Star Trek - The Next Generation: Herz und Verstand - Dayton Ward - E-Book

Star Trek - The Next Generation: Herz und Verstand E-Book

Dayton Ward

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Beschreibung

Captain Jean-Luc Picard und die Besatzung der Enterprise entdecken etwas, das sie zuerst für eine bisher unentdeckte Welt halten, mit einer Zivilisation, die sich noch von den Auswirkungen eines globalen Nuklearkriegs erholt. Eine erstaunliche Botschaft aus dem Sternenflottenkommando warnt, dass mehr hinter diesem Planeten steckt, als auf den ersten Blick zu erkennen ist, und schnell wird Picard klar, dass die Geheimnisse dieser Welt mit Jahrhunderten geheim gehaltener menschlicher Geschichte in Verbindung steht …

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STAR TREK™

THE NEXT GENERATION

HERZ UND VERSTAND

DAYTON WARD

Based onStar TrekandStar Trek: The Next Generationcreated by Gene Roddenberry

Ins Deutsche übertragen vonAimée de Bruyn Ouboter

Die deutsche Ausgabe von STAR TREK – THE NEXT GENERATION: HERZ UND VERSTANDwird herausgegeben von Cross Cult, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.Herausgeber: Andreas Mergenthaler, Übersetzung: Aimée de Bruyn Ouboter;verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Kerstin FeuersängerKorrektorat: André Piotrowski; Cover Artwork: Alan Dingman, Satz: Rowan Rüster;Print-Ausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice. Printed in the Czech Republic.

Titel der Originalausgabe: STAR TREK – THE NEXT GENERATION: HEARTS AND MINDS

German translation copyright © 2019 by Cross Cult.

Original English language edition copyright © 2017 by CBS Studios Inc. All rights reserved.

TM & © 2019 CBS Studios Inc. STAR TREK and related marks and logos are trademarks of CBS Studios Inc.All Rights Reserved.

This book is published by arrangement with Pocket Books, a Division of Simon & Schuster, Inc., pursuant to an exclusive license from CBS Studios Inc.

Print ISBN 978-3-86425-874-9 (Dezember 2019) · E-Book ISBN 978-3-96658-007-6 (Dezember 2019)

WWW.CROSS-CULT.DE · WWW.STARTREKROMANE.DE · WWW.STARTREK.COM

Für Michi, Addison und Erin.Sie wissen warum.

Inhalt

HISTORISCHE ANMERKUNGEN

Kapitel 1

DIE ANFÄNGE

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

FOLGEN

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

DANKSAGUNGEN

HISTORISCHE ANMERKUNGEN

Diese Geschichte spielt Ende 2386, sieben Jahre nach der Konfrontation der U.S.S. Enterprise-E mit dem romulanischen Praetor Shinzon (STAR TREK – NEMESIS) und ein paar Monate nach den Ereignissen, in die die Föderation, das Klingonische Reich und ein abtrünniger klingonischer Kult, die Unbesungenen, verwickelt waren (STAR TREK – PREY). Sie ereignet sich kurz vor der Enthüllungsreportage der Trill-Journalistin Ozla Graniv über die Geheimorganisation Sektion 31 und deren zahlreiche Aktivitäten im Verborgenen, wie beispielsweise die Ermordung von Föderationspräsidenten Min Zife im Jahr 2379 (STAR TREK»Sektion 31 – Kontrolle«).

KAPITEL 1

U.S.S. Enterprise, NCC-1701-E2386

Der Dartpfeil traf die Zielscheibe und blieb im Zentrum stecken, genau über den beiden anderen. Ein durchdringender elektronischer Piepton erklang und tat jedem in der näheren Umgebung kund, dass jemand ins Schwarze getroffen hatte. Schon wieder.

»Damit musst du jetzt aber langsam wieder aufhören«, sagte T’Ryssa Chen, als Taurik von der weißen Wurflinie zurücktrat, an der die Spieler sich positionierten, wenn sie an der Reihe waren. »Mit der Voodoozauberei oder was du da sonst machst!«

Lieutenant Rennan Konya erhob sich von seinem Platz neben Chen. »Genau!«, sagte er. »Oder Sie werfen mit geschlossenen Augen. Langsam wird’s lächerlich.«

Taurik wandte der Dartscheibe den Rücken zu, die im hintersten Winkel des Happy Bottom Riding Club an der Wand hing, und kam zum Tisch zurück. »So wie ich es verstanden habe, geht es bei diesem Spiel darum, die richtigen Felder je dreimal zu treffen. Da mir das mit den Zahlen 15 bis 20 bereits gelungen war, blieb nur noch der Mittelpunkt übrig – das Schwarze, um Lieutenant Konyas Bezeichnung zu verwenden. In Anbetracht der Regeln, die vor Spielbeginn erläutert wurden, gab es keine Alternative dazu.«

Konya versuchte nicht einmal, sich das Lachen zu verbeißen, und Chen konnte nur den Kopf schütteln. Auch an den umliegenden Tischen trug Tauriks Erklärung zur allgemeinen Heiterkeit bei.

Lieutenant Dina Elfiki prostete Taurik zu. »Gut gekontert, Commander!«

»Ermuntere ihn nicht noch«, sagte Chen und warf der Wissenschaftsoffizierin der Enterprise einen tadelnden Blick zu. Dann wandte sie sich an Elfikis Begleiter, Gary Weinrib. »Lassen Sie ihr da keine freie Hand! Lenken Sie Ihr Date gefälligst ab, Weinrib.«

Der Steuer-Offizier der Gamma-Schicht tat so, als würde er vor ihr salutieren. »Aye, aye, Lieutenant!«

»Lass das lieber«, sagte Elfiki und rollte mit den Augen. »Sonst dreht sie nur noch mehr auf.«

Chen musterte Weinrib mit gespieltem Misstrauen. »Warten Sie mal. Hat Ihre Schicht nicht längst angefangen?«

»Vier Stunden habe ich noch.« Weinrib hielt sein Glas in die Höhe. »Und das ist bloß Altairwasser.«

»So mag es vielleicht aussehen!«

Wenn es nicht zu Abweichungen vom Dienstplan kam, füllte sich die Schiffsmesse normalerweise mit gut gelaunten Offizieren, sobald die Alpha-Schicht zu Ende war. Beinahe jeder Platz an der Bar und ausnahmslos alle Tische waren besetzt. Crewmitglieder entspannten sich auf den Sofas, die vor den großen Fenstern positioniert waren, oder standen mit ihren Drinks in der Hand mitten im Raum, da, wo sie eben gerade ein freies Plätzchen hatten ergattern können. Der Happy Bottom Riding Club (William Riker, der ehemalige Erste Offizier, hatte die Messe so getauft, ehe er die Enterprise verlassen hatte, um das Kommando der U.S.S. Titan zu übernehmen) war zu einem der Orte geworden, an denen Chen ihre freie Zeit am liebsten verbrachte. Die Atmosphäre war immer fröhlich. Hier gelang es ihr und ihren Kameraden, ihre anspruchsvollen Pflichten eine Weile lang zu vergessen, und sie hatte Gelegenheit, Freunde wie Dina Elfiki zu sehen, deren Aufgaben sie zumeist auf der Brücke oder in einem der Wissenschaftslabore der Enterprise festhielten. Dasselbe galt für Taurik, der zumeist irgendwo in den Tiefen des Maschinenraums, in einer der zahllosen Jefferies-Röhren oder einem der engeren Wartungsschächte schuftete, die sich durch das gewaltige Raumschiff zogen.

Chen grinste Elfiki und Weinrib freundlich an, überließ sie ihrem Gespräch und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Taurik zu. Als der Vulkanier sich zu ihr an den Tisch gesetzt hatte, winkte sie zur Dartscheibe hinüber. Konya war dort damit beschäftigt, ein neues Spiel vorzubereiten.

»Du lässt mich ziemlich schlecht dastehen«, sagte sie. »Wie kommt’s, dass du noch nie Darts gespielt hast?«

Taurik griff nach seinem Glas, das, wie Chen wusste, Mineralwasser in Raumtemperatur enthielt. »Vor dem heutigen Abend war es nicht erforderlich, sich damit auszukennen«, erwiderte er. Er nahm einen Schluck und fügte hinzu: »Es ist ein recht unkompliziertes Spiel. Die Hand-Auge-Koordination ist natürlich entscheidend, außerdem ein Mindestmaß an Muskelkraft im Arm, um mit dem Dartpfeil das gewünschte Feld zu treffen.«

»Moment mal«, sagte Konya, der sich auf seinen Stuhl fallen ließ. Drei Dartpfeile hielt er noch in der Hand. »Soll das heißen, dass Sie jedes Mal genau vorhersagen können, wo Ihr Pfeil die Scheibe treffen wird?«

Taurik hob die rechte Augenbraue. »Das habe ich nicht gesagt, Lieutenant.« Er nahm noch einen Schluck Wasser. »Bei näherer Überlegung muss ich allerdings zugeben, dass meine Bemerkungen so interpretiert werden könnten.«

»Also habe ich Sie richtig verstanden?«, fragte Konya.

