Steelheart - Brandon Sanderson - E-Book

Steelheart E-Book

Brandon Sanderson

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Beschreibung

Selbst der stärkste Gegner ist verwundbar – du musst nur wissen, wo

Als David sechs ist, zerstört eine gewaltige Explosion die Welt, die er kannte. Einige der Überlebenden erlangen Superkräfte, die sie dazu nutzen, sich die übrigen untertan zu machen. Als David acht ist, muss er miterleben, wie einer dieser Superhelden, ein gewisser Steelheart, seinen Vater ermordet. Von da an kennt David nur ein Ziel: herauszufinden, warum sein Vater sterben musste. Und ihn zu rächen. Er schließt sich einer Untergrundbewegung an, die die Herrschaft der scheinbar unbesiegbaren Superhelden bekämpft. David ahnt, dass sogar der mächtige Steelheart eine Schwachstelle hat. Er muss sie nur entdecken. Doch das bunt zusammengewürfelte Grüppchen der Widerstandskämpfer muss sich erst zusammenraufen. Und nicht jeder billigt Davids Plan, Jagd auf Steelheart zu machen …

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Seitenzahl: 558

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BRANDONSANDERSON

Roman

Aus dem Amerikanischenvon Jürgen Langowski

Die Originalausgabe ist unter dem Titel Steelheartbei Delacorte Press, Random House Children’s Books, New York, erschienen.

Copyright © 2013 by Dragonsteel Entertainment, LLC

Copyright © 2014 der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Sven-Eric Wehmeyer

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design,

unter Verwendung eines Motivs von Mike Bryan / Angela Carlino

Satz: Schaber Datentechnik, Wels

ISBN: 978-3-641-12566-0

www.heyne-fliegt.de

Für Dallin Sanderson, der das Böse Tag für Tag mit seinem Lächeln bekämpft

Prolog

ICH HABE STEELHEART BLUTEN SEHEN.

Das war vor zehn Jahren. Ich war damals acht. Mein Vater und ich hatten die First Union Bank in der Adams Street aufgesucht. Damals, vor der Annektierung, benutzten wir noch die alten Straßennamen.

Die Bank war riesig. Eine gigantische Schalterhalle mit weißen Säulen an den Seiten, in der Mitte ein Mosaikboden, hinten breite Türen, die tiefer ins Gebäude hineinführten. Zwei mächtige Drehtüren gingen zur Straße hinaus, neben ihnen gab es noch zwei normale Durchgänge. Männer und Frauen strömten hin und her, als sei der Raum das Herz eines gewaltigen Tieres, in dem der Lebenssaft der Menschen pulsierte, das Geld.

Ich kniete verkehrt herum auf einem Stuhl, der zu groß für mich war, und beobachtete die Menschen. Das tat ich gern – die unterschiedlichen Gesichter, die Frisuren, die Kleidung, die Mienen. Damals sahen die Menschen noch sehr unterschiedlich aus. Es war aufregend.

»David, dreh dich bitte herum«, sagte mein Vater. Er hatte eine leise Stimme, die er nie erhob, abgesehen von dem einen Mal bei der Beerdigung meiner Mutter. Ich schaudere heute noch, wenn ich daran denke, wie er an diesem Tag litt.

Widerwillig gehorchte ich. Wir saßen am Rand der Schalterhalle in einer der Nischen, in denen die Kreditberater arbeiteten. Unsere Nische wirkte wegen der gläsernen Wände nicht ganz so beengt, aber ich fühlte mich trotzdem unwohl. An den Wänden hingen kleine, mit Holz gerahmte Fotos von Familienangehörigen, auf dem Tisch stand eine Schale mit billigen Bonbons und einem Glasdeckel, den Aktenschrank zierte eine Vase mit verblichenen Plastikblumen.

Es war die Imitation eines gemütlichen Heims. Die aufgesetzte Freundlichkeit des Mannes, der uns bediente, passte gut dazu.

»Wenn wir mehr Sicherheiten hätten …« Der Kreditberater lächelte unaufrichtig.

»Alles, was ich besitze, ist dort aufgeführt.« Mein Vater deutete auf das Blatt, das zwischen uns auf dem Schreibtisch lag. Seine Hände waren voller Schwielen, die Haut war gebräunt, weil er so oft draußen in der Sonne arbeitete. Meine Mutter wäre zusammengezuckt, wenn sie gesehen hätte, dass er in Arbeitshosen und dem alten T-Shirt mit der aufgedruckten Comicfigur einen so wichtigen Termin wahrnahm.

Wenigstens hatte er sich die Haare gekämmt, die allmählich schütter wurden. Der Verlust traf ihn nicht so sehr wie viele andere Männer. »Das heißt doch nur, dass ich nicht mehr so oft zum Friseur muss, Dave«, hatte er mir lachend erklärt und war sich mit gespreizten Fingern durch die ausgedünnten Haare gefahren. Ich hatte ihn nicht darauf hingewiesen, dass er sich irrte. Er musste natürlich genauso oft wie früher zum Friseur, solange ihm nicht sämtliche Haare ausgefallen waren.

»Ich fürchte, ich kann nichts weiter für Sie tun«, erwiderte der Kreditberater. »Das wurde Ihnen auch schon einmal gesagt.«

»Ihr Kollege war der Ansicht, dass es reicht.« Mein Vater faltete die großen Hände. Er machte sich Sorgen, große Sorgen.

