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Ein idyllisch gelegenes Dorf im Voralpenland wird von einer Mordserie erschüttert. Das Leben einer Familie wird ausgelöscht und das jüngste Kind vermisst. Die Brandermittler stellen sehr schnell fest, dass die Familie nicht durch das Feuer getötet-, sondern ermordet wurde. Decker bekommt einen weiteren Fall, diesmal in Starnberg. Das Verschwinden der Lebensgefährtin eines reichen Mannes gibt ihm Rätsel auf. Während seiner Ermittlungen verschwindet der Auftraggeber selbst. Heikle Fälle für Günter Decker, der bei seinen Ermittlungen, von seinem Freund einem Feuerwehrmann unterstützt wird.
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Seitenzahl: 261
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Silke May
Still wie der See
Bayern - Krimi
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
Günter Decker saß am Schreibtisch in seinem kleinen Büro und sah zum Fenster hinaus. Sein Haus lag auf einer kleinen Anhöhe. Von seinem Bürofenster aus, konnte er den Wald beim Hofstätter See sehen. Er sah nach Westen und sah die dunklen Wolken schnell näher kommen.
»Holla da kommt aber was auf uns zu«, sagte er zu sich selbst.
Günter stand auf und öffnete das Fenster. Eine heftige Windböe riss ihm beinahe einen der Fensterflügel aus der Hand, zum Glück hatte ihn Decker aber fest im Griff. Er sah zu seinem Auto, das er vor dem Gartenzaun seines Hauses abgestellt hatte.
»Dich bring ich wohl besser in Sicherheit, falls es womöglich noch zu Hageln anfängt.«
Günter Decker schloss das Fenster und ging aus dem Büro. Er verließ das Haus, um sein Auto in die Garage zu fahren. Während er seinen Wagen öffnete, kam aus dem Nachbarhaus sein Freund Hans, der Mitglied bei der freiwilligen Feuerwehr war.
»Bringst dein Auto in Sicherheit?«, fragte ihn dieser.
»Ja … und wo fährst du jetzt noch hin, bei dem nahenden Gewitter, das wird bestimmt gleich da sein.«
»Stimmt, es könnt schon Rosenheim erreicht haben. Ich hab heute zusätzlich Bereitschaft! Aus Sicherheitsgründen müssen mehr Leute als sonst da sein. Der Deutsche Wetterdienst sagt nämlich ein schweres Gewitter voraus und da könnten wir Einsätze bekommen. Wie schaut‘s bei dir aus, hast du wieder einen Fall zu bearbeiten?« Günter schüttelte den Kopf.
»Es ist wie verhext, ned einen einzigen Fall und dabei hat doch alles so gut angefangen. Weißt du, gleich am Anfang, hagelte es eine Ermittlung nach der anderen. Jetzt hab ich seit zwei Monaten keinen einzigen Auftrag mehr bekommen. Manchmal bereue ich es, dass ich den Job als Kriminalkommissar aufgegeben hab. Ich hatte zwar keine geregelte Arbeitszeit aber dafür einen monatlichen Gehalt. Zugegeben … waren manche Einsätze grausam und besonders nervenaufreibend. Im Augenblick hab ich aber noch ned einmal eine Personenüberwachung – geschweige etwas Spannenderes.«
»Da wird schon noch was kommen, lass den Kopf ned hängen und vergiss nicht, dass du noch neu in dieser Branche bist. Wenn du dir erst einmal einen Namen gemacht hast, dann kommen schon die Aufträge. Wenn ich etwas erfahr, dann gebe ich es gleich an dich weiter. So jetzt muss ich aber los!«
»Danke Hans, des ist nett von dir. Ich spendier dann auch ein Bier.«
»Ich nehme dich beim Wort«, gab Hans zurück.
»Das kannst du. Viel Glück, damit ihr keine großen Einsätze habt.«
Hans stieg in sein Auto und fuhr los.
Günter stellte seinen Wagen in die Garage und ging anschließend wieder zurück ins Haus. Er setzte sich an seinen Computer und loggte sich im Internet ein. Während er eine Schlagzeile nach der anderen durchforstete, kam das Unwetter sichtbar und hörbar näher. Es blitzte und krachte und der Regen prasselte herunter, begleitet von heftigen Sturmböen.
»Günter …, wenn du den Computer anhast, dann schalt ihn aus, damit er ned kaputt geht, falls a Blitz einschlagt!«, rief seine Frau aus der Küche.
»Ich schalt ihn scho rechtzeitig aus!«, rief er zurück.
Nach dem ersten scharfen Blitz und den dazu gehörenden heftigen Donner schaltete Günter vorsorglich seinen Computer ab. Er holte sich den Aktenordner aus dem Regal und ging die letzten bearbeiteten Fälle nochmals durch. Während er einen Fall nach dem anderen kontrollierte, ob er sie auch wirklich alle abgeschlossen hatte – tobte draußen das Unwetter.
