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Max Maier, verbringt seine frühen Vormittage hauptsächlich alleine auf der Couch vor dem Fernseher, um die spannenden Morgenmagazine zu verfolgen. Gefüttert mit Halbweisheiten und einem seltsamen Deutsch, trifft er ab und zu seinen Kumpel und Berater Sven Schänkel, der auf alle Fragen eine Antwort hat, in verschiedenen Kneipen, wo beide gerne über alles und jenes lästern. Im kleinen schwäbischen Städtchen Kühlacker, nahe Pforzheim, ist durch die abwandernde Wirtschaft kaum noch etwas los . Übrig geblieben sind wie so oft kleine Kneipen, in denen die Weltrevolution am Stammtisch stattfindet und sich Leser eines bekannten Boulevard Blatts um ihre eigenen Wahrheiten streiten. So richtig Stimmung bringt der stadtbekannte Säufer und Barde Billy in die Stadt. Seine Abende verbringt Max, nachdem er immer brav seine Medikamente geschluckt hat, mit Kochen und mit seinem Computer, den er natürlich von seinem Mentor Sven Schänkel bekommen hat. Immerhin hat er jetzt den Draht zur Welt und er hat gelernt wie man E-Mails schreibt und mit Tabellen umgeht. Vor allem hat er sich aber den wunderbaren Aufbauspielen verschrieben wo er in ganz neue Welten eintaucht, die er jedoch bei seinen realen Treffen mit Bekannten in Gespräche so mit einfließen lässt, dass es kaum jemand bemerkt. In seinen Gedanken haben die alle neue Namen und wohnen in ganz anderen Epochen. Dies ist der erste Band der Couch-Trilogie.
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Seitenzahl: 353
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Ralph Scheible
Starknebel auf der Autobahn
Maximilians Couch
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Starknebel auf der Autobahn
Journalistendeutsch
Damlisch
Phonetik
Ach so!
Sensationsgier
Deutschland stottert!
Mokka
Ausblicke
Noch mehr Aussichten
Das schwarze Loch
Impressum neobooks
Impressum
Texte: © Copyright by Ralph Scheible
Bildmaterial:© Copyright by Ralph Scheible
Oktober 2011
Alle Rechte vorbehalten.
Ralph Scheible
Hindenburgstr. 98
75417 Mühlacker
www.rscheible.de
Nein, Nein, Nein, die Würfel sind nicht neu gemischt, wie kürzlich zu vernehmen war, wie denn auch. Nach konzentriertem Mischen der Selben, mit Abheben und Ziehen, war da überhaupt nichts zu machen. Na ja, vielleicht hätte Max dann doch lieber sechs anstatt nur fünf Würfel genommen, oder hat Max da etwas falsch verstanden? Bei solchen Satzschöpfungen einiger in öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten agierenden Journalisten, tut sich ihm, mittlerweile Kulturpessimist, dann doch die Frage auf, ob der einhergehende Verlust der deutschen Sprache, nicht doch ein tiefenpsychologisches Problem darstellt.
Nach mehrmonatigen Aufzeichnungen derartigen Sprachmissbrauchs in verschiedenen Morgenmagazinsendungen, muss er sich tatsächlich fragen, ob die deutsche Provinzbevölkerung der so akademisch klingenden Wortschöpfungen überhaupt mächtig ist. Nichts gegen kreative Wörter wie »Fernsehlandschaft«, das hat immerhin ein gewisses Etwas. Besonders frappierend für Max, als einfacher Plattenleger, ist jedoch, dass dies nicht mal unserer angeblich akademischen Elite auffällt und munter in diesem Stil weiter drauf losplappert.
Maximilian Maier, ein fünfundfünfzigjähriger Fliesenleger aus der südwestdeutschen Kleinstadt Kühlacker, ohne Familienanhang und momentaner Arbeitslosengeld II Bezieher, nimmt sich tatsächlich die Zeit, die allmorgendlichen geistigen Ergüsse sogenannter Journalisten in allen möglichen Fernsehmorgenmagazinen zu verfolgen, man könnte direkt sagen »Max Allein Zuhaus«. Auch macht er sich die Mühe alle möglichen germanistischen und linguistischen Entgleisungen seit September 2011, peinlich genau zu protokollieren. Mit schon schütterem Haar, um nicht mit schwäbischen Worten zu sagen »Muggaflugplatz«, und leichtem Bauchansatz, wundert er sich immer wieder aufs Neue über Aussagen wie »Anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts, circa um 1895«.
Moderatoren wie Ulrich Stusse leiten dann galant über zu den »Wettern«, der ehemals gewohnten Wettervorhersage. Um auf »Augenhöhe« zu bleiben, holt sich Max ganz schnell noch eine Tasse Kaffee mit Milch und Zucker aus der Küche, um ja nichts zu verpassen. Bert Wetterfrosch, Nomen est Omen, parliert dann sogleich über Starkregen und das nicht vorhandene Schnee Chaos, welches ein Jahr zuvor auch schon nicht stattfand um diese Jahreszeit. Nach ein paar Zahlen, die auf die Wärmeentwicklungen des heutigen Tages deuten lassen, freut sich Max auf eines der faszinierenden Interviews des Ulrich Stusse mit einem seiner hochkarätigen Interviewpartner. Heute ist es ein Grüner Politiker aus dem Ländle, der etwas zur Lage um »Stuttgart 21« sagen soll. Ob der unterirdische Bahnhof nun gebaut werden soll, oder ob der alte Kopfbahnhof oben bleiben wird, lässt sich daraus auch nicht erschließen. Nach der Frage »ob die Bahn nun kommen soll«, war der Grüne Verkehrsminister so verblüfft, dass auch der keine Antwort wusste. Jedenfalls soll weiter demonstriert werden. Max war regelrecht angetan von diesem Interview, obwohl er eigentlich gar nichts verstanden hat. Seit geraumer Zeit ist er an Politik und dem allgemeinen Weltgeschehen derart interessiert, obwohl ihm eine höhere Bildung versagt blieb, dass er gerne mal im Internet recherchiert, um herauszufinden was die da eigentlich meinen. Zu seiner Überraschung wird er nicht immer fündig, was auch nicht verwundert.
