Star Trek - Prey 1: Das Herz der Hölle - John Jackson Miller - E-Book

Star Trek - Prey 1: Das Herz der Hölle E-Book

John Jackson Miller

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Beschreibung

Als 2285 der klingonische Commander Kruge im Kampf gegen James T. Kirk auf dem Genesis-Planeten fiel, stürzte das ein mächtiges Haus ins Chaos – und es blieben einige tickende Zeitbomben zurück: Das Phantomgeschwader, eine geheime Einheit fortschrittlicher Bird-of-Preys; eine verschworene Gruppe loyaler Offiziere, die sein Erbe bewahren wollten; und der junge Korgh, sein abgesetzter Erbe, der bereit war, ein ganzes klingonisches Leben lang auf seine Vergeltung zu warten. Jetzt, einhundert Jahre später, geraten Captain Jean-Luc Picard und die Besatzung der U.S.S. Enterprise während einer diplomatischen Mission für die Vereinte Föderation der Planeten in die Falle des gealterten Korgh – und finden sich mitten in einer uralten Auseinandersetzung wieder. Aber Commander Worf muss bald feststellen, dass Korgh möglicherweise weitaus größere Ziele verfolgt, als sich irgendwer vorstellen kann. Damit stürzt er die Allianz zwischen der Föderation und den Klingonen in ein Krise, wie sie sie noch nie erlebt hat! Bevor sie die Tomol jedoch aus dem Kreislauf der Selbstzerstörung befreien können, muss sich die Crew zunächst selbst retten – vor dem niederträchtigsten klingonischen Captain, den es jemals gegeben hat.

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STAR TREK™

PREY

BUCH 1

DAS HERZ DER HÖLLE

JOHN JACKSON MILLER

Based onStar Trek and Star Trek: The Next Generationcreated by Gene Roddenberry

Ins Deutsche übertragen vonKatrin Aust

Die deutsche Ausgabe von STAR TREK – PREY 1: DAS HERZ DER HÖLLE wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.

Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern, Übersetzung: Katrin Aust; verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Jana Karsch;

Korrektorat: André Piotrowski; Berater für klingonische Sprache: Lieven L. Litaer;

Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik; Cover Artwork: Martin Frei;

Print-Ausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice. Printed in the Czech Republic.

Titel der Originalausgabe: STAR TREK – PREY: BOOK ONE: HELL’S HEART

German translation copyright © 2018 by Amigo Grafik GbR.

Original English language edition copyright © 2016 by CBS Studios Inc. All rights reserved.

™ & © 2018 CBS Studios Inc. STAR TREK and related marks and logos are trademarks of CBS Studios Inc. All Rights Reserved.

This book is published by arrangement with Pocket Books, a Division of Simon & Schuster, Inc., pursuant to an exclusive license from CBS Studios Inc.

Print ISBN 978-3-95981-658-8 (Juli 2018) · E-Book ISBN 978-3-95981-659-5 (Juli 2018)

WWW.CROSS-CULT.DE · WWW.STARTREKROMANE.DE · WWW.STARTREK.COM

Für Tim, der mir das Schachspielen beigebracht hat

Inhalt

HISTORISCHE ANMERKUNG

PROLOG 2286

AKT EINS KRUGES BLUT 2386

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

AKT ZWEI SPOCKS PRÜFUNG 2286

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

AKT DREI KRUGES FEUER 2386

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

ZWISCHENAKT KORGHS ZIEL 2386

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

DANKSAGUNGEN

HISTORISCHEANMERKUNG

Die Hauptereignisse dieser Geschichte beginnen im Februar 2386, einige Jahre nach der Konfrontation der U.S.S. Enterprise-E mit dem romulanischen Praetor Shinzon 2379 (STAR TREK – NEMESIS) und nur drei Monate nach dem Amtsantritt der andorianischen Föderationspräsidentin Kellessar zh’Tarash (STAR TREK – THE FALL»Königreiche des Friedens«). Die U.S.S. Titan, das Flaggschiff von Admiral William Riker, wurde von der Sternenflotte aus ihrem zugewiesenen Sektor zurückbeordert (STAR TREK – TITAN»Aus der Dunkelheit«).

Der Prolog spielt im Februar 2286, einige Monate nachdem Admiral James T. Kirk die Selbstzerstörung des Raumschiffs Enterprise über dem Genesis-Planeten angeordnet hat, um zu verhindern, dass das Schiff in die Hände der Klingonen fällt (STAR TREK III – AUF DER SUCHE NACH MR. SPOCK). Der zweite Akt ist im Sommer 2286 angesiedelt, einige Monate nachdem Kirk zum Captain der neu in Dienst gestellten Enterprise NCC-1701-A ernannt wurde (STAR TREK IV – ZURÜCK IN DIE GEGENWART).

bortaS bIr jablu’DI’ reHQaQqu’ nay’»Rache ist ein Gericht, das man am besten kalt serviert.«– Klingonisches Sprichwort

PROLOG

2286

»Cousin, hier ist Kruge. Ich verfolge ein anderes Ziel. Begib dich zum Berg Qel’pec auf Gamaral. Ich habe neue Befehle für dich …«

Vor einem Jahr hatte er diese Nachricht erhalten: der Beginn des wichtigsten Auftrags, mit dem Korgh je betraut worden war. Und heute würde er ihn erfüllen. Der junge Klingone konnte es in seinen Knochen spüren, während er und Chorl sich dem gezackten Gebirge vor ihnen näherten. Er war Commander Kruges Befehlen gefolgt: Die Einrichtung innerhalb des Berges Qel’pec war für einen Großteil des vergangenen Jahres sein Arbeitsplatz gewesen.

Nun war Kruge tot – der Sternenflottenrenegat James T. Kirk hatte ihn vor einigen Wochen irgendwo im Mutara-Sektor umgebracht. Doch dank Kruges kluger Voraussicht – und Korghs harter Arbeit – würden die großen Hoffnungen des Commanders für das Klingonische Reich weiterleben. Dafür würde Korgh sorgen.

Während seiner Zeit dort hatte Korgh nur selten die Einrichtung innerhalb des Berges verlassen. Für einen Klingonen hatte Gamaral kaum etwas zu bieten: spektakuläre Aussichten, gigantische Wasserfälle und Bäume, die hoch in den Himmel ragten – aber kein einziges Tier zum Jagen. Genau deshalb hatte Kruge diesen abgelegenen Planeten ausgewählt. Es gab keinen Grund, sich näher mit Gamaral zu beschäftigen, es sei denn, man hatte etwas zu verbergen.

Vor allem vor anderen Klingonen.

Korghs älterer Begleiter war auf jeden Fall darauf hereingefallen. »Das hier ist reine Zeitverschwendung«, knurrte Chorl. Er blickte durch die Blätter den steinigen Pfad hinauf. »Sieht aus wie ein ganz normaler Berg.«

»Ja.« Korgh ging voran. »Am Ende des Pfades ist ein versteckter Eingang. Codiert auf meinen Bioscan, wie ich Ihnen bereits erklärt habe. Kruge hat mir die Leitung der Einrichtung übertragen.«

»Pah! Sie schmücken sich mit diesen Worten wie mit einer Schärpe. Selbst ein großer Krieger wie Kruge macht mal Fehler.«

Schweigend beschleunigte Korgh seine Schritte. Chorls Worte hatten ihn getroffen, doch das würde er ihm keineswegs zeigen. Ein erfahrener Veteran wie Chorl würde sich wohl kaum von einem zwanzigjährigen Krieger beeindrucken lassen. Selbst schuld, dachte Korgh. Er würde Chorls Verbündeten ein Wunder schenken. Verdiente das etwa keinen Respekt? Absolut. Und doch hatte der Skeptiker darauf bestanden, mit ihm gemeinsam herunterzubeamen, und sich den ganzen Weg über beschwert.

Chorl beklagte sich schon wieder, als Korghs Kommunikator piepte. Eine tiefe Stimme sagte: »Landetrupp, Bericht!«

Korgh antwortete: »Wir sind in Sichtweite, General Potok.« Er wandte den Kopf, um den Pfad vor ihnen zu beiden Seiten sorgfältig mit Blicken abzusuchen. »Kein Feindkontakt.«

»Dasselbe können wir nicht behaupten. Die Hundesöhne haben uns gefunden.«

Seine dunklen Augen verengten sich. So schnell? Er aktivierte den Kommunikator. »Wie viele?«

»Gerade sind vier Kreuzer aus dem Warp gekommen. Nein – fünf!« Eine Pause entstand. »Sie müssen sich beeilen, Korgh. Wir erwarten Ihr Signal. Qapla’.«

Korgh spähte durch die Äste hinauf zum Wolkenschleier, der über ihnen den Himmel verdeckte. Im Orbit würde es zu einer Schlacht kommen – Klingonen gegen Klingonen. Nach Kruges Tod hatte der Kampf um die Nachfolge seinen Höhepunkt erreicht. Man hatte fünf Kreuzer hinter Potok hergeschickt? Korgh hegte nun keinerlei Zweifel mehr: Es war richtig gewesen, den General zu drängen, nach Gamaral zu fliegen. Potok brauchte dringend, was im Berg Qel’pec verborgen war.

Niemand im Inneren des Bergs hatte auf ihren Ruf reagiert. Und so sollte es auch sein. Kruge hatte seine Ingenieure nicht dazu beordert, in einer Geheimeinrichtung zu arbeiten, nur damit sie dann auf unerwartete Besucher reagierten. Potoks Truppen konnten sich auch nicht einfach hineinbeamen, nicht durch das Zerstreuungsfeld, das die Anlage umgab. Nein, dazu brauchten sie Korgh – und den Zugang, den ihm der Herrscher seines Hauses vor einem Jahr gewährt hatte.