»Ja.«

Konya lächelte breit und klopfte mit der freien Hand auf den Tisch. »Ich habe ganz den Eindruck, dass wir gerade herausgefordert worden sind, Lieutenant Chen!«

»Da könnten Sie richtigliegen, Lieutenant Konya!«

Chen lächelte auch. Es war schön zu sehen, dass er sich amüsierte. Er kam erst seit ein paar Monaten alle paar Abende mit ihr her. Zuerst war er nur selten mitgegangen, aber mittlerweile hatte er sich auf den Gedanken eingelassen, dass es gut war, sich nach einem langen Tag ein bisschen zu entspannen. Für jemanden wie Rennan Konya, der sich stundenlang in seiner Arbeit vergraben konnte, war das ein großer Schritt. Auch wenn kein drängender Notfall vorlag, keine Krise zu bewältigen war, hatte der stellvertretende Sicherheitschef viele fordernde Aufgaben. Konya verbrachte einen Gutteil seines Arbeitstages damit, die Sicherheitsoffiziere zu trainieren, damit sie auf verschiedene Szenarien angemessen und schnell reagieren konnten. Ständig verbesserte er Abläufe und Holoprogramme. Er fand immer Wege, ins Training einfließen zu lassen, was er auf Außenmissionen und in Gefechtssituationen dazugelernt hatte. Er und Lieutenant Aneta Šmrhová hatten ihre Bemühungen in dieser Hinsicht verdoppelt, nachdem das Zusammentreffen mit dem Kult der Unbesungenen Opfer gefordert hatte. Eine schmerzhafte Lektion – das Schiff hatte die Erkundung des Odysseeischen Passes abbrechen und sich in Föderationsgebiet zurückziehen müssen –, die deutlich gemacht hatte, wie dringend notwendig es war, laufend zu trainieren und sicherheitsrelevante Fertigkeiten zu perfektionieren.

Vielleicht zog seine neue Ausgeglichenheit noch andere positive Entwicklungen nach sich: Mit jedem Monat, der verstrich, schien Konya mehr er selbst zu sein. Nach der Invasion der Borg hatte er schwer an Schuldgefühlen und einer Depression getragen. Die Sitzungen mit dem Counselor der Enterprise, Dr. Hegol Den, hatten ihm sehr geholfen, und er hatte Chen gestanden, dass auch das Wiederaufleben ihrer Beziehung entschieden zu seinem geistigen Wohlbefinden beigetragen hatte. Es widerstrebte ihr, die Lorbeeren für seine Fortschritte einzuheimsen – aber es war schön zu wissen, dass er so große Stücke auf sie hielt.

Dass sein Ehrgeiz sich wieder zeigte, konnte als weiteres gutes Zeichen gewertet werden.

»Also gut, Commander«, sagte der Betazoide, hielt Taurik die drei Dartpfeile hin und lächelte ihn spitzbübisch an. »Bei allem Respekt, Sir, Lieutenant Chen und ich sind der festen Überzeugung, dass man seinen Worten Taten folgen lassen sollte!«

Der Ingenieur stellte sein Wasserglas ab und nahm die Dartpfeile entgegen. »Nun gut. Wenn Sie darauf bestehen.«

Der freundschaftliche verbale Schlagabtausch und die Herausforderung hatten die Aufmerksamkeit der Umsitzenden auf sich gezogen. Elfiki, Weinrib und einige andere hatten ihre Stühle zurechtgerückt, sodass sie einen freien Blick auf die Dartscheibe hatten.

»Wie wär’s mit einer kleinen Wette?«, fragte Elfiki.

Taurik, der wieder an der weißen Linie stand, ging nicht auf die Frage der Wissenschaftsoffizierin ein. Er studierte die Dartscheibe und die Pfeile, die er in der Hand hielt. Gerade als er einen Pfeil ausgewählt hatte und ihn in der Hand wog, piepte sein Kommunikator.

»Lieutenant Commander Taurik«, erklang die Stimme des Schiffscomputers der Enterprise. »Sie haben eine Nachricht mit hoher Priorität erhalten. Vertraulich. Autorisationscode: Alpha, Echo, drei, fünf. Bitte antworten Sie sofort.«

»Was soll das denn?«, entfuhr es Chen. Sie runzelte die Stirn und wechselte zuerst mit Konya und dann mit Elfiki verwirrte Blicke. Natürlich hatte sie schon gehört, wie der Computer Nachrichten mit hoher Priorität ankündigte, aber normalerweise betraf das den Captain. Dass irgendjemand anderes eine solche Nachricht erhielt, war – gelinde gesagt – ungewöhnlich.

Taurik stand bloß da und sah auf den Kommunikator an seiner Brust hinab. Dann, als hätte er plötzlich gemerkt, dass er zum Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit geworden war, fing er sich und berührte den Kommunikator. »Taurik hier. Zur Kenntnis genommen.« Er wandte sich um und hielt Konya die Dartpfeile hin. »Ich fürchte, wir müssen unseren Wettkampf verschieben.«

»Selbstverständlich, Sir«, erwiderte der Lieutenant und nahm Taurik die Pfeile ab. »Können wir Ihnen irgendwie behilflich sein?«

Taurik schien einen Augenblick darüber nachzudenken. Dann schüttelte er den Kopf. »Ich danke Ihnen für das Angebot, Lieutenant, aber um diese Angelegenheit muss ich mich persönlich kümmern.« An Chen gewandt, sagte er: »Vielen Dank, dass du mich heute eingeladen hast. Ich hoffe, wir können den Rest des Abends bald nachholen.«

»Taurik …«, begann Chen, erkannte aber am Ausdruck seiner Augen, dass sie ihre Frage nicht stellen musste: Er würde ihr nichts verraten.

Ohne ein weiteres Wort wandte der Vulkanier sich um und verließ die Messe. Konya kam zum Tisch zurück und setzte sich. Sein Gesicht spiegelte Chens eigene Verwirrung wider. »Ich bin nicht der Einzige, der das gerade seltsam fand, oder?«

Captain Picard saß allein in seinem Bereitschaftsraum am Schreibtisch und betrachtete sein Computerterminal. Auf dem Bildschirm war das Emblem der Vereinigten Föderation der Planeten zu sehen. Darunter leuchteten die Worte: PRIORITÄTSWARNUNG – NUR FÜR DIE AUGEN DES CAPTAINS BESTIMMT. STIMMAUTORISIERUNG ERFORDERLICH.

Das Interkom summte, und Captain Picard sah vom Bildschirm auf, als die Stimme seines Ersten Offiziers, Commander Worf, ertönte: »Brücke an Captain Picard.«

»Ich höre, Nummer eins.«

»Sir, Lieutenant Šmrhová hat die Überprüfung der Kommunikationslogbücher beendet. Es gibt keinen Vermerk über den Erhalt der Nachricht. In einen geschützten Bereich des Schiffscomputers wurde jedoch eine Datei geladen, die denselben Datumsstempel wie die Nachricht trägt. Zum fraglichen Zeitpunkt lag die Enterprise im Dock der Weltraumstation McKinley.«

Die ganze Sache war höchst ungewöhnlich, angefangen damit, wie Picard von der verschlüsselten Nachricht erfahren hatte. Unter normalen Umständen hätte ihm Lieutenant Šmrhová, die jede eingehende Nachricht auf der Brücke empfing, Meldung gemacht. Stattdessen hatte der Schiffscomputer ihn persönlich nicht auf eine eingehende Subraumkommunikation, sondern auf eine vorinstallierte Datei hingewiesen. Und nun schien alles darauf hinzuweisen, dass die darin enthaltenen Befehle schon seit drei Monaten in den Speicherbänken des Computers schlummerten.

Aber warum?

»Nummer eins, sind Sie sicher, dass die Datei vertrauenswürdig ist?«

»Lieutenant Šmrhová hat mir versichert, dass sie mit einem originären Verschlüsselungsalgorithmus der Sternenflotte gesichert ist, der Stimmautorisierung durch Sie verlangt, Captain«, erwiderte Worf. »Weder Lieutenant Šmrhová noch irgendjemand sonst kennt den Inhalt der Datei.«

Captain Picard atmete tief durch, aber es gelang ihm nicht, die körperliche Anspannung zu lösen, die von ihm Besitz ergriffen hatte. Er war kein Freund von Geheimniskrämerei, und für die Spielchen, die offenbar irgendjemand im Sternenflottenkommando für notwendig hielt, hatte er herzlich wenig übrig.

»Hat Lieutenant Šmrhová den Sensorscan beendet?«

»Positiv«, erwiderte der Erste Offizier. »Wir sind allein hier draußen und halten uns bereit, unseren Kurs wieder aufzunehmen.«

Picard schürzte die Lippen und dachte darüber nach, was als Nächstes zu tun war – besonders im Licht der jüngsten Ereignisse. Zwar war die Nachricht von hoher Priorität, aber die Art ihrer Überlieferung missfiel ihm zutiefst. Vor Wochen hatte die Enterprise ihre Mission, den Odysseeischen Pass zu kartografieren, wieder aufgenommen. Zu Zwischenfällen war es nicht gekommen. Im Gegenteil: Es war eine willkommene Abwechslung gewesen, die ungewöhnliche Flugbahn eines Kometen und zwei unbewohnte Sonnensysteme zu studieren. Sogar ein kurzer Landurlaub auf einem einladenden Planeten der Klasse M, den die Crew ganz für sich allein gehabt hatte, war möglich gewesen.

Dann hatte ihm Wissenschaftsoffizierin Lieutenant Elfiki gemeldet, dass Messwerte, gesammelt von unbemannten Sonden, auf eine unentdeckte Zivilisation in einem nahe gelegenen Sonnensystem hindeuteten. Die Zeit war gekommen, wieder an die Arbeit zu gehen. Die Langstreckensensoren schienen die Daten der Sonden zu bestätigen: Sie verzeichneten schwache Übertragungen und sogar Hinweise auf interplanetare Raumfahrtaktivitäten.