Max als ehemaliger Fliesenleger, gerne auch mal als »Das Team vom Bau, blöd wie d’Sau« verspottet, hat es gewagt sich diesen neuen Medien öffnen zu wollen und sich einen Computer angeschafft. Das Wort Rechner ist ihm zu heftig, weil ihn das verstärkt an unbezahlte Rechnungen erinnert, die ihr Dasein ungeöffnet in einer speziell dafür eingerichteten Ecke fristen, wie noch viele andere amtliche Schreiben mehr. Einzige Sorge jetzt, hoffentlich wird nicht eines Tages der Strom abgestellt. Aber was ist das nun? Den Computer eingestöpselt und es kommt nur ein freundliches optimistisches »Willkommen«. Sehr enttäuscht über diesen ihm erscheinenden Unsinn, beschloss Max, dass da jetzt ein Fachmann ran muss, schließlich wollte er ja in diesem weltweiten Internetz so etwas wie Weiterbildung betreiben und dann nur ein Willkommen? Aber wie und wo? Im »Gelbe Seiten« Telefonbuch vielleicht, aber was kostet dann so ein Informationstechniker? er ist ja inzwischen, mehr oder weniger, mittellos. Hm, eventuell kann ihm ein Telefonat mit seinem Kumpel Sven Schänkel weiterhelfen. Der ist jedoch, obwohl Langzeitarbeitsloser, immer sehr beschäftigt, oft auch mit Extrem Frühschoppen. Aber vielleicht hat Max ja Glück und Sven, der Studienabbrecher und autodidaktischer EDV Experte mit Schwerpunkt Netzwerktechnik, geht tatsächlich sofort ans Telefon. Glück gehabt, bevor Sven sein stationäres Büro ins Unterwegs Office verlegt. »Schänkel, was gibts?« grummelt es auf der anderen Seite. Nachdem Max sein Dilemma mit diesem widerborstigen Computer schilderte, kam nur ein nicht enden wollendes schallendes Gelächter seitens Sven. Als er sich nach geraumer Zeit beruhigt hatte, wurde Max mitgeteilt was er da noch alles lernen muss und vor Allem was er noch zu kaufen hat. Auch, dass das Internet ohne Zugang bei einem Internetdienstanbieter, also bei einem ISP, das ist ein Internetserviceprovider, wie Sven dem verdatterten Max mit stolz geschwellter Brust erklärt, nicht funktioniert. Wobei er es sich nicht nehmen lässt, das Wort Provider in bestem Englisch und mit zwei amerikanischen zungenverdrehten und Kaugummi kauenden »ar« auszusprechen. Das zeugt von Kompetenz und Fachwissen, wie Max bewundernd feststellt und er fühlt sich direkt dumm Sven gegenüber. »Warte, ich komme kurz bei dir vorbei, das wird besser sein« Na gut, was ist nun zu tun, und an welchen Anbieter soll er sich da wenden? Da wäre doch diese junge Schöne, die ständig im Fernsehen irgendwas von Äliss haucht. Aber Sven, inzwischen in Maximilians Wohnung eingetroffen, findet das nicht die passende Lösung für Max und er meldet ihn schwuppdiwupp bei einem ihm komfortabel erscheinenden Provider an. »Dauert ungefähr zwei Wochen, ich komme dann wieder vorbei um Alles einzurichten!« trällert er. Einstweilen könne Max sich ja mit den von Sven installierten Programmen näher befassen, wie zum Beispiel Texte schreiben und Tabellen kreieren. »Und was ist mit Spielen?« möchte Max noch wissen. Aber das ist nicht so Svens Ding, der hat es gerne akademischer und empfindet Computerspiele als brutale Zeitvernichtung. Außer Poker, damit haut er sich ganze Nächte um die Ohren. Mit der Sicherheit einmal ganz groß herauszukommen. Bis nach Las Vegas selbstverständlich. Immerhin hat er in sechs Monaten schon stattliche 20 Cent erspielt. Nach ein paar Einweisungen mehr in die Welt der Computer, verlässt Sven die kleine, aber gemütliche Zweizimmerwohnung seines Kumpels, mit dem Versprechen bald wieder zu kommen.
Jetzt etwas zufriedener mit seiner neuesten Errungenschaft, versucht Max das ganze Kabelgewirr hinter dem eigens dafür aufgestellten Computertisch zu verstauen. Zum Glück kommt das Internet angeblich kabellos daher. So waren die ersten Schritte in eine neue Welt, erinnert sich Max, der sich mittlerweile ziemlich gut auskennt, recht ungerne zurück.
Am neunundzwanzigsten Oktober war es, als er von seinen inzwischen verehrten Morgenmagazin Moderatoren erfährt, dass »China eine eigene Weltraumstation auf den Mann bringen« Was genau die einunddreißig Jahre zählende Hanna Balken genau damit meint, kann nur vermutet werden. Aber Max will es ganz genau wissen und erfährt in anderen Medien, dass die Chinesen weitsichtiger Weise diese Raumstation bauen, um in absehbarer Zeit die Einzigen zu sein, die so ein Ding ihr Eigen nennen dürfen. Einen gewissen Geschäftssinn kann man natürlich nicht ausschließen, da die Amis und die Europäer, nach Verschrottung ihrer gemeinsamen internationalen Raumstation, sich dort wohl einmieten müssen um weiter forschen zu können. Warum Frau Balken sich so infantil und nur halb informiert ausdrückt, zeugt wohl von reiner Oberflächlichkeit, denkt sich Max. Und darf man als erwachsener und gebildeter Mensch solch ein Deutsch in aller Öffentlichkeit verkünden? Jens Schlurig, einer der heutigen Mitmoderatoren, erzählt dann noch etwas von »abgrillen«. So nennt sich das jetzt, wenn man in Stadtparks, bei schönem Wetter den halben Haushalt mitschleppt, um ein sowieso arg schlimm aufgewachsenes Schnitzel, verkohlen zu lassen.
Was alles ganz viele Eurons kostet schießt allerdings gänzlich den Vogel des Tages ab. Vermutlich meinte der studierte Journalist damit den vermeintlichen Plural der europäischen Währung. Nach Recherchen im wunderbaren Internet, haut es Max direkt von seiner alten Couch. Bei Eurons handelt es sich um Windelhosen und Einlagen für Erwachsene. Auch zu ersteigern bei allen gängigen Auktionsplattformen. Als Eurons bezeichnet man auch ein Projekt, welches der Erforschung der »Initiative of European nuclear structure scientists« von fünfundvierzig Institutionen in einundzwanzig Staaten betrieben wird. Ist doch eine tolle Sache so ein Euron. Als danach noch von irgendwelchen alpischen Bergedörfern die Rede ist, wird es Max, dem eher einfachen Menschen, dann doch zu viel des Guten und er schaltet den Fernseher ganz einfach und emotionslos ab.
Wie lange er schon nicht mehr aus dem Haus war, überlegt er sich jetzt. Sollte er nicht mal wieder einkaufen? Oder sich mit Sven auf ein Hefeweizen treffen? Das ist immer lustig und Max kann noch viel von ihm lernen. Insbesondere was das Leben als Dauerarbeitsloser so ausmacht. Viele Tipps hat Sven wahrscheinlich nicht parat, aber irgendwie hat er es ja geschafft ohne viel Geld, dieses gediegene Vorstadtleben bestreiten zu können. Na gut, ein Leben in Luxus ist das eher nicht, dafür aber mehr eines in seiner ganz eigenen Welt. Im Bier und Schnapsrausch eigentlich, ohne welchen Sven sein Dasein wohl doch nicht aushält. Vielleicht ist es aber auch nur dem gewohnten morgendlichen und außerhäuslichen Bürozwang zu verdanken. Meist imaginäre Geschäfte lassen sich dann doch viel leichter in Kneipen erledigen, die ihm ein unsagbares Gefühl der Freiheit und Überlegenheit geben.