Der Kreditberater lächelte ungerührt und tippte auf einen Stapel Papiere auf seinem Schreibtisch. »Die Welt ist jetzt viel gefährlicher, Mister Charleston. Die Bank hat sich entschieden, keine Risiken mehr einzugehen.«

»Gefährlicher?«, fragte mein Vater.

»Nun ja, Sie wissen schon, die Epics …«

»Aber die sind doch nicht gefährlich«, erwiderte mein Vater leidenschaftlich. »Die Epics sind hier, um uns zu helfen.«

Nicht das schon wieder, dachte ich.

Nun verging dem Kreditberater das Lächeln, als hätte ihn der Ausbruch meines Vaters erschreckt.

»Verstehen Sie es denn nicht?« Mein Vater beugte sich vor.

»Es sind keine gefährlichen Zeiten. Es sind wundervolle Zeiten!«

Der Kreditberater legte den Kopf schief. »Wurde Ihr altes Haus nicht von einem Epic zerstört?«

»Wo es Schurken gibt, da gibt es auch Helden«, erklärte mein Vater. »Warten Sie nur ab. Sie werden kommen.«

Ich glaubte ihm. Damals dachten viele Menschen wie er. Calamity war zwei Jahre vorher am Himmel erschienen, und ein Jahr zuvor hatten sich die ersten normalen Menschen in Epics verwandelt. Sie waren beinahe wie die Superhelden aus den Geschichten.

Damals hatten wir noch Hoffnung und wollten die Wahrheit nicht sehen.

»Nun …« Der Kreditberater faltete direkt neben einem aufgestellten Foto, das lächelnde afroamerikanische Kinder zeigte, die Hände. »Leider teilen unsere Risikoprüfer Ihre Position nicht. Sie müssen …«

Ich achtete nicht mehr auf das, was die beiden weiter besprachen. Mein Blick wanderte zu den Besuchern, und ich kniete mich wieder verkehrt herum auf den Stuhl. Mein Vater war zu sehr in die Unterhaltung vertieft, um mich zu ermahnen.

Deshalb konnte ich beobachten, wie der Epic die Bank betrat. Ich bemerkte ihn sofort, auch wenn sonst kaum jemand auf ihn achtete. Die meisten Menschen behaupten, man könne einen Epic nicht von einem normalen Menschen unterscheiden, solange er seine Kräfte nicht einsetzt, aber da irren sie sich. Epics verhalten sich anders. Diese sichere Ausstrahlung, diese Selbstzufriedenheit. Ich konnte sie jederzeit erkennen.

Obwohl ich noch ein Kind war, bemerkte ich sofort, dass dieser Mann anders war. Er trug einen locker sitzenden schwarzen Geschäftsanzug mit hellbraunem Hemd, aber keine Krawatte. Er war groß, schlank und kräftig, wie es viele Epics waren, muskulös und von einer Kraft erfüllt, die man trotz der lockeren Kleidung nicht übersehen konnte.

Er schritt mitten in den Raum. In der Brusttasche klemmte eine Sonnenbrille, die er jetzt lächelnd aufsetzte. Dann hob er eine Hand, deutete auf eine Frau, die vorbeiging, und machte eine Bewegung, als wollte er jemandem auf die Schulter tippen.

Sie zerfiel zu Staub, die Kleidung verbrannte, das Skelett stürzte klappernd auf den Boden. Die Ohrringe und der Ehering hatten sich nicht aufgelöst. Mit einem lauten Klirren, das ich trotz des Lärms im Raum gut hören konnte, fielen sie herunter.

Es wurde totenstill in der Schalterhalle. Die Menschen hielten entsetzt inne. Sämtliche Unterhaltungen erstarben. Nur der Kreditberater hörte nicht auf, meinem Vater einen Vortrag zu halten.

Erst als die Schreie einsetzten, unterbrach er sich.

Ich weiß nicht mehr, wie ich mich fühlte. Ist das nicht seltsam? An die Beleuchtung erinnere ich mich gut – unter der Decke hingen prächtige Lüster, die gebrochenes Licht in den Raum sprenkelten. Auch den Zitrone-Ammoniak-Geruch des kürzlich gewischten Mosaikbodens habe ich noch in der Nase, und die schrillen Angstschreie höre ich bis heute. Ich sehe die Menschen voller Angst zu den Ausgängen stürzen.

Am deutlichsten erinnere ich mich an den breit lächelnden Epic – die Miene wirkte beinahe höhnisch –, der auf die fliehenden Menschen zielte und sie mit einer kleinen Geste bis auf die Knochen zu Asche verbrannte.

Wie gebannt sah ich zu, wahrscheinlich hatte ich einen Schock erlitten. Ich hielt mich an der Stuhllehne fest und beobachtete das Gemetzel mit weit aufgerissenen Augen.

Einige Bankkunden, die sich in der Nähe der Tür aufgehalten hatten, konnten fliehen. Wer dem Epic zu nahe kam, starb im Handumdrehen. Anstellte und Kunden kauerten auf dem Boden oder versteckten sich hinter den Schreibtischen. Seltsamerweise wurde es nun wieder ganz still in dem Raum. Der Epic stand da, als sei er allein, einige Papiere segelten durch die Luft, vor ihm lagen Knochen und schwarze Asche auf dem Boden.