»Ich befehle dir, den Phantom Wing fertigzustellen«, hatte Kruge gesagt. »Und zwar in absoluter Geheimhaltung. Triumphiere, Sohn von Torav, und dann komm zu mir.«

Korgh hatte triumphiert. Ein knappes Jahr lang hatte er die klügsten Ingenieure aus dem Haus des Kruge bei der Konstruktion des Phantom Wing überwacht: kein einzelnes Schiff, sondern ein ganzes Dutzend Bird-of-Preys, fortschrittlicher als jedes andere Schiff in der Flotte der klingonischen Verteidigungsstreitmacht.

Ursprünglich war die B’rel-Klasse von der klingonischen Akademie entwickelt worden, ein Bird-of-Prey mit Tarnvorrichtung für eine sechsunddreißigköpfige Besatzung. Wie es üblich war, hatte sie die Produktion an die verschiedenen klingonischen Häuser übertragen – und Kruge den Prototyp übergeben. Es war eine Belohnung für seine vergangenen Siege, unter anderem über die Kinshaya, eine vierbeinige Spezies, die Kruge bis aufs Blut gedemütigt hatte. Doch die Geste zeigte auch, wie innovativ die Schiffswerften seiner Familie waren. Im Inneren variierten klingonische Schiffe von Haus zu Haus, doch die aus dem Haus des Kruge gehörten zu den besten der Verteidigungsstreitmacht.

In dem Wissen, dass er den Prototyp noch weiter verbessern konnte, hatte Kruge seine Topingenieure damit beauftragt, eine Schwadron von zwölf der modernsten Kriegsschiffe zu konstruieren. Aus Angst vor Spionage – und dem Diebstahl geistigen Eigentums, vor allem durch seine eigenen gierigen Verwandten – hatte Kruge befohlen, die Phantom-Wing-Schiffe im Verborgenen auf Gamaral zu bauen, einem herrenlosen Planeten, weitab von bewohnten Welten jeglicher Art.

Die Konstruktion der Schwadron zu beaufsichtigen, war eine große Ehre für jemanden, der noch so jung war, aber es ergab durchaus Sinn, Korgh diese Verantwortung zu übertragen. Er selbst war kein Ingenieur, doch er war klug und entschlossen, ein geborener Organisator. Natürlich gehörte Korgh zur Familie, er war ein entfernter Verwandter. Von denen hatte Kruge eine Menge, doch Korgh war etwas Besonderes. Sein Vater Torav war ehrenvoll gestorben, als er einen Disruptorstoß abgefangen hatte, der für den Commander gedacht gewesen war. Aus Anerkennung hatte Kruge den jugendlichen Klingonen in seine Besatzung aufgenommen, nur einen Tag nachdem Korgh seinen Ersten Ritus des Aufsteigens vollzogen hatte. Daraufhin wurde Korgh zu Kruges Protegé – so sah sich der junge Mann zumindest selbst.

Doch nicht jeder teilte diese Ansicht. »Von Kruge persönlich ausgewählt«, überlegte Chorl laut, während er den Pfad hinauftrottete, und musterte Korgh mit einem Seitenblick. »Ich schätze, es braucht nicht viel, um einen Haufen Ingenieure herumzuscheuchen.«

»Er hat mir vertraut.«

»Das sagen Sie. Ich kannte den Mann schon, als Sie noch in der Krippe lagen.« Chorl spuckte auf den Boden. »Niemand wusste, was Kruge wirklich dachte – es sei denn, er war unzufrieden mit deiner Arbeit. Dann warst du des Todes.«

»Ich bin nicht irgendwer«, erklärte Korgh stolz. »Ich bin sein Sohn.« Er senkte die Stimme. »Oder hätte es sein sollen.«

»Hah! Und da liegt das Problem begraben«, erwiderte Chorl. »Haben Sie das r’uustai vollzogen? Wurden Sie offiziell adoptiert? Denn wenn es einen direkten Erben gäbe, würde dort oben im Orbit keine Schlacht stattfinden.«

»Seien Sie sich da nicht so sicher.« Die Taugenichtse aus Kruges Familie würden die Farbe des Himmels bestreiten, wenn es ihnen zu ihrem eigenen Vorteil gereichen würde. Korgh war es leid, immer wieder dieselbe Diskussion zu führen. »Kruge hat seine nächsten Verwandten gehasst – deswegen sagte er, er wolle mich adoptieren. Das hatte er vor … aber dann sind ihm andere Dinge dazwischengekommen.«

»Der Tod ist ihm dazwischengekommen.« Chorl zuckte mit den Schultern. »Na, schön. Dann zeigen Sie mal Ihre geheime Schwadron – Kahless weiß, dass wir sie brauchen –, und dann nenne ich Sie Sohn von wem auch immer Sie wollen.«

Korgh hasste die Zwickmühle, in der er steckte. Er kannte Kruges Absichten. Der verstorbene Commander hatte sich nicht nur um die Zukunft seines Hauses gesorgt. Mehr als alles andere fürchtete er die Gefahr für das Reich, die von der Sternenflotte ausging. Immer wieder hatte er die Adoption verschoben. Er war besessen gewesen von seinen Plänen, von denen nicht alle offiziell genehmigt gewesen waren.

Und vor einigen Wochen hatte einer davon zu seinem Tod geführt.

Das Ereignis hatte ihn hart getroffen. Korgh – der mit seinen Führungsqualitäten seinem Alter weit voraus war – hatte sich gerade aufgemacht, um Kruge von der frühzeitigen Fertigstellung des Phantom Wing zu berichten, als ihn die Nachricht erreichte. Sein Mentor, sein zukünftiger Vater, war durch die Hände des Verbrechers Kirk gestorben.

Der Hohe Rat der Klingonen versuchte noch immer herauszufinden, was genau geschehen war. Vermutlich würde man als Nächstes den klingonischen Botschafter bei der Föderation Beschwerde einreichen lassen. Doch Korgh würde nicht auf irgendeine Erklärung warten. Er würde seinen Mentor rächen – und mit dem Phantom Wing hatte er dazu die perfekte Waffe.

Der Berg Qel’pec beherbergte jedoch nur Ingenieure; was er brauchte, war eine ausgebildete Mannschaft. Daher hatte Korgh einige von Kruges Militärkollegen ausfindig gemacht. Wie Chorl verband sie alle eine fanatische Loyalität mit dem verstorbenen Commander. Wenn alles nach Plan verlief, würde Korgh als Held, der Kirk getötet hatte, nach Qo’noS zurückkehren – und dann würde er endlich die rechtmäßige Kontrolle über das Haus des Kruge übernehmen können.

Doch auf jeden tapferen Krieger, der Kruge treu war, kamen vier Aasfresser, die sich auf sein Erbe stürzten. Sogenannte Adelige, eine ganze Schar von Cousins, Onkel und angeheirateten Verwandten, die alle nur eines im Sinn hatten: sich diesen Planeten oder jene Fabrik aus Kruges umfangreichem Besitz unter den Nagel zu reißen. Ganz zu schweigen von der Rivalität um den Sitz im Hohen Rat, der dem Haus zustand. Kruge hatte Politik verabscheut. Er war ein Mann der Tat – doch seine Familie lebte für die Intrige.

Wie Kruge verabscheuten auch seine Verbündeten diese Opportunisten. Angeführt von General Potok, waren sie ausgeschwärmt, um Kruges Besitztümer vor der Plünderung zu schützen, während der Hohe Rat die rechtlichen Ansprüche prüfte. Und auch wenn die Adeligen noch immer darüber stritten, wer Kruge als Herrscher des Hauses nachfolgen sollte, waren sie sich doch darin einig, dass sie keine Einmischung durch Kruges Militärkameraden dulden würden. Es kam zum Konflikt, als die Taugenichtse Söldner anheuerten, um Kruges Offiziere zu verjagen. Doch Kanzler Kesh war ein schwacher Anführer, der sich von den Reichen beeinflussen ließ und lieber einfach zusah, wie sich die Lage entwickeln würde.

Als Korgh sich schließlich der Armee von Kruges loyalen Anhängern anschloss, war diese bereits auf dem Weg zu ihrem letzten Gefecht. General Potok verfügte über Krieger, aber nicht über ausreichend Schiffe. Überdies hatten die Loyalisten nun auch ihren Fehler erkannt: Wenn sie auch nur die geringste Chance haben wollten, das einst große Haus des Kruge vor dem Untergang zu bewahren, mussten sie einen eigenen Erben präsentieren. Korgh bot an, beide Probleme auf einen Streich zu lösen. Er konnte der Erbe sein, den sie brauchten. Ein großer Sieg könnte die rechtliche Anerkennung seiner Adoption zu einer bloßen Formalie machen. Außerdem besaß er den Phantom Wing, den Kruge sogar vor Potok geheim gehalten hatte. Also hatte Potok Korghs Angebot angenommen – und war mit seiner kleinen Flotte nach Gamaral geeilt, während ein ganzes Heer von Schiffen ihm dicht auf den Fersen war.

Die Verfolger wussten ihren Vorteil anscheinend zu nutzen. »Bericht!«, plärrte Korghs Kommunikator. »Wir stecken hier oben schwere Treffer ein …«

»Wir stehen am Eingang«, entgegnete Korgh. »Halten Sie sich bereit, General.«

Korgh zeigte Chorl die Öffnung. Dieser kratzte sich am Bart. »Sie existiert also wirklich.« Er folgte dem jüngeren Mann in eine hinter Ranken und anderem Grünzeug verborgene Felsspalte. »Also, mir ist egal, was Potok denkt. Es gefällt mir nicht, eine versteckte Waffe anzuwenden – selbst gegen diese ehrlosen targs, denen er gegenübersteht.«

»Der Kampf ist in vollem Gange, Chorl. Der Phantom Wing ist wie ein d’k tagh, das ein Krieger am Knöchel trägt – wenn der Kampf erst einmal begonnen hat, ist es nicht ehrlos, ihn einzusetzen.«

»Wenn Sie meinen, Junge. Ich würde lieber ein paar Kehlen durchschneiden.«

Korghs Puls schlug schneller, als er die Wand nach dem Bioscanner abtastete. Er würde die Anlage betreten und seinen Ingenieuren befehlen, die Sicherheitsschilde zu deaktivieren. Die Truppen, die sich auf Potoks Transportschiffen drängten, würden hinunterbeamen, um das Dutzend voll bewaffneter Bird-of-Preys zu bemannen. Die Phantom-Wing-Schiffe würden in den Himmel aufsteigen und Kruges Verwandtschaft mit ihren Schergen kalt erwischen. Das Blatt würde sich wenden – und Korghs neues Leben konnte beginnen.

