Stalingrad - Theodor Plievier - E-Book

Stalingrad E-Book

Theodor Plievier

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Beschreibung

Der erste Bestseller im Nachkriegsdeutschland.

Theodor Plieviers Roman kennt keine Helden. Er ist unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erschienen und macht anhand zweier Figuren, Oberst Manfred Vilshofen und Unteroffizier August Gnotke, den im Laufe »jenes wahnwitzigen Raubkrieges« einsetzenden Läuterungsprozess nachvollziehbar. Das Tatsachen-Epos ist ein zeitloses Dokument des Antimilitarismus, das auch achtzig Jahre nach dem Ende dieser beispiellosen Katastrophe Augen zu öffnen vermag – mit anhaltender literarischer Wucht. 

Der große Klassiker in der Ausgabe letzter Hand. Die Neuausgabe präsentiert die letztgültige Fassung des Autors – mit einem Nachwort von Carsten Gansel.

»Es gibt Bücher, die gelesen werden müssen!« Kurt W. Marek.

»Dieses Buch wird zu den dauernden klassischen Werken zählen.« Victor Klemperer.

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Seitenzahl: 905

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über das Buch

Für Theodor Plievier war die Kesselschlacht um Stalingrad die Fortsetzung und eine Art Kulminationspunkt der deutschen Geschichte und des deutschen Schicksals: 

»Als ein Teil dieses fluchbeladenen und schauerlich sühnenden Volkes habe ich die Schlachtfelder gesehen, habe ich die aus den Trümmern gelesenen armen Aufzeichnungen in Briefen und Tagebüchern in den Händen gehalten, habe mit gefangenen Soldaten und Offizieren gesprochen und, immer um das Selbstmörderische jenes wahnwitzigen Raubkrieges wissend, habe ich unternommen, das Geschehen an der Wolga nicht nur als den militärischen, auch als moralischen Wendpunkt in der Geschichte unseres Volkes zu gestalten.« Theodor Plievier über »Stalingrad«

Über Theodor Plievier

Theodor Plievier wurde 1892 als Sohn eines Arbeiters in Berlin-Wedding geboren. Früh begann er sich für Literatur und Philosophie zu interessieren. Im Ersten Weltkrieg diente er in der Marine und nahm am Matrosenaufstand teil. Nach dem Krieg engagierte er sich vor allem publizistisch. 1929 folgte die erste Buchveröffentlichung. 1933 emigrierte er über einige Stationen in die Sowjetunion, später kehrte er in die Sowjetische Besatzungszone zurück. 1947 übersiedelte er in die Westzonen, 1953 weiter in die Schweiz, wo er 1955 starb.  

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Theodor Plievier

Stalingrad

Roman

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Und da war Gnotke.

Höhe 126 ging verloren!

Ein kleines Zimmer, leere Wände …

Die Ringbahn bot die letzte Verteidigungslinie.

In der Nacht vom 22. auf den 23. Januar war es.

Die 297. Infanteriedivision …

General Gönnern hat einen Gegenstoß gemacht …

Carsten Gansel – »Und da war Gnotke« – Theodor Plieviers Weltbestseller »Stalingrad«

Der erste Bestseller im Nachkriegsdeutschland

»Es gibt Bücher, die gelesen werden müssen!«

Der Wahrheit ins Gesicht blicken – »an die tausend« Leserbriefe

Plievier wird zur literarischen Figur in anderen Stalingrad-Romanen

Stationen einer Biografie – Flucht aus Nazi-Deutschland

Auf dem I. Allunionskongress

Von Moskau in die Wolgadeutsche Republik

Die wolgadeutsche Zeitschrift »Der Kämpfer«

Die Siedlung Paulskoje, der Große Terror und die Erzählung »An der Wolga«

Der Überfall auf die Sowjetunion – im »Schriftstellerzug« nach Taschkent

Plieviers Methode für den Stalingrad-Roman wird geboren

Die Schlacht um Stalingrad – und das Schicksal Kriegsgefangenschaft

Wie der »Stalingrad«-Roman entsteht

Als Fortsetzung in der »Internationalen Literatur«

»Soldatisches Opfernarrativ«

»Auf der Straße nach Pitomnik« – Theodor Plieviers »harter Realismus«

Ein Identifikationsangebot für die Heimkehrenden

Oberst Vilshofen als »Verkörperung des vorgeschrittenen Teiles«

Prozess gegen Plievier und den Aufbau-Verlag

Der Autor und sein Bestseller werden zur Persona non grata

Die späte Rehabilitierung eines Bestsellers

100 Seiten umfangreicher – die vorliegende Fassung »letzter Hand«

Umstrittener Autor in Ost und West

Anmerkungen

Impressum

Und da war Gnotke.

Und da war Gnotke.

Es war ein grauer Novembertag, und August Gnotke hatte einen Spaten in der Hand. Acht Meter lang war die Grube und zwei breit und anderthalb tief, an welche Gnotke, Aslang, Hubbe, Dinger und Gimpf die letzte Hand angelegt hatten. Unteroffizier Gnotke, Feldwebel Aslang, die Gefreiten Hubbe und Dinger und der Soldat Gimpf unterschieden sich in nichts voneinander. Sie trugen keine Schulterklappen und keinerlei Abzeichen, und ihre Hände und Gesichter waren ebenso wie die Uniformen, es schienen vor langer Zeit einmal Hände und Gesichter und Uniformen gewesen zu sein.

Der letzte Spatenstich war gemacht.

Hubbe und Dinger, Gnotke und Gimpf ergriffen je ein Traggestell. Ihre Bewegungen waren langsam, aber eine folgte der anderen, kein Aufblicken und keine Pause. Nachdem sie die Spaten in den aufgeworfenen Erdhaufen gesteckt und die Traggestelle aufgenommen hatten, trotteten sie davon und verschwanden im Dunst. Es war in der Gegend östlich Kletskaja und in der Schleife, die der Don zwischen Kletskaja und Wertjatschi bildet, und es war im Bereich der 376. Infanteriedivision. Linker Hand, das heißt im Westen, wälzte der Don seine erste eisgraue Winterdecke abwärts, und im Rücken und zwei Tagemärsche ostwärts war wieder der Don, der hier einen Bogen beschreibt, und jenseits des Don und nochmals zwei Tagemärsche ostwärts lag die Wolga und lag Stalingrad. Hier befand man sich an der am Donbogen angelehnten nördlichen Flanke der Front. Voraus und im Rücken, unter den Füßen und in der Luft, hier war Front.

Und so verlangte es der Armeebefehl für die Feldstrafgefangenenabteilung: »Die Strafverbüßung erfolgt unmittelbar in der vorderen Linie. Der Strafvollzug besteht in der Ausführung beschwerlichster und gefährlicher Arbeiten als Minenräumen, Leichenbestatten, Bauen von Knüppeldämmen im Sumpf usw., unter Feindeinwirkung, Artilleriefeuer usw. …«

In den Ausführungsbestimmungen heißt es:

»Wehrsold: wird gekürzt ausgezahlt. Anzug: zur Erschwerung der Fahnenflucht Uniform ohne Abzeichen. Hoheitsabzeichen, Spiegel, Schulterklappen sind zu entfernen. Unterbringung: soll schlechter sein als die der übrigen Truppe. Briefverkehr: unterliegt der Überwachung, Päckchen sind nicht auszuhändigen, sondern bei der abgebenden Einheit zu verwahren. Außerdienstlicher Verkehr mit anderen Soldaten oder mit Zivilpersonen ist verboten. Beleuchtung: wird nicht zur Verfügung gestellt. Vergünstigungen: gewährt in besonderen Fällen der Führer der Abteilung.«

Schon zehn Monate gehörte Gnotke dieser Truppe an, über deren Ursprung und Zusammensetzung es in einem Armeetagesbefehl heißt: »Es ist bekannt, dass der Krieg die Soldaten verdirbt, und die unausbleibliche Folge jedes Einsatzes ist die Auflockerung der Disziplin; und je länger der Einsatz dauert und umso härter die Inanspruchnahme, umso mehr macht sich das bemerkbar.« Den Unteroffizier Gnotke hatte der letzte Wintereinsatz und der Marsch auf Moskau »verdorben«, und »Befehlsverweigerung vor versammelter Mannschaft« hatte ihn hierhergebracht. Der Soldat Matthias Gimpf war auch eine »unausbleibliche Folge« des letzten Winterfeldzuges. In einem Graben hinter der zugefrorenen Shisdra – es war ein Tag gewesen, an dem die Bäume vor Kälte krachten und der Wind feinen Pulverschnee ins Gesicht blies – hatte er mit zerrissenen Stiefeln und in dünnem Mantel gestanden, und wie alle anderen hatte er, als der Regimentskommandeur vorn die Stellungen besichtigte, die Hände in den Taschen behalten; daraufhin vom Kommandeur angesprochen, war ein verständnisloses Lächeln seine Antwort gewesen; er hatte auch in diesem Moment die Hände noch nicht aus den Taschen genommen und nicht einmal »die Hacken zusammengerissen«, wie der Adjutant feststellen musste, und so hatte er geradezu ein Musterbeispiel für die »sinkende Moral« der Truppe abgegeben, und als solches hatte er dann auch zu dienen. Feldwebel Aslang war noch nicht lange bei der Abteilung, auch die beiden Gefreiten Hubbe und Dinger waren erst vor kurzem mit einem Transport aus Graudenz zur Auffüllung angekommen.