»Ich heiße Deathpoint«, verkündete er. »Zugegeben, das ist kein sehr einfallsreicher Name, aber man kann ihn sich gut merken.« Es klang fast beiläufig, als unterhielte er sich bei einem Drink mit seinen Freunden.

Dann schlenderte er durch die Schalterhalle. »Heute Morgen ist mir etwas eingefallen«, fuhr er fort. Der Raum war so groß, dass es hallte. »Beim Duschen kam es mir in den Sinn. Ich habe mich gefragt: Deathpoint, warum willst du heute eigentlich eine Bank ausrauben?«

Lässig zielte er auf zwei Wachleute, die neben den Verschlägen der Kreditberater aus einem Seitengang spähten. Sie zerfielen zu Staub, und die Abzeichen, die Gürtel, die Waffen und die Knochen fielen klappernd zu Boden. Im Körper eines Menschen gibt es viele Knochen. Viel mehr, als mir bewusst war, und wenn sie einfach so herunterfallen, entsteht ein großes Durcheinander. Seltsam, dass mir in diesem schrecklichen Moment ausgerechnet dieses Detail auffiel, aber ich kann mich noch genau daran erinnern.

Ich spürte eine Hand auf der Schulter. Mein Vater hatte sich vor seinen Stuhl gehockt und wollte mich herunterziehen, damit mich der Epic nicht bemerkte. Ich wollte mich jedoch nicht rühren, und mein Vater konnte mich nicht zwingen, ohne Deathpoints Aufmerksamkeit zu erregen.

»Ich habe das schon seit Wochen geplant«, fuhr der Epic fort. »Aber erst heute kam mir diese Frage in den Sinn. Warum? Warum die Bank ausrauben? Ich kann auch so alles bekommen, was ich haben will. Es ist lächerlich!« Er sprang um einen Schalter herum, worauf die dahinter kauernde Kassiererin aufschrie. Ich konnte die Frau, die auf dem Boden hockte, gerade eben erkennen.

»Das Geld bedeutet mir nichts«, erklärte der Epic. »Überhaupt nichts.« Er zielte auf die Frau, die zu Asche und Knochen zerfiel.

Der Epic drehte sich um sich selbst, visierte mehrere Stellen im Raum an und tötete die Menschen, die zu fliehen versuchten. Schließlich schoss er auch auf mich.

Endlich erwachte ein Gefühl in mir. Ein Anflug von Angst.

Hinter mir prallte ein Schädel auf den Schreibtisch, rollte weiter und landete in einer Aschewolke auf dem Boden. Der Epic hatte gar nicht auf mich, sondern auf den Kreditberater gezielt, der sich hinter mir versteckt hatte. Hatte der Mann zu fliehen versucht?

Der Epic wandte sich wieder an die Kassierer hinter dem Schalter. Mein Vater hatte meine Schulter gepackt und hielt mich fest. Ich spürte seine Sorge um mich beinahe körperlich, als strömte etwas durch seinen Arm in mich hinein.

Da erwachte meine Angst endgültig. Eine reine, lähmende Angst. Wimmernd und zitternd kauerte ich mich auf den Stuhl und versuchte, die schrecklichen Bilder der sterbenden Menschen zu vergessen.

Mein Vater zog die Hand weg. »Rühr dich nicht«, hauchte er.

Ich nickte nur, denn ich fürchtete mich sowieso viel zu sehr, um irgendetwas anderes zu tun. Mein Vater spähte um seinen Stuhl herum. Deathpoint schwatzte mit einem Kassierer. Sehen konnte ich es nicht, doch ich hörte es, als die Knochen auf den Boden fielen. Der Epic richtete die Menschen der Reihe nach hin.

Die Miene meines Vaters verfinsterte sich. Er blickte einen Seitengang hinunter. Wollte er fliehen?

Nein. Dort waren die Wächter gestorben. Durch die gläserne Wand unserer Nische sah ich eine Pistole auf dem Boden liegen. Der Lauf steckte halb in der Asche, der Griff war schräg auf einer Rippe gelandet. Mein Vater betrachtete die Waffe. Als junger Mann hatte er in der Nationalgarde gedient.

Tu das nicht!, dachte ich panisch. Nein, Vater! Allerdings bekam ich kein Wort über die Lippen. Mein Kinn zitterte, und die Zähne klapperten, sobald ich zu sprechen versuchte, als hätte ich die Grippe. Wenn mich der Epic nun hörte?

Andererseits durfte ich nicht zulassen, dass mein Vater so etwas Dummes tat. Er war alles, was ich noch hatte. Kein Heim, keine Familie, keine Mutter. Als er sich in Bewegung setzte, hielt ich ihn am Arm fest, schüttelte den Kopf und überlegte fieberhaft, was ihn umstimmen konnte. »Bitte«, flüsterte ich schließlich. »Die Helden. Du sagtest doch, dass sie kommen. Sie sollen ihn aufhalten.«

»Manchmal muss man den Helden auf die Sprünge helfen, mein Sohn«, erwiderte mein Vater und bog meine Finger auf.

Er blickte zu Deathpoint und kroch in die nächste Nische. Ich hielt den Atem an und lugte vorsichtig um meine Stuhllehne herum. Ich musste es einfach sehen. Auch wenn ich vor Angst zitterte und den Kopf einzog, ich musste es sehen.

