Stärker als Wut - Stefanie Lohaus - E-Book

Stärker als Wut E-Book

Stefanie Lohaus

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Beschreibung

»Hammer-Buch. Ich freu mich so sehr darauf, wenn es alle lesen können.« Teresa Bücker
»Eine unverzichtbare feministische Bildungsreise.« Mithu Sanyal

Der Feminismus ist die erfolgreichste soziale Bewegung in der Geschichte. Dieses Buch betrachtet seine vielfältige Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aus deutscher Perspektive. Es setzt eine bedeutende, eine notwendige Wegmarke für alle, die sich dem Kampf um Freiheit und Gleichheit und Gerechtigkeit verschrieben haben, für alle, die fragen: woher kommt, wohin geht der Feminismus? Was ist erreicht, was muss weiter erstritten werden?

An den eigenen Erfahrungen maßgenommen, aus profunden Kenntnissen abgeleitet, angetrieben von einer Überzeugung – die Missy Magazine-Gründerin Stefanie Lohaus beschreibt klug und eindrücklich fünf Jahrzehnte dieser weltverändernden Kraftanstrengung. Stärker als Wut legt auf umfassende Weise Zeugnis ab von Macht und Ohnmacht der Veränderung, ist generationenübergreifendes Porträt und richtungsweisender Appell.

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Seitenzahl: 295

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Cover

Titel

Stefanie Lohaus

Stärker als Wut

Wie wir feministisch wurden und warum es nicht reicht

Suhrkamp

Impressum

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eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2023

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage des suhrkamp taschenbuchs 5359.

Originalausgabe© Suhrkamp Verlag AG, Berlin, 2023

Der Inhalt dieses eBooks ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Wir behalten uns auch eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Umschlaggestaltung: Designbüro Lübbeke Naumann Thoben, Köln

eISBN 978-3-518-77765-7

www.suhrkamp.de

Übersicht

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Informationen zum Buch

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Die Wut und Wir

Ob Kinder oder keine, entscheiden wir alleine. Die 80er

Lasst es glitzern, lasst es knallen – Sexismus in den Rücken fallen. Die 90er

Was kotzt uns so richtig an? Die Einteilung in Frau und Mann. Die 2000er

Nein heißt Nein – No means No, wer das sagt, der meints auch so. Die 2010er

Eure Kinder werden so wie wir, eure Kinder werden queer. Die 2020er

Dank

an:

Anmerkungen

Informationen zum Buch

Die Wut und Wir

Ja, ich bin eine wütende Feministin. Was auch sonst? Gesagt zu bekommen, ich sei intelligenter, als ich aussähe. Ich könne nicht mit Technik umgehen, weil ich eine Frau sei. Im Flugzeug zu überhören, dass der Sitznachbar Angst hat, weil die Pilotin ihre Tage haben könnte. Meine Kinder täglich den Horden von Prinzessinnen, Ponys, Bauarbeitern in Büchern und Zeichentrickserien auszusetzen. Erklärt zu bekommen, dass man als Mutter den Beruf doch eigentlich ohnehin lieber aufgeben würde. Vom Kunden nach zwei Minuten Gespräch zu hören, man wolle den Chef sprechen, schließlich tue eine Frau sich mit solcher Arbeit schwer. Auf dem Heimweg im Dunkeln Angst zu haben. Das alles macht: wütend. Wahnsinnig wütend. Die Wut entsteht durch die Herabwürdigung, aber auch durch den Vergleich mit anderen. Durch die Erkenntnis, dass andere solche Situationen seltener, nie oder wenn, dann anders erleben. Durch die Einsicht, dass nicht nur individuelle Erfahrungen, sondern strukturelle Ungerechtigkeiten existieren, auf die es kaum möglich ist, zu reagieren.

Wut ist die einzig psychologisch gesunde Reaktion auf erlebte Ungerechtigkeit, auf die Einschränkung der Freiheit, auf das Erleben von Gewalt und Beschämung. Wir können sie an jedem Kind beobachten, die Wut. Auch meine Wut begann klein. Das erste Mal spürte ich sie im Kindergarten, als mir ein Erwachsener erzählte, dass Mädchen nur halb so viel wert seien wie Jungs. Es sollte ein Scherz sein, doch das wusste ich nicht. Der kindliche Wutanfall war schnell vergessen, der Zweifel blieb.

Die Wut wird verdrängt. Klar, denn wer ständig Wut empfindet, ist nicht handlungsfähig, trifft falsche Entscheidungen. Als ich einer Freundin den Titel meines Buches verriet, sagte sie sofort: »Aber du bist doch gar nicht wütend.« Sie empfand ihn als zu negativ, zu wenig konstruktiv. Die wütende Feministin ist ein Klischee. Doch ich habe kein Problem damit, dieses Klischee aufzurufen. Als Feministin wird man ohnehin an Klischees gemessen. Ich habe häufiger die Erfahrung gemacht, dass Männer mir nach dem dritten Bier bescheinigten, dass ich ja außergewöhnlich freundlich sei für eine Feministin. Weibliche Wut wird in unserer Gesellschaft sanktioniert und trivialisiert. Wütende Frauen gelten schnell als zu emotional, ihre Wut wird kleingeredet, die dahinterliegenden Gründe gar nicht erst wahrgenommen. Nicht die wütende Feministin ist das Problem, sondern die Tatsache, dass Frauen immer noch nicht angemessen wütend sein dürfen.

Wenn mich eines motiviert, meine Zeit dem Kampf gegen Sexismus, gegen Geschlechterstereotype und strukturelle Diskriminierung zu widmen, dann ist es die Vorstellung, etwas Konstruktives aus dieser Wut zu schaffen. Und so gesellschaftliche Veränderung zu erreichen und stärker als die Wut zu sein. Feminismus ist eine mühselige Angelegenheit, die nicht selten das Gefühl erzeugt, festzustecken, an einem Ort, in einer Zeit, die sich dauernd wiederholt.