Gnotke und auch Gimpf gehörten vorher in den Bereich der 4. Panzerarmee, und im Zuge dieser Armee waren sie über die Kursker Steppen gegangen, und während Pionierabteilungen Gassen in die Minenfelder brachen und den Weg frei machten, räumte diese »Spreu« des vorangegangenen Winterfeldzuges, manchmal zusammengekoppelt mit örtlichen Einwohnern, Frauen und Halbwüchsigen, auch mit evakuierten Juden aus Warschau, aus Budapest, aus Hamburg, die Minenfelder. Diese rechts und links der Durchbruchstellen auf den Minenfeldern verbleibenden und vorwärtsgetriebenen und in die Lüfte gesprengten und immer wieder mit neuer »Spreu«, mit anderen Ortseinwohnern, anderen Juden aufgefüllten Abteilungen waren, ebenso wie die Panzerabteilungen und Voraustruppen und Grenadierregimenter, Teile der Armee und der nach Osten vordringenden Offensive.

Was Gnotke und Gimpf anbelangte, so waren sie mehr als einmal vom Luftdruck an den Boden geschmettert, die Knochen waren ihnen geprellt und die Haut zerschunden worden; es war vorgekommen, dass sie sich Fleischfetzen und Därme des Nachbarmannes, manchmal der Nachbarfrau, aus dem Gesicht hatten wischen müssen, aber sie selbst waren heil geblieben. Lag es nun daran, dass der Frontabschnitt, an dem sie sich befanden, von italienischen und ungarischen Truppen übernommen wurde, oder daran, dass die Südfront schon zu diesem Zeitpunkte den größeren Menschenhunger und auch größeren Bedarf an »Menschenspreu« hatte, auf der Station Stary Oskol waren beide, ein ganzer Waggon voll ihresgleichen, an ein auf dem Marsche befindliches Regiment angehängt, aber schon in Waluiki wieder ausgeladen worden. Wieder waren sie einer Pionierabteilung zugeteilt worden, und von neuem hatte der Lauf über Minenfelder und das Wegräumen von Stacheldrahthindernissen begonnen, während Artilleriegeschosse in ihren Reihen platzten, diesmal im Zuge der 6. Armee, auf der Donsteppe und tief in den Donbogen hinein. Matrosen aus Norwegen, Diebe an Heeresgut, nervenkranke Flieger, alte Trossfahrer, plötzlich in die Bresche geworfen und im Feuer der Schlacht moralisch zusammengebrochen, blieben hier auf der Strecke, die beiden Staubkörnchen Gnotke und Gimpf blieben auch dieses Mal heil.

Sie kamen zu einer anderen Abteilung.

In der nördlichen Schleife des Donbogens lagen sie truppweise in Erdlöchern, und des Nachts bewegten sie sich gleich Gespenstern in der Flussniederung und fügten Knüppelteppiche aneinander. Wieder waren es Strapazierte und Entnervte des Krieges und Letzte zertrümmerter Regimenter, die hier – und nicht nur durch Artilleriebeschuss, auch durch Fieber, auch an Erschöpfung – zugrunde gingen. Es dauerte Wochen, und hier zwischen Kletskaja und Wertjatschi hatte der deutsche Vormarsch sich festgelaufen. Bei Kletskaja hatte die Rote Armee einen Brückenkopf und eine Ausfallstellung für spätere Operationen herübergetrieben. Und während weiter südlich bei Kalatsch über den Don hinüber und über die Don-Wolga-Steppe hinweg die 6. Armee vorrückte, bis sie nach Stalingrad gelangte und sich in dem Trümmerlabyrinth festlief, wurde hier schon weit länger auf der Stelle getreten und auf der Stelle gekämpft und auf der Stelle gestorben. Kletskaja und dem russischen Brückenkopf bei Kletskaja, dieser schweren Flankenbedrohung der Stalingrader Nordostfront, war eine große Truppenmasse entgegengestellt. Das IV. und V. rumänische Korps lag dort. Dahinter das 48. deutsche Panzerkorps, die 23. und Teile der 14. Panzerdivision, noch eine zur Hälfte aus deutschen und zur Hälfte aus französischen Panzerbeständen aufgestellte Königlich Rumänische Panzerdivision. Diesem Pfropfen an massierten Truppen entsprachen die Massigkeit der Kämpfe und die Menge der hier fallenden Opfer, auch in den benachbarten deutschen Infanteriedivisionen. Die immer aufs Neue ausgelegten schwimmenden Knüppelteppiche und die von Pionieren gelegten Pontonbrücken wurden von der russischen Artillerie immer wieder zerhackt, und durch Wochen trieben Leichen deutscher Soldaten den Don stromabwärts. Auch auf der Steppe und dem Hügelgelände östlich und nordöstlich Kletskaja gab es viele Tote, und Gnotke und Gimpf wurden Leichenbestatter.

Bis zum Oktober hatten sie (mit Ausnahme derjenigen, die über die Verwundetensammelstellen nach hinten abgegangen waren) fast das ganze Bataillon, dem sie zugeteilt waren, einschließlich dreier Kompanieführer und des Bataillonskommandeurs begraben. Bataillonskommandeure erhalten Särge aus Brettern, die Kompaniechefs werden in ihre Zeltbahnen eingehüllt, Mannschaftsgrade in ihre Decken, das sind Anweisungen für Gräberoffiziere, und das gab es auch vielleicht einmal, hier gab es das nicht. Auch Ehrensalven wurden, selbst wenn die Beisetzungen große waren und wenn halbe Kompanien bestattet wurden, hier nicht mehr gehört. Von Divisionspfarrern wurden vor Sanitätern, Trossleuten, Kfz.-Fahrern, die zufällig des Weges zogen und die von den Pfarrern auf der Straße angehalten und herangeholt wurden, Gedächtnisreden gehalten. Dieser feierliche Teil der Leichenbestattung ging schon ohne die Mitwirkung eines Gimpf und Gnotke vonstatten, nur aus der Entfernung, wo sie eine neue und wo sie Grube nach Grube aushoben, waren sie, wenn sie einmal aufblickten, Zeuge davon.

So war es Oktober geworden, und auch der Oktober war vergangen.

Jetzt war es November.

Schneeluft, die Erdkruste war hart, Spalten und Löcher waren schneeverweht, manche von dünnem Eis überzogen, aus der Niederung und vom Don her brauten wie aus einer riesigen Waschküche dichte Dunstmassen auf und überzogen das Gelände. Manchmal zuckte es in den oberen Dunstschichten auf wie Wetterleuchten. Danach war das Bellen eines Geschützes zu vernehmen, und irgendwo stand dann im Dunst aus Dreck und gefrorenen Erdbrocken eine Fontäne auf. Die Bunker- und Grabenbesatzungen hockten unter der Erde. Die Munitionsholer brachten im Morgengrauen die Munition heran, und die Essenholer gingen erst abends los. Kaum einer steckte am Tage seinen Kopf heraus.

Nur die Totenmänner gingen frei herum.

Mehr als sonst glichen sie an diesem Tage durch den Dunst ziehenden Schemen. Einer vorn, einer hinten, verschmolzen sie mit der beladenen Bahre zu einem Einzigen. Der Nebel verzerrte die Dinge. Ein plötzlich auftauchender Mann zu Pferd sah aus, als ob er auf einem Hund ritte. Und Hubbe und Dinger mit ihrer Last in der Mitte und Gnotke und Gimpf mit ihrer Last in der Mitte erinnerten mehr als an alles andere sonst an langsam treibende beladene Barken.

Die Grube, die von russischen Frauen und Greisen ausgehoben und von Aslang, Hubbe, Dinger, Gnotke und Gimpf erweitert worden war, hatte ein Sammelgrab werden und die während der letzten Tage verstreut und provisorisch eingegrabenen Toten, die jetzt wieder ausgegraben wurden, in einem Gemeinschaftsgrab aufnehmen sollen als eines der Denkmäler, welche Hitler sich auf seinem Wege nach Osten setzte. Aber ein von achtundzwanzig Panzern und einem Infanteriebataillon zwei Tage vorher gegen die russischen Stellungen vorgetragener und abgeschlagener Angriff hatte die Disposition des Gräberoffiziers geändert, und die Grube hatte neben den eigenen wochenalten Toten nun auch die Toten der Panzerabteilung und des Sturmbataillons aufzunehmen. Und alles deutete darauf hin, dass es hier eine eilige Bestattung geben und dass eines der »vergessenen Gräber« entstehen würde, nicht das erste seiner Art, und die ihrer Rang- und Ehrenzeichen entkleideten Totenmänner waren auch in anderen Fällen schon die einzigen zufälligen »Ehrenzeugen« gewesen, wo sie, am anderen Grubenrand stehend, den Gräberoffizier und den überlasteten Divisionspfarrer auftauchen und unhörbare und unverständliche Worte in den Dunst hinaussprechen und mit dem Gräberoffizier so schnell, wie sie gekommen, wieder verschwinden sahen, ehe sie ihre Arbeit fortgesetzt und die Grube mit Erde bedeckt hatten. Und was die Leichenhülle, Decke oder Zeltbahn, anbetraf – wo sollten bei einer Armee, die Mitte November schon eine erste Periode scharfen Frostes hinter sich hatte und der die Winterausrüstung nur in unzureichenden Mengen beziehungsweise überhaupt nicht geliefert war, Zeltbahnen und Decken auch noch für die Toten herkommen? Eine Hülle war nur vonnöten, wo Stücke aufzulesen waren, und auch dann nur vom Fundort bis zur Grube. Die gleiche durchblutete Zeltbahn hatte immer wieder zu dienen, und nachts gab sie auf dem feuchten Boden die Schlafunterlage für die Leichenbestatter ab.