Der große Kruge war niedergestreckt worden. Doch Korgh könnte noch ganze hundert Jahre oder sogar länger leben – genug Zeit, um das Haus zum bedeutendsten im gesamten Reich zu machen. Er würde seine Rache an Kirk und der Föderation bekommen. Er würde den Traum seines Mentors verwirklichen und sicherstellen, dass niemals ein fremdes Banner über einem klingonischen Haus wehte.

Der Bioscanner erkannte ihn. Einen Moment später drehte sich die Tür aus Steinimitat mit einem Surren und gab den Weg frei. Als er in das grelle Licht trat, kniff er die Augen zusammen …

… und erblickte einen leeren Hangar.

Korgh blinzelte und traute seinen Augen nicht. Chorl folgte ihm hinein. Er ging an Korgh vorbei. »Was ist das? Ziemlich groß für einen Vorraum.«

Korgh, der Chorls Gegenwart kaum wahrnahm, schüttelte den Kopf. »Das ist der Hangar.« Er wirkte genauso, wie er ihn verlassen hatte. Überall lag und stand Ausrüstung zum Schiffsbau, verteilt in einem Wald von Kränen, Stützstreben und Gerüsten. Alles, was er unter Kruges Befehl heimlich nach Gamaral gebracht hatte.

Aber die zwölf Schiffe des Phantom Wing waren verschwunden – ebenso wie die Ingenieure, die für Korgh arbeiteten.

In einer Geste der Fassungslosigkeit breitete Chorl beide Arme aus. »Dafür haben Sie uns hergebracht?«

»Schnauze!«, blaffte Korgh. Er eilte zu der Stelle, wo das nächstgelegene Schiff hätte stehen sollen, und tastete die Luft ab. B’rel-Schiffe konnten getarnt geparkt werden; eine Eigenschaft, die sie bei Aufklärungsmissionen anderen Schiffen gegenüber unübertroffen machte. Doch seine suchenden Hände griffen ins Leere.

Der Wing war ausgeflogen.

An seinem Gürtel erwachte sein Kommunikator zum Leben. »Korgh!«, dröhnte die knisternde Stimme durch den riesigen Raum. »Korgh! Hier ist Potok. Wir stecken in Schwierigkeiten. Was tun Sie da unten?«

»Er hat uns getötet. Das hat er getan.«

Korgh warf einen Blick über die Schulter zu Chorl, der ihn wütend und ungläubig anstarrte. Der grauhaarige Soldat stapfte mit geballten Fäusten auf ihn zu.

Korgh sah ihn nur an und erwartete wie betäubt Chorls bevorstehenden Angriff.

Stattdessen presste Chorl die Hände auf seinen Bauch und brüllte vor Lachen. »Da haben Sie Ihren Erben, Kruge! Der große Korgh, der kindliche Imperator. König des leeren Hangars!«

Chorl lachte erneut – und griff nach seinem Kommunikator. Auch Korgh griff nach etwas: Seine Hand legte sich um das d’k tagh, das er in einer Scheide am Bein trug. Die Klinge bohrte sich in Chorls Hals.

Der alte Krieger würgte und starb. Potok, Kilometer weit über ihnen, rief ihn erneut. Mit kraftlosen Fingern entwand er Chorl den Kommunikator und schaltete ihn ab. Sein Erbe, seine Rache und sein glorreiches Jahrhundert waren zusammen mit den Schiffen verschwunden.

Das Echo seines Wutschreis gellte bis in die Unendlichkeit.

AKT EINS

KRUGES BLUT2386

»Die Geschichte wird fast immer von den Siegern geschrieben.«– Jawaharlal Nehru

1

U.S.S. ENTERPRISE-EIN DER NÄHE VON ACAMAR

»Admiral Kirk, hier spricht Ihr Gegner. Halten Sie mir keine Vorträge über Verstöße gegen das Abkommen, Admiral. Indem sie eine ultimative Waffe geschaffen hat, hat die Sternenflotte sich selbst zu einer Bande von interstellaren Kriminellen gemacht. Nicht ich werde mich ergeben. Sondern Sie!«

Die Nachricht war für den Kommandanten eines anderen Raumschiffs Enterprise gedacht gewesen, etwas über ein Jahrhundert zuvor. Doch es war Jean-Luc Picard, Captain der Enterprise-E, der sie sich nun in seinem Bereitschaftsraum anhörte – und etwas sah, das James T. Kirk zu seiner Zeit nicht gesehen hatte: die stechenden Augen des Klingonen, der diese Worte sprach.

Kruge.

Als Kommandant der klingonischen Verteidigungsstreitmacht hatte Kruge glorreiche Taten zur Erweiterung des Reichs vollbracht. Seine Attacke auf Kirk dagegen schien offenbar ein Akt der Verteidigung gewesen zu sein. Diejenigen, die seiner Meinung waren, sahen Kruge als wahren Patrioten, während jene, die ihn für einen paranoiden Verschwörungstheoretiker hielten, seine Tat als kriminell und sinnlos betrachteten.

Mit einer Distanz von hundert Jahren gehörte Picard ganz klar zur zweiten Fraktion. Kruges Taten waren eindeutig ein Verstoß gegen das Abkommen und beruhten auf falschen Annahmen. Das Genesis-Projektil war nie als »ultimative Waffe« gedacht gewesen und Kirk war außerstande gewesen, es ihm zu übergeben. Doch das hatte Kruge nicht aufgehalten, Kirk in einen Zweikampf zu verwickeln, selbst als der Planet unter ihnen in Stücke gerissen wurde.

Kruge war in diesem sinnlosen Unterfangen gestorben, doch seine erste Nachricht an Kirk lebte weiter – ebenso wie die Bildaufnahmen des Kommandanten, während er diese Worte sendete. Kruge hatte im Orbit des Genesis-Planeten kein Videosignal an Kirk gesendet, vielleicht weil er mysteriös erscheinen wollte. Doch das Kommunikationssystem von Kruges Bird-of-Prey, der I.K.S. B’rel, hatte das Bild dennoch aufgezeichnet und die Nachricht war in ihren Speichern verblieben, nachdem der Commander das Schiff für seine tödliche Mission verlassen hatte. Leonard McCoy hatte Kruges Schiff in Bounty umbenannt, eine scherzhafte Anspielung auf die Geschichte, und es hatte sich als wahre Schatztruhe an Beweismaterial zum Genesis-Vorfall erwiesen. Die Aufzeichnungen des Schiffs hatten Kruges Rolle bei der Zerstörung der Grissom und dem Tod von Kirks Sohn, David Markus, zweifelsfrei belegt. Eine Kopie der Bildaufzeichnungen des Bird-of-Prey von der Zerstörung der ursprünglichen Enterprise war sogar bei der öffentlichen Anhörung gezeigt worden.

Picard hatte sich entschieden, diese Aufzeichnungen nicht anzusehen, da er selbst eine Enterprise verloren hatte. Sein Hauptaugenmerk lag auf Kruge: einem Mann, dessen Taten ihn aus Sicht der Föderation zu einem der großen Schurken der Geschichte gemacht hatten.

Einem Mann, den Picard nun auf Befehl der Sternenflotte ehren sollte.

»Er griff aus den Schatten an«, sagte Commander Worf und blickte finster über Picards Schreibtisch hinweg auf das eingefrorene Bild von Kruge. »Ein Klingone, der tötet, ohne sein Gesicht zu zeigen, ist kein wahrer Klingone.«

»Man sollte annehmen, dies sei die allgemeine Meinung«, erwiderte Picard. Seltsamerweise war das jedoch nicht der Fall. Nicht wirklich. Der Captain nippte an seinem Tee und dachte darüber nach, wie die Klingonen ihre eigene Geschichte betrachteten.

Moderne Klingonen verdammten einvernehmlich einen anderen toten Abtrünnigen aus Kirks Zeit, General Chang. Nachdem er vor Jahrzehnten eine Verschwörung ersonnen hatte, um Kanzler Gorkon zu ermorden, war er entehrt worden. Doch Worfs Abneigung gegenüber Kruge entsprach nicht der Norm. »Warum sind die Meinungen über Kruge so ambivalent?«, fragte Picard. »Hielt man seine Taten für gerechtfertigt?«

»Es ist kompliziert«, antwortete Worf und suchte nach den richtigen Worten. »Zu seiner Zeit wurde Genesis von denen, die Misstrauen gegenüber der Föderation säen wollten, als Provokation angesehen.«

Picard nickte. »Wenn Kruge überlebt hätte, wäre er dann bestraft worden – oder gefeiert?«

»Ich bin nicht sicher. Aber dass er heute noch verehrt wird, hängt vor allem mit seinen früheren Taten zusammen. Viele Leute leben auf Planeten, die Kruge dem Reich einverleibt hat. Sein Erfolge brachten ihm viele Verbündete im Militär ein.«

»Freunde?«

»So weit würde ich nicht gehen. Kruge beendete viele Karrieren, einige davon mit dem Messer. Aber seine Schlachten trugen zur Reputation anderer bei, und diese Offiziere waren ihm loyal.« Wolf hielt inne. »Außerdem hatte er eine große Familie.«

»Unserem Auftrag gemäß sollen wir die Klingonen dabei unterstützen, eine Feier zum Gedenken an eine Schlacht zwischen Kruges Kameraden und seiner Familie abzuhalten.« Picard berührte eine Kontrolle, und das Bild von Kruge auf seinem Bildschirm wurde durch eine knappe Beschreibung ihres Auftrags ersetzt. Die Enterprise war für eine diplomatische Mission von ihrer Forschungsreise zurückbeordert worden – doch zur Abwechslung standen einmal nicht Krieg und Frieden auf dem Spiel. Der Konflikt hatte vielmehr schon vor langer Zeit geendet. »Die Schlacht von Gamaral – was wissen Sie darüber?«

»Das Haus des Kruge feiert sie als den Moment, in dem das Haus gerettet wurde. Die Erben, die sich um die Nachfolge stritten, vereinten ihre Kräfte, als Kruges Offiziere versuchten, seine Besitztümer an sich zu bringen. Es war ein prägendes Ereignis und der Zeitpunkt, wo die Kämpfe um die Nachfolge ihr Ende fanden.«

»Ein schwacher Trost für die Besiegten«, sagte Picard. »Ich habe keine Aufzeichnungen darüber gefunden: Wer kommandierte die Verliererseite?«

»Das weiß ich nicht.« Worf hielt inne. »Sein Name wird nicht ausgesprochen«, erklärte er dann mit gesenkter Stimme.