Weshalb ich oft vergesse, dass sich viel zum Positiven verändert hat in den vergangenen vierzig Jahren in Deutschland. Frauen sind in zahlreiche Berufsfelder vorgedrungen – auch wenn sie oft immer noch stark unterrepräsentiert sind, sie haben an Macht und Einfluss gewonnen. Männer müssen nicht mehr gefühllose Arbeitstiere sein, sind als sorgende Väter gesellschaftlich vielerorts erwünscht. Das Thema Sexismus und Gewalt gegen Frauen, der Mangel an Kinderbetreuung, ist von der politischen Agenda nicht mehr wegzudenken. Feminismus wurde vom Unwort zum Trendwort.

Die Frauenbewegung ist die erfolgreichste soziale Bewegung des 20. Jahrhunderts. Die Beteiligung aller ist im demokratischen Wertesystem ausdrücklich erwünscht – auf vielfältige Weise. Neben dem Engagement in Parteien spielt die politische Zivilgesellschaft eine entscheidende Rolle, um den »Willen des Volkes« zu artikulieren. Deswegen ist Feminismus zunächst eine demokratische Angelegenheit. Es geht darum, die ersten drei Artikel unseres Grundgesetzes, die sich mit Gleichheit, Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenrechten für alle befassen, in die Realität zu überführen.

Die Frauenbewegung – korrekter Frauen- und Lesbenbewegung genannt – konnte deswegen so erfolgreich sein, weil sie an die demokratischen Werte von Selbstbestimmung, Freiheit und Gleichheit anschloss, die Frauen bis dato verweigert worden waren. Feminist*innen waren und sind vereint in dem Bestreben, diese Werte zu leben und Wirklichkeit werden zu lassen. Was sie trennt, sind Fragen danach, wessen Erfahrungen im Zentrum der Auseinandersetzung stehen sollten, was unter diesen Werten zu verstehen sei, wie ihre Umsetzung erreicht werden kann und mit welchen Methoden.

Und doch haben weder die erzielten Erfolge noch die vielen Theorien, Methoden und Ansätze die entscheidende Wende gebracht. Der Tipping-Point zu einer wirklich geschlechtergerechten Gesellschaft wurde noch nicht erreicht. Auch wenn alles zusammen den Weg in Richtung Zukunft weist, müssen wir jetzt als Gemeinschaft anders, zielgerichteter und pragmatischer vorgehen, um nicht noch 132 Jahre für die Gleichstellung kämpfen zu müssen. So lange braucht es laut Global Gender Gap Report1, sollte die Entwicklung so voranschreiten wie bisher.

Beim Festakt zum hundertjährigen Jubiläum des Frauenwahlrechts im Deutschen Historischen Museum in Berlin, begangen im November 2018 zusammen mit Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, fiel auf, wie selten Feminist*innen diese Errungenschaften selbst feiern. Dass sie einander eher kritisch beäugen. Gegenseitiges Misstrauen bleibt oft spürbar, dabei sollten Feminist*innen einander auf die Schulter klopfen und fragen: Wie haben wir das hingekriegt? Was ist gut gelungen? Was können wir darauf aufbauend verändern, besser machen? Stattdessen wird jede Gesetzesänderung, jeder Fortschritt recht schnell zerredet und vergessen, als neuer, weiterhin unzureichender Status quo hingenommen. Die schwach ausgeprägte Fehlerkultur unter Feminist*innen, nach der abweichende Haltungen in nur wenigen Fragen zu Spaltung oder Ausschlüssen führt, ist ein Problem, sie schwächt die Bewegung. Manche Feminist*innen wirken defizitorientiert und stark von theoretischen Konzepten geprägt, die schwer in die Praxis zu überführen sind. Beides, kritisches Denken und eine Orientierung an Visionen und Utopien, hat wichtige und positive Aspekte, führt dann aber eben oft zu Frustration und Ermüdung. Dem Gefühl, es nicht richtig zu machen. Nicht umsonst gibt es den Begriff des »Feminist Burnout«.

Das »Wir« des Titels dieses Buches, es ist unter Feminist*innen beides: ersehnt wie verpönt. Die Frauen- und Lesbenbewegung der 70er Jahre2 wird aus heutiger Perspektive oft für das »Wir« kritisiert: »Wir Frauen«, »Gemeinsam sind Frauen stark«, das sind feministische Slogans der damaligen Zeit. Das »Wir« sei essentialistisch, biologistisch, konstruiert, mache marginalisierte Positionen unsichtbar, so lautet die Kritik, die schon in den 70ern und 80ern aus Sicht derer formuliert wurde, die in der Bewegung marginalisiert oder ausgeschlossen wurden. Wirkzusammenhänge zwischen Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Klassenunterdrückung oder Behindertenfeindlichkeit wurden weder gesehen noch erfragt. Daraufhin gründeten Lesben eigene Zusammenschlüsse, wie etwa die Proll-Lesbengruppen3, die Klassenunterschiede thematisierten. Die Lesbenbewegung ist historisch als eigene Bewegung zu verorten, zwar eng mit der Frauenbewegung verknüpft, dennoch abgegrenzt und zu weiten Teilen eigenständig. Und auch jüdische4 und Schwarze Frauen und Krüppel-Frauen5 fanden sich zusammen, um ihre Gemeinsamkeiten entlang anderer Zugehörigkeiten und Identifikationen zu klären und in politisches Handeln zu übersetzen6. Insbesondere in den 90er Jahren war die migrantische Frauenbewegung7 sehr aktiv, als Reaktion auf den massiv zutage tretenden Rassismus nach der Wiedervereinigung.

Die feministische Bewegung als Geschichte einer einheitlichen Gruppe von weißen8, nichtjüdischen, nichtmigrierten Mittelschichtfrauen zu beschreiben, ist also falsch. Auch wenn Angehörige dieser Gruppe dominierten und bis in die jüngste Vergangenheit für viele nicht-feministisch interessierte Personen die in der Öffentlichkeit einzig sichtbaren und damit auch vorstellbaren Feminist*innen waren. Vieles von dem, was heute unter den Begriff der Intersektionalität9 fällt, findet sich in den früheren Auseinandersetzungen10 wieder. Auch deswegen spricht die Forschung lange nicht mehr von dem Feminismus, sondern von Feminismen.