Hubbe und Dinger kamen zu dem Loch zurück, einer hüben, der andere drüben, setzten sie das Traggestell ab, kanteten es um, und die Last fiel herunter und schlug unten auf wie ein gefüllter Sack – es war eine der wieder ausgegrabenen, mit Decke und angefrorenem Lehm vermummten Gestalten. Hubbe und Dinger nahmen das Gestell wieder auf, ohne Pause und ohne Aufblicken ging es weiter, sie verschwanden im Dunst. Und Gnotke und Gimpf kamen an, und sie machten es ebenso. Und wenn es einer der toten Panzerfahrer oder Panzergrenadiere war, wurde die Hälfte der Erkennungsmarke, wurden Koppel und Lederzeug, auch der Inhalt aus den Taschen neben Feldwebel Aslang niedergelegt, der schweigend wie ein Pfahl an der Stelle stand und nach jedem Auftauchen Hubbes und Dingers oder Gnotkes und Gimpfs einen Strich auf ein Blatt Papier setzte und nach jedes Mal vier Strichen einen Querstrich zog. Sie sprachen nicht miteinander, auch hier im Dunst nicht, wo sie doch jeder Beobachtung entzogen waren, das war schon anderes als die strikte Bestimmung; sie waren des Sprechens ebenso entwöhnt wie der Wärme und auch wie des Lichtes (sei es auch aus noch so trüber Quelle) in dem Erdloch, in dem sie die Nächte zubrachten. Als Gnotke und Gimpf den dritten oder vierten Gang machten, schlug in der Nähe ein Artilleriegeschoss ein. Sprengstücke heulten durch die Luft, und Erdbrocken schlugen dumpf an den Boden zurück; und wenn der Luftdruck sie auch kaum berührte, so zogen doch die dicken Schwaden des Explosionsrauches wie ein warmer Hauch an ihren Köpfen vorbei, ehe sie sich mit der weißen Nebelluft vermischten, und auch das schienen die beiden nicht zu beachten. Einer vorn, der andere hinten, so gingen sie weiter, entledigten sich ihrer Last, gingen wieder weg und kehrten wieder zurück. Sechzehn Kubikmeter erschlagenen Menschenfleisches erwartete die Grube von ihnen, und nicht alle Toten konnten sie im Ganzen transportieren, beispielsweise wo der Gefechtsstand des Sturmbataillons sich befunden hatte, waren im Umkreis Teile und rosiges Geschlinge von dem bereiften Buschwerk abzupflücken.

Einmal, eine Reihe von Tagen hindurch, waren auf Gnotke jene »besonderen Vergünstigungen, die der Führer der Abteilung gewährt«, entfallen. Er hatte damals, wie heute Aslang, nicht zu schleppen brauchen, sondern von morgens bis abends an der Grube gestanden und gesehen, wie sie sich allmählich mit erdigen Gestalten, mit verzerrten Gesichtern, mit sinnlos aufgerissenen Augen, mit losgetrennten Beinen, Armen, halbierten Körpern, unkenntlichen Fleischstücken anfüllte.

»Liebster Sepp …«, »Mein lieber armer Karl …«, »Geliebtes Goldschatzel …«, »Lieber Sohn …«, »Lieber Bruder und Schwager …«, »Mein Liebling …«, »Mein lieber goldener Hansemann …«, »Mein über alles geliebter Matz …«, so stand es in den Briefen, die er entgegennahm und abends mit den anderen aufgelesenen Habseligkeiten zusammenlegte und eine dazugehörige Liste mit Namen für den Gräberoffizier anfertigte. »Geliebtes Goldschatzel …«, »Mein lieber Mann und Pappi!« Das waren Stimmen von einem fernen versunkenen Ufer, und einen Gnotke konnten sie nicht erreichen. Er wusste allenfalls, dass jene, an die sie gerichtet waren – damals war es noch September, und die Sonne glühte, und die Erde war trocken –, wie dürres Holz auf der Steppe gelegen hatten und wie dürres Holz zusammengetragen wurden. Und er wusste, dass andere, als die Zeit weitergegangen war, wieder in ihrem Saft dagelegen hatten und um einiges schwerer gewesen waren; und dass noch andere, und als die Zeit noch weiter vorgeschritten war (es hatte schon Tage mit fünfundzwanzig, auch mit dreißig Grad Kälte gegeben), hart und schwer wie Steine auf dem Traggestell lagen und dass die zu Andreaskreuzen auseinandergespreizten oder in sitzenden Stellungen gefrorenen Figuren noch schwerer zu transportieren waren und auch unverhältnismäßig viel Raum im Erdloch beanspruchten.

»Geliebter Goldjunge …« und: »Sieh Dich nur recht vor …« und: »Melde Dich zu nichts, nirgends vordrängen …« und: »Pass auf, dass Du keine kalten Füße bekommst, Schuheinlagen machen aus Pappe …« und alles, was sonst da in den Briefen stand, konnte weder die ausgetrockneten Steppenleichen noch die frischen Herbstleichen noch die widerspenstigen Frostleichen betreffen und war nichts als beziehungsloses und sinnloses und hilfloses Gestammel, und Gnotke wusste es wirklich besser. Was sonst noch in den Briefen stand, auch an Hoffnungen, an Gedanken, an geographischen und kriegsgeographischen Randbemerkungen, an Gnotke ging es vorbei. Er befand sich an einem Punkt, wo es keine Hoffnung mehr gab.

»… warte mit Sehnsucht auf das Ende und mit noch größerer Sehnsucht auf den ersten Brief nach der Schlacht, damit ich Gewissheit habe, dass Du …« usw. Was könnte es für ein Ende sein und was für eine Schlacht, der ein erster Tag und ein erster Brief folgen könnte!

»… In den Kämpfen um Stalingrad ist leider noch immer kein Ende abzusehen. Mit der Einnahme dieser Stadt werden die Angriffskämpfe dieses Jahres einen gewissen Abschluss finden. Höchstens werden die Unternehmungen im Kaukasus fortgesetzt werden, falls es uns gelingt, noch rechtzeitig den Kluchow-, Mammissow- und Kreuzpass zu nehmen, denn südlich des Kaukasus ist eine Kriegführung auch im Winter möglich, und so wäre es zu machen, wenigstens noch die Ölfelder bei Baku zu nehmen.«

»… Immer noch geht das Ringen um Stalingrad. Heute wurde es wieder in der Wochenschau gezeigt. In mir ist alles gespannt. Wann wird es fallen? Vielleicht kommt morgen zum Sonntag die Meldung, dass es ganz in unserer Hand ist!«

Immer wieder »Stalingrad«, doch Gnotke sagte dieser stehend gewordene Begriff nicht sonderlich viel. Seine Vergangenheit (er gab sich keine Rechenschaft darüber) war vor zehn Monaten abgerissen, und seine Gegenwart war ohne Umkreis, auch ohne geographischen Umkreis.

Nässe, Kälte, Sand, Löcher. Auch in den Nächten tropfte es, auch in den Nächten rieselte Sand ins Gesicht. An jenem Novembertag war es schon bald nach drei Uhr nachmittags dunkel, und wie eine nasse Flut legte der Nebel sich über das System von Bunkern, Gräben und Laufgräben und Stacheldrahtverhauen und deckte alles unter sich zu. Das Land versank in Dunkelheit, und am düstersten war es in jenem nur notdürftig verdeckten Graben, in dem die Ausgestoßenen der Feldstrafgefangenenabteilung auf zusammengelesenem, faulig gewordenem Schilf und auf den beschmierten Zeltbahnen und unter Bewachung aufgestellter Posten der Nacht entgegenharrten.

In dieser brauenden Nacht richtete Gnotke sich nochmals auf und brachte sein Gesicht nahe an das Gimpfs, mit dem er nun so lange beisammen war.

»Mathis …«, flüsterte er.

Gimpf starrte ihn nur an und sagte nichts.

Und da war Vilshofen.

Aber Vilshofen, das war noch etwas anderes als nur das Gesicht und die Art eines Mannes, es war die Vorstellung einer Welt, wie sie aus Blut und Tränen neu erstehen, und die Vorstellung einer Gesellschaft, wie sie aus Krämpfen in neuer Gestalt mit veränderten Völkergrenzen und mit geänderten Herrschaftsverhältnissen hervorgehen sollte. Zuerst aber war es eine dicke Staubwolke, die sich von den Karpaten heruntergewälzt hatte, die im Laufe eines Sommers über Pruth, Dnjestr, Bug, über den Dnjepr und wie ein Steppenbrand durch die Ukraine gezogen war, die in einem zweiten Lauf (und erst in diesem zweiten Jahr hatte Vilshofen, der bis dahin vor Moskau eingesetzt war, das Panzerregiment übernommen) über den Mius, über den Don wegsetzte und, brennende Dörfer und zerfahrene Felder hinter sich lassend, über die Kalmückensteppe wirbelte und in das Stalingrader Stadtgebiet eindrang. Es war ein auf Raupenbändern durchgeführter Gewaltmarsch und zugleich eine der hundert Fäuste, die Selbständigkeit und Willen anderen Volkes zermürben und zerschlagen sollten. Es war auch die Sorge um ausgeschliffene Motorenzylinder, um Luftfilter, die nicht mehr dicht hielten und den feinen Steppen- und später Wüstenstaub eindringen ließen und die Maschinen, schneller, als Ersatz herankam, dem Verschleiß aussetzten; es war Sorge um den Nachschub an Maschinen, auch an Menschen, war auch – an dreitausend Kilometer von den eigenen Landesgrenzen entfernt – ein gelegentliches Schwindelgefühl hinsichtlich der sich ausweitenden Ziele und der Maßlosigkeit des Kriegsunternehmens.