Max versucht Sven telefonisch in seinem Refugium zu erreichen. Nach zweimaligem Klingeln, oder Hupen, oder wie soll man die heutigen Klingeltöne sonst bezeichnen, ist er tatsächlich noch zu Hause. Üblicherweise hechtet Sven um diese Uhrzeit regelrecht in den Stadtbus, mit seiner selbst organisierten Monatskarte in Richtung Stadtmitte, um sein erstes Weizenbier des Tages zu begrüßen. »Ich muss schnell machen, wir sehen uns dann.« keucht er ins Telefon und weg ist er. Aha, denkt sich Max, der es glücklicherweise nicht weit hat ins Stadtinnere, wo soll er sich jetzt mit ihm treffen? Wird sich wahrscheinlich so ergeben. Einfach in die nächst beste Kneipe und abwarten. Sven schafft sich »Wirtschaftlich« gesehen gerne von der Unteren Bahnhofstraße ganz nach oben zum Bahnhof hoch. Diese Strecke ist heutzutage relativ schnell bewerkstelligt, wenn es bei einem Bier pro Kneipe bleibt.
Kühlacker, die typische schwäbische Kleinstadt, in der Beide ihr Leben fristen, ist immer mehr von Verfall und Aussterben bedroht. Ein Geschäft nach dem Anderen schließt seine Pforten. Max beschließt in einem noch verbliebenen Eis-Café auf Sven zu warten. Dort kann man schön draußen sitzen und Alles ist sehr überschaubar. Max, der eigentlich kaum Alkohol trinkt, außer bei gelegentlichen Treffen mit Sven, räkelt sich solange auf einem bequemen Bistrosessel in der goldenen Oktobersonne. Das tut ihm und seinen geschundenen Knochen ziemlich gut, auch die gute frische Luft trägt ihr Übriges bei. Nach etwa einer Stunde und einem heißen Cappuccino mit Spritzgebäck, trudelt Sven schon ziemlich gut gelaunt ein. »Einen recht schönen Guten Morgen Allerseits! « trällert er, mit seiner ihm typischen Handbewegung, um elf Uhr Vormittags. »Na, was gibt’s Neues?« möchte er in Erfahrung bringen, oder auch nicht. Hauptsache die junge rassige, südländisch wirkende Bedienung bringt ihm ein schönes kaltes Bier für den Anfang. Nicht ohne ihren Hüftschwung zu bewundern und ihre Schuhgröße im Geiste zu ermitteln. »Am besten gleich zwei Hefeweizen!« ruft er ihr hinterher. Max erzählt derweil von seinen Fortschritten am Computer und gesteht, dass er sich nun doch zwei Spiele gekauft hat. Ein Aufbauspiel um das alte Rom, und ein fetziges Rennsimulationspiel. Natürlich rümpft Sven entsetzt die Nase und schüttelt verständnislos den Kopf. Das macht Max allerdings rein gar nichts aus, da er doch sehr viel Spaß damit hat. Um dennoch abzulenken, erzählt er Sven von seinem morgendlichen Grauen mit der deutschen Sprache. Wie zum Beispiel, dass man energetische Flatulenzen olfaktorisch wahrnehmen kann. Er lacht sich kaputt. Was jedoch ein virtuell meditativer Prozess bedeuten soll, bleibt auch für einen äußerst gebildeten Zeitgenossen wie Sven im Dunkeln. Auch bei Offshore Windparks im Binnenland scheiden sich die Geister. Umso amüsanter sind dann doch Sätze wie: »Ich spreche hündisch« oder »Liebe Börger und Börgerinnen« und »er ist ein perverser Sadist«. Na toll, denken die Beiden, erst pervers und dann noch Sadist. Das hätte man doch ahnen können. Schlimmer wäre es womöglich noch, wenn er sadistisch und dazu noch ein Perverser wäre. Viel Gelächter und nach einer weiteren Runde Bier, ergötzen sie sich über Aussprüche wie: »dauerhaft nachhaltig« »das ist suboptimal« »mathematisches Rechnen« und auch über »das Wetter ist regennass«. »Das habe ich alles vom letzten Samstag« erklärt Max. Irgendwie bekommt Sven sein Lachen gar nicht mehr aus dem Gesicht und bestellt noch einmal zwei Hefeweizen. Wahrscheinlich auch deshalb, um diesen knackigen Po der Bedienung in Bewegung zu sehen. Max macht sich nach dem dritten Bier, mehr trinkt er meistens sowieso nicht, auf den Heimweg. Sven wird seine Zeit noch bis in die Abendstunden in der »freien Wirtschaft« verbringen.
Nach dem Aufstieg in die dritte Etage, um endlich seine Wohnung zu erreichen, ist Max ziemlich platt und muss sich nach dieser Kletterstrapaze erst einmal ausruhen. Zurückgelehnt auf seiner alten, aber äusserst bequemen Couch, sinniert er, immer noch pustend, über sein derzeitiges Leben, in welchem er sich zunehmend als Einzelgänger entwickelt. Bis auf spärliche, unbedeutende ab und zu Begegnungen in Kühlacker, hat er kaum Kontakte. Ausnahmen sind natürlich seine langjährigen Bekanntschaften mit Mimi Seitenzeller und Tochter Wanja Seitenzeller, Suzanna Lessa und Sven Schänkel. Natürlich genießt er inzwischen weltweite Kontakte in Form elektrischer Post. Diese netten Menschen wohnen alle ganz virtuell in seinem wunderbaren Rechner. Trotz Sprachbarrieren mangels Fremdsprachenkenntnisse, funktionieren diese Freundschaften eminent gut, im Gegensatz zu den reellen vor Ort »Freunden«. Ist Max ein Hochbegabter, oder nur ganz normal dumm? macht er sich so seine Gedanken. Ganz und gar nicht, murmelt er feststellend vor sich hin. Was ist er dann? Ein Introvertierter, gar ein Misanthrop? Vermutlich gar nichts von Allem. Er ist einfach ein alternder, unbeweglich gewordener Single, der sich viel zu viele Gedanken macht.
