohlstand und Freude.

Das ist alles. Das sind die ersten sechs Jahre meines Lebens.

Aber das sind die kanonisierten Erinnerungen, die bereits im Sieben- oder Achtjährigen etabliert waren, die Magie der Kindheit: das Allererste, woran ich mich erinnere! Es gibt jedoch auch andere Formen von Erinnerungen, die nicht festgelegt sind und sich nicht willentlich vergegenwärtigen lassen, sich aber dennoch von Zeit zu Zeit loslösen, von alleine im Bewusstsein aufsteigen und eine Weile darin auf und ab schaukeln wie eine Art durchsichtiger Quallen, zum Leben erweckt von einem bestimmten Geruch, einem bestimmten Geschmack, einem bestimmten Geräusch … Begleitet werden sie stets von einem unmittelbaren und intensiven Glücksgefühl. Darüber hinaus gibt es noch die Erinnerungen, die mit dem Körper verbunden sind, wenn man etwas tut, was man schon einmal getan hat, die Hand schützend gegen die Sonne erheben, einen Ball schnappen, mit einer Drachenschnur in der Hand, dicht gefolgt von seinen eigenen Kindern, über eine Wiese laufen. Dann sind da noch die Erinnerungen, die mit Gefühlen verknüpft sind: die plötzliche Wut, die plötzlichen Tränen, die plötzliche Angst, und man ist, wo man war, in sich selbst zurückgeschleudert, in rasendem Tempo durch die Lebensjahre geworfen. Und dann gibt es die Erinnerungen, die mit der Landschaft verknüpft sind, denn die Landschaft der Kindheit ist nicht wie die Landschaften, die später folgen, sondern in ganz anderer Weise mit Bedeutung aufgeladen. In dieser Landschaft hatte jeder Stein, jeder Baum eine Bedeutung, und weil alles zum ersten Mal gesehen wurde, aber auch, weil es so oft gesehen wurde, hat es sich in den Tiefen des Bewusstseins abgelagert, nicht nur vage und ungefähr, wie die Landschaft vor dem Haus des Erwachsenen erscheint, wenn er die Augen schließt und sie heraufzubeschwören versucht, sondern fast schon grotesk präzise und detailliert. Ich muss in meinen Gedanken lediglich die Tür öffnen und hinausgehen, und schon strömen die Bilder auf mich ein. Der Kies in der Einfahrt, im Sommer fast bläulich gefärbt. Allein schon die Einfahrten der Kindheit! Und die Modelle der siebziger Jahre, die in ihnen standen! Käfer, Enten, Taunus, Granada, Ascona, Kadett, Consul, Lada, Volvo Amazon … Aber nun gut, über den Kies, am braun gebeizten Zaun vorbei, über den flachen Graben, der zwischen unserer Straße, Nordåsen Ringvej, und dem Elgstien lag, der Straße, die durch die ganze Gegend verlief und außer an unserem an zwei weiteren Neubaugebieten vorbeiführte. Die Böschung aus dunkler, fetter Erde vom Straßenrand bis in den Wald hinunter! Wie kleine, dünne und grüne Stängel praktisch sofort begonnen hatten, aus ihr hochzuschießen: zart und einsam in diesem neuen und großen Schwarzen, und dann die fast brutale Vervielfältigung im Laufe des folgenden Jahres, bis die Böschung schließlich vollständig von einem dichten, wuchernden Gestrüpp bedeckt war. Kleine Bäume, Gras, Roter Fingerhut, Löwenzahn, Farne und Sträucher, die den früher so deutlichen Unterschied zwischen Straße und Wald vollkommen verwischten. Den Anstieg hinauf, auf dem Bürgersteig mit seinen schmalen Bordsteinen aus Beton, und, oh, das Wasser, das bei Regen neben diesem sickerte und floss und strömte! Der rechts abzweigende Pfad, eine Abkürzung zum neuen Supermarkt B-Max. Der kleine sumpfige Fleck daneben, nicht größer als eine Parkbucht auf einem Parkplatz, die Birken, die scheinbar durstig darüberhingen. Olsens Haus auf der Kuppe der kleinen Anhöhe und die Straße, die dahinter vorbeiführte, sie hieß Grevlingveien. Im ersten Haus auf der linken Seite wohnten John und seine Schwester Trude, es lag auf einem Grundstück, das mehr oder weniger eine Geröllhalde war. Ich hatte immer Angst, wenn ich an diesem Haus vorbeimusste. Zum einen lag John häufig auf der Lauer, um alle Kinder, die vorbeikamen, mit Steinen oder Schneebällen zu bewerfen, zum anderen, weil sie einen Schäferhund hatten … Dieser Schäferhund … Oh, jetzt fällt es mir wieder ein. Was war dieser Köter doch nur für eine verdammte Bestie. Er stand angebunden in der Einfahrt oder auf der Veranda, bellte jeden an, der vorbeiging, schlich auf dem Areal umher, das seine Laufleine ihm zugestand, und heulte und jaulte. Er war mager und hatte gelbe, kranke Augen. Einmal lief er die Leine hinter sich herschleifend und dicht gefolgt von Trude hügelabwärts auf mich zu. Ich hatte gehört, wenn man von einem Tier verfolgt werde, solle man nicht fortlaufen, beispielsweise vor einem Bären im Wald, es komme vielmehr darauf an, sich nicht zu rühren und sich nichts anmerken zu lassen, also tat ich das und blieb augenblicklich stehen, als der Hund auf mich zustürzte. Es nützte mir nichts. Den Hund interessierte es nicht, dass ich regungslos war, er öffnete sein Maul und schlug seine Zähne kurz oberhalb des Handgelenks in meinen Unterarm. Trude war in der nächsten Sekunde bei ihm, griff nach der Leine und zerrte so fest an ihr, dass der Schäferhund zurückgerissen wurde. Weinend eilte ich davon. Alles an diesem Tier machte mir Angst. Das Bellen, die gelben Augen, der Geifer, der aus seinem Maul troff, die runden, spitzen Zähne, deren Abdrücke ich nun auf meinem Arm hatte. Zu Hause erzählte ich niemandem davon, weil ich fürchtete, Ärger zu bekommen, da eine solche Begebenheit viele Möglichkeiten für Vorwürfe in sich barg: Ich hätte dort nicht ausgerechnet in diesem Moment sein sollen, oder ich hätte nicht weinen sollen, ein Hund, vor dem muss man sich ja wohl nicht fürchten? Von jenem Tag an packte mich jedes Mal die Angst, wenn ich die Töle sah, aber das war fatal, denn ich hatte nicht nur gehört, dass man still stehen solle, wenn ein gefährliches Tier einen angriff, ich hatte auch gehört, Hunde könnten die Angst anderer riechen. Ich weiß nicht mehr, wer mir das erzählt hatte, aber es gehörte zu den Dingen, die kursierten und die alle wussten: Hunde riechen es, wenn du Angst hast. Als Reaktion darauf können sie selbst Angst bekommen oder aggressiv werden und einen angreifen. Hat man keine Angst, tun sie einem nichts.