Picard nickte. Da es um klingonische Ehre ging, hatte er eine ziemlich gute Vorstellung davon, was das bedeutete. »Haben sich die Erben auf einen Nachfolger geeinigt?«

Worf schüttelte den Kopf. »Das war nicht möglich. Aber nach Gamaral trafen sie eine Vereinbarung, die es im Reich so noch nicht gegeben hatte. Jeder von ihnen behielt sein Vermögen, ohne seinen Anspruch auf das gesamte Haus aufgeben zu müssen.«

»Eine Vereinbarung zur Machtteilung? Das klingt nicht gerade klingonisch.«

»Man sollte wohl eher sagen, dass sie beschlossen, den Kampf aus Respekt vor ihrem gemeinsamen Sieg vorerst zu vertagen.« Worf dachte einen Moment nach, bevor er weitersprach. »Es gibt ein altes Konzept, das may’qochvan, nach dem Rivalen, die sich im Kampf verbünden, ihren Konflikt für eine Weile begraben, um ihren gemeinsamen Erfolg zu feiern – eine Art Waffenstillstand aus Respekt vor dem Blut, das sie gemeinsam vergossen haben, bevor sie zu ihren Feindseligkeiten zurückkehren. Das Haus des Kruge hat zum Teil deshalb überlebt, weil seine Erben beschlossen, so zu tun, als hätte das may’qochvan nie geendet.«

Nun ergab das Ganze Sinn. In gewisser Weise hielten die Feierlichkeiten nach der Schlacht von Gamaral noch immer an – und das bedeutete ein Jahrhundert des Friedens für eines der größten Häuser des Reiches. Bei der bevorstehenden Gedenkfeier auf Gamaral ging es nicht wirklich um Kruge oder die Schlacht, die dort geschlagen worden war – sondern um die Vereinbarung, die man im Anschluss getroffen hatte.

Einen solchen Anlass konnte Picard guten Gewissens unterstützen.

Und das würde er müssen – denn in den hundert Jahren seit dem Konflikt hatte der Föderationsraum sich ausgeweitet, sodass er nun Gamaral mit einschloss. Laut den kryptischen Befehlen, die er vom Sternenflottenkommando erhalten hatte, sollte die Enterprise in den kommenden Tagen die Lords des Hauses des Kruge – zusammen mit einigen sehr alten Veteranen des Konflikts – zum Schauplatz der Schlacht bringen.

Der Captain war nicht gerade glücklich darüber, dass ausgerechnet sein Schiff von seiner lange geplanten Forschungsmission zurückbeordert worden war. Kirks Enterprise war einst geopfert worden, um Commander Kruge aufzuhalten. Wer käme da auf die Idee, dass sich eine andere Enterprise für eine solche Aufgabe am besten eignen würde?

Sein Kommunikator zirpte und er tippte mit dem Finger darauf. »Brücke an Picard. Wir bekommen Besuch.«

»Identifikation?«

»Es ist die Titan, Captain. Admiral Riker würde gerne an Bord kommen – und er bringt, wie er sagt, einen ›besonderen Gast‹ mit.«

»Schicken Sie sie in Transporterraum eins, Lieutenant«, sagte Picard. »Wir treffen sie dort.« Er und Worf hatten sich bereits erhoben und waren auf dem Weg zur Tür. Nun, überlegte Picard, wenigstens werden wir uns nicht lange fragen müssen, wer dieser Gast wohl sein mag …

Im Turbolift hatten Picard und Worf erfahren, dass die Titan von Cygnet IV gekommen war, einer entlegenen Welt im Föderationsraum nahe der klingonischen Grenze. Beide kannten diese Welt und wussten, wer dort lebte. Der Gast, der gemeinsam mit Admiral Riker an Bord beamen würde, war somit keine Überraschung für sie.

»Imperator Kahless«, grüßte Picard mit einem breiten Lächeln. »Es ist mir eine Ehre, Sie wiederzusehen«, sagte er und wiederholte das Ganze dann in seinem besten Klingonisch.

Kahless, ein Klingone mit breitem Brustkorb und einer auffälligen Mähne aus dichtem braunem Haar, legte beide Hände auf seinen Bauch und grinste breit. »Von mir gibt es auch mehr zu sehen, Picard – die Ehre ist also umso größer geworden!« Er erwiderte die Geste des Captains und blickte dann zu Picards Erstem Offizier. »Worf!«

Kahless hatte in der Tat zugelegt, seit Picard ihn zuletzt gesehen hatte, doch der Imperator legte eine Behändigkeit an den Tag, die den Captain überraschte. Im Nu hatte er die Transporterplattform verlassen und Worf mit beherztem Griff an den Schultern gepackt. »Es ist zu lange her, Sohn von Mogh. Waren Sie an großen Schlachten beteiligt?«

»Ja.« Worf war größer als der Klon und geriet dennoch ein wenig ins Wanken unter Kahless’ überschwänglicher Begrüßung. »Aber keine, die mit denen aus den Legenden vergleichbar wären.«

»Pah! Sie werden mir von allen berichten, bevor wir uns trennen. Ich sehne mich danach, Geschichten über Blut und Heldenmut zu hören.«

Picard blickte zu Admiral Riker, der amüsiert wirkte. Der Captain nutzte die Gelegenheit und sagte: »Computer, vermerke in den Aufzeichnungen die Ankunft eines Staatsoberhaupts – und eines Flaggoffiziers.«

»Vermerkt.«

Er bedachte Riker mit einem Lächeln. »Es ist nicht immer leicht zu erkennen, wer an erster Stelle kommt.«

»Entschuldigen Sie das Protokolldilemma«, erwiderte Riker, während er von der Plattform trat und Picards Hand schüttelte. »Und den Überraschungsbesuch. Mein Flugplan ist derzeit ein wenig chaotisch.«

Picard wollte erwidern, dass er das Gefühl kannte, doch er begnügte sich mit einer simpleren Antwort: »Verständlich.«

Im Rahmen einer kürzlich aufgetretenen Krise war Riker zum Rear Admiral befördert worden und fungierte seither als umherreisender diplomatischer Problemlöser der Sternenflotte. Picard hatte seinen früheren Protegé während der Takedown-Affäre in Aktion erlebt und war sehr beeindruckt von seinem Urteilsvermögen. Will Riker schien in seinen neuen Pflichten voll aufzugehen.

Und offenbar war die Liste seiner Aufgaben länger geworden. »Was bringt Sie hierher, Sir?«, fragte Worf an Kahless gewandt.

»Ein junger klongat von einem Admiral, der mir beinahe den Arm ausgerissen hätte.« Er deutete auf Riker, der seine Hände in einer Geste der Unschuld hob.

»Ich habe nur die Einladung überbracht, Eure Exzellenz.«

»Eine Untertreibung. Aber ich respektiere Entschlossenheit.« Kahless blickte sich um. »Soll ich hier etwa verdursten?«

Picard reagierte schnell, indem er sich an Riker wandte: »Der Riding Club?«

Riker schüttelte den Kopf. »Lieber irgendwo, wo wir uns ungestört unterhalten können.«

»Dann also die Messe des Captains.« Er wandte sich an Kahless: »Wir haben vier große Portionen gagh vorbereitet.«

»Solche Worte höre ich am liebsten«, entgegnete der Imperator. »Aber was werden Sie essen?«

2

Ging man nach der Anzahl tatsächlich gelebter Jahre, so war Kahless die jüngste Person im Raum. Die klingonischen Mönche des Boreth-Klosters hatten ihn aus einem Blutstropfen geschaffen, von dem sie annahmen, dass er von Kahless dem Unvergesslichen stammte, dem legendären Führer ihres Volkes aus uralten Zeiten. Geistig geprägt durch die Lehren seines Vorgängers, war der Klon auf Worf und Picard getroffen. Die Wahrheit über seine tatsächliche Herkunft hatten sie erst später entdeckt – und dabei auch den potenziellen Wert seiner Weisheit für das Klingonische Reich erkannt.

Worf hatte Gowron, den damaligen klingonischen Kanzler, davon überzeugt, Kahless in der rein zeremoniellen Funktion des Imperators einzusetzen. Seine gentechnische Herkunft wurde allgemein bekannt gegeben – und auch wenn nicht alle Klingonen den Doppelgänger respektieren, hatten nur wenige an der Vorstellung etwas auszusetzen, die Worte Kahless’ des Unvergesslichen wieder den Massen zugänglich zu machen.

Nachdem er seiner Aufgaben überdrüssig geworden war, war der Klon einige Jahre zuvor von Qo’noS geflohen. Die Ereignisse, die sein Verschwinden umgaben, hatten beinahe zu einer politischen Krise zwischen dem Klingonischen Reich und der Föderation geführt, bis die Enterprise den flüchtigen Repräsentanten auf Cygnet IV aufspüren konnte. Letzten Endes hatte Kahless seinen Titel behalten, doch seitdem hatte Picard nur noch wenig von ihm gehört.