Die Enterprise war noch keine zwei Stunden auf Kurs gewesen, als der Schiffscomputer Picard über die gespeicherten, verschlüsselten Befehle und die dazugehörige Nachricht informiert hatte. Bis er den Inhalt kannte, sollte er sich dem Sonnensystem nicht weiter nähern. Daher drängte sich die Frage geradezu auf, ob die Befehlsdatei mit dem offenbar bewohnten Planeten zusammenhing – aber wie war das möglich? Soweit Picard wusste, war diese Region des Weltalls noch nie von einem Menschen oder einem anderen Föderationsmitglied besucht worden. Nur die Sonden, die schon vor Jahrzehnten ausgeschickt worden waren, hatten den Odysseeischen Pass durchflogen.

Je länger man darüber nachdenkt, desto merkwürdiger wird die Angelegenheit.

»Halten Sie unsere momentane Position, Nummer eins, und geben Sie vorläufig Gelben Alarm. Sobald ich dazu in der Lage bin, informiere ich Sie näher. Picard Ende.« Dann widmete er seine volle Aufmerksamkeit den blinkenden Worten auf seinem Computerbildschirm.

Zwecklos, die Sache länger vor mir herzuschieben.

»Computer«, sagte er und drehte das Terminal so, dass er bequem hineinschauen konnte. »Die Nachricht entschlüsseln und abspielen. Stimmautorisierung: Picard, vier, sieben, Alpha, Tango.«

Augenblicklich verschwand das Emblem der Föderation; dafür erschien das Gesicht von Admiral Leonard James Akaar. Mit seinen einhundertneunzehn Erdenjahren war der Capellaner immer noch ein lebhafter Mann, der körperlich fit zu sein schien. Die Flaggoffiziersuniform spannte über seiner muskulösen Brust und seinen breiten Schultern. Sein einstmals blondes Haar war immer noch schulterlang, mittlerweile aber beinahe vollständig ergraut, und er hatte tiefe Falten im Gesicht. Seine Augen jedoch waren hellwach, und Picard las die vertraute Entschlossenheit darin. Der Admiral saß in seinem Büro im Hauptquartier der Sternenflotte in San Francisco am Schreibtisch. Er lehnte sich ein wenig nach vorn, die großen Hände vor sich auf der Tischplatte gefaltet.

»Hallo, Jean-Luc! Bitte entschuldigen Sie diese ungewöhnliche Art der Kontaktaufnahme … Mir ist klar, dass Sie viele Fragen haben müssen. Meine Entscheidung, auf diese Weise vorzugehen, liegt darin begründet, dass wir es mit einer höchst sensiblen Angelegenheit zu tun haben. Ich hoffe auf Ihr Verständnis, Jean-Luc, habe ich doch großes Vertrauen in Ihre Diskretion und Ihr feinfühliges Vorgehen. Auch ich bin erst vor Kurzem über diese Sache gestolpert. Es liegt durchaus im Bereich des Möglichen, dass wir nie davon erfahren hätten, hätte die Sternenflotte nicht entschieden, dass der Odysseeische Pass näher erforscht werden müsse. Sie hören meine Botschaft jetzt einzig aus dem Grund, dass Sie einen ganz bestimmten Planeten anfliegen möchten.«

Picard spürte, wie sich Ärger in ihm regte, und schüttelte den Kopf. Es fiel ihm schwer, Verständnis aufzubringen. Was sollte das alles? Wenn Akaar ihm »Diskretion und feinfühliges Vorgehen« zutraute, warum hatte er Picard dann nicht zu einer Lagebesprechung gebeten, bevor die Enterprise das Raumdock verlassen hatte? Die »sensible Angelegenheit« schien etwas zu betreffen, das im Odysseeischen Pass zu finden war – oder auf jenem Planeten, der Picards Interesse erregt hatte. Aber worum handelte es sich?

»Wie ich eingangs bereits gesagt habe«, fuhr Akaar fort, »kann ich mir sehr gut vorstellen, dass Sie Fragen haben. Und wenn ich Sie nur halb so gut kenne, wie ich es mir einbilde, starren Sie mich jetzt gerade wütend an und denken darüber nach, Ihrem Bildschirm einen Faustschlag zu versetzen.«

»Gar keine so schlechte Idee«, murmelte Picard.

»Ein kurzes Briefing aus der Ferne ist in diesem Fall nicht genug. Da ich Sie nicht vor Ort unterstützen kann, habe ich diese Aufgabe einem Mitglied Ihrer Besatzung übertragen – jemandem, von dem ich weiß, dass Sie ihm vertrauen. Und das aus gutem Grund! Der Offizier, von dem ich spreche, hat bereits seine Loyalität und Besonnenheit in einer ähnlichen Situation unter Beweis gestellt. Ich halte ihn für die Person, die am besten geeignet ist, Ihnen in dieser heiklen Angelegenheit zur Seite zu stehen. Er sollte sich recht bald an Sie wenden, und ich bitte Sie eindringlich, sich genau anzuhören, was er zu sagen …«

Das Interkom summte erneut, und Picard hielt die Videoaufzeichnung an.

»Brücke an Captain Picard.« Es war wieder Worf. »Bitte entschuldigen Sie die Unterbrechung, Sir, aber Lieutenant Taurik ist hier und bittet um ein Gespräch unter vier Augen mit Ihnen. Er sagt, es sei dringend, Sir.«

»Taurik?« Picard betrachtete prüfend Admiral Akaars eingefrorenes Gesicht. »Ihn haben Sie also in Ihre Machenschaften mit hineingezogen?«

»Wie bitte, Sir?«

Da erst wurde Picard klar, dass er die Frage laut ausgesprochen hatte. Er verdunkelte den Bildschirm seines Computerterminals. »Schicken Sie ihn herein, Nummer eins«, sagte er.

Einen Augenblick später glitt die Tür des Bereitschaftsraums auf. Davor stand kerzengerade der stellvertretende Chefingenieur der Enterprise. Er hielt die Arme hinter dem Rücken verschränkt.

»Ich möchte Ihnen dafür danken, dass Sie mich empfangen, Captain. Verzeihen Sie, dass ich Sie aufsuche, obwohl Sie nicht im Dienst sind.«

Picard verengte die Augen. »Ich bin der Captain, Mister Taurik. Ich bin immer im Dienst.« Er winkte den Vulkanier heran, damit die Tür sich hinter ihm schließen konnte. »Lassen Sie mich raten: Sie sind Admiral Akaars Vertrauensmann im Hinblick auf diese ganze mysteriöse Angelegenheit.« Er deute auf seinen Bildschirm.

Taurik nickte. »Ja, Captain. Während unseres Aufenthalts im Föderationsraum hat mich Admiral Akaar persönlich instruiert. Es war ein sehr … aufschlussreiches Gespräch.«

»Möchten Sie mich in Kenntnis setzen?« Picard nickte zu den beiden Sesseln hinüber, die vor seinem Schreibtisch standen.

»Danke, Sir.« Taurik nahm schräg gegenüber von Picard Platz. Dabei schien seine Körperspannung sich nicht das kleinste bisschen zu verringern. »Admiral Akaar wollte, dass ich Ihnen zunächst eins sage: Unsere gegenwärtigen Umstände sind weder auf eine externe Bedrohung noch auf Zweifel an Ihnen oder einem anderen Mitglied der Besatzung zurückzuführen.«

»Warum sind wir also stattdessen hier, Commander?«

Es überraschte Picard, dass Taurik einen … nervösen Eindruck machte. Der Ingenieur warf einen Blick über die Schulter, als erwartete er, Worf oder irgendjemand anders würde jeden Moment hereingeplatzt kommen. Und obwohl er die Hände gefaltet und in den Schoß gelegt hatte, wirkte er so unruhig, als könne er, untypisch für einen Vulkanier, sich kaum davon abhalten zu zappeln.

»So, wie es mir erläutert wurde, Sir«, sagte Taurik endlich, »resultieren die nächste Mission der Enterprise und die Probleme, mit denen wir bald konfrontiert sein könnten, aus Entscheidungen und Taten, die mehr als drei Jahrhunderte zurückliegen …«

DIEANFÄNGE

KAPITEL 2

In der Nähe von Bloomingdale, Georgia16. März 2031

Trotz der Dunkelheit war es nicht schwer, das Schiff zu finden: Umgeknickte, verkohlte Kiefern markierten einen gekrümmten Graben aus aufgewühlter, verbrannter Erde. Das vereinfachte immerhin diesen Aspekt des Problems.

Gunnery Sergeant Erika Figueroa wagte sich südlich der Absturzstelle langsam und vorsichtig ein paar Schritte weit unter den Bäumen hervor und hielt inne, um sich in der frisch geschlagenen Schneise umzuschauen. Sie stellte das optische Visier auf ihrem M4A3-Karabinergewehr auf Wärmebildmodus und spähte hindurch. Das Schiff hatte beim Absturz thermische Spuren hinterlassen, die noch gut zu sehen waren. In größerer Entfernung hielt der Boden nur noch etwas Restwärme, wenn überhaupt – ein Großteil des umgepflügten Geländes war im Verlauf der Nacht bereits abgekühlt.

Dem Dreck geht’s besser als uns.

Obwohl es bis zum offiziellen Frühlingsanfang noch vier Tage dauerte und auch von der hohen Luftfeuchtigkeit noch nichts zu spüren war, die den Osten Georgias in den kommenden Monaten mit schwüler Hitze plagen würde, lief Figueroa unter ihrem schwarzen T-Shirt und ihrer Uniformjacke der Schweiß über Brust und Rücken. Die jüngsten Regenfälle hatten den Boden aufgeweicht, und die Sohlen ihrer Kampfstiefel sanken bei jedem Schritt leicht ein. Auf der anderen Seite der unebenen Furche, gerade noch sichtbar zwischen den Bäumen, die noch standen, sah sie die Hälfte ihres sechsköpfigen Teams. Ihre Männer und Frauen bewegten sich mit derselben bedächtigen Vorsicht wie sie selbst.