Rumpeln und andere Geräusche hört Max aus seinem Magen. Mal sehen was sein Singlehaushaltskühlschrank heute zu bieten hat. Hm, so gut wie nichts direkt Verwertbares, stellt Max fest. Gegenüber auf der anderen Straßenseite sind zwei Dönerbuden, dort riecht es immer so gut. Muss eigentlich nicht sein, Schnellfutter ist dann doch nicht so sein Ding. Er futtert dagegen schnell seine Tabletten, die er dreimal täglich nehmen muss. Ja keine vergessen, sonst wird es übel. Schinkennudeln ohne Schinken könnte er sich zubereiten. Breite gewalzte Nudel sind noch da und eine oder zwei Gewürzgurken. Während das Nudelwasser schon sprudelnd vor sich hinkocht, schaltet er den Fernseher ein. Der Rechner muss auch noch an. Im Internet gibt es immer mal etwas zu Ermitteln. Als angehender Bildungsbürger würde er gerne Volkshochschulkurse besuchen, wie etwa der Kolleg Allgemeinbildung, Englisch für Ältere – Lost in Translation, oder Geschichte im Zeitspiegel der Politik. Töpfern würde ihm bestimmt auch gut gefallen, aber das kostet einfach zu viel Geld. Dann doch lieber den Magen füllen. Ach ja, die schwäbischen Tagliatelle müssen ins Wasser. Feinschmecker und Hobbykoch Max musste nach seinem sozialen Abstieg, ganz schön Federn lassen, was seine Ansprüche der höheren Kochkunst anbelangt. Jedoch hat er festgellt, dass Breite Nudeln in nördlichen Gefilden eher wie abgefahrene Panzerketten anmuten. Kartoffeln bevorzugt er allerdings lieber als Salat oder gebraten in der Pfanne.
Huch, was schallt da aus dem Fernsehgerät? Da wird über »Kredithebel und Rettungsschirme« debattiert. Was auch immer das ist, das ist bestimmt nicht für einen wie ihn gedacht. Bestimmt so eine andere Bezeichnung für, wie vertausendfache ich das gestohlene Kapital einfacher Länder und Leute. Max ist empört, fällt aber gleich wieder in die gewohnte Lethargie zurück. Als nächstes wird von einem neuen Film über Udo Jürgens und seiner Familie berichtet »Der Mann mit dem Fagett« sagt die Moderatorin Ulla Kaijali. Kann eigentlich nur Fagott heißen, denkt sich Max und kümmert sich um seine Nudeln. Die schmecken gar nicht so schlecht mit Butter durchgemischt. Nach einem Apfel, der noch einsam in der Küche lag, lehnt er sich wieder zurück und freut sich über seine neueste Errungenschaft, die Sven ihm installierte. Max ist jetzt in der Lage umsonst ins Deutsche Festnetz zu telefonieren. Und das über den Computer, ist er voller Stolz diese Entwicklung nicht verschlafen zu haben. Etwas frustrierend stellt er jedoch fest, dass er weder angerufen wird, noch weiß er nicht wen er anrufen könnte. Mit seiner Familie, die ihn als angeblichen Taugenichts zur Persona non grata erklärte, hat er inzwischen komplett gebrochen.
Am heutigen Donnerstag tritt plötzlich das Urgestein des Morgenmagazins Gernot Tapsatai, mit gewohnten Turnschuhen zum Anzug auf die Bildfläche, um den erkrankten Kollegen Bill Passif zu vertreten. Mit scharfem und politikstudiertem Verstand erklärt er die »Integration Europas« und erfreut sich riesig über spezielle deutsche Mitmenschen mit Migrationshintergründen. Den sogenannten Hintergründen um es Neudeutsch zu sagen. Kaum mitzuzählen wie oft und zu was man das Wort »sogenannt« überall einsetzen kann. Mit kritischem Blick auf seinen Tisch denkt sich Max »Aha, das ist ab sofort ein sogenannter Tisch« Einfach nur Tisch zu sagen erscheint ihm von nun an viel zu trivial. Ulla Kaijali tritt heute voller Begeisterung, zusammen mit Herrn Tapsatai moderieren zu dürfen, ausnahmsweise mit Kostüm und Turnschuhen auf. Und weiter geht es mit der Migrationsdebatte, die laut Frau Kaijali eine große »Wichtung« hat. Das kommt Max, warum auch immer, schon längst so vor. Voller Wissensdurst lauscht er ergriffen weiter über Rettungsschirme um den total verarmten Euro, oder deren Besitzer, oder wie war das nochmal? Jedenfalls erfährt er von Gernot Tapsatai um die sagenhafte Wirkung der Kredithebel. Das klingt jetzt aber zu kompliziert für Maximilians Ohren. Den soll ihm Sven am Telefon erklären.
»Schänkel, was gibt’s?« »Max hier, ich bin dumm, kannst du mir erklären was so ein Kredithebel ist?« »Naja, also sagen wir mal so, du gibst mir zehn Euro und dafür gebe ich Dir dann hundert Euro als Kredit. Die zehn Euro sind für mich eine Art Sicherheit deiner Liquidität. Alles klar?« »Nee, klingt aber gut, vielleicht komme ich mal darauf zurück« »Du Doof, das geht doch nur zusammen mit dem ESFS, also nicht zwischen Privaten.« »Na dann, vielen Dank für die Auskunft« verabschiedet sich Max, noch immer grübelnd. Das muss also so sein, wenn er die einhundert Euro dann zurückbezahlt hat, ist er gerettet und Schänkel hat zehn Euro gut gemacht. Tolle Sache, obwohl da noch irgendwo ein Haken sein muss. Da Sven diese einhundert Euro ja gar nicht hat…, hm, wo kommen die jetzt genau her? Banken verschenken doch kein Geld, so etwas kann sich nicht einmal Max vorstellen. Jemand der eigentlich gar nichts damit zu tun hat wird wohl die Zeche bezahlen, da ist sich Max sicher.
Den Schatz im Silbensee hat jedoch Hanne Resthüsen gehievt, und aus den gefundenen Silben »Mit wohlwollender Dominanz kann man das Foto von Ursula Vonnderleyen als etwas blury bezeichnen.« zusammengebastelt. Das ist schon stark und beinhaltet so ziemlich alles was Max vollends von seiner Couch haut. Eigentlich hätte die doch einfach nur sagen können, dass das Foto der Ursula von der Leyen ziemlich unscharf ist. Wer will das eigentlich wissen? Was hat es mit der wohlwollenden Dominanz auf sich? Warum muss das blury heißen und kann man den Namen der armen Ursula nicht wenigsten ein einziges Mal richtig aussprechen? Der fast revolutionäre Beat Club von einst hätte dagegen schon ziemlich alt und spießig ausgesehen, obwohl der weder eine Nachrichtensendung, noch ein Allerweltsmagazin war, sondern für die Jugend gedacht war. Nachrichten sind heutzutage also so etwas wie die alten Rock - und Popsendungen, mit noch mehr Geräuschkulissen und Durcheinandergequatsche als damals. Waren wir nicht bei den Nachrichtensendungen? unterbricht Max seinen Gedankenfluss. Sollten diese nicht mehr seriös, informativ, objektiv und auf dem neuesten Stand sein? Noch besser investigativ und in verständlichem Deutsch. Aber nein, da werden Nachrichten verbreitet die gar keine sind. Man kann ja mal spekulieren ob es je eine wird, und ganz wichtig und gewinnbringend: die Zuschauermeinungen einholen. Dazu muss man dort anrufen und sagen: ja, dafür – nein, überhaupt nicht – mir doch egal. Ganz unten am Bildschirm und kaum zu lesen, steht für etwa eine Nanosekunde, wie viel dieser Anruf kostet. Das ist besonders für diejenigen gedacht, die mit »mir doch egal« abstimmen. Daraus entsteht dann ein »sogenanntes Voting«. Nach weiteren nichtssagenden und wiederholten Meldungen, wird dann das Voting verkündet. Gevoted wurde… nein es hat keine Regierungswahl in einem englisch sprechenden weit entfernten Land stattgefunden, um einfach so aus Jux und Tollerei festzustellen, ob irgendeine Kowalski aus Berlin, die ständig beim Hair Stylisten oder in einem Nail Studio abhängt und ALG II kassiert, oder sich doch lieber dazu bewegt einen ihr entsprechenden Job anzunehmen. 87 Prozent sind für den Job, niemand war dagegen und den restlichen 13 Prozent war es egal. Völlig intellektuell überfordert fragt sich Max, was diese dreizehn Prozent veranlasst für viel Geld dort anzurufen, nur um zu sagen das es ihnen egal ist? Das Volk, die unbekannten Wesen.