Die weißen Frauen der damaligen Zeit verteidigten sich: Tatsächlich enthalte das feministische Venussymbol eine Faust, die das Symbol für Frauen, für Weiblichkeit, durchdringt, zerschlägt. Schon damals wäre es ihnen darum gegangen, ein temporäres, strategisches »Wir«11 anzustreben, nicht um Festschreibung von Geschlechterstereotypen oder das Unsichtbarmachen marginalisierter Positionen. Aber wirklich gemeinsam wurde selten gestritten. Die Kritikfähigkeit in Zusammenhang mit diskriminierendem Verhalten12 innerhalb der Frauenbewegung schien gering ausgeprägt – und ist es teilweise bis heute.

Differenzen und Bündnisfähigkeiten, beides sollte als Stärke gesehen werden: Ja, es braucht Gemeinsamkeiten und strategische Allianzen, doch es braucht genauso unterschiedliche Sichtweisen, Stärken, Praktiken und politische Ansichten: Ohne diese hätte der Feminismus nicht in die verschiedensten gesellschaftlichen Bereiche und ihre Institutionen vordringen können.

Um die Gegenwart zu beschreiben, spreche ich nicht mehr von der Frauen- und Lesbenbewegung, sondern der feministischen Bewegung. Sie umfasst alle Geschlechter, also auch trans und nicht-binäre Personen sowie emanzipierte cis Männer13. Trotz kontroverser Diskussion innerhalb der Bewegung denkt und handelt ein beträchtlicher Teil der Aktivist*innen spätestens seit den 2010er Jahren geschlechterinklusiv14. Und überhaupt: Feminist*in sein, das ist zunächst eine Selbstbezeichnung, keine Partei oder Privatclub.

Genauso wenig kann ich in diesem Buch dem Anspruch auf Vollständigkeit genügen: Schon das umfangreichste Werk von damals, Die neue Frauenbewegung von Ilse Lenz, zählt über tausend schmal gesetzte Seiten und versammelt selbst nur die wichtigsten Dokumente und Texte. Mir geht es darum, grundlegende Stimmungen und Debatten der jeweiligen Zeit zu veranschaulichen, Schlaglichter auf weniger bekannte Aspekte zu werfen und vielleicht auch mit dem ein oder anderen Missverständnis über die feministische Bewegung aufzuräumen.

Die Auswahl dessen, worüber ich schreibe, ist sehr persönlich. Sie hat damit zu tun, wen ich getroffen habe, was ich gelesen und gelernt habe. Verwechselt dieses ich bitte nicht mit dem »Wir« des Titels. Vielleicht erkennt ihr euch an der einen oder anderen Stelle wieder, vielleicht regt ihr euch über mich auf oder seht die Dinge gänzlich anders. Das ist alles in Ordnung.

Mir geht es auch darum, festzustellen, dass es nicht reicht, feministisch zu werden. Feministisch zu sein, fiel mir leicht. Ich wurde Feministin, weil mich Erfahrungen mit Sexismus über die Jahre immer mehr gestört und politisiert haben. Unterdrückungsmechanismen – Rassismus, Antisemitismus, Behindertenfeindlichkeit, um nur wenige zu nennen – anzuerkennen und zu verstehen, denen ich nicht persönlich ausgesetzt bin, das war viel schwieriger. Hier wechsle ich die Rolle, bin in der privilegierten Position. Muss mich und meine Annahmen hinterfragen, die Wut oder auch Enttäuschung der anderen aushalten. Auch das ist Teil meiner Geschichte und Teil dessen, wie sich Feminismus verändert hat.

Das Private ist politisch, wie es die Frauen- und Lesbenbewegung seit den 70er Jahren immer wieder betont hat. Damit ist gemeint, dass Gesellschaftsordnungen und Machtverhältnisse sich nicht nur auf der öffentlichen Bühne abspielen, sondern auch im Privaten. Eine autoritäre, patriarchale Staatsordnung wird auch im Kleinen gelebt, in der Familie und im Freundeskreis. Doch das Politische ist auch privat, wie die US-amerikanische Soziologin Myra Marx Ferree15 herausgearbeitet hat: Politische Sozialisation, das ist ein Prozess, der lebenslang verläuft und in der Kindheit beginnt. Sozialer Wandel beginnt im Privaten, wird von Einzelpersonen, Familien, Freundeskreisen angestoßen. Nicht selten reagiert Politik nur auf veränderte Einstellungen der Menschen, gibt diese eben nicht durch Normen und Gesetze vor. Ich beschreibe also diesen politischen Prozess des »feministisch Werdens« exemplarisch an der Person, die ich am besten kenne: mir selbst.

Als neue Generation Feminist*innen, die seit Ende der 2000er aktiv geworden sind, wurden viele von uns sehr stark von US-amerikanischen Ansätzen geprägt. Und im direkten Vergleich mit angelsächsischen und skandinavischen Ländern fällt regelmäßig auf, dass Deutschland Jahrzehnte hinterherhängt, wenn es um Fragen von Geschlechtergerechtigkeit geht oder um Forderungen im Sinne von Intersektionalität und geschlechtlicher Vielfalt. Es bestehen nach wie vor Ängste, dass das Geschlecht als Diskriminierungskategorie in den Hintergrund gerät, wenn auch andere Formen der Diskriminierung in den Blick genommen werden. Und selbstverständlich haben auch Feminist*innen Vorurteile und können selbst diskriminieren. Sie können rassistisch, transfeindlich, antisemitisch, behindertenfeindlich, klassistisch denken und handeln, ob bewusst oder unbewusst. Gleichzeitig sind sich immer mehr von uns darüber im Klaren, dass eine feministische Bewegung nur dann Sinn ergibt und erfolgreich ist, wenn sie sich mit den Anliegen aller FLINTA-Personen solidarisch erklärt. Das Akronym FLINTA* steht für Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre, trans und agender Personen – für all jene, die aufgrund ihrer Geschlechtsidentität patriarchal diskriminiert werden, und ist in 2023 ein gängiger Begriff in der feministischen Bewegung.