»Smitty, messen Sie irgendeine Strahlung?«, fragte sie. Obwohl sie leise sprach, fing der Transceiver in ihrem rechten Ohr die Worte auf und übertrug sie auf dem gesicherten Kanal des Teams.

»Negativ, Gunny«, erwiderte Sergeant Matthew Smith, Figueroas stellvertretender Teamleiter. Durch das Nachtsichtgerät ihres Head-up-Displays in ihrem Visier sah sie, wie Smith die Hand hob und ihr zuwinkte. »Alles im grünen Bereich.«

Es war Bestandteil ihrer umfassenden Ausbildung gewesen, sich eingehend mit nuklearer, biologischer und chemischer Kriegsführung und Verteidigung zu beschäftigen. Smith war jedoch der unbestrittene ABC-Experte des Teams und trug einen der beiden kompakten Geigerzähler der Einheit bei sich. Der zweite sowie ein Messgerät, das gefährliche chemische und biologische Kampfstoffe orten konnte, steckten in ihrer Einsatzweste.

Figueroa sah sich noch einmal um, dann signalisierte sie ihrem Team, der Schneise zu folgen. »Weiter geht’s!«, sagte sie. »Wir wissen immer noch nicht, womit wir es zu tun haben.«

Ihr Team war Bestandteil der groß angelegten Reaktion auf einen taktischen Alarm, der ausgelöst worden war, nachdem Radarstationen des United States Space Command am frühen Abend ein unidentifiziertes Flugobjekt entdeckt hatten, das der Ostküste des Landes nach Süden folgte. Zwei F-35A-Tarnkappen-Mehrzweckkampfflugzeuge waren von der Langley Air Force Base in Virginia entsandt worden und hatten das Flugobjekt in kürzester Zeit abgefangen. Daraufhin war das Schiff von seinem merkwürdig schlingernden Kurs an der Atlantikküste entlang abgekommen und hatte einen Angriff gegen die beiden Kampfflugzeuge eingeleitet. Eins der Kampfflugzeuge war von einer Art energiedämpfendem Strahl getroffen worden; im letzten Bericht hatte es geheißen, dass ein Rettungsteam den Piloten bereits gefunden hatte. Der zweite Pilot hatte mehr Glück gehabt: Er hatte eine Rakete auf das Flugobjekt abgeschossen, die es außer Gefecht gesetzt hatte. Kurz nach Sonnenuntergang war es abgestürzt und hatte nordwestlich von Savannah ein beträchtliches Waldstück verwüstet.

Ein Transportflugzeug des Marine Corps hatte Figueroa und ihr Team vom Stützpunkt Camp Lejeune in North Carolina hierhergebracht; sie waren mit Fallschirmen abgesprungen. Unterstützung war auf dem Weg, auch ein Helikopter, um das Team wieder abzuholen, aber für die nächste Stunde, die auf Mitternacht zuschlich, würden Figueroa und ihre Leute auf sich allein gestellt sein.

»Streuner, hier spricht Stubenhocker«, sagte ein Mann in ihr Ohr. Er benutzte die Codenamen, die für den nächtlichen Einsatz ausgewählt worden waren. »Wie ist Ihr Status? Können Sie das Zielobjekt sehen?«

»Wir nähern uns, Stubenhocker«, antwortete Figueroa und achtete darauf, nicht ins Stolpern zu geraten, während sie über den verrottenden Stamm einer umgestürzten Kiefer stieg. »Wir überprüfen lediglich, ob das hier eine anständige Wohngegend ist.«

»Wir haben einen engen Zeitplan, Streuner. Wir müssen Tempo zulegen.«

»Ach ja?«, fragte Figueroa. »Gibt es denn hier was zu finden, von dem wir noch nichts wissen?«

Figueroa wusste, dass die Kommunikation von der Kommandozentrale der Mission im Camp Lejeune überwacht wurde: Bereits die wenigen Worte, die sie mit ihren Teammitgliedern gewechselt hatte, waren dort angekommen. Im unwahrscheinlichen Fall, dass noch jemand zuhörte, wurde jede Aussage sorgfältig verschleiert; Euphemismen wie »Wohngegend« wurden für die Absturzstelle gebraucht. Die Bilder, die die Head-up-Displays in den Helmen aufzeichneten, kamen ebenfalls als Livefeed direkt im Stützpunkt des Marine Corps an. Man war dort also auf dem Laufenden – mit dem entscheidenden Vorteil, sich nicht persönlich durch den düsteren, dichten Wald kämpfen zu müssen. Trotzdem schienen die »Stubenhocker« ungeduldig zu werden.

Gottverdammte Schreibtischhengste!

Über die verschlüsselte Kommunikationsfrequenz sagte die Männerstimme: »Die örtliche Strafverfolgungsbehörde mobilisiert bereits Einsatzkräfte, um die Wohngegend zu inspizieren. In schätzungsweise sechs null Mikes haben Sie Gesellschaft.«

»Aber ein Absperrteam ist auf dem Weg, oder?«

Im Flugzeug waren Figueroa und ihr Team knapp und bündig über die anstehende Mission gebrieft worden. Man hatte Figueroa zugesichert, dass spätestens eine Stunde nach Landung ihres Teams Unterstützung eintreffen würde, die die Autorität besaß, die Absturzstelle abzuriegeln. Ihr war klar, dass ihnen nur wenig Zeit blieb. Das unidentifizierte Flugobjekt war zwar in einem einsamen Waldgebiet nördlich der ruhigen, abgelegenen Stadt Savannah aufgeschlagen, aber das brennende Wrack, das vom Himmel gefallen war, war sicher nicht unbemerkt geblieben. Dennoch: In der näheren Umgebung lebten kaum mehr als 2.500 Menschen, und für den Katastrophenschutz standen nur begrenzte Kapazitäten zur Verfügung. Figueroa nahm daher an, dass es nicht schwer sein würde, die Einsatzkräfte der Polizei sowie der Feuerwehr aus dem Gebiet herauszuhalten – gesetzt den Fall, dass das Absperrteam rechtzeitig kam. Andernfalls würde sie ein interessantes Gespräch mit einem griesgrämigen Provinzpolizeichef führen müssen, der mitten in der Nacht aus dem Bett geholt worden war.

Eins nach dem anderen, Gunny. Packen wir’s an!

Wieder sah sie sich um. Corporal Eric Tate und Lance Corporal Jason Bayley standen mehrere Meter voneinander entfernt vollkommen reglos in der Dunkelheit und warteten auf ihr Signal. Sie hatten das Ende des Grabens erreicht. Der Nachthimmel war wolkenlos, und im Mondlicht war eine dunkle Silhouette zu erkennen.

Das Schiff hatte sich mit seiner kantigen Front zwischen zwei dicken Kiefernstämmen verkeilt. Es war über und über mit verkohlter Erde bedeckt. Als sich seine wilde Rutschpartie verlangsamt hatte, waren ihm nur noch wenige Bäume zum Opfer gefallen, doch lagen auch hier noch einige gefällte Kiefern, die den Preis dafür hatten zahlen müssen, im Weg zu stehen.

»Stubenhocker«, sagte Figueroa, »wir haben Sichtkontakt. Nähern uns weiter.«

»Verstanden, Streuner. Seien Sie vorsichtig.«

Anstelle einer Antwort wandte Figueroa sich Tate und Bayley zu und verdrehte theatralisch die Augen. Damit brachte sie die beiden Männer zum Grinsen.

Das Vorwärtskommen wurde leichter, als sie sich dem Schiff näherten. Es hatte die größte Zerstörung am Anfang der Schneise angerichtet, wo es durch die Bäume gebrochen und mit großer Geschwindigkeit durch die weiche Erde gepflügt war. Dabei hatte es alles entwurzelt und zermalmt, was ihm im Weg gewesen war. Seit sie die Absturzstelle gefunden hatten, hatte Figueroa sich, so gut es ging, im Schutz der Bäume gehalten; jetzt trat sie aufs offene Gelände hinaus, das M4 im Anschlag. Ihr Blick tastete über den massigen Umriss des Schiffs und seine unmittelbare Umgebung. Dunkle Ausbuchtungen am hinteren Ende deuteten auf eine Art Düsenantrieb hin, waren jedoch nicht vergleichbar mit einem Raketentriebwerk – nicht einmal mit dem Antrieb eines jener anderen merkwürdigen Schiffe, die ihr, seit sie zu dieser Einheit gehörte, untergekommen waren. Die glanzlose Schiffshülle hatte zahllose Beulen und Risse, die sicher von dem Sturz durch die Baumkronen stammten.

»Kein Kennzeichen, kein Emblem«, sagte Sergeant Smith, der sich so vorsichtig wie Figueroa von der anderen Seite her an das Schiff heranpirschte. Er war jetzt nah genug, dass sie seine Stimme nicht nur durch den Transceiver in ihrem Ohr, sondern außerdem von der anderen Seite des Grabens her hören konnte. »Erkennt irgendwer die Silhouette? Ich hab noch nie was Ähnliches gesehen!«

Die Antworten ihres Teams bestätigten, was Figueroa dachte. »Sieht so aus, als hätten wir’s mit einem neuen Akteur zu tun.« Sie justierte ihr Head-up-Display am Helm und ließ ihren Blick von links nach rechts über die »Lichtung« wandern, die das Schiff geschlagen hatte. Auf dem Wärmebild sah sie nur die anderen Mitglieder ihres Teams.

»Gunny!«, sagte Corporal Tate. Er hatte sein Karabinergewehr auf das Schiff gerichtet. »Hier steht eine Luke offen.«

Auch ohne die Unterstützung des Helms konnte Figueroa das Oval ausmachen, das sich schwarz an der Backbordseite der dunklen Schiffshülle abzeichnete. Sie zielte auf die Luke und spähte in die Finsternis dahinter. Sie suchte nach Lebenszeichen, aber nichts regte sich.