Helle Blitze zuckten bis zum Boden, die sich mit lautem Donner oder sogar einem heftigen Knall entluden. Dem folgte sintflutartiger Regen, der sich über das ganze Gebiet von Rosenheim bis zum Chiemsee ausdehnte. Plötzlich wurde der Ort erneut von einem lauten Knall erschüttert, dessen Erschütterung so heftig war, dass sogar Günter die Bodenwelle der Entladung spüren konnte.
»Herrschaftszeiten, da hat‘s aber jetzt sauber eingschlagen, hoffentlich ist nichts passiert«, sagte Günter so zu sich und ging zum Fenster. Er schaute zu den umliegenden Häusern im Ort, ob irgendwo eine Rauchsäule zu erkennen war. Beruhigt ging er wieder zu seinem Schreibtisch zurück und blätterte in seinem Ordner weiter.
Ein heftiger Sturm bog die Baumwipfel und wirbelte den Staub und die Blätter am Boden umher.
Aus den dunklen Wolken zuckten Blitze, die sich mit heftigem Donner entluden und es regnete wolkenbruchartig.
Barbara und Hannes saßen mit ihren drei Kindern am großen runden Tisch in der Stube. In der Mitte des Tisches stand eine Wetterkerze, die sie angezündet hatten, so wie sie es immer taten, wenn sich ein scharfes Gewitter ankündigte.
Sie saßen gemeinsam um den Tisch und Hannes erzählte seinen Kindern, über die scharfen Gewitter in seiner Heimat hoch oben im Norden. Er erzählte ihnen von den Sturmfluten, die vom Meer hereinbrachen. Meistens gelang es ihm auch, mit diesen Geschichten seine Kinder ein bisschen vom Gewitter abzulenken. Fast immer fanden sie dann auch das herrschende Gewitter nicht mehr ganz so schlimm.
Heute jedoch war Peter, sowie Isabella und Eva nicht so leicht zu beruhigen. Bei jedem Blitz und den darauffolgenden Donner zuckten sie ängstlich zusammen.
Der Sturm peitschte den Regen an die geschlossenen Fensterläden, die sie vorsorglich wegen eventuellen Hagels geschlossen hatten. Die Helligkeit der Blitze drang durch die Spalten der Läden und der darauffolgende Donner entlud sich krachend. Wie eine leise Bodenwelle zog sich die Erschütterung durch das ganze Haus.
Eva erschrak so fürchterlich, dass sie sich vom Stuhl unter den Tisch gleiten ließ. Barbara versuchte ihre jüngste Tochter zu überreden, dass sie wieder unter dem Tisch hervorkommen sollte, aber es war vergeblich.
Ängstlich zusammengekauert saß sie darunter und vergrub ihr Gesicht zwischen ihrem Körper und den angezogenen Knien.
»Lass sie, wenn sie sich darunter sicherer fühlt. Sie kommt schon wieder von allein hoch«, sagte Hannes zu seiner Frau.
»Papa, ich glaube da hat jemand an der Tür geklopft«, sagte Peter.
»Ich habe nichts gehört. Das muss dich täuschen, sonst würde die Haustürglocke läuten.«
Peter schüttelte heftig den Kopf.
»Es hat aber geklopft! Vielleicht hat der Blitz eingeschlagen und wir haben keinen Strom.« Hannes und Barbara sahen sich an und horchten, aber außer dem Rütteln der Fensterläden, das der Sturm auslöste, hörten sie nichts.
Erneut klopfte jemand heftig an die Tür und nun konnten sie es alle hören.
»Peter hat recht, da klopft wirklich jemand. Wer mag bei diesem Sauwetter draußen sein?«, fragte Barbara.
»Vielleicht ist jemand in Not geraten, ich schau mal nach«, sagte Hannes und stand auf. Bevor er das Zimmer verließ, betätigte er zuerst den Lichtschalter neben der Tür. Der Raum blieb dunkel und das war die sichere Bestätigung, dass Peter recht hatte - sie hatten keinen Strom. Hannes ging durch den langen fensterlosen Hausgang zur Tür und öffnete sie einen Spaltbreit.
Vor ihm stand eine große vermummte Person.
»Was führt Sie zu uns, ist was passiert?« Der Fremde den Hannes Jansen nicht erkannte, weil er sein Gesicht hinter einer Sturmhaube versteckt hielt … schwieg. Plötzlich hielt dieser eine Pistole in der Hand, die er auf Hannes gerichtet hielt. Hannes sah entsetzt auf die Waffe.
»Wer sind Sie und was wollen Sie von uns?«, fragte Hannes aufgeregt. Die dunkle Person drängte ihn mit gezückter Waffe zurück in den Korridor und schloss hinter sich die Tür.
»Wir haben kein Geld im Haus und Schmuck oder andere Wertsachen haben wir sowieso nicht« Der Eindringling zeigte ihm an, dass er schweigen sollte. Hannes war jedoch so aufgeregt und hatte Angst um seine Familie, dass er aufschrie: »Barbara haut ab, … schnell!«
Da folgten zwei Schüsse und tödlich getroffen sank Hannes auf den Steinboden.