Die feministische Bewegung der Gegenwart ist äußerst vielfältig. Sie ist in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens vorgedrungen, hat eigene Institutionen geschaffen und sich in bestehenden etabliert. Und trotzdem stellt sie den Status quo beständig in Frage, ist laut und unbequem. Sie gibt nicht auf, auch wenn eine (geschlechter)gerechte Welt nach wie vor in weiter Ferne ist, Krisen und Rückschläge auf erfolgreiche Phasen folgen. Feminismus hat mich gelehrt, eine selbstbestimmte Frau zu sein, er hat mein Leben geprägt wie kaum etwas anderes. Und das Beste ist: Es geht immer weiter vorwärts.

Ob Kinder oder keine, entscheiden wir alleine

Die 80er

Ich habe keine Erinnerung daran, wann ich das erste Mal das Wort Emanze gehört habe und ob mir zu diesem Zeitpunkt bewusst war, was es bedeutete. Wahrscheinlich hatte ich eines dieser abendlichen Wohnzimmergespräche überhört. Gespräche in zigarettenrauchverhangenen Wohnungen, in denen der Freundeskreis meiner Eltern, strickende Frauen und bärtige Männer (Vollbärte, Schnurrbärte, you name it), nicht wenige davon Lehrer*innen, abends zusammenkamen, um über Gott und die Welt zu sprechen. Es wurde viel gelacht und hitzig diskutiert. Wir Kinder waren selbstverständlich dabei; damals wurde wenig Aufhebens um Schlafenszeiten gemacht, zumindest nicht bei uns. Kinder waren Teil des Alltags der Erwachsenen und passten sich diesen an. Man nahm sie einfach mit. Tagsüber in die Lehrerkonferenz (wo wir auch am liebsten unter dem Tisch saßen), abends zu den gemütlichen Partyrunden. Man ließ sie im Zweifel auf oder hinter Jackenbergen im Schlafzimmer der Gastgeber einschlafen. Die Gefahren des Passivrauchens waren nicht bekannt oder wurden verdrängt. Ich saß unter dem Tisch und aß so viele Süßigkeiten und Erdnussflips, wie ich in mich reinstopfen konnte. Dabei lauschte ich den Gesprächen der Erwachsenen und hoffte, nicht entdeckt zu werden. »Na, hast du Elefantenohren?«, hieß es dann. Und im Zweifel: »Jetzt musst du dich aber schlafen legen.« Das galt es zu vermeiden, denn an diesen Abenden lernte ich – fürs Leben, wie ich glaubte.

Denn dann redeten alle frei und miteinander. Ich lernte – so dachte ich – über meine Zukunft als Erwachsene, wenn ich nur aufmerksam zuhörte. Vielleicht geschah es in diesen Situationen, dass sie über die Emanzen sprachen und warum man sie für übertrieben oder lächerlich hielt. Natürlich sei Gleichberechtigung wichtig, aber Männer und Frauen, die seien nun mal verschieden, das sei ja ganz klar. Warum sonst würden Frauen nach dem Studium heiraten und Kinder bekommen? Und überhaupt, es sei so viel passiert, der Feminismus sei inzwischen überflüssig. Die Frauen protestierten gelegentlich, nie übermäßig.

Vielleicht lief es auch im Fernsehen. Es gab drei Programme: ARD, ZDF und den dritten regionalen Sender, bei uns im Ruhrgebiet den WDR. Ich durfte das Kinderprogramm schauen, nachmittags und abends. Die Sesamstraße, Die Sendung mit der Maus, Rappelkiste, Luzie, der Schrecken der Straße, Pippi Langstrumpf. Auch wenn einige der Sendungen mit fortschrittlichen Familienbildern (Alleinerziehende!) oder selbstbewussten Protagonistinnen aufwarteten: Feminismus fand im Fernsehen nicht statt. Frauen waren Ansagerinnen1, die gut dabei aussahen, wie sie Texte vom Papier ablasen, und selbst das hatten sie sich hart erkämpft.

Zuweilen, wenn ich nicht einschlafen konnte, kletterte ich abends zu meiner Mutter auf die braune Ledercouch im Wohnzimmer. Und manchmal schickte sie mich nicht sofort zurück ins Bett, sondern ließ mich noch eine Weile mit ihr fernsehen. Vielleicht sah ich dabei eine der vielen Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, in denen Alice Schwarzer auftrat.

Schwarzer, die ihre Laufbahn als bekannteste Feministin Deutschlands in den 70er Jahren begonnen hatte, stand Mitte der 80er auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Sie wurde von der Journalistin zur Celebrity, zum Showstar. 1971 setzte sie den berühmten Stern-Titel »Wir haben abgetrieben!« nach französischem Vorbild um, 1975 wurde ihr Buch Der kleine Unterschied und seine großen Folgen zum Bestseller; im selben Jahr kam es zu ihrem berühmten TV-Schlagabtausch mit Esther Vilar, der antifeministischen Autorin des Buches Der dressierte Mann, ebenfalls ein Bestseller, in dem Frauen der angeblichen Ausbeutung des Mannes beschuldigt werden. Dieser müsse sich im Job abstrampeln2, während die Hausfrau sich zu Hause einen Lenz mache und das liebe Geld verprasse.

Mit offensichtlichem Vergnügen tingelte Schwarzer in den 80ern durch die zahlreichen Fernsehtalkshows. Genoss sichtlich die Gespräche mit Moderatoren wie Thomas Gottschalk, Joachim Fuchsberger oder Alfred Biolek. Männer, jung oder alt, auf jeden Fall nett und sympathisch. Erklärte gut gelaunt und versöhnlich, warum Frauen dasselbe Recht auf ein eigenständiges Leben haben würden wie Männer. Interessanterweise ist es die gut gelaunte Schwarzer selbst, die rhetorisch dabei den Eindruck erweckt, der Feminismus habe schon so viel erreicht – im Vergleich zu 1970, als sie selbst anfing, politisch aktiv zu werden.

Auch ein junger Thomas Gottschalk findet im Talkshow-Format Na sowas!: Klar, diese Gleichberechtigung, die sei selbstverständlich. Aber wollten die Frauen nicht zu Hause bleiben? Und mangelt es der viel beschworenen Gleichheit auch bei Männern? Ja, auch Männer unterlägen Zwängen, müssten in der Bundeswehr gehorchen, in der Bank den Anzug tragen und vor ihren Chefs buckeln.