Vilshofen hatte mit seinen Panzern am Nordrand Stalingrads gelegen. Aus Kämpfen, die am hundertsten Tage noch ebenso wenig abgeschlossen waren wie am ersten, war er herausgerissen und über die Straße Gumrak – Rossoschka – Peskowatka und über den Don hinüber an die Front westlich Kletskaja geworfen worden. Nicht den vorgeschriebenen Umweg über Wertjatschi war er gefahren; sondern rauch- und dreckspritzend hatte er den Strom seiner Panzer durch das idyllisch gelegene Peskowatka geschleust, den Ort eines Korpsstabes und sonstiger Stäbe, der sich, obwohl an der Straße gelegen, dem Durchzug fremder Truppen sperrte, und er wäre auch ebenso durch das am anderen Ufer gelegene Golubinskaja gebraust, durch den Ort des Armeehauptquartiers, wenn das der direkte Weg gewesen wäre.

An diesem Abend stand Oberst Vilshofen, begleitet von seinem Adjutanten, am Straßenrand. Seine Panzer kehrten zurück – achtundzwanzig hatte er ausgeschickt, und an zwanzig davon waren an ihm vorbeigerollt. Er wartete auf die übrigen.

Die Panzergrenadiere rollten vorbei.

Der letzte Transportwagen stoppte.

»Hallo, Tomas!«, rief Vilshofen.

Ein Mann stieg ab, kam näher durch den Nebel, der Kompanieführer, Hauptmann Tomas. Er bestätigte seinem Kommandeur nur, was der von den Panzerfahrern schon erfahren hatte. Nach einem Anfangserfolg und nachdem die Geschütze einer russischen Batterie außer Gefecht gesetzt worden waren, war der Angriff im Feuer der russischen Nachbarbatterien zusammengebrochen. An zweihundert Tote waren das einzige Resultat dieses Angriffs gewesen.

Vier Panzer waren brennend liegengeblieben. Vier weitere hatten abgeschleppt werden können und mussten noch ankommen. Oberst Vilshofen wartete, bis wieder das Klatschen von Raupenketten hörbar wurde. Wie ein Bugsierzug auf dunstigem Fahrwasser tauchte ein Panzer auf, der einen anderen schleppte. Danach wurde der zweite, der dritte, auch der vierte herangeschleppt. Die Beschädigung des ersten mochte angehen, nach der Meinung Vilshofens konnte er am nächsten oder übernächsten Tag wieder einsatzbereit sein. Ähnlich verhielt es sich mit dem zweiten Kampfwagen; der dritte hatte überhaupt nur eine seiner Gleitketten verloren. Und da war der vierte, und der rollte langsam, ohne Kette, nur auf den Kettenrollern. Ein Volltreffer, das Gehäuse zeigte klaffende Risse. Wozu schleppt man das ab – zum Schrottsammeln ist es doch wirklich nicht an der Zeit!

Vilshofen ließ anhalten, trat an den Panzer heran, blendete seinen Taschenscheinwerfer auf und blickte durch das Einschussloch in das Innere. Das weiße Licht des Scheinwerfers lag jetzt voll auf seinem Gesicht; es war das eines fast Fünfzigjährigen mit vorspringender großer Nase und mit großen klaren Augen. Was diese Augen erblickten, war das Resultat der Wirkung eines detonierenden Geschosses im geschlossenen Raum eines Panzerinnern. Der Fahrer saß noch an seinem Platz, ohne Kopf, der war abgerissen. Von der Brust und den Oberarmen war das Fleisch abgeplatzt. Bis zum Gürtel ein Skelett, durch welches Lungen und Herz durchschienen, so saß er da. Die unversehrt gebliebenen Hände, die das Lenkrad noch umfassten, wirkten an den nackten Armknochen wie übergestreifte Handschuhe. Von den übrigen drei Mann war nichts mehr zu sehen; was sie einmal waren, klebte als blutiger Schaum an den Panzerwänden.

Der Oberst kannte ihre Namen, wusste auch, wo sie her waren. »Burstedt aus Wuppertal, Sohn eines Werkzeugschlossers, Hofmann und Rademacher, beide aus demselben Dorf an der Eder, und Unteroffizier Elmenreich aus Schwerin!«, sagte er, und es war wie ein Nachruf.

Der kommende Tag war der 19. November.

Die Gegend war die bei Kletskaja mit der Front nach Norden und Westen. Im Westen, das heißt an der linken Flanke, befand sich der russische Brückenkopf und von dort sich nach Norden und bis zum Fluss ausdehnend das Niemandsland, niedriges Gelände, bewachsen mit Gebüsch und bedeckt mit Tümpeln und kleinen Seen, versumpft und durchsetzt mit Treibsand, und entlang der Frontlinie und bis zum östlichen Teil der Donschleife ein von Hügeln bedecktes und mit Schluchten durchzogenes Gebiet, seit Wochen von der russischen Artillerie und von der Infanterie umkämpft, mit teilweise gelungenen Einbrüchen, und seither von der deutschen Luftwaffe täglich bombardiert und von Gegenangriffen berannt. In der Nacht auf den 19. November setzte auf diesem dröhnenden Kampfabschnitt eine Totenstille ein.

Man weiß von Kapitänen, die plötzlich aus dem Schlaf auffahren; auch ohne das Barometer zu Rate gezogen zu haben, auch ohne dass sie die Luftgebilde des Himmels oder den bleiernen Glanz des Meeres vor Augen gehabt hätten, haben sie das heranziehende Tief gespürt; mit der Luft haben sie es eingeatmet. Hier war es ein Oberst, der sich mitten in der Nacht aufrichtete, auf einer Pritsche hockte und angespannt lauschte. Was konnte er vernehmen? Das Atmen seines Wirtes, eines Flakkommandeurs, bei dem er Unterkunft gefunden hatte. Die dicken Wände des Erdbunkers ließen ohnehin den Schall, der von außen kommen könnte, nicht eindringen. Oberst Vilshofen stand auf, durchschritt den Vorraum, betrachtete einen Moment lang das junge Gesicht seines Adjutanten Latte, der dort mit dem Adjutanten des Flakkommandeurs schlief. Er stieg die ausgetretenen Stufen hoch und stand dann oben. Und da war nichts – ein morastiger Himmel, Schnee und Feuchtigkeit in der Luft, die Erde darunter schwarz. Wenn nicht am niedrigen Himmel und fern am nördlichen Rand eine Leuchtrakete gehangen hätte, hätte nichts erraten lassen, dass zwei Armeen hier einander auf Tod und Leben gegenüberlagen. Ein finsteres schlafendes Land, sonst nichts, so sah es aus. Aber Vilshofen war aufgestört. Er stacherte durch das Bunkerdorf, fand das Erdloch, welches er suchte, ließ seinen Taschenscheinwerfer aufblenden und stieg hinunter.

Eine dicke Luft von gepfercht beieinanderliegenden Menschen und der Dunst aus ölverschmierten und feuchten Kleidern schlug ihm entgegen. Er war hier im Quartier seines Reparaturtrupps. Ein Posten war da, dem winkte er zu; er ließ sich nur die Pritsche zeigen, auf der der Soldat Wilsdruff lag.

»Hallo, Wilsdruff!« Ein Mann mit breitem Gesicht und über den Mund weg hängendem Bart öffnete die Augen. »Was ist mit den beiden Panzern, Wilsdruff?« –

»Panzer …« Der Soldat wurde jetzt erst wach, erkannte seinen Regimentskommandeur. »Die Panzer, Herr Oberst?«

»Wie lange wird für die Reparatur gebraucht?«

»Eigentlich zwei Tage, Herr Oberst.«

»Und uneigentlich, ich meine tatsächlich …? Ich brauche sie bereits morgen.«

»Nun, dann müssen wir wohl sofort rangehen!«

»Ja, geht sofort ran. Es ist dringend!«

Der Oberst wartete das Erwachen der Übrigen nicht ab. Er machte sich wieder auf den Weg. Als er seinen eigenen Bunker wieder betrat, war auch der Flakkommandeur erwacht. Er saß am Tisch, vor sich ein von Vilshofen entworfenes Kroki.

»Es geht los – schon vor dem Dreiundzwanzigsten«, sagte Vilshofen im Eintreten. (Etwa für die Zeit um den 23. November herum wurde mit einem russischen Großangriff gerechnet.)

»Es hat hier an der Ecke noch nie aufgehört, Herr Oberst!«, erwiderte der Flakmajor.

»Jedenfalls sind wir auf alles gefasst und vorbereitet!«

»Stünde hier und auch bei Höhe 120 genügend schwere Artillerie, dann wären wir es vielleicht. Ich fürchte, die Überraschung wird nicht in der Tatsache, sondern in den Ausmaßen des Angriffes liegen!«

»Wenn ich mir eine Frage gestatten darf, Herr Oberst?«

»Fragen Sie nur drauflos, Buchner!«

Flakkommandeur Buchner betrachtete wieder das Vilshofen’sche Kroki. Vilshofen war bekannt für seine mit einem Stück Kohle, manchmal nur mit einem rußgeschwärzten Finger hingewischten Krokis, Skizzen, Geländerisse; von wirklichem Interesse aber und umstritten waren die mit dem Daumen hingedrückten, schwarzen Flecke, die er, so die schwachen Stellen bezeichnend, auf seinen Skizzen anzubringen pflegte.

»Der schwarze Fleck hier, an dieser Stelle, ich verstehe es nicht – ich meine, es ist die Stelle der Front, an der wir am stärksten sind!«

»An der wir am stärksten sein müssten!«

Das 48. Panzerkorps lag dort, die 23. und die 14. Panzerdivision, dazu die Königlich Rumänische 1. Panzerdivision, also eine beachtliche Menge an Panzerkräften! Wie aber sah es in Wirklichkeit aus (Vilshofen hatte sich das angesehen) – ein großer Teil der Kampfwagen war in die Weite des Donbogens verstreut, lag zum Teil in Reparaturwerkstätten. Wie die Panzer, so waren auch die Männer während des sommerlangen Vormarsches und in den pausenlosen Kämpfen um Stalingrad verbraucht, diese Maschinen und Menschen gehörten nicht in die vorderste Frontlinie, sondern in die hinteren Räume zu gründlicher Überholung und in wochenlange Ruhe; danach waren Drill und waren Übungen im großen Verbande nötig. Das galt für die Deutschen, das galt – was die Übungen im großen Verbande anbelangte – noch mehr für die zur Hälfte aus deutschen und zur anderen Hälfte aus französischen Beutebeständen zusammengekratzte rumänische Panzerdivision, die bisher noch nicht im Feuer gestanden hatte.