Deathpoint sprang über die Theke und landete auf der anderen Seite, wo wir uns befanden. »Deshalb spielt es eigentlich keine Rolle«, sagte er immer noch in entspanntem Gesprächston und schlenderte durch die Schalterhalle. »Wenn ich eine Bank ausraube, bekomme ich das Geld, aber ich muss mir ja gar nichts kaufen.« Er hob den tödlichen Finger. »Ein Rätsel. Glücklicherweise fiel mir beim Duschen noch etwas anderes ein: Es ist sehr unbequem, jedes Mal einen Menschen zu töten, wenn man etwas haben will. Viel besser ist es, den Menschen meine Macht zu zeigen und sie einzuschüchtern. Danach wird mir niemand mehr etwas abschlagen, das ich haben will.«

Er sprang um eine Säule herum und überraschte eine Frau, die ihr Kind an sich drückte. »Ja«, fuhr er fort. »Eine Bank des Geldes wegen auszurauben ist sinnlos – aber zu zeigen, was ich tun kann … das ist nach wie vor wichtig. Deshalb führe ich meinen Plan aus.« Er zielte und tötete das Kind, und die entsetzte Frau hielt einen Haufen Knochen und Asche in den Armen. »Freust du dich nicht darüber?«

Entsetzt beobachtete ich die Frau, die immer noch die Decke an sich presste, in der die Knochen ihres Babys hin und her rutschten. In diesem Augenblick begriff ich, wie ernst es war. Schrecklich ernst. Mir wurde übel.

Deathpoint wandte uns den Rücken zu.

Mein Vater kroch aus der Nische und nahm die herrenlose Pistole an sich. Zwei Kunden, die sich hinter einer Säule versteckt hatten, rannten zum nächsten Ausgang und rempelten meinen Vater an. Beinahe wäre er gestürzt.

Deathpoint drehte sich um. Mein Vater kniete am Boden und schüttelte die Asche von der Pistole.

Der Epic hob die Hand.

»Was hast du hier zu suchen?«, donnerte eine neue Stimme.

Der Epic fuhr herum, alle blickten in die Richtung, aus der die tiefe, herrische Stimme kam.

Im Ausgang, der zur Straße führte, stand jemand. Er wurde von hinten beleuchtet und war wegen des hellen Sonnenlichts, das hinter ihm auf die Fahrbahn fiel, nur als Silhouette zu sehen. Eine erstaunliche, herkulische, Ehrfurcht gebietende Silhouette.

Wahrscheinlich haben Sie schon einmal Bilder von Steelheart gesehen, aber ich kann Ihnen versichern, dass die Bilder völlig unzulänglich sind. Kein Foto, kein Video und kein Gemälde konnten diesem Mann gerecht werden. Er war ganz in Schwarz gekleidet. Ein Hemd, das sich auf dem übermenschlich großen und starken Oberkörper spannte. Hosen, die locker saßen, ohne sich auszubeulen. Er trug keine Maske, wie es einige der ersten Epics getan hatten, aber dafür flatterte hinter ihm ein prächtiges silbernes Cape.

Er brauchte keine Maske. Dieser Mann hatte keinen Grund, sich zu verstecken. Er breitete die Arme aus, und der Wind drückte alle Türen auf. Die Asche wehte über den Boden, Papiere flatterten. Steelheart erhob sich mit wallendem Cape ein paar Zentimeter in die Luft und schwebte in den Raum herein. Er hatte Arme wie Stahlträger, Beine wie Gebirge und einen Hals wie ein Baumstamm. Dabei war er keineswegs unförmig oder massig, sondern vielmehr majestätisch mit seinem pechschwarzen Haar, dem markanten Kinn, dem unglaublich kräftigen Körperbau und der Größe von über zwei Metern.

Und dann diese Augen. Strahlende, fordernde, kompromisslose Augen.

Als Steelheart anmutig in den Raum schwebte, hob Deathpoint hastig einen Finger und zielte auf ihn. Steelhearts Hemd zischte an einem winzigen Punkt, als hätte jemand eine Zigarette auf dem Stoff ausgedrückt, aber sonst passierte nichts. Er schwebte die Treppe herunter und landete kurz vor Deathpoint federleicht auf dem Boden. Das große Cape fiel sanft herab.

Noch einmal zielte Deathpoint auf ihn. Er wurde offenbar nervös. Abermals war nur ein leises Knistern zu hören. Steelheart trat vor den anderen Epic, den er wie ein Gebirge überragte.

In diesem Moment wurde mir klar, dass mein Vater auf einen Augenblick wie diesen gewartet hatte. Dies war der Held, auf den alle gehofft hatten. Er würde die Schandtaten der anderen Epics wiedergutmachen. Dieser Mann war gekommen, um uns zu retten.

Steelheart packte Deathpoint, der mit etwas Verspätung versuchte, die Flucht zu ergreifen. Mit einem Ruck hielt Deathpoint inne, die Sonnenbrille fiel klappernd auf den Boden. Er keuchte vor Schmerzen.

»Ich habe dir eine Frage gestellt«, sagte Steelheart mit einer Stimme, die wie Donner grollte. Er zog Deathpoint zu sich herum und sah ihm in die Augen. »Was hast du hier zu suchen?«

Deathpoint zuckte panisch. »Ich … ich …«

Steelheart ermahnte seinen Widersacher mit erhobenem Zeigefinger. »Ich beanspruche diese Stadt für mich, kleiner Epic. Sie gehört mir.« Er hielt inne. »Es ist mein Recht und nicht deines, die Menschen hier zu beherrschen.«

Deathpoint legte den Kopf schief.