Max hat seine Verwunderung und das ständige Grübeln über diese schöne neue Sprachenwelt aufgegeben. Vermutlich muss er sein sämtliches in der Hauptschule, die damals noch Volksschule hieß, mühevoll Erlerntes komplett über den Haufen werfen, um sich nicht als Halbgebildeter zu outen und ausgelacht zu werden. Sich jetzt mit Neuen und für sein Verständnis unlogischen und eingedeutschten Wörtern, die amerikanisch ausgesprochen werden, auseinander zu setzen, ist nun seine Devise. Vor allem diese englisch anmutenden Wörter und Satzbildungen, also denglisch, oder eher damlisch was dann auch vom Wort her schon auf gewisse Intelligenzien deuten lässt. Übertroffen wird das Ganze nur noch von deutschen Wörtern die direkt amerikanisch ausgesprochen werden, also auch Namen wie Sarah, Paul, Michael, oder Müller. Neubildungsbürger Max wollte sich mal wieder auf ein Bier, oder zwei, mit dem Hochbegabten und zwölf Jahren jüngerem Sven treffen. Aber diesmal ist sein Echtzeit Notizblock mitsamt real Kugelschreiber dabei, um eventuelle neue Weisheiten festzuhalten. Die heutige Chill Out Area wurde in einer türkischen Eckkneipe installiert. Das ist cool. Sven natürlich ohne Echtzeit Notizblock, dafür aber mit furchtbar vielen Apps auf seinem Smartphone bestückt, fühlt sich schon bei der ersten Hefeweizenbestellung gut gechillt. Es hat so seine Zeit gedauert bis Max da durchgestiegen ist, was so ein Äpp überhaupt ist. Handelt es sich da etwa um verschiedene Äpfel? Aber die wären ja viel zu groß für sein kleines flaches Mobilteil. »Das sind Applikationen, die braucht man halt, wie zum Beispiel zum Telefonieren, oder um den Weg zu finden und so« erklärt Sven überzeugend. Aha, erkennt Max, und diese Dinger als Äpps auszugeben klingt global und macht Sinn? Wahrscheinlich versteht das einfache Volk simple Anwendungen nicht. Aber warum man die nun unbedingt braucht ist Max trotzdem schleierhaft. Sein antiquiertes Klapphandy von Tsang Tsung funktioniert ganz einfach so und ziemlich schnell. Telefonieren geht ruck zuck und sogar fotografieren kann dieses alte Ding. Deckel auf, Deckel wieder zu und gut. Die Welt des Sven Schänkel ist schon sehr entrückt. »Noch zwei Cervezas« bestellt der polyglotte und heute glattrasierte Sven, mit zwei hochgestreckten Fingern beim türkischen Kellner. Die dicke Glastür aufstoßend, erscheint plötzlich die etwas rundliche, aus Frankreich immigrierte Claudine Fleureau, wie immer voll bepackt mit Einkäufen und anderen Dingen. »Bonjour Mademoiselle« winkt Sven die Schöne, wild gestikulierend in die multikulturelle Abhängzone. Ein Eyecatcher ist sie nicht gerade, dafür aber umso lauter. »Isch asse diese deutsche Ämter, immer machen die mir Ärger. Nur weil ich keinen gültigen Ausweis abe schicken die misch nach Stuttgart auf französische Konsulat. Was das alles kostet« Claudine, mittlerweile auch Langzeitarbeitslos, erwidert noch etwas von Revolution und dem Sturm auf die Bastille. Um sich mehr federfeeling zu fühlen, ordert Sven, der eigentlich gar kein Geld hat, drei griechische Ouzo beim türkischen Kellner. »Cheers zusammen« ruft der jetzt noch mehr vielsprachige Sven. Claudine zeigt Teile ihres heutigen Einkaufs und schimpft über die immer mehr steigenden Preise. Wie so oft kauft sie aber Sachen die kein Mensch braucht. Das ist ihre große Leidenschaft. »Jaja, so hat man´s halt auf der Welt, was man kauft koscht Geld« wirft Max in die illustre Runde. Verständnislose Blicke seitens der französischen Tischnachbarin. Max macht sich jedoch weiterhin seine eigenen Gedanken über Sinn und Unsinn, während Sven gerne fokussiert, wie er das nennt. »Ich fokussiere meine Geschäfte heutzutage lieber auf Blu-ray« Claudine, immer noch mit ihren Taschen beschäftigt, macht sich laute Gedanken über das immer teurer werdende Mehl, obwohl sie dieses weder kauft, noch jemals verbrauchen würde. »Was heißt jetzt fokussieren und Blu Ray?« ist Max mal wieder ganz verwirrt. »Ich richte meinen Schwerpunkt…« startet Sven mit einer Erklärung, die von Max sofort abgewürgt wird, mit den Worten »Aber ein Fokus ist doch der Brennpunkt und kommt aus der Optischen Industrie, das Wort fokussieren gibt es als solches doch gar nicht« »Aber mein Schwerpunkt liegt jetzt eben auf BD, so ist das« erwidert Sven schon leicht genervt. Ah, auf BD jetzt. »Und was ist das nun wieder?« »Das ist eine Blu Ray Disc, damit kann man Filme besser sehen. Das ist ein optisches Speichermedium, Nachfolger der DVD« schwadroniert Sven. Hat sich wohl nicht durchgesetzt, denkt sich Max. Bei dem Wort Film aufhorchend, fragt Claudine »Kann das mein Computör auch?« »No, Claudine, das kann der nicht, dazu braucht man einen extra Player, oder das weltweite World Wide Web, aber so etwas hast du ja nicht und das ist sowieso nicht erlaubt« »Isch asse Deutschland, alles verboten« meckert Claudine. »Warum bist Du dann überhaupt hier« erkundigt sich Max. »Isch asse Fronkraisch« erklärt sie bestimmend. Der türkische Kellner, der sich inzwischen als Kurde entpuppt hat, aber trotzdem beim Türken arbeitet, wird abermals bemüht neu gefüllte schwere Hefeweizengläser zu schleppen. Ein griechischer Gast kommt von seiner Shopping Tour durch den türkischen Back Shop am Corner, um typische türkische Sesamkringel im Lokal zu verteilen. Eigentlich war der nur ein paar Meter vom Lokal entfernt unterwegs, hat aber eine sprachliche Reise durch Amerika gemacht. Obwohl dort ein Back Shop eher ein Laden für Rückenleiden wäre und womöglich gar nicht an der Ecke zu finden sei. Bei dem Wort Sale am Schaufenster, würde der sizilianische Pizzabäcker ein paar Häuser weiter oben, wahrscheinlich eher an ein Gewürzmittel für sein berühmtes Gebäck denken, als an einen Verkauf, oder gar ein Schnäppchen. Toll auch, dass jetzt plötzlich, nach jahrzehnter Ignoranz und rein zu Integrationszwecken, eine