»Alle machen noch eine Runde! Sichern Sie unsere Flanken und unsern Rücken!« Noch während sie sprach, bewegte sie sich auf die offene Luke zu. Sie war so angespannt, dass sie nicht sofort spürte, wie ihre Finger kribbelten und ihr Kiefer schmerzte – sie umklammerte das Gewehr wie eine Ertrinkende und biss die Zähne zu fest zusammen. Als sie auf der Höhe der Luke angekommen war, schob sie die Mündung ihres Gewehrs hindurch und spähte umher.

Das Innere des Schiffs war ihr so fremd wie sein Äußeres. Sie sah Oberflächen, die inaktive Bedienpulte sein konnten. Es hatte im Schiff gebrannt; Figueroa zuckte vor dem Geruch zurück, den sie kaum beschreiben konnte, verkohltes … Irgendwas … Ihre Intuition sagte ihr, dass jemand oder etwas in den Flammen umgekommen war.

»Hier ist noch jemand am Leben!«

Figueroa wandte sich um. Tate und Bayley hielten auf eine Baumgruppe zu, die Gewehre auf etwas gerichtet, das sie nicht erkennen konnte. Die beiden Marines näherten sich ihrem Ziel von zwei Seiten, hatten es in die Zange genommen – sie suchte mit Blicken zwischen ihnen den Boden ab, bis sie endlich entdeckte, was ihre Aufmerksamkeit erregt hatte.

Verdammte Scheiße!

Eine Gestalt lag zu Füßen der beiden Männer. Sie war in eine Art dunklen Ganzkörperanzug gekleidet, der offenbar eine Schutzfunktion erfüllte. Von dort, wo Figueroa stand, wirkte die Gestalt menschlich oder doch zumindest menschenähnlich; allerdings hatte sie die Erfahrung gemacht, dass der äußere Schein trügen konnte. Der Anzug bedeckte sogar den Kopf des Wesens. Ein undurchsichtiger Gesichtsschutz verbarg seine Züge. Als Figueroa auf das Grüppchen zuging, sah sie, dass es sich regte. Es war jedoch offensichtlich verletzt und reagierte nicht auf Tate und Bayley, die es anherrschten, sich nicht zu bewegen.

»Es kann wahrscheinlich kein Wort verstehen.« Figueroa zielte ebenfalls auf das Wesen am Boden. Die Leute, die ihr Team entsandt hatten, um zu bergen, was hier gefunden werden konnte, besaßen Technologien, die es ihnen vielleicht ermöglichen würden, mit diesem … was immer es eben war … zu kommunizieren. Natürlich war sie neugierig, aber das Wesen in Gewahrsam zu nehmen, hatte Priorität. Sie studierte es durch ihr Wärmebildgerät und knurrte leise. Der Schutzanzug hatte offenbar isolierende Eigenschaften. Das erklärte, warum sie und ihr Team es nicht früher bemerkt hatten. Außerdem warf es die Frage auf, ob es Freunde zur Party mitgebracht hatte …

Na toll, Paranoia! Das kann ich jetzt gebrauchen.

»Stubenhocker, wir brauchen definitiv eine Crew hier draußen. Das Ziel ist nicht in unserem Katalog verzeichnet«, sagte sie, um ihre Unterstützung wissen zu lassen, dass sie so etwas wie dieses Schiff noch nie gesehen hatten.

»Verstanden, Streuner«, sagte ihr Kontaktmann. »Verstärkung ist auf dem Weg. Geschätzte Ankunftszei…«

»Gunny!« Der Schrei Corporal Tates schnitt den Rest der Antwort ab. Direkt darauf folgten Schüsse, die auf der anderen Seite des Wracks abgefeuert wurden. Figueroa lief auf das Heck zu und sah Sergeant Smith, der in die Bäume zielte und eine weitere Salve abschoss. Zu seiner Rechten standen die beiden anderen Mitglieder ihres Teams, Lance Corporals Martin Esparza und Alyssa Schmidt. Die beiden jungen Marines hatten ihre Karabiner erhoben und auf den Wald gerichtet, aber noch nicht abgefeuert.

»Feuer einstellen!«, schrie Figueroa. Dann erfasste das Wärmebildgerät in ihrem Head-up-Display Bewegungen zwischen den Stämmen. Die Wärmesignatur war zu klein und gedrängt, um auf einen Menschen hinzuweisen, außerdem schien sie über dem Boden zu schweben. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie begriffen hatte, dass sie die Signatur von jemandem – oder etwas – sah, der einen Schutzanzug wie ihr neuer Freund am Boden trug, allerdings ohne die Kapuze oder vielleicht mit einem Loch in der Brust. Und sie bewegte sich verdammt schnell!

»Tate«, sagte sie, »Sie und Bayley behalten Ihren Fund im Auge. Der Rest kommt mit mir!«

Den Blick fest auf die hüpfende Wärmesignatur in ihrem Visier gerichtet, bewegte sie sich auf den Wald zu.

»Verzeihen Sie.«

Die ruhige, gelassene Stimme überraschte Figueroa dermaßen, dass sie sich einfach danach umdrehte. Am Rand des Grabens, den das Schiff in die Erde gegraben hatte, stand ein Mann in dunkler Kleidung.

»Was in drei Teufels Namen …?«

Kaum waren die Worte über ihre Lippen, löschte ein strahlend weißes Licht alles um sie herum aus.

Du verdammter Vollidiot, wie konntest du bloß so dämlich sein?

Wie ein glühendes Kohlestück brannte Schmerz in seiner linken Seite, direkt unter seiner Achselhöhle, und obwohl er eine Hand gegen die Wunde presste, spürte Jonathan McAllister, wie ihm das Blut warm zwischen den Fingern hindurchrann. Seine genetisch verbesserten Muskeln erlaubten es ihm, dennoch mit großer Geschwindigkeit und perfekter Balance über das unebene Gelände zu rennen. Mit seinen optimierten Augen sah er gut, obwohl die dichten Baumkronen das spärliche Mondlicht abfingen und es darunter vollkommen dunkel war.

Noch war er in der Lage, sich unauffällig durch den Wald zu bewegen, aber McAllister merkte, dass er bereits langsamer wurde, seine Schritte unsicherer. Er war von der Kugel aus der Waffe des Marines überrascht und von den Füßen gerissen worden. Dann hatte der Schütze angefangen zu schreien, um seine Freunde auf den Eindringling aufmerksam zu machen …

Und damit hat er dich gemeint, Agent 6889.

McAllister hatte nicht lange überlegen können, wie er damit umgehen sollte, dass er aufgeflogen war – daran, seine Spuren zu verwischen, war gar nicht zu denken. Er war einfach losgestürzt und hatte gehofft, das dichte Unterholz und seine eigene Schutzkleidung würden ihn vor den Wärmebild- und Nachtsichtgeräten der Marines verbergen. Hinter sich hatte er Rufe gehört, als die Mitglieder der kleinen Militäreinheit sich gesammelt und die Verfolgung aufgenommen hatten. Er hatte nur wenig Zeit.

Das war nichts Neues: Auch die Zeit, die ihm zugebilligt worden war, um auf die hiesige Situation zu reagieren, war äußerst knapp bemessen gewesen. Das Schiff – das nicht einmal der Höchstleistungscomputer Beta 7 identifizieren konnte – war entdeckt und abgeschossen worden, während McAllister damit beschäftigt gewesen war, einen anderen Auftrag in China zu erledigen: eine Urananreicherungsanlage in der Nähe der Küstenstadt Fuzhou zu sabotieren. McAllister und seiner Kollegin, Aegis-Agentin Natalie Koroma, war eingeschärft worden, die geheime Operation so rasch wie möglich durchzuführen.

Die Gründe, aus denen ihre Auftraggeber die Anlage zerstört wissen wollten, waren ihnen nicht dargelegt worden, zumindest nicht besonders ausführlich. Ebenso war es weitgehend ihnen selbst überlassen worden, wie sie die Anlage neutralisieren wollten. In den letzten paar Jahren – und im Verlauf seines jahrzehntelangen Trainings, das ihn auf seinen Einsatz auf der Erde vorbereitet hatte – hatte McAllister, was seine Gönner anging, zwei simple Tatsachen begreifen müssen: dass die Aegis erstens in der Regel sehr verschlossen waren und zweitens die Details der Aufträge, die sie vergaben, ihren Agenten vor Ort überließen. So wie Koroma und die anderen Agenten – Cynthia Foster, Ian Pendleton, Elizabeth Anderson, Ryan Vitali und Gary Seven –, die vor ihnen auf der Erde gewesen und von Menschen wie Roberta Lincoln und Rain Robinson unterstützt worden waren, wusste McAllister, was von ihm erwartet wurde. Und er wusste, dass er nicht immer alle Informationen erhalten oder das »große Ganze« zu sehen bekommen würde: nämlich was seine Gönner genau zu erreichen versuchten. Er hatte vor langer Zeit verstanden, dass er in einem merkwürdigen, manchmal frustrierenden Geschäft gelandet war – in dem er jedoch zu dem unglaublichen Erfolg der Aegis beitragen konnte, die Zivilisation eines ganzen Planeten in ein blühendes neues Zeitalter zu führen.

Das alte Lied mit immer neuen Strophen.