Die Gespräche plätschern dahin, es wird viel gelacht. Wann nochmal wurde Schwarzer als wütend wahrgenommen? Ihre humorvolle Art macht sie zu einem gern gesehenen Talkshowgast, hat aber den Nachteil, dass Feminismus trivial erscheint. Später, in den 90ern, ist sie ständiges Mitglied der Rate-Show Ja oder Nein. Die Show-Feministin. Wenn ich mir heute diese Sendungen anschaue, verstehe ich, warum ich lange Jahre der Meinung war, Gleichberechtigung sei längst erreicht, auf eine Art und Weise hat Schwarzer mit ihrer oft erstaunlich entpolitisierten TV-Präsenz dazu beigetragen.

Kinder erfahren die Welt als Momentaufnahme, im direkten Erleben. Sie haben keinen Zugang zu Informationen, die über ihr eigenes Erleben hinausgehen. Ich konnte daher nicht ahnen, wie die Situation von Frauen in Deutschland gewesen war und welche Kämpfe ausgefochten worden waren, bis das Thema Gleichberechtigung Teil der Talkshows und Partygespräche wurde.

Die Zahlen der 80er Jahre sprachen eine völlig andere Sprache. Was wurde seit dem Beginn der feministischen Bewegung in den späten 60ern erreicht? Wenig bis nichts. Insbesondere im Vergleich mit wirtschaftlich ähnlich prosperierenden Nationen schnitt Deutschland in Sachen Gleichberechtigung schlecht ab. 1980 lag die Frauenerwerbsbeteiligung in der BRD bei 48,2 Prozent und hatte sich damit seit Beginn der Aufzeichnungen 1950 nur geringfügig verbessert. 54 Prozent der weiblichen Bevölkerung verfügten über kein eigenes Einkommen und waren daher abhängig von Ehemännern, Verwandten oder im Falle einer Trennung von Sozialhilfe.

1988 betrug der Frauenanteil in den mittleren Führungsebenen der Unternehmen ganze 3 Prozent, in den Vorständen lediglich 1 Prozent. Frauen hatten an den Universitäten nur 2,5 Prozent der Professuren inne. Unter den mehr als hundert Abteilungsleitern in Bonner Bundesministerien: nur eine einzige Frau. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk waren im Durchschnitt 13 Prozent der angestellten Redakteur*innen weiblich, in den Nachrichtenredaktionen lag der Frauenanteil bei 5 Prozent, in allen Medien, also auch den privaten, lag der Anteil an Journalistinnen3 bei 20 Prozent. Das Problem beschränkte sich dabei nicht darauf, dass einzelne Frauen damals kaum in Führungspositionen mit guten Gehältern gelangen konnten, sondern vielmehr hatten Frauen so gut wie keine Möglichkeit, politischen Einfluss zu nehmen, ihre Stimme hörbar zu machen. Nicht in der Wirtschaft, nicht in der Politik, nicht im Gerichtswesen, nicht in den Medien, nicht in der Wissenschaft. Nirgendwo.

Die Statistiken sind löchrig: Noch heute ist die Datenlage schlecht, aber damals fehlte es an vielen grundlegenden Erkenntnissen. Die ersten ordentlichen Professuren für Frauenforschung an westdeutschen Hochschulen wurden ab Mitte der 80er Jahre ausgeschrieben und besetzt. Es fehlten Studien, die mit Daten und Fakten darüber aufwarten konnten, wie sich die Situation der Frauen über die Jahre veränderte; sie tat es zudem kaum.

Wozu auch Daten sammeln? Die Stellung der Frau in der Gesellschaft wurde nicht als Benachteiligung wahrgenommen, sondern als natürliche Gegebenheit, dass Frauen darunter überhaupt litten, war reine Behauptung, kein gesicherter Fakt. Frauen verzichteten doch freiwillig auf Geld und Macht, dachte man. Sie wollen doch Mütter und Hausfrauen sein. Es gab über viele Jahre keine Sprache, keine Zahlen, die etwas anderes belegen konnten. Keine Fakten, die erklärten, warum Entscheidungen, die Frauen trafen, auf gesellschaftliche Strukturen und nicht auf individuelle Vorlieben zurückzuführen sind.

Die Vorstellung, dass es der freie Wille von Frauen sei, ihren Beruf im Falle einer Mutterschaft aufzugeben, entsprach der Alltagserfahrung der Männer und Frauen. Immerhin war § 1356 BGB, der Ehemännern das Recht zugestand, ohne deren Wissen und Willen die Stelle der Ehefrau zu kündigen, sollte sie ihre häuslichen Pflichten vernachlässigen, 1977 abgeschafft worden. Wenn Frauen zu Hause blieben, dann konnte das doch nur freiwillig sein.

Viele Erkenntnisse aus den Sozialwissenschaften, der Neurologie oder Psychologie erreichten damals kaum eine Öffentlichkeit. Heute wissen wir, wie sehr Menschen in soziale Strukturen und Beziehungen eingebunden sind, wie wenig sie tatsächlich frei entscheiden. Heute wissen wir: Gesetze abschaffen ist das eine, die autoritären Denkmuster, Traditionen und Vorstellungen verändern, die die patriarchale Gesetzgebung ausmacht, das andere. Und unendlich viel schwieriger.

Am 1. Januar 1900 trat das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) im Deutschen Kaiserreich in Kraft und schrieb das Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie, mit klar nach Geschlecht verteilten Rollen und der Vormundschaft der Ehemänner über Frauen und Kinder, fest. Schon damals begehrte eine lautstarke, virulente Frauenbewegung auf, zusammengesetzt aus Angehörigen verschiedenster Schichten und politischer Milieus: Erreichen konnte sie – bis auf die Einführung des Frauenwahlrechts 1918 – wenig.