Kahless genoss die Gesellschaft von Picard und Worf noch genauso wie damals, doch mit seiner wachsenden Leibesfülle schien auch der Appetit des Imperators zugenommen zu haben. Picard wartete, bis man dem Imperator eine zweite Portion serviert hatte, bevor er sich erkundigte: »Kehren Sie zurück, um den Hohen Rat zu beraten?«

»Was? Um diesen unermüdlichen Rednern eine weitere Chance zu geben, mich zu Tode zu langweilen?« Kahless stieß ein gutturales Lachen aus. »Nein. Meine Aufgabe dort ist getan. Kanzler Martok leistet gute Arbeit, die Ratsmitglieder vor falschen Ambitionen und dummen Ideen zu bewahren.«

»Und das bringt uns zu dem, warum wir hier sind«, warf Riker ein. »Die Adeligen des Hauses des Kruge haben Kahless als Ehrengast zu ihrer Hundertjahrfeier eingeladen. Da er auf einer Föderationswelt lebt, hat man uns gebeten, die Einladung zu überbringen.«

»Und Sie, Picard, sollen mich überbringen«, ergänzte Kahless.

»Es ist mir eine Ehre.« Picard blickte zu Riker. »Werden Sie uns begleiten, Admiral?«

»Ich bereite mich darauf vor, an der h’atorianischen Konferenz teilzunehmen«, erwiderte Riker. »Die Titan und ich reisen zunächst zur Sternenbasis 222, um Botschafter Rozhenko abzuholen. Sie erinnern sich an Worfs Sohn, Kahless? Er ist schon seit einigen Jahren unser Botschafter im Reich. Vor dem Gipfel werden wir einen Zwischenstopp auf Qo’noS einlegen.«

»Ah, ja«, sagte Picard. »Wie ich höre, wird das Konsulatsgebäude der Föderation dort vergrößert. Die alte Botschaft war ein wenig … beengt.«

»Die neue Architektur fügt sich gut in die wiederaufgebaute Erste Stadt ein«, erklärte Riker. »Offiziell handelt es sich um eine Besichtigungstour, doch der wahre Grund ist ein Treffen mit Martok, um sicherzustellen, dass wir auf der Konferenz alle an einem Strang ziehen.«

»Was für eine verfluchte Herumrennerei«, grummelte Kahless. »Ich bemitleide Sie beide. Ein trauriges Schicksal erwartet erfolgreiche Krieger in Ihrem Volk.«

Riker lächelte schwach. »Meine Frau sagt, ich sollte ein diplomatisches Taxiunternehmen gründen. Aber das Haus des Kruge gütlich zu stimmen, wäre ein guter Start für die h’atorianische Konferenz.«

Picard wusste um das Treffen, das in einigen Tagen stattfinden sollte, und um seine Bedeutung. Die Föderation hatte viele neue Mitgliedswelten jenseits des Klingonischen Reichs und ein Interesse daran, diese möglichst einfach zu erreichen. Doch obwohl die beiden Mächte über gegenseitige Transitabkommen verfügten, führten die direktesten Routen durch einen Teil des Raums, der einem dreidimensionalen Puzzle gleichkam und Besitzansprüche verschiedener anderer interstellarer Mächte umfasste – darunter einige, die den Klingonen, der Föderation oder beiden Seiten gleichermaßen feindlich gesinnt waren.

»Ich hoffe, einen Freiflugkorridor aushandeln zu können, den jeder nutzen kann«, erklärte Riker. »Doch ohne die Unterstützung – oder wenigstens die Zustimmung – des Hauses des Kruge können wir die Verhandlungen nicht einmal beginnen. Die Welten an der Grenze sind größtenteils in ihrer Hand.«

Worf nickte. »Commander Kruge hat einige von ihnen selbst erobert. Von den Kinshaya, wenn ich mich recht erinnere.«

Kahless schnaubte verächtlich. »Vierbeinige Fanatiker. Mit denen verhandeln Sie?«

»Und mit den Romulanern, den Breen und den anderen Mächten des Typhon-Paktes«, erwiderte Riker. »Wenn wir sie überhaupt dazu bringen können zu erscheinen. Zunächst müssen wir uns um die Khitomer-Seite kümmern – weshalb Kanzler Martok und die Föderation zugestimmt haben, dem Haus des Kruge die groß angelegte Hundertjahrfeier zuzugestehen, die man sich dort gewünscht hat.«

»Eine Bestechung also.« Kahless schüttelte den Kopf. »Es gab Zeiten, da mussten klingonische Anführer ihre Untertanen nicht bestechen, um ihre Unterstützung zu erhalten.« Er leerte seinen Becher und knallte ihn auf den Tisch. »Vielleicht war ich doch zu lange fort.«

Der verdrossene Gesichtsausdruck des Imperators verschwand augenblicklich, als er einen weiteren Teller sich windendes gagh entdeckte. Während Kahless gierig danach griff, reichte Riker Picard ein Padd. »Sie werden ins Klingonische Reich fliegen und die Teilnehmer des Hauses des Kruge an Bord nehmen, angefangen bei Galdor, dem gin’tak des Hauses. Es war Galdor, der um die Feierlichkeiten gebeten hat.«

»Gin’tak.« Picard sah zu Worf. »Ich erinnere mich an diesen Begriff. Das ist eine Art Regent, nicht wahr?«

»Eher ein Verwalter«, antwortete Worf. »Ein geschätzter Berater der Familie. Das Haus des Mogh hatte ebenfalls einen: K’mtar. Es kann nützlich sein, den Rat eines Außenstehenden einzuholen.«

»Das stimmt. Aber ich bin überrascht, dass Klingonen auf den Rat von jemandem hören, der nicht von ihrem Blut ist.«

»Die Führung eines klingonischen Hauses erfordert mehr als Heldenmut allein«, erklärte Worf. »Es gibt eine Menge zu verwalten – genug, dass Krieger jeden bewundern, der dazu in der Lage ist.«

Mit vollem Mund ließ Kahless ein herablassendes Grunzen vernehmen. Nachdem er den noch zappelnden Bissen heruntergeschluckt hatte, wischte er sich mit dem Handrücken über den Mund. »Es ist so, wie ich bereits sagte, Worf. Die Galaxis hat sich verändert. Jetzt bewundern wir schon Klingonen, die lediglich verwalten.«

Worf warf Riker einen besorgten Blick zu, doch dieser zuckte nur kaum merklich mit den Schultern. »Es war Kanzler Martok, der vorschlug, die Enterprise einzusetzen, Jean-Luc. Er dachte, es würde zeigen, dass auch wir sämtliche Feindseligkeiten aus der Zeit Kruges begraben haben. Der Föderationsrat hat dem zugestimmt.«

»Nun gut«, erwiderte Picard. Es gab auch nicht viel, was er sonst hätte sagen können. Endlich verstand er die politischen Zusammenhänge hinter diesem Auftrag.

»Das Diplomatische Korps der Föderation hat damit begonnen, Gamaral für Besucher herzurichten«, fuhr Riker fort. »Sie werden sich mit deren Sicherheitsteams absprechen, sobald Sie mit Ihren Gästen eintreffen.«

»Natürlich.«

Riker stand auf. »Wenn Sie mich nun entschuldigen würden, Imperator, ich muss mich auf den Weg machen.« Er blickte auf den Tisch. »Ich hasse es, gutes gagh übrig zu lassen.«

Kahless lächelte. »Es wird nicht umkommen.«

Picard entschuldigte sich und folgte dem Admiral in den Gang. Die Tür zum Esszimmer schloss sich hinter ihnen … und Riker grinste. »Er war ganz schön anstrengend, Jean-Luc. Viel Glück!«

»Ich weiß nicht, ob ihm der Ruhestand bekommt oder nicht.«

»Er wurde nicht als Kämpfer geboren. Er wurde geboren, nachdem er gekämpft hatte – oder zumindest mit den eingepflanzten Erinnerungen an die Kämpfe des echten Kahless.« Riker folgte dem Korridor, Picard an seiner Seite. »Er wurde geboren, um die Lektionen dieser Konflikte weiterzugeben. Ich bin nicht sicher, ob er etwas mit sich anzufangen weiß, wenn er ganz auf sich gestellt ist.«

»Damals auf Cygnet IV sagte er mir, er sei auf der Suche nach seinem eigenen Weg.«

»Ich bin nur froh, dass wir ihn damals gefunden haben – sein Verschwinden hätte um ein Haar einen interstellaren Zwischenfall ausgelöst. Und nun muss ich weitere verhindern.« Riker erreichte den Turbolift und die beiden stiegen ein. »Transporterraum.«

Während der Lift leise vor sich hin surrte, ging Picard erneut die Namensliste auf seinem Padd durch. Er hatte von Worf erfahren, dass Kruge keinen Erben besessen hatte, doch wer hätte gedacht, dass er stattdessen über so viele Verwandte verfügte. Und nun war die Enterprise ins Taxigewerbe eingestiegen.

Er blickte zu Riker auf, der seine Miene sofort richtig verstand. »Halt«, befahl Riker. Der Turbolift kam zum Stehen. »Was ist los?«

»Will … Admiral. Ich tue dies nur ungern, doch ich muss meine Bedenken äußern …«

»Weil du schon wieder wegen der Politik von deiner Forschung abgezogen wirst?«, warf Riker ein und bedachte ihn mit einem wissenden Grinsen.