Endlos grübelte ich darüber nach. Wie war es nur möglich, dass sie Angst riechen konnten? Wie roch Angst? Und war es möglich, so zu tun, als hätte man keine Angst, so dass der Köter dies roch und das wahre Gefühl nicht bemerkte, das sich gleich darunter verbarg?

Kanestrøms, die zwei Häuser über unserem wohnten, hatten ebenfalls einen Hund. Es war ein lammfrommer Golden Retriever namens Alex. Er trottete hinter Herrn Kanestrøm her, wo immer dieser hinging, aber auch, wenn nötig, hinter jedem der vier Kinder. Liebe Augen und irgendwie sanfte, freundlich gesinnte Bewegungen. Doch selbst vor ihm fürchtete ich mich, denn wenn man auf der Straße auftauchte und das Grundstück betreten wollte, um zu klingeln, bellte er. Es war kein zaghaftes, freundliches oder fragendes Bellen, sondern ein kräftiges, tiefes und lautes. Ich blieb dann stehen.

»Hallo, Alex«, sagte ich manchmal, wenn keiner in der Nähe war. »Weißt du, ich habe keine Angst vor dir. Das ist es nicht.«

Wenn jemand da war, musste ich dagegen einfach weitergehen, mich unbeeindruckt geben, mir sozusagen einen Weg durch das Bellen bahnen, und wenn er mit offenem Maul direkt vor mir stand, bückte ich mich und streichelte ein, zwei Mal seine Seite, während mein Herz pochte und alle Muskeln vor Schreck ganz schwach waren.

»Sei still, Alex!«, rief Dag Lothar manchmal, wenn er den schmalen Kiesweg von der Kellertür heraufgelaufen kam oder aus der Haustür trat.

»Karl Ove hat Angst vor deinem Gebell, du dummer Hund.«

»Habe ich nicht«, entgegnete ich daraufhin. Dag Lothar sah mich nur mit einer Art starrem Grinsen an, das mir vermutlich sagen sollte, dass ich mir das nun wirklich sparen könne.

Dann gingen wir.

Wohin gingen wir?

Nach Ubekilen hinunter.

Zu den Bootsstegen hinunter.

Zur Brücke hinauf.

Nach Gamle Tybakken hinunter.

Zu der Fabrik, die Kunststoffboote goss.

Auf den Berg hinauf.

Zu dem kleinen Waldsee Tjenna.

Zum B-Max hinauf.

Zur Fina hinunter.

Wenn wir denn nicht auf der Straße herumliefen, in der wir wohnten, oder vor einem der Häuser dort herumlungerten oder auf dem Bordstein saßen oder in dem großen Kirschbaum hingen, der niemandem zu gehören schien.

Das war alles. Das war unsere Welt.

Aber was für eine Welt!