Das Bürgerliche Gesetzbuch proklamierte die Familie als »Keimzelle des Staates und der Gesellschaft« und leitete so die Rolle der Frauen ausschließlich als Ehefrauen und Mütter her. Folgerichtig war weibliche Homosexualität extrem tabuisiert, männliche strafbar. Was die rechtlich sanktionierte männliche Bevormundung anbelangt, gab es durchaus Unterschiede zu anderen, damals bereits demokratischen Ländern: Während Ehemänner ihren Ehefrauen hierzulande nun verbieten konnten, einer Erwerbsarbeit nachzugehen, sie das Vermögen kontrollierten, und das Recht hatten, über die gemeinsamen Kinder zu bestimmen, hatten England und die USA bereits Gesetze4 verabschiedet, die sicherstellten, dass auch verheiratete Frauen über Eigentum verfügen konnten.

Vielleicht waren diese patriarchalen gesetzlichen Regelungen in meiner Familie weniger relevant. Wenn weder der Mann noch die Frau über ein Vermögen verfügt, beide arbeiten müssen, damit das Geld reicht, dann spielt es auch keine so große Rolle. Meine Großeltern mütterlicherseits waren Bäuer*innen, natürlich arbeiteten alle Menschen, die körperlich dazu in der Lage waren, mit; Kinder wurden in den Mehrgenerationenhaushalten von den Großeltern erzogen.

In der Tat war auch meine Mutter stets berufstätig, genau wie ihre Mutter. Sie war Lehrerin an einer Hauptschule, gerade einmal 24 Jahre alt, als ich geboren wurde. Zwei Jahre zuvor hatte sie ihr Referendariat abgeschlossen. Als Tochter eines Bergmanns und einer Putzhilfe hatte sie gegen alle Widerstände Abitur an einem Mädchengymnasium gemacht. »Puddingabitur5« nannte man diesen Abschluss, der statt mit Latein mit Hauswirtschaftslehre als Prüfungsfach aufwartete und sich ausschließlich an Frauen richtete. Die daraus resultierende Studienfachwahl war stark eingeschränkt auf Pädagogik, Grund- und Hauptschullehramt.

1978, im Jahr meiner Geburt, war meine Mutter einige Jahre jünger als die ersten Aktivistinnen und Gründerinnen der Frauenbewegung in der Bundesrepublik Deutschland Ende der 60er. Diese lassen sich in Aktivistinnen6, also diejenigen, die demonstrierten, schrieben, protestierten, Netzwerke gründeten, diskutierten, und in Sympathisantinnen – zu denen meine Mutter durchaus gehörte – unterteilen. 1974 gab es laut einer Schätzung hundert bis zweihundert feministische Gruppen und einige tausend Aktivistinnen.

Die Frauen- und Lesbenbewegung der Anfangsjahre war eine Jugendbewegung, die überwiegend7 aus Studentinnen und sogar Schülerinnen bestand. Anders als in anderen Ländern war in Deutschland so gut wie jede Verbindung zu der Frauenbewegung »davor«, welche sich bereits durch zahlreiche Vereine und Interessenverbände institutionalisiert hatte, jäh abgebrochen. Der Nationalsozialismus hatte das Andenken an die erste Frauenbewegung, aktiv von der Jahrhundertwende bis in die 30er Jahre der Weimarer Republik, weitestgehend zerstört. Einige Frauenrechtlerinnen entwickelten sich selbst zu überzeugten Nationalsozialistinnen, viele wurden »unpolitisch«, also zu Mitläuferinnen, und nicht wenige verfolgt, ins Exil getrieben oder ermordet. Denn viele der Feministinnen waren Jüdinnen.

Ein Vergleich: Der 1894 gegründete »Bund deutscher Frauenvereine« (BDF), eine Dachorganisation der bürgerlichen Frauenvereine, hatte mindestens 2200 Vereine mit mehr als einer Million Mitglieder. Der jüdische Frauenbund, 1904 von Bertha Pappenheim, Henriette May und Sidonie Werner gegründet, bildete sich als eigenständige Bewegung zwischen jüdischer Tradition und deutschem Bürgertum heraus und umfasste 50 ‌000 Mitglieder8. Sozialistische und proletarische Frauen waren hier gar nicht eingerechnet, da sie aufgrund des Ausschlusses aus dem BDF eigene Strukturen aufbauten.

Die Nachfolgeorganisation, der 1951 gegründete Deutsche Frauenrat, zählte bei seiner Gründung 14 Vereine. 2023 sind es rund 60 Mitgliedsorganisationen9, die nach eigenen Angaben rund 12 Millionen Frauen repräsentieren.

Bis in die späten 60er Jahre hinein existierte also keine organisierte Bewegung, die emanzipatorisch im Sinne der Frauen agierte. Lediglich mutige Einzelkämpferinnen wie zum Beispiel die »Mütter des Grundgesetzes« Elisabeth Selbert (SPD), Frieda Nadig (SPD), Helene Weber (CDU) und Helene Wessel (Zentrumspartei), die sich für Artikel 3 Absatz 3 im Grundgesetz der BRD – »Männer und Frauen sind gleichberechtigt« – eingesetzt hatten, wobei der promovierten Juristin Elisabeth Selbert hier eine besondere Bedeutung zukommt.

Erst 1977, mit der Reform des § 1356 BGB, welcher die Haushaltsführung in einer Ehe regelte, wurde das System männlicher Ehevormundschaft in Deutschland gänzlich abgeschafft: »Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.« Diese Fassung war damals bereits ein Fortschritt gewesen. In der ursprünglichen Form, die noch aus dem Kaiserreich stammte, brauchte eine Ehefrau die Erlaubnis ihres Mannes für die Erwerbstätigkeit, dann durfte er ihr diese »nur noch« verbieten, falls sie ihren haushälterischen Pflichten nicht nachkommen sollte. In der Tat ermöglichte das Gesetz vor 1977, dass ein Ehemann ohne Zustimmung der Ehefrau deren Anstellungsvertrag fristlos kündigen konnte. Rückständig und skandalös. Antifeminist*innen führen gerne an, dass das Gesetz in der Praxis kaum bis gar nicht angewendet wurde und zusätzlich hohe rechtliche Hürden bei der Anwendung aufwies. Aber sie unterschätzen die normierende Wirkung, die Gesetze wie dieses hatten. Sie müssen nicht immer angewendet werden, damit Menschen ihr Verhalten anpassen, durch sozialen Druck geschieht das auch. Es reichte, dass der Mann missbilligte, wenn seine Frau arbeiten gehen wollte.