lupenreine deutsche Sprache für deutsche Mitbürger mit Migrationshintergründen gefordert wird. Glück für Max, das würde er so nicht bewältigen können. Und ohne direkte Englischkenntnisse schon gar nicht. Zum Glück hat er in Sven einen geeigneten Mentor gefunden, hinsichtlich seines mangelnden Englisch. Vielleicht kann der ihm erklären was eine Bad Bank ist. Hat das mit einem Bad, womöglich in Geld baden, zu tun? »Nein Max, das ist quasi eine Bäd Bänk, also eine schlechte Schulden Bank. Die nennen das so, um das gemeine Volk nicht auf die Idee zu bringen, dass die Bürger eigentlich selbst für die Ausfälle der Banken bezahlen. Besonders beliebt ist das in einer durch Spekulationen selbstverursachten Bankenkrise, im Volksmund auch als Finanz- und Eurokrise bekannt. Die Bad Bank ist also eine Abwicklungsbank für faule Kredite sanierungsbedürftiger Banken. Ziel ist die Übertragung der Ausfallrisiken auf Dritte« weiß Sven. Eine Bandenkrise also. So, oder ähnlich, wurde auch Griechenland verschrottet, denkt sich Max. Ist das nun schade oder besser, dass man das als einfacher Bürger nicht merkt. Da hilft alles Grübeln nicht. Als besonderer Clou hat sich nun so eine Bad Bank um satte 55 Milliarden verrechnet. Damit fällt die deutsche Schuldenquote um einen ganzen sagenhaften Punkt. Da diese Bank jetzt aber dem ganzen Volk gehört, könnte man dort bestimmt gleich etwas abheben, oder hat Max das schon wieder falsch verstanden. Und wie können sich Bankenrechenkünstler um so viele Kommas verrechnen? Das sind vermutliche diese Bankster, von denen man immer mehr hört. Zum Glück hat sich Max mit seinen Kenntnissen in den Grundrechenarten noch nie verrechnet. Das wäre auch ganz fatal, weil er sich dann gewiss wegen Unterschlagung und Betrug und was noch alles verantworten müsste. Bombo Müller betritt die Chill Out Zone, zum Glück ist noch ein Stuhl frei. »Gudden Dohg« begrüßt er alle zusammen, nicht vergessend mit den Knöcheln seiner rechten Hand auf die Tischplatte zu trommeln. Heute hat der kleine und viel zu dünne Mittfünziger Spätschicht. Aus Stressgründen braucht er vorher noch unbedingt ein Flasche Export Bier direkt aus der Flasche. Der türkische kurdische Kellner ist schon unterwegs. Bombo ist ein Opfer türkischer Einwanderer. Als seine Ehefrau mit einem türkischen Migrationshintergrund das Haus verließ, ist der hörige Leser einer Bundesweiten Tageszeitung mit vielen Bildern, nur noch niedergeschlagen und überzeugter Ausländerhasser. Inzwischen hat der kurdische Kellner den Exportauftrag erledigt und Bombo nimmt erst mal einen tiefen Schluck aus der Pulle. Er ist wohl der Einzige der Chill Out Area, der einer regelmäßigen Arbeit nachgeht, und dennoch schon nach dem ersten des Monats kein Geld mehr zur Verfügung hat. Fast sein ganzes Gehalt geht drauf, welches er bei einer Weltfirma verdient, die auf der ganzen Welt tätig ist. Hat wohl noch viel an Haus und Hof und Banken und Kinder abzubezahlen, der Arme. »Santé« ruft Claudine mit ihrem Ouzo in der Hand. »Cheers« rufen die Anderen in der türkischen Kneipe weltmännisch zurück. Der türkische Patron, eigentlich Armenier, spendiert eine Schale Pistazien für 1,50 €. Es erklingt kein Beifall. Darf man Prost, Santé, und Cheers einfach so zum Trinkspruch erklären, wundert sich Max. Das wirkt irgendwie pseudo-elegant und aufgesetzt. Prosit aus dem Lateinischen kommend, bedeutet doch >es möge nützen<. Das geht gar nicht. Die Verkleinerung »Prösterchen« ist ein noch schlimmerer stilloser Fauxpas. Im Allgemeinen wird heute nur das Glas erhoben und ein »Zum Wohl« hinzugefügt. Na gut, mit Kumpels im Biergarten kann man vielleicht auch schon mal ein lustiges »Nicht lang schnacken, Kopf in Nacken« trällern. Oder man passt sich einfach der auserwählten Trinkgesellschaft an. Neues Hefeweizen und griechischer Ouzo machen die Runde. »Ein Hoch auf die türkische Gastfreundschaft« tönt Sven. Bombo, mental schon in der Spätschicht, Claudine, von Geburt Baskin und wahrscheinlich innerlich auf Frankreich fluchend, und Max still über diese ganze Runde philosophierend, sagen für ein paar Sekunden gar nichts. »Ach ja« seufzt Bombo endlich, der gerne noch ein Export getrunken hätte, und macht sich mit seinem neudeutschen Backpack weiter auf den Weg zur Weltfirma. »Hey Sven, warum sagt man zu so einem Rucksack jetzt nur noch Backpack?« »Jaaa, das kommt halt vom Outdoor und Trekking her, aus dem Amerikanischen« »Und mit einem ordinärem britischen, oder deutschsprachigem Rucksack darf ich nur noch innentürlich herumwandern?« »Nein, so ist das auch wieder nicht. Aber ein Backpacker hat ein festes Ziel vor Augen, während die Rucksackleute von damals nur umherwanderten, dann abends irgendwo einkehrten und auch dort übernachteten. Zum Beispiel auf dem Weg nach Poona, oder so« »Aua, aber ein Backpack im Amerikanischen war doch früher einmal ein Totensack, für die Beute der Jäger und auch diese riesen Dinger der US Armee heißen so. Versteht das ein Amerikaner in Deutschland?