Wie bitte?, dachte ich.

»Anscheinend besitzt du gewisse Kräfte, kleiner Epic«, fuhr Steelheart fort, während er die in dem Raum verstreuten Knochen betrachtete. »Du wirst dich mir unterwerfen. Schwöre mir die Treue, oder stirb.«

Ich konnte nicht glauben, was Steelheart da sagte. Es machte mich ebenso fassungslos wie Deathpoints Morde.

Diese Aussage – diene mir, oder stirb – sollte zur Grundlage seiner Herrschaft werden. Steelheart sah sich in der Schalterhalle um und sprach mit dröhnender Stimme. »Ich bin jetzt der Gebieter dieser Stadt. Ihr werdet mir gehorchen. Ich besitze dieses Land. Ich besitze diese Gebäude. Wenn ihr Steuern zahlt, dann zahlt ihr sie an mich. Wenn ihr nicht gehorcht, werdet ihr sterben.«

Unmöglich, dachte ich. Nicht auch noch er. Ich konnte nicht hinnehmen, dass dieses unglaubliche Wesen genauso war wie alle anderen.

Ich war nicht der Einzige.

»So soll es doch nicht sein«, wandte mein Vater ein.

Steelheart drehte sich um. Anscheinend war er überrascht, dass sich einer seiner verängstigten, wimmernden Untertanen zu Wort meldete.

Mein Vater ließ die Waffe sinken und trat vor. »Nein«, fuhr er fort. »Du bist nicht wie die anderen. Du bist besser als sie.« Er ging weiter und blieb zwei Schritte vor den beiden Epics stehen. »Du bist hier, um uns zu retten.«

Abgesehen von der schluchzenden Frau, die die Überreste ihres toten Kindes festhielt, war es völlig still. Die Frau war außer sich und versuchte, alles einzusammeln und keinen einzigen kleinen Wirbelknochen auf dem Boden zurückzulassen. Ihr Kleid war mit Asche verschmiert.

Ehe die Epics reagieren konnten, flogen die Seitentüren auf. Mit Sturmgewehren bewaffnete Männer in schwarzen Rüstungen rannten herein und eröffneten das Feuer.

Damals hatte die Regierung noch nicht aufgegeben und versuchte weiterhin, die Epics zu bekämpfen und den Gesetzen der Sterblichen zu unterwerfen. Von Anfang an war klar gewesen, dass man weder zögerte noch verhandelte, wenn man es mit Epics zu tun hatte. Man stürmte mit knallenden Waffen herein und hoffte, der Epic, der vor einem stand, könne durch gewöhnliche Kugeln verletzt werden.

Mein Vater brachte sich mit einem Sprung in Sicherheit. Der alte Kampfinstinkt wies ihm den Weg zu einer Säule vorne in der Bank, an die er sich mit dem Rücken schmiegte. Steelheart drehte sich nachdenklich um, als ihn der Kugelhagel traf. Die Geschosse prallten von ihm ab, zerfetzten zwar die Kleidung, konnten ihm aber nicht das Geringste anhaben.

Epics wie er zwangen die Vereinigten Staaten schließlich, das Kapitulationsgesetz zu verabschieden, das allen Epics vollständige Immunität gegenüber dem Gesetz garantierte. Kugeln konnten Steelheart nichts anhaben. Raketen, Panzer und die fortschrittlichsten Waffen der Menschen fügten ihm nicht einmal einen Kratzer zu. Und selbst wenn es gelang, ihn festzunehmen, hätte ihn kein Gefängnis halten können.

Die Regierung erklärte Menschen wie Steelheart zu Naturgewalten wie Hurrikans oder Erdbeben. Steelheart zu sagen, er könne nicht bekommen, was er wollte, wäre dem Versuch gleichgekommen, den Wind mit einem Gesetz am Wehen zu hindern.

An diesem Tag sah ich in der Bank mit eigenen Augen, warum so viele Menschen beschlossen hatten, sich nicht zu wehren. Steelheart hob eine Hand und strahlte die Energie als kaltes gelbes Licht ab. Deathpoint war hinter ihm in Deckung gegangen, um sich vor den Kugeln zu schützen. Im Gegensatz zu Steelheart hatte er offenbar Angst davor, angeschossen zu werden. Nicht alle Epics sind völlig unempfindlich gegenüber Schussverletzungen; nur die mächtigsten unter ihnen sind dagegen gefeit.

Steelheart ließ mit der Hand einen gelbweißen Energiestoß auf die Soldaten los und verdampfte auf einen Schlag eine ganze Gruppe von ihnen. Darauf brach das Chaos aus. Die Soldaten gingen geduckt in Deckung, wo immer sie einen Schutz fanden, Rauch wallte hoch, Marmorbrocken flogen durch die Luft. Ein Soldat feuerte, während Steelheart seine Gegner mit einem Energiestoß eindeckte, eine Art Rakete ab, die an dem Epic vorbeizischte, in die Rückwand der Bank einschlug und den Tresor aufsprengte.

Brennende Geldscheine flatterten heraus. Münzen flogen durch die Luft und prasselten auf den Boden.