Dankbar, es nicht selbst aussprechen zu müssen, antwortete Picard mit einem milden Lächeln: »Du kennst mich.« Das war wenig überraschend. Riker war dabei gewesen, als Admiral Akaar nach der Ishan-Anjar-Affäre Picard im Hauptquartier der Sternenflotte ein Versprechen gegeben hatte. Die Enterprise hatte nur eine Mission: das Unbekannte zu erforschen. Akaar hatte sich daran gehalten – bis jetzt. »Wir scheinen immer in die entgegengesetzte Richtung unterwegs zu sein.«

»Dasselbe Lied höre ich von Christine Vale, seit ich zum Admiral befördert wurde«, erwiderte Riker und bezog sich damit auf den Captain der Titan. Dieser Auftrag war eine doppelte Ablenkung für die Mannschaft seines Flaggschiffs. Riker hatte sich kaum als Kommandant eines Grenzsektors des Alpha-Quadranten eingelebt, als er den Befehl erhielt, in den klingonischen Raum zu fliegen. »Das ist nicht unser Auftrag, dafür sind wir nicht zur Sternenflotte gegangen, et cetera, ad astra, ad infinitum.«

»Hier bedeutet ad astra nur, zu den Sternen zurückzukehren, bei denen wir schon gewesen sind. Ganz zu schweigen davon, Gastgeber für unsere Nachbarn zu spielen.«

»Du weißt, ich bin da ganz deiner Meinung.« Riker kratzte sich am Bart. »Aber das Haus des Kruge hat auf Kahless’ Anwesenheit bestanden, und er weigerte sich, Cygnet IV zu verlassen, wenn er nicht mit Worf reisen könnte. Ich wollte ihm Ihre Gesellschaft nicht vorenthalten.«

»Das weiß ich zu schätzen«, erwiderte Picard trocken. »Ich verstehe, warum der Name Enterprise für die Diplomatie eine wichtige Rolle spielt. Meine Anwesenheit ist nur ein Nebeneffekt.«

»Lass mich nicht so leicht davonkommen.« Riker schenkte ihm ein warmes Lächeln. »Ich wünschte, ich könnte sagen, dass das eine einmalige Sache ist. Die Föderation ist vergleichbar mit einer Party. Sie entsendet die Sternenflotte, um neue Gäste herbeizuholen.«

»Und wir stellen sicher, dass die ersten Gäste sich mit den Nachzüglern vertragen«, sagte Picard resigniert. »Und sorgen dafür, dass die Nachbarn sich nicht beschweren.«

»Das ist der Preis, den wir zahlen müssen für all die anderen Dinge, die wir tun und erreichen möchten.«

Picard nickte. Er wählte seine nächsten Worte mit Bedacht. »Das Problem ist, Will, du bist ein so guter Partygastgeber, dass du diesen Auftrag vielleicht öfter kriegst, als dir lieb ist.«

»Was die Sache riskant macht für die Leute, von denen ich weiß, dass ich mich auf sie verlassen kann.« Er lächelte. »Es ist gefährlich, ein Freund von Will zu sein.«

»Das Risiko macht mir nichts aus – ich bin nur froh, dass du dir dessen bewusst bist.«

»Nun ja, darüber würde ich mir keine Sorgen machen. Die h’atorianische Konferenz ist so heikel, dass ich vielleicht nicht mehr lange gefragt sein werde. Oder zumindest stehe ich dann vielleicht nicht mehr auf der Kurzwahlliste für jeden nervigen Auftrag, der daherkommen mag.«

Riker befahl dem Turbolift weiterzufahren, und Picard widmete sich wieder seiner Namensliste. »Die Schlacht von Gamaral. Ich erfahre jeden Tag etwas Neues über die klingonische Geschichte.«

»Früher haben sie so viel Geschichte produziert, dass sie sie zu ihren Nachbarn exportiert haben. Aber das ist lange her.« Der Turbolift hielt an und die Türen glitten auf.

»Viel Glück, Captain!«

»Ihnen auch, Admiral.«

3

ORIONISCHES SCHIFF DINSKAARHYRALAN-SEKTOR, FÖDERATIONSRAUM

Einst hatten die Ältesten gesagt, Valandris sei mit einem Messer in der Hand geboren worden. Allerdings hatten sie ihr, als sie drei war, auch gesagt, sie sei ein wertloser Sack Fleisch und niemand würde um sie trauern, wenn sie starb, weil sie nichts erreicht hätte. Daher betrachtete Valandris die Ältesten nicht gerade als ernst zu nehmende Autoritätspersonen.

Doch zumindest lagen sie nicht falsch damit, dass Valandris das Jagen liebte und Klingen bevorzugte. Mit einem Disruptor zu töten, fühlte sich anders an, wenn auch nicht ganz so anders, dass es nicht seinen eigenen Reiz gehabt hätte. Es war alles eine Frage des Geschmacks. Die Wahl der Waffe hing vom Terrain ab, fand sie – und von der Beute.

Das heutige Terrain war Neuland: die gewundenen, spärlich beleuchteten Korridore eines Raumschiffs, das sein Verfallsdatum bereits vor langer Zeit überschritten hatte. Die Dinskaar, hatte man ihr gesagt, sei ein hervorragendes Piratenschiff gewesen, das schon in dieser Region operiert habe, als die Sternenflotte noch damit beschäftigt gewesen sei, die Klingonen zu beobachten, anstatt Frachtschiffe zu beschützen. Valandris hatte nicht viel Erfahrung mit Raumschiffen, aber sie konnte erkennen, dass die Dinskaar weit bessere Tage gesehen hatte. Die Hälfte der Türen funktionierte nicht mehr und musste mit Gewalt aufgebrochen werden.

Auch ihre Beute war neu für sie: Orioner, wie die Bewohner dieses Schiffes genannt wurden. Die Männchen der grünhäutigen Zweibeiner erinnerten sie an garvoons, die hirnlosen, schwerfälligen Primaten ihrer Heimatwelt. Sie gaben jedenfalls das gleiche Geräusch von sich, wenn man sie erschoss. Und auch wenn diese Orioner sich nicht ansatzweise so schnell bewegten wie die garvoons, hatte man ihr versichert, sie seien intelligent – eine Tatsache, die sie eigentlich weit beeindruckender hätte erscheinen lassen sollen.

Doch die Intelligenz der Orioner half ihnen nun genauso wenig wie ihre Schilde, die Valandris nicht davon abgehalten hatten, an Bord zu beamen. Während sie und ihre schwarz gekleideten Kameraden sich systematisch durch das Schiff vorarbeiteten, suchten die Orioner keinen Schutz, wie es vernunftbegabte Wesen getan hätten, sondern griffen nach ihren Waffen. Auch wenn sie es nicht gewohnt war, Kreaturen zu jagen, die zurückschossen, hatte sie nicht den Eindruck, dass dies den Orionern viel nützte. Bis es den Kreaturen gelungen war, ihre Waffen in Anschlag zu bringen, hatten Valandris und ihre Gefährten sie schon längst unter Beschuss genommen.

Ein weiteres grünes Gesicht lugte um eine Ecke und zielte mit einem Disruptor auf sie. Ihr Disruptorgewehr antwortete prompt und der Orioner verschwand in einem Energiestrahl. Die Orioner waren keine wirkliche Herausforderung, aber sie waren zahlreich. Was bedeutete, dass ihre Kameraden unbedingt wachsam bleiben mussten.

»Wach auf, Raneer!« Valandris holte aus, um der jüngeren Jägerin links von ihr von hinten auf den Helm zu schlagen. Schon zweimal hatte Raneer zugelassen, dass die Orioner Schüsse abfeuern konnten, bevor sie desintegriert wurden. »Pass auf! Oder man wird sich heute Abend Geschichten über dich erzählen.«

»Niemals! Das hier …«

»Wartet!«, befahl Valandris, ging auf die Knie und bedeutete ihren zwei Gefährten, es ihr gleichzutun. Sie kauerten sich neben ihr auf den Boden. Auf Händen und Knien führte sie die beiden hinter einen großen umgeworfenen Container, den die Orioner zuvor als behelfsmäßige Barrikade verwendet hatten. »Hört ihr das?«

Über das Heulen des Alarms und den Lärm der Feuergefechte in den anderen Korridoren hinweg war es kaum möglich, andere Geräusche ausfindig zu machen, doch ihr Hightech-Helm half ihr dabei. Allerdings brauchte sie diese Unterstützung kaum, denn Valandris’ Instinkte waren unübertroffen. Etwas befand sich vor ihnen in dem Labyrinth aus Rohrleitungen.

Sie erhob sich mit Vorsicht, zielte und schoss auf eines der Metallrohre in der Ferne. Es platzte und begann mit einem Fauchen, heißen Dampf zu spucken, der mehrere Orioner aus ihren Verstecken trieb. Raneer und Valandris feuerten gleichzeitig und desintegrierten zwei der grünen Kreaturen. Eine dritte, ein kräftiger Krieger, trotzte dem brühend heißen Nebel und stürmte auf die Jäger zu. Valandris’ anderer Mitstreiter, Tharas, streckte ihn nieder, bevor er mehr als ein paar Schritte tun konnte.

»Der gehörte mir«, beschwerte sich Valandris leicht verärgert.

Tharas lachte. »Du willst doch nur herausfinden, wie es ist, im Nahkampf gegen einen von denen anzutreten.«

»Noch nicht.«

Natürlich hatte Tharas recht, aber es hatte keinen Sinn, das vor ihm zuzugeben. Ihr Cousin redete ohnehin schon zu viel. Doch sie durfte ihrem Wunsch nicht nachgeben, nicht jetzt. Seit ihrer Kindheit waren sie gemeinsam auf zahllosen Jagden gewesen, aber das hier war etwas anderes. Sie hatten ein bestimmtes Ziel. Valandris stand auf und arbeitete sich weiter durch den Gang vor, begleitet von ihren Kameraden.