Vilshofen rief seinen Adjutanten (er hatte vernommen, dass auch der sich erhoben hatte): »Latte … ich habe da noch einen Vorrat an Zigaretten, nehmen Sie bitte einige Päckchen, und bringen Sie sie unserem Reparaturtrupp, und erkundigen Sie sich nach dem Stand der Arbeit!«

»Ja, wie gesagt, wenn hier auf den flankierenden Höhen genügend schwere Artillerie wäre!«, wandte er sich wieder an Buchner: »Aber ich habe dort nichts als einige im letzten Moment vorgezogene Flak- und Nebelwerferabteilungen und pferdebespannte Feldgeschütze zu Gesicht bekommen!«

Oben ging die Tür. Ein Stoß Schneeluft fuhr herunter, und die Totenstille wurde wieder vernehmbar. Zwanzig Panzer, dachte Vilshofen, und die zwei werden fertig werden, zweiundzwanzig werde ich zum Einsatz bringen können!

Auch im Graben der Strafgefangenenabteilung wurde die ungewöhnliche Stille empfunden. Gnotke hätte die Tropfen zählen können, die von den Deckenbalken herabfielen. Der Posten mit Stahlhelm und aufgepflanztem Seitengewehr, der gleich einem düsteren Monument den Eingang zu der Erdhöhle verstellte, tat es vielleicht. Gnotke zählte schon seit langem keine Tropfen mehr, doch die Stille empfand er wie einer, der plötzlich das Ticken der Uhr im Zimmer nicht mehr vernimmt. Er blickte über die Reihe der ausgestreckten Gestalten weg, an ein halbes Hundert waren es, die tief verkrochen in ihrem Elend dalagen. An seiner Seite lag Gimpf, der schlief mit offenem Munde.

Gnotke lag wach bis zum Wecken. Dann gab es ein Stück Brot, ein Kochgeschirr voll Kaffeebrühe, und man befand sich auf dem Wege zum Arbeitsplatz, es war noch vor Tagesanbruch. Aslang und auch Hubbe und Dinger blickten sich befremdet um – nach Norden hin, wo sonst die russischen Batterien tätig waren, auch über das Sumpfgelände weg in der Richtung zum Don und in den wallenden Nebel hinein, wo seit Wochen Knattern und Kampfgetöse zu hören war und wo jetzt die Stille lauerte wie ein alles verschlingendes Loch.

Sie nahmen ihre Traggestelle auf und begannen ihren gewöhnlichen Trott. Und doch war alles ungewöhnlich. Auch das, und es war wie ein Traum – es war sogar ein wirklicher, ein vollkommener Traum, der Gnotke, wie er da mit hängenden Armen in den Dunst hineinschritt, umspann. Was war das, wo kam das her, was brach da auf! Eine Hand, eine Frauenhand – eine ruhende Gestalt, die Glieder, das Gesicht, alles verhüllt, die Form nur zu ahnen, wie bei einer halbverschütteten Soldatenleiche. Hier war die Hülle nicht Lehm und Erde, war ein Gewölk aus weichen Decken. Und sie lag nicht allein da; sie lag bei einem andern, nur ihre Hand war zu sehen, und diese Hand kannte er.

Aber was …

Die Erde zitterte. Unterirdisches Beben. Das schlottert herauf. Die Hand, wo kommt das her … Pauline! Die Erde, der Himmel! Der Himmel brennt, im Norden und auch über dem Don. Der Himmel über den Sümpfen und über der Donniederung war nicht mehr weiße Milch, war aufbrodelndes dickes Blut.

Artillerie.

Granatwerfer.

Brüllende Kanonen. Tausende Tonnen Pulver gehen in die Luft. Der Kalender zeigt den 19. November. Es dauert Stunden und sind nicht Stunden. Es ist ein ausgespiener Brocken außerhalb der Zeit.

Am Morgen des 19. November durchbrachen Sowjettruppen nordwestlich Stalingrad die deutsche Front. Gnotke befand sich an der am Donbogen angelehnten nördlichen Flanke der deutschen Front; er stand genau an der nördlichen Bruchstelle. Der Marsch auf Moskau – Gnotke hatte ihn mitgemacht, und unter dem Feuer der russischen Artillerie war er mit seinem Regiment an hundert Kilometer zurückgefallen; und er hatte den Lauf über die Kursker Steppe und auch die Minenräumarbeit auf der Donsteppe hinter sich. Und alles, was sich seinen Augen an Feuerüberfällen, an Bombenschlägen, an Minenexplosionen mitgeteilt und was sein Trommelfell bis dahin aufgefangen hatte, waren Stufen gewesen, und hier war die erstiegene Höhe oder – was dasselbe ist – der Absturz in nicht mehr messbare Tiefe.

Aber was gewesen, was sich vor seinen Augen abgespielt, was sein Ohr an Schreien und Erschütterungen berührt hatte, sein Bewusstsein hat es nicht treffen können, schon lange nicht mehr; solcher Wesenskern, in dem Verlangen, Wollen, Gefühle, Mitfühlen, Liebe, auch Furcht ihren Ursprung haben, war bei ihm kaum noch zu erreichen, darüber lag Erde, lag Schnee, lag vieles. Aber er hatte seine genau blickenden Augen, und sein Gehör war scharf geblieben.

Er sah und hörte!

Er sah und hörte auch, was in dieser Stunde am Erdboden und in der Luft geschah und was ihn umbrauste. Dass aber diese Stunde keine Stunde mehr war und sich dem Zeitmaß und überhaupt jedem gedachten Maße entzog, das galt auch für ihn. Wo das Traggestell geblieben war und welche Macht es seinen Händen entrissen hatte, das hätte er nicht angeben können, ebenso wenig wie er in eine Erdspalte zu liegen gekommen und wie und wann er zum Loch zurückgelangt war, um dort das Loch nicht mehr, sondern etwas anderes vorzufinden.

Er lag in der Erdspalte. Links begannen die sich zum Don hinziehenden Sümpfe und Treibsände, ein Gelände, das wegen des dicken Nebels, der wie blutiger Schaum aufwallte, nicht einzusehen war; doch unter der Nebel- und Schaumdecke heulte und pfiff es aus tausend aufgerissenen Mäulern. Voraus lagen die deutschen Bunker- und Batteriestellungen; darüber hinaus waren russische Stellungen zu erkennen, aber nicht auf lange. Die russischen Stellungen hüllten sich in eine brodelnde Rauchbank, in der rostrote Flecke aufglühten. Die roten Flecke dehnten sich aus, sie fraßen den Rauch, sie fransten den Himmel aus, erhoben sich zu einer hohen Steilküste aus rotem Feuer. Die deutschen Batterien kämpften, sie feuerten heraus, was sie konnten. Es war aber nicht anders, als ob glühende Kohlenstücke in einen hohen Steppenbrand hineingeworfen würden, und sie kämpften nicht lange.

Jenseits der deutschen Linie das Mündungsfeuer, die explodierenden Pulverladungen, die das Metall – Geschosse in flacher, Granaten in steiler Bahn – herüberschickten, und man sah es kommen und einschlagen und die Erde zerreißen. Wäre ein Wald voraus gewesen, hätten die Bäume sich wie Gräser unter den Streichen einer riesigen Sense umgelegt. Aber da war kein Wald, da war flaches baumloses Land, und das sah aus wie die Fläche eines Sees, über den Regenschauer hingehen und dicke Tropfen aufprasseln. Doch hier war es nicht Regen und aufprasselnder Wasserstaub, es war glühendes, in die Erde hineinfahrendes zerreißendes Metall, und was aufprasselte, waren Sand- und Lehmschichten, was zurückblieb, waren gähnend tiefe Trichter; und wo Schnee gelegen hatte und unter heißem Hauch die Grasnarbe hervortaute, war unter dem um sich fressenden braunen Brand gleich danach auch die Grasnarbe und die Humusdecke des Bodens verschwunden. Die Mondlandschaft kam näher und erfasste das Gelände, wo nicht nur Sand und Lehm war, wo unterirdische Hohlräume und Gänge und Bunker mit eingebauten Batterieständen und Granatwerfer- und Maschinengewehrnestern, wo Lager für die Munition, Gefechtsstände mit Kartentischen, wo Pferdeställe und Schlafräume und Wohnräume unter dicken Erdschichten eingebettet lagen und wo die zusammengepressten deutschen Besatzungen – Auge am Richtglas, Hände am Abzugshebel, am Räderwerk von Schwenkvorrichtungen, Granaten und Kartuschen heranschleppend – in ihren Stellungen ausharrten und kämpften.

Aus den Rohren schossen Feuerblitze. Aus den Werfern stieg Granate um Granate. Brauner Rauch trieb über die Erdwälle. Wo MGs und Schützen zu feuern begannen, war es ausbrechende Panik, denn für MGs und Schützenfeuer gab es keine erkennbaren Ziele.

In Frontbreite betrat der Tod die deutschen Stellungen.