Ein Neubaugebiet besitzt keine Wurzeln in der Vergangenheit, auch keine Verästelungen in den Himmel der Zukunft, wie die Trabantenstädte sie einmal hatten. Neubaugebiete entstanden als eine pragmatische Antwort auf eine praktische Frage, wo sollen die vielen Zugezogenen wohnen, ja genau, im Wald, da weisen wir ein paar Grundstücke als Bauland aus und bieten sie zum Verkauf an. Das einzige Haus, das dort auch früher schon gestanden hatte, gehörte einer Familie namens Beck, der Vater stammte aus Dänemark und hatte das Haus eigenhändig mitten im Wald erbaut. Sie besaßen kein Auto und weder eine Waschmaschine noch einen Fernseher. Keinen Garten, nur einen Hof aus festgetrampelter Erde zwischen den Bäumen. Brennholzstapel unter Plastikplanen und im Winter ein umgestülptes Boot. Die beiden Schwestern Inga Lill und Lisa gingen in die Gesamtschule und passten in den ersten Jahren, die wir dort wohnten, auf Yngve und mich auf. Ihr Bruder hieß John, er war zwei Jahre älter als ich, trug seltsame, selbst genähte Kleider, und die Dinge, die mich interessierten, fand er völlig uninteressant, er wandte sich anderem zu, aber wir wussten nicht, was es war. Als er zwölf war, baute er sich sein eigenes Boot. Nicht wie wir, nicht wie diese Flöße, die wir aus Träumen und Abenteuerlust zu zimmern versuchten, sondern ein richtiges, stabiles Ruderboot. Eigentlich hätte er gemobbt werden müssen, aber das wurde er nicht, der Abstand zwischen ihm und uns war in gewisser Weise zu groß. Er war keiner von uns und scherte sich auch nicht darum, es zu sein. Sein Vater, der Fahrrad fahrende Däne, der vielleicht schon damals in Dänemark den Wunsch gehegt hatte, alleine mitten im Wald zu leben, muss enttäuscht gewesen sein, als die Pläne für die Siedlung vorgelegt und genehmigt wurden und die ersten Baumaschinen in den Wald hinter seinem Haus rollten. Die Familien, die dort einzogen, kamen aus dem ganzen Land, und alle hatten Kinder. In dem Haus auf der anderen Straßenseite wohnten Gustavsens, er war Feuerwehrmann, sie war Hausfrau, sie stammten aus Honningsvåg, ihre Kinder hießen Rolf und Leif Tore. Im Haus oberhalb von unserem wohnten Prestbakmos, er war Gesamtschullehrer, sie war Krankenschwester, sie kamen aus Troms, ihre Kinder hießen Gro und Geir. Dahinter wohnten wiederum die Kanestrøms, er arbeitete bei der Post, sie war Hausfrau, beide stammten aus Kristiansund, ihre Kinder hießen Steinar, Ingrid Anne, Dag Lothar und Unni. Auf der anderen Straßenseite die Karlsens, er war Seemann, sie Verkäuferin, sie waren Südnorweger, ihre Kinder hießen Kent Arne und Anne Lene. Oberhalb von ihnen die Christensens, er Seemann, ihren Beruf kannte ich nicht, die Kinder hießen Marianne und Eva. Auf der anderen Seite wohnten Jacobsens, er war Drucker, sie Hausfrau, beide stammten aus Bergen, ihre Kinder hießen Geir, Trond und Wenche. Oberhalb von ihnen Lindlands, Südnorweger, ihre Kinder hießen Geir Håkon und Morten. Dort ungefähr verlor ich allmählich den Überblick, zumindest darüber, wie die Eltern hießen und was sie beruflich machten. Bente, Tone Elisabeth, Tone, Liv Berit, Steinar, Kåre, Rune, Jan Atle, Oddlaug, Halvor hießen die Kinder in diesem Teil der Siedlung. Die meisten waren in meinem Alter, die ältesten sieben Jahre älter als ich, die jüngsten vier Jahre jünger. Fünf von ihnen sollten später in meine Klasse gehen.