Barbara sprang vom Stuhl hoch, die Schüsse versetzten sie in Panik. Sie wies Peter und Isabella mit einer hektischen Handbewegung an, sofort ins Nebenzimmer zu laufen. Sie wollte sich gerade bücken, um Eva unter dem Tisch hervorzuziehen, als die Tür aufgerissen wurde.
Schnell betrat die unheimliche dunkle Gestalt das Wohnzimmer. Sie erreichte Barbara, Isabella und Peter gerade noch rechtzeitig, bevor sie in das angrenzende Zimmer flüchten konnten. Mit mehreren Schüssen streckte er alle drei wortlos nieder. Eiligst verließ er das Haus und holte von draußen einen Kanister mit brennbarer Flüssigkeit.
Die kleine Eva saß zitternd unter dem Tisch und traute sich nicht ihr Versteck zu verlassen. Das Blut ihrer Mutter und von ihren Geschwistern verteilte sich rasch auf dem Boden. Ängstlich sah sie unter dem Tisch zu ihrer Familie, die blutüberströmt auf dem Boden lag. Evas Körper zitterte und ihre Zähne schlugen vor Aufregung aufeinander. Vom Korridor her hörte sie schwere Schritte näher kommen. Schnell krabbelte sie wieder weiter unter den Tisch hinein.
Dieser unheimliche Mörder betrat erneut den Raum. Eva sah nur seine Schuhe, die sich langsam dem Tisch näherten. Sie sah, dass er eine Flüssigkeit am Boden verteilte. Diese Flüssigkeit verströmte einen starken Geruch, den Eva kannte – es war Benzin. Er verteilte es nicht nur auf dem Boden, sondern übergoss damit auch die Toten. Kurz stutzte er und murmelte etwas vor sich hin, das Eva aber nicht verstehen konnte.
Als er unmittelbar neben dem Tisch stand, klopfte Evas Herz so laut und ihre Zähne klapperten aufeinander, dass sie Angst hatte, er könnte es hören. Sie biss ihre Zähne fest zusammen, damit sie nicht mehr aufeinander schlugen.
Eilig riss er die Tür zum Schlafzimmer auf und sah hinein, bevor er sie laut wieder ins Schloss fallen ließ.
Ein Schreck fuhr durch Evas Glieder, sie hörte, wie er ein Streichholz zündete und lautes Lodern der Flammen hinter ihr hörbar wurde. Rasch verließ der Täter den Raum, während es bereits, an einigen Stellen in der Nähe des Tisches knisterte. Eva sah die lodernden Flammen und roch den verbrannten Geruch. Sie spürte den aufkommenden beißenden Rauch in den Augen und in ihren Atemwegen. Sie traute sich trotzdem nicht ihr Versteck zu verlassen, vielleicht stand dieser Mann ja doch noch irgendwo im Zimmer.
Der Rauch und die Hitze wurden stärker und unerträglich. Die Flammen züngelten bereits nahezu um den halben Tisch. Ein Blick auf ihre leblose Mutter und ihre Geschwister sagte ihr instinktiv, dass sie nicht mehr aufwachten. Sie musste die noch letzte feuerfreie Stelle ausnützen, um ins Schlafzimmer zu kommen. Panik stieg in ihr hoch und sie kroch schnell unter dem Tisch hervor. Die Ansicht des um sie lodernden Feuers ließ sie kurz vor Schreck erstarren.
Von Angst getrieben stieg sie über ihren toten Bruder hinweg und lief ins angrenzende elterliche Schlafzimmer, um dort aus dem Fenster zu steigen. Von einem dieser Fenster beobachtete sie, wie der Mörder auf dem Kiesweg vor dem Garten zu einem dunklen Auto lief. Eva wartete hinter dem geschlossenen Fenster, bis er in seinen Wagen einstieg und wegfuhr. Immer wieder sah sie panisch hinter sich zur Tür, die zurück in die brennende Stube führte.
Die Flammen züngelten bereits durch den Türspalt am Boden ins Zimmer herein. Der Qualm strömte durch jede noch so kleine Öffnung bei der Tür und verbreitete sich stetig im ganzen Raum. Er nahm ihr mittlerweile fast den Atem und es brannte in ihren Augen. Eva drückte sich instinktiv den Dunkelvorhang neben dem Fenster ins Gesicht. Als der Wagen des Mörders außer Sichtweite war, verließ sie schnellstens über das Fenster das Haus.
Sie lief über die angrenzende Wiese in den Wald. Von Angst und Panik getrieben lief sie ohne sich umzudrehen tiefer in den Wald hinein. Während scharfe Blitze vom Himmel zuckten und sich mit lautem Donnergetöse entluden, peitschte ihr der Regen ins Gesicht.
Der heftige Sturm zerrte an ihren bereits nassen Kleidern und Haaren. Sie stolperte über Wurzeln, die sich auf dem Waldweg ausgebreitet hatten. Eva hatte fürchterliche Angst, sie wimmerte leise vor sich hin und zitterte am ganzen Körper. Von Angst und Panik getrieben lief sie immer weiter.