Vorsichtig und mit wachen Sinnen trat sie durch den Schleier aus Dampf. Trotz der schweren Schutzmontur, die sie von Kopf bis Fuß einhüllte, fühlte sie sich nicht unbehaglich. »Es fühlt sich seltsam an, diese Sachen außerhalb der Höhlen zu tragen«, bemerkte Tharas. Eine der beliebtesten Beschäftigungen auf ihrer Heimatwelt war die Jagd auf tirato. Diese lebten in Höhlen, gefüllt mit giftigen Gasen und über und über bedeckt mit Säure, die die Haut verätzte. Valandris’ Volk hatte Schutzanzüge entwickelt, die ihren Träger mit Sauerstoff versorgten und gegen schädliche Einflüsse abschirmten, ohne die Beweglichkeit einzuschränken. Die Visiere ermöglichten periphere Sicht und verfügten zusätzlich über Infrarot.

Dass ihr Helm ihr Gesicht verbarg, spielte keine Rolle. Ihre Gefährten wussten, wer sie war: Valandris, benannt nach einem heimischen Raubtier, das sie sehr bewunderte – ein eleganter, sechsflügeliger Vogel, dessen Klauen einen Baum mit einem Hieb im Stücke reißen konnten. Andere fanden, dass der Name zu ihr passte, und sie teilte diese Meinung. Ihre Eltern, die sich gar nicht erst die Mühe gemacht hatten, ihr einen Namen zu geben, hatten dabei nichts zu sagen.

Ihr Dilemma war nichts Ungewöhnliches. Niemand in ihrer Gemeinschaft besaß einen Geburtsnamen. Die ältere Generation hielt sie für reine Zeitverschwendung. Es gab nichts zu erben und niemanden, dem man gerecht werden musste. Namen dienten dazu, eine ganze Reihe von Dingen zu vermitteln, zu ordnen und zu bewerten. Doch so etwas hatte wenig Sinn in einer Welt, wo es nichts zu erreichen gab und wo Status bedeutungslos war. Ihre Leute waren Flechten auf dem Rücken der Existenz, für immer in den Schatten.

Oder vielleicht nicht für immer, aber zumindest beinahe. Ihre Mutter hatte ihr gesagt, dass die Dinge sich eines Tages ändern würden, nur um dann hinzuzufügen, dass diese Hoffnung sich für niemanden, den sie kannte, jemals erfüllen würde. Valandris erschien das Ganze höhnisch und grausam.

Nein, ihr einziger Trost war die Jagd gewesen, die einzige Möglichkeit, sich hervorzutun. Die dummen Tiere der Dschungel und Wälder wussten nicht, wer oder was sie war. Sie wussten nur, dass ihre Fähigkeiten ihr Macht über sie gaben. Die Jagd wurde ihre Sprache, die Stimme ihrer Wut. Niemand würde von ihr Beschwerden über ihr Schicksal hören – aber die galoppierenden Riesen der Steppe hatten ihre Schritte vernommen und gelernt, sie zu fürchten. Mit ihr legte man sich nicht an. Die Kreaturen der Wildnis waren die Ersten, die ihr Respekt entgegengebracht hatten.

Und sie waren die Einzigen gewesen – bis vor einem Jahr der Fremde aufgetaucht war.

Er hatte ihnen Respekt entgegengebracht, obwohl das nicht nötig gewesen wäre. Und auch wenn er anfangs seine Identität verborgen gehalten hatte, seine Worte und Taten hatten ihnen bald offenbart, wer er war: der, den ihre Legenden den Gefallenen Lord nannten. Und das hatte alles verändert.

Seine Inspiration und Führung hatten Valandris dazu bewegt, ihr Zuhause zu verlassen und mit ihren Brüdern und Schwestern an Bord der Kriegsschiffe, die er zur Verfügung stellte, zu den Sternen zu reisen. Der Überraschungsangriff, den er geplant hatte, hatte perfekt funktioniert, genauso wie sein Trick, um ihr Team durch die Schilde des orionischen Raumschiffs zu beamen. Und wenn seine Informationen korrekt waren, lag ihre eigentliche Beute nun direkt vor ihnen.

»Diese Luke da«, sagte sie und deutete mit dem Finger darauf. Hinter dem Durchgang drängten sich weitere der grünen Wesen. Es war unwahrscheinlich, dass eines von ihnen ihre Zielperson war. König oder Königin bewachten selten den Eingang zum Nest. Valandris führte ihre Gefährten an und eröffnete das Feuer. Die Orioner starben einer nach dem anderen.

Eine Minute später war alles still – bis auf die flehende Stimme, die aus der Luke rief: »Frieden!«

Es war in jeder Sprache ein seltsames Wort, das der Universalübersetzer in ihrem Helm ausspuckte. »Identifizieren Sie sich«, erwiderte sie.

»Leotis!«

Leotis. Der Orioner, von dem man ihr erzählt hatte: Alpha des Rudels. »Wir kommen rein«, verkündete sie. Ohne dass sie es ihnen befehlen musste, bezogen ihre Gefährten sofort Stellung an taktisch günstigen Positionen, von denen aus sie ihr Deckung geben konnten. Selbst ein feiges Tier wurde mutig, wenn man es in seiner Höhle einkesselte.

Drinnen erkannte sie, dass sie ihren Gegner überschätzt hatte. Während der Rest des Schiffs völlig heruntergekommen war, strotzte das Büro geradezu vor Opulenz. Alle Schätze, die Leotis und seine Leute gestohlen hatten, befanden sich hier. Valandris hörte jemanden hinter dem Schreibtisch klappern und war nicht sicher, ob derjenige sich versteckte oder sich zum Angriff bereit machte.

Mit erhobenem Disruptor trat sie um den Tisch herum und ihr Blick fiel auf Leotis, der auf Händen und Knien vor einem offenen Tresor kauerte. Schwere Ketten aus Latinum und bestückt mit verschiedenen Edelsteinen baumelten von seinem fülligen Leib wie glitzernde Girlanden und seine Taschen beulten sich unter dem Gewicht weiterer Schätze. Als Valandris ihm mit einem Wink ihrer Waffe bedeutete aufzustehen, fielen einige Edelsteine aus seinem Gewand und prasselten auf den Boden. Verlegen zog der Orioner mehrere Klunker hervor und legte sie auf den Schreibtisch. »Verzeihung.« Seine Stimme klang rauchig, beinahe atemlos, seine Worte seltsam gedehnt. »Ich war gerade beim Aufräumen. Ich hatte keinen Besuch erwartet.«

Man hatte sie richtig informiert: Leotis war ein Aasfresser, ein Parasit, der von seiner Horde lebte. Sie kannte dieses Verhalten, auch wenn er der erste Pirat war, den sie bisher getroffen hatte. Die Kreaturen auf ihrer Heimatwelt, die sich von Aas ernährten, gaben keine sonderlich guten Ziele ab. Denn wenn sie geschickte Jäger gewesen wären, hätten sie ihre Beute schließlich selbst erlegt. »Sie sind Leotis?«

»Zu Diensten.« Er beäugte sie. »Ich kenne Sie nicht. Die Lebenszeichensensoren meines Schiffs können Sie in diesem Aufzug nicht richtig scannen. Sind Sie der Anführer?«

»Wir haben keinen Anführer.«

»Ich brauche jemanden, mit dem ich verhandeln kann.«

»Wir verhandeln nicht.«

»Ist das so?« Leotis seufzte und begann, seine Ketten abzulegen. »Sie können sich gerne an meiner Fracht bedienen – nur lassen Sie mir mein Schiff. Und meine Mannschaft.«

»Die meisten sind tot.«

Leotis’ Miene erstarrte. Dann schüttelte er den Kopf. »Das hatte ich befürchtet. Was für eine Verschwendung.«

Für einen Augenblick falteten sich die grünen Hände – dann war der Moment der Trauer vorüber. »Nun, so viel dazu. Also, verraten Sie mir, wen repräsentieren Sie? Ich kenne jeden, der in dieser Region unterwegs ist – aber ich habe noch nie von jemandem gehört, der sich durch aktivierte Schilde beamen kann.«

Valandris ignorierte ihn. Nachdem sie sichergestellt hatte, dass ihre Gefährten im Eingang standen und Leotis bewachten, wandte sie ihre Aufmerksamkeit den Datenterminals im Raum zu.

Leotis schien das wenig zu stören, denn er plauderte einfach weiter. »Vielleicht sind Sie ja ein neuer Spieler.« Er schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Der hyralanische Sektor ist auch nicht mehr das, was er mal war, liebe Freunde. Zu Zeiten meines Vaters war alles anders. Die Augen der Sternenflotte waren auf die Neutrale Zone gerichtet, nicht auf uns. Doch jetzt führen die meisten Routen von einer Föderationswelt zur anderen, und die Sternenflotte bewacht sie alle. Oh ja, das tut sie!« Seine nervösen Blicke folgten Valandris von einer Station zur nächsten. »Das sind wirklich schlechte Zeiten. Wir kommen höchstens dann mal zum Zug, wenn irgendein Idiot vom Kurs abkommt …«

»Oder wenn Sie Insiderinformationen haben.« Valandris drehte sich schnell zu ihm um.

Es dauerte einen Moment, bis ihre Bemerkung bei Leotis angekommen war. Als er schließlich begriff, öffnete er eine Schublade in seinem Schreibtisch – was Raneer und Tharas dazu veranlasste, alarmiert ihre Disruptoren zu heben. Doch der gedrungene Orioner zog statt einer Waffe ein Padd hervor. »Ja, ja«, sagte er im übersprudelnden Tonfall eines Händlers, der erkannte, dass er etwas zu verkaufen hatte. »Das hätte uns über das ganze Jahr bringen sollen.« Er hielt es Valandris entgegen, die danach griff.

Sie überprüfte die banalen Informationen und fand detaillierte Frachtpläne eines Unternehmens für Eventmanagement auf Hyralan. Leotis erklärte, dass er durch Zufall darüber gestolpert sei. Ein Schmalspurganove hatte das Padd aus einem verschlossenen Büro gestohlen und dann weiterverkauft, um seine Schulden zu bezahlen. Schon bald würde die professionelle Eventplanerin zu einer Veranstaltung aufbrechen, die Frachträume ihres Schiffs vollgeladen mit allem, was man benötigte, um ein stilvolles Treffen auf einer Welt auszurichten, wo die Anzahl der Replikatoren begrenzt war. Für Leotis mochte es sich durchaus lohnen, einige dieser Schiffe zu stehlen – oder ihre Besatzungen als Geiseln zu nehmen.