Wir zogen im Sommer 1970 dorthin. Da waren die meisten Häuser der Siedlung noch gar nicht fertiggestellt. Die gellende Warnsirene, die vor einer Sprengung ertönte, war in meiner Kindheit ein vertrautes Geräusch, das ganz eigenartige Gefühl von Untergang, das man manchmal verspürte, wenn sich die Schockwellen der Sprengung durch den Untergrund verbreiteten und den Boden im Haus erzittern ließen, war eine ganz alltägliche Empfindung. Dass es überirdische Verbindungen gab, war natürlich – Straßen und Stromleitungen und Wälder und Meer –, aber dass es so etwas auch unter der Erde gab, erschien mir beunruhigender. Worauf wir standen, sollte das nicht absolut unverrückbar und undurchdringlich sein? Gleichzeitig übten alle Öffnungen in der Erde eine ganz eigene Anziehungskraft auf mich und die anderen Kinder aus, mit denen ich aufwuchs. Nicht selten versammelten wir uns um eines der zahlreichen Löcher, die in der Nachbarschaft ausgehoben wurden, sei es nun, dass Abwasserleitungen oder Stromkabel verlegt werden sollten oder man einen Keller gießen wollte, und starrten in die Tiefe, gelb, wo Sand war, schwarz, braun oder rotbraun, wo Erde war, grau, wo Lehm war, und mit einem Grund, der früher oder später stets von einer graugelben und undurchdringlichen Wasserschicht bedeckt war, die gelegentlich von der Spitze eines oder zweier Felsblöcke durchbrochen wurde. Über der Grube brütete, einem Vogel nicht unähnlich, ein gelb- oder orangeglänzender Bagger mit einer Schaufel wie ein Schnabel am vorderen Ende seines langen Halses, neben ihm parkte ein Lastwagen, dessen Scheinwerfer an Augen erinnerten, der Kühlergrill glich einem Mund und die mit einer Plane überspannte Ladefläche einem Rücken. Wenn es um größere Bauvorhaben ging, standen dort auch Bulldozer oder Kipplaster, die meistens gelb waren und riesige Reifen hatten, deren Profilrillen so tief waren wie unsere Hände. Wenn wir Glück hatten, fanden wir in oder in der Nähe der Baugrube Bündel von Zündschnur und nahmen sie an uns, denn Zündschnüre besaßen einen hohen Gebrauchs- und Tauschwert. Ansonsten gab es immer Trommeln in der Nähe, mannshohe, garnrollenartige Holzkonstruktionen, von denen Kabel abgerollt wurden, sowie Stapel glatter, braunroter Plastikrohre, deren Durchmesser etwa der Dicke unserer Unterarme entsprach. Des Weiteren stapelweise Zementrohre und vorgegossene Zementbrunnen, ganz rau und schön, etwas höher als wir, perfekt zum Klettern geeignet; lange, unverrückbare Matten aus alten, aufgeschnittenen Autoreifen, die man bei den Sprengungen benutzte; Stapel hölzerner Telefonmasten, die das Imprägniermittel grün gefärbt hatte; Kästen mit Dynamit, Bauwagen, in denen sich die Arbeiter umzogen und aßen. Wenn sie da waren, blieben wir respektvoll auf Distanz und beobachteten ihr Tun. Waren sie nicht da, kletterten wir in die Grube, auf die Räder der Kipplaster, balancierten auf den Rohrstapeln, prüften, ob die Türen der Bauwagen abgeschlossen waren, und lugten in die Fenster hinein, kletterten in die Zementbrunnen oder versuchten, die Kabeltrommeln zu rollen, füllten unsere Taschen mit abgeknipsten Leitungen, Plastikhebeln, Draht. In unserer Welt stand niemand höher im Kurs als diese Arbeiter, keine Arbeit erschien uns sinnvoller als ihre. Die technischen Details, aus denen sie bestand, interessierten mich ebenso wenig wie die Marke der Baumaschinen. Abgesehen von der Veränderung der Landschaft, die ihr Werk war, fanden wir die Spuren ihres Privatlebens am bemerkenswertesten an ihnen. So etwa, wenn sie aus dem orangen Arbeitsoverall oder der blauen, locker sitzenden, fast formlosen Hose einen Kamm zogen und sich kämmten, den Helm unter den Arm geklemmt, inmitten aller Baumaschinen und deren grollender, hämmernder Aktivitäten, oder dieser mystische, fast unverständlich bleibende Augenblick, wenn sie nachmittags in ganz normalen Kleidern aus dem Bauwagen herauskamen, sich in ihre Autos setzten und wie ganz normale Männer davonfuhren.

Es gab auch andere Arbeiter, die wir aufmerksam und unermüdlich beobachteten. Tauchte jemand von der Telefongesellschaft in unserer Gegend auf, verbreitete sich die Neuigkeit unter uns Kindern wie ein Lauffeuer. Dort stand der Wagen, dort stand der Arbeiter, ein Fernmeldetechniker, und dort lagen seine FANTASTISCHEN Steigeisen! Mit ihnen an den Füßen und einem Werkzeuggürtel um die Taille geschnallt, hakte er ein Geschirr fest, das um ihn und den Mast verlief, und begann mit langsamen und wohlüberlegten, für uns jedoch VOLLKOMMEN unverständlichen Bewegungen hinaufzuklettern. Wie war das nur MÖGLICH? Mit geradem Rücken, ohne erkennbare Anstrengung, ohne sichtbaren Krafteinsatz GLITT er nach oben. Mit großen Augen starrten wir ihn an, während er da oben arbeitete, jetzt wegzugehen kam nicht in Frage, denn bald würde er, ebenso spielerisch und unangestrengt und unbegreiflich, wieder herunterklettern. Man stelle sich nur vor, solche Schuhe mit Steigeisen zu besitzen, mit dieser schnabelartigen Metallstange, die den Mast umschloss, was würde man dann nicht alles tun können?

Dann gab es auch noch die Leute, die in der Kanalisation arbeiteten und ihre Autos neben einem der vielen Kanalschächte in der Straße parkten, die entweder im Asphalt versenkt waren oder irgendwo neben der Fahrbahn in kleinen Erhebungen aufgemauert lagen, und die, nachdem sie Stiefel angezogen hatten, die ihnen bis zur TAILLE! reichten, mit einem Stemmeisen den runden, ungeheuer schweren Metalldeckel anhoben, ihn ablegten und anschließend hinunterstiegen. Wie das erste Bein in dem Loch unter der Straße verschwand, danach die Oberschenkel, dann der Bauch, dann die Brust, schließlich der Kopf … Und was war da unten, wenn nicht ein Tunnel? Durch den Wasser lief? Durch den man gehen konnte? Oh, mein Gott, das war ja fantastisch. Vielleicht befand sich der Mann jetzt bereits irgendwo dahinten, neben Kent Arnes Fahrrad, das ungefähr zwanzig Meter entfernt auf dem Bürgersteig lag, aber unter der Erde! Oder war es etwa so, dass diese Schächte nur eine Art Stationen waren, also Brunnen, an denen man die Rohre kontrollieren und im Falle eines Feuers Wasser holen konnte? Das wusste keiner von uns, denn wenn sie hinabstiegen, wurde uns stets befohlen, uns fernzuhalten. Sie zu fragen, traute sich keiner von uns, und niemand war stark genug, um die schweren, Münzen nicht unähnlichen Metalldeckel eigenhändig abzuheben. Also blieb die Sache wie so vieles damals ein Mysterium.