Eva rannte, erst als sie vollkommen entkräftet war, versteckte sie sich hinter einem dicken Baum, in dessen unmittelbarer Nähe dichte Sträucher standen. Sie ging in hocke und verschnaufte. Der Schock stand ihr im Gesicht. Sie hockte leblos da und starrte auf das weiche nasse Moos unter ihren Füßen. Die Tränen rannten über ihr von Entsetzten gezeichnetes Gesicht.
Inzwischen hatte der Regen an Intensität etwas nachgelassen, das Feuer griff auf das ganze Haus über und es brannte lichterloh.
Zur gleichen Zeit in Prutting stand Hanna Bauer am Fenster und beobachtete das dunkle Himmelsspektakel. Plötzlich gab es einen heftigen dumpfen Donnerschlag.
»Mein Gott, jetzt hat‘s eingschlagen«, gab sie erschrocken von sich. »Hoffentlich nicht in ein Haus«, sagte Hanna zu ihrem Mann, der am Küchentisch saß und die Tageszeitung las.
»Das werden wir gleich wissen, wenn die Sirene losgeht«, stellte Johann nebenbei fest.
Nichts folgte, dass auf einen Einschlag hindeutete. Mehrere Blitze entluden sich noch über dem Ort und seiner Umgebung. Plötzlich ertönte die Dorfsirene und schon nach kürzester Zeit waren die ersten Autos von den Männern der freiwilligen Feuerwehr unterwegs. Mit hoher Geschwindigkeit fuhren sie zur Feuerwache. Der Sohn vom Nachbarn verließ eilig das Haus. Hanna öffnete sofort das Fenster und rief hinaus: »wo brennt‘s denn Klaus?«
»Bei den Jansens!«, rief er Hanna unterm Laufen zu. Er stieg in seinen Wagen und fuhr los. Hanna schloss wieder ihr Fenster und wendete sich ganz aufgebracht an Johann.
»Stell dir vor bei den Jansens brennt‘s!« Johann legte die Zeitung beiseite und schüttelte nachdenklich den Kopf.
»Hoffentlich können sie den Brand löschen, bevor das Haus abbrennt. Wenigstens ist es nicht in der Nacht passiert, sodass sie nicht im Schlaf überrascht wurden.«
Hanna nickte und war im Begriff die Wohnküche zu verlassen. »Wo gehst du hin?«
»Ich geh in die Kirche und bete für die Jansens.«
»Es schüttet in Strömen, da wirst du patschnass.« Hanna winkte ab.
»Na und, das ist nichts im Vergleich mit den Jansens ihrem Schicksal.«
Hanna verließ die Küche und zog sich im Korridor ihren Regenmantel über. Sie nahm ihren Regenschirm und verließ das Haus.
Vor der Kirche traf sie auf den Pfarrer. »Herr Pfarrer, haben‘s schon gehört? Bei den Jansens hat‘s eingschlagen!«
Der Pfarrer nickte. »Ja, das ist schlimm, willst du für sie Beten?«
»Freilich warum glaubst du, dass ich bei dem Sauwetter raus geh!«
»Komm mit, dann beten wir gemeinsam, dass der Familie selbst nichts passiert ist.«
Wie lang Günter Decker so gesessen hatte, wusste er nicht, auf jeden Fall ließ ihn die plötzliche Sirene der Feuerwehr aufhorchen.
»Da hat‘s anscheinend doch irgendwo eingschlagen«, sagte er und ging nochmals zum Fenster. Er blickte über die Häuser in die Ferne, sah jedoch nichts. Neugierig, wie er war, öffnete er das Fenster und lehnte sich hinaus, damit er auch links und rechts der Anhöhe entlang sehen konnte. Aber auch da war nichts. Während er das Fenster wieder schloss und sein Blick zufällig in Richtung Hofstätter See fiel, sah er eine dicke schwarze Rauchsäule zwischen dem dicht bewaldeten Gelände aufsteigen. Inzwischen konnte er die Feuerwehr mit lautem Martinshorn hören. Günter verweilte solang am Fenster, bis er die ersten blauen Lichter der Feuerwehr auf der Forststraße sehen konnte.
»Da hinten ist doch nichts – vielleicht ein Waldbrand? … Oder doch, da hinten liegt das Haus von dem Nordlicht und seiner Familie. Das könnte die Richtung sein.«
Während er den Löschzügen der Feuerwehr nachsah, wie sie nacheinander die Straße entlang fuhren, ließ der Platzregen etwas nach. Als sie aus Günters Blickfeld verschwunden waren, widmete er sich wieder seiner Akte.
Die Feuerwehr erreichte inzwischen das Haus der Familie Jansen, das mittlerweile lichterloh brannte. Ein ungutes Gefühl überkam die Männer, als sie keine Personen in der Nähe des Hauses sahen. Sie wussten alle, dass hier eine Familie wohnte.