Meine Großeltern waren schlicht darauf angewiesen, dass meine Großmutter arbeitete. Bei ihnen verbrachte ich die Tage, an denen meine Mutter arbeiten gehen wollte (und musste) und ich nicht bei meinem Vater und seiner neuen Frau war. Ich spürte die mitleidigen Blicke der Freundinnen meiner Großmutter auf meine blonden Zöpfen, weil meine Eltern geschieden waren. Ich spürte die Verzweiflung meiner Mutter darüber, dass ihre neue Liebe – ein Fantast und Kleinkrimineller – keine Hilfe darstellte. Ich spürte den gesellschaftlichen Druck, der auf ihr lastete, die Blicke. Ich überhörte, wie die beste Freundin meiner Oma sorgenvoll über meine Zukunft sprach. Würde ich einmal drogenabhängig? Könnte ich ein normales Leben führen? Was sollte nur aus mir werden? Jahre später bei einem Besuch, ich muss da schon Mitte dreißig gewesen sein, bestätigte sie mir, wie sehr sie sich gesorgt hätten. Aber das aus mir ja doch etwas geworden wäre.

Ich spürte das Misstrauen, das meiner Mutter entgegengebracht wurde. Ich spürte gleichzeitig, in was für einer herausfordernden Situation sie steckte. Ihr Alltag bestand zu großen Teilen aus Unterricht, Haushaltsführung, meiner Beaufsichtigung bzw. daraus, Sorge zu tragen, dass andere mich beaufsichtigen würden.

Tatsächlich war mein Leben anstrengend, doch es war behütet. Damit ich behütet werden konnte, waren meine Tage von ständigen Ortswechseln, langen Autofahrten, viel Organisation geprägt. Das alles führte dazu, dass ich ein braves Kind wurde. Bloß keinen Ärger machen, um das fragile System nicht zu gefährden. Noch heute fühlt es sich für mich oft unangemessen an, nur das zu tun, was ich will, weil ich so verinnerlicht habe, anderen keine Umstände zu machen.

Aber ich wurde geliebt. Bloß eben nicht nur von meiner Mutter, sondern von mehreren Erwachsenen. Von meinem Vater, meiner Stiefmutter, meinen Großeltern. Oder auch von Gabi, einer Schulfreundin meiner Mutter, die nach dem Kindergarten oft auf mich aufpasste. So lernte ich nebenbei verschiedenste Familienformen, Wertvorstellungen und Routinen kennen.

In den 80er Jahren war eine ernsthafte Kinderbetreuung gar nicht vorgesehen, galt im Grunde als verpönt. Mein Kindergarten in katholischer Trägerschaft hatte von 8:00 Uhr bis 12:30 Uhr geöffnet. Ein schmales Zeitfenster, damit die Hausfrau putzen, einkaufen und zum Friseur gehen konnte. Zu kurz, um einem Beruf nachzugehen. Und was wäre grundlegender für die Freiheit und die Autonomie als ökonomische Unabhängigkeit? Nur sie ermöglicht es, Beziehungen freiwillig einzugehen und zu beenden, toxischen Konstellationen zu entfliehen.

Die ersten die die Brisanz des Themas Kinderbetreuung für die Situation der Frauen in Westdeutschland erkannten, waren Berliner Studentinnen. In West-Berlin herrschte – wie auch im gesamten westdeutschen Bundesgebiet – großer Mangel an Kinderbetreuungseinrichtungen. Und die, die es gab, muteten aus pädagogischer Perspektive kaum ansprechend an, waren durchgeregelt, lieblos, autoritär. Deswegen organisierten sich die Frauen selbst, sie gründeten Kinderläden.

Die Kinderladenbewegung war aus der Studentenbewegung entstanden. Genauer gesagt aus der feministischen Kritik an ihr. Die 68er, in Deutschland angeführt von Jugendlichen und Student*innen, hatte Großes vor: Bildungsreform, Arbeitsreform, die grundlegende Veränderung der Gesellschaft. Sie wendete sich gegen die herrschenden, autoritären politischen und gesellschaftlichen Normen und vollzog den Aufbruch in die Demokratie von unten. Es waren junge Menschen, Studierende, die diese neue Form der Demokratie nachdrücklich einforderten. Und ja, sie waren radikal. »Was wäre möglich, wenn … und nicht was wäre nötig, dass eine Gesellschaft sich demokratisch verhält – das war die Fortschritt verheißende Frage,« schreibt Aktivistin Halina Bendkowski10 1998 anlässlich des dreißigjährigen Jubiläums der Frauen- und Lesbenbewegung.

Schließlich war die BRD nach 1945 von den Alliierten zur Demokratie zwangsverpflichtet worden. Es vollzog sich keine Revolution von unten, an deren Ende die Demokratie stand, sondern ein verlorener Krieg nach Jahren der von der Mehrheit der Bevölkerung mitgetragenen Diktatur.

Im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), einer der treibenden Organisationen der 68er-Bewegung, kam es zu heftigem Streit zwischen männlichen und weiblichen Studierenden. Zu den Kernforderungen des SDS und der aus ihm gebildeten Außerparlamentarischen Opposition gehörte die Demokratisierung der Hochschulen, Menschenrechte, das Ende des Vietnamkrieges und des Kolonialismus. Doch leider merkten die bewegten Studenten nicht, dass sie, bei aller Radikalität und Utopie, ein Herrschaftsverhältnis ignorierten: das zwischen Männern und Frauen. Auch wenn einige wenige Frauen in der Hochschulpolitik zentrale Positionen einnahmen, war das Bewusstsein für Geschlechterstereotype oder geschlechtsspezifische Arbeitsteilung innerhalb der Studentenbewegung nicht ausgeprägt. Kurzum: Es waren die Genossinnen, die Kinder betreuten, Flugblätter tippten und Kaffee kochten. Auf öffentlichen Veranstaltungen kamen sie hingegen selten zu Wort. Die Männer übernahmen nicht nur keine Kinderbetreuung, sie erlaubten gar keine Kinder bei ihren Veranstaltungen und erkannten die Marginalisierung der Frauen11 nicht als Problem an.