»Auf diesen Frachtern befindet sich wertvolles Geschirr und Delikatessen«, sagte er, »die bei Feinschmeckern sehr begehrt sind. Ich kann sehen, dass Sie erfinderische Leute sind. Betrachten Sie diese Daten als ein Willkommensgeschenk in der Region.« Er schenkte ihr ein breites Lächeln und offenbarte dabei eine ganze Reihe von Goldzähnen. »Wenn Sie mir nun also mein Schiff lassen würden und vielleicht etwas von diesem Krempel hier, damit ich eine neue Mannschaft …«

»Ruhe!«, forderte Valandris. Sie berührte den Kommunikator an ihrem Handgelenk. »Valandris an Mutterschiff. Stellt mich nach Hause durch.«

Einige Momente später antwortete eine tiefe, raue Stimme: »Bericht!«

»Wir haben die Dinskaar eingenommen. Wir haben den Frachtplan – er war genau da, wo Sie ihn erwartet hatten.«

»Ausgezeichnet. Was ist mit Leotis?«

»Er ist in unserer Gewalt.«

»Ich kenne jemanden, der froh sein wird, das zu hören. Gehen Sie vor wie geplant – und kümmern Sie sich um das Hauptziel.«

Die Verbindung wurde geschlossen. Leotis hatte aufmerksam zugehört. »Sie sagten, sie hätten keinen Anführer.«

»Keiner von uns ist der Anführer«, berichtigte Valandris und schob das Padd in eine Tasche an ihrer Hüfte.

Der Orioner wurde nervös. »Wer war das dann gerade? Einer meiner Rivalen?« Er hielt seine Hände schützend vor sich. »Oder eines meiner Opfer? Ist das hier ein Racheakt?«

»Es ist ein Racheakt – aber nicht gegen Sie.« Sie blickte zu Raneer und Tharas hinüber, die die Kontrollen an ihren Handgelenken berührten. Transporterstrahlen erfassten sie, und sie verschwanden. Valandris ging zu der Stelle, wo sie gestanden hatten, und kniete sich hin.

Als er sah, wie sie die Waffen aufhob, die seine Wachen fallen gelassen hatten, stieß Leotis einen Seufzer der Erleichterung aus. »Sie werden … mich nicht töten?«

»Das habe ich nicht gesagt.« Sie warf einen der Disruptoren auf den Schreibtisch vor ihm. »Nehmen Sie den – und dann bringen wir es hinter uns«, meinte sie und griff nach ihrem Messer. »Ich muss meinen Zeitplan einhalten.«

4

INDUSTRIEANLAGE DES HAUSES DES KRUGEKETORIX PRIME, KLINGONISCHES REICH

Picard hatte schon vor Langem gelernt, dass Zeit außerhalb der Sternenflotte einen anderen Stellenwert hatte. Vor allem VIPs und andere »bedeutende Gäste«, die er in der Vergangenheit transportiert hatte, hielten sich gerne an ihre eigenen, unbekannten Zeitpläne. Dadurch war die Enterprise oft gezwungen, von einem Moment auf den anderen fertig zur Abreise zu sein – und sich gleichzeitig auf lange Wartezeiten einzustellen, bis ihre Passagiere sich dazu bequemten, selbst in die Gänge zu kommen.

Klingonen für ihren Teil handelten äußerst präzise, wenn es um ihre liebste Beschäftigung ging: die Kriegsführung. Aber in anderen Bereichen des Lebens scherten sich die meisten Klingonen, die Picard kannte, nicht sonderlich um Zeit – Worf natürlich ausgenommen, der die Pünktlichkeit der Sternenflotte verinnerlicht hatte. Dennoch waren Klingonen nicht ineffizient. Vielmehr schien es so, als versuchten sie, ihre Lebenszeit mit einem gewissen Maß an Trotz gegen jegliche Kontrolle von außen zu verteidigen. Dem Mythos zufolge hatten die Klingonen ihre Götter getötet. Da würden sie nun sicher nicht anfangen, Zeitmesser zu verehren.

Daher rechnete Picard mit einigen Verzögerungen, wenn man bedachte, dass sie eine ganze Reihe äußerst wichtiger Klingonen abholen mussten. Und doch war, seit sie im Reich angekommen waren, alles exakt nach Zeitplan verlaufen. Ketorix Prime beheimatete die orbitalen und planetaren Schiffswerften des Hauses des Kruge, sodass die Enterprise einen beeindruckenden Hindernisparcours aus Sicherheitsschiffen durchqueren musste. Doch sie wurde jedes Mal erwartet und schnell durchgewunken. Wenn alle Welten unter der Kontrolle der Familie Kruge ihre Besucher so herzlich begrüßten, würde Riker bei der h’atorianischen Konferenz nicht viel zu verhandeln haben.

Auch musste der Captain nicht lange auf die Genehmigung warten, in das administrative Hauptquartier auf der Oberfläche des tiefroten Planeten beamen zu dürfen. Gemeinsam mit der Kontaktspezialistin der Enterprise, Lieutenant T’Ryssa Chen, war Picard sofort aufgebrochen.

Die Flure, durch die sie schritten, präsentierten sich im typisch klingonischen Stil – statt Opulenz dominierte Nüchternheit. In regelmäßigen Abständen entlang des Korridors brannten kleine Feuer in einfachen Messingschalen. Jede von ihnen beleuchtete eine verschlossene Tür, die mit einem Namen in Klingonisch versehen war. Picard erkannte diese als die Namen der Gäste, die er transportieren sollte.

Wenn sie alle hier sind, dachte Picard, ist das Ganze vielleicht schnell vorbei. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Chen deutete auf eine beleuchtete Öffnung am Ende des Flurs. »Ich glaube, wir sollen dorthin gehen, Sir.«

»Gehen Sie voran, Lieutenant.« Picard hatte sich für die halb menschliche, halb vulkanische Chen und gegen seinen Ersten Offizier entschieden, der auf der Enterprise geblieben war und mit Kahless geradezu verwachsen zu sein schien. Seit er an Bord war, hatte der Imperator Worf in Beschlag genommen, völlig versessen darauf, Geschichten über seine neuesten Abenteuer zu hören. Picard konnte sehen, dass Worf kurz davorstand, die Geduld zu verlieren, aber das gehörte zum Berufsrisiko.

Als sie auf das Atrium zugingen, wies Chen auf eine Reihe von Wandteppichen zu ihrer Linken. Einige davon zeigten stilisierte Illustrationen der Schiffe, die auf Ketorix produziert wurden, andere dagegen trugen offenbar die einfache Darstellung des Familienwappens. »Ich hätte mehr Darstellungen ihrer Ahnen erwartet«, stellte sie fest.

»Vielleicht können sie sich wegen des Nachfolgeproblems nicht einigen, welche Ahnen verehrt werden sollten«, erwiderte Picard.

»Vermutlich haben Sie recht, Sir.« Einige Meter vor dem fünfeckigen Durchgang zum Atrium richtete Chen ihren Blick nach vorne. »Andererseits steht da eine riesige Statue. Vielleicht haben sie sich schließlich doch für jemanden entschieden …«

Als sie das Atrium betraten, verstummte Chen – und erstarrte mitten in der Bewegung. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie unverwandt auf das massive Herzstück des Raums. Picard brauchte einen Moment, um zu erkennen, wen das kunstvoll geschnitzte Abbild darstellen sollte.

Es war Commander Kruge, zweimal so groß wie das Original. Das Kunstwerk zeigte eine Szene brutaler Gewalt: Der Klingone befand sich im Kampf mit etwas, das noch größer war als er selbst. Kruges mek’leth steckte tief im Nacken einer vierbeinigen Kreatur. Die Flügel seines Opfers – zu kurz, um damit tatsächlich fliegen zu können – erstreckten sich wie breite Fächer hoch über den Köpfen von Chen und Picard; ohne Zweifel ein Ausdruck tiefer Emotionen. Picard fühlte sich an eine Statue von Herkules im Kampf mit einem Zentauren erinnert, die er einst in Florenz gesehen hatte: die gleiche Brutalität, die gleiche vergebliche Panik.

Nur dass dies keine mythische Kreatur war.

»Das ist ein Kinshaya«, flüsterte Chen fasziniert. Picard warf dem Lieutenant einen Blick zu. Obwohl Chen normalerweise nicht leicht zu beeindrucken war, schien diese gewalttätige Darstellung sie aus der Fassung zu bringen. Die fanatisch religiösen Kinshaya, greifenartige Wesen, waren seit Anbeginn der Geschichte Todfeinde der Klingonen gewesen. Einige Jahre vor der Borg-Invasion hatten sie das Reich angegriffen. Die Klingonen hatten darauf reagiert, indem sie kurzerhand Yongolor, die Hauptstadt der Kinshaya, dem Erdboden gleichgemacht hatten. Daraufhin waren die Kinshaya dem Typhon-Pakt beigetreten.

Diese Spezies zu beobachten, gehörte bereits seit mehreren Jahren zu Chens Aufgaben. Sie hatte nicht nur einige Kinshaya kennengelernt, sondern sich auch mit ihnen angefreundet. Picard hegte keinen Zweifel daran, dass sie, trotz all der Jahre, die seither vergangen waren, Mitleid für Kruges Opfer empfand. »Eine verblüffende Ähnlichkeit«, sagte sie und umrundete die Statue, um das gequälte Gesicht des Kinshaya zu studieren. »Es ist so realistisch.«

»Das soll es auch sein«, dröhnte eine klingonische Stimme durch die weitläufige Halle. »Der Bildhauer verwendete eine holografische Aufnahme von Kruge als Vorlage.«