»Vielleicht waren sie ja nicht daheim«, sprach der Kommandant, um die Hoffnung laut auszusprechen, die jeder der Männer in diesem Moment in sich trug. Sie stiegen schnell, aber mit festem Tritt aus den schweren Löschfahrzeugen aus.
Flink, aber ohne Hektik rollten sie die Schläuche aus und schon nach kürzester Zeit spritzte das Wasser aus vollen Schläuchen in das Feuer.
Die ersten Männer der Rettung machten sich bereit, um in das brennende Haus vorzudringen.
Hans und zwei weitere Männer in Brandschutzkleidung drangen in das Haus ein und trafen sogleich auf die Erste verkohlte Leiche.
»Mein Gott, schau da liegt einer«, stellte Hans entsetzt fest. Vorsichtig gingen sie durch den Korridor zu einer offenstehenden Tür. Der Qualm machte es ihnen schwer, dass sie etwas sehen oder erkennen konnten. Zwischendurch mussten sie mit ihren Feuerlöschgeräten größere Flammen löschen, um ungehindert weiter gehen zu können. In der Mitte des Zimmers stand ein verkohlter runder Tisch, sie leuchteten mit einer Lampe das rauchige Zimmer aus, aber niemand war hier. Als Hans am Tisch vorbeiging, um in das nächste Zimmer vorzudringen, blieb er abrupt stehen und sah zu seinem Kollegen. Hans deutete vor sich auf den Boden. Als Klaus sich näherte, sah er drei weitere verkohlte Leichen vor Hans auf dem Boden liegen. Sie konnten unschwer feststellen, dass es sich dabei auch um zwei Kinder handeln musste. Hans ging weiter in den anschließenden Raum, aber dort gab es keine weiteren Leichen und er sah, dass eines der beiden Fenster geöffnet war.
»Warum sind sie ned aus dem Fenster gestiegen, wenn‘s scho offen war?«, fragte Hans.
»Es schaut so aus, als hätten sie es nimmer erreicht«, vermutete Klaus. Als die anderen Zimmer auch durchforstet waren, verließen sie die Brandruine. Sie gingen zurück zu ihrem Kommandanten, der sie fragend ansah.
»Es gibt vier Tote im Haus, darunter sind zwei Kinder«, sagte Hans.
»Brennt‘s in den Zimmern noch, wo die Toten sind?«
»Nein nicht mehr, den restlichen Brandherd haben wir gelöscht. Wir gehen aber vorsorglich noch einmal hinein.«
»Sind‘s richtig verkohlt?«, fragte der Kommandant. Die Männer nickten. »Übrigens eines der Fenster im Schlafzimmer ist geöffnet. Ich frag mich bloß, wer das aufgemacht hat? Die toten Personen, können‘s ja wohl nicht gewesen sein … also war es schon auf. Dann frag ich mich aber, warum sie nicht durch das Fenster ins Freie sind, falls der Korridor schon brannte?«
Nachdenklich setzten sie ihre Schutzhelme wieder auf und erneuerten ihre Feuerlöschgeräte, dann gingen sie wieder ins Haus zurück.
Der Feuerwehrtrupp hatte das Feuer so gut wie gelöscht. Mehrere Männer stiegen über die Leiter hinauf zum Dach und legten den Dachstuhl frei, um eventuelle Glutnester zu löschen, als von Weitem das Signal eines näherkommenden Streifenwagens ertönte.
Die Polizisten gingen zum Kommandanten.
»Kommt‘s ihr doch noch, bevor wir wieder abziehen«, spöttelte der Komandant, bevor er beide Polizisten über seine Kenntnisse informierte. »Tja, wenn‘s Leichen gibt, dann müssen wir es nach München melden. Da brauch‘n wir einen Gerichtsmediziner und einen Kommissar«, sagte einer der Polizisten.
»Ned von Rosenheim?«, fragte der Komandant und schüttelte dabei den Kopf.
»Die Münchner müssen ran, neue Anordnung«, sagte der junge blonde Polizist und ging zum Streifenwagen, um sich mit dem Kommissariat in Verbindung zu setzen.
»Können wir schon ins Haus?«, fragte ein Polizist mit einer angenehm dunklen Stimme.
»Wartet‘s noch auf die Sicherungsmänner? Die kommen gleich raus. Auf jeden Fall gibt‘s vier Leichen und das Komische daran ist, dass ein Fenster geöffnet ist … das aber keiner benutzt hat, um ins Freie zu kommen, sagte der Komandant.«
Eilig kam der junge Polizist wieder von seinem Streifenwagen zurück.
»Also ich hab mit dem Kommissar Maier in München telefoniert. Der ist anderweitig beschäftigt und kann nicht kommen. Wir sollen zum Günter Decker fahren, Maier telefoniert in der Zwischenzeit mit ihm. Der Spurensicherung und dem Gerichtsmediziner gibt er Bescheid.
Drei Feuerwehrleute kamen aus dem Haus und gingen auf die Polizisten zu.