Wehende Vor- und Hintergründe von Qualm, von Staub, von Feuerschleim, himmelhoch aufquellend und wiederzusammenfallend. Ein feuerspeiender Berg, und man musste wissen, dass es die schwere Batteriestellung war, die in Form eines auseinandertreibenden Dreiecks in die Luft flog, und dass die dunklen Brocken Metall- und Geschütztrümmer und die Leiber der Bedienung waren. Aufschlotterndes schwarzes Gewölk. Feuerblitze. Rauchballen. Zurückfallendes Gebälk. Stücke von Bunkerdecken. Ein aus dem Himmel fallendes Pferd, Beine und Hufe aufwärts. Ein Stacheldrahtverhau mit daran hängenden Pfählen kam nieder wie ein großes Netz. Es war ein Infanterieregiment mit der zugeteilten Divisionsartillerie, das in die Luft flog und auf die Erde zurückfiel und wieder erfasst und abermals umgeschaufelt und zerpulvert wurde.

Und die aus einem Kraterloch auffahrenden Gestalten, die wie dürre Blätter vor dem Wind über den Boden fegten, übereinander hinfielen und liegenblieben oder wieder aufstanden und sich weiterschleppten, und wieder hinfielen und wieder weiterliefen, das war schon kein Regiment mehr, das war »Spreu«. Und der lange Oberleutnant, der aus der Rauchzone herauskam und wie ein Betrunkener torkelte und gestikulierte und plötzlich in gellendes Gelächter ausbrach, war kein Zugführer einer Kompanie mehr, er war ein Wahnsinniger. Da war auch eine Gestalt, die sich wie ein Wurm über den Schnee schob und eine Blutspur nachzog und sich schließlich in eine Mulde hineinfallen ließ, das war der Kompanieführer einer Kompanie Panzergrenadiere, war Hauptmann Tomas vom Panzerregiment Vilshofen. Die dreck- und schneespritzende Wolke, die sich von Höhe 127 herunter der Landstraße entgegenbewegte, war Major Buchner, der mit einem Zug schwerer Flakgeschütze und unter Zurücklassung der Maschinenflak, der Scheinwerfer, der Richtungshörer und anderer Apparate aus seinen zerschossenen Stellungen flüchtete. Der Mann, der am Ausgang eines Bunkerdorfes dastand wie ein ragender Pfahl und alles, was herrenlos in seine Richtung trieb – Pioniere, Infanteristen, Panzerjäger –, anhielt und um sich sammelte und dann, unter Ausnutzung der rückwärts gelegenen Schlucht, sich mit diesem Haufen in Marsch setzte, Richtung auf einen zerstörten Bauernhof, wohin er seine ihm von zweiundzwanzig Panzern verbliebenen sechs Wagen vorausgeschickt hatte, war der Panzerkommandeur Vilshofen.

Der Artilleriekampf erreichte eine neue Phase.

Vorn fielen noch vereinzelte Granaten und wühlten Trichter auf. Das massierte Feuer aber hatte sich erhoben. Es rauschte in den Lüften – ein Katarakt, der hoch oben seinen Bogen schlug –, und das aufwühlende, zerhackende und zermalmende Metall erfasste die rückwärtigen Stellungen und schlug auch in Kolonnen zurückfallenden Fußvolkes und zurücktreibender Geschütze ein. Noch etwas war an der linken Flanke unter der sich ausbreitenden Nebeldecke im Gange. Die Rumänen, die auf dem Sumpfgelände, und zwar in der Richtung des Hauptangriffsstoßes, gelegen hatten, waren geschlagen worden. Und jetzt waren Tausende russischer Hände und Tausende russischer Leiber, brusttief im eisigen Wasser, damit beschäftigt, kilometerlange Knüppelteppiche aufzurollen und über den Strom weg und über Sumpf und Treibsand (die anders Mann und Ross verschlingen würden) auszulegen.

Das war die Lage, als Gnotke auftaumelte, den Weg zurückging und an die Stelle gelangte, wo die Grube ausgehoben und fast bis zum Rand angefüllt worden war.

Die Grube war nicht mehr da. Daneben war ein Trichter gerissen worden, so groß, dass eine Bauernhütte samt Dach darin hätte Platz finden können. Die sechzehn Kubikmeter Leichenmasse war in die Höhe gehoben worden, war wieder zurückgefallen, hing jetzt am Rand der Trichterböschung und ragte darüber hinaus. Und da (zuerst war es eine bekannte Gestalt, die ihn anzog) setzte Gnotke sich hin. Er hätte sich an den Boden des Trichters legen können, so wie Gimpf, der immer bei ihm gewesen war, es jedenfalls tat, dort wäre Platz genug gewesen, und er hätte auch einige Deckung gefunden. Doch wenn Gnotke überhaupt etwas gedacht hatte, kann es nur gewesen sein, dass er nicht so tief in der Erde liegen und näher dem Himmel begraben sein wollte. Er setzte sich neben den mit Erdbrocken bestreuten Leichenhaufen, und der an seiner Seite saß, war Feldwebel Aslang. Feldwebel Aslang hatte ein völlig schwarzes Gesicht und bleckte die Zähne, so dass es aussah, als lachte er. Gnotke bemerkte es oder bemerkte es nicht, und ein toter Aslang war ihm eigentlich natürlicher als ein lebender, er fragte sich auch nicht, wo Hubbe und Dinger geblieben sein mochten. Verdreckt und beschmiert, wie er dasaß, ohne sich zu regen, mit weit offenen Augen in die Luft starrend, sah er gestorbener aus als der grinsende Aslang und der Haufen der ihn übertürmenden und in dramatischen Verzerrungen erstarrten Leichen.

Der Haufen in seinem Rücken schützte ihn vor dem im Osten aufspringenden eisigen Wind. Der Körper Aslangs teilte nach einer Weile keine Wärme mehr mit. Gnotke rückte ein Stück weiter und lehnte sich an den heißen Leib eines Pferdes, das dort niedergesunken und verendet war. Sonst rührte er sich nicht von der Stelle, und er bewegte sich auch nicht. Rauch und Nebel trieben vorbei und verengten das Gesichtsfeld. Das Tageslicht nahm ab, die Stunden waren überhaupt im Zwielicht geblieben. Die deutsche Front war durchbrochen, die Truppen der vordersten Linien niedergekämpft oder zersprengt oder flüchtend niedergehauen oder gefangen genommen worden. Durch die gerissene Bresche brachen in unaufhaltsamem Strom russische Infanterie- und Panzer- und Sturmverbände.

Was in der Blickrichtung Gnotkes lag, das sah er; was rechts oder links davon vorging, das sah er nicht. Denn was auch geschah und ob die Raupenketten eines Panzers hart neben ihm vorbeirollten, ob Gewehrschüsse aufpeitschten, ob Säbelhiebe durch die Luft schnitten und wilde Schreie aufheulten, er drehte den Kopf nicht. Er sah Panzer sich in der Kraterlandschaft bewegen und unter den treibenden Rauch- und Dunstfetzen auf- und abtauchen wie Boote in einer bewegten See; er sah auch das Mündungsfeuer ihrer Geschütze. Und er sah aus den Sümpfen dunkle Haufen heraufsteigen; das waren die Rumänen, sie liefen um ihr Leben. In die flüchtenden Haufen sprengten sich Pferdeköpfe und Reiter ein. Die Pferde drehten sich auf den Hinterbeinen herum, und die Reiter schlugen und hackten um sich.

Der an der Trichterböschung aufgetürmte Leichenhaufen schien die Wasserscheide auf dem Gelände der aufgerissenen Front zu bilden. Immer wieder zogen Abteilungen von Panzern vorbei und schwenkten hier auf einen neuen Kurs ein, nach Süden gegen Kalatsch. Und die vom Don heraufkommenden flüchtenden Haufen gelangten kaum über dieses Todesmal hinaus. Hier und im nahen und weiteren Umkreis wurden sie niedergesäbelt, und auch die russische Kavallerie schwenkte nach Süden gegen Kalatsch. Aber dieser mit Erde verkrustete und einen süßlichen Geruch ausströmende Haufen zog niemandes Aufmerksamkeit an; und wenn ein Panzerfahrer ihn plötzlich vor sich hatte, dann lenkte er die Raupenbänder seines Fahrzeuges daran vorbei, und auch die Kosaken ritten darum herum. Auf nicht sichtbare Ziele wurde nicht mehr gefeuert, und dieser Leichenhügel und der dazugehörige Gnotke waren kein Ziel, weder für ein Tankgeschoss noch für die Kugel aus einem Karabiner noch für einen Säbelhieb.

So war es Abend geworden. Der aus Osten blasende Wind zerriss die Wolkendecke. Ein Stück frostigen Winterhimmels lag bloß, und der Mond trat hervor. Es war wüstes Licht, das sich über das Land legte. Das Büschel eines verholzten halbmannshohen Steppenkrautes zog den Blick Gnotkes auf sich. Das also war stehengeblieben – ebenes Land, wieder eins dieser verholzten Steppenbüschel, ebenes weites Land, darüber weicher zerfahrener Schnee und das wüste Mondlicht, und es rauschte wie das Meer.

Aber es war die Leere, welche rauschte.

Rückzug nach Osten! Hinter den Don!

Russische Panzer- und Kavalleriekräfte haben die deutsche Front durchbrochen. Aus dem Raum Serafimowitsch und Kletskaja heraus verlief der Stoß in südöstlicher Richtung auf Kalatsch, wo er einem zweiten südlich Stalingrad über die Wolga herübergetragenen Durchbruchskeil begegnete und sich mit ihm zu einem festen Ring verband.