Die West-Berliner Studentinnen verstanden, dass diese praktischen Schwierigkeiten, die sie selbst daran hinderten, auch als Mütter politisch aktiv zu sein, die Lebensrealität aller Mütter in Deutschland widerspiegelte, egal, ob es um politisches Engagement oder schlicht die Erwerbstätigkeit ging. Sie sahen die Transformation der Situation der Mütter als Schlüssel für die Transformation der gesamten Gesellschaft.

Erst kurz zuvor, 1966, hatte die Bundesregierung einen 639 Seiten starken Bericht zur Situation der Frauen in der Bundesrepublik vorgestellt. Darin wurden einmal mehr die Beharrungskräfte der westdeutschen Gesellschaft deutlich. Während in den USA 1963 mit dem Equal Pay Act das erste Gesetz weltweit gegen Lohndiskriminierung von Frauen verabschiedet wurde, lag der Gender Pay Gap12 in Westdeutschland im selben Jahr bei 31 Prozent. Während in anderen Industrienationen bereits kontroverse Debatten über unglückliche, intellektuell unterforderte Hausfrauen und weibliche Identitätskrisen geführt wurden – Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht war bereits 1954 erschienen, 1963 folgte Betty Friedans Der Weiblichkeitswahn, eine Abrechnung mit der Hausfrauenideologie der Nachkriegszeit in den USA –, konstatierte die politische Elite Westdeutschlands, dass Frauen zwar international als »eine unzufriedene Klasse« gelten würden, dies aber für die deutsche Hausfrau13 bestimmt nicht zutreffen würde.

Belege für diese Behauptung? Fehlanzeige. Stattdessen ein Bericht voller unbelegter Vorannahmen, Suggestionen und Floskeln, in dem mehr als deutlich wird, dass die Autoren Erwerbsarbeit am liebsten verbieten würden, was nur leider in einer Demokratie nicht möglich sei, wie die Zeit-Autorin Petra Kipphoff14 damals fassungslos kommentierte.

1968 waren die Studentinnen in West-Berlin also nicht nur vollkommen desillusioniert von der post-nationalsozialistischen BRD, sondern auch von ihren männlichen Mitstreitern im SDS, die sich um ihre Anliegen nicht kümmern wollten, bei denen die Revolution vor der Haustür endete. Sie organisierten sich im »Aktionsrat zur Befreiung der Frau«. Am 13. September 1968, neun Monate nach Ratsgründung, nahmen führende Mitglieder an der 23. Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt am Main teil, um ihre Forderungen vorzustellen.

Schon im Vorfeld kam Widerspruch von einigen männlichen Kommilitonen: Die Anliegen galten bekanntermaßen als unwichtiger kapitalistischer Nebenwiderspruch, der sich im angestrebten Sozialismus ohnehin auflösen würde. Doch die Frauen kamen. Unter ihnen Helke Sander, Studentin an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, Mutter eines achtjährigen Sohnes. Sie trug die Forderungen der Mütter vor. Es ist eine eindringliche, nüchterne Rede, die den Studenten den Spiegel vorhält: »Wir stellen fest, dass der SDS innerhalb seiner Organisation ein Spiegelbild gesamtgesellschaftlicher Verhältnisse ist. (…) Man gewährt zwar den Frauen Redefreiheit, ergründet aber nicht die Ursachen, warum sie sich so schlecht bewähren, warum sie passiv sind (…) Frauen suchen ihre Identität. Durch Beteiligung an Kampagnen, die ihre Konflikte nicht unmittelbar berühren, können sie sie nicht erlangen. Auch das ist nur Scheinemanzipation. Sie können sie nur erlangen, wenn die ins Privatleben verdrängten gesellschaftlichen Konflikte artikuliert werden, damit sich dadurch die Frauen solidarisieren15 und politisieren.« 

Den Studentinnen war damals klar, dass die Dekonstruktion des westdeutschen Familienideals für die Emanzipation der Frau den erfolgversprechendsten Weg darstellte. Allerdings konnte der nicht allein durch individuelles Handeln16 bestritten werden, sondern benötigte strukturelle Veränderungen.

Die Frauen hatten sich vorgenommen, an diesem Tag ein Zeichen zu setzen und strukturelle Veränderungen einzufordern. Die Männer damals auf dem Kongress wussten, dass die Frauen etwas planten, und hatten sich bereits eine Strategie zurechtgelegt – Sanders Rede ignorieren, zur Tagesordnung übergehen –, die letztlich scheiterte.

Stattdessen kam es zu Tumulten. Die damals 29-jährige Sigrid Rüger17, eine der führenden studentischen Aktivistinnen West-Berlins, Mutter eines zweijährigen Kindes und im neunten Monat schwanger mit dem zweiten18, saß im Publikum. Sie hatte Tomaten dabei, wie sie später zu Protokoll gab. Jahrelang hatte sie als einzige Frau unter Männern in der universitären Gremienarbeit gearbeitet. Sie wusste, mit welchen Widerständen auf Sanders Rede zu rechnen war. Als Sander fertig war und deutlich wurde, dass es zu keiner Reaktion kommen würde, warf sie drei Tomaten in Richtung Podium und traf den 25-jährigen SDS-Bundesvorstand Hans-Jürgen Krahl19. Solche Aktionen waren nichts Ungewöhnliches, regelmäßig traf es damals konservative, reaktionäre Politiker, nun aber einen der Ihren, was starken Symbolcharakter hatte.

Ganz im Geiste der 68er ging es den Frauen nicht nur um die schlichte Beseitigung eines Mangels an Betreuungseinrichtungen, um einer Erwerbsarbeit nachzugehen: Ihre Anliegen waren ebenso antikapitalistisch wie basisdemokratisch: mehr Zeit für politisches Engagement, eine Kindererziehung nicht nach den Prinzipien von Leistung und Gehorsam, sondern antiautoritär und menschlicher, und ein Ende der kapitalistischen Instrumentalisierung. Man wollte die pädagogischen Spätfolgen des Faschismus ein für alle Mal beseitigen. Die ganze Hoffnung lag auf der neuen Generation, den Kindern.