»Servus, ihr könnt‘s rein, es besteht keine Gefahr mehr. Schützt eure Nase vor den beißenden Geruch. Qualm ist keiner mehr drin, es könnt aber sein, dass euch etwas die Augen brennen, aber da können wir nichts dagegen machen. Übrigens im Korridor liegt der erste Tote und die Anderen liegen im Zimmer nebenan.«
»Ich glaub das schenken wir uns. Wir müssen hernach mit dem Decker sowieso rein«, sagte der blonde Polizist.
»Hast du Decker gsagt?«, fragte Hans von der Feuerwehr.
»Ja, du hast schon richtig verstanden. Der Kommissar Maier aus München kann ned kommen und er meint, nachdem sich der Decker gut auskennt, und auch noch hier wohnt, soll der es übernehmen.«
»Darf der des? Schließlich ist er ja ein Detektiv und kein Kriminaler?«, fragte ein hinzugekommener Kollege.
»Der Günter war bis vor fünf Monaten ein Kriminaler in der Ettstraße.«
»Das hab ich ned gewusst. Warum hat er den Job aufgegeben?«
»Wegen der unregelmäßigen Arbeitszeit und der nicht selten brutal zugerichteten Leichen sagte er.«
»Aha, dann wird er ja jetzt begeistert sein, wenn er zu den verkohlten Leichen muss«, spottete ein Polizist.
»Wer weiß, vielleicht lehnt er ja ab?«, mischte sich der Kommandant ein. »Jetzt fahrt‘s zu ihm hin, nicht das die Ermittler vor ihm da sind, das wäre peinlich – wo er doch praktisch nur ums Eck wohnt.
»Stimmt, das wär‘s«, bestätigten die beiden Polizisten. Sie stiegen in ihr Auto und fuhren zu Decker.
Günter Decker saß immer noch an seinem Schreibtisch und sah genervt auf den Bildschirm seines Computers, als sein Handy läutete.
Er sah am Display, dass es Hermann Maier sein ehemaliger Kollege und Freund war.
»Hermann, servus, was gibt mir die Ehre, dass du anrufst? Ist dir langweilig?« Hermann Maier gab ihm kurz und bündig zu verstehen, was er von ihm erwartete. Günter holte tief Luft als Hermann mit seinem Wunsch fertig war.
»Du weißt aber schon, dass ich eigentlich nichts mehr mit Leichen zutun haben will? Was sagt der Oberboss überhaupt dazu, denn ohne sein Okay, mach ich gar nichts, schließlich will ich dafür auch Kohle sehn.«
»Der steht gerade neben mir, ich geb ihn dir wart.«
»Herr Decker hier ist Stolz, ich würde sie bitten, dass sie den Fall übernehmen, wir haben totalen Personalmangel. Natürlich bekommen sie eine ordentliche Bezahlung dafür, ganz nach ihren Tagessätzen – versteht sich. Herr Decker, sie müssen den Fall aber auch zu Ende bringen, mit oder ohne Mörder … falls es ein Unfall war.«
»Okay, die Rechnung geht dann zu ihren Händen, ich bin aber ned billig und die Unterlagen schicke ich auch an sie, oder?«
»Ja, ja Herr Decker, alles an mich. Danke Herr Decker.«
»So, jetzt weißt du Bescheid, dann viel Spaß bei deinen Ermittlungen. Die Spusi und der Rechtsmediziner sind schon unterwegs. Servus Günter.«
Günter konnte sich gerade noch von Hermann verabschieden, als er den Streifenwagen vor seinem Haus anhalten sah. Günter stand auf und ging vor die Tür. »Servus, was gibt‘s?«
»Vier Leichen in einem ausgebrannten Haus.«
»Warum kommt‘s ihr hierher und bleibt‘s ned am Tatort? Der Kommissar Müller hat mich bereits angerufen, ich wär jetzt sowieso gleich los gfahrn.« Beide zuckten die Schultern.
»Wir mussten doch Bescheid geben.«
»Wie wäre es mit einem Telefonat gewesen? Mensch ihr seid‘s aber auch zwei Helden. Kommt‘s …, wo müssen wir hin?«
»A … bisserl außerhalb vom Dorf.«
»Wen hat‘s erwischt?«
»Das Haus von den Jansens.« Günter sah erschrocken auf.
»Also doch das Nordlicht, ich hab‘s schon befürchtet.«
Günter folgte dem Streifenwagen zum Brandort. Bereits nach wenigen Minuten waren sie dort.
Die Spurensicherung und der Doktor waren noch nicht vor Ort. Decker bekam eine leichte Gänsehaut, als er die Brandruine sah.
Günter stieg aus dem Wagen und ging auf seinen Freund Hans zu.
Hans unterhielt sich gerade mit dem Einsatzleiter. Wie er Decker kommen sah, unterbrach er seine Unterhaltung und ging auf ihn zu.
»Bist du nur die Vorhut von München oder musst du den Fall auch lösen?«
»Den lös ich.«
»Siehst, jetzt ist es schneller gegangen als du dir denkt hast – mit einem Fall. Kriegst du das wenigstens ordentlich bezahlt?«
»Das stell ich denen schon in Rechnung, du kennst mich ja.« Hans schmunzelte vor sich hin.