Schreie. Kreischen. Wahnsinn.

Die Soldaten starben stumm. Ich kauerte auf meinem Stuhl und presste mir die Hände auf die Ohren. Es war alles so schrecklich laut.

Deathpoint stand immer noch hinter Steelheart. Nun lächelte er, hob die Hände und langte nach Steelhearts Hals. Ich weiß nicht, was er vorhatte. Wahrscheinlich besaß er noch eine zweite Gabe. Die meisten Epics, die so stark sind wie er, besitzen mehr als eine Fähigkeit.

Vielleicht hätten seine Kräfte ausgereicht, um Steelheart zu töten. Ich bezweifle es, aber wie dem auch sei, wir werden es nie erfahren.

Ein einzelner Schuss knallte. Nach dem ohrenbetäubenden Lärm nahm ich das Geräusch kaum noch wahr. Sobald sich der Rauch legte, konnte ich meinen Vater erkennen. Er stand mit erhobenen Armen mit dem Rücken an der Säule dicht vor Steelheart. Seine Miene verriet seine Entschlossenheit, als er mit der Pistole auf Steelheart zielte.

Nein – nicht auf Steelheart, sondern auf Deathpoint, der hinter ihm lauerte.

Deathpoint brach zusammen. Auf der Stirn zeichnete sich ein Einschussloch ab. Er war tot. Steelheart wandte sich abrupt um und betrachtete den schwächeren Epic. Dann richtete er den Blick auf meinen Vater und hob die Hand zum Gesicht. Auf Steelhearts Wange, gleich unter dem Auge, war eine blutige Schramme zu erkennen.

Zuerst dachte ich, das Blut stammte von Deathpoint. Doch als Steelheart es abwischte, blutete die Wunde weiter.

Mein Vater hatte auf Deathpoint geschossen, wobei die Kugel allerdings zuerst Steelheart gestreift und ihm eine kleine Verletzung zugefügt hatte.

Diese Kugel hatte Steelheart wehgetan, während die Geschosse der Soldaten abgeprallt waren.

»Es tut mir leid«, erklärte mein Vater besorgt. »Er wollte dich angreifen. Ich …«

Steelheart riss die Augen weit auf, hob die Hand und betrachtete sein eigenes Blut. Er schien völlig verblüfft. Dann blickte er zu dem Tresor, anschließend wieder zu meinem Vater. In der Wolke aus Rauch und Staub, die sich gerade legte, standen die beiden voreinander – ein riesiger, herrischer Epic und ein kleiner obdachloser Mann mit einem albernen T-Shirt und ausgefransten Jeans.

Atemberaubend schnell sprang Steelheart vor, schlug meinem Vater die flache Hand auf die Brust und presste ihn gegen die weiße Steinsäule. Knochen brachen, aus dem Mund meines Vaters quoll Blut.

»Nein!«, kreischte ich. Meine eigene Stimme kam mir seltsam vor, als hätte ich unter Wasser geschrien. Ich wollte zu ihm laufen, hatte aber zu große Angst. Mir wird heute noch übel, wenn ich an meine damalige Feigheit denke.

Steelheart machte einen Schritt zur Seite und hob die Waffe auf, die mein Vater fallen gelassen hatte. In seinen Augen brannte der Zorn, als er die Pistole auf die Brust meines Vaters setzte und eine Kugel durch den Körper des verletzten Mannes jagte.

So machte er es gern. Steelheart tötete die Menschen bevorzugt mit deren eigenen Waffen. Das ist sein Markenzeichen geworden. Er besaß unglaubliche Kräfte und konnte mit den Händen Energiestöße abfeuern, doch wenn es darum ging, einen Menschen demonstrativ zu töten, benutzte er am liebsten dessen eigene Waffe.

Steelheart ließ meinen Vater an der Säule in sich zusammensinken und warf ihm die Pistole vor die Füße. Dann schoss er Energiestrahlen in alle Richtungen ab und setzte Sessel, Wände, Schalter und alles andere in Brand. Ich wurde vom Stuhl geschleudert, als ein Energiestoß in der Nähe einschlug, und rollte auf dem Boden weg.

Die Explosionen schleuderten Holz und Glas durch die Luft, und der ganze Raum bebte. Binnen weniger Augenblicke vollbrachte Steelheart ein Zerstörungswerk, das Deathpoints Mordserie weit in den Schatten stellte. Steelheart zertrümmerte den Raum und tötete jeden, den er sah. Ich weiß nicht, warum ich überlebte, als ich im rieselnden Staub durch die Glas- und Holzsplitter kroch.

Schließlich stieß Steelheart einen wütenden, empörten Schrei aus. Ich konnte es kaum hören, aber ich spürte, dass dabei die Wände wackelten und alle Fenster zu Bruch gingen, die noch intakt waren. Dann sandte er abermals eine Energiewelle aus, und der Boden rings um ihn wechselte die Farbe und verwandelte sich in Metall.

Die Verwandlung griff mit schier unglaublicher Geschwindigkeit auf den ganzen Raum über. Der Boden unter mir, die Wände, die Glasscherben – alles wurde zu Stahl. Später erfuhren wir, dass Steelhearts Zorn alle unbelebten Objekte in der Nähe in Stahl verwandelte. Lebewesen und alle Dinge in deren unmittelbarer Nähe blieben dagegen unberührt.