Im Norden fanden drei deutsche Divisionen – die 376., 44., 384. Infanteriedivision, die zwischen Don und Don und mit der Front zum Don gelegen hatten – sich über Nacht mit entblößtem Rücken wieder. Und während von Süden her das XLVIII. deutsche Armeekorps mit der 62. Infanteriedivision und der 28. Panzerdivision und zusammengeworfenen Heeresmassen zum Gegenstoß ansetzte und in der Schlacht im Donbogen bis auf Reste vernichtet wurde, setzten die Truppen im Norden sich hinter Tage und manchmal nur Stunden haltenden Riegelstellungen nach Südosten ab. Die Golubajahöhen schienen die gegebene Widerstandslinie zu bilden, verwandelten sich aber mit dem Golubajatal und mit dem Ort Werchnaja Golubaja und den bei Akimowski, Perepolni und Lutschenski über den Don führenden Holzbrücken in den Engpass, durch den die geschlagenen Truppenmassen mit ihrer Artillerie, ihren Trossen, Stäben, Rückwärtigen Diensten durchzuschleusen waren.

Einer der Letzten, der die Golubajastraße noch im gewöhnlichen Zustand einer Nachschubstraße und der auch den Ort Werchnaja Golubaja noch in seinem gewöhnlichen Aussehen erblickt hatte, war Oberst Vilshofen gewesen – das erste Mal auf seiner Fahrt nach Kletskaja, das zweite Mal, als er herunterkam, um für seine zusammengeraffte Truppe Verpflegung, Munition und Brennstoff zu erhalten, das heißt, das erste Mal eine Woche und das andere Mal einige Minuten vor dem Zusammenbruch.

Das erste Mal war es ein dunstiger Morgen gewesen. Die Dorfstraße hatte mit den friedlich daliegenden Hütten, mit den da und dort aufgehenden Fensterläden, mit Russen, die mit Hofbesen die Straße kehrten, angemutet wie eine Schöne, die sich den Schlaf aus den Augen wischt. Ein Hoftor hatte sich aufgetan, ein Morgenreiter war erschienen auf tänzelndem Pferd mit spiegelnd blankem Fell, am Ende der Straße ein zweiter, ein dritter Reiter, in der Morgenluft Wiehern. Er hatte nicht an sich halten können (er war aus dem Stalingrader Fabrikviertel gekommen) und zu seinem Adjutanten, dem Leutnant Latte, gesagt: »Latte, so was haben wir allerdings schon lange nicht mehr gesehen!« Nachher hatte er ein Frühstück eingenommen, zusammen mit den Herren des Stabes, die in langer Hose gekommen waren; danach hatte er mit dem Chef des Korps und dem Artilleriekommandeur des Korps, einem Oberstleutnant Unschlicht und einem General Vennekohl, seinen Einsatz besprochen und sich gelegentlich dieser Besprechung nicht genug über die optimistische Lageeinschätzung der beiden gut ausgeschlafenen Herren wundern können. Das war das erste Mal gewesen, als er mit seinen achtundzwanzig Panzern (die anderen lagen bei Stalingrad in Reparatur) seines Weges gezogen war. Das zweite Mal, als er nur noch sechs Panzer und die auf der Straße aufgelesene Truppe hinter sich hatte, als er heruntergekommen war, um für seine zusammengeworfene Truppe Verpflegung, Munition, Brennstoff zu erlangen, in einem Moment also, da die Riegelstellungen der zurückgeworfenen Infanterie bei Orechowski, bei Logowski schon brachen, hatte er Oberstleutnant Unschlicht aus der Morgengymnastik herausrufen lassen müssen. Oberstleutnant Unschlicht war dann allerdings von den Ereignissen aufs Höchste beeindruckt gewesen; allerdings hatte er, und als Generalstäbler und Chef war er darin wohl im Recht, das von Vilshofen Gesehene und ihm zu Gehör Gebrachte nicht verallgemeinern und nicht sehr hoch in Rechnung stellen wollen und war der Meinung gewesen, dass die Golubajahöhen gehalten würden, und die bereits zum Entsatz heranrollende 16. und 24. Panzerdivision schien ihm zur Erreichung dieses Zieles und zur Wiederherstellung der Lage mehr als ausreichend zu sein. Der gleichen Meinung war auch der Artilleriekommandeur, General Vennekohl, und er hatte gesagt: »Mensch, wat glauben Sie, wat dat bei den Russen Kleinholz geben wird, wenn die 16. und 24. P. D. dazwischenfahren!«

Was Vilshofen, der eine abweichende Meinung geäußert hatte, indessen die Hauptsache war, so hatte er weder Verpflegung noch Brennstoff für seine improvisierten Haufen erhalten können, und mit leeren Händen hatte er sich wieder auf den Weg machen müssen. Und das war in der Tat, was den Zusammenbruch im Donbogen anbelangte, fünf Minuten vor zwölf gewesen. Schon auf dem Rückweg hatte er Bilder eines napoleonischen Rückzugs vor Augen gehabt. Rumänen mit und ohne Waffen, zu Fuß und zu Pferd, deutsche Infanterie, Pioniere, Bautruppen, Trümmer von Sanitätskompanien, führerlose Haufen, Versprengte und Flüchtende, so leckte es von den Golubajahöhen hinunter ins Tal und überkrustete und durchsetzte dort auf dem Marsch befindliche Kolonnen Rückwärtiger Dienste. Von allen Wegen und aus allen Schluchten rann es herunter, einzeln und in Gruppen, auch in großen Haufen, und nach Stunden war es ein Strom – pferdebespannte Bauernwagen, Panzerspähwagen, Artillerie, Infanterie –, der sich durch die eng beieinanderstehenden Talwände presste. Gegen den Strom war zuletzt kein Ankommen mehr gewesen. Vilshofen hatte seinen Kübelwagen stehenlassen müssen und die letzten Kilometer seines Weges zusammen mit seinem Adjutanten Latte zu Fuß zurückgelegt.

Ein anderes Gesicht in dem durch das Golubajatal treibenden Menschenbrei war der Strafsoldat August Gnotke, und er hatte den Strafsoldaten Gimpf bei sich.

August Gnotke war eine Hand erschienen, das war einen Tag vorher gewesen. Die Hand und die Frau, das war natürlich Pauline, und das Gewölk aus weichen Federbetten war Paulines Bett. Er kannte es, auch den Alkoven in Klein-Stepenitz, in dem es stand. Aber was ging sie ihn noch an, denn sicherlich hatte sie nun den anderen geheiratet. Aber gleichviel – eine Frau konnte ihm erscheinen, wenn er so im Dunst dahintappte, also war wohl doch noch »etwas in ihm« und war wohl doch noch Hoffnung, und so hatte er seine ersten Schritte zurück ins Leben gemacht.

Er hatte Gimpf aus dem Loch herausgeholt und sich mit ihm zusammen auf den Weg gemacht. Mit Gimpf allerdings hatte er kein Glück, und aus dem waren keine Funken zu schlagen. »Feldwebel Aslang!«, hatte er zu ihm gesagt. »Hubbe!«, hatte er zu ihm gesagt. »Dinger!«, hatte er zu ihm gesagt. Nun, da sie doch miteinander sprechen konnten, hatte er eine Äußerung von Gimpf haben wollen; der aber hatte ihn nur angesehen aus seinen toten Fischaugen und war stumm geblieben. Aslang, Hubbe, Dinger – sie waren dahinten geblieben und waren wohl nun tot, was gingen sie ihn also an! So waren beide dann ohne Worte über das mondbeschienene Feld gewandert. Einmal hatten sie sich hinwerfen müssen und hatten dagelegen, bis ein plötzlich aufgetauchter und vorbeistiebender Kosakenspuk wieder im Schnee verschwunden und auch das Dröhnen der Hufe nicht mehr zu hören war. Ein andermal hatten sie einen Trupp Gestalten durch die Nacht ziehen sehen, und da Gnotke nicht wusste, ob es sich um eigene Leute oder um Russen handelte, hatte er Gimpf wieder zu sich an den Boden gezogen; und das hatte sich noch einige Male wiederholt, bis sie schließlich ein Erdloch fanden und sich dort verkrochen. In diesem Loch waren sie in so tiefen Schlaf gefallen, dass sie gar nicht bemerkt hatten, dass es sich allmählich mit anderen Versprengten anfüllte.

»Die Russen kommen!« Erst als dieser Ruf aufhallte und neben ihnen plötzlich Leute auffuhren und alle davonstoben, wachten sie wieder auf. Sie beide aber waren sitzen geblieben. Am Funkeln von zwei Brillengläsern, die sich im Finstern seinem Gesicht näherten, bemerkte Gnotke nach einer Weile, dass noch einer, der nicht davongelaufen war, sich neben ihnen befand.

»Euch ist wohl auch alles egal?«, wurde Gnotke angeredet.

»Eigentlich nicht, gerade jetzt …«, erwiderte er.

»Gerade jetzt«, verstand der Mann zwar nicht, der im Dunkeln vom Gesicht Gnotkes nur einen Schein und von dem an der Wand hockenden Gimpf nur einen Schatten, aber sonst nichts, was die beiden als Strafsoldaten kenntlich machte, wahrnehmen konnte.

»Mir ist es auch nicht egal, man will doch noch mal nach Hause, oder nicht?«, sagte der Mann.

»Nach Hause …«, wiederholte Gnotke nur, das war ein Wort, ebenso grell wie der Traum, den er geträumt hatte. Nach Hause, so was gibt es! »So was gibt es!«, sagte er.