Was diese neue Strophe anging, war die erste Priorität, die Herkunft des außerirdischen Raumschiffs zu bestimmen. Es beunruhigte McAllister ein wenig, dass es dem Beta 7 nicht gelungen war, das zu tun, aber es war möglich, dass der Computer das Schiff selbst nicht kannte. Ein ausführlicher Scan des Raumfahrzeugs und seiner Insassen lieferte dem hoch entwickelten Computer sicher mehr als genug Informationen, um zu einem Ergebnis zu kommen – selbst wenn das bedeutete, dass der Beta 7 Kontakt zum Hauptrechner aufnehmen musste, der sich weit entfernt auf der Heimatwelt der Aegis befand. Wenigstens hatte McAllister einen solchen Scan durchführen und das Ergebnis an den Beta 7 übermitteln können. Mit etwas Glück hatte der Computer Antworten für ihn, wenn er zu Koromas und seiner Operationsbasis auf der Isle of Arran in Schottland zurückkehrte.

Die zweite Priorität hatte darin bestanden, jeder anderen Interessengruppe den Zugang zu den mysteriösen Besuchern zu verwehren. Das war der schwierigere Teil der Mission gewesen, und McAllister hatte auf ganzer Linie versagt. Jetzt blieb ihm nichts anderes übrig, als sich eilig zurückzuziehen und zu hoffen, dass er seinen Verfolgern lange genug entkommen konnte, um Hilfe zu rufen, die ihn aus dem Gebiet holte. Wenn er wieder auf Arran war, konnte er seine Schusswunde versorgen lassen und dann mit Koroma einen Alternativplan ausarbeiten. Zusammen konnten sie entscheiden, wie sie mit den Neuankömmlingen, den Marines und allen anderen, die in Kürze ein lebhaftes Interesse an Schiff und Insassen zeigen würden, umgehen sollten.

Bist du nicht ein bisschen vorschnell, Jonny?

Heftiger Schwindel überkam ihn, und er taumelte und streckte den linken Arm aus, um sich an einem Baumstamm festzuhalten. Der Wald verschwamm vor seinen Augen, die Bäume am Rand seines Gesichtsfelds schienen sich um ihn zu drehen. Der heftige Schmerz in seiner Seite war dumpfer geworden, aber nicht verschwunden. Das Blut rauschte ihm in den Ohren. Er atmete flach und schnell; es machte ihm zu viel Mühe, Luft zu holen. Er versuchte, sich abzustützen, fiel jedoch gegen den Stamm der mächtigen Kiefer.

Er hat deine Lunge getroffen. Scheiße!

Er musste hier verschwinden, und zwar schnell. Wenn die Marines ihn fanden, würden sie ihm ein paar schwierige Fragen stellen, die er nicht beantworten wollte. Und Koroma würde Zeit und Energie in eine Rettungsaktion investieren müssen, die besser für eine Mission eingesetzt würden, die größere Bedeutung für die Aegis – und damit für die Menschheit – hatte.

Dazu kam das Einschussloch in seiner Brust, die Blutung, die sich nicht zu verlangsamen schien, und sein rasselnder Atem.

Du bist in schlechter Verfassung, Agent. Lass dich hier rausholen!

McAllister wollte die rechte Hand nicht von der Wunde nehmen, deshalb griff er ungeschickt mit der linken nach der Brusttasche seiner dunklen Jacke. Er riss den Klettverschluss auf und tastete nach seinem Servo. Das kleine futuristische Gerät war äußerlich einem gewöhnlichen, wenn auch etwas veralteten Kugelschreiber nachempfunden, der sogar funktionierte; es war McAllisters Rettungsanker. Er musste ein Notfallsignal absetzen, damit das Transportsystem ihn orten konnte, falls er das Bewusstsein verlor.

Doch die Tasche war leer. Der Servo war fort.

Er durchsuchte seine anderen Taschen, musste aber feststellen, dass er das Gerät nicht mehr bei sich trug. Er musste es verloren haben, als er angeschossen worden war. Wenn die Marines den Servo fanden, begriffen sie zuerst vielleicht gar nicht, was sie da in Händen hielten. Was, wenn sie versehentlich eine der erweiterten Funktionen aktivierten? Sie könnten sich selbst oder einem Unschuldigen, der zur falschen Zeit am falschen Ort war, Schaden zufügen. Das konnte McAllister unmöglich zulassen.

Ebenfalls möglich, aber kaum wünschenswerter: Der Servo könnte auf dem Schreibtisch von jemandem landen, der weiter oben in der Befehlskette der Marines stand und erkennen konnte, was er vor sich hatte. In den Regierungen der Großmächte auf der ganzen Welt saßen jeweils einige wenige Auserwählte, die von den Aegis-Agenten und ihrer Aufgabe Kenntnis hatten – vertrauenswürdige Verbündete, die über einen langen Zeitraum hinweg als Informanten und in manchen Fällen sogar als Partner kultiviert worden waren und McAllister und Koroma bei verschiedenen Missionen beigestanden hatten. Ein paar dieser Menschen wussten seit Jahrzehnten von den Agenten und ihren Aktivitäten auf der Erde, sie waren von Vorgängern wie Gary Seven und Roberta Lincoln angeworben worden oder mit ihnen befreundet gewesen. Nur konnte McAllister nicht darauf zählen, dass merkwürdige Gegenstände wie sein Servo ausgerechnet bei einem dieser Verbündeten landeten.

»Verdammt noch mal!« Er stieß die Worte zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Er musste zurück und den Servo holen.

Denk nach, Jonny!

Es gab eine andere Möglichkeit: In McAllisters rechtes Sprunggelenk war chirurgisch ein Impulssender implantiert worden. Er war von einer Substanz umgeben, die menschlichen Knochen ähnelte, sodass er für eine Vielzahl von Metalldetektoren und Körperscannern unsichtbar war. Wenn McAllister auf die richtige Stelle an seinem Knöchel drückte, wurde ein kurzes verschlüsseltes Signal an Beta 7 gesendet, das McAllisters sofortigen Rücktransport auslöste. Sobald er zu Hause war, konnte er den Computer anweisen, seinen verschwundenen Servo zu deaktivieren oder sogar zu zerstören, ehe er in die falschen Hände geraten oder jemanden verletzen konnte.

Warum ist mein Knöchel bloß so weit weg?

McAllister sackte mit dem Rücken gegen den Stamm der Kiefer und ließ sich daran herunterrutschen. Er versuchte, sich mit der linken Hand am Boden abzustützen, um nicht umzufallen, verlor aber dennoch beinahe das Gleichgewicht. Er schwankte, und die plötzliche Bewegung zur Seite entflammte erneut den Schmerz in seiner Brust. Die Kugel. Wo war die Kugel? Soweit er wusste, hatte er keine Austrittswunde – was bedeutete, dass die Kugel irgendwo in seiner Brust steckte. Welche inneren Organe hatte sie noch beschädigt?

Es war jetzt wirklich mühevoll geworden zu atmen. Seine Augenlider waren schwer. McAllister stemmte sich mit dem linken Arm in eine sitzende Position hoch und zuckte zusammen, als der Schmerz ihm wie eine Klinge in die Brust fuhr. Er holte keuchend Luft, aber der Atemzug brach mittendrin ab. Schwarze Flecken tanzten vor seinen Augen, und einen Moment lang fürchtete er, sich übergeben zu müssen. Sein Gesichtsfeld schrumpfte beunruhigend zusammen. Er war müde, so müde. Wenn er nur eine Weile lang schlafen könnte …

Jemand legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Jonathan.«

McAllister erkannte die tiefe Stimme, sie riss ihn aus dem Nebel zurück, der ihn zu verschlingen drohte. Ruckartig hob er den Kopf und kniff die Augen zusammen, damit sie sich fokussierten und er das Gesicht desjenigen sehen konnte, der ihn gefunden hatte.

Über ihm stand ein Mann. Er war dunkel gekleidet, sein Anzug nahezu identisch mit McAllisters eigenem. In all den Jahren, die McAllister ihn kannte, hatte er immer die gleiche Frisur getragen. Sein schwarzgraues Haar war gerade lang genug, um die Spitzen seiner Ohren zu verbergen.

»Mestral?«

KAPITEL 3

U.S.S. Enterprise2386

Picard lehnte sich in seinem Sessel zurück und dachte über das nach, was er gerade gehört hatte. Vieles hatte geklungen, als sei es einem Roman entsprungen – dennoch hegte er keinen Zweifel daran, dass Tauriks Erzählung der Wahrheit entsprach.

»Ein Vulkanier, der vor dem Erstkontakt mehr als ein Jahrhundert lang unerkannt auf der Erde gelebt hat«, sagte er. »Solche Geschichten habe ich meinem Sohn vorgelesen, Commander!«

In der Tat hatte er viele Abende mit seinem Sohn René Jacques Robert François Picard und genau so einem Buch verbracht. Nun verschlang der Junge allein alle möglichen Romane, kehrte aber immer wieder zu diesem besonderen Titel aus dem Bücherregal seines Vaters zurück. Picard selbst war zwar vom Erdweltraumprogramm des späten 20. und des 21. Jahrhunderts fasziniert, zog aber Tatsachenberichte von Zeitzeugen vor. Wenn er Dichtung las, dann normalerweise klassische Literatur. Der Roman, den René so liebte, war vor mehr als hundert Jahren veröffentlicht worden und handelte vom eigentlichen, »geheimen« ersten Treffen zwischen Menschen und Vulkaniern im 21. Jahrhundert – angeblich Jahrzehnte vor dem Erstkontakt, der in den Geschichtsbüchern vermerkt war.