Als sein Schrei abbrach, hatte sich fast die gesamte Bank in Stahl verwandelt, nur ein größerer Abschnitt der Decke und ein Teil der Wand waren Holz und Putz wie zuvor. Dann schwebte Steelheart empor, brach durch die Decke und die Stockwerke darüber und flog in den Himmel davon.

Ich stürzte zu meinem Vater und hoffte, er konnte etwas tun und dem Wahnsinn irgendwie ein Ende setzen. Er krümmte sich vor Schmerzen, als ich ihn erreichte. Sein Gesicht war voller Blut, auch die Schusswunde in der Brust blutete. Panisch klammerte ich mich an ihn.

Es war unglaublich, doch er schaffte es zu sprechen, auch wenn ich die Worte nicht verstehen konnte. Ich war so gut wie taub von dem Lärm. Mein Vater streckte eine zitternde Hand aus, berührte mich am Kinn und sagte noch einmal etwas, das ich nicht verstehen konnte.

Ich wischte mir die Augen mit dem Ärmel trocken und versuchte, ihn am Arm hochzuziehen, damit er aufstand und mit mir wegging. Das ganze Gebäude bebte.

Mein Vater fasste mich an der Schulter, und ich sah ihn mit Tränen in den Augen an. Er sagte nur ein einziges Wort, das ich an den Lippen ablesen konnte.

»Geh.«

Ich verstand es. Gerade war etwas Gewaltiges geschehen. Steelheart hatte eine Schwäche, und das machte ihm Angst. Damals war er neu in der Stadt und noch nicht sehr bekannt, doch ich hatte schon von Steelheart gehört. Angeblich war er unverwundbar.

Allerdings hatte ihn die Pistolenkugel verletzt, und alle hatten seine Schwäche gesehen. Er konnte uns nicht am Leben lassen, denn er musste sein Geheimnis hüten.

Die Tränen liefen mir über die Wangen. Ich fühlte mich wie ein Feigling, weil ich mich umdrehte, wegrannte und meinen Vater im Stich ließ. Das Gebäude bebte weiter, überall gab es Explosionen, die Wände bekamen Risse, die Decke stürzte ein. Steelheart legte das ganze Gebäude in Trümmer.

Einige Leute rannten zum Vorderausgang hinaus, doch Steelheart tötete sie von oben. Andere benutzten Seitentüren, die jedoch nur tiefer in die Bank hineinführten. Sie wurden zerquetscht, als der größte Teil des Gebäudes zusammenbrach.

Ich versteckte mich im Tresor.

Ich wünschte, ich könnte behaupten, das sei eine kluge Entscheidung gewesen, doch in Wahrheit drehte ich mich einfach nur um und floh. Irgendwie erinnere ich mich noch, dass ich in eine dunkle Ecke kroch, mich zusammenrollte und weinte, während das Gebäude in Trümmer ging. Da Steelhearts Wut die Schalterhalle größtenteils in Stahl verwandelt hatte und der Tresor ohnehin aus Stahl bestand, waren dies die einzigen Bereiche, die nicht in Stücke gingen.

Stunden später zog mich eine Rettungshelferin aus den Trümmern. Ich war benommen und halb ohnmächtig, und das Licht blendete mich, als sie mich ausgruben. Der Raum, in dem ich mich befunden hatte, war ein wenig in die Erde eingesunken und gekippt, jedoch nicht völlig zerstört worden, da die Wände und der größte Teil der Decke aus Stahl bestanden. Der Rest des großen Bankgebäudes lag in Trümmern.

Die Rettungshelferin flüsterte mir etwas ins Ohr. »Stell dich tot.« Dann trug sie mich zu den aufgereihten Leichen und deckte mich zu. Sie ahnte, was Steelheart mit den Überlebenden tun würde.

Sobald sie zurückkehrte, um nach weiteren Verletzten zu suchen, geriet ich in Panik und kroch unter der Decke hervor. Draußen war es dunkel, obwohl es Spätnachmittag hätte sein sollen. Nightwielder war da. Steelhearts Regentschaft hatte begonnen.

Ich stolperte davon und humpelte in eine Gasse. Das rettete mir ein zweites Mal das Leben. Sekunden nach meiner Flucht kehrte Steelheart zurück, schwebte an den Lampen der Bergungsmannschaften vorbei und landete neben den Trümmern. Er trug jemanden. Es war eine schmale Frau, deren Haare zu einem Knoten zusammengebunden waren. Später erfuhr ich, dass sie eine Epic namens Faultline war, deren Fähigkeit darin bestand, die Erde zu bewegen. Eines Tages würde sie Steelheart herausfordern, aber zu diesem Zeitpunkt diente sie ihm noch.

Sie winkte, und die Erde bebte.

Ich floh verwirrt, verängstigt und voller Schmerzen. Hinter mir klaffte der Boden auf und verschlang die Überreste der Bank – zusammen mit den Leichen, den Überlebenden, die bereits ärztlich versorgt wurden, und den Rettungshelfern. Steelheart wollte keine Beweise hinterlassen. Faultline verschüttete auf sein Geheiß alles unter zig Metern Erde und tötete jeden, der über das, was in der Bank geschehen war, berichten konnte.

Es traf alle außer mir.