« »Klar doch, die verstehen alles was die Deutschen da so an neuen amerikanisch englischen Wörtern zusammenbasteln. »Sind halt Anglizismen« meint Sven. Das kann Max bei allem Wohlwollen nicht nachvollziehen. Wenn deutsche Hersteller ihren Produkten amerikanisch klingende Namen geben, um die besser verkaufen zu können und in der Werbung dafür, die jetzt auch schon Äds von Advertising her heißt, das Ganze als Trendy und Hip und Top erklären, hat der normal verständige Bürger, egal welcher Nation, wohl keine andere Chance als diesen Nonsens einfach mitzumachen. Anglizismen kennt Max schon gar nicht. Was soll das sein? Richtig englisch spricht doch kaum jemand auf der Welt. Die rein schon an Einwohnern überzählige Riesennation der USA wird einen Teufel tun, diese englische Minderheitensprache in Reinform zu sprechen. Also müsste man deshalb schon von Amerikanismen sprechen. Obwohl der gebildete US Amerikaner weiß, dass das Wort Rucksack eine deutsche Wortschöpfung ist und auf dem Rücken getragen wird, im Gegensatz zu den Backpacks die beim Gehen meistens in die Kniekehlen schlagen. Zur Verwunderung und Belustigung älterer Mitbürger. Auch weiß der Mensch aus der neuen Welt was kraxeln ist. Der Uralt Rucksack war ein Hafersack, auch Kraxe genannt und speziell für gebirgige Klettereien geeignet, eben das Kraxeln. Amerikanismen sind für Max ein eindeutiges Imponierdeutsch. Selbstverständlich muss sich eine Sprache stets weiter entwickeln. Es gibt aber keinen Grund dafür warum ein gutes Deutsch selbst auf Hochschulen entwertet wird. Man geht heutzutage walken, am besten mit einem Kaffee aus dem westafrikanischen Land Togo in der Hand. Oder heißt to go ganz banal zum Davonlaufen? Es geht akademisch aber noch besser wenn sogar Latein nicht einmal vor Anglizismen verschont bleibt. Von einer Dual Career ist da die Rede, oder und leider auch oft, von einer Management Diversity, im Sinne von >soziale Vielfalt konstruktiv nutzen<. Dieses hebt das Ansehen des ausgebeuteten Mitarbeiters und lässt ihn im Glauben er sei einer von besonderer Wertschätzung Betroffener. Das ist doch cool. Dabei steht aber nicht die Minderheit selbst im Augenmerk, sonder Alle in ihren Unterschieden. Die amerikanische Wörterleidenschaft hat auch Worte wie Beamer und Handy hervorgebracht, obwohl der Wortursprung des mobilen Telefons eher in der Türkei zu suchen ist. Es klingt dann schon sehr gebildet und International wenn man sich solcher Anglizismen bedient. Richtig weh tun allerdings Sätze wie, Hier Coffee To Go, jetzt auch zum Mitnehmen, oder I like your Küchenmöbel. Auch Back Factory, heute For Sale und so weiter und so fort. In Sekundenbruchteilen erkennt man Politiker und Journalisten, die sich mit dem fehlerhaften Gebrauch solchen Unsinns lächerlich machen. Solche Loser Events im Fernsehen, sieht Max besonders gerne. Anglizismus des Jahres ist leaken, hat eine Jury eines sprachwissenschaftlichen Klubs beschlossen. Gleich danach kamen App und entfrienden. Die Badische Zeitung stellt fest: Leaken, also enthüllen, verstehen ganz Sprachgewandte gleich als deutsches lecken. Das Internet als Parademedium kann dann gleich weiterhin großflächig leaken, schon wegen der germanliken Sprachstruktur. Inzwischen auch als Wikileck und Wikienthüllungen in Gebrauch. Max kommt immer mehr dahinter warum sein Mentor als so gebildet daher kommt. Ob er das alles selbst versteht, wird wohl Svens Geheimnis bleiben. Or something like that»
So mon amis, isch muss jetzt zu mein Therapöt« unterbricht Claudine Maximilians Gedanken in bestem Franco Deutsch. Sven grinst über den Therapöt. »Ich muss auch die Location wechseln« meint der moderne Modell Germane Sven. »Wo geht es denn hin, in die neue Public Station, oder doch wieder zum Griechen mit dem intellektuellem ultradeutschem Publikum?« möchte Max wissen. »Wie, Public Station heißt das ehemalige Bahnhof Stüble jetzt? Nee, ich gehe lieber in den Kleinen Will, egal Grieche. Vielleicht gibt es dort neue Aufträge für mich« »Dort musst du aber ganz schnell fünf Ouzos kippen, um ruck zuck auf dem Niveau der Stammgäste zu sein, gell« lästert Max, der aus Prinzip schon, nie einen Fuß in diese Location setzen würde. Zu viele patriotische Events in Form von Alkohol und Wild-Zeitungslektüre.
Max macht sich auf, seine persönliche Abhängzone im dritten Stock zu erklimmen. Auf dem Weg dorthin kommt er jedes Mal am Bahnhof vorbei, wo er sich ab und zu noch Filter für seine selbstgedrehten Zigaretten kauft. Das waren noch Zeiten, als dort noch ein Metzgerei-Imbiss installiert war. Heute betreibt das Einer aus irgendwoher und nennt sich >Butts Corner<, das muss man sich mal reinziehen, stellt Max resignierend fest. Eine Arsch-Ecke mit drei krummen Tischen auf Public-Outdoor-Biergarten und stark gesalzenen Preisen. Nix wie weg, denkt Max.
Zuhause angekommen, wie immer vor Schmerzen krümmend und schnaufend, stellt er gleich den immer auf Standby stehenden TiVi an. Solange sein Computer hochfährt bereitet er sich eine Nudelsuppe mit Ei in der Küche vor. Aus dem Fernseher hört er Karlena Knallschuh über die sogenannten 1980er Jahre sprechen. Einfach Achtziger Jahre zu sagen, muss schon arg niveaulos klingen. Diese 19hunderter irgendwas Jahre, das hat schon etwas. Und man kommt auf keinen Fall durcheinander mit diesen Jahrtausenden. Von Frau Knallschuh erfährt Max noch etwas über »crossing leadership«. Dabei handelt es sich um eine wohlwollende Dominanz beim Hund. Ganz wichtig. Im Hintergrund fuchtelt der weltberühmte Fuchtelkoch Karmin Trotzmeier, wild in einer mitleiderregenden Pfanne kratzend, etwas Undefinierbares aus seiner fränkischen Heimat zusammen. Das kommt immer gut an, vor allem weiß man sofort wie viele Kalorien und Broteinheiten man nicht extra zu verzehren braucht und ob die Entenbrust Ovolaktovegetarisch und vor allem Gluten frei ist. Selbstverständlich erfährt man auch etwas über Aromaten und aromatisieren, kein Wort über Gewürze, dafür aber viel über regionales Gemüse und regionale Früchte der Saison, wie etwa unbehandelte Ananas. Ein alternder Schlagersänger, von Frau Knallschuh als gefeierter Rocker tituliert, kaut an einem arm wirkendem Brötchen und erzählt von seiner Glanzzeit und dem tiefen Fall und seiner Biografie, die unübersehbar auf dem gemeinsamen Frühstückstable liegt und direkt »buy me« schreit. Die geneigten Zuschauer können auch gleich anrufen und wichtige Fragen an den Rocker stellen. Vielleicht auch darüber wie er seinen Peace of Mind beim Catch and Free Angeln gefunden hat. Währenddessen stimmt Ringo Nonsinns im Backstage Bereich seine Gitarre für einen eventuellen Auftritt, zusammen mit dem alternden Schlagerstar.