»Mensch, ja, gibt es! Eine Frau habe ich und ein Mädel, fünf ist sie jetzt alt …« Er sprang auf anderes über: »Unser ganzes Bataillon ist kaputt. Ihr seid wohl aus der fünften?«

»Nein, wir sind aus dem Strafbataillon.«

»Ach, so, na, ist auch egal. Macht nichts.«

Der Mann mit der Brille war aus Köln, kein junger Soldat mehr, so alt wie Gnotke mochte er sein. Er hatte ein Stück Brot und auch eine Portion Wurst in seiner Packtasche und gab Gnotke und Gimpf davon ab. Von Russen war keine Spur, nicht Russen, sondern andere Versprengte kamen nach einer Weile in das Erdloch herunter. Mit diesem Trupp Versprengter machten Gnotke und Gimpf, als es draußen grau wurde, sich auf den Weg. Sie folgten den Spuren, die andere vor ihnen schon in den Schnee getreten hatten. Von einem Abhang herab hatten sie einen Blick auf das tief eingeschnittene Golubajatal und auf die unten dahintreibende Flut von Wagen, Pferden und Menschen. In der Schlucht, die sie herabstiegen, traf der Kölner zwei Mann seines Zuges, es waren seine beiden Freunde, mit denen er in der Nacht auseinandergeraten war. Der eine war ebenfalls aus Köln und hieß Schorsch. Den mit der Brille nannten sie Tünnes, der Dritte war Georg Ketteler aus Remscheid. Diese drei, und dazu Gnotke und Gimpf, hielten sich zusammen.

Da waren sie jetzt, auf der Talstraße nach Werchnaja Golubaja. Unendlich langsam ging es vorwärts, immer wieder standen die Räder still und stauten sich die Kolonnen. An der Bergwand brannten Hütten.

Eine Detonation, eine zweite, dritte.

»Russische Panzer!«, wurde gerufen. In der Enge und in der Rad an Rad und Mann an Mann stehenden Masse war kein Raum für eine auseinandertreibende Bewegung. Gnotke sah Gesichter unter ihrer Dreckverkrustung grau werden. Gimpf blickte aus seinen wasserblauen Augen wie immer ins Leere. Tünnes meinte, so viele Panzer gibt es gar nicht! Es dröhnte noch zweimal, von Panzern war aber nichts zu bemerken. Voraus stieg Rauch auf. An die Stelle gelangt, sah man – deutsche Panzermänner, die ohne Sprit am Straßengraben liegengeblieben waren, hatten ihre Kampfwagen gesprengt. Die fünf rauchenden Wracks waren der Rest eines stolzen Panzerregiments.

Es ging weiter, der Tag ging hin. Gnotke zog Gimpf hinter sich her, hielt ihn beim Haufen. Dieses nichtssagende Gesicht, das aus den Minenexplosionen der Kursker Steppe, der Donsteppe, dem Untergang bei Kletskaja, das aus Rauch und Sterben immer wieder mit dem gleichgültigen Ausdruck aufgestiegen war, wollte er nicht verlieren. Es wurde wieder Nacht, bis sie nach Werchnaja Golubaja gelangten.

Auch hier lag Schnee, auch hier das endlose Marschband langsam sich bewegender Räder … Haubitzen, Feldgeschütze, Infanteriekolonnen, Haufen versprengter Rumänen. Der Schnee, überflackert von zartem Flamingorot, dem Widerschein von Bränden. Aus den Hütten brachen Flammen. Das Dorf brannte an beiden Enden. Die Pferde und Fahrzeuge, die vorbeizogen, warfen riesige Schatten. Mitten auf dem Dorfplatz brannte ein großer Scheiterhaufen, und hier blieben Gnotke und Gimpf, die beiden Kölner und der Remscheider stehen, um sich aufzuwärmen. Ein Oberfeldwebel hielt sie hier an, nahm sie mit in eine Hütte, drückte ihnen Brot und jedem ein Stück Wurst in die Hand und stellte sie an zum Ausräumen einiger Bunker.

Es handelte sich um einen Korpsstab, das hatten sie bald herausgefunden. Tünnes und Schorsch und Georg und Gnotke und Gimpf schleppten, was ihnen von dem Oberfeldwebel, von einem Kriegsgerichtsrat, von einem Verwaltungssekretär, von anderen übergeben wurde, auf die Straße hinaus. Für Gnotke und Gimpf, die geradeswegs aus dem Massengrab in dieses Durcheinander von Koffern und geöffneten Kisten, aufgescheuchten Stabsschreibern, schreienden Beamten, Offizieren mit bleichen Gesichtern hineingerieten, war es ein spukhafter Betrieb, und nicht nur für diese beiden, es war in der Tat ein Spuk, was hier im Gange war. Seit dem Mai des gleichen Jahres, von Bjelgorod bis zum Don, hatte dieser aus Beamten, Offizieren und dem Gefolge an Personal bestehende Apparat auf Befehlswagen und Omnibussen, und gefolgt von einer Karawane von Lastfahrzeugen, sich von Etappe zu Etappe und von Dorf zu Dorf über siebenhundert Kilometer erobertes Land hinwegbewegt. Wenn es für die Truppe ein Marsch durch Blut und Sterben gewesen war, für den Stab waren Leichen und wundgelaufene Füße und schweißsteife Hemden abstrakte Begriffe geblieben, für seine Angehörigen war der Weg bis zum Don eine Folge von Triumphen gewesen. Hier in den Hütten und Bunkern hatten sie gelegen, und als es lange dauerte und Wochen hingingen und der Vormarsch sich in Stalingrad in Straßen- und Labyrinthkämpfen festlief, die Versuche, den Don in nordöstlicher Richtung zu forcieren, zu immer neuen, stromabwärts treibenden Leichen führten, aber kein Übergang gelang, da vertrieben sie sich die dienstfreie Zeit, so gut es ging, mit Bücherlesen, mit Kartenspielen, mit dem Einrichten ihrer Bunker, mit dem Heranziehen ihrer Pferde, und ungeduldig warteten sie auf die neue Weiterbewegung und harrten sie des neuen Marschbefehles, der entweder hätte lauten müssen: »Das Ganze rechts schwenkt marsch – Baku und dem Kaspischen Meer entgegen!« oder: »Links schwenkt marsch – Saratow, Kasan, Moskau entgegen!« So vergingen die Wochen, und der Winter, der zweite im Ostfeldzug, begann. Und noch am Morgen dieses Tages hatten sie eine Flucht nicht für möglich gehalten, einen Rückschlag, ja, den hätten sie erduldet, aber die Golubajahöhen und das Tal würden gehalten werden, so hatte sich die Lage noch am Morgen präsentiert.

Diese Nacht aber war ein Spuk!

Regimenter waren keine Regimenter mehr. Panzerregimenter meldeten: Befehl ausgeführt: die letzten fünf Panzer gesprengt! Die motorisierte Artillerie musste liegenbleiben – es war kein Sprit mehr für die Zugmaschinen da. Es war kaum Sprit genug für die LKWs der Stäbe vorhanden, auf denen die Flucht bewerkstelligt werden sollte. Die Alarmmeldung aber: Die Russen sind bis Kalatsch durchgebrochen! hieß, auf die eigene Lage übertragen: schleunige Flucht bis hinter den Don! Ja, schaffen wir das denn noch – ohne Sprit, ohne Pferde, die weitab in den Pferdeerholungsheimen stehen? Das hieß: was nicht mitkam, muss liegenbleiben! Und Sprengungsbefehle, und Munitionslager gingen in die Luft, und bleiche Gesichter und flackernde Augen, und ein Vernichtungstaumel, das Letzte, was ihnen geblieben war, hatte die Mitglieder des Stabes erfasst. Und da stand Gnotke und reckte beide Arme vor, und der Verwaltungssekretär, ein Mann mit ungesunder Gesichtsfarbe, packte ihm Aktenbündel auf und befahl ihm, diese Akten auf dem vor dem Hause vorgefahrenen LKW aufzuladen. Da stand Gimpf, und ein Oberfeldwebel belud ihn mit funkelnagelneuen Stiefeln, und Tünnes wurde mit Pullovern, Schorsch mit Wäsche, Georg mit Uniformstücken, andere mit anderem beladen. Draußen am LKW aber wurden alle abgewiesen, der Oberleutnant dort schickte sie weiter, und Aktenbündel, Pullover, Wäsche, Uniformstücke, Bücher und immer neue Ladungen flogen in den zu einem Berg aufgetürmten Scheiterhaufen, und die Flammen schlugen hoch auf.

Der Verwaltungssekretär kam herauf, blickte sich mit irren Augen um: »Herr Oberleutnant, die NFD-Vorschriften – ich kann das doch nicht alles verbrennen. Haben Sie denn nicht noch Platz auf Ihrem Wagen?« – »Ich sollte Ihre … ja, mein Gott, Mann, ich soll Ihre albernen Vorschriften mitnehmen, sind Sie denn wahnsinnig? In dieser Lage gibt es keine Vorschriften!«

Da stand dann plötzlich ein Oberstleutnant, die asketischen Gesichtszüge hagerer als sonst, hohle Schatten auf den Wangen: »Was gibt’s hier?« – »Die NFD-Vorschriften, Herr Oberstleutnant!« – »Alles runter vom Wagen, alles ins Feuer! Nur Munition und Verpflegung kommt auf die Fahrzeuge. Es geht um das nackte Leben!« Der Verwaltungssekretär zog ab, mit schlaff herabhängenden Armen, verschwand wieder im Innern der Hütte. Und Funken stoben gen Himmel, und durch den roten Glast sah man die langsam rollenden Räder und die Füße der marschierenden Kolonnen.

»Die Russen in Kalatsch!«

»Das Armeeoberkommando aus Golubinskaja geflüchtet, mit einem ›Storch‹ davongeflogen!« war die nächste Alarmnachricht, die das Stabsquartier durchflog und die auch von Gnotke, Tünnes und den anderen aufgefangen wurde. Der Oberleutnant vor dem Haus hatte seinen Wagen mit Proviant und Gewehrmunition beladen. Sein Fahrer half ihm in den Mantel hinein, als ein Unteroffizier, kreideweiß im Gesicht, auf ihn zukam: »Herr Oberleutnant, im Kom, da liegt er, mein Gott …« – »Was denn, wer denn? Mann, fassen Sie sich doch!« – »Im Kom, der Sekretär, er hat sich eben erschossen!«

Drei Brücken führten über den Don hinüber.