Taurik nickte. »Ich kenne den Roman, auf den Sie sich beziehen, Captain. Ich habe ihn selbst gelesen.« Er zog eine Augenbraue in die Höhe. »Eine überaus interessante Geschichte, wenn sie auch keinerlei Bezug zur Realität hat.«

»Aus ebendiesem Grund habe ich immer noch Freude an Der Krieg der Welten oder Sonnenaufgang auf Zeta Minor, Commander.« Picard lächelte sanft. »Mein Sohn ist auch von diesen beiden Werken angetan. Was den Vulkanier Mestral betrifft – sind Sie sicher, dass er die ganze Zeit auf der Erde lebte und nie entdeckt wurde?«

»Soweit ich feststellen konnte, ist seine Gegenwart nie öffentlich bekannt geworden«, erwiderte Taurik. »Es scheint möglich, sogar wahrscheinlich, dass bestimmte Personen von ihm wussten – Personen in der Regierung und im Militär der Vereinigten Staaten von Amerika und vielleicht anderer Weltmächte. Die Informationen über diese Zeit sind lückenhaft. Die meisten Dokumente, die ich einsehen durfte, stammen aus Archiven der Sternenflotte, die nicht ohne Weiteres zugänglich sind, darunter die persönlichen und offiziellen Logbücher von Captain James T. Kirk und Botschafter Spock aus ihrer Dienstzeit an Bord der U.S.S. Enterprise. In den Logbüchern finden sich ausführliche Beschreibungen ihrer Begegnungen mit Mestral. Sie fanden im Rahmen von Missionen statt, die Kirk und Spock auf die Erde des 20. Jahrhunderts führten.«

»James T. Kirk.« Picard schüttelte den Kopf. »Wissen Sie, es kursieren Gerüchte, dass die Föderationsbehörde für temporale Ermittlungen gegründet wurde, weil Captain Kirk in derart viele Zeitreisen verwickelt war.«

»Ich kenne die Gerüchte, Sir«, erwiderte der Vulkanier. »Vielleicht interessiert es Sie, dass Vertreter der Behörde solch gegenstandslose Behauptungen mir gegenüber weder bestätigt noch entkräftet haben.«

Die trockene Bemerkung rang Picard ein weiteres Lächeln ab. »Nein, das würden sie wohl kaum tun.« Er lehnte sich in seinem Stuhl nach vorn und stützte sich auf die Tischplatte. »Aber Sie haben einen interessanten Punkt angesprochen, Commander. Meines Wissens haben Sie ein ausführliches Gespräch mit Vertretern der Behörde über den Computer des Waffenschiffs der Raqilan geführt – und über mögliche Auswirkungen auf zukünftige Ereignisse. Hat dies hier irgendetwas damit zu tun?«

»Sir, ich bin nicht befugt, darüber zu sprechen, was ich in jenen Computerdateien gefunden habe«, antwortete Taurik. »Aber ich kann Ihnen versichern, dass unsere Situation nichts mit den Raqilan oder ihrem Waffenschiff aus der Zukunft zu tun hat.«

Picard nickte und erlaubte sich dann ein Seufzen. »Nun, es ist schon eine Erleichterung, wenigstens so viel zu wissen.«

Eigentlich wartete er schon länger darauf, dass Taurik zu ihm kam – seit dem bizarren Zusammentreffen der Enterprise mit der Poklori gil dara, einer riesigen Weltraumwaffe, die von einem Volk konstruiert worden war, das sich die Raqilan nannte. Die Enterprise hatte das gewaltige, scheinbar verlassene Schiff im interstellaren Raum treibend entdeckt. Es stammte aus der Zukunft, aber eine Fehlfunktion des Computers hatte verhindert, dass die Besatzung zum richtigen Zeitpunkt – vor Jahrzehnten – aus der Hibernation geweckt worden war. Während die Besatzung der Enterprise das Schiff erforscht hatte, hatte Taurik Zugang zu seinem Hauptcomputer gefunden und war über etwas gestolpert, das er lediglich als »Informationen, die zukünftige Ereignisse betreffen könnten« bezeichnet hatte. Zwar hatte er das nicht explizit formuliert, aber seine standhafte Weigerung, mehr zu sagen, machte deutlich, dass Taurik die möglichen Auswirkungen auf die Zukunft als signifikant einstufte. Er hatte die verschlüsselten Daten auf den Zentralcomputer der Enterprise überspielt und das Sternenflottenkommando sowie die Föderationsbehörde für temporale Ermittlungen informiert.

Ursprünglich hatte die FTE ein Ermittlerteam in den Odysseeischen Pass schicken wollen, das Taurik befragen sollte, aber diese Pläne änderten sich, als die Enterprise zurück in den Föderationsraum beordert wurde, um Admiral Akaar und Admiral Riker dabei zu unterstützen, die Unbesungenen zu suchen, einen Kult abtrünniger Klingonen. Die FTE neigte nicht dazu, Zeit zu verschwenden – und hatte nicht viel übrig für Leute, die Witze über so etwas machten –, und so war Taurik zu dieser Gelegenheit ins Hauptquartier der Behörde bestellt worden und hatte mehrere Runden ausführlicher Befragungen über sich ergehen lassen müssen, die, so war es Picard gesagt worden, die Vorfälle in Bezug auf die Raqilan bis ins kleinste Detail und weit über die Schmerzgrenze hinaus ergründet hatten.

»Ich gehe sicher recht in der Annahme, dass die Behörde Kenntnis über diesen Mestral und sein Walten auf der Erde hat – und hatte?«, fragte Picard.

»Meine Gesprächspartner haben mich nur über diese spezifische Angelegenheit näher informiert«, erklärte Taurik. »Dem Gesagten habe ich allerdings entnommen, dass Captain Kirks Bericht sie auf Mestrals Aufenthalt auf der Erde aufmerksam gemacht hat.«

»Und die andere Gruppierung, die Sie erwähnt haben«, sagte Picard, »diese Aegis-Agenten … Auch sie waren über einen längeren Zeitraum auf der Erde präsent?«

Taurik nickte. »Auch die Anwesenheit der Aegis-Agenten wurde von Captain Kirk entdeckt, während einer von der Sternenflotte sanktionierten Rückreise in der Zeit, ins 20. Jahrhundert, um genau zu sein. Interessanterweise konnte ich keine Aufzeichnungen über diese Mission in unseren Datenbanken finden.«

»Angesichts der Art der Mission und der offensichtlich damit verbundenen Risiken, überrascht mich das nicht«, sagte Picard. Sogar die Logbucheinträge, die sich mit den verschiedenen Zeitphänomenen beschäftigten, denen sein eigenes Schiff und dessen Besatzungsmitglieder ausgesetzt gewesen waren, wurden beinahe immer in geschützten Archiven im Zentralcomputer der Enterprise gespeichert. Der Zugriff war nur möglich, wenn er selbst oder Commander Worf ihn autorisierten. Versuchte jemand, Berichte über ungewöhnliche Zeitphänomene einzusehen, mit denen ein anderes Raumschiff zu tun gehabt hatte, löste das nahezu immer eine Vielzahl von Alarmen beim Sternenflottenkommando und der FTE aus – einschließlich des damit einhergehenden verzweifelten Händeringens.

»Den Informationen zufolge, die mir gegeben wurden, Captain, hatten die Aegis seit Mitte des 20. Jahrhunderts Repräsentanten auf der Erde, offenbar mit dem Ziel, indirekten Einfluss auf verschiedene Ereignisse des Weltgeschehens auszuüben, um Ihrem Volk durch eine der turbulentesten Zeiten der Erdgeschichte zu helfen. Sie war durch die Entwicklung von Atomwaffen geprägt, deren rasche Verbreitung und weit verbreiteten Einsatz während Ihres Dritten Weltkriegs.«

»Indirekter Einfluss, sagten Sie?«, fragte Picard. »Also sollten die Aegis-Agenten nicht verhindern, dass bestimmte Ereignisse überhaupt stattfanden?«

»Doch, einige haben sie verhindert. Außerdem haben sie wohl sichergestellt, dass andere sich ereignen konnten. Man könnte die meisten ihrer Einflussnahmen als Kurskorrekturen beschreiben, Sir. Sie sollten die Menschheit auf jenem Pfad halten, der heute als vorherbestimmt angesehen werden könnte.«

Picard war nicht sicher, was er davon halten sollte. Eine schattenhafte Gruppierung von Außenstehenden, die im Verborgenen agierte? Die die Menschheit unauffällig leitete, zuführte auf – ja, auf was genau? »Wollen Sie damit sagen, dass Aegis-Agenten den Dritten Weltkrieg ausgelöst haben?«

»Es ist unmöglich, eine sichere Aussage darüber zu treffen«, erwiderte Taurik, »aber nach allem, was man über sie und ihre Taten weiß, bezweifle ich es. Man könnte zu der Schlussfolgerung gelangen, dass sie den Krieg für unvermeidlich hielten, dass die Maßnahmen, die sie ergriffen, jedoch die Schwere seiner dauerhaften Auswirkungen milderten und vielleicht sogar die Voraussetzungen für spätere Ereignisse schufen.«

Picard gab seiner ersten impulsiven Reaktion auf Tauriks Worte nicht nach. Stattdessen stellte er sich die Frage, ob das Verhalten der Aegis-Agenten nicht dem von Sternenflottenoffizieren glich, die der Obersten Direktive folgten. Wie viele primitive Gesellschaften hatte Picard aus dem Verborgenen heraus beobachtet? Gelegentlich hatten die Umstände ihn und seine Besatzung dazu veranlasst, der fremden Zivilisation Beistand zu gewähren. Und es hatte auch Fälle gegeben, in denen ihm die Hände sogar im Angesicht nahenden Verderbens gebunden gewesen waren. Die Erinnerungen daran verfolgten ihn, obwohl er stets bemüht war, sich vor Augen zu halten, dass die Oberste Direktive – weniger fortschrittliche Zivilisationen vor Einmischung und Manipulation zu schützen und ihre natürliche Entwicklung nicht zu gefährden – aus edlen Absichten heraus entstanden war und einem lobenswerten Zweck diente. Picard hatte unmittelbar erlebt, was es bedeuten konnte, die Oberste Direktive zu umgehen. Manchmal mochte das die richtige Entscheidung sein, aber es gab genug Beispiele, unauslöschlich ins kollektive Gedächtnis der Föderation gebrannt, in denen ein Eingreifen die eigentliche Katastrophe erst ausgelöst hatte.