Max hat genug von diesem Unsinn und kümmert sich voller Begeisterung um sein römisches Aufbauspiel. Seit er begriffen hat wie er dort seine Leute versorgen muss, um im Spiel weiter zu kommen, ist er kaum noch davon weg zu kriegen. Es macht ihm Spaß zu sehen, dass selbst in der Simulation, Handwerker auch nur schuften wenn sie genügend zum Essen haben und die Zeit sich zu erholen. Und da geht natürlich ohne Bauern und alles was dazu gehört rein gar nichts. Klar, Rom wurde nicht an einem Tag gebaut.
Ein seltenes Geräusch, es klingelt an der Tür. Mit einem Paket Kaffee in der Hand begrüßt Suzanna Lessa den überraschten Max. Hin und wieder schaut sie mal auf einen Kaffee vorbei, den sie meistens selbst mitbringt, um ein Schwätzchen zu halten. Das ist für Max oft eine willkommene Gelegenheit sich auch mal geradeaus und unkompliziert zu unterhalten. Obwohl Suzanna aus einer Zeit entstammt, in der an Schulen noch ein richtiges und authentisches Englisch unterrichtet wurde, nimmt sie die Amerikanisierung der sowohl englischen, als auch der deutschen Sprache als gegeben hin. Höchstens mal achselzuckend bei der Feststellung, wie die Metamorphose deutscher Provinznester fortschreitet. Dort kann man jetzt nicht einfach mal so einkaufen. Auch da wird jetzt geshoppet und es gibt viel Sale überall. Ein dorfübergreifendes Car Sharing ist voll angesagt, nachdem viele Nahverkehrslinien aus Kostengründen eingestellt wurden, weiß Suzanna zu berichten. Ist auch ganz wichtig, falls man dringend Designer Sale aus der City braucht, oder so ähnlich. Der süddeutsche Gruß »Grüß Gott« gilt inzwischen auch in den Dörfern als out. Ein hippes Hi bereichert das Landleben und die alte Old Fashioned schwäbische Hausfrau putzt jetzt nicht mehr einfach so, sie bleachet mit Power Baking Soda. Nicht zu verwechseln mit dem trendigen Dental Spa Zahn Bleaching beim Business Zahnarzt. Oder gar mit »Bleach«, der Manga Serie von Titu Kubo, die auch als Anime umgesetzt wird. Schön und immer wieder lustig sind die Talks mit Suzanna für Max, obwohl sie einiges eher etwas verbissen sieht. Neuen Medien und Elektronik gegenüber eher abgeneigt, sieht sie ihre ureigene Weltordnung im Wanken. Macht aber nichts, solange sie ihre bald zu erwartende Rente noch als gesichert sieht. Außerbörsliche Regeln, Quick Trading und andere abgespacete Sauereien haben da sowieso keinen Platz. Ein berühmt gewordener Tea Master aus dem Schwarzwald bereitet da eindeutig mehr Fun. Vor allem in Verbindung mit Drei Sterne Space Food Dosen, seines Maitre de Cuisine, der für die kostverwöhnten Astronauten der NASA, Blutwurst und Kartoffelmatsche ganz extra ordinär zubereitet. Als fleißige Leserin sämtlicher psychothrillerisch angehauchter Kriminallektüre, ähnlich ihrer Freundin Mimi Seitenzeller, bleibt ihr viel erspart an televisionärem Unsinn. Naja, bis auf diese Spezial Sendungen, wie irgendwelche irgendwas Classics, oder wo ein legendärer Abhängcontest stattfindet. Interessant ist auch, was so ein Medien Coach einem skelettierten Girl versucht alles auf dem Catwalk beizubringen. Klingt wie Cat Wok, was aber nichts mit einer asiatischen Pfanne zu tun hat. Gar nicht so einfach, jemanden eine relativ natürliche Fortbewegungsweise abzugewöhnen. Zum Glück wird dieses, Backstage gründlich geübt und nach erfolgreichem Gewackel und Gezuckel, ohne von den viel zu hohen High Heels zu kippen, kann das ambitionierte Opfer seiner selbst, dann endlich eine Aftershowparty schmeißen. Nein, Proktologen sind da selten dabei, ist sich Suzanna sicher. Sie entdeckt auch immer wieder neue Hotspots, wie ein Burgevent in der Heimat, oder die sagenhaften Top Fun Events am Biotermal Pool der Stadt, dem Klärwerk, falls man sonst nichts mehr braucht. Hin und wieder bereist sie, je nach Attraktionen, sogenannte Alleinstellungsmerkmale verschiedener Cities. Natürlich gleich in Verbindung mit irgendwelchen Powerkäufen, Hauptsache es ist ein guter Deal für mindestens den halben Preis. Das ist schon so eine Art Sucht bei ihr. Auch Baumarktshopping gehört zum gelegentlichen Programm. Speziell in der Bad Shop Abteilung, was jetzt nichts mit der Abteilung eines schlechten Laden zu tun hat. Ihren letzten Kaffee ausschlürfend, verabschiedet sie sich, nicht undankbar für die Kurzweil.
Am nächsten Morgen vernimmt Max die Meldung aus dem Klapperkasten, »150 Tote in Cambodia«. Warum und wieso und wo ist das überhaupt, erschließt sich ihm nicht. Für Nachrichtensprecher wie Peter Deppel ist es in der heutigen Zeit anscheinend nicht mehr möglich, Länder wie Kambodscha, oder auch die Philippinen, exakt in deutscher Sprache zu auszudrücken. Liegt das am Massentourismus, in der Annahme, jeder kennt die ganze Welt inklusive derer Länder, die es jetzt nur noch amerikanisch auszusprechen gilt. Oder ist es eher die allgemeine arrogante Ignoranz, alles was außerhalb der USA und Deutschland liegt, nicht mehr erwähnenswert erscheinen zu lassen. Außer Malle und Arkansas, sprich Arkonsoa. Mit dem Kaugummi R natürlich. Wenn irgendwo plötzlich und unangemeldet hundertfünfzig Menschen tot umfallen kommt das halt vor. Aber wenn ein Bagger bei Bauarbeiten im Middle of Nowhere Arkonsoa umkippt, ist es wichtig der Welt mittzuteilen, dass sich der Fahrer dieser Outdoor Monstermaschine rechtzeitig retten konnte. Nochmal Glück gehabt. Immerhin erfährt Max am Schluss noch, dass das Wetter heute regennass ist, mit Blick aus dem Fenster, wo der Himmel zwar leicht wolkenverhangen, jedoch voller Sonnenstrahlen durchflutet ist.