»Also jetzt pass auf. Das Haus ist völlig ausgebrannt, wir gehen davon aus, dass ein Brandbeschleuniger genommen wurde. Jetzt musst du aber zum Komandanten, der will dir alles selber erzählen.«
Günter ging zum Komandanten und horchte, was dieser ihm zu erzählen hatte.
»Jetzt kommen‘s die Münchner!«, rief ein Feuerwehrmann. Langsam näherten sich die Autos der Männer von der Spurensicherung und des Rechtsmediziners.
Der Gerichtsmediziner ging auf den Komandanten und Decker zu.
»Servus beieinander, bist du an dem Fall dran?«, fragte er Decker.
»Ja, mich haben‘s überredet.«
»Tja sie sind viel zu wenig Leut in München, da sind sie schon mal froh, wenn‘s jemand in Reserve haben. Ist dein jetziger Job ruhigerer?«
Günter nickte.
»Dann gehen wir es an, gehen wir rein«, sagte der Mediziner.
»Geht ihr mit dem Doktor rein, ich komm gleich nach«, sagte Günter zu den Polizisten.
Die Männer der Gerichtsmedizin und die Polizisten betraten das Haus. Der Arzt kümmerte sich sogleich um den ersten verkohlten Leichnam.
»Das scheint der Hausbesitzer zu sein«. Er sah ihn sich genau an, dann nickte er.
»Der Tote ist männlich und er scheint eine Brustverletzung zu haben. Näheres kann ich erst sagen, wenn ich ihn genau anschauen kann«, sagte er zu dem älteren der zwei Polizisten. Sie gingen weiter in das angrenzende Zimmer und der Arzt untersuchte auch die dortigen Leichen genau.
»Bei denen ist es das Gleiche, alle weisen sie Brust- oder Rückenverletzungen auf. Übrigens unter den Toten sind zwei Kinder. Also wenn ihr mich fragt, dann könnte es vielleicht sogar ein vertuschter Mord sein.
Langsam ging Decker auf das Haus zu und rief nach dem Arzt. Gleich nach der Türschwelle traf er bereits auf die erste verkohlte Leiche.
»Doktor, wo bist du?«
»Hier im Zimmer!« Decker stieg vorsichtig und respektvoll an dem Toten vorbei und folgte der Stimme des Arztes. Günter betrat den Raum, indem der Arzt neben einer der Leichen kniete.
»Also wie es ausschaut, könnte es sich auch hier um Mord handeln«, erklärte der Doktor. Günter Decker sah dem Mediziner über die Schulter, um sich die verkohlten Leichen etwas genauer anzusehen. Er hielt sich ein Taschentuch vor die Nase, um nicht den Geruch von verbranntem Fleisch einatmen zu müssen. Hinter ihm waren Schritte zu hören, die sich näherten. Sein Freund Hans von der freiwilligen Feuerwehr stellte sich neben ihn.
»Jetzt bist du baff, gell? Ich kann mich nicht erinnern, dass wir so etwas Grauenvolles schon einmal in unserem Dorf gehabt hätten.
»Also ich bin fertig. Die Spurensicherung wird noch länger brauchen«, der Bericht liegt morgen auf deinem Tisch«, sagte der Mediziner und erhob sich.
Decker klopfte dem Mediziner auf die Schulter, der kurz darauf den Brandherd verließ und mit seinem Wagen wegfuhr. Günter hatte mit dem Arzt die Brandruine verlassen.
»Braucht‘s ihr uns noch?«, fragten die Polizisten.
»Nein, ihr könnt schon fahrn. Ich werde auch gleich fahren, ich will mir nur noch einen Eindruck verschaffen.«
»Hast du die Jansens gekannt?«, wurde Günter von Hans gefragt.
»Nicht persönlich, ich weiß nur von meiner Tochter, dass sie drei Kinder haben«, antwortete Decker.
»Moment mal, hast du gerade drei Kinder gsagt?«
»Ja, warum?«, fragte Decker. »Weil wir nur zwei Kinderleichen gefunden haben.«
»Habt‘s alles durchsucht?« Hans nickte. »Dann fehlt uns ein Kind.«
Decker schob Hans an.
»Auf geht‘s, schaun wir zwei nochmals gezielt nach. Das würde mir noch abgehn, dass uns ein Kind abhandenkommt!«
Beide gingen alle Räumlichkeiten durch. Sie suchten in den ausgebrannten Schränken sowie in und unter den Betten. Sie stiegen die verkohlte Dachlukensteige hoch, die direkt unter das Dach führte. Zuletzt gingen sie die verbrannte Holztreppe in den Keller hinunter, um nachzusehen.
»Da unten haben wir schon alles durchsucht, das könnt‘s euch ersparen!«, rief Klaus in den Keller hinunter.
Hans und Günter Decker kamen die Kellertreppe wieder hoch.