Hatte die Erde unter den Konsequenzen einer Einflussnahme durch andere leiden müssen? Oder hatte die Menschheit ihr Schicksal selbst gewählt, das Resultat ihrer Infantilität, und die Beobachter waren gezwungen gewesen, mit anzusehen, wie der nukleare Krieg den Planeten verschlang? So grauenhaft dieses zweite Szenario auch schien, Picard zog es dem ersten vor. Denn zumindest im Hinblick auf die Zerstörungskraft ihrer eigenen Gewalttätigkeit hatten die Menschen ihre Lektion gelernt: Diejenigen, die aus der selbst geschaffenen Hölle hervorgegangen waren, hatten eine reifere Gesellschaft gegründet, die schließlich als Mitglied einer großen interstellaren Gemeinschaft aufgenommen worden war – der Vereinigten Föderation der Planeten.

Daran wollte Picard glauben.

Er erhob sich und ging zu dem Replikator hinüber, der in die hintere Wand des Bereitschaftsraums eingelassen war. Nachdem er den Computer angewiesen hatte, eine Tasse heißen Earl Greys zu synthetisieren, blickte er über die Schulter zu Taurik zurück. »Wenn man bedenkt, wie sensibel diese Informationen sind, überrascht es mich doch, dass die FTE Ihnen Einblick gewährt hat. Meiner Erfahrung nach ist ein derartiges Entgegenkommen, gelinde gesagt, ungewöhnlich.«

Taurik drehte sich mit seinem Sessel, sodass er Picard wieder direkt ins Gesicht sehen konnte. »Die FTE-Ermittler schienen angesichts meiner eher ungewöhnlichen Situation gerne bereit, mich umfassend zu informieren, damit ich Ihnen eine Hilfe sein kann. Mir wurde der Rang eines ›kommissarischen Mediators‹ verliehen. Ich vertrete die FTE und den Admiral. Allerdings wurde mir versichert, dass Zeitreisen oder Zeitphänomene in keiner Weise Teil unserer gegenwärtigen Mission sind. Ich habe Befehl, genau zu beobachten und Bericht zu erstatten, sollte mir im Hinblick auf das Wissen, über das ich verfüge, etwas auffallen. Admiral Akaar hat die Gelegenheit genutzt, mir über meine Befehle hinaus Informationen zu geben, die unsere derzeitige Situation betreffen, damit ich wiederum Sie in Kenntnis setzen kann.«

»Ganz offensichtlich gibt es einen Zusammenhang zwischen dem, was Sie mir gerade erzählt haben, und unserem Ziel«, sagte Picard. »Worin besteht er?«

»Über diesen Aspekt unserer Mission wurde ich nicht instruiert, Sir. Admiral Akaar hat mir nur die Details vermittelt, die dieses Gespräch ermöglichen sollen. Er hat mir jedoch je nach Bedarf mehr Informationen in Aussicht gestellt.«

Das gefiel Picard gar nicht. »Je nachdem, was Sie ihm berichten.«

»Das ist korrekt, Captain.«

Picard nahm seinen Tee aus dem Ausgabefach des Replikators, kehrte damit aber nicht zu seinem Platz zurück, sondern trat vor das hohe, schmale Fenster hinter seinem Schreibtisch. Von diesem Aussichtspunkt bot sich ihm ein Blick auf die Sterne, auch wenn er durch das Subraumfeld verzerrt wurde, das der Warpantrieb der Enterprise erzeugte. »Kommissarischer Mediator«, sagte er schließlich, ohne sich zu Taurik umzuwenden. »Das hört sich für mich nach Wortgeklingel an … Wie ein Euphemismus für ›Laufbursche‹. Ich bin nicht gerade angetan von der Idee, dass Admiral Akaar einen persönlichen Zuträger in meiner Mannschaft hat, Commander.«

Er konnte Taurik in dem durchsichtigen Metall des Fensters sehen. Obwohl das Gesicht des vulkanischen Ingenieurs so sorgfältig beherrscht wie üblich aussah, rutschte er doch in seinem Sessel herum, als säße er alles andere als bequem.

»In dieser Rolle sehe ich mich nicht, Captain.«

Missgestimmt nahm Picard einen Schluck von seinem Tee, um sich zu beruhigen, aber die Taktik ging nicht auf. Er hatte nicht einmal mehr Lust auf Earl Grey. Er drehte sich zu Taurik und seinem Schreibtisch um und stellte seine Tasse ab.

»Und doch ist es die Rolle, die man Ihnen angetragen hat. Warum haben Sie mir das nicht früher gemeldet?«, fragte er.

Taurik wirkte nun wieder durch und durch gefasst. »Damit hätte ich gegen Admiral Akaars Befehl gehandelt, Sir.«

Die Gereiztheit, die Picard empfand, drohte in tatsächlichen Ärger umzuschlagen. Er setzte sich, griff nach einem Padd, das auf der Schreibtischplatte lag, und klopfte mit der Unterkante des Geräts in seine freie Handfläche. Er wusste selbst nicht, ob er nur seine Hände beschäftigen wollte, während sein Verstand das Gehörte verarbeitete, oder ob er so seine eigene Selbstbeherrschung wahrte, um sicherzugehen, dass er nichts sagte, was er später vielleicht bereuen würde.

»Ich werfe Ihnen nichts vor, Commander … Sie befolgen die Befehle eines vorgesetzten Offiziers. Sie können allerdings davon ausgehen, dass Admiral Akaar und ich die ganze Sache ausführlich besprechen werden. Das wäre dann alles, Mr. Taurik.«

Der Ingenieur stand auf, straffte den Rücken und ließ die Arme an seinen Seiten herabhängen. Es war nicht die Habachtstellung eines frischgebackenen Kadetten, aber seine Haltung vermittelte ein gewisses Maß an Formalität und Respekt. Picard wusste das zu schätzen.

»Wenn ich Sie verärgert oder meine Handlungen einen Zweifel an meiner Loyalität geweckt haben sollten, bitte ich um Verzeihung«, sagte Taurik. »Ich wollte lediglich …«

»Das wäre alles, Commander! Wegtreten.« Seine Stimme klang schärfer als beabsichtigt, aber er versuchte nicht, den Effekt noch abzumildern. Der Vulkanier nickte steif, drehte sich zackig um und marschierte aus dem Bereitschaftsraum. Picard wartete, bis sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte und er wieder allein in seinem Heiligtum war. Dann stöhnte er vor Frustration.

»Verdammt noch mal, Akaar!«

Nachdem er sich auf diese Weise Luft gemacht hatte, sagte er mit lauterer Stimme: »Picard an Brücke.«

»Worf hier, Sir«, erwiderte sein Erster Offizier.

»Öffnen Sie bitte einen verschlüsselten Subraumkanal für mich. Der Empfänger ist Admiral Akaar im Hauptquartier der Sternenflotte. Priorität eins.«

Im Verlauf der Reise von der Erde zum Odysseeischen Pass hatte die Enterprise schon vor Monaten damit angefangen, in regelmäßigen Abständen Subraumverstärker abzusetzen. Das tat sie auch weiterhin, während sie die Region erforschte, sodass das Kommunikationsnetz der Föderation immer weiter ausgebaut wurde – eine Folge des erneuerten Engagements für die Erforschung des Weltraums und des anhaltenden Wissensdurstes der Sternenflotte. Außerdem erleichterte es, wenn nötig, »Anrufe nach Hause«.

Worf zögerte nur einen winzigen Augenblick lang. »Aye, Sir«, sagte der Klingone. »Laut Schiffscomputer ist es null drei achtundvierzig in San Francisco.«

»Ich habe nicht um eine Zeitansage gebeten, Mr. Worf. Stellen Sie die Verbindung her.«

Dann biss sich Picard auf die Zunge. Seine Besatzung konnte nicht das Geringste dafür, dass er wütend auf einen Flaggoffizier war, der Hunderte von Lichtjahren von der Enterprise entfernt weilte. Seine Gereiztheit an seinen Untergebenen auszulassen, war unfair – schlechter Führungsstil.

Reiß dich zusammen, Captain! Spar dir deinen Unmut für den Admiral auf.

Während er darauf wartete, dass die Kommunikationsanfrage bearbeitet und der Sicherheitskanal zur Erde geöffnet wurde, holte Picard sich eine frische Tasse Tee. Er saß wieder in seinem Sessel, als Worfs Stimme durch das Interkom sprach.

»Subraumverbindung hergestellt, Captain. Admiral Akaar wartet auf Sie.«

»Ausgezeichnet, Nummer eins. Vielen Dank.«

Zum zweiten Mal verschwand das Emblem der Föderation und wurde durch das gealterte Gesicht von Leonard James Akaar ersetzt. Trotz der frühen Stunde trug der Admiral Uniform und wirkte nicht so, als sei er aus dem Schlaf gerissen worden. Interessant, dachte Picard.

»Hallo, Jean-Luc! Ich habe erwartet, dass Sie Kontakt zu mir aufnehmen würden.«

»Offensichtlich.« Picard unternahm keinen Versuch, seinen Ton neutral zu halten. Stattdessen legte er seinen ganzen angestauten Ärger in das eine Wort.

»Ich nehme an, Sie haben mit Commander Taurik gesprochen?«