Selbst als wir noch nicht in die Schule gingen, konnten wir uns bis auf zwei Ausnahmen überall frei bewegen. Die eine Ausnahme war die große Straße, die von der Brücke zur Fina-Tankstelle hinabführte, die andere war das Meer. Du darfst nie alleine zum Meer hinuntergehen!, schärften uns die Erwachsenen ein. Aber warum eigentlich nicht? Dachten sie etwa, wir würden ins Wasser fallen? Nein, darum gehe es nicht, erläuterte einer von uns, als wir auf dem Berg direkt hinter der kleinen Wiese saßen, auf der wir ab und zu Fußball spielten, und auf das Wasser ungefähr dreißig Meter unter uns hinabblickten, zu dem der Felsenhang steil abfiel. Es liege am Nöck, dem Wassergeist. Er raube Kinder.

»Wer sagt das?«

»Mama und Papa.«

»Er ist hier?«

»Ja.«

Wir blickten auf die gräuliche Wasseroberfläche der langen und schmalen Bucht Ubekilen hinab. Es erschien uns unwahrscheinlich, dass sich etwas unter ihr befinden sollte.

»Nur hier?«, fragte jemand. »Können wir dann nicht einfach woanders hingehen? Zum Tjenna?«

»Oder nach Lille-Hawaii?«

»Da hausen andere Nöcks. Sie sind gefährlich. Das ist die Wahrheit. Mama und Papa sagen das. Sie rauben Kinder und ertränken sie.«

»Kann der Geist zu uns hochkommen?«

»Das weiß ich nicht. Nein, das glaube ich nicht. Nein. Das ist zu weit weg. Es ist nur unten am Ufer gefährlich.«

Danach hatte ich Angst vor dem Nöck, allerdings nicht so viel Angst wie vor Füchsen, der Gedanke an sie versetzte mich in panische Angst, und wenn ich sah, dass sich ein Busch bewegte, und ich etwas vorbeirascheln hörte, musste ich zu einem sicheren Ort laufen, zu einer Lichtung im Wald oder in die Siedlung, in die sich die Füchse niemals vorwagten. Ja, vor Füchsen fürchtete ich mich so sehr, dass es schon reichte, wenn Yngve sagte, ich bin ein Fuchs, jetzt komme ich dich holen, wenn er über mir in unserem Etagenbett lag, um mich vor Angst erstarren zu lassen. Nein, du bist kein Fuchs, widersprach ich ihm. Doch, beharrte er, lehnte sich über die Bettkante und schlug mit der Hand nach mir. Obwohl er das tat, obwohl er mir manchmal Angst machte, vermisste ich ihn, als jeder von uns ein eigenes Zimmer bekam und ich auf einmal alleine schlafen musste. Es funktionierte reibungslos, denn auch das neue Zimmer war ja im Haus, aber es funktionierte nicht mehr so gut wie früher, als er bei mir, im Bett über mir war. Damals konnte ich ihn ja einfach fragen, zum Beispiel, Yngve, hast du Angst, sagen und er mir antworten, Nein, warum sollte ich Angst haben? Hier gibt es doch nichts, wovor man Angst haben müsste, und ich hätte gewusst, dass er recht hatte, und hätte Ruhe gefunden.