Später an diesem Abend vollbrachte er die Große Transmutation. Es war eine beeindruckende Machtdemonstration, als er den größten Teil Chicagos – Gebäude, Fahrzeuge und Straßen – in Stahl verwandelte. Er bezog auch einen großen Teil des Lake Michigan ein, der einer schimmernden Fläche aus schwarzem Metall wich. Dort errichtete er seinen Palast.

Ich weiß besser als jeder andere, dass keine Helden kommen und uns retten werden. Es gibt keine guten Epics. Keiner von ihnen beschützt uns. Macht korrumpiert die Menschen, und absolute Macht korrumpiert absolut.

Wir leben mit ihnen. Wir versuchen, ihnen zum Trotz weiterzuexistieren. Sobald das Kapitulationsgesetz verabschiedet war, stellten die meisten Menschen den Kampf ein. In einigen Regionen des Gebiets, das wir heute die Zerbrochenen Staaten nennen, konnte die frühere Regierung anfangs noch ein gewisses Maß an Kontrolle behalten. Sie ließen die Epics nach Herzenslust gewähren und versuchten, in den Trümmern weiterzumachen. Die meisten Städte versanken im Chaos, weil es keine Gesetze mehr gab.

An wenigen Orten, wie in Newcago, übernahm ein einzelner gottähnlicher Tyrann die Herrschaft. Steelheart hatte keine Rivalen. Jeder wusste, dass er unverwundbar war. Nichts konnte ihm etwas anhaben – keine Kugeln, keine Explosionen, keine Stromschläge. In den Anfangsjahren versuchten mehrere Epics, darunter auch Faultline, ihn zu bezwingen und seinen Thron für sich zu beanspruchen.

Sie sind alle tot. Später fanden sich nur noch wenige Gegner, die sich mit ihm messen wollten.

Es gibt aber eine Gewissheit, an der wir festhalten können: Jeder Epic hat eine Schwäche. Etwas, das seine Kräfte aufhebt und ihn in einen gewöhnlichen Menschen verwandelt, und sei es nur für einen kleinen Moment. Steelheart bildete keine Ausnahme, das bewiesen die Ereignisse an jenem Tag in der Bank.

So erwachte in mir eine Ahnung, dass man auch Steelheart töten konnte. Irgendetwas in der Bank, an der Situation, an der Waffe oder an meinem Vater selbst hatte seine Unverletzlichkeit aufgehoben. Es war allgemein bekannt, dass Steelheart eine Narbe auf der Wange hatte. Ich war allerdings der einzige lebende Mensch, der wusste, wie sie entstanden war.

Ich habe Steelheart bluten sehen.

Ich werde ihn wieder bluten sehen.

Erster Teil

1

ICH RUTSCHTE EINE TREPPE HINUNTER und landete im knirschenden stählernen Kies einer Substraße von Newcago. Seit dem Tod meines Vaters waren zehn Jahre vergangen. Jenen schicksalhaften Tag betrachteten die meisten Menschen als das Datum der Annektierung.

Ich trug eine lockere Lederjacke und Jeans und hatte mir das Gewehr über die Schulter geschlungen. Es war dunkel, obwohl diese Substraße nicht einmal sehr tief lag und Gitter und Löcher besaß, durch die man den Himmel erkennen konnte.

In Newcago ist es immer dunkel. Nightwielder hat als einer der ersten Epics Steelheart die Treue geschworen. Er gehört dem inneren Kreis an und sorgt dafür, dass es weder Sonnenaufgänge noch einen sichtbaren Mond, sondern nur einen vollkommen schwarzen Himmel gibt – die ganze Zeit, Tag für Tag. Das Einzige, was man dort oben erkennen kann, ist Calamity, die an einen hellroten Stern oder einen Kometen erinnert. Ein Jahr bevor die ersten Epics auftauchten, war Calamity am Himmel erschienen. Niemand weiß, warum und wieso sie immer noch in der Dunkelheit leuchtet. Natürlich weiß auch niemand, warum die Epics aufgetaucht sind oder in welcher Verbindung sie zu Calamity stehen.

Ich lief weiter und verfluchte mich selbst, weil ich nicht früher aufgebrochen war. Die Deckenlampen der Substraße flackerten in den blau lackierten Gehäusen. Auf der Substraße trieben sich die üblichen zwielichtigen Typen herum: die Süchtigen an den Ecken, die Dealer – oder schlimmere Gestalten – in den Gassen. Arbeiter eilten zur Schicht oder kehrten heim; sie trugen dicke Mäntel und hatten die Kragen hochgeklappt, um die Gesichter zu verbergen. Sie bewegten sich verstohlen und gingen vorgebeugt, den Blick auf den Boden geheftet.

Ich hatte den größten Teil des letzten Jahrzehnts unter Menschen wie diesen verbracht und in einer Anstalt gearbeitet, die wir einfach »die Fabrik« nannten. Sie war halb Waisenhaus und halb Schule, diente vor allem aber der Ausbeutung von Kindern als billige Arbeitskräfte. Wenigstens hatte mir die Fabrik ein Zimmer und Essen gegeben, und das war besser, als auf der Straße zu leben. Es hatte mich nicht gestört, dass ich für mein Essen arbeiten musste. Gesetze gegen Kinderarbeit waren ein Relikt aus einer Zeit, in der es sich die Menschen noch hatten leisten können, sich über so etwas den Kopf zu zerbrechen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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