»Das fehlt uns jetzt noch. Wo mag das Kind sein? Hoffentlich finden wir es«, sagte Günter. »Glaubst, dass es weggelaufen ist?«, fragte Hans.
»Ich könnte es mir gut vorstellen, das Kind hat bestimmt einen Schock und ist in Panik weggelaufen, das würde auch das offene Fenster erklären. Dann haben wir ein Problem, wir müssen das Kind suchen und haben zu wenig Leute.« Klaus nickte.
»Ich bin dabei«, gab Klaus spontan von sich.
»Ein paar Männer von unserer Feuerwehr helfen sicherlich mit. Wir müssen uns aber vorher erst frisch machen und umziehen, dann kannst du mit uns rechnen«, gab Hans von sich.
»Wenn sie in den Wald gelaufen ist, dann dauert die Suche länger. Stellt euch schon mal drauf ein«, sagte Decker, während ihn Hans nachdenklich ansah.
»Wenn‘s zum Burger Moos ist, dann finden wir die Kleine womöglich überhaupt nicht mehr«, setzte Hans noch eines drauf.
»Mensch mal den Teufel ned an die Wand«, sagte Decker erschrocken.
»Hast recht. Ich geh dann und sag den anderen Bescheid. Bis in einer Stunde, treffen wir uns hier mit den anderen wieder, dann gehen wir von hier aus gemeinsam in den Wald.«
»Okay, ich fahr dann auch heim und zieh mir was anderes an, also bis hernach. Treffen wir uns vor unseren Häusern?«
»Ja …, Günter wir fahrn aber mit meinem Wagen und fahrn dann beim Klaus vorbei, der fährt nämlich bei uns mit, okay?«
Klaus und Günter nickten.
Günter stieg in seinen Wagen, während Hans und Klaus noch einige ihrer Kollegen für die Suche anheuerten, die vorzeitig den Brandplatz verlassen durften.
Eva kauerte immer noch neben den Sträuchern im Wald. Ihre blonden langen Haare hingen ihr in nassen Strähnen ins Gesicht. Leblos und leise vor sich hin weinend saß das kleine zierliche Mädchen im Moos und sah ängstlich um sich. Der Regen und der Sturm hatten sich beruhigt. Die nassen Kleider klebten ihr am Leib und Eva zitterte.
Die Kälte drang durch die nassen Kleider noch schneller an ihren Körper. Langsam kam in sie wieder Leben. Durch das Reiben ihrer Arme und ihrer Beine versuchte sie, ihren Körper zu erwärmen. Eva stand langsam auf, um sich zu orientieren. Sie hielt nach allen Richtungen Ausschau, ob sie sich erinnern würde, woher sie gekommen war. So sehr sie auch überlegte, sie hatte keinerlei Erinnerung. Das Mädchen bibberte am ganzen Körper.
Immer wieder kam ihr der Anblick ihrer blutüberströmten Familie in Erinnerung, sie wurde das geistige Bild einfach nicht los. Noch hatte sie den verbrannten Geruch in der Nase. Erinnerungsfetzen holten sie immer wieder ein. Sie hörte den Schrei ihres Vaters und die darauffolgenden Schüsse. Sie hatte noch das Knistern des Feuers und den beißenden Qualm, der ihr in den Augen brannte, lebhaft im Gedächtnis. Wo sie sich jetzt befand und wie es weiter gehen sollte, wusste sie augenblicklich nicht. Sie wusste nur, dass es kalt war und sie sich nach trockener Kleidung sehnte. Sie ging einfach drauflos, weiter durch den Mischwald, um endlich zu einem Haus zu kommen.
Inzwischen war es nur noch leicht windig. Ein paar Waldvögel zwitscherten und die herunterfallenden Tropfen von den Blättern waren zu hören. Langsam spürte sie Erschöpfung in ihr hochkommen, als sich der Wald lichtete und sie in weiter Ferne ein Haus sah. Sie ging das Ziel vor Augen drauf los. Als sie sich einer Lichtung näherte, breitete sich vor ihr das Burger-Moos aus. Sie vernahm leises Gurgeln vom Moor und das Quaken einiger Frösche. Eva sah nur noch das Haus in der Ferne, zu dem sie unbedingt wollte, um endlich aus ihren nassen Kleidern zu kommen. Sie zog ihre Schuhe aus und stieg in den sumpfigen Boden. Bei jedem ihrer Schritte schmatzte der weiche schwammige Untergrund. Eva fühlte sich unwohl dabei, stapfte dennoch tapfer weiter. Mit den Schuhen in der Hand tastete sich Eva vorsichtig mit ihren Füßen weiter – ins Moor hinein. Das Haus in der Ferne als Ziel vor den Augen. Immer wieder musste sie ihre eingeschlagene Richtung korrigieren, weil sie in diesem Gebiet zu versinken drohte. Mühsam kam sie vorwärts und ihre Nerven lagen von dem bereits Erlebten und der Angst vor dem Ertrinken im Moor blank. Einmal war sie dem Ziel näher, dann widerum musste sie ihren Weg korrigieren und das Ziel rückte wieder in weite Ferne.