Die Angst vor Füchsen verlor ich ungefähr mit sieben. Die Lücke, die sie hinterließ, wurde allerdings rasch von anderen Dingen gefüllt. Eines Vormittags ging ich am Fernseher vorbei, der eingeschaltet war, ohne dass jemand fernsah, und es lief ein Film, und in diesem, oh nein, stieg ein Mann ohne Kopf eine Treppe hoch! Ooooh! Ich lief in mein Zimmer, aber das half mir natürlich nicht, dort war ich genauso schutzlos und allein, also musste ich nach meiner Mutter suchen, wenn sie zu Hause war, oder nach Yngve. Das Bild des kopflosen Mannes verfolgte mich, und das nicht nur in der Dunkelheit, wie meine anderen schrecklichen Hirngespinste es taten. Nein, der Mann ohne Kopf konnte mitten am helllichten Tag Besitz von mir ergreifen, und wenn ich dann alleine war, half es nicht, dass die Sonne schien und die Vögel sangen. Mein Herz hämmerte, und die Furcht breitete sich blitzschnell bis in den kleinsten Nerv hinein aus. Es war fast noch schlimmer, dass die Dunkelheit auch im Licht war. Ja, wenn es etwas gab, wovor ich mich wirklich fürchtete, dann war es die Dunkelheit im Licht. Das Schreckliche bestand darin, dass sich dagegen absolut nichts tun ließ. Es brachte nichts, um Hilfe zu rufen, es brachte nichts, mitten auf einem offenen Platz zu stehen, es brachte nichts wegzulaufen. Dann gab es da noch dieses Titelblatt des Detektivmagazins, das mein Vater mir einmal gezeigt hatte, ein Heft, das ihm selbst als Kind gehört hatte und auf dem ein Skelett stand, das einen Mann auf dem Rücken trug, und das Skelett hatte den Kopf gedreht und sah mich mit seinen leeren Totenschädelaugen direkt an. Auch vor diesem Knochengerüst bekam ich Angst, auch dieses tauchte in allen möglichen und unmöglichen Zusammenhängen auf. Außerdem fürchtete ich mich vor dem Heißwasserhahn im Bad. Ließ man heißes Wasser laufen, ertönte in den Rohren nämlich ein schneidender Ton, und wenn man dann nicht sofort abdrehte, begann es unmittelbar darauf in ihnen zu hämmern. Diese Töne, die so wüst und laut waren, versetzten mich in panische Angst. Es gab einen Weg, sie zu vermeiden, man musste erst das kalte Wasser aufdrehen und das heiße Wasser danach gleichsam hervorlocken. Mutter, Vater und Yngve beherrschten diese Kunst. Ich hatte es versucht, aber der durchdringende Ton, der durch die Wände schnitt und dem in rasch zunehmender Frequenz das Hämmern folgte, als steigerte sich da unten jemand in einen Tobsuchtsanfall hinein, setzte sofort ein, sobald ich den Heißwasserhahn aufdrehte, so dass ich ihn blitzschnell wieder zudrehte und am ganzen Leib von Angst gepackt hinauslief. Und so wusch ich mich entweder mit kaltem Wasser oder übernahm morgens Yngves schmutziges, aber lauwarmes Waschwasser.

Die Hunde, die Füchse und die Wasserrohre waren konkrete und gegenständliche Bedrohungen, und das hielt sie an einem festen Ort, sie waren entweder da oder nicht da. Der kopflose Mann und das grinsende Skelett gehörten dagegen zu den Toten und ließen sich nicht auf einen Ort festlegen, sie konnten überall sein, im Schrank, wenn man ihn in der Dunkelheit öffnete, auf der Treppe, wenn man sie hinaufstieg, im Wald, ja sogar unter dem Bett oder im Badezimmer. Mein eigenes Spiegelbild in den Fensterscheiben verknüpfte ich mit diesen Geschöpfen aus dem Totenreich, vielleicht auch, weil es nur entstand, wenn es draußen dunkel war, aber es war ein schrecklicher Gedanke, sein eigenes Spiegelbild in dem schwarzen Glas zu erblicken und zu denken, dieses Bild bin nicht ich, sondern ein Toter, der mich anstarrt.

Im Jahr unserer Einschulung glaubte von uns keiner mehr an Wassergeister, Wichtel oder Trolle, wer das tat, den lachten wir aus, aber die Vorstellung von Geistern und Gespenstern blieb lebendig, vielleicht auch, weil wir es nicht wagten, unsere Augen davor zu verschließen; immerhin gab es tote Menschen, das wussten wir, jeder von uns. Andere Vorstellungen aus dem gleichen schillernden Bereich, dem der Mythologie, waren heiterer und unschuldiger, zum Beispiel die vom Regenbogen, an dessen Fuß ein Schatz liegen sollte. Selbst in jenem Herbst, in dem wir in die erste Klasse kamen, glaubten wir noch so fest daran, dass wir uns auf die Jagd nach ihm machten. Es muss an einem Samstag im September gewesen sein, es hatte den ganzen Vormittag geregnet, und wir spielten auf der Straße unterhalb des Hauses, in dem Geir Håkon wohnte, oder genauer gesagt, im Straßengraben, in dem Wasser stand. An dieser Stelle verlief die Straße an einer fortgesprengten Felswand vorbei, von deren moos-, gras- und erdbedeckter Kuppe Wasser herunterlief und -tropfte. Wir trugen Gummistiefel, dicke Regenhosen und Regenjacken in leuchtenden Farben und hatten die Kapuzen aufgezogen, so dass alle Geräusche sich verschoben, die eigenen Atemzüge und die Bewegungen des eigenen Kopfs; die Ohren, die über die Innenseite der Kapuze schabten, erklangen laut und deutlich, während alles andere gedämpft wurde und in weiter Ferne vorzugehen schien. Zwischen den Bäumen auf der anderen Seite der Straße und rund um die Kuppe des Bergs über uns hing dichter Nebel. Die orangen Häuserdächer, die zu beiden Seiten der abwärtsführenden Straße lagen, schimmerten matt im grauen Licht. Über dem Wald am Fuße des Anstiegs hing der Himmel wie ein anschwellender Bauch, durchdrungen vom strömenden Regen, der unablässig leise auf die Kapuze und die momentan überempfindlichen Ohren trommelte.

Wir bauten einen Damm, aber der Sand, den wir aufschaufelten, rieselte immer wieder herunter, und als uns Jacobsens Auto ins Auge fiel, das die Straße heraufkam, zögerten wir nicht lange, sondern warfen die Schaufeln fort und liefen zu ihrem Haus, vor dem der Wagen gerade hielt. Hinter dem Auspuffrohr schwebte ein bläulicher Streifen Rauch in der Luft. Auf der einen Seite stieg der Vater aus. Spindeldürr, mit einem Zigarettenstummel im Mundwinkel, bückte er sich, zog den Hebel am unteren Ende des Fahrersitzes hoch und kippte ihn nach vorn, damit seine beiden Söhne, Store-Geir und Trond, aussteigen konnten, während die Mutter, klein, rundlich, rothaarig und blass, auf der anderen Seite ihre Tochter Wenche herausließ.

»Hallo«, sagten wir.

»Hallo«, grüßten Geir und Trond.

»Wo seid ihr gewesen?«

»In der Stadt.«

»Hallo, Jungs«, sagte der Vater.

»Hallo«, erwiderten wir.

»Wollt ihr mal hören, was siebenhundertundsiebenundsiebzig auf Deutsch heißt?«, fragte er.

»Ja.«

»Siebenhundert-und-siebundsiebsich!«, sagte er mit seiner heiseren Stimme. »Ha, ha, ha!«

Wir lachten auch. Sein Lachen ging in ein Husten über.

»Na gut«, sagte er, als es vorbei war, steckte den Schlüssel ins Schloss der Autotür und drehte ihn. Die ganze Zeit über zuckten seine Lippen und ein Auge.

»Wo wollt ihr hin?«, erkundigte sich Trond.

»Keine Ahnung«, antwortete ich.

»Kann ich mitkommen?«

»Klar.«

Trond war genauso alt wie Geir und ich, aber viel kleiner. Seine Augen waren kugelrund, seine Unterlippe war dick und rot, die Nase klein. Über diesem fast puppenhaften Gesicht wuchsen blonde und krause Haare. Sein Bruder sah ganz anders aus; seine Augen waren schmal und listig und grinsten oft spöttisch, seine Haare waren glatt und strohbraun, die Nasenwurzel war von Sommersprossen übersät. Aber klein war er auch.

»Zieh eine Regenjacke an«, sagte seine Mutter.

»Ich geh nur schnell meine Regenjacke holen«, rief Trond und lief ins Haus. Wir blieben stumm stehen und warteten, die Arme am Körper angelegt wie zwei Pinguine. Es regnete nicht mehr. Leichter Wind ließ die Wipfel der hohen, schlanken Kiefern, die vereinzelt in den Gärten standen, schwanken. Ein kleiner Bach lief am Straßenrand abwärts, zog an manchen Stellen kleine Haufen Kiefernnadeln mit sich, die gelben Vs oder gelben Beine, die überall verstreut lagen.

Hinter uns riss die Wolkendecke auf. Die Landschaft, in der wir standen, mit all ihren Häuserdächern, Höfen, Wäldchen, Hügeln und Böschungen, bekam etwas Glühendes. Von dem Hügel oberhalb unseres Hauses ausgehend, den wir nur den »Berg« nannten, wölbte sich ein Regenbogen.

»Seht mal!«, rief ich. »Der Regenbogen!«

»Wow!«, sagte Geir.

Oben am Haus schloss Trond die Tür hinter sich und lief auf uns zu.

»Da ist ein Regenbogen auf dem Berg!«, sagte Geir

»Sollen wir den Schatz suchen gehen?«

»Ja, das machen wir!«, erwiderte Trond.

Wir liefen die Straße hinunter. Auf dem Hof vor Karlsens Haus stand Anne Lene, Kent Arnes kleine Schwester, und schaute uns hinterher. Damit sie nicht weglaufen konnte, war sie an eine Leine angeschirrt. Das rote Auto ihrer Mutter stand in der Einfahrt. In einer Lampe an der Wand brannte eine Glühbirne. Vor Gustavsens Haus wurde Trond langsamer.

»Leif Tore will bestimmt auch mitmachen«, meinte er.

»Ich glaube nicht, dass er zu Hause ist«, sagte ich.

»Wir fragen trotzdem«, entschied Trond und ging zwischen den beiden gemauerten Torpfeilern hindurch, die jedoch durch kein Tor miteinander verbunden waren, weshalb mein Vater sich des Öfteren über sie lustig machte, und die Einfahrt zum Haus hinauf. Auf den Pfeilern waren hohle Metallkugeln eingemauert worden, aus denen Pfeile ragten, und das Ganze wurde von einem nackten Mann mit gekrümmtem Rücken getragen. Es war eine Sonnenuhr, und auch über sie machte sich mein Vater lustig, denn was wollte man eigentlich mit zwei Sonnenuhren?

»Leif Tore!«, rief Trond. »Kommst du raus?«

Er sah uns an. Daraufhin riefen wir zu dritt.

»Leif Tore! Kommst du raus?«

Es vergingen einige Sekunden. Dann wurde über uns das Küchenfenster geöffnet, und seine Mutter steckte den Kopf heraus.

»Er kommt gleich. Er muss sich nur noch Regensachen anziehen. Ihr braucht nicht mehr nach ihm rufen.«

Ich hatte glasklare Vorstellungen von der Beschaffenheit des Schatzes. Ein großer, schwarzer Kessel mit drei Beinen, randvoll mit glitzernden Sachen gefüllt. Gold, Silber, Diamanten, Rubine, Saphire. Er stand an den Enden des Regenbogens, auf jeder Seite gab es einen. Wir hatten schon einmal – erfolglos – nach ihm gesucht. Man musste sich beeilen, Regenbögen blieben nicht lange bestehen.

Leif Tore, der nun schon eine ganze Weile ein Schatten hinter der gelben Glasscheibe in der Tür gewesen war, öffnete sie endlich. Um ihn herum strömte eine Welle warmer Luft ins Freie. Bei ihm zu Hause war es immer so warm. Ein schwacher Hauch von etwas, was gleichzeitig süß und sauer roch, stieg mir in die Nase. So roch es bei ihnen. Außer unserem eigenen hatte jedes Haus seinen eigenen Geruch, und das war ihrer.

»Was wollen wir tun?«, fragte er und knallte die Tür hinter sich so fest zu, dass das Glas klirrte.

»Auf dem Berg ist ein Regenbogen, wir wollen den Schatz suchen«, antwortete Trond.

»Na, dann kommt!«, rief Leif Tore und lief los. Wir rannten ihm hinterher, das letzte Stück den Hügel hinunter und auf den Weg, der den Berg hinaufführte. Ich sah, dass Yngves Fahrrad noch nicht wieder an seinem Platz stand, aber der grüne Käfer meiner Mutter und der rote Kadett meines Vaters waren da. Als ich gegangen war, staubsaugte meine Mutter gerade im Haus, und etwas Schlimmeres gab es für mich nicht, ich hasste das Geräusch, es war wie eine Wand, die gegen mich gepresst wurde. Außerdem öffneten sie die Fenster, wenn sie putzten, die Luft im Haus wurde eiskalt, und es kam mir vor, als übertrüge sich diese Kälte auch auf Mutter, sie strahlte keine zusätzliche Wärme mehr aus, wenn sie über den Putzeimer gebeugt stand und den Aufnehmer auswrang oder wenn sie den Besen oder Staubsauger über den Boden schob, und da für mich nur Platz in dem war, was es zusätzlich gab, wurde auch ich an diesen Samstagvormittagen kalt, so kalt, dass diese Kälte bis in meinen Kopf drang und es mir sogar schwerfiel, auf dem Bett zu liegen und Comics zu lesen, was ich sonst eigentlich liebte, bis ich schließlich keine andere Wahl mehr hatte, als mich anzuziehen und in der Hoffnung aus dem Haus zu laufen, dass dort draußen irgendetwas los sein würde.

Bei uns putzten beide, Mutter und Vater, was nicht allgemein üblich war; soweit ich wusste, half keiner der anderen Väter dabei, mit Ausnahme von Prestbakmo vielleicht, aber ich hatte ihn niemals putzen sehen und bezweifelte letztlich, dass er so etwas machte.

An diesem Tag war Vater jedoch in die Stadt gefahren und hatte im Hafen Krabben gekauft. Danach hatte er in seinem Büro gesessen, Zigaretten geraucht und möglicherweise Arbeiten korrigiert, möglicherweise Akten gelesen, sich möglicherweise mit seiner Briefmarkensammlung beschäftigt, möglicherweise in dem Comic »Das Phantom« gelesen.

Vor unserem schwarz gebeizten Gartenzaun, wo der kleine Weg zum B-Max begann, hatte Wasser aus einem Kanalschacht den Waldboden überschwemmt. Rolf, Leif Tores Bruder, hatte vor ein paar Tagen gesagt, dafür sei mein Vater zuständig. »Zuständig« war kein Wort, das er sonst jemals in den Mund genommen hätte, weshalb ich begriff, dass er es von seinem Vater übernommen hatte. Mein Vater saß im Gemeinderat, der auf der Insel bestimmte, das hatte Gustavsen, der Vater von Leif Tore und Rolf, gemeint. Vater musste die Überschwemmung melden, damit sie jemanden schickten, der den Fehler behob. Als wir aufwärtsgingen und meine Augen wieder auf der unnatürlich großen Wassermenge zwischen den kleinen, dünnen Bäumen ruhten, in der auch weißes Toilettenpapier trieb, beschloss ich, ihm das zu sagen, falls sich mir die Gelegenheit dazu bieten sollte. Dass er die Sache bei der Sitzung am Montag melden musste.

Sieh an, da war er ja. In seiner blauen Regenjacke, die Kapuze nicht aufgezogen, seiner blauen Jeans, die er immer anzog, wenn er im Garten arbeiten wollte, und den grünen, kniehohen Stiefeln bog er um die Hausecke. Sein Oberkörper war leicht angewinkelt, denn in den Händen hielt er eine Leiter, die er über den Hof balancierte und in der nächsten Sekunde abstellte, aufrichtete und an das Hausdach lehnte.

ENDE DER LESEPROBE